Stage Beauty

Produktionsnotizen

"The Woman playes today, mistake me not, No Man in Gown or Page in Petticoat." (Thomas Johnson, Prolog zu "Der Kaufmann von Venedig", Dezember 1660

Als mit Charles II. im Jahre 1660 die Dynastie der Stuarts den Thron von England wieder in Besitz nahm, fand ein 18 Jahre andauerndes Verbot von öffentlichen Darbietungen sein Ende, das während der strikt puritanischen Herrschaft Oliver Cromwells gegolten hatte. Der neue König hatte einen Großteil seines Exils in Frankreich zugebracht, wo er Geschmack am Theater im Allgemeinen und Schauspielerinnen im Besonderen gefunden hatte. Schnell erteilte er zwei Londoner Theaterensembles sein königliches Siegel, so dass Schauspieler, die jahrelang nur im Geheimen und in der ständigen Angst vor Repressalien spielen konnten, nun wieder in vollen Häusern auftreten konnten.

In ihrem Buch The First English Actresses erzählt Elizabeth Howe: "Das Publikum zu Zeiten der Restauration (der Wiederherstellung der Herrschaft der Stuarts) war es gewohnt, die Stücke auf zwei Ebenen zu verfolgen. Zum einen genoss es das Geschehen um die Charaktere und deren Abenteuer, zum anderen aber spielte auch die Persönlichkeit der Schauspieler und Schauspielerinnen hinter den Masken eine große Rolle. Im 20. Jahrhundert bezieht man sein Wissen über Schauspieler und Stars aus Zeitungen, Magazinen und Talkshows. Während der Restauration erfuhr man Neuigkeiten direkt aus dem Alltagsklatsch, aus Satiren und von eingeweihten Mitgliedern der zwei Kompanien persönlich." So gesehen scheint es eindeutig, dass Kynaston in seiner Zeit als Star galt.

"Das Tolle an Ned Kynaston," schwärmt Drehbuchautor Jeffrey Hatcher, "besteht darin, dass man zwar genug über ihn weiß, um seinen Charakter spannend zu finden, aber nicht genug, um ihm den Schleier des Geheimnisvollen zu entreißen."

In einem Second-Hand-Buchladen stolperte Hatcher über eine Ausgabe von Pepys? Diaries, die daraufhin sein Interesse an dem heutzutage ziemlich in Vergessenheit geratenen Star des 17. Jahrhunderts weckte. "Ich kannte bis dahin nur Auszüge aus Pepys? Werk, doch das hübsche Buch gefiel mir und ich kaufte es. Ich überflog den Index und schlug aus rein beruflichen Gründen unter ?Theatre? nach. Und so lernte ich Edward Kynaston kennen, den Pepys als ?die hübscheste Frau des ganzen Hauses? bezeichnete."

"Kynaston taucht in den Tagebüchern drei oder vier Mal auf," erinnert sich Hatcher. "Zuerst als unglaublich schöner Junge in Frauenrollen, später, als Pepys die Mängel seiner Stimme erwähnt ? ich denke, er war in den Stimmbruch gekommen. Weiter wird Kynaston zitiert, als er sich beklagt, von Schlägern im Dienste des aristokratischen Stückeschreibers Sir Charles Sedley verprügelt worden zu sein. Zuletzt, als bereits Frauen auf der Bühne stehen durften, hört man noch einmal von Kynastons gutem Aussehen," erklärt der Drehbuchautor.

"Aus verschiedenen Quellen erfuhr ich, dass Kynaston während des puritanischen Auftrittsverbots von einem ehemaligen Schauspieler unterrichtet wurde. Dennoch erhielt man das Schauspiel in Kellern und Gewölben am Leben, ganz so, als ob das Volk sich bewusst war, dass das Verbot nicht von Dauer sein konnte und die Schauspieler für den Tag vorbereiten wollte, an dem sich die Bühnentüren wieder öffneten. Kynaston gehörte zu diesen Darstellern, ebenso wie James Nokes, der im Skript mehrmals genannt wird," erzählt Hatcher. "Man munkelt, Kynaston sei der Geliebte des Duke of Buckingham gewesen und von Charles Sedleys Schlägern verprügelt worden. Sedley wiederum teilte kurzzeitig mit Margaret Hughes das Bett. Mrs. Hughes gilt unter Fachleuten als erste Frau auf Englands Bühnen, passenderweise in einer Inszenierung von "Othello". Das Letzte, was ich von Kynaston weiß, ist die Nachricht von seiner Heirat und dass er Kinder bekam."

