A History of Violence

Produktionsnotizen

Als Produzent JC Spink John Wagners und Vince Lockes Comic-Roman "A History of Violence" las, erkannte er sofort das filmische Potenzial. Spink und sein Produzentenpartner Chris Bender ließen sich von dem inneren Konflikt der Hauptfigur mitreißen. Im Rahmen ihres First-Look-Vertrags mit New Line Cinema schlugen die beiden dem Studio das Projekt vor. Auch dort wurde die Idee mit Begeisterung aufgenommen, und man sicherte sich die Filmrechte. Josh Olson schrieb die Filmfassung nach dem Roman, der sechs Jahre zuvor im Verlag Paradox Press erschienen war - derselbe Verlag hat auch "Road to Perdition" (Road to Perdition) veröffentlicht.

"Schon der Titel brachte mich zum Nachdenken", sagt Olson. "Ich entwickelte sofort eine Menge Ideen. Mich beschäftigte die Frage: ,Was würden reale Menschen in einer solchen Situation tun?'" Mit dem Buch als Vorlage entwickelte Olson die Figuren weiter. "Die Geschichte funktioniert nach dem ,Der falsche Mann'-Prinzip: Ein Mann mußs einer Bande von Bösewichten beweisen, dass er unschuldig ist." Regisseur David Cronenberg stieß im Winter 2003 zu dem Projekt und war vom Drehbuch sofort überzeugt.

"Josh hält sich nur in bestimmten Motiven an den Comic-Roman - er erzählt die Geschichte einer Kleinstadt im amerikanischen Mittelwesten", sagt Cronenberg. "Das Skript hat einen klassischen Touch, ohne irgendwelche Vorbilder zu imitieren." Dazu Olson: "An dem Stoff interessiert mich vor allem, eine typische Familie aus dem Mittelwesten mit einer extremen Situation zu konfrontieren und die Auswirkungen zu zeigen: Was passiert, wenn ein normales, glückliches Familienleben durch Gewalt aus den Angeln gehoben wird?" Normalerweise würde Cronenberg kein Familiendrama inszenieren, aber er entwickelte große Sympathie für die Figuren, die Familie Stall.

"Da entstehen sehr starke Gefühle: Ein Ehepaar mit zwei Kindern will einfach nur ein ehrliches, geradliniges Leben führen, was sich aber als schwierig herausstellt. Dieses klassische Element hat es mir angetan." "In gewisser Weise handelt es sich um eine Mainstream-Geschichte, aber unterschwellig kommen sehr verstörende und interessante Aspekte zum Tragen", fährt der Regisseur fort, der für sein einzigartiges Werk in aller Welt geschätzt wird.

"Der Thriller bekommt einen mitreißenden Dreh, weil er nicht nach dem Standardmodell entwickelt ist. Er ähnelt eher einem Hitchcock-Thriller, in dem ein Unschuldiger von sehr gefährlichen Leuten für jemand anderen gehalten wird und in ein Umfeld gerät, von dem er lieber gar nichts wissen will. Sein Leben, seine Familie sind in Gefahr, weil man ihn verwechselt. Der Film spricht eine ganze Reihe sehr spannender Aspekte an, um dann auf interessante Art aus dem Ruder zu laufen", berichtet Cronenberg, der das Skript zusammen mit Olson überarbeitete.

Zum Beispiel änderten sie die Namen der Gangster - sie sind jetzt nicht mehr Italiener, sondern Iren, denn Assoziationen mit der Mafia wollte der Regisseur vermeiden. "Das Phänomen Identität spielt in Davids Filmen sehr häufig eine Rolle: Was ist real und was nicht?" stellt Produzent Chris Bender fest. "Die Verbindung zu seinen übrigen Filmen liegt in Viggo Mortensens Rolle, in Tom Stall, der sich mit einem Identitätsproblem herumschlägt und sich fragen mußs, in welcher Wirklichkeit er eigentlich lebt."

",A History of Violence' ist kein typischer Studiofilm. Im weitesten Sinne kann man ihn Davids Lieblingsthemen zuordnen, obwohl er sich deutlich von allen seinen bisherigen Filmen abhebt", sagt Drehbuchautor Josh Olson. Als New Line Cinema die Produktion übernahm, richtete das Filmteam im kanadischen Toronto ein Büro ein: Cronenberg ist dort zu Hause und hält seiner "Team-Familie" die Treue - bewährte Mitarbeiter besetzen Schlüsselpositionen in seiner Crew und arbeiten schon seit vielen Jahren mit ihm zusammen.

Dazu gehört auch Peter Suschitzky ("Spider", "eXistenZ"), der mit "A History of Violence" seinen siebten Film mit Cronenberg dreht: "Mir fiel beim Lesen des Drehbuchs sofort auf, dass es sich völlig von Davids früheren Stoffen unterscheidet und viel mehr auf eine stringente Handlung hin konstruiert ist. Ich wollte ihm Mut machen, das Projekt zu übernehmen. Deswegen erinnerte ich ihn an Fritz Lang, der immer wieder auf ein wesentliches Filmthema zurückgriff: Die Hauptfigur kann ihrem Schicksal nicht entgehen - eine interessante Konstellation."

Cronenberg fing offensichtlich Feuer, denn er engagierte Viggo Mortensen und Maria Bello - sie waren seine erste Wahl als Darsteller des Ehepaares Stall. Auch Ed Harris und William Hurt zählen zu seinen amerikanischen Lieblingsschauspielern - seit Jahren wünschte er sich, mit ihnen zu arbeiten. "Eine bessere Besetzung könnte ich mir nicht vorstellen. Hier geht es um sehr ernsthafte Darstellerleistungen, die Schauspieler engagieren sich intensiv in ihrer Arbeit, vertiefen sich in ihre Figuren", stellt der Regisseur fest.

Als Sohn wurde der Newcomer Ashton Holmes ausgewählt - er schlug eine Konkurrenz von 100 Kandidaten aus dem Feld, die in Los Angeles und Toronto für die Rolle vorsprachen. Komplett war die Familie dann mit der sechsjährigen Heidi Hayes, die die Filmemacher in Toronto entdeckten. Zur Besetzung zählen außerdem Stephen McHattie ("The Dark"; "Life With Billy"/Hölle einer Ehe) und sein Partner Greg Bryk ("Men With Brooms", "ReGenesis"), die in den schockierenden ersten Szenen des Films die atmosphärische Vorgabe liefern und damit andeuten, was uns noch bevorsteht. Cronenberg-Veteran Peter MacNeill ("Crash", "Rabid") spielt den Sheriff der Stadt.

