Monte Grande - Was ist Leben?

Produktionsnotizen

Franz Reichle: Zur Geschichte des Films Der Film MONTE GRANDE ? what is life? entwickelte sich direkt aus der Arbeit an meinem letzten Film DAS WISSEN VOM HEILEN heraus. Durch die Beschäftigung mit Gesundheit und Krankheit aus tibetisch-medizinischer und buddhistisch-philosophischer Sichtweise heraus entdeckte ich ganz neue Dimensionen von dem, was Leben ist, oder sein könnte, und wo es für uns sinnvoll wäre, für einmal genauer hinzuschauen. Mich interessierte die Verbindung und Interaktion zwischen Körper und Geist durch das Bewusstsein.

Und mich faszinierte zugleich die Ethik, die Haltung, die Verantwortung und der Respekt für andere, die ich bei den Ärzten von ?Das Wissen vom Heilen? so deutlich und heilsam erfuhr. Ich wollte daran weiter forschen. Ich stellte mir vor, im Kino in den Genuss von Bildern und Tönen zu kommen, die, unkommentiert, das Leben reich und sinnvoll erscheinen lassen; man sollte auf fundierte, unesoterische, faktische Weise angeregt werden, sich mit Phänomenen wie der Beziehung von Geist und Körper, der Spiritualität, oder dem Sterben zu befassen.

Es werde mein bisher ehrgeizigstes Projekt sein, schrieb ich in der Eingabe für eine Projektentwicklungsförderung. Damals hatte ich zwar ein gutes Gefühl dafür, war aber selbst sehr gespannt darauf, ob es mir tatsächlich gelingen würde, im Laufe der Recherchen eine brauchbare Lösung zu finden für meine Vision, mit all diesen anspruchsvollen bis verrückten Themen einen einfachen, überschaubaren, für ein breites Publikum interessanten Film zu gestalten.

Im Laufe der Recherchen entschied ich mich für vier Wissenschafter aus vier Kontinenten als Hauptpersonen. Alle vier kannten sich, alle waren führend in ihren Gebieten und alle hatten auf unterschiedlichste Weise mit der Erforschung von Leben zu tun - ein italienischer Chemiker, ein chinesischer Philosoph, eine amerikanische Wissenschaftshistorikerin und ein chilenischer Neurobiologe.

Dann geschah etwas Unvorhersehbares, das sich später für das ganze Projekt als eine fundamentale Stärkung erweisen sollte: Francisco J. Varela, Chilene, Neurobiologe, Bewusstseinsforscher, einer der führenden Kognitionswissenschafter, eine meiner vier Hauptpersonen im Film und der letzte, mit dem ich zu arbeiten begann, wurde krank. Monate davor hatten wir vereinbart, dass wir uns Anfang Februar in einem Dorf im Norden von Chile, das auf keiner Karte vorkommt, mitten in den Anden treffen: in Monte Grande.

Dann brach jegliche Verbindung zu ihm ab. Trotzdem reiste ich zum vereinbarten Termin um den halben Erdball, mietete in Santiago de Chile ein Auto, fuhr auf der Transamericana durch die Wüste nach Norden und kam in dem kleinen Ort namens Monte Grande an. Dort vernahm ich, dass Francisco Varela am Tag davor ebenfalls hier angekommen war und sehr schwer krank sei, dass es deshalb unsicher sei, ob ich ihn treffen könne. Francisco Varela hatte vor Jahren einen bösartigen Tumor, ausgelöst von Hepatitis C, einer neuen, bisher unheilbaren Krankheit.

Seine Leber zersetzte sich, er bereitete sich auf den sicheren Tod vor, bis er nach langem Warten praktisch in letzter Minute ein Lebertransplantat erhielt. Damit lebte er mit einigen Komplikationen mehrere Jahre, bis sich der Tumor wieder ausbreitete. Die Operation war erfolglos gewesen. Die erste Chemotherapie sprach nicht an, die Nieren versagten. So sind er und ein Grossteil seiner Familie von weit her in Monte Grande zusammengekommen, um mit "Pancho", wie sie Francisco seit seiner Kindheit zärtlich nannten, nochmals zusammen zu sein und Abschied zu nehmen.

