Klassenleben

Produktionsnotizen

1995 suchte Hubertus Siegert für seinen Kurzspielfilm The Orange Kiss Darsteller an Berliner Schulen. In einer Klasse der Fläming-Schule war das Casting besonders erfolgreich ? die Klassenlehrerin hieß Gudrun Haase. ?Die Klasse hatte eine erstaunliche Mischung von behinderten und begabten Kindern?, erinnert sich Siegert. ?Die Kinder waren sozial sehr weit.

Und sie konnten außerordentlich gut spielen, ohne das ganze Kindertheater-Tingel-Tangel, was sicherlich daran lag, dass Gudrun Haase mit Leib und Seele Theaterpädagogin ist.? Das Thema der Integrationsklasse reizte Hubertus Siegert als Filmstoff. Während der mehrjährigen Arbeit an seinem Kinodokumentarfilm Berlin Babylon geriet die Idee allerdings wieder in den Hintergrund. Spontaner Entschluss Jahre später, im November 2003, traf sich Hubertus Siegert auf privater Ebene mit Gudrun Haase, um mit ihr über die Einschulung seines Sohnes zu sprechen. ?An diesem Abend erzählte sie viel und sehr lebendig von ihrer fünften Klasse, und meine alte Idee nahm mit einem Mal Gestalt an ? in dieser Zeit hatte ich mich mit einem Projekt über europäische Schulkinder beschäftigt und war in die Materie eingearbeitet.

Ich habe sie gefragt, ob sie es riskieren will, dass ich einen beobachtenden Film in ihrer Klasse drehe. Sie hat sofort zugesagt.? Nachdem sich die Schule und die Direktorin Elke Hübner bereit erklärt hatten, das Projekt zu unterstützen, wurden in den Integrationsklassen aller sechs Jahrgänge der Schule Probeaufnahmen gemacht. ?Entschieden haben wir uns dann doch für die Elfjährigen von Frau Hasse, ein Alter, in dem die Kinder schon sehr bewußt, aber eben doch noch wirklich Kinder sind.?

Die Vorbereitungszeit des Films war abenteuerlich knapp. Ausgehend von einer Halbjahres-Dramaturgie, die den Bogen vom Winter in den Sommer schlägt, mußsten die Dreharbeiten zum Schulanfang am 9. Februar beginnen. Es blieben also nur zwei Monate für das Erarbeiten und Schreiben von Exposee und Skript, die Zusammenstellung des Teams und der Technik. In dieser Zeit mußsten auch die Drehgenehmigungen von Eltern und Kindern eingeholt werden, ein Prozess, der mit vielen und intensiven Gesprächen und Diskussionen verbunden war.

Die Finanzierung erfolgte zunächst auf eigenes Risiko der Produktion. Kurz vor Drehbeginn sagte die Filmstiftung Nord-rhein-Westfalen, später die Medienboard Berlin-Brandenburg zu. ARTE komplettierte schließlich noch vor Abschluss der Dreharbeiten das Budget von 220.000 Euro. ?Wir kamen hin mit den Herstellungskosten?, meint Hubertus Siegert.

?Mit dem kleinen Team, das der Dreh im Schulbetrieb ohnehin erforderte, und der hoch auflösenden Videotechnik konnten wir sehr kostengünstig arbeiten, auch wenn wir hier und da gerne noch etwas mehr gemacht hätten. Aber wenn man?s nicht hat, dann ist es ja auch egal... Das wirklich Teure ist heute die aufwendige Postproduktion, um die man nicht herum kommt, wenn man fürs Kino produzieren will.?

Dreharbeiten Gedreht wurde an insgesamt 35 Drehtagen, die sich auf jeweils ein- bis zweiwöchige Blöcke über das Schulhalbjahr verteilten. Der Drehtag begann in der Regel morgens um halb sieben vor der Schule, wo die ankommenden Schüler und die Nahtstelle zwischen außerschulischem und schulischem Leben gefilmt wurde. Für das Klassenleben brachten die Dreharbeiten durchaus sichtbare Auswirkungen mit sich.

