Das Imperium der Wölfe

Produktionsnotizen

Von der Idee zum Roman Die Romane von Jean-Christophe Grangé basieren auf Recherchen, Begegnungen und Erkenntnissen aus seiner Zeit als Reporter für die Sunday Times, National Geographic, den Stern und viele andere. Ausgangspunkt für Das Imperium der Wölfe war das Vorhaben, zwei Themen, die er bei seinen Reportagen wiederholt aufgegriffen hat, zu verbinden: Erstens die Ablösung der Psychologie durch die Neurologie - pathetisch formuliert, das Vorhaben der neurologischen Forschung, eine Kartographie der psycho-mentalen Existenz zu erstellen, damit man dieses Gebiet immer genauer und gezielter behandeln, oder anders ausgedrückt ins Visier nehmen kann.

Grangé war erstaunt, dass die Neurologen bei ?Kunstfehlern' gern den ebenfalls militärisch belasteten Terminus des ?Kollateralschadens' verwendeten. Das zweite Thema, mit dem er sich immer auseinandergesetzt hat, ist die Welt der Geheimbünde und der organisierten Kriminalität. Dieser Welt hat er nicht nur seinen bislang bekanntesten Roman Die purpurnen Flüsse gewidmet, sondern auch einer Serie von Reportagen.

In diesem Zusammenhang stieß er bei seinen Recherchen auf die Organisation Bozkurt, die Grauen Wölfe, die, anders als die meisten Organisationen dieser Art zwar wie die Mafia agiert, darüber hinaus aber auch paramilitärisch und militant nationalistisch ausgerichtet ist. Aus diesen beiden Grundsubstanzen hat Grangé seine Geschichte wie in einem chemischen Experiment zusammengeführt.

Vom Roman zum Filmstoff Unter etwa einem Dutzend Interessenten an den Rechten entschied sich Jean-Christophe Grangé und sein Verlag Albin Michel für Gaumont. Zum einen aufgrund der guten Erfahrungen, die sie bereits bei der Verfilmung von Die purpurnen Flüsse miteinander gemacht hatten, aber auch weil Produzent Patrice Ledoux und Regisseur Chris Nahon bereits bei den ersten Verhandlungen ein schlüssiges Konzept für die Umsetzung präsentierten: Unter anderem brachten sie ein ganzes Album mit Fotos und Zeichnungen von Paris im Regen mit, und die Farbskala des Projekts sah Nahon zwischen Blau und Grün - jedenfalls zeitgemäß und unterkühlt.

Jean-Christophe Grangé erinnert sich, dass Chris Nahon auf ihn den Eindruck eines Dirigenten machte: "Es schien mir, dass die visuelle Atmosphäre bereits wie eine Partitur in seinem Kopf vorhanden war. Sehr angetan war ich auch, dass er den Bogen und die Ökonomie des gesamten Films bereits im Sinn hatte, anstatt sich nur auf einzelne Szenen zu kaprizieren.

Kurioserweise habe ich mit Regisseuren oft die Erfahrung gemacht, dass ich gar nicht um die Respektierung von Werktreue kämpfen mußs, sondern dass ich sie im Gegenteil überreden mußs, sich von ihrer Verliebtheit in bestimmte Momente des Buches zu lösen. Ich möchte im Kino die Grundzüge meiner Geschichte wieder erkennen. Aber ich möchte diese Geschichte mit den Mitteln des Kinos erzählt bekommen."

Grangé schrieb dann ein hundertseitiges Handlungsgerüst für den Film und überließ dann die Feinarbeit dem Autorenteam Christian Clavier und Franck Olivier. Nur ein Jahr nach Vertragsabschluss begannen die Dreharbeiten.

Zwischen Fantasy, Neo-Noir und Science Fiction Chris Nahon hat präzise Vorstellungen von dem geheimen Pakt zwischen Filmemacher und Publikum: "Die Zuschauer halten sich gern an der Realität fest, möchten aber auch, dass sie jemand aus dieser Bindung löst. Aber sobald sie sich von der Fiktion einnehmen lassen, verlangen sie auch unbedingt wieder geerdet zu werden.

Man kann die Grenzen des Realen so oft und so weit überschreiten wie man will, doch man mußs die Geschichte so lenken, dass das Publikum am Ende wieder auf seine Füße fällt." Das Imperium der Wölfe legt es darauf an, dass man süchtig wird nach den wahnsinnigen Abgründen zwischen Fantasy, Neo-Noir und Science-Fiction, in die man gelockt wird. Der Filmemacher bleibt dabei jedoch der nüchterne Meister, der den Weg durch diesen Trip sicher zu seinem Ausgang zu steuern weiß.

Unbekannte Darsteller "Lasst uns ins Risiko gehen", sagte Chris Nahon zu Beginn des Projekts. Nachdem klar war, dass Jean Reno die Rolle von Schiffer spielen würde, entschied er sich bei den anderen Darstellern für einen Weg, den er gern die ALIEN-Methode nennt: "Ich habe immer Ridley Scott bewundert, dass er ALIEN mit Ausnahme von Sigourney Weaver nur mit Unbekannten besetzt hat. dass dieser Film so offensiv auf Star-Values verzichtet hat, trug sehr viel zu seiner legendären Wirkung bei.