Man wusste nicht, wie lange er noch leben würde. Am nächsten Tag durfte ich ihn in Monte Grande, in seinem wichtigsten Referenzort auf dieser Welt, wie er früher einmal sagte, kurz treffen, allein, ohne Kamera. Er war zu schwach, konnte nur noch flüstern, aber er strahlte und freute sich, dass ich trotz der Ungewissheit über sein Verbleiben diese grosse Reise gemacht hatte. Falls es ihm noch einmal etwas besser gehe, dürfe ich mit meiner kleinen Videokamera vorbeikommen, versprach er.

Ich lernte die Familie kennen und war überrascht von der Einfachheit, Wärme und Offenheit, der ich begegnete. Ich hatte überall Zugang und konnte mich frei bewegen. Es entstanden intensive und tiefe Gespräche, für die ich noch heute dankbar bin. Ich durfte alles aufnehmen. Sie erzählten mir die Geschichte vom Dorf, von der Familie, der Arbeit, den persönlichen Beziehungen und vom Putsch, von den Linken und Rechten in der Familie, aber auch und vor allem vom Umgang damit, von der Akzeptanz und dem Respekt vor beiden.

Francisco gehörte zur Linken und wollte damals als Wissenschafter ein modernes soziales Chile unter Allende mit aufbauen. Einen Tag bevor ich aus Monte Grande wieder abreisen mußste, war Francisco dank einer Kräuterteemischung der Nachbarin soweit zu Kräften gekommen, dass man mich plötzlich draussen beim Drehen zum Haus rief, ich könne jetzt eine Weile zu ihm gehen, aber keine Fragen stellen. Natürlich hatte ich viele und dringende Fragen an ihn, an wen denn sonst; an ihn, den einzigartigen Vordenker und Mitbegründer neuer Hypothesen, die uns noch lange im 21. Jahrhundert beschäftigen und Veränderungen hervorrufen werden.

Francisco war auf die Liege der Veranda gebettet worden und bereit für ein Gespräch. Ich bat ihn um eine einzige Frage, die er mir mit verständnisvollem Lächeln genehmigte: ?Francisco, was ist das Besondere an Monte Grande und welche Bedeutung hat dieser Ort für dich? Er fing mit Monte Grande an, erzählte von seiner Kindheit, seinen Jugend-Entdeckungen, seine Augen begannen zu leuchten. Er machte kurze Pausen. Er erzählte mir sein ganzes Leben, wie ein Vermächtnis, mit allen wichtigsten Stationen, mit seinen tief greifenden Meditationserfahrungen.

Immer wieder kam er auf Monte Grande zurück und er hörte erst etwa nach einer Kassettenlänge wieder mit Monte Grande auf, dessen Bedeutung nicht einmal mehr durch eine Atombombe zerstört werden könne. Als ich mir seine Erzählung nochmals ansah fiel mir auf, dass Francisco kaum ein Wort für die Wissenschaft selbst übrig hatte. Und wenn, dann war die Wissenschaft etwas Normales, nicht etwas Besonderes; etwas was man tun kann, genauso wie man etwas anderes tun kann.

Das war grossartig von diesem grossen und geschätzten Wissenschafter und Systemtheoretiker, der sein Leben lang nur einer Hauptfrage nachgegangen war, der Frage wie Körper und Geist eine Einheit bilden und interagieren können. Das war ein grosses Geschenk für mich und bestätigte auf eine Art die Richtigkeit meiner Entscheidung, den Film nur mit einer einzigen Hauptperson zu drehen: mit Francisco Varela. Zu ihm könnte ich mit allen grundlegenden und detaillierten Fragen gehen, die ich mir für dieses Projekt vorgenommen hatte, und noch mehr: er hatte so vieles selbst erlebt und könnte aus Erstperson-Erfahrung sprechen.