"Wir haben es hier also mit einem Schauspieler zu tun," verdeutlicht Hatcher, "den man für seine Frauendarstellungen rühmte, der zusammengeschlagen wurde vom Liebhaber der ersten weiblichen Darstellerin Englands, was auf eine gewisse Rivalität hindeutet. An diesem Punkt meiner Recherchen wurde mir klar, dass schleunigst jemand ein Stück über diesen Herrn schreiben sollte und falls Tom Stoppard den Job nicht schon erledigt hatte, mußste ich mich beeilen!"

Hardy Justice, der Produzent von Tribeca Films, erkannte, dass sich Hatchers Stück "Compleat Female Stage Beauty" über Kynastons Welt in den richtigen Händen bestens auf die Leinwand übertragen lassen würde. Als idealen Kandidaten dafür machte er Richard Eyre aus, den Filmemacher und früheren Direktor des National Theatres.

"Richard war die erste Wahl für STAGE BEAUTY," bemerkt Justice. "Er besitzt genau die Fähigkeiten, die das Stück brauchte: Als großartiger Regisseur trieb er schon früher seine Schauspieler zu exzellenten Leistungen an. Sein filmisches Schaffen ist so herausragend wie seine Theatererfahrungen. Diese Produktion steht und fällt mit den schauspielerischen Leistungen und ich wusste, Richard würde sowohl exzellente Arbeit abliefern als auch ein hochkarätiges Ensemble zusammenstellen. Bei der Umsetzung des Skripts erwies er sich als wahrer Visionär. Bei ihm besitzt die Welt des Theaters einen beinahe Zirkus-artigen Charme des Verfalls. Und auch das Alltagsleben, das er zeigt, strahlt trotz aller Lebenslust auch eine gewisse Morbidität aus."

Beim Durchlesen des Drehbuchs fiel Eyre vor allem auf, dass sich das Werk nicht in eine Schublade pressen ließ: "Mir vergeht schon die Lust, wenn ich höre, ?Das ist eine Romantikkomödie, jenes eine Krimikomödie, dieses ein romantisches Krimikomödiendrama oder so ein Mist. In der Videothek bin ich jedes Mal hilflos, weil ich nicht weiß, ob ich eine Liebeskomödie oder ein Drama anschauen möchte ? ich will nämlich einfach nur einen guten Film sehen. Ich konnte dieses Skript nicht einordnen, es entzog sich jeder Beschreibung."

Hugh Bonneville, zuvor unter anderem in Eyres Oscar®-gekröntem Drama IRIS (2001) zu sehen, übernimmt in STAGE BEAUTY die Rolle des emsigen Chronisten Samuel Pepys. Er bezeichnet den Film "als Historienfilm mit einem Verkleidungstick."

Ihm stimmt Edward Fox zu ("The Day of the Jackal", "Der Schackal", 1973), der den königlichen Berater Hyde spielt. Hyde verabscheut als echter Puritaner jegliche Vergnügungen aufs Strikteste, sei es durch Dinnerparties oder Theateraufführungen. Fox meint: "Hier geht es um eine nette Variante des uralten Themas: Männer und Frauen."

"Im Endeffekt geht es um Identitätssuche," verdeutlicht Eyre. "Genauer gesagt um einen Mann, der beruflich als Frau in der Öffentlichkeit auftritt. Als man ihn seiner beruflichen Zukunft beraubt, verändert sich auch seine professionelle Identität. Darüber hinaus sucht er auch auch nach seiner sexuelle Orientierung. Bei Ned sind beruflicher Status und sexuelle Orientierung untrennbar miteinander verbunden. Mir gefiel an dem Skript, dass es kein Urteil darüber fällt, ob es nun gut, schlecht oder egal ist, wenn man schwul, bisexuell oder hetero ist. Man ist, was man ist. Aber es ist einfacher, wenn man weiß, was man ist ..."

