Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen

Produktionsnotizen

Über Lang und Kurz Vor 16 Jahren machten die Kinozuschauer die Bekanntschaft mit einem exzentrischen, käseliebhabenden Erfinder namens Wallace und seinem loyalen Freund Gromit in dem animierten Kurzfilm "A Grand Day Out" (Wallace & Gromit - Alles Käse). Diese Komödie, die Wallace und Gromit auf den Mond führt, wo sie nach unbegrenzten Käsevorräten suchen, war die Idee eines jungen Animationskünstlers namens Nick Park.

"A Grand Day Out" (Wallace & Gromit - Alles Käse) war ursprünglich als Parks Abschlussprojekt an der National Film and Television School im englischen Beaconsfield gedacht. Doch während der Produktionsphase traf der Filmstudent auf Peter Lord und David Sproxton, die sich bereits mit ihrer Firma Aardman Animations einen Namen als Trickspezialisten gemacht hatten. Die beiden waren so beeindruckt von den Ideen von Park, dass sie ihn einluden, seinen Film bei Aardman fertig zu stellen. Im Jahr 1990 wurde "A Grand Day Out" (Wallace & Gromit - Alles Käse) für den Oscar© als Bester Animierter Kurzfilm nominiert - und wurde zum Konkurrenten von Parks anderem Trickfilm "Creature Comforts".

Dieser gewann den Oscar©, aber der Triumph für Wallace & Gromit war nur eine Frage der Zeit. Vier Jahre später wurde ihr zweites Abenteuer "The Wrong Trousers" (Wallace & Gromit - Die Techno-Hose) mit dem Oscar© für den Besten Animierten Kurzfilm ausgezeichnet. Zwei Jahre danach verschafften Wallace & Gromit ihrem Erfinder erneut eine Einladung zur Oscar©-Verleihung: Für den Kurzfilm "A Close Shave" (Wallace & Gromit unter Schafen) bekam Park seinen dritten Academy Award© in der Kategorie Bester Animierter Kurzfilm. Jeder der drei Wallace & Gromit Kurzfilme wurde zudem mit dem britischen BAFTA Filmpreis geehrt.

Mit jedem neuen Streich wuchs die Fan-Gemeinde der knuddeligen Knetfiguren. Und bald hatte sich das Wallace & Gromit-Fieber von England in die ganze Welt ausgebreitet. Höchste Zeit also, dass das Duo nun seinen ersten abendfüllenden Spielfilm bekommt. "Für mich ist damit wirklich ein Traum wahr geworden" sagt Regisseur, Autor und Produzent Nick Park, "Wallace & Gromit waren die Kreationen aus meiner Studentenzeit. dass es die beiden nun zu einem abendfüllenden Spielfilm gebracht haben, ist einfach grandios."

Nach dem sensationellen Erfolg von "Chicken Run" (Chicken Run - Hennen rennen) ist "Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" die zweite Zusammenarbeit von Aardman und DreamWorks Animation. Jeffrey Katzenberg, CEO von DreamWorks Animation, zählt schon sein langem zu den Fans der britischen Trickkünstler: "Als ich vor 15 Jahren meinen ersten Wallace & Gromit Kurzfilm sah, war ich, wie wohl jeder Zuschauer, völlig fasziniert von diesen zwei Figuren. Es steckt etwas wunderbar Absurdes und Berührendes in den beiden. Ich glaube, der Charme von Wallace & Gromit kommt vom einzigartigen Stil der Animation von Aardman. Dieses Medium funktioniert sehr visuell: Ganz egal in welche Sprache man das übersetzt - es bleibt immer komisch, köstlich und clever."

Produzentin Claire Jennings bemerkt zum Phänomen: "Es scheint, dass über die Jahre die Menschen Wallace & Gromit immer stärker in ihr Herz geschlossen haben. Weltweit werden die beiden geliebt. Ich bin sehr gespannt darauf, wie eine neue Generation von Kinogängern nun auf Wallace & Gromit reagiert." Die Produzenten David Sproxton und Peter Lord waren sich durchaus bewusst über den Erwartungsdruck, den der Kinoausflug von zwei beliebten Kultfiguren auslöst. "In gewisser Weise war ?Chicken Run' einfacher, denn wir hatten völlig neue Figuren", sagt Sproxton, "keiner kannte diese Hühner, deshalb konnten wir mit ihnen alles machen, was wir wollten."