Die Fenster des Klassenzimmers mußsten abgetönt werden, um stabile Lichtverhältnisse und damit die Bewegungsfreiheit der Kamera zu gewährleisten. Die Filmcrew bestand aus Ulla Kösterke bzw. Wolfgang Schukrafft, die den Ton einrichteten und aufnahmen, Armin Fausten als Kameramann und dem Regisseur Hubertus Siegert, der über einen mobilen Monitor und Funkton die Arbeit seiner Kollegen verfolgen und Hinweise geben konnte.

Beobachtung und Auswahl ?Zunächst filmten wir sehr spontan. Zwanzig Kinder verteilt an fünf Tischen, drei Pädagoginnen dazwischen, die einen ?binnendifferenzierten?, also auf die verschiedenen Kinder zugeschnittenen Unterricht veranstalten: Es war sehr schwer, Absprachen zu treffen, wir mußsten ständig beobachten und gleichzeitig überprüfen, ob die Situation für den Film geeignet sein könnte?, erzählt Hubertus Siegert.

?Das ist dann stark abhängig vom Zufall, im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle zu sein und solche Sternstunden wie z.B. Johannas Referat mitzukriegen. Man mußs einfach dabei sein und sehr, sehr viel drehen und mitkriegen.? Nach den beiden ersten Drehphasen wurde das bis dahin entstandene Material zu einem provisorischen Rohschnitt montiert, um den bisherigen Verlauf auszuwerten, Entscheidungen für die weitere Arbeit zu treffen und die Haupt-Protagonisten festzulegen.

Das Team hatte sich durch einen glücklichen Zufall von Anfang an auf einen Vierer-Tisch konzentriert, an dem drei der späteren Protagonisten zusammen saßen. Dieses Szenario wurde nun um zwei weitere Kinder ergänzt, um der Vielfalt der Klasse und den sich abzeichnenden Erzählungen gerecht zu werden. Ausgehend von der Chronologie des Schulhalbjahres bestand der wesentliche Ansatz der Dramaturgie darin, sich erst in die Schulsituation einzufinden und mit den Kindern vertraut zu machen. Die Lehrerin wird dann, gewissermaßen als Antagonistin, aus der Kinderperspektive exponiert.

Selbstorganisation und Autorität Andere Lehrer sowie die pädagogischen Mitarbeiterinnen Birgit Hartmann und Inge Nebl-Koller, die als permanente Begleiterinnen eine große Bedeutung für die Klasse haben, konnten nur im Hintergrund vorgestellt werden, um nicht von den Kindern abzulenken. Ebenso wurde bald deutlich, dass die Dichte des Films nur wenige Wechsel vom Schulbetrieb in den privaten Alltag der Kinder zulassen würde.

Das Team beschränkte solche Aufnahmen deshalb auf wenige Situationen, im fertigen Film enthalten ist schließlich nur der Ausflug von Marwin und Christian zur Freiwilligen Feuerwehr. ?Interessiert hat mich vor allem die Balance, der Widerspruch zwischen der Selbstorganisation der Kinder und der Autorität der Lehrer im Einwirken auf die Kinder?, sagt Siegert.

?Aus diesem Widerspruch hat sich die Spannung ergeben. Dem gegenüber hat sich unser Interesse, die Integration der Behinderten in den Mittelpunkt zu rücken, mit zunehmender Drehzeit verändert. Im Alltag der Klasse, an den wir uns immer mehr gewöhnten, lief dieses Miteinander ganz normal und selbstverständlich ab. Diese Normalität wollten wir zeigen, sie war das Außergewöhnliche.?

Montage Nach dem Abschluss der Dreharbeiten Ende Juni 2004 arbeiteten sich Hubertus Siegert und sein Cutter Bernd Euschner durch die 100 Stunden gedrehtes Material. Zunächst konzentrierten sie sich auf die wichtigsten Ereignisse im Klassenleben der Protagonisten, ihre Konflikte mit der Autorität der Lehrerin, ihre Positionierung in der Klasse oder in den Arbeitsgruppen, ihr Verstehen oder Nicht-Verstehen.

