Millions

Produktionsnotizen

Wunder, n.
  • 1. Ein Ereignis, das durch die Gesetze der Natur nicht zu erklären ist und somit für etwas Übernatürliches oder als Akt Gottes angesehen wird: "Wunder geschehen spontan, sie können nicht herbeigeführt werden, sondern geschehen aus sich selbst heraus." (Katherine Anne Porter, amerikanische Schriftstellerin, 1890 - 1980).
  • 2. Etwas, das bewundernde Ehrfurcht auslöst.

Göttliche Inspiration Alle Filmemacher wissen, dass es keinen Schutzpatron für ihre Branche gibt - und gäbe es einen, würden seine Heiligenbilder hoch über jedem Filmset der Welt schweben. Als Drehbuchautor Frank Cottrell Boyce die Idee zu der Geschichte hatte, aus der schließlich MILLIONS entstand, hatte er keinen blassen Schimmer davon, dass daraus jemals ein Film, geschweige denn, eine Erfahrung fürs Leben werden würde.

Am Anfang stand ein Gespräch zwischen Cottrell Boyce und dem Produzenten Graham Broadbent, kurz nachdem beide bei Michael Winterbottoms osteuropäischem Drama WELCOME TO SARAJEVO (1997) zusammen gearbeitet hatten. Obwohl der Autor Vater von sieben Kindern ist, war es Broadbent, der die Anregung gab, dass dies ein Film über Kinder werden sollte. "Als ich Frank mit seiner Familie zu Hause erlebte, wurde mir klar, wie wundervoll er mit Kindern umgeht," sagt Broadbent.

"Er fördert ihre ganz und gar fantasievolle Sicht der Welt und ich spürte, dass dies dem Film eine ganz einzigartige Perspektive eröffnen würde. Ich ahnte, dass ihm ganz außergewöhnliche Figuren vorschwebten, individuell und wundervoll und wir einigten uns schließlich auf die Idee von zwei Kindern, denen eine geraubte Million Pfund Sterling in die Hände fällt."

Cottrell Boyce, der mit dem Buch zu 24 HOUR PARTY PEOPLE, Michael Winterbottoms Komödie über die Musik-Szene Manchesters, international bekannt wurde, erzählt, dass Broadbents Anregung eine Saite in ihm zum Schwingen brachte. "Ich wollte schon immer einen Film schreiben, den meine Kinder lieben würden," erklärt er.

"Als ein Mann mit vielen Kindern verbringe ich die meiste meiner Zeit nicht mit Filmemachern, sondern mit Menschen, die denken sie seien Piraten oder Heilige oder die an irgendwelchen farbenfrohen Wahnvorstellungen leiden - insofern fiel es mir leicht, mich auf diese Geschichte einzulassen. Die Figuren im Film sind allerdings viel vernünftiger, als einige meiner eigenen Kinder! Zwei von denen haben noch nicht begriffen, dass das Mittelalter vorbei ist und dadurch verbringe ich einen beträchtlichen Teil meiner Tage mit Leuten, die Entermesser schwingen und Helme tragen."

Das Team arbeitete eine ganze Zeit intensiv an dem Script und schrieb verschiedene Entwürfe. "Selten hatte ich so viel Spaß beim Schreiben," sagt Cottrell Boyce. "Es war als ob man nach längerer Zeit nach Hause kommt. Es hat mir sehr gefallen, mal über Kinder schreiben zu können und dass die Geschichte ganz in meiner Nähe spielt. Und es hat mir gefallen, eine Geschichte darüber zu erfinden, wie zauberhaft und gleichzeitig kompliziert die Menschen doch eigentlich sind."

"Uns war bewusst, dass wir eine gute Idee hatten und auch bereits Ansätze zu ein paar guten Szenen," erinnert sich Broadbent, "aber wir waren noch weit entfernt von einem guten Drehbuch. Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich eine Verabredung mit dem Regisseur Danny Boyle. Ich erinnere mich, dass ich ihm sagte, wenn er ganz mutig sei, solle er mal einen Blick auf das Material werfen, auch wenn es längst noch nicht fertig war. Das tat er und rief mich nach zwei Tagen an um mir zu sagen, dass es ihm sehr gefiel und er weiter darüber reden wollte."