In unserem Fall hatten wir großes Vertrauen in Arly Jover und Jocelyn Quivrin. Wir haben sie sorgfältig vorbereitet, aufgebaut und umsorgt. Sie haben im Gegenzug wesentlich dazu beigetragen, diesem virtuos komponierten Miteinander aus hart gesottenem Realismus, moderner Optik und psychologischer Raffinesse überhaupt erst Leben einzuhauchen.

Regen, immer nur Regen Im Film regnet es praktisch immer, die meisten Szenen wurden nachts gedreht und es gibt einen großen Anteil an Kampfszenen - drei Faktoren, die die Dreharbeiten sehr geprägt haben. Der nächtliche Regen ist ebenso atmosphärisches Leitmotiv, wie allegorisches Moment der Story, aber auch Katalysator für die Intensität des Films: "Es war mir klar", so Chris Nahon, "dass ich damit den Wohlfühlfaktor bei den Dreharbeiten sehr klein halten würde: beim Produzenten, weil dieser permanente künstliche Regen natürlich nicht umsonst zu haben ist, aber auch bei allen Mitarbeitern, deren Arbeitsbedingungen zwangsläufig erschwert wurden.

Die klamme Nässe am Set sickerte praktisch in jede Person und erzeugte zwangsläufig eine klamme Befindlichkeit. Außerdem mußs man sich vorstellen, dass Regen und Wind für die Kamera erst sichtbar werden, wenn sie die zehnfache Wucht einer Dusche haben. Es war ein harter Weg, aber ich sehe nicht, welchen einfacheren Weg es gegeben hätte."

Dreharbeiten in der Türkei Das gesamte Finale von Das Imperium der Wölfe wurde in der Türkei gedreht, in jenem Teil Anatoliens, der auch als Ursprungsgebiet der Terrororganisation der Grauen Wölfe gilt. Das Kerngebiet der heutzutage als Kappadokia bezeichneten Region liegt im zentralanatolischen Hochland, etwa 300 km südöstlich von Ankara auf einer Meereshöhe von 1000 - 1200 Meter.

Die geographischen Grenzen dieser Tuffregion sind der Berg Hasan Dag (3253 m) im Südwesten, die Flüsse Kizilirmak im Norden, der Melendiz Suyu im Südwesten, der Mavruncan im Südosten und der 3916 Meter hohe Vulkan Erciyas Dagi im Osten nahe der Stadt Kayseri. Das einmalige Gesicht dieser Landschaft wird von erodierenden Gesteinsformationen bestimmt. Die so entstandenen Zacken, auch Stoßzähne oder Feenkamine (peri bahcalari) genannt, sind veritable Naturwunder.

Viele dieser oft bizarr anmutenden Tuff-Gebilde wurden zu Wohnzwecken ausgehöhlt. Zwar stellt diese Form der Höhlenarchitektur ein grandioses Beispiel schöpferischen menschlichen Wirkens dar, unter geologischen Gesichtspunkten jedoch ist es eine Katastrophe, da die statisch oftmals unbedachten Aushöhlungen die Erosion enorm beschleunigen. Pessimistische Schätzungen geben dieser Landschaftsformation noch eine Lebendsauer von maximal 200 Jahren.

Seit zehn Jahren gehören die Feenkamine zum Weltkulturerbe der UNESCO. Weiterer Aushöhlung sollte damit Einhalt geboten werden. Zwischen dem Abschluss der Dreharbeiten in Frankreich und dem Dreh des aufwendigen Show Down in der Türkei lagen drei Monate. Beeindruckt von der Großartigkeit dieser Bergkulisse war es für Chris Nahon ein absolutes mußs in Kappadokia zu drehen. "Viele Bestechungsgelder sind dafür geflossen", erinnert sich Patrice Ledoux.

"Wir mußsten permanent das Drehbuch anpassen, Verantwortliche ablenken oder unter Begleitschutz drehen. Die Grauen Wölfe agieren dort teilweise ganz offen, auch mit Tolerierung durch die Polizei. Letztlich war dort niemand am genauen Inhalt unserer Geschichte interessiert - dass die Grauen Wölfe den Drogenhandel kontrollieren, das wird alljährlich von Geheimdiensten und Regierungen in aller Welt veröffentlicht.

Zwei andere Leichen in ihrem Keller durften aber auf keinen Fall auch nur angedeutet werden: niemals sollte von ihrer Verstrickung in den Völkermord an den Armeniern die Rede sein und auch nicht von ihrer Beteiligung am Attentat auf Pabst Johannes Paul II. im Jahr 1981." Und Chris Nahon fügt hinzu: " Der türkische Teil der Dreharbeiten war wie eine Impfung durch die Wirklichkeit. Sie hat uns im Nachhinein die Möglichkeit und Plausibilität unserer Fiktion greifbar gemacht."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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