Lord fügt hinzu: "Sehr viele Fans kennen und lieben Wallace & Gromit. Zugleich gibt es viele Menschen, die sie noch nie erlebt haben. Wir benötigten also eine Geschichte, die für beide Gruppen gleichermaßen interessant ist." Um der Tradition von Wallace & Gromit treu zu bleiben, haben Park, Lord und Sproxton ein kreatives Team engagiert, das über viel Erfahrung mit dem Knet-Duo verfügt.

Ko-Regisseur Steve Box, der zuvor schon als Animator für "The Wrong Trousers" (Wallace & Gromit - Die Techno-Hose) und "A Close Shave" (Wallace & Gromit unter Schafen) arbeitete, sagt über seine Regie-Erfahrung: "Einen 30 minütigen Wallace & Gromit-Film zu machen ist zeitaufwändig und verlangt viel Geduld und Liebe. Einen 85 minütigen, abendfüllenden Spielfilm zu machen ist etwa so, wie die chinesische Mauer mit Streichhölzchen zu bauen. Es ist tatsächlich ein Monumentalfilm. Es bedurfte fünf Jahre harter Arbeit, denn jedes noch so winzige Detail kann ganz entscheidend sein. Die größte Herausforderung allerdings lag darin, für die beiden eine Geschichte zu finden, die nicht nur eine halbe Stunde lang, sondern über 80 Minuten trägt."

Unterstützt bei Story und Drehbuch wurden Nick Park und Steve Box von Mark Burton, der bereits für "Chicken Run" (Chicken Run - Hennen rennen) gearbeitet hatte und zuletzt als Ko-Autor von "Madagascar" tätig war sowie von Bob Baker, dem Ko-Autor von "The Wrong Trousers" (Wallace & Gromit - Die Techno-Hose) und "A Close Shave" (Wallace & Gromit unter Schafen). "Es hat einige Zeit gedauert, bis wir eine Idee entwickelt hatten, die wir tragfähig für einen abendfüllenden Spielfilm hielten" berichtet Park.

"Steve und ich diskutierten stundenlang mit den anderen Autoren bis uns plötzlich diese Idee mit dem Riesenkaninchen kam. Die Wallace & Gromit-Filme haben ja eine Tradition, mit anderen Genres zu spielen. Deshalb erschien es uns ganz passend, dass wir uns diesmal bei den Horror-Klassikern von Universal bedienten. Wobei es bei uns statt einem Werwolf ein Riesenkaninchen gibt. Natürlich haben wir die blutrünstigen Szenen der Wallace & Gromit-Welt angepasst und uns für Gemüse entschieden. Unser Monster ist Vegetarier. In gewisser Weise ist ?Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen' der erste vegetarische Horrorfilm der Filmgeschichte."

Say Cheese Im englischen Original wird Wallace wie immer von Peter Sallis gesprochen. dass sein treuer Hund sich nur durch seine Augen und Ohren verständlich machen kann, hält Nick Park für die perfekte Lösung: "dass Gromit nicht sprechen kann, spielt eine entscheidende Rolle im Verhältnis von Wallace und Gromit. Die beiden müssen nicht reden, sie verstehen sich ganz ohne Worte. Wallace ist der etwas tapsige Erfinder, der zuerst handelt und dann denkt. Gromit ist das Gegenteil und stets vorsichtig. Wallace ist der Macher, Gromit ist der Denker. Er ist auf jeden Fall der intelligentere der beiden - der ewig leidende Partner, der Wallace aus jedem Schlamassel retten mußs. Ein großer Teil der Komik liegt deswegen in der Reaktion von Gromit auf Wallace."

"Wenngleich Gromit nie etwas sagt, spricht seine Gestik Bände", betont Steve Box. "Als Animator hat man vor solch einer Figur am meisten Respekt, weil ihr Ausdruck so wichtig ist. Als wir das Drehbuch schrieben, verfassten wir tatsächlich Dialoge für Gromit, wie zum Beispiel ?Was zum Teufel war das?' oder ?Wenn ich ihn nur endlich einmal unter Kontrolle halten könnte!'. Gromits Ausdruck ist also unabdingbar für den Film. Weil er keine Worte braucht, wird er in jeder Sprache verstanden."