Boyle, der seine Karriere mit eher sperrigen Filmen für Erwachsene wie SHALLOW GRAVE ("Kleine Morde unter Freunden", 1994), TRAINSPOTTING ("Trainspotting - Neue Helden", 1996) oder THE BEACH ("The Beach", 2000) begründet hat, wusste, dass dieses Projekt ein hohes Risiko sein könnte. Aber er war damals genau in der Stimmung für eine solche Herausforderung.

"Ich hatte gerade ein paar kleine Fernsehfilme in Manchester gemacht," erinnert sich Boyle, "und ich wollte gerne noch mal dort arbeiten. Graham schickte mir das Script und ich fand die Idee ganz bezaubernd. Ich wollte auch schon lange Zeit mit Frank zusammenarbeiten, den ich seit langem bewundere, weil seine Bücher so eine besondere Wärme ausstrahlen."

Das Drehbuch erforderte noch einige Arbeit, aber Boyle trieb das Projekt voran und brachte die Essenz der Geschichte auf den Punkt. "Wir arbeiteten sehr hart," sagt der Regisseur. "Schließlich war nur die zentrale Szene des Raubüberfalls aus dem Original-Script übrig geblieben." Der Raub konnte auch einen höheren Spannungsbogen vertragen, da einer der Gangster, ein düsterer Bill Sykes-Typ, der im Script nur 'The Man' genannt wird, dem verschwundenen Geld dicht auf der Spur ist.

"In dem Moment, in dem man das Geld ankommen sieht, weiß man, dass jemand dahinter her sein wird, weil das die Sprache des Kinos ist," sagt Cottrell Boyce. "Ich wollte, dass die Person, die hinter dem Geld her ist, wie ein quälender Verfolgungs-Albtraum wirkt - wie in RAISING ARIZONA ("Arizona Junior", 1987), wo jemand verfolgt wird, aber man nie weiß, ob er das nur träumt, weil ständig zwischen Traum und Realität hin- und hergeschnitten wird. Ich wollte diese intensive Furcht rüberbringen, die man nur als Kind erlebt."

Obwohl der Entwicklungsprozess insgesamt fast 5 Jahre dauerte, litt das Projekt nicht unter den üblichen Produktionsschwierigkeiten und - ungewöhnlich für einen britischen Film - gab es auch kein Problem mit der Finanzierung. "Es war wirklich ganz einfach," erzählt Produzent Andrew Hauptman. "Wir hatten einfach ein richtig gutes Buch und einen Weltklasse-Regisseur, mit dem jeder arbeiten wollte." Rückblickend ist Broadbent doch überrascht, wie schnell sich das Projekt schließlich entwickelte.

"Frank und ich hatten über einen Zeitraum von drei Jahren an etlichen Fassungen gearbeitet. Frank schrieb immer weiter und wir trafen uns alle paar Monate. Als Danny Boyle sich für das Projekt zu interessieren begann, sagte Frank mal zu einem Kollegen: ?Das ist nur unser Lunch-Club, aus dem Projekt wird nie was'. Als die letzte Szene abgedreht war, erinnerte ich Frank an seinen Lunch-Club. Er lachte Tränen."

Die Fantasie, die zur Realität wurde Obwohl die Geschichte im England von heute spielt, war das Drehbuch von Frank Cottrell Boyce ungewöhnlich. Oberflächlich betrachtet sind die beiden Hauptfiguren Damian und Anthony Cunningham (Alex Etel und Lewis McGibbon) zwei Brüder, die in einem Vorort im Norden aufgewachsen sind und deren Mutter auf tragische Art und Weise ums Leben gekommen ist. Anthony ist ein typisches Kind seiner Zeit, mit Playstation, Fahrrad, Nike-Schuhen und Fußballspielen.

Damian ist ein ruhiger, nachdenklicher Junge, heimgesucht von Visionen von Heiligen, die ihm helfen, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Dieses mystische Element bedurfte besonderer Pflege und eine der ersten Bemerkungen Danny Boyles nach der Lektüre des Scripts war, das die Besetzung der Hauptrollen mit wirklich herausragenden Kinder-Schauspielern essentiell sein würde. Wenn der Film funktionieren sollte, brauchte Boyle Unbekannte mit Filmstar-Qualität, Zauber und Charisma.