"Viggo hat sehr lange überlegt, bevor er sich für diesen Film entschied", berichtet Produzent Chris Bender. "Mehrfach hat er sich mit David getroffen. Er wollte ganz sicher gehen, dass er das Drehbuch, die Entwicklung des Tom versteht. Er mußste sich mit der Rolle erst anfreunden, bis er sich für sie entschied." Der Regisseur und Mortensen lernten sich 2001 während des Filmfestivals in Cannes auf einer "Herr der Ringe"-Party kennen. Beide wollten gern zusammenarbeiten. Cronenberg war überzeugt, dass "A History of Violence" genau die richtige Rolle für Mortensen bot.

Später trafen sie sich in Los Angeles, um das Projekt intensiver zu diskutieren: Es ging um die Rolle, um die Änderungen, die Cronenberg plante, um die Einwände, die Mortensen vorzubringen hatte, um Verständnisfragen. "Wir stellten fest, dass wir das Skript sehr ähnlich beurteilen", sagt der Regisseur. "Viggo macht seine Schulaufgaben und analysiert das Buch sehr genau. Richtig rund wurde die Figur erst durch seine Mitarbeit. Wenn die Besetzung feststeht, überarbeite ich mein Drehbuch immer noch einmal, um es mehr auf meine Darsteller abzustimmen, damit sie sich ganz darin zu Hause fühlen. Das ist echte Teamarbeit."

Und der charismatische Viggo Mortensen fügt hinzu: "Ich habe wohl noch nie so deutlich wie in Davids Fall gespürt, dass ich mit einem Regisseur auf derselben Wellenlänge bin. Mir gefällt, wie er die Story erzählt. Es gelingt ihm nicht nur, das Publikum mit einem guten psychologischen Drama zu unterhalten, weil er einen originellen Zugang dazu schafft, sondern er gibt den Zuschauern auch die Gelegenheit, sich mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen - über das Wesen der Gewalt, über Identitätsprobleme. Mit Davids Hilfe eröffnen sich für uns neue Dimensionen im Skript, die mir nicht aufgefallen waren. In dieser Geschichte erleben wir die äußerst komplizierten Auswirkungen eines brutalen Ereignisses auf sehr viele Menschen in dieser Kleinstadt - und weit darüber hinaus."

Drehbuchautor Josh Olson stimmt ihm zu: "Durch die Situation sind sie gezwungen, sich über sehr unangenehme Dinge klar zu werden und ihre Beziehung zu überdenken. Diese Probleme lassen sich nicht verdrängen, und die Familie wird nie mehr so sein, wie sie einmal war. Denn in diesem Film ist nicht alles so, wie es den Anschein hat. Die Menschen verbergen etwas. Der erste Eindruck täuscht. Und als die Sache dann aus dem Ruder läuft, mußs Tom Stall sein Leben ernsthaft überdenken, während seine Familie sich fragt, wer er eigentlich ist. Denn Tom verändert sich sehr: Der bisher normale, friedliebende Mann mußs auf die Gewalt reagieren, mit der er konfrontiert wird."

Dazu Mortensen: "Es geht aber auch um Toms Frau Edie, die ebenfalls neue Seiten an sich entdeckt. Und dasselbe macht auch ihr Sohn Jack durch." "Ich schätze Schauspieler wie Viggo", freut sich Cronenberg, der gern mit Darstellern arbeitet, die nicht nur Starpotenzial auf die Leinwand projizieren, sondern auch als Charakterschauspieler bestehen.

"Erstens kennen sie meistens keine Angst, denn sie scheren sich nicht um ihr Image, das sie als Stars aufgebaut haben. Zweitens verfügen sie dadurch über eine viel größere darstellerische Farbpalette, über Haken und Ösen, Kanten und Widersprüche. Ich brauche exzentrische Darsteller, die eher unter Charakterschauspielern als unter Stars zu finden sind - sie sollen aber auch ihre Starpräsenz, ihr Charisma nicht unter den Scheffel stellen."

"Viggo ist perfekt", fährt der Regisseur fort. "Er hat nicht nur Starcharisma, sondern eine Reihe anderer Qualitäten, die ihm in meinen Augen die Fähigkeit verleihen, eine sehr komplexe Rolle zu spielen. Ich schätze es, wenn sich jemand wie er in jedes winzige Detail verbeißt. Viggo arbeitet sehr konzentriert, feilt wie besessen an Kleinigkeiten, an Toms Körpersprache, Ausdrucksweise und Kleidung. Es ist wirklich sehr beeindruckend, ihn bei der Arbeit zu beobachten und mich mit ihm auszutauschen." Cronenberg berichtet, dass die beiden sich nach zwei Wochen intensiver Arbeit wie Brüder fühlten.

Weil Mortensen sich so engagierte, kaufte er bei seinen Reisen durch den Mittelwesten eine ganze Reihe von Gegenständen, die als Requisiten im Film erscheinen: Enten, ein Sparschwein in Form eines Fischkopfs mit der Aufschrift "Fishin' money" (Geld zum Angeln), das auf der Kasse im Coffeeshop steht, Poster mit Abbildungen der nordamerikanischen Vögel, einige Landschaftsbilder, einen kleinen Keramik-Adler und andere Tierfiguren für das Zimmer seiner Tochter, von denen er meinte, dass si in Toms Haus passen. "Viggo hat sich sehr aktiv in das Umfeld eingebracht, in dem Tom zu Hause ist. Sein Engagement ist wirklich sehr ungewöhnlich", sagt Cronenberg.

Als Maria Bello Cronenberg in Toronto kennen lernte, wusste sie noch nichts von seinem Projekt. "Wir trafen uns wegen einer anderen Sache, aber die ganze Zeit überlegte ich, dass sie wunderbar zu unserer Geschichte passt", sagt der Regisseur. "Sie und Viggo geben ein sehr überzeugendes Ehepaar ab - Alter und Einstellung stimmen genau." Seit Bello "Dead Ringers" (Die Unzertrennlichen) gesehen hat, ist sie ein großer Cronenberg-Fan. "Ich nahm an, dass David genauso bizarr wäre wie seine Filme. Aber er steht mit beiden Beinen auf der Erde, ist unglaublich intelligent, sehr zuvorkommend, ehrlich und integer - ich mochte ihn auf Anhieb", sagt Bello, die seit ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Regisseur arbeiten wollte.

