Das wandelnde Schloss

Produktionsnotizen

Von Hauros Burg zum wandelnden Schloss 1992 wurde "Archer's Goon", einer der Romane von Diana Wynne Jones, vom britischen Sender BBC in sechs Episoden à 25 Minuten ausgestrahlt. Die Schriftstellerin erklärte damals: "Ich glaube, dass sich 'Howls Moving Castle' mit seinem einzigartigen Dekor, dessen Türen sich in verschiedene Landschaften öffnen, hervorragend für die Kinoleinwand eignet. Die Spezialeffekte-Könner vollbringen heutzutage wahre Wunder!"

Sie konnte sich keinen Besseren für die Adaption vorstellen als Hayao Miyazaki. Die Leser des Buches werden überrascht sein von den Gemeinsamkeiten im Universum dieser beiden Künstler, die unabhängig von der großen Entfernung ihrer Heimatländer bestehen. Zwar mußste Miyazaki fürs Drehbuch Kürzungen der umfangreichen Buchvorlage vornehmen, ihrem Geist aber ist er treu geblieben. So scheint das "wandelnde Schloss" beinahe so etwas wie ein Kondensat all seiner Filme zu sein.

Das operettenhafte Königreich, das Diana Wynne Jones beschrieben hat, gab Miyazaki die Möglichkeit, die barocke Ausstattung von "Kiki's Delivery Service" wieder aufzugreifen. Der Filmemacher fügte einfach ein ganzes Bataillon von fliegenden (wie in "Laputa: Castle in the Sky") oder schwimmenden (wie in "Crimson Pig") Maschinen hinzu, um die drohenden Gefahren eines heraufziehenden Krieges zu verstärken - im Buch ist lediglich von einem Konflikt zwischen zwei benachbarten Königreichen die Rede.

Für Miyazaki ist nichts gewiss, für ihn steht die Realität auf schwankendem Boden, sind die Geister überall präsent... Daher fühlte er sich in der magischen Welt der Buchvorlage zu Hause, in der man mit Zaubermitteln kämpft (wie in "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland") und niemand wirklich der ist, der er zu sein scheint. Unter der Oberfläche einer alten Frau bleibt Sophie ein junges Mädchen.

Die Vogelscheuche "Rübe", ein freundlicher Verweis auf "My Neighbor Totoro", ist in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz. Und Hauro kann sich in einen Vogel verwandeln oder als Doppelgänger des Königs auftreten. Miyazakis Welt ist permanent im Umbruch. Er liebt es, seinen Figuren Doppelgänger zu geben oder ihre Identität zu ändern. Chihiro wird von Yubaba umbenannt in Sen. In DAS WANDELNDE SCHLOSS kennt man Hauro sowohl als Herr Jenkins und als Herr Pendragon (im Buch hat er noch eine dritte Identität als Hubert Berlu).

All diese fantastischen Einfälle erobern die Geschichte und stellen sogar die erzählerische Kontinuität auf den Kopf: die magische Tür erlaubt es, innerhalb einer Sekunde von einer Realität in eine andere zu wechseln. Dabei sind die Überschneidungen manchmal beunruhigend: Wenn Hauro sich deprimiert unter grünem Vogelschleim verbirgt, ruft er das faulige Monster auf den Plan, von dem Chihiro sich befreien mußste. Die Szene ist original dem Buch entnommen, wurde also 1986 geschrieben!

Im Roman wird das Schloss nur wenig beschrieben. Miyazaki hat ein Mobile wie von Tinguely erschaffen und dafür Unmengen von Schrott verarbeitet, mit Stegen und Brücken, Türmchen und geheimen Treppen. Eine schöne Idee ist es auch, aus dem Feuer einen eigenständigen Charakter zu machen. Sieht man Calcifer, wie er sich die Lunge aus dem Hals bläst, um das Schloss vorwärts zu bewegen, fühlt man sich an Kamaji erinnert, den Alten mit den sechs Armen, der den Feuerofen im Badehaus in "Chihiros Reise ins Zauberland" bediente.

Und wenn Sophie, ausgestattet mit Eimer und Besen, eine gigantische Reinigungsaktion im Schloss startet, glaubt man Kiki und Chihiro bei der Arbeit zu sehen. Ein anderes, immer wiederkehrendes Thema ist der Kampf zwischen Gut und Böse, die bei Miyazaki nicht klar getrennt sind. In ihrem prunkvollen Palast residiert die Zauberin Suliman wie eine friedliebende Monarchin. Sie scheint voller Weisheit und Güte.

In Wirklichkeit aber empfindet sie sadistische Freude daran, ihre Besucher eine überdimensionale Treppe emporsteigen zu lassen und entpuppt sich als Kriegs-treiberin. Aber bei Miyazaki gibt es keine Rachegedanken: Sophie nimmt die gemeine Hexe aus dem Niemandsland bei sich auf, als sie eine verstörte, harmlose Alte geworden ist. Im Grunde erzählt Miyazaki in seinen späten Filmen einfache Geschichten.

Durch ihre Liebe befreit Chihiro den jungen Haku von einem Zauber (und findet selbst ihre Identität wieder). Sophie befreit Hauro und Calcifer (und erlangt ihre Jugend zurück). Unter Miyazakis Händen werden diese Geschichten zu reinen Fantasmagorien. Es wirkt, als schreibe er das Drehbuch im Verlauf der Dreharbeiten, so reich ist seine Vorstellungskraft. Der vorgegebene Rahmen eines britischen Märchens hat ihn nicht eingeschränkt.

Im Gegenteil, nie scheint er sich so frei und behaglich gefühlt zu haben. Und abgesehen davon, was er Sophie sagen lässt - "Ich hätte nie gedacht, dass das Alter einen so behindert" - Miyazaki scheint nie jünger gewesen zu sein!

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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