Das Casting begann im September 2002 und wurde zu einem langwierigen Prozess. Der Film sollte in Liverpool und im Nordwesten Englands spielen, also wurden Agenturen, Kindertheatergruppen und Schulen angesprochen und öffentliche Vorsprechtermine organisiert. "Es begann ein Prozess, den Casting-Agenten ?Frösche küssen' nennen," sagt Boyle. " Du mußst dir Tausende von Kindern anschauen, bevor du einen findest, von dem du hoffst, dass er dein Prinz sein könnte."

Das Casting-Team entschied sich schließlich für den Jungdarsteller Lewis McGibbon für die Rolle des Anthony, der feste Vorstellungen vom Wert des Geldes hat und davon, wofür es ausgegeben werden sollte und wofür nicht. "Er ist ein hervorragender Schauspieler für sein Alter," sagt Boyle.

"Er hatte das richtige Timing, wusste, was Schauspielen heißt und hatte die Gratwanderung von totaler Unschuld zu beginnender Professionalität gerade hinter sich. Ich fand das sehr passend für die Rolle, denn Anthony steht mit einem Fuß in seiner Kindheit und mit dem anderen in der Erwachsenen-Welt." McGibbon hatte tatsächlich ein klares Bild von Anthony. "Das Geld verändert ihn," sagt er.

Er ist ein normaler Junge, aber als sein Bruder das ganze Geld findet, bestimmt Anthony darüber und schließlich bestimmt das Geld das Leben der Kinder. Ich denke, im Grunde ist er einfach gierig - er will einfach das ganze Geld. Wenn ich das Geld hätte, würde ich meiner Mutter eine Villa in Portugal kaufen, meinem Vater einen wirklich großen Jeep, meiner Schwester, was immer sie will und mir selbst ein großes Haus mit einem Fernseher mit einem Riesenbildschirm, eine Playstation und alle Playstation-Spiele der Welt."

Den Darsteller des Damian zu finden, erwies sich als erheblich größeres Problem, allein weil er so jung ist. "Keiner der Jungen dieses Alters, die wir gesehen haben, kann man schon Schauspieler nennen," sagt Boyle, der jemanden finden mußste, der Damians Unschuld, Naivität und Glückseeligkeit verkörpern konnte. Typisch für das Projekt war Alex Etel plötzlich da, ein Neuling, der auf einem der unzähligen Bänder entdeckt wurde, die wöchentlich im Produktionsbüro gesichtet wurden. Boyle war spontan von seinem Aussehen beeindruckt.

"Ich erinnere mich daran, wie er in den Raum kam, noch bevor er einen Ton gesagt hatte, ertappte ich mich bei dem Gedanken ?Das ist er'. Und er war es, den ich von Anfang an wollte und dabei blieb ich." McGibbon und Etel durchliefen 5 Vorsprechrunden, bevor sie schließlich kurz vor Drehbeginn definitiv besetzt wurden. "Dannys Instinkt hat sich ausgezahlt," sagt Broadbent, "Alex hat das Gesicht eines Engels und hat doch auch etwas von einem Filmstar."

Etel ist jedoch nicht ganz der Engel, den er auf der Leinwand darstellt. "Ich finde Damian ist ein wenig verrückt," meint er. "Er sieht Heilige und andere Dinge, die niemand sonst sieht und verbringt viel Zeit damit über Heilige zu lesen und zu reden, was ich persönlich merkwürdig finde." Dennoch teilt Etel Damians Vorliebe für das Tagträumen. "Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich ein riesiges Auto und ein riesiges Haus mit Pool kaufen, den ich mit Erdbeer-Wackelpudding füllen würde und einem großen Hausboot darin".

Es sagt etwas über das Casting dieses Films, dass die beiden Jungs sich auf Anhieb prächtig verstanden und sie dicke Freunde geworden sind. "Lewis ist so etwas wie ein großer Bruder für mich geworden," sagt Etel. "Wir haben uns eigentlich nie wirklich gestritten," bestätigt McGibbon. "Er besucht mich und wir spielen gemeinsam Playstation und ich helfe ihm ein bisschen, weil die Schauspielerei komplett neu für ihn ist. Sie haben ihn ja direkt aus der Schule geholt, da habe ich ihm was über Filmemachen erzählt, wenn er etwas nicht verstanden hat."

Den Kern des Ensembles rundete James Nesbitt ab, der den Vater der beiden Jungen spielt. "James ist ein begnadeter Kommunikator," sagt Boyle. "Er hat so eine Direktheit, dass man ihm einfach vertraut und über alles mit ihm reden möchte. Das war ideal für diese Rolle." Als Boyle ihm das Script gegeben hatte, war Nesbitt überrascht über den Tonfall.