Die Puppenstube In ihren Kurzfilmen sind Wallace & Gromit bislang nur selten Menschen begegnet. Das sollte sich bei ihrem ersten abendfüllenden Abenteuer nun ändern. "Unser Team hat Modelle für 40 zusätzliche Charaktere geschaffen, darunter die Figur von Victor und Gräfin Tottington", berichtet Nick Park, "besonders Gräfin Tottington war durch ihre aufwändige Garderobe eine ganz spezielle Herausforderung. Wir hatten einige hitzige Debatten darüber, welches Kleid die Lady in welcher Szene tragen sollte" lacht Park.

Die Modell-Produktionsdesignerin Jan Sanger und ihr Team erschufen eine kleine Welt aus sehr individuellen Menschen und Tieren. Weil Haare und Kleidung mit Knet gemacht und von Hand bemalt werden, wurden die Modell-Hersteller zugleich zu Kostümbildnern und Friseuren. "Für uns waren Gräfin Tottington und Victor in ihrer eleganten Art ein sehr interessanter Kontrast zu der Welt von Wallace & Gromit. Den polternden Victor haben wir in ein Safari-Kostüm gesteckt, das kaum Zweifel an seinen Absichten lässt. Für die Kleidung der eleganten Gräfin Tottington haben wir uns durch Mode-Zeitschriften inspirieren lassen und eine ganze Kollektion wunderbarer Kostüme geschaffen" erzählt Sanger.

Der Flirt von Wallace mit Gräfin Tottington hatte auch Einfluss auf seine Kleidung, wie Sanger verrät: "Weil Wallace die Gräfin beeindrucken will, haben wir seinen traditionellen grünen Pullunder durch eine gemusterte Weste mit Reißverschluss ersetzt. Um diese neue Oberbekleidung für Wallace zu finden, bedurfte es langer Diskussionen mit den Regisseuren. Nach verschiedenen Versuchen haben wir uns schließlich alle für dieses Modell mit Muster entschieden." Im Prinzip hat jede der Puppen den gleichen Bauplan: Ein Metallkorsett dient den Figuren als Skelett, das je nach Größe der Figur variiert.

Im Fall von Gromit hängt es zudem davon ab, ob er auf vier oder zwei Beinen läuft. Auf dieses Metallgerüst wird dann eine besondere Plastilin-Mischung aufgetragen, das sogenannte "Aard-mix", das widerstandsfähiger ist als gewöhnliches Plastilin. Im Unterschied zu "Chicken Run" (Chicken Run - Hennen rennen), bei dem die Hühner eine völlig glatte Oberfläche hatten, besitzen die Figuren hier, wie in allen Wallace & Gromit-Filmen, ganz bewusst kleine Unregelmäßigkeiten - "damit man die Fingerabdrücke sehen kann", wie Nick Park betont. "Wenn man Fingerabdrücke entdecken kann, weiß man, dass diese Figuren echt sind", erläutert Peter Lord, "glücklicherweise hat das Publikum immer schon diese persönliche Note gemocht."

"Diese minimalen Unregelmäßigkeiten machen das Handwerk sichtbar", ergänzt David Sproxton, "wenn etwas von Hand gearbeitet ist, weiß man, dass es mit Liebe und Sorgfalt entstanden ist." Je nach Anzahl ihrer Szenen wurden von jeder Figur Doppelgänger in verschiedenen Posen und unterschiedlichen Kostümen angefertigt. Von Wallace gab es 35 Versionen, über ein Dutzend Doppelgänger benötigten Gräfin Tottington und Victor. Zudem verfügt jede Puppe über austauschbare Teile wie Augen, Ohren, Köpfe oder Hände. Für jede wichtige Figur gab es über ein Dutzend Mund-Versionen, damit sie später synchron sprechen konnte. Bei jedem "Mundwechsel" mußsten die Animationskünstler genau darauf achten, dass keine verräterischen Spuren übrig blieben.

