Die Reise der Pinguine

Ausführlicher Inhalt

Die Geschichte einer Spezies, die für die Liebe jedes Opfer bringt Im Februar neigt sich der antarktische Sommer dem Ende zu, und das Meer ist frei. Noch... Ein riesiger Schwarm Kaiserpinguine taucht anmutig durch die dunkelblaue Tiefe und stößt schließlich an die lichtdurchflutete Oberfläche empor. Hier und dort verbreiten gigantische Eisberge einen opalisierenden Schimmer. In dieser perfekten, temperierten Welt, in der es von Tintenfischen und Fischen wimmelt, sind die Kaiserpinguine zu Hause.

Wie Torpedos schießen sie im März zwischen Eisblöcken aus einem grauen, zähflüssigen Meer empor. Wuchtig landen sie auf dem weichen Schnee, der die Packeisschollen bedeckt, die sich bis zum unsichtbaren Horizont ausdehnen. Kaum haben sie festen Boden unter den Füßen, bilden die Kaiserpinguine kleine Gruppen: schwarze Flecken in einer gleißend weißen Welt. Am Rande des Packeises versammeln sich Tausende von ihnen in einer Kolonne ? wie Pilger unterwegs im Gänsemarsch zu einem Wallfahrtsort ? und wappnen sich gegen die extremen Temperaturen, die sie erwarten.

Auf ihren Köpfen mit den orangefarbenen Flecken, die im diffusen Licht fluoreszierend leuchten, landen Schneeflocken, die nicht schmelzen. Rund um die Antarktis beginnt das Meer zuzufrieren ... Die riesige Karawane, die aus Hunderten von Kaiserpinguinen besteht, kommt in dieser weißen Wüste ausgesprochen langsam voran, schweigend setzen die Tiere einen Fuß vor den anderen. Niemand sonst kann in dieser Jahreszeit an jenem Ort überleben, an den es sie hinzieht; weit und breit kein Lebewesen, das ihnen dieses furchtbare Privileg streitig machen würde.

Doch die Kaiserpinguine haben keine Wahl ? sie brauchen Wochen, um ihre Liebesrituale zu vollführen, und Monate, um ihre Jungen großzuziehen; dafür sind die drei Sommermonate einfach viel zu kurz. Um sich fortzupflanzen, begeben sich die Kaiserpinguine also jedes Jahr auf diese Wanderschaft und trotzen dabei den schlimmsten Wintern unseres Planeten. Anfang April, nach einem schier endlosen Gewaltmarsch, der viele Tage dauert und in dessen Verlauf sie zahllose Hindernisse und Gefahren bewältigen, erreichen die Kaiserpinguine schließlich, wie in jedem Jahr, ihr Ziel.

Im Archipel von Pointe Géologie, wo sich die Kaiserpinguine in einem Oamok versammeln, beginnt die Zeit der Liebe und Lock-Gesänge. Eine einzelne Gestalt bewegt sich durch die Menge. Hin und wieder bleibt sie stehen, neigt sanft den Kopf und stößt einen durchdringenden, trompetenhaften Schrei aus. Dann hebt sie den Kopf, gibt eine Art Schnarren von sich und setzt den Spaziergang fort, bis sich jemand entschließt, ihr zu antworten. Es folgt eine Reihe von getanzten Duetten. Ein einziges Wiegen und Schaukeln geht durch die sonst so steifen Körper der Kaiserpinguine. Nach den Gesängen nehmen sie eine ekstatische Haltung an, stehen unbeteiligt in der brodelnden Menge und rühren sich minutenlang nicht, wie versteinert vom Anblick ihres neuen Lebenspartners.

Man sagt, Pünktlichkeit sei die Höflichkeit der Könige ? für die Kaiserpinguine ist sie allerdings überlebenswichtig. Denn der Fortpflanzungszyklus gestaltet sich für die Kaiserpinguine als Wettlauf gegen die Zeit, in dem jede Minute zählt. Das geringste Hindernis, das kleinste Missgeschick, und schon ist das Jahr verloren, mußs die Liebe auf den nächsten Winter verschoben werden. Es dauert nicht lang, dann erschallt die Brutkolonie von ohrenbetäubenden Rufen. Sehr schnell finden sich Paare zusammen, die sich lange Zeit treu bleiben werden.