"Maria war eine echte Entdeckung. Ich sah sie in ,The Cooler' (The Cooler - Alles auf Liebe) und merkte, wie subtil sie spielen kann - sie hatte eine sehr sensible erotische Ausstrahlung, die ausgesprochen authentisch wirkt. Ich war überzeugt, dass sie auch diesen neuen, sehr komplexen und doch auch wieder ganz simplen Charakter darstellen kann, eine Kleinstadt-Anwältin, energisch und engagiert, sie mag die familiäre Kleinstadtatmosphäre, lässt sich nicht einschüchtern, sondern schöpft daraus ihre Kraft. All das kann Maria ausdrücken, und sie verändert sich im Laufe der Handlung stark, entdeckt selbst ganz neue Seiten an sich. In gewisser Weise spiegelt sich in ihrer Entwicklung das, was Tom Stall durchmachen mußs", erklärt Cronenberg.

Beim ersten Lesen des Drehbuchs erlebte Bello ihre Rolle als "die Frau an seiner Seite" - bis es einfach nicht mehr weiter geht. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie, dass Edie eigentlich viel eher der Herr im Haus ist als Tom. "Sie strahlt eine Art maskuliner Energie aus und hat das Heft in der Hand. Im Zuge der Veränderungen ist sie gezwungen, sich in die feminine, akzeptierende, verletzliche Rolle zurückzuziehen. Sobald ich diesen Wandel bemerkte, sah ich die Rolle anders, entwickelte eine ganz neue Perspektive. Edie ist schon 20 Jahre mit ihrem Mann zusammen. Er ist die Liebe ihres Lebens, sie haben eine Familie, er ist einfach der freundlichste und sanfteste Mensch, den sie kennt."

Doch eines Tages ist nichts mehr so, wie es einmal war. "Nichts ist jemals so, wie wir uns das vorstellen", überlegt Bello. "Immer gibt es noch Bereiche, die im Dunkeln liegen, ob in uns selbst oder in anderen oder in dem, was draußen in der Welt geschieht. Immer gibt es eine verborgene Dimension, die wir nicht kontrollieren oder verstehen können. So etwas kann David auf unterhaltsame und gleichzeitig auch sehr erhellene Art zeigen. Selten trifft man einen Regisseur, der unseren eigenen Vorschlägen, unserer Erfahrung gegenüber aufgeschlossen ist. Davids Drehbücher enthalten nur das Nötigste, denn er wünscht sich, dass die Schauspieler die Leerstellen selbst ausfüllen - da hat er uns wirklich freie Hand gelassen."

"Man glaubt Maria sofort, dass sie als Schulmädchen die Ballkönigin war und dann überzeugende Charakterstärke entwickelt und sich als Anwältin Respekt erworben hat", sagt Cronenberg. "Das war für mich die Voraussetzung, aber sie mußs außerdem erotisch sehr stimulierend wirken, denn auch das ist eines der Schlüsselelemente in unserer Geschichte. Für eine solche Rolle brauche ich eine Schauspielerin, die keine Angst kennt. Seit ,The Cooler' weiß ich, dass Maria überhaupt nicht ängstlich ist - ein wichtiges Kriterium bei meiner Entscheidung für sie."

"Durch Toms Gewalttätigkeit verändert sich Edie. Es gibt ein paar düstere Sexszenen, die ohne großes gegenseitiges Vertrauen nicht funktionieren würden", sagt Cronenberg. "Ich halte das Sexualleben meiner Filmfiguren für sehr wichtig. Wenn man davor zurückschreckt, kann man die Figuren nicht sehr tief ausloten. Ich halte es für unabdingbar, die unterschiedlichen Sexszenen zu zeigen - bevor und nachdem Tom der unterdrückten Gewalttätigkeit in ihm selbst freien Lauf lässt: Dadurch wird deutlich, wie Edie auf ihn reagiert."

Dazu Mortensen: "Was Tom und der Familie passiert, verändert sie. Man spürt: Egal, wie die Geschichte ausgeht - nachdem die Fremden die Familienidylle in der kleinen Stadt im Mittelwesten durcheinander gebracht haben, wird es nie mehr so sein wie früher. Sobald der erste Fremde den Coffeeshop betritt, ist das vorbei. Wir erleben, wie Toms und Edies Beziehung unter diesem Druck leidet, weil Tom die Situation immer weniger im Griff hat - obwohl er selbst zum Teil dafür verantwortlich ist. Und das, obwohl in seiner Familie scheinbar alles in Ordnung ist."

Und Bello fügt hinzu: "Wenn wir die Story als düster bezeichnen, ist dieser Kontrast sehr interessant, weil wir am Anfang eine so ausgeglichene, fröhliche Familie sind. Umso stärker wirkt der Schock, wenn alles auseinander fällt." "Sie müssen von vorn anfangen, ihre Kräfte sammeln, ihre Ziele neu definieren", meint Mortensen. "Das mußs nicht sein, aber es wäre ein Weg. In diesem Sinne heißt Davids Botschaft im Film: Wenn wir nicht bereit sind, jede Gemeinschaftsbeziehung, ob Paar, Familie, Gemeinde oder ein Staat wie die USA, immer wieder zu überdenken und neu zu organisieren, dann hat das Konsequenzen. Wer sich selbst nicht ehrlich prüft, mußs irgendwann den Preis dafür zahlen. Ich glaube, dass David uns das zeigen will, ohne dabei zu dick aufzutragen."

Ed Harris übernimmt die Rolle des gefährlichen, undurchsichtigen irischen Gangsters Fogarty. "dass Ed mitmacht, ist für uns ein Besetzungstriumph", sagt Produzent Chris Bender. "Er spielt die Rolle perfekt." "Ich bewundere Ed seit vielen Jahren", sagt Cronenberg. "Er ist tough, hat Persönlichkeit und Charisma, die für diese Rolle unabdingbar sind. Seine Auftritte müssen unmittelbar unter die Haut gehen. Fogarty glaubt, dass es zwischen ihm und Tom in früheren Zeiten eine gewalttätige Auseinandersetzung gegeben hat, und deswegen taucht er in Stalls Coffeeshop auf. Ein entscheidender Moment im Film: Handelt es sich um eine Verwechslung?"