"Ich zog die Suche nach einem Schauspieler für Ned mittels zweier Kriterien durch," erzählt Richard Eyre über seine Hauptfigur. "Erstens mußste er schön sein. Ganz einfach ? er mußste ein schöner Mann sein und nicht viele Darsteller erfüllen dieses Kriterium. Zweitens mußste er Shakespeare-Erfahrung besitzen. So was kann man nicht aus dem Ärmel schütteln. Nicht viele britische Schauspieler erfüllen meine erste Anforderung und haben zudem noch einen solchen Shakespeare-Erfahrungsschatz wie Billy Crudup. Er kennt sich mit Bühnen- und Filmproduktionen aus. Eigentlich standen sowieso nur drei oder vier Schauspieler zur Debatte und er stand ganz oben auf der Liste."

Billy Crudup empfand die Herausforderung der Darstellung von Ned Kynaston sowohl anspruchsvoll als auch erheiternd. "Nur selten hat man als 35-jähriger Schauspieler die Möglichkeit, sowohl Desdemona als auch Othello zu spielen", grinst er. "Zudem bekommt man kaum ein Drehbuch zu Gesicht, das eine gehobene Sprache mit solch einer verzwickten, tragischen, witzigen Geschichte rund um Identitätssuche und Liebe verbindet. Ich konnte dieses Angebot einfach nicht ausschlagen ? worin meiner Meinung nach auch eine gewisse Hybris liegt. Die eine Sache ist es, jemanden zu spielen, der aus Gründen der Komik eine schreckliche Person ist. Eine ganz andere Sache hingegen ist es, eine Person darzustellen, die als schön und talentiert gilt. Das traute ich mir eigentlich gar nicht zu ... und wollte es genau deshalb probieren. Vielleicht schlummert in mir ein kleiner Masochist?"

Kostümdesigner Tim Hatley besaß in Bezug auf Crudup hingegen nicht den geringsten Zweifel. "Mit solch einem hübschen Kerl wie Billy haben wir Glück gehabt", freut er sich. "Schon rein körperlich bietet er sich für eine Frauenrolle an. Nur wenige Männer besitzen solch eine Taille wie er und haben gleichzeitig eine so feine Knochenstruktur. Unter seinen Kleidern mußste er ein Korsett tragen, das er verabscheute, weil es ihn so einengte und für einen Mann sehr unangenehm zu tragen ist. Damals galt eine flache Brust als schick, weshalb wir zumindest nichts ausstopfen mußsten. Das Kostüm bestimmte seine Bewegungen ? allein schon die Absätze und das Korsett veränderten Billys Gehweise augenblicklich. Seine erste Kostümprobe fanden wir alle aufregend, denn er fühlte sich wie ein Fisch im Wasser. Er sah einfach fabelhaft aus und ich denke, er war sich dessen bewusst!".

Claire Danes verpflichtete man für den Part der Maria, Ned Kynastons verliebter Garderobiere, die sich später zu dessen größter Rivalin entwickelt. Ebenso wie Crudup ist Danes Amerikanerin und Hollywood-Schauspielerin und mußste sich nun ins Theaterleben des 17. Jahrhunderts einfühlen.

"Erstaunlicherweise ging es bei ihr gar nicht um eine Anweisung der Produzenten, jemanden mit einem großen Namen zu engagieren," erklärt Richard Eyre. "Doch keine der Schauspielerinnen, an die ich dachte, besaß Danes Power, Witz, Intelligenz und Energie. Ich finde diese Qualitäten an ihr außerordentlich attraktiv. Sowohl Claire als auch Billy besitzen ein gutes Ohr für Sprache und deshalb konnte ich sichergehen, nicht plötzlich mit einem transatlantischen Sprachgewirr dazustehen. Für diese beiden speziellen Parts waren Claire und Billy eindeutig die Wunschkandidaten!"

"Für uns zwei Amerikaner war es schon eine ziemliche Herausforderung, Engländer aus dem 17. Jahrhundert zu spielen, ganz zu schweigen davon, dass Billy zumeist ein Kleid trägt", gesteht Claire Danes. "Wir verbrachten viel Zeit mit dem Einstudieren des Akzents. In vielerlei Hinsicht ist ein Akzent nützlich, weil man sich dann leichter in den Charakter einfühlen kann."