Aber es war im wahrsten Sinn verrückt: Francisco war nach Monte Grande gekommen, um zu sterben, und ich war nach Monte Grande gekommen, um den Film nur mit ihm drehen zu wollen. War keine Möglichkeit zur Genesung da? Ich bekam von Francisco und von seiner Familie das Einverständnis und das Vertrauen, alle, auch die persönlichsten Aufnahmen für meinen Themenfilm Was ist Leben? (damaliger Arbeitstitel) zu verwenden. Aber das reichte noch nicht aus für einen Film, wie ich ihn mir in Dichte und Vernetztheit vorstellte.

Zurück in Santiago traf ich den ersten wichtigen Lehrer und späteren Partner von Francisco Varela, Humberto Maturana, einen der Mitbegründer der philosophischen Lehre des Konstruktivismus. Im berühmtesten gemeinsamen Werk Der Baum der Erkenntnis formulierten sie, erst mals populärwissenschaftlich, das Leben neu als etwas sich selbst erschaffendes. Leben sei also nicht, wie bisher angenommen, und wie Darwin uns gelehrt hat, in erster Linie etwas von aussen Abhängiges, sondern etwas Autonomes.

Sie schufen dafür den Begriff Autopoiesis. Ein autonomes, sich selbst kreierendes, lebendes System. Dieses neue Konzept von Leben in der Biologie hat in der Folge Einflüsse auf andere Denker in anderen Gebieten. Zum Beispiel hatte der Soziologe Niklas Luhmann dieses Konzept der Autopoiese direkt auf soziale Systeme übertragen. Ein paar Wochen später ging es Francisco Varela zunehmend besser. Nach einer weiteren Chemotherapie trafen wir uns wieder in Paris, seinem Wohnsitz, wo er seit Mitte der achtziger Jahre auf Einladung von Jean-Pierre Dupuy, CREA, forschte und an der Universität mehrere Studiengruppen und Forschungsprojekte am CNRS leitete.

Wir hatten intensive, tiefgehende und sehr persönliche Gespräche, die ich alle aufnahm. Wir planten ganz zuversichtlich weitere Treffen in Chile und in Südfrankreich, an seinem Meditationsort. Niemand sollte uns daran erinnern, dass diese Pariser Gespräche vielleicht seine letzten Aufzeichnungen überhaupt sein könnten.

Francisco Varela war in den achtziger Jahren der Hauptbegründer von Mind & Life, einer Wissenschaftergruppe welche etwa alle zwei Jahre Gespräche mit S.H. dem 14. Dalai Lama führt, um die westlichen Forschungsergebnisse mit den Erkenntnissen der buddhistischen Lehre zu vergleichen, neue Forschungsrichtungen einzuschlagen und andererseits der buddhistischen Tradition Impulse zu geben.

Im Mai 2001 sollte Francisco Varela in Wisconsin USA in Anwesenheit des Dalai Lamas seine neusten wissenschaftlichen Experimente präsentieren, die einen wichtigen Bestandteil seiner ganzen wissenschaftlichen Tätigkeit und seiner persönlichen Entwicklung bedeuteten. Infolge eines plötzlichen gesundheitlichen Rückfalles schickte Varela seinen derzeitigen Doktoranden Antoine Lutz für die Präsentation zum Mind & Life Meeting nach Amerika.

Mit mehreren Kameras nahmen wir die Präsentation und die Gespräche auf und spiesen sie live gemixt ins Internet, damit Francisco auf seinem Sterbebett in Paris daran teilhaben konnte. (Diese Aufnahmen werden im ergänzenden TV-Film MIND AND LIFE eingebaut werden). Der Dalai Lama hatte so auch die Gelegenheit, am letzten Tag des Meetings ein paar persönliche Worte an ihn, seinen "lieben Freund und spirituellen Bruder" zu richten, dessen Errungenschaften er nie vergessen werde. Sechs Tage später starb Francisco Varela, nur 54 jährig, in seiner Wohnung in Paris.

Francisco Varelas Leben hatte in Monte Grande begonnen und er kam immer wieder an diesen steinigen und gleichzeitig fruchtbaren Ort Monte Grande zurück, der einer Oase gleicht, die an das biblische "gelobte Land" erinnern mag. Monte Grande ist für mich und für den Film gleichsam zur Metapher geworden. Der Schützende, der Spendende, der Monte Verità, aber auch der Sisyphusberg, der zu Bewältigende.