"Ed verstand sich mit Viggo auf Anhieb und nahm jedes Detail sehr ernst: die Narbe im Gesicht, das blinde Auge, seine Körpersprache, seine Frisur, die alle den Fogarty glaubwürdig und lebendig machen. Seine Vorgehensweise passt hervorragend zu dem, was sich bis zu seinem Auftreten zwischen Viggo und Maria entwickelt hat."

Wie die meisten Kollegen akzeptierte Harris die Rolle vor allem, weil der Regisseur David Cronenberg heißt: "Ich wollte mit David arbeiten, weil er ein wahrer Filmemacher ist, er versteht sein Handwerk, hat klare Vorstellungen - es bringt eben Spaß, mit Leuten zu arbeiten, die ihre Arbeit ernst nehmen. Man spürt seine natürliche Autorität. Dabei ist er auch für unsere Vorschläge empfänglich, er hört sich unsere Ideen an und legt wert auf Teamarbeit, aber letztlich ist das sein Film. Das versteht jeder, und mir liegt diese Arbeit. Ich wollte wissen, warum David gerade diese Geschichte erzählen will, die oberflächlich gesehen recht simpel wirkt.<>P> David sagte: ,Mich interessiert die Wirklichkeit der Menschen - was real ist und was nicht. Wie Menschen ihre Rollen spielen, darum geht es letztlich immer. Ich habe das Gefühl, dass unsere Geschichte diesen Aspekt sehr überzeugend ausdrückt.' Unter Davids Regie wird das kein normaler Film, sondern ein Cronenberg-Film mit seiner persönlichen Handschrift. Auf jeden Fall wird das sehr interessant", sagt Harris, der sich auch auf die gemeinsame Arbeit mit Mortensen und Bello freute.

Über seine Rolle sagt Harris: "Fogarty ist ein Gangster. Er gehört einem zweitklassigen Gangstersyndikat im Großraum Philadelphia an. Wahrscheinlich ist er die rechte Hand des Typen, den William Hurt spielt. Und er kommt in die kleine Stadt, um die Dinge, so wie er sie beurteilt, in Ordnung zu bringen. Als er auftaucht, ist nicht ganz klar, was er im Schilde führt, aber irgendetwas ist im Busch. Tom Stall hat die zwei Räuber in seinem Restaurant entwaffnet und erschossen - dadurch wird er zum Nationalhelden. Tom erscheint in den Fernsehnachrichten, Fogarty sieht das zufällig und stattet ihm einen Besuch ab. Fogarty ist überzeugt, dass er vor einigen Jahren großes Unrecht erlitten hat, er fühlt sich im Recht, jetzt Rache zu üben."

Dazu Mortensen: "So wie Ed ihn spielt, ist Fogarty wirklich zum Fürchten. Notwendigerweise. Er mußs unbedingt sehr bedrohlich auftreten. Ashton Holmes war am Anfang ganz verstört." Und Holmes, der Mortensens Sohn spielt, fügt hinzu: "Fogarty ist einer der Typen, denen wir nie über den Weg laufen möchten. Doch plötzlich steht er vor uns." "Ed war sehr zuvorkommend - er hat nicht nur mich, sondern auch Ashton und die anderen nach Kräften unterstützt", berichtet Mortensen. "Er ist ein Schauspieler, der seinen Kollegen wirklich optimale Leistungen ermöglichen will. Mir gefällt auch, dass er alles mit einem gewissen Humor sieht. Genau wie William Hurt war er irritierend komisch."

Harris entgegnet: "Das macht Spaß. Ich bin auf einem Auge blind, und mein Gesicht ist durch eine schreckliche Narbe entstellt. Der Typ ist einfach zum Fürchten. Ich versuche das Beste daraus zu machen. Ich fühle mich herausgefordert, weil ich ihn etwas anders spielen möchte als all die ähnlichen Kerle, die wir seit 50 Jahren im Kino sehen. Ich versuche das Besondere an ihm herauszufinden, was ihn interessant macht, einen ungewöhnlichen Dreh. Ich bemühe mich, ihn unverwechselbar zu gestalten. Das ist meine Aufgabe als Schauspieler."

Und Produzent Chris Bender fügt hinzu: "Ed sagt, dass er den Gangster gern spielt, weil er noch nie einen dargestellt hat - die Drohgebärden gefallen ihm also. Er ist ein sehr solider Schauspieler. Sein Charisma vor und hinter der Kamera überträgt sich wunderbar auf einen mächtigen, skrupellosen Mann, der Angst und Schrecken verbreitet. In einer Szene hat er improvisiert - es sah aus, als ob er Edie angreifen wollte - alle, die um den Monitor standen, bekamen es mit der Angst zu tun." Bello erinnert sich an die Szene: "Ed hat mich als Schauspielerin unter Druck gesetzt, so dass die Szene sehr dynamisch wurde. Seine Leistung überwältigt, wirkt so unmittelbar. Er arbeitet mit sehr feinen Sensoren."

"Ein weiterer Coup war, dass wir William Hurt als Unterweltboss gewinnen konnten", berichtet Bender. "Wir wollten auf jeden Fall das Gangsterklischee vermeiden und jemandem die Rolle anvertrauen, der Toms Widersacher komplexer gestalten kann. William Hurt geht völlig anders an die Rolle heran - absolut untypisch. Sein Darstellungsrepertoire ist äußerst ungewöhnlich - seine Art zu spielen nenne ich ,Hurtismus'." "Richie ist für mich auf jeden Fall eine völlig neue Rolle", sagt Hurt. "Er ist kriminell. Einen Typen wie ihn habe ich bisher auch nicht annähernd gespielt. Aber ich wähle keine Rollen aus, sondern Stücke, und in diesem Fall ein Drehbuch."