"Als ich es zum ersten Mal las, wunderte ich mich, dass Frank es geschrieben hatte, denn man kann ja wohl sagen, dass die meisten seiner bisherigen Arbeiten eher düster waren. Ich wusste, dass Frank und Danny diesen Stoff ausgebrütet hatten, also konnte man annehmen, dass es wieder eher düster werden würde. Doch was sie sich ausgedacht haben ist zauberhaft.

Frank hat eine Menge Kinder und ist daher bestens gerüstet für Kinder zu schreiben. Und er tut dies sehr authentisch und wahrhaftig. So hat der Film eine große Wärme, ist tief emotional ohne dabei zu sentimental zu werden."

Es ist tatsächlich Frank Cottrell Boyces Drehbuch zu verdanken, dass die Figur des Ronnie bei aller Melancholie, die sie ausstrahlt, nie die Geschichte der beiden Jungen überschattet. "Ronnie mußs mit dem Tod seiner Frau klar kommen, begreifen, dass er ein allein erziehender Vater ist und ein neues Leben beginnen mußs," sagt Nesbitt.

"Obwohl Frank die Tragödie dieser Situation keineswegs ignoriert, vermeidet er jede Melodramatik. Ronnie mußs weiterleben und hat wenig Zeit zum Nachdenken, weil er die Jungs morgens aus dem Bett holen und zur Schule kriegen mußs und Mama und Papa zugleich ist. Wie er damit fertig wird, ist oftmals sehr komisch und berührend."

Das fehlende Teil in diesem Familien-Puzzle war die Schauspielerin Daisy Donovan, die die Rolle der Dorothy spielt, eine Sozialarbeiterin, die zufällig in das Leben der Familie gerät und nie wieder daraus verschwindet. Auch hier folgte Boyle seinem Instinkt.

"Schon als wir begannen ihre Rolle zu schreiben, fiel mir Daisy ein," erinnert er sich. "Genau so, wie Jimmy Nesbitt für mich von Anfang an Ronnie war. Man sollte diesen Bauchentscheidungen folgen. Ich wollte, dass Dorothy mit enormer Energie in das Leben der anderen einbricht, sehr erfrischend und ein wenig übergeschnappt. Außerdem ist Daisy einfach eine fantastische Schauspielerin." Cottrell Boyce war begeistert von der Besetzung der Erwachsenen mit Nesbitt und Donovan.

"Ich stellte mich mir selbst in der Rolle dieses Vaters vor," sagt er, "verzweifelt, gedankenverloren und ein wenig von den Fantasien anderer Leute überfahren und ich finde Jimmy war einfach die Idealbesetzung, weil er diesen Charakter mit so viel Charme ausfüllt. Daisy war ebenfalls die perfekte Wahl, weil wir jemanden brauchten, die einen verunsichern kann, beim dem man nicht weiß, ist sie gut oder schlecht, oder verfolgt sie einen eigenen Plan.

Als Schauspielerin ist Daisy sehr lebhaft, besonders wenn man sie im Fernsehen sieht. Als wir die Figur der Dorothy konzipierten wollten wir immer, dass sie so eine Art Daisy Donovan sein sollte und es war natürlich großartig, dass wir sie tatsächlich bekommen haben, weil wir sie als unsere Schablone benutzt hatten."

Donovan begriff sofort, dass ihre Rolle von Ronnie und seinen Jungs bestimmt wurde. "Dorothy ist im Grunde genommen sehr einsam," sagt sie. "Sie lebt das Leben einer Handelsvertreterin, auch wenn sie für wohltätige Zwecke unterwegs ist. Und als sie Ronnie trifft, sieht sie ein Zwinkern in seinen Augen und erkennt diese wartende Kleinfamilie von drei Männern. Sie lässt sich von Ronnie beeindrucken und bringt neues Leben in die Familie."

Träume, die man kaufen kann Die Entdeckung, dass das Geld gestohlen ist, schlägt bei dem leicht zu beeindruckenden Damian ein wie eine Bombe. "Ich dachte, es handelte sich um ein Wunder," lamentiert er, "dabei war es nur gestohlen." Nichtsdestotrotz treibt das gestohlene Geld die Geschichte voran und gibt den Filmemachern Gelegenheit, das Phänomen Geld zu erforschen: Was ist es, was repräsentiert es und was kann man wirklich damit kaufen.