"Als Maria schafft sie die Transformation von der glaubwürdigen, verständlichen Garderobiere, einer echten Hintergrundarbeiterin, hin zu jemandem, der aufblüht und auf der Bühne steht. Sie mußs eine Rolle mal sehr schlecht, mal sehr gut spielen. So was ist ziemlich schwierig. Wir sehen jemandem zu, der auf der Leinwand quasi sein Schauspieltalent erst entdeckt. Obwohl sie sehr verletzlich wirkt, besitzt Maria großen Ehrgeiz ? sie verändert schließlich die Rolle der Frau im Theater!", sagt Hardy Justice.

"Jeder hat seine modernen Empfindungen mit eingebracht", erzählt Eyre. "Ich habe versucht, Vergangenheit und Gegenwart so zu vereinen, dass man nie das Gefühl bekommt, etwas Altmodisches zu sehen, gleichzeitig aber auch nicht im Korsett der Vergangenheit steckt. Natürlich werden die Experten bei manchen Einzelheiten behaupten, es hätte sie nicht oder so nicht gegeben (in gewisser Weise gehört das zum Plot), doch ich hoffe, dass sich der Zuschauer trotzdem in die fiktionale Welt des 17. Jahrhunderts hineinversetzt fühlt. Jeder Film entspinnt bis zu einem gewissen Grad ein erfundenes Universum ? dieser hier enthält eben meine Vorstellungen vom 17. Jahrhundert und die der Designer."

"Obwohl wir einen Kostümfilm drehten, weigerte sich Richard, sich in ein ?Ghetto der Wortwörtlichkeit? einengen zu lassen, wie er es ausdrückte," erinnert sich Produktionsdesigner Jim Clay. "Er wollte, dass wir die Fakten respektieren und uns dennoch auch darüber hinwegzusetzen trauen. Zum Beispiel bauten wir die Kulisse eines Gebäudes auf dem Gelände des Naval College in Greenwich auf, das zwischen 1690 und 1700 entstand. Puristen werden sich beschweren, dass die Christopher-Wren-Kuppel erst 1720 fertiggestellt wurde. Doch wir versuchten, solche Einschränkungen zugunsten des künstlerischen Ausdrucks zu umgehen. Das Naval College bot uns die Möglichkeit, ein Set aufzubauen, das wir aus 360° filmen konnten. Außerdem konnten wir die Londoner Straßen und die Great Hall auf dem Gelände nachbauen, das wir als Hof von Charles II. benutzten. Wir nahmen den Geist der Gebäude in uns auf und ließen uns davon inspirieren."

Laut Jim Clay war "die Welt von 1660 beengt und lärmend. London war ein schmutziger, stinkender, lebensfeindlicher Ort, an dem man den Himmel kaum sah ... beinahe wie Manhattan heute, nur mit schieferen Häusern, die hoch aufragten."

Richard Eyre und sein Designteam fanden Inspirationen und Parallelen zum zeitgenössischen New York in den Werken der Fotografin Nan Goldin, deren Drucke die Wände des Produktionsbüros neben Postkarten von Porträts der dargestellten Personen aus der Nationalgalerie tapezierten.

Kameramann Andrew Dunn fand in der großzügigen Verwendung von Handkamera und Steadycam eine Möglichkeit, zeitgenössische, unmittelbare Bilder zu erzeugen. "Wir wollten dem Publikum den Eindruck geben, wirklich vor Ort zu sein", erklärt Dunn. "Wir sehen die Ereignisse nicht in der Rückschau durch ein verschwommenes Glas, sondern wir stecken mittendrin, lernen alle diese Leute, ihre Hoffnungen und Ängste persönlich kennen. Die meisten Einstellungen enthalten Schwenks, Bewegungen und erzeugen somit den Eindruck, dass die gezeigte Welt lebt. Wir haben uns nicht zurückgelehnt und die Ereignisse beobachtet wie eine Theatervorstellung, sondern die Kamera befand sich stets mitten unter den Schauspielern und begleitete sie voller Energie und Schwung durch die Geschichte."

Jim Clay entwarf die Hauptbühne und den Bühnenhinterbau des Betterton Theatres, das man in einer riesigen Halle der Shepperton Studios nachbaute. Clay stellte sich das Betterton als "großes, altes Schlachtschiff" vor, "ein beinahe vor dem Kollaps stehendes Holzbauwerk, das einen beim Durchschreiten der unheimlichen Korridore mit dem beständigen Knarzen und Knacken der Balken und Säulen begleitete."

