Almost Heaven

Produktionsnotizen

"Eine deutsche Country-Sängerin auf Jamaika - was für eine herrlich absurde Konstellation!" sagte Produzentin Judy Tossell, als Autor und Regisseur Ed Herzog ihr 1999 von seiner Idee zu ALMOST HEAVEN erzählte. "Ich fand die Prämisse von vornherein großartig", erklärt die Gründerin der Egoli Tossell Film AG, "und mir gefiel das enorme Potenzial, das darin steckt. Mir war sofort klar: Diesen Film mußste ich unbedingt produzieren."

Zu seiner Fish-out-of-Water-Geschichte war Ed Herzog vor acht Jahren bei seinem ersten Jamaika-Aufenthalt angeregt worden: "Anfangs fand ich die Insel ganz grauenvoll", erzählt er. "Denn die Armut war größer, als ich gedacht hatte, und die Einwohner waren gegenüber Weißen mitunter sehr feindselig eingestellt. Manches von dem, was Helen auf der Leinwand erlebt, ist mir auch passiert: Man hat mich in den falschen Bus gesetzt und mir ein gefälschtes Ticket verkauft; ständig wurde ich angequatscht, weil mir jemand etwas aufschwatzen wollte.

Ich war genervt und fühlte mich verloren - ganz ähnlich wie Helen im Film." Aber nach etwa zwei Wochen kippte seine Stimmung: "Ich begann, die Leute besser zu verstehen, ihr Leben, ihre Mentalität, ihren Humor. Inzwischen bin ich von Jamaika begeistert. So kam ich auf die Idee, einen Film zu drehen, in dem die Insel einmal anders dargestellt wird als sonst." Hinzu kam, dass Herzog als großer Musikfan schon lange einen Film mit Musik machen wollte.

Auch hierfür bot sich Jamaika als Schauplatz an: "Ich erinnere mich an eine zweistündige Überlandfahrt mit dem Taxi, bei der der jamaikanische Fahrer nur eine einzige Kassette hatte - nämlich ein Band mit Country-Gospel-Musik. Bis dato hatte ich Country und Reggae immer für den größtmöglichen Gegensatz gehalten. Doch dann fand ich heraus, dass die Jamaikaner auf Country und Western stehen - und dass es von jedem großen Country-Hit auch eine jamaikanische Version gibt: Die Musik auf der Reggae-Insel saugt alle möglichen Strömungen wie ein Schwamm auf und verarbeitet sie weiter."

Nachdem Ed Herzog Produzentin Judy Tossell für sein Projekt begeistern konnte, kam sehr schnell auch Hauptdarstellerin Heike Makatsch mit an Bord. "Sie war unsere Wunschkandidatin", betont Judy Tossell. "Seit ihrer ,Stand By Your Man'-Interpretation in MÄNNERPENSION wissen wir alle, dass sie auch singen kann. Weil die Wahl fast zwingend auf sie fallen mußste, haben wir gar kein Casting veranstaltet, sondern sie einfach gefragt, ob sie Interesse hätte. Sie war sofort Feuer und Flamme für das Projekt - und hat zum Beispiel auch in Finanzierungsgesprächen leidenschaftlich dafür gekämpft."

Einen Einwand bekamen Herzog und Tossell von Geldgebern immer wieder zu hören: Country sei out. "Diese Musikrichtung wird von vielen nicht besonders ernst genommen", konstatiert Judy Tossell. "Aber die CD-Verkaufszahlen zeigen, dass Country-Musik erfolgreicher ist als je zuvor. Offenbar sind die meisten Leute zumindest heimliche Country-Fans!" Eine der größten Herausforderungen war die Besetzung von Rosie, der zweiten Hauptfigur. "Wir haben zunächst natürlich auf Jamaika gesucht", berichtet Tossell.

"Dort gab es zwar viele gute Schauspielerinnen, aber keine junge Frau, die genug Filmerfahrung mitgebracht hätte, um eine solche Rolle zu stemmen - das waren alles Theaterdarstellerinnen, die mit großen Gesten gearbeitet und eine ganz andere Spielkultur gepflegt haben. Dafür hatten wir in London eine große Auswahl an tollen jungen Schauspielerinnen. Und unter denen war Nikki Amuka-Bird ein besonderer Glücksfall: Ihre Mutter kommt aus Antigua, einer Nachbarinsel von Jamaika.

