Grenzverkehr

Produktionsnotizen

Produktionsnotizen ? Drehen in der niederbayerischen Provinz In Niederbayern finden recht selten Dreharbeiten statt. Rückblickend gab es Anfang der 2000er Jahre den ZDF-Fernsehfilm ?Ein Dorf sucht einen Mörder? in Gerzen, Mitte der 80er Jahre das nur wenig legendäre ?Schafkopfrennen? für den BR und Anfang der 80er Jahre das extrem legendäre ?Irgendwie und Sowieso? von Franz X. Bogner. Noch heute ein Kult und noch heute kaum erreicht.

In den späten 70ern gab es ?Schluchtenflitzer? und in den frühen 70ern ?Jagdszenen aus Niederbayern? von Peter Fleischmann jeweils fürs Kino. Seit all diesen Höhen und Tiefen des niederbayerischen Filmschaffens begab es sich also im Jahre 2004, dass sich wieder eine Filmcrew aufmachte, um in dieser herben und doch liebevollen Provinz einen Film zu realisieren.

Es ist einfach zu sagen, dieser Grenzverkehr sei reichlich unrealistisch ? drei Jungs, die mit dem Moped nach Tschechien fahren, um das erste Mal Sex zu haben; wer hat das schon jemals gehört? Die niederbayerischen Mädchen verhalten sich doch sicherlich nicht anders als die im Rest der Republik. Sicherlich nicht ? und doch hat man gerade in der niederbayerischen Provinz das Gefühl, überall auf der Welt gibt es hübschere und vor allem willigere Mädchen als ebendort.

Der Zwang zu entfliehen ist ungleich größer als in der Großstadt, wo man sich eh schon am Nabel der Welt wähnt. Und wer wünscht sich nicht noch heute, damals in seiner Jugend ein bisschen kompromissloser gewesen zu sein? Ein bisschen mehr Offensive hätte dem Umgang mit den Mädchen schon gut getan. Doch zu undurchschaubar waren sie alle. Warum fuhren sie gerade auf die älteren Jungs ab, die schon so eklig männlich waren und außerdem in völlig uncoolen Autos durch die Gegend fuhren.

dass es gerade die Männlichkeit ? egal wie eklig ? und die Autos ? egal wie uncool ? waren, konnten die Buben mit 16 Jahren sich überhaupt nicht vorstellen. Der Sinn strebte nach der Ferne, doch der Geist war zu ängstlich. Nein, diese Geschichte von unseren drei Verlierern, die zu Helden werden, ist durchaus vorstellbar. Sex in Tschechien ist fast genauso einfach zu bekommen wie Sex aus dem Internet ? und millionenmal einfacher als Sex mit Mädchen auf dem Dorf.

Also auf! Wer Teenager in der niederbayerischen Provinz ist, hat wenig zu verlieren. So sieht das Regisseur Stefan Betz, der selbst in diesem Eck Bayerns zwischen dem Erdinger Moos und dem Straubinger Gäubodengebiet groß geworden ist. Und so war ihm und dem Ausführenden Produzenten Thomas Blieninger, der auch an der Drehbuchentwicklung mitgewirkt hat, von Anfang an klar, dass Grenzverkehr nur da spielen konnte, wo es spielt: 80 Kilometer nordöstlich von München, 150 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt.

Und mit Uli Aselmann und Robert Marciniak von der Münchner d.i.e.film.gmbh fanden die beiden Mitstreiter, die diese Vision teilten. Zudem war allen Beteiligten von Anfang an bewusst, dass ein Dreh in Niederbayern und in Tschechien voll und ganz die Philosophie eines Low-Budget-Films unterstützt. Weg von den tausendmal abfotografierten Motiven der Hauptstadt München, weg von den hohen Motivund Ausstattungskosten, weg von komplizierten Genehmigungsverfahren.

Die Lebenshaltungskosten auf dem Land sind naturgemäß niedriger als in der Großstadt, also sollte ein Film dort auch günstiger zu produzieren sein ? eine unablässige Voraussetzung für das Funktionieren des Projekts Grenzverkehr. Denn es gab nun mal nur gut eine Mio. Euro, was für einen Kinofilm eine äußerst bescheidene Summe ist. Und es war machbar, wie sich im Nachhinein zeigte.