Während der Produktionsvorbereitung war Broadbent fasziniert davon, wie Kinder mit diesem Thema umgehen. "Beim Vorsprechen fragte der Casting-Agent die meisten der Kinder, was sie machen würden, wenn sie plötzlich eine Million Pfund hätten," erinnert er sich. "Die Reaktionen waren erstaunlich. Einige hatten überhaupt keine Vorstellung von einer solchen Menge Geldes, andere sagten, sie würden sich 10 CDs kaufen, wieder andere meinten, sie würden sich ein Auto kaufen, oder eine Insel. Nur ganz wenige hatten eine Idee, was eine solche Menge Geldes bedeutet."

Über die zwei Jungen erklärt Boyles Film die unterschiedlichen gesellschaftlichen Haltungen bezüglich des Geldes auf sehr humorvolle Weise. "Damian möchte nur Gutes damit tun und spendet es wohltätigen Institutionen und armen Leuten," sagt Hauptman, "während Anthony, der ja etwas älter ist, sich bereits mit Geiz und Geldgier auskennt und weiß, was Geld wirklich kaufen kann."

Aber keiner von beiden findet den richtigen Weg, mit dem Geld umzugehen. Boyle erklärt: "Der Film zeigt, wie schwierig es für beide Jungen ist, sich ihre Wünsche zu erfüllen und es entweder ganz schnell für Luxusgüter auszugeben oder unter den Armen zu verteilen." Cottrell Boyce machte die wenig überraschende Erfahrung, dass es schwieriger war, Damians Haltung zum Geld zu erklären, als die seines älteren Bruders.

"Mir kommt Damian vor wie ein ganz normaler Junge. Aber in den Sitzungen mit den Filmemachern mußste ich immer wieder erklären, warum er so ist wie er ist. Eine Menge Kinder sind so wie er, sie sprechen die ganze Zeit mit sich selbst, sie leben in einer etwas anderen Welt als wir und oftmals denken sie, sie seien ein Ritter, ein Fußballspieler oder ein Pilot. In diesem Fall denkt Damian ganz einfach, er sei ein Heiliger."

Mit der Figur des Anthony kreierte Cottrell Boyce ein gleichermaßen motiviertes Kind, dass aber in ganz anderen Zusammenhängen denkt. Auch wenn sie wie extreme Gegensätze wirken, sind sie durch den Tod der Mutter untrennbar aneinander gebunden. "Die beiden haben diese Stärke, die man mit acht oder zehn Jahren hat," sagt er.

"Wenn man zu den ältesten Jahrgängen an der Schule gehört, kurz bevor man auf die nächst höhere Schule wechselt und man das Gefühl hat, alles zu schaffen. Anthony ist gierig und böse, aber seine Großspurigkeit hat auch eine anziehende und liebenswerte Seite. Damian ist auch ein Aufschneider, aber das liegt eher daran, dass er glaubt, er sei der Heiligen Klara oder dem Heiligen Nikolaus ebenbürtig!" Diese Fülle an Charakterzeichnungen gibt MILLIONS seine Tiefe.

"Wenn man die Geschichte erzählt, klingt es leicht nach einem anspruchslosen britischen Filmchen, das ein wenig ans Herz geht und dich zum Kichern bringt," sagt Cottrell Boyce. "Aber Danny hat einen großen Film daraus gemacht. Er war so fasziniert, dass er sich mit all diesen Themen intensiv beschäftigt hat, den Heiligen, dem Himmel, dem Geld. Der Film untersucht, was Geld letztlich bewirken kann.

Die beiden Jungs begreifen schließlich, was für eine unermessliche und komplizierte Angelegenheit Geld ist, das vollkommen von ihnen Besitz ergreift und sie aus der Spur wirft. Was die Jungs sich in Wirklichkeit wünschen, kann man nicht kaufen. Es ist spannend, eine Geschichte zu erzählen, die sowohl die aufregenden wie auch die gefährlichen Aspekte des Geldes behandelt."

"Ich glaube, das Anliegen des Films ist es, herauszufinden, ob Werte wie Tugend und Güte in einer nicht unbedingt zynischen, aber in einer Welt voller Selbstschutz überhaupt möglich sind," sagt der Regisseur, "und ganz besonders in Groß-Britannien. Es war der Versuch einen Film über Großherzigkeit zu machen."