Zudem stellte sich Nikki als absolute Perfektionistin heraus, was Rosies Akzent betraf - Tag für Tag und Wort für Wort hat sie mit ihrer jamaikanischen Maskenbildnerin daran gefeilt. Es war eine gigantische Mutprobe für sie, als Ausländerin inmitten all der stolzen Jamaikanerinnen zu agieren, die vielleicht sogar scharf auf ihre Rolle waren. Aber sie hat sich bald großen Respekt verschafft: Die anderen haben schnell gemerkt, wie sehr sie sich reinhängt und wie grandios sie ist."

Für die anderen deutschen Rollen konnten Ed Herzog und Judy Tossell ebenfalls ihre Wunschbesetzung verpflichten: Wotan Wilke Möhring spielt Helens Ehemann Carlo; Ivan Shvedoff, der in Tossells erster Spielfilm-Produktion (ENGLAND! von Achim von Borries) die Hauptrolle gespielt hatte, verkörpert den jungen Russen Strike, der an Helens Gesangskünste glaubt; und Michael Gwisdek ist als deutscher Botschafter auf Jamaika zu sehen.

Judy Tossell erläutert, wie sie Michael Gwisdek an die Angel bekam: "Ihn konnten wir locken, weil er in einem Interview einmal auf die Frage nach seinen Kriterien bei der Rollenwahl scherzhaft geantwortet hatte: ,Geld, schöne Frauen, schöne Drehorte!' Ich schrieb ihm, dass wir ihm zwei der drei Dinge bieten könnten - wir hätten zwar wenig Geld, aber immerhin Heike Makatsch und Jamaika! Daraufhin hat er sich überreden lassen ..."

Besonders glücklich waren Judy Tossell und Ed Herzog darüber, dass sie auch zwei der bedeutendsten jamaikanischen Künstler für ALMOST HEAVEN gewinnen konnten: "Die Frau, die bei der nächtlichen Dancehall-Party auftritt, ist Tanya Stevens", kommentiert Herzog. "Sie hat letztes Jahr sämtliche Reggae-Preise abgeräumt, und ich halte sie für die derzeit größte jamaikanische Reggae-Sängerin."

Und Shervin, der Sänger und Musiker, mit dem Helen ihre faszinierende Mischung aus Country und Reggae kreiert, wird von Leinwand-Held Carl Bradshaw verkörpert. "Mit ihm haben wir einen Volltreffer gelandet", führt Judy Tossell aus. "Er ist zwar kein Musiker, aber auf ganz Jamaika eine absolute Legende. Jeder kennt ihn, denn er hat in allen bedeutenden jamaikanischen Filmen mitgespielt - von ,The Harder They Come' bis ,Dancehall Queen'."

Gedreht wurde von April bis Juni 2004, erst in und um Köln, dann auf Jamaika - dort mit einer Crew, die zum überwiegenden Teil aus Einheimischen bestand. Wer allerdings geglaubt hatte, die Vorschriften für Filmteams seien auf der Reggae-Insel lockerer als in Deutschland, sah sich getäuscht: "Oft ist der Behördenkram sogar komplizierter als bei uns", berichtet Ed Herzog.

"Es wird zum Beispiel vorgeschrieben, dass immer Polizei dabei sein mußs, wenn man auf der Straße dreht - deshalb mußs man ziemlich gut aufpassen, damit nicht ständig ein Polizist durchs Bild läuft. Und wenn man in einem Ghetto drehen möchte, dann mußs man vorher mit dem Chef des Ghettos verhandeln, dem so genannten Don: Man macht eine bestimmte Summe aus, die man zum Beispiel für das örtliche Jugendzentrum spendet - und dann hat man automatisch ein Dutzend Leute aus dem Ghetto um sich herum, die dafür sorgen, dass die Dreharbeiten nicht gestört werden."

Für die nötigen Kontakte vor Ort war die jamaikanische Produktionsleiterin Natalie Thompson zuständig. "Sie scheint auf dieser Insel wirklich jeden zu kennen", schwärmt Judy Tossell. "Und sie wird überall respektiert - von den Ghettos bis hinein in Regierungskreise. In jeder Situation wusste sie genau, wen sie anrufen mußste. Ohne sie ging gar nichts!"

Ed Herzog und sein langjähriger Kameramann Sebastian Edschmid entschieden sich bewusst dafür, stets möglichst nah an der Realität zu bleiben: Wenn eine Szene in einem Ghetto oder an einem Busbahnhof spielen sollte, dann wurde sie auch dort gedreht. "Man ahnte oft nicht, was passieren würde", erzählt Judy Tossell, "weil man den Dreh nur bis zu einem gewissen Grad organisieren konnte. Aber diese improvisierten, halb dokumentarischen Szenen haben einen ganz besonderen Reiz."