"Leider gibt es kaum Quellen über das Theater aus dieser Zeit," bedauert Clay. "Viele Theater entstanden quasi provisorisch auf Tennisplätzen oder anderen freien Flächen ? sie dienten also nicht nur einem Zweck, was uns wiederum viele Freiheiten ermöglichte. Wir konstruierten eine große, zusammengesetzte Kulisse, die uns sämtliche Möglichkeiten offen ließ. Ich versuchte damit eine große Raumtiefe zu erreichen, weshalb man zum Beispiel beim Blick in die Garderobe an den Türflügeln entlang und den Bühnenvorhängen dahinter in den Zuschauerraum sieht."

"Mir gehörten gleich zwei Theater in den Shepperton Studios", freut sich Tom Wilkinson, der den Schauspieler/Manager und Theaterbesitzer Thomas Betterton spielt. "Schon bei SHAKESPEARE IN LOVE ("Shakespeare in Love", 1998) war dies der Fall und jetzt besitze ich es in STAGE BEAUTY! Da kann man wohl doppelt stolz sein."

"Ich verbrachte den Großteil meines Arbeitslebens hinter Theaterbühnen," verrät Richard Eyre. "Ich bin mit dieser Welt also bestens vertraut. Alle Theater haben sich über die Jahrhunderte wahrscheinlich sehr geähnelt. Die Leute machen im Grunde genommen dasselbe, die Theater sehen gleich aus. Wenn sie einmal einen Blick hinter die Kulissen irgendeines Theaters im West End werfen könnten, wären sie erstaunt über die Primitivität des Ganzen ? und genau so entwarf Jim Clay auch den Bühnenhintergrund für uns. Alles besteht aus rohem, unbehandeltem Holz. Theater besitzen immer den Flair des Temporären, denn sie sind gebaut, um dem im Dunklen sitzenden Publikum etwas darzubieten. Die Schönheit des Innenraums steht dabei nicht an erster Stelle."

"Die gesamte Geschichte des Theaters und der Schauspielerei ist in Neds Charakter komprimiert", erklärt Hardy Justice. "Zu Beginn spielt er eine Art Kabuki-Theater, in dem jede Geste einstudiert ist und jede Handbewegung Symbolkraft besitzt. Seine Auftritte wirken sehr künstlich, doch nach und nach legt er dies ab und entwickelt eine natürlichere Darstellung. Gleichzeitig legt auch er selbst sein künstliches Wesen ab und präsentiert den echten Ned. Erstmals in seinem Leben versucht er auszudrücken, wer er wirklich ist, ohne eine Rolle zu spielen ? sei es nun für seinen Liebhaber, den König oder die ganze Welt."

"Ich habe schon zwei "Othello"-Aufführungen inszeniert, deshalb befinde ich mich auf vertrautem Gebiet. Das Schwierige an dieser Szene lag daran, dass sie es quasi aus dem Kontext heraus spielen mußsten," verdeutlicht Eyre. "Shakespeare ist so, als spiele man in einer fremden Sprache, sehr klar, poetisch und mit pulsierender Energie ? das kann man nicht wie Umgangssprache herunterrattern. Andererseits mußs man die Emotionen natürlich trotzdem glaubhaft ausdrücken und wir erzählen in unserer Geschichte ja auch von der Entstehung des natürlichen Schauspielstils. Zu Beginn des Films sieht man noch den affektierten Stil, gegen Ende hat man dann Post-Marlon-Brando-Schauspielerei vor Augen. Höchst naturalistisch und dennoch im Einklang mit den Herausforderungen der Shakespeare?schen Sprache. Ironischerweise halte ich Marlon Brandos Darstellung des Marc Aurel in Joseph Mankiewicz JULIUS CAESAR (1953) für eine der besten Shakespeare-Darstellungen der Geschichte.