Hurt bereitete sich auf seine Rolle vor, indem er den Philadelphia-Akzent übte: "Dadurch ändert sich auch die physische Darstellung einer Rolle. Am liebsten verwandele ich mich auch körperlich in eine völlig andere Person." Hurt wollte außerdem sehr gern mit Mortensen arbeiten - die beiden trafen sich vorab, um ihre Rollen durchzusprechen. "Wir setzten uns zusammen, und aus der einen Tasse Kaffee wurden sechs Stunden. Bill denkt anders als andere Leute und sprüht nur so vor Ideen", sagt Mortensen. "Ich habe das deutliche Gefühl, dass ihm das richtig Spaß macht."

Hurt grinst: "Ich hatte Recht. Ich glaube, dass wir die Dinge ähnlich angehen. Vielleicht hat David uns deswegen zusammengebracht, wegen unseres Ansatzes. Alles Pompöse und Arrogante ist Viggo völlig fremd. Er reist ohne Gefolge. Er steht mit beiden Beinen auf der Erde, hat seine Eigenarten, beobachtet sehr genau. Er ist ein Künstler. Das weiß ich sehr zu schätzen, weil ich am Set praktisch mit einem Spaten in der Hand ankomme und mich an die Arbeit mache. Ich finde es toll, wenn ich jemanden kennen lerne, der genauso empfindet."

Ed Harris sieht das ähnlich: "Viggo ist sehr sympathisch, höchst intelligent, ein Mensch nach dem Ideal der Renaissance: Er malt, schreibt Gedichte, fotografiert und spricht mindestens drei Sprachen. Er ist sehr zuvorkommend und hat sich intensiv für diesen Film engagiert. Er diskutiert gern darüber und achtet darauf, dass wir wissen, wie die anderen darüber denken. Ich fand die Zusammenarbeit mit ihm höchst erfreulich." "Viggo wirkt wie der Botschafter unseres Teams. Er ist unglaublich zuvorkommend und verbreitet bei allen Beteiligten eine wunderbare Stimmung", sagt Cronenberg.

"William hat die Dialoge analysiert und zwischen den Zeilen unglaublich subtile Nuancen und unerwartete Dimensionen entdeckt - genau wie ich mir das gewünscht hatte", sagt Cronenberg. "Was die Fogarty-Rolle angeht, so ist er nur relativ kurz auf der Leinwand zu sehen, aber es handelt sich um eine Schlüsselrolle. Fogarty mußs uns mitreißen, überzeugen mit seinem furchterregenden Charisma. Ich brauchte also unbedingt einen Schauspieler, der dieser Rolle Gewicht verleiht."

Obwohl Ashton Holmes mit "A History of Violence" sein Filmdebüt gibt, fühlte er sich am Set sofort wie ein Fisch im Wasser. Dazu Produzent Chris Bender: "Ashton ist bereit, sich auf alle Aspekte einzulassen, die seine Rolle erfordert." Und Holmes kommentiert: "Ich erlebe die Arbeit mit David wie im Traum. Er ist wirklich ein Schauspieler-Regisseur. Er erlaubt mir, die Rolle selbst zu analysieren, er erwartet immer meine eigenen Beiträge, meinen kreativen Input. Meine eigenen Ideen gehen in meine Darstellung ein, und er ermuntert mich ständig, so weiterzumachen."

"Jack geht in die 10. Klasse der Millbrook High School" fährt Holmes fort. "Er ist eher ein Einzelgänger. Er fühlt sich unter den Außenseitern wahrscheinlich wohler, aber er kommt mit den beliebten Schülern ebenso aus wie mit den Randfiguren. Durch seinen Verstand, seine Intelligenz ist er den anderen überlegen. Deshalb bleibt er lieber außen vor und beobachtet, was passiert. Als die Stalls in diesen Verwechslungsfall verwickelt werden, hat das gravierende Auswirkungen auf die gesamte Familie. Wir alle reagieren auf das, was Tom passiert. Jack entdeckt Seiten an sich, die ihm bisher wohl noch nicht bewusst waren. Das fordert mich als Schauspieler heraus: einerseits einen charmanten, aufrichtigen Jugendlichen zu spielen, der dann andererseits auch einen Überschwang an Wut und Gewalttätigkeit in sich entdeckt."

Über die Art der Gewalt in seinem Film sagt Cronenberg: "Die Gewalttätigkeit soll sehr realistisch, brutal und kompakt wirken. Es geht um die Brutalität und Gewalt, wie man sie zum Beispiel in einem Straßenkampf erlebt - unbeholfen und direkt, blutig und ekelhaft anzusehen - genau das Gegenteil von den Zeitlupenballetten, die wir in den choreografierten Szenen anderer Filme erleben. Als Element der Erzählstrukur ist die Gewalttätigkeit der Hauptfigur in jedem Fall berechtigt. Tom Stall wird nämlich gezwungen, gewalttätig zu reagieren - er hat kaum eine andere Wahl.

Gleichzeitig verschweigen wir nicht, dass seine Gewalt sehr üble Konsequenzen für jene Menschen hat, die dieser Gewalt ausgesetzt sind. Ich glaube, am Ende steht die Erkenntnis, dass Gewalt ein unglücklicher, aber sehr realer und unvermeidbarer Bestandteil der menschlichen Natur ist. Wir verschweigen das nicht, und man kann eigentlich nicht behaupten, dass die Gewalt nie berechtigt wäre. Aber wir können behaupten, dass sie immer abstoßend ist. Und das gibt uns die Richtung vor."

"Ich glaube, dass David die Ursachen und die Auswirkungen der Gewalt aufzeigt", sagt Mortensen. "Aber er stellt nie die Gewalt selbst in den Mittelpunkt. Er zelebriert oder verherrlicht sie nie - dadurch wirkt sie irgendwie noch schockierender. Ich glaube, dass er sagen will: Gewalt mußs man immer ablehnen. Aber er behauptet nicht, dass man sie immer vermeiden kann. In diesem Sinn zeigt er das Leben, wie es unter den Menschen auf dieser Erde üblich ist." Chris Bender betont: "Die extreme Gewalttätigkeit im Coffeeshop bringt Toms inneren Konflikt in Gang, hat aber auch auf alle anderen Auswirkungen - von den Stadtbewohnern bis zu Toms Familie."