An einen Abend erinnert sich der Regisseur besonders lebhaft: "Bei der nächtlichen Party auf der Straße herrschten die verrücktesten Drehbedingungen, die ich je hatte. Eigentlich kannten wir die Location: Jeden Sonntag tanzen da ungefähr 500 Leute. Aber anscheinend hatte sich herumgesprochen, dass wir da drehen wollten - jedenfalls waren an diesem Abend etwa 2.000 Leute auf der Straße, etwa so dicht gedrängt wie bei einem Rockkonzert in der Arena unmittelbar vor der Bühne.

Und wir haben uns einfach in die Menge gestürzt. Wir mußsten uns sogar mit Heike und unserer 35mm-Kamera zwei Mal einen Weg hindurchbahnen. Zum Glück war die Stimmung dort sehr friedlich und entspannt. In Deutschland hätten wir sicher spätestens beim zweiten Mal ordentlich Prügel bezogen." Vorbild für diese Art zu drehen war der Klassiker "The Harder They Come": "Ich liebe diesen Film", gesteht Ed Herzog, "vor allem, weil er so lebendig ist. Weil er überall vor Ort und mittendrin ist und nicht so ein touristisches Bilderbuch-Jamaika zeigt.

Bei unserem Abschiedsfest habe ich erste Schnittsequenzen von ALMOST HEAVEN gezeigt, und die Teammitglieder aus Jamaika kamen hinterher auf mich zu und sagten, sie seien glücklich und stolz, denn das sei ja endlich mal wieder ein guter jamaikanischer Film. Das Kompliment hat mich sehr gefreut - und gleichzeitig überrascht, denn ich war zuvor immer davon ausgegangen, einen deutschen Film gedreht zu haben. Aber es war mir sehr wichtig, dass die Insel nicht nur eine Kulisse ist, sondern selbst eine Rolle spielt."

Die Songs für den Film wählte der Regisseur zusammen mit Heike Makatsch und dem musikalischen Berater Charlie Gillett aus. Gillett, einer der angesehensten World-Music-Experten, war unter anderem auch dafür zuständig, die Rechte an bestimmten Musiktiteln zu klären und Alternativvorschläge zu machen, wenn sich Herzogs Vorstellungen etwa aus finanziellen Gründen nicht realisieren ließen.

Einen ganz besonderen Coup landeten die Filmemacher mit der Verpflichtung des Score-Komponisten: Kein Geringerer als Gitarrengott Bill Frisell erklärte sich bereit, die Filmmusik zu schreiben. "Ich wollte, nachdem wir schon viel jamaikanische Musik im Film hatten, für den Score jemanden, der eher Helens Seite entstammt und ihre Country-Nashville-USA-Sehnsucht dokumentiert", begründet Ed Herzog seine Wahl.

"Und witzigerweise hatte sich Frisell, der zuvor schon im Jazz-, Klassik- und Avantgarde-Bereich Herausragendes geleistet hatte, in den letzten Jahren zur amerikanischen Country-Musik hingewendet. Ich habe mich bei einem Konzert in Halle mit ihm verabredet, ihn hinter der Bühne gesprochen und ihm das Drehbuch in die Hand gedrückt. Und er war sehr interessiert. Als der Film fertig geschnitten war, gab es bei ihm allerdings nur noch einen äußerst knappen Zeitrahmen von einer Woche.

Da bin ich kurzerhand nach Seattle geflogen, und wir haben innerhalb von sieben Tagen tatsächlich den ganzen Soundtrack aufgenommen - im Studio von Pearl Jam, einem alten Rock-Studio mit einem gigantischen Kronleuchter an der Decke. Es war eine ungewöhnliche Vorgehensweise: Ich habe Bill Frisell erklärt, was ich in der jeweiligen Szene möchte, und er hat sich einfach vom Film inspirieren lassen, hat seine Gitarre gepackt und losgelegt. Das hat wunderbar funktioniert - der Mann ist einfach ein großartiger Improvisator."

"In ALMOST HEAVEN geht es um die Wahrnehmung von sich selbst. Der Film handelt davon, dass das, was man sich sehnsüchtig wünscht, nicht unbedingt das Beste für einen ist. Und dass das Glück im Moment liegt: nicht an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit, sondern hier und jetzt. In diesem Moment."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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