Die grosse Depression

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Die "schwere deutsche Seele" kennt Konstantin Faigle von sich selber nur allzu gut. Schon als Knirps von vier Jahren kreisten seine Gedanken daheim im Schwabenländle um Sparbücher und Rente, Jahre später gesellen sich eingebildete Allergien und Schwermutsattacken hinzu. Typisch deutsch sollte man meinen. Schließlich jammern wir hierzulande nur allzu gerne, sei es über Arbeitslosenzahlen, das schlechte Wetter oder die Leistung unserer Fußballnationalmannschaft.

Aber möchte man in diesem deutschen Jammerland auch Kinder groß ziehen? Als der Regisseur von der Schwangerschaft seiner Lebensgefährtin Amparo erfährt, kommen ihm allmählich Zweifel. Liegt uns die Schwermut tatsächlich im Blut? Ist ganz Deutschland dauerhaft in Depression verfallen? Und falls ja, wo liegen die Gründe für unsere schlechte Stimmung?

Im Kleinbus begeben sich Faigle und sein Team auf eine ungewöhnliche Reise durch ihr Heimatland, um endlich Antworten - und hoffentlich auch ein wenig Abhilfe - zu finden. Liegt's an den Genen? Professor Dr. Florian Holsboer vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, der "Papst der Depression", weiß Faigle zu berichten, dass es sich bei der klinischen Depression tatsächlich um eine vererbbare Krankheit handelt, die dazu führt, dass man irgendwann nur noch an die eigene schlechte Stimmung denken kann.

Also könnte auch unsere deutsche Depression genetisch bedingt sein. Wie gut haben es dagegen die Menschen des indischen Staates Kerala. Dort leben angeblich die glücklichsten Menschen der Welt. Eine klinische Untersuchung zwischen Faigle und einem Keralaner soll Aufschluss geben über das "deutsche Depressions-Gen". Da der Mensch aber weit über 100.000 Gene besitzt, würde es bis zu einem Ergebnis Jahre dauern - zu lange für den Film.

Ein wenig mehr deutsch-indische Ehen könnten jedoch das Erbgut kommender Generationen durchaus positiv verändern. Möglicherweise sind wir Deutschen aber auch einfach viel zu neidisch. In seinem schwäbischen Heimatort Empfingen jedenfalls ist Faigle diesem Phänomen mehr als einmal begegnet, und auch seine Eltern können ein Lied davon singen. Nach ihrem Auftritt im ersten Kinofilm ihres Sohnes schlug ihnen zumindest allerlei Missgunst entgegen.

Und beim Werkstattbesitzer Georg Hellstern in einem der Nachbardörfer wird gar so mancher Porsche untergestellt, den die Besitzer eher ungern vor der eigenen Garage präsentieren möchten. Ganz anders sieht man dagegen die Lage in Tübingen, der Hochburg humanistischer Bildung. Der Schriftsteller und Rhetoriker Prof. Walter Jens, der selbst an Depressionen litt, hält die Krankheit jedenfalls für nicht ehrenrühriger als eine Blinddarmentzündung.

Helfen allerdings, so erzählt er dem Regisseur, tut vor allem eins: man mußs den eigenen Zustand richtig artikulieren, statt sich nur hinter der schlechten Stimmung zu verkrümeln. In Stuttgart erkennt der Risikoforscher Prof. Dr. Ortwin Renn allerdings ein ganz anderes Problem. Ob beim Waldsterben oder dem BSE-Skandal - die Deutschen neigen dazu, die Proportionen im Krisenfall nicht mehr zu sehen und vor lauter Pessimismus die Größe des Risikos weit zu überschätzen.

Die Ursache dieser Übertreibung sieht Renn darin, dass die Deutschen den Sprung zwischen Romantik und Aufklärung nie verkraftet haben. Sind wir also einfach nur Jammerlappen mit dem Hang zur romantischen Übertreibung? Doch Konstantin Faigle geht im Verlauf seines Roadtrips auch anderen Gedanken nach. Könnte ein neuer Glaube an eine höhere Macht dabei helfen, die Erwartungen ans eigene Leben nicht zu hoch zu schrauben, wie Pater Anselm Grün in Münsterschwarzach glaubt?

Ein Aussteiger in Bebra hat zumindest schon mal die Gottheit in sich selbst lokalisiert. Vielleicht nützt es aber auch schon, noch einmal auf Alice Schwarzer zu hören, die das Konterkarieren gängiger Rollenerwartungen fordert, um bereits in der Beziehung zwischen Mann und Frau der alltäglichen "kleinen Depression" vorzubeugen. Und wenn gar nichts mehr geht - wie wäre es mal wieder mit einem König für Deutschland?

Immerhin erfreut der Anblick von Ludwig II. noch heute die Touristen, obwohl doch der Herr von Neuschwanstein selbst zu schweren Depressionen neigte. Die aufgebrachten Teilnehmer einer Leipziger Montags-Demonstration haben da natürlich ganz andere Sorgen, ganz zu schweigen von den Bewohnern des zwischen den Orten Elend und Sorge gelegenen Asylbewerberheims im Harz. Und während die Lerntrainerin Vera F. Birkenbihl das Jammern auf negative Meme zurückführt, diagnostiziert Prof. Günter Jerouschek bei den Deutschen den Wunsch nach einem Barbarossa-ähnlichen Erlöser.

Wer aber hat nun Recht? Alle haben sie Recht! Unsere deutsche Depression ist eine sehr komplexe Angelegenheit, die viele Ursachen hat, und Faigle benennt diese Facetten in seinem Film. Doch was kann man dagegen tun? Jammern allein hilft ja nicht. Nicht einmal die BILD-Zeitung mag sich dazu äußern - obwohl sie ja vom Jammern ordentlich profitiert.

Eine Erkenntnis bleibt trotzdem: Die Fähigkeit zum Optimismus ist uns noch nicht ganz abhanden gekommen - weder in Starnberg (der glücklichsten Stadt Deutschlands) noch in Dessau (der unglücklichsten Stadt Deutschlands). Gründlich nachdenken und selbst Initiative ergreifen kann schon viel bewirken. Wir sind doch die Dichter und Denker! Es besteht also gar kein Grund, schwarz zu sehen für die Zukunft des neugeborenen Töchterleins Alma.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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