Damit die Puppen lebendig werden konnten, war ein Team von 30 Animationskünstlern unter der Leitung von Loyd Price und der Regie von Nick Park und Steve Box etliche Jahre beschäftigt. Im Aardman-Studio in Bristol waren gleichzeitig 30 verschiedene Sets aufgebaut, an denen simultan gearbeitet wurde. Das optimale Ziel war es, an einem Tag zehn Sekunden fertigen Film herzustellen. Die Geduldsprobe wird deutlich, wenn man sich die Zahlen vor Augen hält: 24 Bilder pro Sekunde bedeuten 24 verschiedene Positionen pro Figur. Und in jeder Position gibt es eine winzige Bewegung von Körper, Kopf, Armen, Beinen, Händen, Fingern, Augen, Ohren. Zudem mußs das Plastilin immer wieder aufs Neue nachgearbeitet werden.

"Es ist ein sehr, sehr langsamer Prozess", erläutert Sproxton, "die Animationskünstler müssen vorher jeden Schritt der Szene kennen. In einigen Fällen müssen sie die Szenen selbst spielen, um mit dem exakten Ablauf vertraut zu werden." Peter Lord ergänzt: "Es mag ein langsamer Prozess sein, aber auf bizarre Weise ist es eine Live-Vorstellung. Ein Animator kann einen ganzen Tag mit einem Dialog zubringen, der nur drei Sekunden dauert. Aber er hat nur eine Chance. Bei einer langen Einstellung, die schon eine Woche benötigte, will man diese letzte Szene wirklich nicht verpatzen, sonst ist die Arbeit einer ganzen Woche kaputt. So langsam alles auch ist, gibt es also reichlich Adrenalin bei dieser Arbeit - und auch echte Angst" lacht Lord.

Weil Wallace & Gromit in fast jeder Szene auftreten, mußsten verschiedene Animationskünstler an ihnen arbeiten - ohne dass dabei Unterschiede im Stil deutlich werden durften. Chef-Animator und second unit-Regisseur Merlin Crossingham sagt: "Fast jeder von uns hatte irgendwann einmal mit Wallace & Gromit zu tun, weil die beiden in fast jeder Szene dabei sind. Wir mußsten also sicherstellen, dass jeder im Team völlig vertraut mit den Bewegungen und Ausdruckshaltungen der beiden war."

Vor allem Gromit stellte die Künstler vor große Herausforderungen, weil sein Denken und Fühlen ganz ohne Worte vermittelt werden mußs: Alles wird durch seine Augenbrauen, seine Augen und seine Körpersprache ausgedrückt. Für Ian Whitlock, den leitenden Animator des Riesenkaninchens, sorgte der Pelz des Monsters für Probleme. Hätte er mit seinen Händen die Puppe bewegt, wären in dessen Fell winzige Abdrücke zurückgeblieben, die im späteren Film eine "Wirkung wie Ungezieferbefall" gehabt hätten. Die Lösung des Problems waren kleine Löcher im Rücken des Riesenkaninchens, durch die mit kleinen Werkzeugen das Metallskelett bewegt werden konnte.

3D in 3D Wenngleich beides als 3 D-Animation gilt, trennen die Computer- und die Knet-Animation doch Welten. Für "Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" wurde erstmals mehr digitale Animation eingesetzt als in jeder anderen Aardman-Produktion. "Es gibt Grenzen für das Plastilin" sagt Nick Park, "man kann weder Nebel noch Rauch oder Wasser damit erzeugen. Man könnte es wohl, aber das würde ewig dauern. Deswegen haben wir uns für die visuellen Effekte an The Moving Pictures Company (MPC) gewendet."

"Wir haben keine Vorbehalte gegenüber irgend einer Technik", betont Steve Box, "wir werden uns für jene Technik entscheiden, die eine Aufgabe am besten löst. Für Dinge wie Wasser, Rauch, Staub und Schmutz haben wir CGI eingesetzt, weil das sehr viel für den Film gebacht hat. Als der Vikar den Weg zur Kirche geht und hinter ihm der Nebel wabert - da sind die Zeiten von Zuckerwatte an Fäden vorbei. Die fantastische Arbeit von MPC gibt dem Film wirklich eine neue Dimension."