Der Norden - ein hell scheinender Stern ... Mit dem Überraschungserfolg seines Regiedebüts SHALLOW GRAVE ("Kleine Morde unter Freunden", 1994) und dem Nachfolge-Hit TRAINSPOTTING ("Trainspotting - Neue Helden", 1996), bewies Danny Boyle, dass britisches Filmtalent auch außerhalb des Londoner Soho-District zu finden ist. Und mit MILLIONS wollte er erneut eine Gegend seines Heimatlandes erforschen, die viele Leute kennen und in der viele Menschen leben, die aber selten auf der Leinwand zu sehen ist.

In der Geschichte des britischen Kinos wurde Englands Norden seit den 60er Jahren bis heute der Status einer Nebenrolle in Kleinfamiliendramen zugewiesen. Hier endlich kommt die Gegend mal zu ihrem Recht als ein Ort, der die Schönheit der Natur mit Anspruch und Modernität kontrastiert. "Die Herausforderung bestand darin, den Film sehr farbig und leuchtend aussehen zu lassen," sagt Boyle.

"Es ist einfach, eine andere Seite des Lebens im Norden zu zeigen, weil ich denke, dass die Farben und das Leben von der Stimmung der Menschen geprägt werden und der Humor der Leute im Norden ist ein ganz besonderer". Broadbent ergänzt: "Danny arbeitete sehr hart daran, uns zu vermitteln, wie der Film aussehen sollte. Er wollte, dass er sehr hell, optimistisch und neu wirken sollte. Es sollte ein England im Aufbruch zeigen."

Um die Bilder in seinem Kopf in bewegte Bilder zu verwandeln, holte Boyle den Kameramann Anthony Dod Mantle ins Projekt, mit dem er schon bei dem visuell beeindruckenden Film 28 DAYS LATER ("28 Tage später", 2002), zusammengearbeitet hatte und der auf High-Definition-Video gedreht worden war. Boyle und Dod Mantle entwickelten für MILLIONS ein ähnliches Konzept.

Die Tatsache, dass der Film kurz vor Weihnachten spielt, stellte Dod Mantle vor ein Problem. "Es ist ein wenig schizophren, denn es ist ein Winter-Film, aber wir haben ihn im Sommer gedreht und 60 Prozent des Films spielen bei Tag/Außen. Einen kleinen Teil des Films haben wir im Studio gedreht".

Neben vielen Beleuchtungsänderungen an den Originalmotiven in Manchester und Liverpool, hatte Dod Mantle eine Farbdramaturgie für den Film zu entwickeln, die es ihm erleichtern sollte, letzte Änderungen am Look während der Postproduktion durchzuführen. Aber obwohl Boyle und sein Team daran gelegen war, den Norden im rechten Licht erscheinen zu lassen, waren die Figuren selbst Teil der Farbgestaltung.

"Wir machten eine Menge Tests um die besten Farben für die Kostüme der Kinder herauszufinden und wir besuchten viele Schulen in der Nähe unserer Drehorte," sagt Boyle. "In einer Schule entdeckte ich diese Mischung aus gelb und blau und ich fand sie einfach perfekt für den Film. Ich wusste, dass Anthony die Farben hervorragend stehen würden. Das war sozusagen der Schlüssel, den unser Produktions-Designer Mark Tildesley brauchte, um loszulegen."

Neben dieser eher spontanen Entdeckung hatten Boyle und Dod Mantle sehr genaue Vorstellungen von den Figuren und den besonderen Welten, in denen sie leben. "Zum Beispiel hatten Danny und ich den Wunsch nach visuellen Horizonten für den Vater Ronnie, als er nach dem Tod seiner Frau versucht, für die Jungs einen neuen Platz im Leben zu finden. Damian ist eine spirituelle Figur und als er sich mit den Heiligen beschäftigt, wollte ich seine Farben eher zurücknehmen und zart erscheinen lassen.

Anthony ist eher ein Materialist, also habe ich versucht, ihm leuchtende, starke Farben zu verpassen. Sein Blick und sein Ausdruck sind viel härter wenn er zur Kamera schaut, während Damian viel zarter und gelassener wirkt, wenn er zur Kamera hochschaut. Er ist ein Junge, der nach etwas sucht." Das Ergebnis ist ein vibrierender, glänzender und ein - im wahrsten Sinne des Wortes - zauberhafter Film. "Der Film soll nicht blass und gedämpft wirken," sagt Hauptman. "Ganz im Gegenteil: er soll Risiken eingehen."

