Der Fischer und seine Frau

Ausführlicher Inhalt

"Meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich gern will." (Jakob und Wilhelm Grimm: "Von dem Fischer und seiner Frau")

Ein Fisch namens Koi bestimmt die schicksalhafte Handlung dieser liebenswert-leichtfüßigen Komödie: Ida (Alexandra Maria Lara), die 27-jährige Rucksack-Touristin und Mode-Designerin steht in grellen Klamotten an einer Bushaltestelle in einem gottverlassenen japanischen Dorf. Sie winkt ein vorbeifahrendes Taxi herbei, in dem Otto (Christian Ulmen) und Leo (Simon Verhoeven) sitzen. Die beiden deutschen Männer, Veterinäre und nach eigenen Angaben "Fischverkäufer", wie Otto beiläufig sagt, nehmen sie mit.

Während Ida in Japan Stoffmuster sammelt, erwerben Otto und Leo für den Fabrikanten und Koi-Fetischisten Wagenbach (Elmar Wepper) einen 15.000 Dollar teuren Zierfisch. Doch nicht nur finanziell hat sich die Fernost-Reise nach Ojiya und Tokio für den sonst in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Otto gelohnt: Flugs verliebt sich der Parasitologe in die hübsche Ida und schon in Japan heiraten die beiden in einer bunten Shinto-Zeremonie.

Zwei kleine, bräunliche und unscheinbar aussehende Tschagoi-Fische im Glas, die Otto für ein paar Cent erworben hat, kommentieren das Geschehen: "Guck mal, die beiden. Guck mal! Sehen die nicht aus wie ein richtig schönes Liebespaar?", fragt sie. "Ich weiß nicht. Hat doch noch nie geklappt mit deinen Liebespaaren. Hat noch keins drei Jahre durchgehalten", prophezeit er. In der Tat ist es finanziell um Ida und Otto, zurück in Deutschland, nicht rosig bestellt. Sie hausen zunächst in einem Wohnmobil mit der Aufschrift "The Flying Fish Doctors". Ida wird schwanger, was sie aber nicht von ihren Ambitionen abhält.

Otto hält sich mit gelegentlichen Gutachten für den erfolgreicheren Leo, der inzwischen mit Yoko (Young-Shin Kim) liiert ist und eine Koi-Klinik besitzt, über Wasser. Ida wird immer unzufriedener mit ihrer Situation: Sie können kaum die Miete für ihre kleine Sozialwohnung aufbringen, und überdies bringt Vermieter Olsen (Gustav Peter Wöhler) mit seiner Kinderfeindlichkeit kaum große Lichtblicke ins triste Dasein der beiden.

Umso mehr träumt Ida von Karriere und Luxus, just von jenem, was Ottos Mutter Lena (Ulrike Kriener) abgrundtief verachtet: "Wenn du kleine Schlampe meinen Prinzen in die bürgerliche Hölle verschleppst, zermalme ich dich!", wettert sie in ihrem Althippie-Appartment zwischen Kerzen und Räucherstäbchen vor sich hin. Aber genau dies geschieht: Ida schafft es, ihre extravagante, selbst gestrickte Schal-Kollektion im Koi-Look an Frau Wagenbachs (Carola Regnier) Mode-Imperium zu verkaufen. Keine Frage, dass der Wechsel von der Sozialwohnung ins gepflegtere Reihenhaus folgt.

Und keine Frage, dass Otto, sonst professionell auf Fäulnisbakterien und Amöben-Krankheiten bei Koi-Karpfen spezialisiert, nun auch die Hausfrauen- und Mutterrolle beim kleinen Tommy übernehmen darf. Das eigene Glück ist dadurch nicht größer geworden, sondern lediglich die Dimensionen der anfänglich kleinen goldenen Glücks-Katzen-Statue aus Japan, die nun fulminant den Vorgarten dominiert. Aber auch Leos Ehe steht unter keinem glücklichen Stern. Zwar führt er ein materiell besseres Dasein als sein Freund Otto, dafür aber eine unglückliche Ehe.

Yoko findet nicht die Nähe und Wärme, die für sie so entscheidend ist, und Leo kann sie in keiner Weise glücklich machen. Als Idas außergewöhnliche Koi-Kleiderkollektion nicht nur in Japan reißenden Absatz findet, reicht ihr das beschauliche Reihenhaus bald nicht mehr. Immer öfter kommt es zu häuslichen Querelen mit Otto, der mit allem zufrieden scheint. Als dann ein 350.000-Dollar-Koi-Deal mit Wagenbach abgeschlossen wird, mußs es für Ida natürlich sofort die Villa mit Bediensteten am See sein.

Doch auch die Geschichte vom Reichtum am See währt nicht allzu lange: Als der superteure Zierfisch plötzlich seine einzigartigen Farbschattierungen ändert, wechselt auch das freundschaftlich-warmherzige Geschäftsgebaren zwischen Wagenbach und Otto, denn Wagenbach verlangt binnen 48 Stunden sein Geld zurück. So stehen die beiden über Nacht vor den Scherben ihres materiellen Wohlstands. Die beiden? Oder doch nur Ida?

"Wir Frauen sind alle Ilsebills, die schon seit Generationen sagen: Ich will alles. Wir wollen Beruf und Kinder. Wir wollen Karriere und Liebe", sagt Regisseurin Doris Dörrie. "Die Frau will immer mehr, weil er gar nichts will. Das bedingt sich gegenseitig und das ist die Geschichte ..."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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