Holy Lola

Produktionsnotizen

Die Vorgeschichte 1999, während der Dreharbeiten zu Bertrand Taverniers Film Es beginnt heute erscheint Tiffany Taverniers erster Roman "Dans la nuit aussi le ciel". Es ist ein Buch über die Reise eines Mädchens nach Kalkutta, die ohne direkte Absicht in den Umkreis von Mutter Teresa gerät - eine Abenteuergeschichte, ein Sozialdrama und eine neuzeitliche Éducation Sentimentale.

Bertrand Tavernier ist Feuer und Flamme, und er will dieses Buch als Vorlage für seinen nächsten Film verwenden. Tiffany aber redet ihrem Vater das Vorhaben aus - weil sie es aus praktischen und organisatorischen Erwägungen für unrealisierbar hält. Sie glaubt auch, dass die Utopie, wie sie sie in ihrem Buch dargestellt hat, in der Realität nur noch bedingt trägt - sie jedenfalls könne und wolle da nicht weiter helfen. Drei Jahre später Dennoch rumort es in der Tochter weiter, vor allem weil sie ihren Vater kennt und genau weiß, worin der sich verfangen hat, als er ihr Buch las. Eines Tages - drei Jahre nachdem die Verfilmung von "Dans la nuit aussi le ciel" vom Tisch war - sagt sie ihm: "Ich glaube, du willst von jemandem erzählen, den es in ein anderes Land verschlägt, und dessen Probleme sich absolut relativieren, angesichts der Konfrontation mit der Wirklichkeit dieses Landes. Wenn das so ist, dann glaube ich, dass du das gut mit einer Geschichte erzählen könntest, die sich um die Suche nach einem Adoptivkind dreht." Das Drehbuch Bertrand Tavernier kann sich diesen Weg vorstellen, aber er will zu der Idee mehr Wirklichkeit. Es ist der Startschuss für Tiffany Tavernier und Dominique Sampiero Material zu sammeln, die Gesetzeslage und Vereinbarungen zwischen Frankreich und bestimmten Adoptionshochburgen zu studieren, menschliche und institutionelle Kontakte zu knüpfen, sich hunderte von Einzelgeschichten erzählen zu lassen.

Nach 12 Wochen gibt es drei Dokumentationskisten mit Protokollen, Notizen, Fotos, Videos und Szenenentwürfen. Darin drücken sich Euphorie, Leid, Verzweiflung, auch Überforderung aus. Die Mission de l'Adoption Internationale zum Beispiel verweigert ihre Hilfe, nicht aus Böswilligkeit oder Desinteresse, sondern weil sie nur ein halbes Dutzend Leute sind, die sämtliche (!) Adoptionen von französischen Staatsbürgern in der ganzen Welt bearbeiten.

Bertrand Tavernier ist vom Spektrum und der Wucht dieser Schicksale überwältigt. "Ich wollte einen Film machen, nicht zwölf." Und nun hatte er zwar die Wirklichkeit, die er suchte, aber sie war völlig unstrukturiert, uferte aus, erschien kaum zu bändigen. Acht komplett unterschiedliche Drehbuchfassungen werden Dominique Sampiero und Tiffany Tavernier bis zum Drehbeginn im Oktober 2003 noch erstellen.

Entscheidung für Kambodscha Die Wahl zwischen Mali, Kambodscha, Haiti und Vietnam als Schauplatz der Geschichte fällt im Herbst 2002 auf Kambodscha. Während des europäischen Winters 2002/2003 fahren der Regisseur und die beiden Drehbuchautoren für zwei Wochen nach Phnom-Penh. Dort bekommt das was bisher nur Ton oder nur Schrift oder nur Bild war, für die drei konkrete Gestalt und Gesicht und Geruch. Sie besuchen achtzig Prozent der künftigen Schauplätze (das Hotel, viele Waisenhäuser, die lokalen Verwaltungen, die wenig kooperative französische Botschaft.) Entwicklungsstränge Tiffany Tavernier führt eine Art Logbuch des Projekts: "Zurück in Nordfrankreich. Die erste Fassung mit unseren Hauptfiguren. wir wollen, dass sie die Merkmale aller Geschichten in sich tragen. Zwei Schritte voran, einen zurück. Zu viel oder zu wenig? Oder zu viel und zu wenig?