Auch Jeffrey Hatcher gibt unumwunden zu, dass bei der Erfindung des natürlichen Schauspielstils durch Maria und Ned "um ein paar hundert Jahre geschummelt wurde". Dennoch, so bemerkt er "ist es doch witzig, dass jede Schauspielergeneration behauptet, die Schauspielerei neu wiederentdeckt und natürlicher gemacht zu haben. In der Branche ging es immer um die Suche nach der größtmöglichen Wirklichkeitsnähe. Als David Garrick (1717-1779) auf der Bühne stand, hielt ihn das Publikum für den ungekünsteltsten Schauspieler der Welt, doch wenn man ihn heute sähe, würde er sicher wie eine Marionette wirken ... Oder denken sie an die Zeit zurück als Laurence Olivier als wesentlich natürlicher als John Gielgud galt. Wenn man sich Laurence Oliviers Auftritte aus den 30ern anschaut, findet man sie zwar gut, dennoch recht stilisiert und melodramatisch. Deshalb dürfen wir uns mit ruhigem Gewissen etwas künstlerische Freiheit gönnen."

"Der Film erweckt den Eindruck, Ned sei teilweise für die Existenz von Frauen auf der Bühne verantwortlich, was natürlich nicht stimmt", gesteht Drehbuchautor Hatcher. "Doch keiner weiß wirklich, warum man schließlich Frauen auf die Bühne ließ. Pepys? Tagebuch, so akkurat es auch sein mag, vermerkt nur, dass eine Frau 1661 die Desdemona spielte ? er erwähnt weder, ob der König ein Machtwort sprach oder eine Parlamentsdebatte stattfand ? er schreibt nur über ihren Auftritt. Dennoch verzeichnet Pepys innerhalb von zwei Wochen noch zahlreiche andere Frauen auf Londons Bühnen ? es kam Bewegung in die Sache. Wenige Monate später erließ König Charles dann schon eine Order, nach der kein Mann eine Frauenrolle übernehmen durfte."

Zu den bekanntesten Freundinnen des Königs zählt Nell Gwyn, eine quirlige, vorlaute ehemalige Orangen-Verkäuferin, die sich von den Kulissen über die Bühne bis in des Königs Schlafgemach hocharbeitete. Weil sie zuvor schon Beziehungen zu einem Schauspieler sowie einem Adeligen gepflegt hatte, die beide Charles hießen, lautete ihr Spitzname für die königliche Hoheit ?Charles der Dritte?. Nachdem der König ihr ein Engagement verschafft hatte, galt sie als beliebteste Komödiendarstellerin ihrer Zeit. Eine Anekdote besagt, dass Nell ihrem Sohn von Charles II. einen Adelstitel verschaffte, indem sie ihn "komm her, du kleiner Bastard" rief. Als Charles sie wegen des Ausrufs maßregelte, entgegnete sie, ihr würde kein besserer Name einfallen, schließlich sei der Kleine nichts anderes. Bald darauf erhielt der "kleine Bastard" die Herzogwürde.

Die Rolle der Nell Gwyn besetzte Richard Eyre mit Zoë Tapper, einer lebenslustigen, unverblümt daherredenden Newcomerin frisch aus der Schauspielschule.

"Die ersten beiden Tage am Set waren sehr komisch," gesteht Zoë. "Am ersten Tag mußste ich mich als Mann verkleiden, sozusagen die Mini-Me-Version von King Charles. Damals führte man wohl des öfteren Palast-?Musicals? auf und ich mußste in meiner ersten Szene als König in dessen Perücke und Kleidern herumstolzieren. Am zweiten Tag mußste ich dann von Chorknaben umringt eine Treppe hinuntersteigen und singend ein Schild vor mir tragen. Erst am Schluss der Szene wird klar, dass ich ? mit Ausnahme des Schildes ? splitterfasernackt bin! Ich fand es, ehrlich gesagt, schrecklich. So etwas kannte ich bisher absolut nicht. Aber ich lerne dabei alles ? wer was macht und was den Job sonst noch ausmacht ? und versuche dabei, alle Informationen aufzusaugen. Die Szene mit dem Schild war ein Sprung ins kalte Wasser? jetzt bin ich froh darüber!"