Eine Welt der Wunder Es gibt einen alten Lehrsatz im Showbusiness der davor warnt, mit Kindern oder Hunden zu arbeiten. Dabei gilt dieser Rat eher dem Business als der Show. Danny Boyle hat die Arbeit mit Kindern sehr gefallen und er kann seine jungen Darsteller nur feiern. "Das Wunderbare an der Arbeit mit Kindern ist, dass man so viel lernt," sagt er.

"Als Regisseur habe ich bei diesem Film mehr gelernt, als bei jedem anderen. Man lernt über das Schauspielern, über das Präsentieren von Geschichten und man kann sehen, wie die Kinder Informationen aufsaugen und daran wachsen. Sie sind so hungrig danach Neues zu lernen, selbst wenn es manchmal so wirkt, als ob sie gelangweilt sind und lieber zurück an ihre Playstation wollen. Nach dem Ende der Dreharbeiten sah ich, dass sie sich sehr verändert hatten. Wir waren an einem Punkt angekommen, an dem sie keine Ansagen mehr brauchten."

Für Kameramann Anthony Dod Mantle eröffnete die Arbeit mit Kindern die Chance das Regelwerk seines Berufs zu vergessen und zu experimentieren. "Es ist die beste Gelegenheit zu spielen," meint er, "und wenn du einen Regisseur hast, der auch gerne spielt, kann das eine ganz wundervolle Erfahrung sein." "Danny ist in vielerlei Weise beeindruckend," sagt Produzent Graham Broadbent.

"Er vermittelt seine Begeisterung an sein Team und die Leute geben viel mehr, als sie normalerweise bei Dreharbeiten zu geben bereit sind. Aber er engagiert sich auch ganz erheblich persönlich für das, was er erreichen will und es war sehr beeindruckend ihn bei der Arbeit mit den Kindern zu beobachten. Er wusste, wie er sie zu nehmen und zu inspirieren hatte. Er arbeitete sehr hart, um eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen. Er liebte sie und sie liebten ihn."

Frank Cottrell Boyce zufolge kam Regisseur Boyle endgültig bei den Kindern an, als sie die Szene drehten, in der Damian an dem Krippenspiel in seiner Schule teilnimmt. "Danny sang das Weihnachtslied Little Donkey für die jungen Komparsen, um sie in Stimmung zu bringen," sagt er. "Er sang es völlig falsch und ich hoffe, das wundervolle Material wird auf der DVD veröffentlicht!"

Boyle war sich dieses Szenarios durchaus bewusst und er war froh darüber. "Als Regisseur versuchst du manchmal so sehr wie nur irgend möglich ein Kind zu sein," sagt er. "Ich habe die Dreharbeiten zu diesem Film sehr genossen, denn diesmal gab es eine gute Entschuldigung. Niemand beobachtete mich und sagte: ?Oh, oh, jetzt ist er völlig durchgedreht'. Alle dachten, ich würde alles nur tun, damit die Kinder sich wohl fühlten ..."

Aber bei all dem Spaß und dem nicht immer ganz ernsten Verhalten, erfuhren die Filmemacher viel über das Leben und die Seele von Kindern heute - auch Dod Mantle, der selbst einen jungen Sohn hat. "Schau dir Alex an," sagt er. "Hier ist ein junger Typ, der sich an keine Schauspiel-Regeln hält.

Er ist acht Jahre alt und will es wissen. Also steht er da ganz einfach vor dir und macht, was er meint tun zu müssen - das finde ich wundervoll. Ich habe eine Menge Dokumentationen gedreht, bei denen man sehr spontan sein mußs und in diesem Fall wollten wir gemeinsam spontan sein, Danny als Regisseur und ich als Kameramann. Und wir wollten die irrationale Welt in diesem kleinen Kopf verstehen lernen."

Dem stimmt Danny Boyle voll und ganz zu. Auch wenn der Film sich mit Heiligen und Wundern beschäftigt, ist seine Botschaft nicht wirklich religiös. "Der Film sagt, wenn du wirklich an deine Träume glaubst, werden sie irgendwann in Erfüllung gehen." Und das könnte schlicht und ergreifend die Geschichte dieser außergewöhnlichen Produktion sein.

Szenenfoto
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