Nach Francisco Varelas Tod wollte ich durch Gespräche mit seinen Freunden und Familienangehörigen die Lücken schliessen, um den Film fertig zu stellen. Dabei bekam seine letzte Frau Amy Cohen Varela, Literaturkritikerin und Psychoanalytikerin, eine Schlüsselrolle als langjährige Begleiterin Franciscos, aber auch als Co-Autorin mancher Projekte und Veröffentlichungen mit ihm. In Wien konnte ich einen der wichtigsten Wegbereiter Franciscos treffen, den neunzigjährigen, inzwischen verstorbenen Vater der Kybernetik, Heinz von Foerster.

Die meisten mit Francisco Varela begonnenen Arbeiten und Projekte wurden nach seinem Tod weitergeführt, einige mußsten eingestellt werden, weil seine enorme Kapazität fehlte. So wurde zum Beispiel der Versuch einer Neudefinition der Wissenschaft vorläufig auf Eis gelegt. Der Film MONTE GRANDE what is life? ist alles andere als ein linearer Biografiefilm geworden. Er ist auch kein Themenfilm geworden. Er ist der Versuch einer filmischen Visualisierung dessen, woran Francisco Varela aus meiner Sicht arbeitete und was er am Ende gelebt und für sich realisiert hat: die Verkörperung (Embodiment).

So beginnt der Film mit gegliederten Kapiteln: mit Persönlichem, Theoretischem und Wünschbarem. Diese vernetzen sich untereinander und mit den Erfahrungen des Alltags, mit der Krankheit, und mit dem bevorstehenden Tod. Francisco Varela gibt uns im Film mit seiner Hypothese, seinen Theorien und Reflexionen über das eigene Leben wichtige Hinweise, warum und wie wir unseren Geist entwickeln könnten, um Leben und Zusammenleben intensiver und attraktiver zu gestalten. Er verstand seine Arbeit als Wissenschafter in diesem ethischen Kontext. - Franz Reichle, im September 2004

Die Hauptperson im Film: Francisco J. Varela Die Hauptperson des Films ist der mit 54 Jahren verstorbene Chilene Francisco Varela, ein berühmter Neurobiologe und eine führende Figur auf dem Gebiet der Kognitionswissenschaft, der durch die Autopoiesis (zusammen mit H. Maturana) bekannt geworden ist, einer auf Autonomie gründenden Definition von Leben.

Ein Schwerpunkt von Varelas Arbeit war, eine Brücke zu schaffen zwischen den Erkenntnissen des Geistes in der Wissenschaft und den Erkenntnissen des Geistes in der Erfahrung. Nach einer einfachen, wunderbaren Kindheit im nordchilenischen Dorf ?Monte Grande? und einem schnellen, erfolgreichen Studium in Harvard, wird Francisco nach dem Putsch von Pinochet 1973 erstmals direkt mit dem Sterben konfrontiert. Freunde von ihm und sein Schwiegervater werden ermordet.

Im Exil wird er zweimal mit dem eigenen Sterben konfrontiert. Einmal beim Warten auf ein Transplantat und einmal nach erfolgloser Krebsbehandlung. Schon als Junge und bis zuletzt beschäftigte ihn immer die gleiche Frage: Wie ist es möglich, dass unser Körper und unser Geist zusammen eine Einheit leben? Sein starkes humanistisches Engagement, die klare und realistische Denkweise, seine Warmherzigkeit und grosse Offenheit in der Beziehung zu anderen, seiner Frau, seinen Kindern, Freunden, Studenten und Kollegen, haben ihn zu einem aussergewöhnlichen Menschen und Förderer von Ideen gemacht.

Er sagt: Die Ideen fliegen durch die Luft, man mußs nur offen sein, sie einzufangen verstehen und sie entwickeln. Francisco Varela ist am 28. Mai 2001 in Paris gestorben, zwei Wochen nach einem unerwartet starken Rückfall nach Abschluss seiner Chemotherapien. In den letzten Monaten vor seinem Tod konnte Franz Reichle mehrere intensive Gespräche mit Francisco Varela zu zentralen Themen führen und auf Video festhalten.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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