Mortensen beleuchtet noch einen weiteren Aspekt: "Es geht nicht nur um Gewalt, Orientierungslosigkeit oder unseren Platz in der Gesellschaft oder in der Kleinfamilie, sondern es geht auch um die Probleme, die sich aus Toms plötzlicher Bekanntheit, aus dem Medienrummel ergeben. Daraus ergibt sich weitere Gewalttätigkeit. Tom wird der Kleinstadtheld, dem man zu seiner Gewalttat gratuliert. Sein Sohn findet, er sollte in Larry Kings Talkshow auftreten.

Damit spricht David ein allgemeines Problem an, das aber besonders die USA betrifft: Es geilt die Menschen auf, wenn Gewalt und Ruhm zusammentreffen. Generell kann man sagen, dass David in seinen bisherigen Filmen kaum Kampfszenen eingesetzt hat. Aber das dürfte sich bei dieser Geschichte sogar als Vorteil erweisen. Denn sie wirkt verstörend echt. Wir sind irritiert, weil die physische Action abrupt auftritt, uns schockiert. Und die Konsequenzen sind hässlich." Und Bender fügt hinzu: "Suspense, Angst und Spannung - David beherrscht sie meisterhaft."

William Hurt stimmt ihm zu: "Der Film zeigt viele Gewaltszenen, aber David zeigt sie aus seinem ganz besonderen Blickwinkel. Es geht um die Gewalt, die in uns allen steckt. Auf jeden Fall sind wir alle imstande, gewalttätig zu werden." Und Ashton Holmes fügt scharfsinnig hinzu: "Ich bin sicher, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft unter bestimmten Umständen sehr gewalttätig werden können. Wir werden sehr selten mit diesem Potenzial in uns konfrontiert, aber ich bin überzeugt, dass es in uns allen schlummert. Und es könnte zum Vorschein kommen."

Drehbuchautor Josh Olson kommentiert: "David spricht damit ein sehr grundsätzliches Thema, sehr tief sitzende Emotionen an. Er lotet dunkle Abgründe aus, zeigt uns bedrohliche Ereignisse, denen wir uns stellen müssen. Er tastet sich in die Tiefen unserer Psyche vor und bringt sie ans Tageslicht, ohne die düsteren Aspekte reinzuwaschen. Das flößt uns eine Heidenangst ein." "Wahrscheinlich fühlen sich viele Künstler gerade von den dunklen Seiten der menschlichen Natur angeregt, weil sie verborgen, unerforscht sind", sagt Cronenberg.

"Man möchte Licht in diese dunklen Ecken bringen. Man kommt sich vor wie ein Detektiv. Mit dem Normalen, mit dem Status quo ist man einfach nicht zufrieden. Wie ein Wissenschaftler fühlt sich der Künstler getrieben, hinter die Fassade allgemeiner Akzeptanz zu blicken. Er will den Dingen auf den Grund gehen, ihren Ursprung entdecken, das Räderwerk analysieren. Allzu oft entdeckt er dabei grausige, abseitige und verbotene Dinge. Doch der Antrieb dabei ist nicht die Entdeckung des Negativen, sondern das Bedürfnis, die Wirklichkeit zu erfahren, und die Wirklichkeit hat viele Ebenen."

Ed Harris fragt: "Warum faszinieren uns diese dunklen Aspekte so sehr? Wahrscheinlich, weil es wie eine Erlösung wirkt, wenn wir zusehen können, wie jemand ein Unrecht sühnt, oder wenn wir erleben, wie die dunklen Mächte in einem Menschen hervorbrechen und das Gute in ihm gegen das Böse kämpft. Wahrscheinlich erleben wir genau das tagtäglich in uns selbst, auf einer subtilen Ebene. Manche Menschen setzen sich dem aus, anderen ist es egal, und wieder andere fühlen sich ganz wohl in ihrer düsteren Existenz. Manche vermeiden diese Auseinandersetzung völlig, weil sie Angst davor haben."

Dazu Maria Bello: "Ich finde interessant, dass Menschen, die sich mit ihrer dunklen Seite auseinandersetzen, normalerweise einen sehr ausgeglichenen Charakter haben, weil sie nämlich ihre Angst überwinden. David kann diesen Bereich in sich sehr locker ausloten - er mußs ihn aber nicht ausleben und tut es auch nicht." Auch Bello begann sich mit ihrer eigenen dunklen Seite auseinanderzusetzen. "Seit ich Kinder habe, gelingt es mir besser, die düsteren Aspekte meines früheren Lebens zu akzeptieren. Zwar nicht wie im Film. Aber ich weiß, wie ich das überwinden kann. Das ist sehr aufregend."

Der amerikanische Mittelwesten im kanadischen Toronto Die Dreharbeiten fanden in Toronto und an etlichen Schauplätzen in der ländlichen Umgebung statt, und zwar vom September bis zum 19. November 2004. Cronenbergs Team arbeitete eng mit dem Regisseur zusammen, um die Schauplätze und die Atmosphäre außergewöhnlich zu gestalten - sie wirken im Lauf der Handlung zusehends düsterer. Die Kostüme orientieren sich an der im Mittelwesten üblichen Kleidung von Bürgern einer Stadt mit etwa 1600 Einwohnern, erklärt Kostümbildnerin Denise Cronenberg, die für Maria Bello eine Palette warmer Herbstfarben auswählte - Braun und Beige.

Produktionsdesignerin Carol Spier legt Wert auf helle, freundliche Farben, die sich im Lauf des Films zunehmend verdüstern und bedrohlicher wirken. "Am Anfang herrscht die Idylle - sie bildet den Rahmen, in dem die Gewalt ausbricht. In diesem Umfeld fühlt man sich sicher und beschützt - niemand im Ort verrammelt seine Fenster oder schließt die Tür ab, ganz im Gegensatz zu Richies höhlenartiger Villa", sagt Spier, die bereits die Sets für zwölf Filme des Regisseurs entworfen hat.

Ausstatter James McAteer fügt hinzu: "Nachdem der Film zunächst ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, ändert David diese Atmosphäre. Er führt uns auf einem uns scheinbar vertrauten Weg, um dann eine Umleitung einzuschlagen. Anfangs erleben wir ein idyllisches Städtchen in ländlicher Umgebung, doch der Film verändert sich drastisch, als David die Psyche des Helden auszuloten beginnt."