Der größte Einsatz von digitaler Animation kommt bei den beiden Erfindungen von Wallace zur Geltung: Bei der Gedankenlese-Maschine Mind-O-Matic werden die Gedankenwellen als Lightshow dargestellt. Beim Kaninchenstaubsauger Bun-Vac 6000 fliegen die Kaninchen im Glasbehälter dank CGI. dass die Hasen im Bun-Vac 6000 nicht kollidieren, war relativ einfach zu erreichen. Schwieriger war es für Jason Wen, den verantwortlichen Animator von MPC, jenen ?Aardman touch' zu erreichen.

"Damit die Hasen nicht statisch durch die Luft wirbeln, habe ich alle 30 Kaninchen per Hand animiert - und ihnen dabei einige lustige Bewegungen gegeben wie Winken oder mit den Ohren wackeln." Gleichfalls um den ?Aardman touch' nicht zu verlieren, wurde bei der Computeranimation darauf geachtet, dass die Bewegungen nicht in der üblichen digitalen Präzision, sondern im Stil von Stop-Motion erfolgten. "Für uns war es sehr wichtig, dass die CGI-Kaninchen einen Plastilin-Look hatten und ich glaube, die Replikate am Computer sind sehr gut geworden", sagt Nick Park, "selbst ich habe Probleme, die echten von den falschen Hasen zu unterscheiden."

Eine kleine Welt Bei aller Hilfe der Computertechnik, setzten die Macher von "Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" auf jenen klassischen Stil, für die Aardmans berühmtestes Duo bekannt ist. Während die digitale Animation revolutionäre Entwicklungen machte, blieb in der Stop-Motion-Animation seit ihrer Erfindung nahezu alles unverändert. In gewisser Weise hat die Knet-Animation mehr mit einer Real-Verfilmung gemeinsam als jede andere Form der Animation: Hier existieren Figuren und Schauplätze tatsächlich und sind nicht gezeichnet oder am Computer entstanden. Deshalb bezeichnet man bei Aardman diesen Stil des Filmemachens gerne auch als "live action in miniature".

Um diese Liliput-Welt entstehen zu lassen, mußste Produktionsdesigner Paul Lewis 30 Kulissen in größter Detailgenauigkeit aufbauen. Als art director der Wallace & Gromit-Kurzfilme war Lewis bestens vertraut mit der Wohnung aus der 62 West Wallaby Street. Als Neuerung dort gibt es eine Wand mit den Portraits der Kunden von "Anti-Pesto" - deren Augen flackern leuchtend auf, sobald in ihrem Garten Kaninchen-Alarm ausgelöst wird. Ganz im Kontrast zum bescheidenen Heim von Wallace & Gromit, fällt die Residenz von Gräfin Tottington elegant und eindrucksvoll aus. Acht Wochen dauerten die Bauarbeiten des pompösen Mini-Palasts, als dessen Vorbild das denkmalgeschützte Montacute House diente.

Um die diversen Gärten detailgenau auszustatten, wurden über 700 kleine Gemüse aus Knet hergestellt und von Hand bemalt, vor allem Melonen, Kürbisse und Karotten waren gefragt. Natürlich wurden auch die entsprechenden Gartengeräte in Kleinausgaben produziert. Nicht nur sämtliche Tapeten in Tottington Hall, sondern in allen Häusern wurden von Künstlerhand gestaltet. Besonderes Augenmerk galt dem "Anti-Pesto"-Lieferwagen, einer Miniatur des Austin 35. Davon wurden in unterschiedlichen Größen verschiedene Modelle hergestellt - von denen jedes mehr kostete als das Original.

Tatsächlich funktionierten an den kleinen Autos alle Details, von den Scheinwerfern über die Blinker bis zu den Scheibenwischern. Fenster, Türen und Kofferraum konnten geöffnet werden, selbst die Türverriegelung funktionierte. Und wenn der Lieferwagen fuhr, hatte er immer den richtigen Reifendruck. Wegen der langatmigen Dreharbeiten wurde ständig parallel an verschiedenen Kulissen gearbeitet. Die Regisseure Nick Park und Steve Box, die sich ihre Aufgaben aufteilten, legten täglich kilometerlange Wege zwischen den verschiedenen Sets zurück. Wie bei der Regie wurde auch bei der Kamera die Verantwortung geteilt.