Danach wurden die verschiedenen Erzählstränge untereinander so verwoben, dass sich der Verlauf des Schuljahres abbildete. Parallel zu den Dreharbeiten hatte Hubertus Siegert mit fast allen Kindern ausführliche Gespräche ohne Bild aufgezeichnet: Aus den Statements der Kinder entstand nun eine eigene Voice Over-Ebene, die die Alltagsszenerie der Bildebene weiter verdichten sollte. Dieser Kommentar wurde erst relativ spät eingebaut, da er nicht die narrative Struktur des Filmes bilden sollte.

Sichtungen Der Film wurde in seinen verschiedenen Schnittfassungen immer wieder den Beteiligten gezeigt, zunächst der Klassenlehrerin Gudrun Haase, dann zusätzlich der Direktorin Elke Hübner und dem sonderpädagogischen Koordinator der Schule Fred Ziebarth. Kurz vor Fertigstellung des Bildschnitts wurde der Film dann zuerst von den Eltern der Protagonisten und anschließend von diesen selbst gesichtet.

Vom Vetorecht gegen einzelne Einstellungen machte keiner der Beteiligten Gebrauch, kleine Änderungswünsche wurden eingearbeitet, andere Vorbehalte im Gespräch ausgeräumt. Das Sounddesign und die aufwendige Dolby Digital-Kinomischung mußsten sich der Herausforderung stellen, auf der Grundlage des Originaltons einen atmosphärischen Raumton zu schaffen und ohne spektakuläre Effekte die Spannung auf der akustischen Ebene zu erzeugen.

Auf eine musikalische Untermalung wie im Spielfilm wollte Siegert bewusst verzichten: ?Die Musik sollte keine emotionalisierende Wirkung haben, sondern Wegmarken im Film setzen oder Entspannung zwischen sehr konzentrierten Sequenzen bieten.? Neben der Klaviermusik von Baldassarre Galuppi, die nur im Vor- und Abspann sowie an zwei Schlüsselstellen des Films verwendet wird, komponierte Bernd Friedmann einen Rave, der meist außerhalb des Unterrichts zu hören ist. Dazu kommen die Musikstücke, die im Schulunterricht und in der Theateraufführung verwendet wurden.

Dancing Queen Problematisch für die Produktion hätte der Abba-Song am Ende des Films werden können: Ein Mädchen hatte für den Geburtstag der gelähmten Lena eine CD mitgebracht, und die Kinder tanzten spontan zu Dancing Queen. Diese Szene sollte unbedingt im Film vorkommen, die Lizenzrechte für Welthits sind aber meistens unerschwinglich. Abba zeigte sich jedoch sehr souverän und fand die Idee des Films unterstützenswert: Dancing Queen wurde schließlich die preisgünstigste Lizenz im ganzen Film.

Gerade durch die Fokussierung auf die Beobachtung und den Verzicht auf einen Filmkommentar hofft Hubertus Siegert, das Klassenleben einen Beitrag zur Bildungsdebatte leisten kann. Der Film zeigt eine fünfte Klasse, also die Schnittstelle von der Grundschule zum viergeteilten deutschen Schulsystem. Es gibt genügend Leute, die auf das Gymnasium schwören und von vorngerein Klassen mit leistungsschwächeren Schülern ablehnen.

Meines Erachtens ist aber die unzureichende Pädagogik das Problem, sowohl in heterogenen als auch in homogenen Klassen. Man müsste ernst nehmen, was entwicklungspsychologisch in welchem Alter am besten gelernt wird ? und dazu gehört eben auch Sozialverhalten. Aber es scheint eine fürchterliche Angst zu geben, etwas in Bewegung zu bringen, und die Debatte über das viergeteilte Schulsystem zu führen.

Vielleicht fürchtet man, damit Wählerstimmen zu verlieren. Aber am Ende bedeutet das, dass sich viele weiter an das Gymnasium als letzten Rettungsanker in einem desolaten Schulsystem klammern und damit genau den Kern des Problems bestärken: das Prinzip der Aussonderung.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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