"Im Grunde handelt es sich um eine Charakterstudie, das heißt, die von uns gebauten Sets sind eher schnörkellos", sagt Spier. "Die Außenansicht von Richies Villa ist der Nachbau eines französischen Chateaus: Er war früher der Wohnsitz eines kanadischen Industriellen außerhalb von Toronto. Heute gehört das Gebäude zur York University. Die Innenräume haben wir in den Toronto Film Studios nachgebaut."

"Die Villa soll das Hauptquartier der Bösewichte darstellen, hat also einen betont männlichen Touch mit intensiven Farben", sagt McAteer. "Sie unterscheidet sich deutlich von der freundlichen Stadt in Indiana, wo Tom sein Restaurant führt. Das ergibt einen krassen Hell-Dunkel-Effekt, so wie sich der emotionale Spannungsbogen des Helden vom Licht hin zur Dunkelheit entwickelt. Einen Großteil des Films drehte Cronenberg mit einem 27mm-Objektiv.

"Es ist ein Weitwinkelobjektiv, das man für Nahaufnahmen normalerweise nicht benutzen würde, aber ich habe es bewusst dafür eingesetzt - wohl 90 Prozent des Films sind damit gefilmt. Ich versuche dadurch eine stringente, kompakte optische Entsprechung zur Psyche der Figuren zu finden: Welches Kraftfeld bestimmt die Räume? Wie leben die Menschen darin?" Cronenberg hatte genaue Vorstellungen von der amerikanischen Stadt im Mittelwesten und von der Farm der Stalls: Die Umgebung soll sehr ländlich wirken, mit anmutigen Panoramaansichten und sanft geschwungenen Hügeln am Horizont. Man entschied sich für den Ort Millbrook/Ontario, weil er sich in ein abgelegenes Tal schmiegt. Die Hauptstraße führt zu beiden Seiten über die Hügel hinaus.

"Millbrook hat den Kleinstadtcharakter bewahrt, hier gibt es noch altertümliche Gebäude", erklärt Aufnahmeleiterin Debra Beers. 1816 wurde die erste Mühle in Millbrook errichtet - bis heute hat sich die für Ontario typische Architektur des 19. Jahrhunderts erhalten. Seit 100 Jahren verändert sich hier wenig - die Stadtväter beschreiben den Ort als "das konservierte Erbe von Ontario - eine Hymne auf das Kleinstadtleben". Auch die Farm erfüllte Cronenbergs Vorgaben für das ländliche Umfeld. Toronto selbst doubelt ein heruntergekommenes Viertel in Philadelphia - das Filmteam drehte zu diesem Zweck in einer Bar, die schon in "The Fly" (Die Fliege) zu sehen war.

Die 14 Drehorte befanden sich in einem 140-Kilometer-Radius um Toronto. Die Außenaufnahmen vor Stalls Coffeeshop entstanden in Millbrook, und dann wurden die Läden und die Straße im Studio nachgebaut - bis hin zu den kleinsten Details wie den Rissen und Spalten im Straßenasphalt. Andere Szenen drehte das Team in einem Einkaufszentrum der Kleinstadt Tottenham. Das Baseball-Spiel filmte man in dem winzigen Ort Pottageville, wobei Beers einen Schauplatz aus "eXistenZ" (eXistenZ) wiederverwendete.

"Ich merke, dass ich jetzt eine Phase meiner Karriere erreicht habe, in der ich genießen kann, mit den Spitzenkräften der Branche zu arbeiten", sagt Maria Bello. "Nachdem ich Davids Filme gesehen und sein Buch ,Cronenberg on Cronenberg' gelesen habe, weiß ich, was für ein Meister er ist." "Die Geschichte ist düster und der Film auch, aber die Atmosphäre beim Dreh könnte gar nicht freundlicher und lockerer sein", stellt Ashton Holmes fest. "David ist ein wunderbarer Daddy mit sanfter Stimme, sein Team wirkt wie eine große Familie."

Mortensen stimmt ihm zu: "David sorgt für eine lockere, entspannte Atmosphäre am Set. Er kennt den Wert guter Stimmung bei der Arbeit. Man fühlt, dass alle am selben Strang ziehen. Wenn ein Regisseur deutlich macht, dass er selbst noch nicht alle Antworten parat hat, dann fühlt man sich viel eher als echter Mitarbeiter, als Partner. Er bereitet sich zwar akribisch vor, aber er erlaubt uns und sich selbst trotzdem, während der Arbeit neue Entdeckungen zu machen. Als Schauspieler spürt man, dass man Fragen stellen darf, ohne anzuecken.

Ein Großteil des Teams hat mit ihm schon viele Filme gemacht. Dadurch entsteht eine echte Familienatmosphäre, man verständigt sich ohne viele Worte. David kann deswegen relativ schnell drehen, braucht kaum Proben. Weil ihm selbst die Arbeit Spaß macht, überträgt sich das auf die anderen. Er schafft ein Umfeld, in dem alle eingeladen sind, etwas Neues auszuprobieren." Und Cronenberg fügt hinzu: "Die Schauspieler achten wie Wachleute auf ihre Rollen. Als Regisseur sollte man ihnen genau zuhören. Man sollte ihnen ihr Eigenleben zugestehen, sie mitarbeiten lassen. Am Ende kapiert man, dass die Schauspieler die besten Mitarbeiter überhaupt sein können."

Der Regisseur gibt selbst die Stimmung vor und lädt alle anderen ein - das schafft eine Atmosphäre, in der man sich willkommen und angenommen fühlt: "Wenn ich Schauspieler oder Techniker bitte, für mich zu arbeiten, komme ich mir vor, als ob ich sie einlade, mit in meinem Sandkasten zu spielen, denn das spielerische Element hat großes Gewicht. Wir werfen uns die Bälle zu, machen auch mal was kaputt, wir spielen eben. Niemand kann sich erlauben, diesen kindlichen Spieltrieb zu unterdrücken, denn in ihm liegt der Kern der Kreativität."

"David legt großen Wert auf Teamarbeit", stellt Mortensen fest. "Und was noch wichtiger ist: Er schweißt Schauspieler und Crew zu einem Team zusammen. Als Regisseur weiß er, dass Einfaches kompliziert ist und dass Kompliziertes einfach sein sollte. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die meisten seiner Filme. In ihrer geschickten und ordentlichen Präsentation wirken seine Geschichten sehr subtil. Sie bringen uns dazu, über uns selbst, über unsere Gefühle nachzudenken, die wir normalerweise ausblenden, weil wir die Auseinandersetzung scheuen."