Dave Alex Riddett und Tristan Oliver mußsten die Kamerafahrten, das Licht und den Schatten für jede Sequenz planen - ein Vorgang, der Tage, aber auch Wochen und Monate dauern konnte. Um die Kameramänner zu entlasten, wurden die Kamerafahrten per Computer gesteuert. Die Animationskünstler konnten damit zu jedem Zeitpunkt die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen. Trotz dieser Hilfe blieb es allerdings nahezu unmöglich, einen Fehler nachträglich zu korrigieren.

"In einem realen Film hat man den Luxus, eine Szene zu wiederholen", erläutert Oliver, "bei dieser Art von Animationsfilm kann man das nicht. Wenn man einen Fehler macht, mußs man die ganze Szene wieder von vorne beginnen - und man hat einen fluchenden Animator, dem man vielleicht sechs Tage Arbeit ruiniert hat." Wegen der besonderen Technik von stop-motion, setzten Riddett und Oliver statt der üblichen Filmbeleuchtung auf Theaterlicht, das konzentrierter und kontrollierter verwendet werden kann.

Zudem sorgten sorgfältig platzierte Spiegel für die richtige Ausleuchtung der kleinen Kulissen. Das musikalische Wallace & Gromit-Leitmotiv mit seinem enormen Wiedererkennungswert stammt von Julian Nott, der diesmal Unterstützung von Hans Zimmer als Musikproduzent bekam. "Es war einfach, den richtigen Ton zu finden, weil Julian die Basis bereits in den Kurzfilmen gelegt hat", sagt Zimmer, "mir lag viel daran, diese musikalischen Gefühle aus den Kurzfilmen hier wieder aufzugreifen. Wir hatten jetzt zwar eine größere Band als Julian, aber es ist noch immer dieser vertraute Klang einer Yorkshire Blaskapelle."

"Für mich war es ein ziemlich ungewohnter Prozess, mit einem 90köpfigen Orchester zu arbeiten", erläutert Julian Nott, "es gibt sehr viel Musik in diesen 85 Minuten Film, und wenn dabei etwas nicht stimmt, kann es einem schnell auf die Nerven gehen. Aber ich habe von Hans gute Techniken gelernt - und Hans ist zweifellos ein Experte darin, wie man die richtige Musik macht."

Nick Park sagt dazu: "Julian und ich kennen uns von der Universität und er war immer der Komponist von Wallace & Gromit. Er schrieb die fantastische Musik für alle Kurzfilme, deswegen war es völlig klar, dass er auch den Soundtrack des ersten abendfüllenden Wallace & Gromit-Abenteuers komponieren sollte. Hans Zimmer kam als Berater hinzu, für uns war es großartig, jemandem von seinem Kaliber als Unterstützung zu haben. Aber der Soundtrack klingt ganz im Stil von Julian."

"Das wichtigste ist, dem Charme von Wallace & Gromit musikalisch zu entsprechen", erläutert Nott, "die beiden sind sehr optimistisch, es gibt keinen Hauch von Zynismus - was für ein britisches Produkt ziemlich selten ist. Ihr Geheimnis liegt in ihrem Charme: Man mußs die beiden einfach lieben."

Nick Park dazu: "Wir wollten die Musik nicht zu aufdringlich haben, es sollte noch immer wie eine Blaskapelle aus Nordengland klingen. Wir wollten nicht das verlieren, wofür Wallace & Gromit steht. Wir bieten zwar den ganzen Aufwand und Schauwert eines Spielfilms, dennoch haben wir unsere handwerkliche Qualität dabei nie vergessen - was uns sehr wichtig ist. Wir hatten eine gigantische Produktion hinter uns, dennoch verstanden wir es als unsere Pflicht, dass alles so wirkt, als würden einfach ein paar Typen in einer Halle in Bristol ihren Film drehen. Dieses Gefühl von ?smallness' zu bewahren, war entscheidend - denn genau darin liegt der Charme."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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