Das Paar, unsere Helden. Unsere Hauptaufgabe ist, sie zu finden. Dann festzuhalten. Dann auszumalen Wir schreiben keine Abhandlung. Wir schreiben ihre Geschichte. Wer sind sie? Was sind ihre Konflikte? Ihre Animositäten? Ihre Egoismen? Warum bekommen sie keine eigenen Kinder? Warum adoptieren sie nicht in Frankreich? In welchen Momenten ziehen sie an einem Strang? Wobei sind sie entzweit? Sie sind metereologisch gesprochen wie ein Hoch und ein Tief, das zusammen gehört.

Außerdem: sie sind natürlich nicht allein in dieser Adoptionswelt. Das Hotel und ihre Mitstreiter, Leidensgenossen. Eine verschworene und misstrauisch sich beäugende Gemeinde künftiger Adoptiveltern. Wie genau sieht der durchschnittliche Verlauf einer Adoptionsprozedur aus? Wir verpflichten uns selbst zu sachlicher Korrektheit, aber auch zur Lust, die so deutlich war bei allen Adoptiveltern, denen wir begegnet sind, sich mitzuteilen.

Welche Geldsummen werden im Verlauf einer solchen Adoption aufgerufen? Gibt es einen Durchschnitt? Aber selbst wenn kein Durchschnitt auszumachen ist, gibt es einen bestimmten Rahmen. Wie reiben sich die unterschiedlichen Persönlichkeiten daran? Welche Rolle spielt die Anpassungsfähigkeit an die Gegebenheiten dieses fremden Landes, dieser fremden Kultur, dieses fremden Klimas.

Wie wird die Sensibilität aller Beteiligten gefordert und strapaziert. Auch überstrapaziert? Und schließlich - last not least - ihre zukünftigen Kinder: was wird in dieser emotionalen Extremsituation auf Seiten der Waisen und der Adoptions-Interessenten an Befindlichkeiten aktiviert? Wie weit wollen unsere Hauptfiguren gehen?

Sind die ethischen und finanziellen Grenzen strikt oder flexibel? Wir konfrontieren unsere Charaktere permanent mit Bewährungsproben vor sich selber - und diese Bewährungsproben erscheinen uns wie Spiegel für uns. Das schlimme Wort vom Kinderhandel schwebt immer wie eine Wolke aus Insekten über den Begegnungen den Waisenhäusern. Wir stellen fest, dass wir eine Suppe kochen wollen mit Zutaten, die völlig unterschiedliche Garzeiten haben."

Aufbruch und Vorbereitung Im Juni 2003 steht das dramaturgische Gerüst des Films. Der Drehbeginn ist für den 13. Oktober festgesetzt. Erste Szene. Die Ankunft von Pierre und Géraldine am Flughafen von Phnom-Penh. Der Großteil der Schauspieler ist bereits seit vier Wochen in Kambodscha. Sie haben die Gelegenheit und die Aufgabe, sich mit den Gegebenheiten und Umständen ihrer Figuren in Kambodscha vertraut zu machen. Sie haben sich verpflichtet, für die gesamte Dauer der Dreharbeiten - zwei Monate - dort zu bleiben. In die Wirklichkeit Kambodschas eintauchen Einzig Jacques Gamblin, der Hauptdarsteller, ist erst seit einem Tag in Phnom-Penh. Aus der Not eine Tugend machen. Als Schauspieler vollzieht er nach, womit auch seine Figur konfrontiert ist: eine große Fremdheit, die gnadenlos auf ihn einstürzt. dass er unvorbereitet ist, gehört zu seiner Rolle.

Jacques Gamblin erinnert sich: "Ich komme in Kambodscha an und beginne gleich zu drehen. Bereit, in die Wirklichkeit zu tauchen, mit Haut und Haar. Ich entdecke dieses Land - sowohl seine Schönheiten wie seine Abscheulichkeiten - durch die Arbeit. Ich lebe die Rolle zuerst, wie jemand der erst sieht, dabei seine Worte findet und später zu sprechen beginnt.