Trotz des unglaublichen Lärms hat jeder Kaiserpinguin die Stimme seines Partners registriert und ist in der Lage, ihn unter Tausenden herauszuhören. Mit seinem einzigartigen Ruf vermittelt der Kaiserpinguin nicht nur seinen ganz persönlichen ?Code?, sondern auch sein Geschlecht und vermutlich auch seine Absicht, sich fortzupflanzen. Nach dem Balz-Ballett, auf das die Kopulation folgt, entfernen sich kleinere Gruppen in Richtung Horizont. Es handelt sich um Weibchen, die keinen Partner gefunden haben und die Kolonie verlassen, um rechtzeitig ins Meer zurückzukehren, bevor die Unbilden des Winters einsetzen.

Die Monate April und Mai haben so gar nichts von Flitterwochen. Die Nächte dauern nahezu 14 Stunden, und das junge Paar, das nichts zu fressen hat, lebt hauptsächlich von frischem Schnee und Liebe, zehrt von den Fettreserven, die es seit Dezember angelegt hat. Ende Mai legt das Weibchen, das zu diesem Zeitpunkt rund ein Drittel seines Körpergewichts verloren hat, ein Ei, und zwar im Stehen. Ein äußerst kritischer Moment, denn das Ei darf nicht aufs Eis rollen. Innerhalb von Sekunden wäre es erfroren. Das Weibchen nimmt es zwischen seine Füße und verbirgt es in einer Bauchfalte, die zum Brüten dient.

Und gleich am Tag nach der Eiablage erwartet das Paar eine weitere Prüfung, die viel Zartgefühl und Koordination verlangt: die Weitergabe des Eis vom Weibchen zum Männchen. Denn das Männchen, weniger abgemagert als seine Partnerin, wird das Ausbrüten des gemeinsamen Eis übernehmen. Ein Vorgang, der ihm gehörigen Mut und Ausdauer abverlangt. Denn mehr als 60 Tage lang steht er quasi still und trotzt dabei den fürchterlichsten klimatischen Bedingungen; dass alle Männchen der Brutkolonie es ihm gleich tun, ist letztendlich der einzige Trost.

Keiner von beiden darf bei der Eiübergabe versagen, denn das Ei ist empfindlich, das Gelände unsicher. Nach zahlreichen Rufen und Tänzen macht das Weibchen einen Schritt zurück, lässt das Ei aufs Packeis rollen, von wo das Männchen es sofort mit Hilfe seines Schnabels auf seine Füße hievt. Der kleinste Fehler ? und das Ei würde erfrieren. Eine schwierige Aufgabe, wie die unzähligen verlorenen Eier am Rand der Brutkolonie belegen. Geschwächt durch den Mangel an Nahrung, aber vorübergehend vom Brüten befreit, mußs sich das Weibchen jetzt auf den Weg ans Meer machen, um endlich wieder Nahrung aufzunehmen. Zuvor erfolgt jedoch ein letzter Gesang, damit das Weibchen bei seiner Rückkehr zwei Monate später seinen Partner auch garantiert wiederkennt.

Sogar der ungeborene Nachwuchs merkt sich schon den ?Stimmenabdruck? seiner Eltern. Erneut steht dem Weibchen eine lange, gefährliche Reise bevor. Für die Männchen beginnt unterdessen ein wahres Martyrium. Seit zwei Monaten haben sie nichts mehr gefressen, zwei Monate wird es bis zu ihrer nächsten Mahlzeit dauern. Mit den Eiern auf den Füßen drängen sie sich immer enger aneinander, um der Kälte besser trotzen zu können. Der Winter schlägt mit aller Macht zu. Nur noch zwei Stunden am Tag scheint die Sonne, es wird bis zu minus 40 Grad kalt, ununterbrochen toben orkanartige Winde.