"David lässt sich von Nebensächlichkeiten nicht ablenken", berichtet Produzent Chris Bender: "Er strahlt eine ruhige, Zen-artige Autorität aus. Dadurch kann jeder sein Bestes geben, sich so kreativ wie möglich einbringen. Er hat ganz klare Vorstellungen, und in dieser Klarheit liegt seine Stärke." "David liebt seine Schauspieler über alles", fährt Bender fort. "Er respektiert sie, weiß zu schätzen, was sie beitragen. Sie fühlen sich also ganz in ihrem Element, können ihre Figuren nach allen Erfordernissen ausloten - er lässt ihnen diesen Freiraum. Gleichzeitig schafft er es, seine eigenen Vorstellungen präzise umzusetzen."

William Hurt erlebt das genauso: "David geht sehr behutsam mit uns um. Gleichzeitig spürt man in seinem Aufreten große Kraft. Es gelingt ihm, seine Vorstellungen immer im Auge zu behalten, sie aber sehr, sehr behutsam zu äußern. Er fordert uns zur Mitarbeit auf, statt uns einzuschüchtern." Hurt war beeindruckt, wie "glatt die Dreharbeiten liefen. Wir wurden nicht inszeniert, wir durften spielen. Ich war überrascht, wie schnell ich diese Lockerheit auch in mir spürte. Wahrscheinlich weil ich wusste, dass er mich zum Äußersten treiben wollte. David arbeitet immer sehr konzentriert. Ein gutes Gefühl, in diese Konzentration mit einbezogen zu werden."

"Beim Dreh geht es sehr formlos zu", fügt Ed Harris hinzu. "Es gibt keine zwei Meinungen darüber, wer das Sagen hat, und lange Diskussionen gibt es nicht, weil alle schon lange zusammenarbeiten. Eine angenehme Stimmung, weil die Mitarbeiter dieses Films ganz offensichtlich gern dabei sind und David von früheren Filmen kennen. Kameradschaft wird groß geschrieben - alle haben dasselbe Ziel vor Augen. Wenn mich also etwas überrascht hat, dann wohl nur, dass ich mich so gut aufgenommen und versorgt fühlte."

Ähnliches hat Ashton Holmes erlebt: "David sorgt für eine Atmosphäre, in der sich jeder wohlfühlt. Es gibt keine spürbare Spannungen, jeder findet seine Position auf dem Spielfeld - von den Regieassistenten bis zu den Schauspielern." Sogar die kleine Heidi Hayes (ihre Eltern leiten die Central Ontario School of Falconry/Falknerei-Schule), ließ sich von der Stimmung anstecken und überraschte Mortensen an seinem Geburtstag mit ihrer Schleiereule Lucy - sie zeigte ihm, wie er sie auf seiner Hand zu halten hat.

Tiere begleiteten die Dreharbeiten auch weiterhin: Immer wenn Mortensen seine Mutter besucht hatte, brachte er T-Shirts mit, auf denen unterschiedliche Fische in Gebirgsbächen abgebildet waren. Mit jedem Besuch wurden es mehr, und schließlich trugen fast alle Crew-Mitglieder Fisch-T-Shirts. Freitags wurde mit Fisch gefeiert.

Und fischiger Höhepunkt war das Gruppenfoto des gesamten Teams: Mortensen und Bello hatten Kisten mit frischen Fischen besorgt, und die meisten Mitarbeiter haben auf dem Foto einen Schnapper in der Hand - oder halten ihn eher zaghaft nur mit Daumen und Zeigefinger hoch. Der sonst eher zurückhaltende Mortensen hält eine Flunder hoch - das war "der große Fisch". Trotz des strengen Geruchs zeigte sich in dem Event die intensive Kamaradschaft, die die Dreharbeiten bestimmte.

Eine Reise in die Finsternis Über das Thema des Films sagt Maria Bello: "Lernen wir andere Menschen jemals richtig kennen? Kennen wir uns denn selbst? Ich glaube, dass wir ständig Neues in uns entdecken. Was dann dazu führt, dass wir den Mut aufbringen, uns auch anderen zu offenbaren." William Hurt stellt die Fragen: "Können wir ändern, was wir sind? Können wir der Gewalt, wenn sie Teil unseres Lebens wird, jemals entrinnen? Ich glaube, der Film wirkt derart mitreißend und überzeugend, dass sich die Antwort von selbst ergibt." Dazu Drehbuchautor Josh Olson abschließend: "Mich fasziniert die Geschichte, die sich jeder selbst strickt. Wenn man dann gezwungen wird, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, ergibt das einen interessanten dramatischen Stoff."

"Man mußs ständig aufpassen, denn David führt uns über verschlungene Straßen", rät Bello. "Man weiß nie, in welche Richtung das geht. Es gibt brutale, blutige Szenen, aber auch Liebe, Güte und Mitgefühl. Eine Mischung aus allen menschlichen Emotionen. Das Publikum geht auf eine beeindruckende Reise." Und Ashton Holmes fügt hinzu: "Der mitreißendste Aspekt für den Zuschauer, aber auch für mich als mitwirkenden Schauspieler ist die intensive Gratwanderung zwischen Gut und Böse und die Auswirkungen, die sie auf die handelnden Personen hat."

"Gewalt ist Teil der menschlichen Natur, sie bestimmt die Menschheitsgeschichte - man darf sich ihr nicht verschließen. Jeden Tag macht sie Schlagzeilen, jeden Tag denken wir darüber nach", sagt Cronenberg. "Als Künstler mußs ich mich also damit auseinandersetzen - und hoffentlich nur in meiner künstlerischen Arbeit, ohne sie jemals im Alltag erleben zu müssen." Viggo Mortensen fasst zusammen: "David nimmt die amerikanische Gesellschaft und Kultur genau unter die Lupe - auf subtile Weise behandelt er zeitlose Themen wie das Wesen der Gewalt, die Irritationen der Kleinfamilie und die individuelle Identität."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Warner Bros. © 1994 - 2010 Dirk Jasper