Nicht weil ich mich wehrte bewegt zu werden, sondern weil das, was ich sah, meine Zeit und mein stilles Nachdenken beanspruchte. Wenn die Kamera mich bei der Betrachtung eines Waisenkindes mit AIDS aufnimmt, dann mußs man einfach nur da sein. Ich glaube nicht, dass es interessant ist, wie ich emotional reagiere in dieser Situation. Die Kamera wird nur das zeigen, was eben zu sehen ist."

Realitäts-Schock Bertrand Tavernier hat seinen Produktionsleiter Martin Jaubert angewiesen, alle Mitwirkenden aus Europa, gleich ob vor und hinter der Kamera, sofort nach Ankunft einer Realitäts-Schock-Therapie auszusetzen: "Schick sie gleich auf die große Müllkippe von Phnom-Penh. Eine Stadt für sich. Bewohnt von unzähligen Menschen, überwiegend Jugendlichen und elternlosen Kindern.

Über den in der Sonne glühenden und stinkenden Abfällen ein schwirrender Insekten-Teppich von 50 cm Stärke. Wer hier mit offenen Augen einmal durchgelaufen ist, für den relativieren sich sämtliche eigene Probleme. Danach soll jeder zwei Waisenhäuser besuchen, und dann noch Tuol Sleng, das Völkermord-Museum im ehemaligen Straflager S 21 - Mehr braucht's nicht, dass man hier richtig ankommt."

Guest House Rega Das provisorische Zuhause von Pierre und Géraldine in Kambodscha wird das Guest House Rega. Es ist ein Haus, das tatsächlich von vielen französischen Adotions-Interessenten in Phnom-Penh angelaufen wird. Die Besitzer spielen sich selbst im Film. Im Internet wird ihre "Touille-Touille-Küche" gelobt - eine Verniedlichung für das spezielle Ratatouille der Hausherrin - , und für viele Franzosen macht dieses Stück Heimat auf dem täglichen Essenstisch tatsächlich zur bevorzugten Anlaufstelle in der fremden südostasiatischen Welt.

Ein Elternpaar, das nicht im Film vorkommt, aber gerade ein dreijähriges Mädchen adoptiert hatte und ihren echten Kampf ausfocht, ihr Kind nach Frankreich bringen zu können, wohnte während der Dreharbeiten ebenfalls im Rega. Ihre Odyssee diente als tägliches Live-Update der Geschichte von HOLY LOLA. Einige ihrer ebenso schrecklichen wie lustigen Anekdoten, nahm Bertrand Tavernier begierig auf und ?hexte' sie an verschiedenen Stellen in die Geschichte seines Films ein.

Vielstimmige Harmonie Bruno Putzulu, Darsteller des impulsiven Sarden Marco, der als Bergarbeiter in Lothringen schuftet, hebt die vielstimmige Harmonie dieses Arbeitszusammenhangs hervor: "In dieser Geschichte gibt es zwangsläufig viele Gruppenszenen. Die funktionieren wie das Musizieren in einem Orchester. Im Idealfall ist es unmöglich, diesen oder jenen Einzelmusiker auszumachen. Den Einzelmusiker bemerkt man erst, wenn er falsch spielt. Es ist fast eine Zen-Übung, die Schauspielerei mal so zu sehen." Waisenhäuser Erfahrungen, die sich in die Erinnerungen aller Beteiligten eingebrannt haben, waren die verschiedenen Waisenhäuser - insgesamt 30 in ganz Kambodscha - , die für die Eltern immer wieder Etappenziele darstellen. Orte der Euphorie und der Verzweiflung. Orte der maßlosen Rührung und des kaltherzigen Schacherns. Orte des Mutschöpfens und des Resignierens. Und nie ist es nur das eine oder das andere, viel häufiger sowohl als auch.

In einem Waisenhaus, nahe dem Russian Market, leben Kinder - die wenigsten älter als drei Jahre - die als ?unvermittelbar' eingestuft wurden weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach in ein paar Monaten, Wochen oder Tagen sterben werden, Kinder, die von Trisomie oder Ausschlägen gezeichnet sind. Andere Waisenhäuser dagegen sind veritable Paradiese, die man erreicht, wenn man eine mehrstündige Fahrt mit dem Jeep durch unwegsamen Dschungel auf sich nimmt.