Dabei handelt es sich um katabatische Winde. Luftmassen donnern buchstäblich auf den antarktischen Kontinent herab und schwellen dabei über Tausende von Kilometern hinweg wie Lawinen an. Wenn sie in Küstennähe ankommen, erreichen sie ihre maximale Kraft, werden bis zu 250 km/h schnell. Dabei wirbeln sie den Schnee vollständig auf. Aus fünf Meter Entfernung ist die Kolonie bloß noch eine unförmige Masse. Um dem Blizzard zu widerstehen, rücken die Kaiserpinguine immer enger zusammen. Kopf an Kopf stehen sie dicht gedrängt, manchmal bis zu zehn Kaiserpinguine auf einem Quadratmeter. Die Gruppen sind freilich, kaum wahrnehmbar, in ständiger Bewegung.

Damit nicht immer dieselben am Rücken den kalten Wind abbekommen, tauschen sie ständig die Plätze, von außen nach innen und umgekehrt ? das alles ungeheuer sanft und diszipliniert, denn zu den gewaltigen Winden und dem unebenen Boden des Packeises kommt für die Kaiserpinguinmännchen noch die Schwierigkeit hinzu, auf den Fersen stehend nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während sie ihr Ei auf den Füßen balancieren. Inzwischen wandern die Weibchen in stockfinsterer Nacht Richtung Meer. Der Weg ist alles andere als einfach, denn das Packeis ist keine spiegelglatte Fläche. Mühsam überwinden sie die Höckereis-Zone und kämpfen sich durch die Sastrugi genannten Rillen und stromlinienförmigen Erhebungen im Eis.

Doch am gefährlichsten sind die ?Flüsse?, die das Packeis durchziehen, lange Verbindungen zwischen zwei Schollen, die von einer dünnen Eisschicht bedeckt sind, durch die hindurch mitunter Meerwasser zu erkennen ist. Vor jeder bleibt die kleine Weibchengruppe stehen und zögert lange Zeit. Schließlich wagt sich ein Kaiserpinguinweibchen panisch vor und überquert als erste bäuchlings die gefährliche Zone, ein zweites folgt, schließlich ein drittes. Die Kaiserpinguinweibchen sind so geschwächt, dass einige den Weg durch diese eisige Welt nicht überleben werden. Haben sie die 200 Kilometer dann doch bewältigt, die die Brutkolonie oftmals vom Meer trennt, müssen sie sich am Ziel vor Seeleoparden in Acht nehmen, die ebenfalls nach Nahrung suchen.

In der eisfreien Zone inmitten des Packeises genügen den Kaiserpinguinweibchen ein paar Wochen, um wieder zu Kräften kommen und Nahrungsvorräte anzulegen, mit denen sie ihre Jungen versorgen werden. Hier, in einer sogenannten Ploynya, verwandeln sich die Kaiserpinguine wieder in hervorragende Taucher, die bis zu 500 Meter tief ins Meer hinabstoßen. Die Kaiserpinguinweibchen bleiben so lange, bis ihre Fettreserven wieder vollständig aufgebaut sind und reichlich Nahrung in ihrem Kropf eingelagert ist. Es folgt die Rückkehr zur Kolonie, wo sie ihren Nachwuchs wiederfinden und mit Futter versorgen.

Mitte Juli. In der Rookery fasten die Männchen noch immer, die Eier auf den Füßen. Inzwischen herrscht ewige Nacht. Der Winter ist auf seinem Höhepunkt angelangt. Seit 120 Tagen hat der Kaiserpinguin nichts mehr gefressen, seit 64 Tagen brütet er das Ei bei einer konstanten Temperatur von 35 Grad aus. Und schließlich schlüpft das Küken. Abgesehen davon, dass der Kaiserpinguinnachwuchs Hunger hat, mußs er natürlich vor Kälte und Wind geschützt werden. Ein Sekret mit Nährstoffen, das der Vater herauswürgt, genügt dem Jungen auf Dauer nicht.