"Regisseure, die Schauspieler mögen, findet man seltener als man sich das wünschen würde", bemerkt auch Eyre. "Man hört schockierende Geschichten von Filmemachern, die ihre Darsteller wie fremdartige Insassen einer Gesundheitsfarm oder schlimmerem behandeln, doch für mich sind Schauspieler mein Rohmaterial. Ich mag sie für das, was sie tun und vielleicht fällt ja etwas von dieser Bewunderung, dieser Wertschätzung auf mich zurück. Früher war ich selbst Schauspieler und erkenne deshalb, dass sie etwas können, was ich nicht kann. Dennoch verstehe ich den Prozess und bewundere sie ernsthaft, wenn sie ihren Job gut machen, insbesondere im Film. Schauspieler sind wie Musikvirtuosen, die mitten in einem Takt einsetzen können. Es ist ja nicht so, als spiele man ein Stück von Anfang bis Ende, sondern - ZACK! ? man mußs von einem Augenblick auf den nächsten in der Materie sein. alle guten Schauspieler, die ich kenne, besitzen Hirn, denken schnell und sind gewitzt."

Auch Drehbuchautor Jeffrey Hatcher verbrachte den meisten Teil seiner Karriere in den Kulissen und kann, wie Eyre, auf Erfahrung als Schauspieler zurückblicken. Obwohl er die Macken der Stars kennt und sich gerne ein wenig über sie lustig macht, bewundert und mag auch er die Mitglieder dieser oft gescholtenen Profession.

"Wenn alles, was du kannst, eine Illusion ist und man dir diese weg nimmt, bleibt man nur mit seiner eigenen Person zurück", verdeutlicht er. "Ich hasse solche Phrasen, doch Ned befindet sich auf Selbstentdeckungsreise. Er mußs etwas Echtes in sich entdecken, um überleben zu können. Es geht dabei um einen schmerzhaften Veränderungsprozess. Es gibt viele verschiedene Arten von Darstellern heutzutage: etwa Kinderstars, die zu alt werden (die Roddy McDowalls dieser Welt) oder Schauspielerinnen, die plötzlich bestimmte Parts nicht mehr spielen dürfen. Denken sie an Tänzer oder Sportler. Bei allen Darstellerberufen verläuft der Altersprozess im Zeitraffer. Das ist auch der Knackpunkt der Geschichte: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich meine einzige Begabung, meine bisherige Lebensberechtigung, nicht mehr nutzen dürfte?"

"Ned baute über die Jahre ein großes Selbstbewusstsein und viel Ruhm auf ? er wurde süchtig nach der Bewunderung der Menge ? basierend auf einer Persönlichkeit, die er nicht wirklich war," erklärt Billy Crudup. "Er konnte sie nur gut darstellen. Ich denke, so ergeht es vielen Leuten ? sie tun etwas, das sie gut können und entwickeln schließlich eine Leidenschaft dafür, weil sie sich von anderen geliebt fühlen. Das ist schon in Ordnung, doch so entfremdet man sich von einem selbst. Um jemand anderen lieben zu können und diese Liebe auszudrücken, mußs Ned erst einmal seine eigene Persönlichkeit identifizieren."

"Wir alle sind besessen vom wahren Gesicht der Schauspieler," erklärt Eyre. "Sind sie wirklich so wie ihre Rollen? Oder kann es nicht sogar sein, dass nicht einmal die Schauspieler selbst mehr wissen, wer sie wirklich sind?"

"Ned als Mensch zu lieben, ist nicht einfach, denn er ist so egozentrisch und emotional von den anderen abgeschottet," erklärt Claire Danes. "Außerdem zeigt er sich schnell beleidigt und reagiert sehr scharfzüngig. Maria aber blickt hinter seine Fassade. Mir gefiel an dem Drehbuch besonders seine Ambivalenz, seine Weigerung, all diese Gefühle und Menschenbilder in Schubladen zu pressen. Maria verhilft Ned zu mehr, aber ich bin mir nicht sicher, ob er durch sie an Männlichkeit gewinnt. Durch ihre Liebe ermutigt sie ihn zu mehr Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und diesen Prozess sieht man auch gegen Ende des Films beginnen. Das ist jedoch keine Frage des Geschlechts. Das Publikum soll die Fragen selbst beantworten."

"Obwohl das Geschehen vor Hunderten von Jahren in der Vergangenheit spielt und sehr komplexe Identitätsfragen stellt, hoffe ich, dass die Zuschauer sich von STAGE BEAUTY berühren lassen, denn im Kern geht es um die Liebe zweier Menschen," stellt Richard Eyre fest.

Szenenfoto
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