Als eines dieser Paradiese stellte sich das Waisenhaus von Kandal dar - hier drehte das Team von HOLY LOLA während der Mittagsruhe der Kinder. Ein ganzes Filmteam, das komplizierte Kamerafahrten auf Zehenspitzen absolviert und sich nur flüsternd verständigt. Momente der Magie.

Durchmischung von Realität und Fiktion Andererseits Momente der direkten Begegnung mit den Waisenkindern. Das Spielen der heiklen Entscheidung für oder gegen ein Kind: Severine Caneele etwa, die Darstellerin der Patricia, soll zwischen zwei Kindern wählen. Für die Schauspielerin ist es kaum möglich, zwischen dem Darstellen einer Szene und der überwältigenden Wirklichkeit des Ortes hin- und herzuschalten. Sie bricht in Tränen aus.

Kann einige Tage nicht drehen. mußs sich mit ihren Kollegen verständigen. Es ist der ausdrückliche Wunsch des Regisseurs, dass viele solcher echten Krisen in seinen Film ragen. Isabelle Carré erinnert sich: "Ich glaube, dass Bertrand Tavernier nie zuvor einen Film gedreht hat, der sich so deutlich auf diesem unendlich schmalen Grat zwischen der Realität und der Fiktion bewegt.

Und ich glaube, dass er auch nie zuvor seine Schauspieler so geführt hat, dass buchstäblich niemand mehr wusste, bis zu welchem Punkt das alles Spiel war und wo das Spiel aufhörte." Und Jacques Gamblin fügt hinzu: "Man kommt nicht umhin, jeden Moment vor und über sich selbst Rechenschaft abzulegen. Als Schauspieler tut man das ja immer, aber hier waren wir alle auch als Zeitgenossen gefordert."

Holy Baby Holy Baby I: Aus diesem Waisenhaus kommt das künftige Adoptivkind von Pierre und Géraldine. Man fährt etwa 50 km den Mékong hinauf, bis man ein vierstöckiges Haus an einem Berg entdeckt, das nur knapp die Bäume überragt. Mitten in einem idyllischen Garten gelegen, von dem aus man auf eine der schönsten Landschaften dieser Erde blickt.

Der ideale Ort, um einen Traum wahr werden zu lassen. Der Name des Waisenhauses repräsentiert übrigens oft eine Art Familiennamen für die Waisen, gefolgt von deren Vornamen. Deswegen heißt das Adoptivkind von Pierre und Isabelle in Bertrand Taverniers Film Holy Lola. Ihr wirklicher Name ist Srey Pich. Und das allerschönste: dieses Kind hat in Wirklichkeit beide Eltern - fürsorgliche Personen, voller Liebe für das kleine Wesen.

Wunschkind Isabelle Carré denkt gern an die Zeit mit ihrem ?Wunschkind' zurück: "In Srey Pich habe ich mich Knall auf Fall verliebt. Als ich das erste Mal auf sie zuging, hat sie meine Hand genommen und die nächste halbe Stunde nicht mehr losgelassen. Die beiden anderen Kinder, die Bertrand für mich und Jacques Gamblin vorgesehen hatte, weinten dagegen gleich, sobald ich mich ihnen näherte.

Die sanfte Zuneigung von Srey Pich hat über die ganzen Dreharbeiten angehalten, obwohl sie auch bald wusste, dass es, immer wenn ich aufkreuzte, für sie mit Anstrengungen verbunden war: mußste sie doch lieb und nett und leise sein, in aufgeheizten Autos Geduld zeigen gegenüber der ganzen Hampelei um sie herum etc.

Sich während des Drehs um ein Kind zu kümmern, ist einerseits eine wunderbare Gelegenheit, sich von der ständigen Anspannung und Selbstbeobachtung und Unsicherheit abzulenken, andererseits wird man allein vom Da-Sein eines Kindes allseits umfangen und erfüllt. Glücklicherweise fand ich Srey Pichs Eltern großartig. Es hätte mir sehr wehgetan, wenn ich nach unserer Trennung das Gefühl hätte haben müssen, sie müsste in einer Umgebung leben, die ihr schadet."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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