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Der deutsche Kunsthistoriker Alexander Reschke (Matthias Habich) kehrt 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer zum ersten Mal in seine Geburtsstadt Danzig, die nun Gdansk heißt, zurück, aus der er als Kind mit seinen Eltern vertrieben wurde. Er ist auf der Suche nach dem Grab des Danziger Bürgermeisters Daniel Gralath aus dem 18. Jahrhundert, dessen besondere erotische Gestaltung eine seiner kunsthistorischen Thesen beweisen soll. Durch einen Fauxpas lernt er auf dem Markt an der Dominikshalle am Stand der Marktfrau Erna Brakup (Dorothea Walda) die energische polnische Restauratorin Aleksandra Piatkowska (Krystyna Janda) kennen, die wie er verwitwet ist.

Gemeinsam besuchen sie das Grab von Aleksandras Eltern. Alexander berichtet Aleksandra von seiner Kindheit im damals deutschen Danzig. Aleksandra kann seine Gefühle sehr gut verstehen, denn sie stammt eigentlich aus dem litauischen Wilna und mußste wie Alexander die Stadt ihrer Kindheit verlassen. Bei einem gemeinsamen Abendessen haben sie eine Eingebung: Was wäre, wenn sie beide eine Friedhofsstiftung gründen würden, die Vertriebenen eine Bestattung in ihrer Heimat ermöglicht? Eine Art Versöhnungsfriedhof für Deutsche in Gdansk und für Polen in Wilna?

Wenige Monate später ist aus ihrer Idee Wirklichkeit und aus den beiden ein Paar geworden. Aleksandras Sohn Witek (Krzysztof Ogloza) sowie Alexanders Tochter Sophia (Meret Becker) und ihr Ehemann Olaf (Uwe Rohde) halten gar nichts von dem Versöhnungsfriedhof, während Jo (Jürgen Hartmann), der Ehemann seiner zweiten Tochter Grethe (Helene Grass), sich geldgierig die Profitmöglichkeiten des Projekts ausrechnet. Beide Töchter sehen zudem nicht gerne, dass ihr Vater eine neue Freundin hat und sichtbar verliebt in sie ist.

Gegen großen Widerstand, nicht zuletzt ihrer Kinder, leben Alexander und Aleksandra ihre späte Liebe und gründen gemeinsam eine Stiftung mit polnischen und deutschen Gesellschaftern. Die Deutschen sind vertreten durch den Bauunternehmer Vielbrand (Udo Samel), den evangelischen Konsistorialrat Karau (Joachim Król) und Johanna Dettlaff (Mareike Carrière) vom Bund der Vertriebenen. Auf der polnischen Seite sitzen der katholische Pfarrer Bierónski (Zbigniew Zamachowski), der städtische Angestellte Wróbel (Krzysztof Globisz) als Vertreter der Stadt Gdansk und der Bankvizedirektor Marczak (Marek Kondrat), der Aleksandra umwirbt.

Um die Pattsituation zwischen den beiden Ländern aufzuheben, erhält auch die Marktfrau Erna Brakup einen Sitz im Vorstand, denn sie ist "nech Pollacksche, nech Deitsche. Danzijerin!" Auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs an der Siegesallee soll der neue Versöhnungsfriedhof entstehen. Die erste Beisetzung ist für Alexander und Aleksandra ein ganz besonderer Tag, auch wenn es einen Wermutstropfen gibt: Bei den Russen in Wilna fand ihre Idee keinen Anklang, was für Aleksandra schmerzhafter ist, als Alexander es versteht.

Es dauert nicht lange, bis es die erste heftige Auseinandersetzung unter den Aufsichtsratmitgliedern gibt. Alte Gräben zwischen Polen und Deutschen brechen wieder auf. Der Versöhnungsfriedhof wird mehr und mehr kommerziell vermarktet, während Aleksandras und Alexanders Herzensanliegen der Völkerversöhnung ins Abseits gerät. Als sich deutsche Angehörige darüber beschweren, dass die Gräber ihrer Eltern mit Nazisymbolen beschmiert wurden, beschließt die Stiftung gegen den Willen von Alexander und Aleksandra eine Absperrung um den Friedhof zu errichten.

Auch zwischen Alexander und Aleksandra kommt es zu einem ernsten Streit: Durch Marczak erfährt Aleksandra, die immer noch hofft, auch in ihrem Heimatland einen Versöhnungsfriedhof errichten zu können, dass Alexander den Teil des Stiftungskapitals, der für den Versöhnungsfriedhof in Wilna bestimmt ist, in die Rikscha-Fabrikation des Bengalen Chatterjee (Bhasker Patel) investiert hat. Aleksandra fühlt sich von Alexander getäuscht und betrogen, er ist wütend darüber, dass sie kein Verständnis für seine Geschäftsidee hat, die den Polen zugute kommt. Nur dem energischen Eingreifen Erna Brakups ist es zu verdanken, dass die beiden wieder zueinander finden.

Wenige Monate nach der ersten Beisetzung ist von Aleksandras und Alexanders Grundgedanken der Versöhnung nicht mehr viel übrig geblieben. Die Kraft des Kapitalismus ist stärker, die harte Währung siegt über ihre rein ideellen Absichten. Aus der gemeinnützigen Stiftung ist ein florierendes marktwirtschaftliches Unternehmen geworden: Immer mehr Tote werden von Deutschland nach Gdansk überführt, Altersheime für Deutsche in Polen sind geplant, Feriensiedlungen mit Golfplatz für die Angehörigen sollen folgen.

Die beiden Gründer können sich mit der kapitalistischen Verkehrung ihrer Idee nicht abfinden und erklären ihren Rückzug aus dem Projekt. Erna schließt sich dieser Entscheidung an. Als sie stirbt, geht ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung: endlich wieder mit ihrem schon 1946 verstorbenen Mann vereint zu sein. Auf keinen Fall will sie auf dem Versöhnungsfriedhof begraben werden und beauftragt Alexander mit der Wahrung dieses Wunsches von der Leichenbahre herab.

Durch den Austritt aus der Friedhofsgesellschaft gewinnen Aleksandra und Alexander ihre persönliche Freiheit zurück. Sie heiraten und füllen Ernas Überzeugung, dass "imma Deitsche ond Pollacksche de besten Paare war'n" mit Leben. Die Hochzeitsreise führt das Brautpaar nach Italien und ihrem gemeinsamen Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen ...

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Dirk Jasper FilmLexikon

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