Rize

Produktionsnotizen

Auf dem Set von Christina Aguileras Video ?Dirrty? führte der Zufall Personen zusammen, die sich sonst wohl kaum begegnet wären: den Modefotografen David LaChapelle und einige Tänzer aus South Central, einem sozialen Brennpunkt von Los Angeles. Während einer Drehpause fanden sich die Tänzer zusammen, um ihren eigenen, innovativen Tanzstil, das ?Krumping? und ?Clowning?, auszuleben. Beeindruckt von der Energie und Kraft dieses sehr persönlichen Moments machte sich David LaChapelle auf nach South Central, um mehr von dem Tanzphänomen zu sehen. Hier wurde ihm sofort klar, was er mit seinen neuen Eindrücken anfangen wollte: ?I knew it was going to be a feature film.?

Drei Jahre lang filmte LaChapelle in den Vierteln der Clowns und Krumpers. Das Produktionsteam bestand beim Dreh aus nicht mehr als fünf Leuten. Gefilmt wurde ausschließlich in den Wohnvierteln der Clowns und Krumpers, in ihren Schulen und Wohnungen. Das Vertrauen der Tänzer in David LaChapelle ermöglichte einen sehr intimen Einblick und zugleich die Verpflichtung, diesen Jugendlichen und ihrer Underground-Tanzbewegung eine glaubwürdige Stimme zu geben. Aus der engen, gemeinsamen Arbeit heraus, durch die Vorurteile und kulturelle Unterschiede abgebaut werden konnten, entwickelten sich schließlich einzigartige und bedeutsame Freundschaften.

?This is not just a film about hip hop. This is way deeper and it touched me, making it.?, sagt David LaChapelle. Er zeigt die Clowns und Krumper als gewachsene Gemeinschaft, als eine Familie, als ein Phänomen, das eine Modeerscheinung weit übertrifft. Gleichzeitig geht er über die Erfahrungswelt der Tänzer selbst hinaus, wenn er ihrer Kultur Aufnahmen der Nuba (von Leni Riefenstahl) gegenüberstellt und somit einen neuen Rahmen schafft. Als er den fertigen Film am Vorabend des Sundance-Festival den Tänzern vorstellte, waren diese völlig verblüfft: keinem von ihnen war die Nähe zu afrikanischen Tänzen, die Ähnlichkeit der Bewegungen und Kriegsbemalungen, vorher bewusst.

David LaChapelle begleitet in RIZE seine Protagonisten einfühlsam durch die Straßen von South Central, auf der Suche nach kultureller Identität und einem funktionierenden Lebensentwurf. Er entwickelt dabei ein vielschichtiges und sehr intimes Porträt seiner Protagonisten, das in jeder Hinsicht politisch ist, mal offensichtlich mal versteckt, das akute und auch geschichtliche Themen aufgreift und verhandelt, ohne zu belehren oder dogmatisch zu sein. Die Botschaft von RIZE ist am Ende mitreißend und trotz der USamerikanischen Verwurzelung für jeden greifbar.

Clowning und Krumping Im Los Angeles der 1990er Jahre entstand ein Tanzstil, von dem sein Erfinder, Tommy the Clown, sagt: "If you look like a bozo having spasms, you're doing it right." Zuckende Körperbewegungen, artistische Freestyle-Moves und eine auffällige Gesichtsbemalung sind die herausragenden Merkmale dieses Stils. ?Clowning? entstand bei Tommys Auftritten als Clown auf Kindergeburtstagen, was auch die farbenfrohe Gesichtsbemalung und die populäre HipHop Musik erklärt.

Von seinem ersten Auftritt auf einem Kindergeburtstag im Jahre 1992, auf den sich Tommy the Clown gerne bezieht, hat sich das Clowning sehr viel weiter entwickelt. Um Tommy formierte sich die Gruppe der HipHop Clowns, und es dauerte nicht lange, bis auch rivalisierende Cliquen, wie zum Beispiel die Krumper, hieraus hervorgingen. Sie treten in Tanz-Wettkämpfen, wie der ?Battle Zone?, gegeneinander an. Wen das Publikum zum Sieger kürt, geht mit einem Meistergürtel nach Hause. Wer leer ausgeht, kehrt in sein Viertel zurück mit dem festen Vorsatz, bei der nächsten ?Battle? mit einer besseren Performance das Publikum zu überzeugen.

Zur Zeit des Filmdrehs, so schätzten die Tänzer selbst, gab es gut 50 Clowning-Gruppen in Los Angeles. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Indessen findet das Clowning, das von seinen Anhängern als authentische Gegenbewegung zum Hip Hop verstanden wird, seinen Weg in den amerikanischen Mainstream. Die überschnellen, aggressiven Tanzbewegungen sind in Musikvideos von Chemical Brothers ("Galvanize"), Missy Elliot ("I'm Really Hot") oder den Black Eyed Peas ("Hey Mama") und auch in der jüngsten Elmore Leonard-Filmadaption "Be Cool" zu finden. Wie lange diese Bewegung noch eine authentische Alternative zum designerhörigen Hip Hop bleibt, ist fraglich. David LaChapelle portraitiert sie in ihrer ursprünglichen Authentizität.

Musik In RIZE wirken Bilder und Töne zusammen. Die kreative Stärke des David LaChapelle auf visueller Ebene findet ihre Entsprechung in der Tonspur des Films. Neben Nummern von etablierten Größen des amerikanischen Showbusiness wie Christina Aguilera ("Soar"), Lauryn Hill oder 2Pac sind Klassiker wie "Amazing Grace" und "Oh Happy Day" zu hören. Seine besondere Wirkung verdankt der Film aber der Originalmusik, die von ?Red Ronin? produziert wurde. Die Raps von Flii Stylez und der pulsierende Hip Hop-Backbeat der Tracks intensivieren den Eindruck der Bewegungsexplosion im Tanz der Krumper.

?Red Ronin Productions? ist der Name für die Kollaboration der Freunde Richmond & Tone Talauega, Anwar ?Flii? Burton, Jose Cancela und Kevin Richardson. ?Red Ronin? produzierte bereits die Musik für David LaChapelles Kurzfilm ?Krumped?, u.a. mit der Unterstützung von Bloezart, den Rappern Flii Stylz, Dap Daniels und Lil?C. Für RIZE kamen noch der Atlanta-Produzent, ID4 Winbz, Walt Liquor Barrell und Tenashus hinzu. Die Produzenten bemühten sich mit der Musik eine Atmosphäre zu verbreiten, die die explodierende Energie, die im Tanz der Krumper zu spüren ist, reflektiert: eine Mischung aus spirituellem, afrikanischem Tanz, chaotischen Moshpit- oder Underground-Fightclub-Bewegungen, die mit synkopischen Rhythmen eines Hip Hop-Backbeat kombiniert werden.

Die ?Talauega Bros.? (die den Film auch produzierten) waren komplett in Dreh und Produktion einbezogen. Sie konnten dabei die Clowns und Krumper hautnah beobachten, und mit eigenen Augen erleben, wie die diese Jugendlichen, als nicht ausgebildete Tänzer, völlig willkürlich, aus sich selbst heraus Bewegungen voller Kraft und Leben hervorbringen, als dessen, wer sie sind und was sie in ihrem Leben fühlten und erfuhren. Die persönlichen Erfahrungen mit den echten, unverfälschten Talenten und Gefühlen der Tänzer waren die Inspiration der Talauegas und spiegeln sich direkt in der Musik von RIZE wieder. In Deutschland wird der Soundtrack bei Edel Records veröffentlicht.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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