Also zog Ende Juni 2004 als Vorhut eine zehnköpfige Crew nach Vilsbiburg, um dort den Film vorzubereiten, der ab Ende Juli gedreht werden sollte. Büroräume besorgte der örtliche Immobilienmakler, Praktikanten wurden durch die örtliche Zeitung gefunden und auf die Suche nach Motiven begab man sich mit hiesigen Kennern der Örtlichkeiten. Und so kam es, dass nicht nur die niederbayerischen Szenen ebendort gedreht wurden, sondern auch viele Szenen, die im Film in Tschechien spielen.

Die Ähnlichkeiten der tschechischen und der niederbayerischen Provinz werden lediglich durch Details durchbrochen: schechische Straßen haben selten weiße Markierungspfosten, Telefonmasten sind dort noch häufiger und die Anwesen schauen aus wie in Niederbayern vor 30 Jahren. Aber landschaftlich: Sehr ähnlich. Nur, dass der Weitblick in Tschechien dann doch des öfteren beeindruckender ist, offener.

Zurück nach Niederbayern. Dort schlug dem Filmteam eine Offenheit und Hilfsbereitschaft entgegen, die vorurteilsbeladene Großstädter dem Landvolk nie und nimmer zugetraut hätten. Große Teile des auf 30 Köpfe angewachsenen Filmteams kamen beispielsweise nicht in Hotels oder Pensionen unter ? da fehlten die Kapazitäten ?, sondern ganz einfach bei Familien vor Ort. Oder wenn es um Drehgenehmigungen ging: Da ließ es sich der Bürgermeister von Frontenhausen nicht nehmen, alles selbst zu erledigen.

Ob am Friedhof, auf dem Marktplatz oder am Fluss Vils, der Bürgermeister vermittelte alle Drehorte und betreute sie meistens noch selbst. Eine Anekdote: Beim Dreh in einer Siedlungsstraße Frontenhausens besuchten der christlich-soziale Bürgermeister und der sozialdemokratische Landrat gemeinsam die Dreharbeiten. Und sie ließen sich auch gemeinsam Arm in Arm mit den Schauspielern ablichten. Alte Weggefährten, Freunde schon fast ? die politische Gesinnung ist sekundär, die Mentalität ist entscheidend.

Also, die drei Hauptdarsteller ? im Film 16 Jahre, in echt schon 18 Jahre alt ? waren untergebracht bei Vilsbiburger Familien. Sie lernten Moped fahren beim Vilsbiburger Fahrlehrer und Andi Buntscheck, der den Wong spielt, lernte Judo beim Vilsbiburger Turnund Sportverein. Die Schauspieler und das Filmteam gehörten schnell dazu.

Und selbst die Wirtin von der Gerzner Metzgerei und Pension Köck brauchte nur wenige Minuten um zu überwinden, dass jetzt bald der James-Bond-Bösewicht Götz Otto und der ?Marienhof?-Star Henriette Richter-Röhl bei ihr Quartier nehmen wird. Autogramme wollte sie trotzdem und nie wird sie es verzeihen, dass Götz Otto seine Autogrammkarten daheim vergessen hatte. Immerhin hatte Oliver Korittke seine dabei, aber den kannte die Wirtin bis dahin noch gar nicht.

Trotzdem hängt dessen Karte, schön unterschrieben, seither im Eingangsbereich des Gasthauses Köck, wo sonst nur Hochzeitsfotos hängen. Viele Vilsbiburger, Gerzener, Geisenhausener und Frontenhausener denken inzwischen, Film habe nur wenig mit Arbeit, aber umso mehr mit Rumstehen und Reden zu tun. Doch es war ein gehöriges Pensum, das das junge Team um Jung-Regisseur Stefan Betz zu absolvieren hatte. 30 Drehtage, über 120 Szenen in mehr als 40 Motiven ? das will erst einmal geschafft werden.

Hinzu kamen eine Verfolgungsjagd, eine Sprengung und diverse Besuche im Bordell. Filmisch gesehen natürlich, doch das machte die Sache nicht leichter. Alle Beteiligten arbeiteten wie am Schnürchen und wenn es einmal länger dauerte, verteilte der Produzent Brez?n und Eis an die seit Stunden wartenden Statisten. Die hatten sich extra Urlaub genommen, um bei der Disco-Szene dabei zu sein und kamen dann erst um vier Uhr nachmittags dran, statt um zwölf Uhr mittags. Wie halt immer beim Film. Aber das wissen jetzt auch die Niederbayern.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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