Lässt die Mutter allzu lang auf sich warten, und mitunter ist es nur eine Sache von wenigen Tagen, beendet der Vater die "Fütterung" und überlässt das Küken seinem tödlichen Schicksal. Immerhin mußs das Kaiserpinguinmännchen die Brutkolonie in Richtung Meer und Nahrung verlassen, ehe es selbst zu sehr abgemagert ist, um die kräftezehrende Reise zu überstehen. Hat das Weibchen schließlich die Kolonie erreicht, mit drei bis vier Kilo Nahrung im Gepäck, und seinen Partner unter Tausenden wiedergefunden, besteht seine erste Amtshandlung darin, sein Kleines zu füttern.

Und ist der Nachwuchs erstmal satt, wechselt er erneut von einem Elternteil zum anderen, und das mit ebenso viel Vorsicht wie beim ersten Mal: zu lange der Kälte ausgesetzt, und mit dem Küken wäre es vorbei. Endlich kann der Kaiserpinguinvater wieder an sich selbst denken und macht sich nun seinerseits auf den Weg, um am Meer den Verlust von 12 bis 15 Kilo Körpergewicht durch Nahrungsaufnahme auszugleichen. Vor seinem Aufbruch mußs er jedoch eine wichtige Aufgabe erledigen und sein Junges mit seinem Ruf vertraut machen.

Bei der Rückkehr des Vaters wird der Nachwuchs nämlich ganz allein auf sich gestellt sein: inmitten eines Pinguin-Kindergartens, in dem ein Küken dem anderen wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Dann mußs das Junge seinen Vater unbedingt wiedererkennen und umgekehrt. Da die Kleinen abwechselnd von ihren Eltern ernährt werden, mußs die Stimmenlektion sehr gründlich ausfallen. Für das Männchen fällt die Reise ans Meer nicht weniger endlos und gefahrvoll aus wie für das Weibchen. Hält sich das schlechte Wetter zu lange, wird auch die Reise zu lange dauern und die Todesrate unter den Männchen entsprechend ansteigen.

Viele Kaiserpinguine sterben auf ihrem Weg ans Meer, was wiederum erklärt, weshalb die Weibchen in der Kolonie in der Überzahl sind. Nach etwa 20 Tagen Abwesenheit kehrt das Männchen Ende August in die Kolonie zurück. Daraufhin macht sich das Weibchen sofort wieder auf den Weg, um Nahrung für sein Junges zu suchen, das sich inzwischen in der Kinderkrippe inmitten der anderen kleinen Kaiserpinguine aufwärmt. Männchen und Weibchen wechseln sich so lange mit ihren Wanderungen ans Meer und mit dem Füttern ab, bis ihr Junges alt genug ist, um sich selbst zu versorgen.

Mitte Dezember verwandelt sich das Wasser erneut in Packeis. In der Kolonie wagen es die Küken immer öfter, sich von den Eltern zu entfernen, und dringen tief in den Wald aus Erwachsenen hinein. Zur Mutter kehren sie nur noch zurück, um Nahrung zu fordern. Ein Riesensturmvogel lässt sich in der Nähe der Kaiserpinguine nieder und holt sich jeden Tag seine Ration abseits stehender Küken. dass sich dieser Aasfresser lebende Küken greift, obwohl auf dem Packeis Dutzende von toten Küken herumliegen, erscheint besonders grausam. Doch gefrorene Leichen kann der Raubvogel nun mal nicht fressen.

Innerhalb von knapp drei Wochen ist das Kaiserpinguinküken groß geworden und wiegt zwischen zehn und 15 Kilo, vermag zu tauchen und selbst zu fischen. Bis es selbst für Nachwuchs sorgt, werden allerdings vier weitere Jahre vergehen. Februar. Es ist Sommer, und die idyllischen Tage sind gezählt. Denn im März beginnt der Kreislauf von vorn ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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