Mad Hot Ballroom

Produktionsnotizen

Director's Note von Marilyn Agrelo ? Regie und Produzentin Amy Sewell hat mir das Filmprojekt erstmals im Sommer 2003 vorgeschlagen. Wir kennen uns bereits seit vielen Jahren, haben jedoch noch nie miteinander gearbeitet. Als Amy mir von ihren Erlebnissen und Eindrücken berichtete, die sie im Rahmen ihrer Berichterstattung über das Tribeca-Team des letzten Jahres gesammelt hat, hatte sie mich mit dieser Geschichte sofort am Haken. Ihre Leidenschaft war absolut ansteckend. In den ersten Gesprächen war es dann meine Idee, nicht nur eine Schule zu porträtieren, sondern mehrere, um die unglaubliche Vielfalt New Yorks aufzuzeigen. Die riesige Bandbreite des sozialen und kulturellen Hintergrunds, den diese Kids mitbringen, reizte mich.

Ich bin New Yorkerin mit Herz und Seele, also sprang ich sofort auf die Idee an, einen Film zu drehen, der auch eine Liebeserklärung an meine Stadt sein würde. Dies ist eine Geschichte, wie sie so eben nur in New York spielen kann ? einer Stadt mit einem vielschichtigen urbanen Hintergrund. Ich wollte kleine Porträts der einzelnen Bezirke drehen, die jeweils eine Szene oder eine Sequenz einrahmen würden, so dass der Zuschauer nie vergessen sollte, in welcher Umgebung diese Kids leben und aufwachsen. So suchten wir permanent nach Wegen, die Ansichten, Emotionen, Geschmäcker und Charakteristika der jeweiligen Viertel in allen Nuancen einzufangen.

Wir wussten, dass der Entscheidung für die Kamera eine Schlüsselrolle zukommen würde. Denn schließlich würden wir ins Leben von Kindern eindringen, die sich in einem schwierigen Alter befinden ? und sie in Nahaufnahme dabei beobachten, wie sie sich auf unerprobtem Gebiet bewähren müssen. Die früheren Dokumentarfilme von Claudia Raschke-Robinson zeigten eine wunderbare Einfühlsamkeit und Nähe, die ich mir auch für unseren Film wünschte. Sie war die absolut richtige Wahl, denn sie fing die Kinder ein und ließ ihnen dabei doch genügend Raum, uns ihr unverstelltes Selbst zu zeigen. Amy und ich sahen uns 20 Schulen an. Die drei, die wir schließlich wählten, boten uns eine reiche Palette an unterschiedlichen Charakteren. Jede Gruppe war auf ihre Art einzigartig.

Einige der Kinder aus Tribeca (Public School 150) waren enorm weltgewandt und ausdrucksstark. Einmal besuchten wir die Schule, um uns selbst und unser Projekt vorzustellen. Wir fragten sie, ob sie wüssten, was eine Dokumentation ist. Da hob ein kleiner Junge seine Hand und fragte, ob wir schon eine Verleihzusage hätten. In diesem Moment wurde uns bewusst, dass unser Film nicht nur von den Tanzversuchen der Schüler leben würde, sondern auch von dem, was sie sagten. Die Schüler in Brooklyn (Public School 112) schienen in vielerlei Hinsicht die ?Pursten? zu sein. Sie waren noch am wenigsten von den Medien und dem Rest der Welt beeinflusst. Sie stammen aus Arbeiterfamilien, und es war sehr schön, sie in ihrer Aufrichtigkeit und unverstellten Art kennen zu lernen. Ganz abgesehen davon, dass sie einige der besten Szenen des Films ablieferten, ohne es darauf anzulegen.

Ich selbst bin in Kuba geboren, und zu den Kindern der dominikanischen Einwanderer (Public School 115) spürte ich eine unmittelbare Verbundenheit. Zwar bin ich nicht in einem so harten sozialen, städtischen Umfeld aufgewachsen wie sie, doch viele Momente ihrer Kultur und insbesondere der enge Familienzusammenhalt erinnerten mich an meine eigene Kindheit. Es war faszinierend, dabei zuzusehen, wie sie sich den Tanzschritten ganz instinktiv näherten, schließlich konnten sie bereits ihr Leben lang ihre Eltern, Tanten und Onkel dabei beobachten, wie sie bei jeder Gelegenheit und in engen Wohnzimmern tanzten. Genauso war es mir ergangen.

Ich werde Sabine Krayenbühl ewig dafür dankbar sein, dass sie diesen Film geschnitten hat. Wir haben permanent die Geschichte und die Figuren diskutiert, ihre Kreativität und Intelligenz waren dabei enorm wichtig. Keine Ahnung, wie ich ohne ihr einzigartiges Talent jemals 150 Stunden an Filmmaterial hätte konzentrieren können. Alle, die an diesem Film beteiligt waren, wurden durch die Arbeit in verschiedenster Weise berührt. Doch was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist: Ich habe wohl noch nie in meinem Leben so viel gelacht wie in dieser Zeit!

Produktionsnotizen von Amy Sewell ? Buch und Produzentin Im Februar 2003 begann ich mit den Recherchen zu einem Artikel für die ?Tribeca Trib? über eine Schule um die Ecke, in der die Fünftklässler obligatorisch ein Halbjahr lang Tanzstunden besuchen müssen. In der ersten Stunde konnte ich kaum ein Wort schreiben, so fasziniert war ich von den Kids, ihrer Ausdrucksweise, und davon wie sie etwas wie Gesellschaftstanz, von dem ich glaubte, es sei altmodisch und verstaubt, in etwas ganz Neues verwandelten ? nicht zuletzt dank ihres Lehrers und seines fantastischen Unterrichts.

Ich sah also diesen typischen New Yorker Kids dabei zu, wie sie etwas extrem Typisches für New York machten ? aber gleichzeitig etwas, das bislang gar nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte. Meine Sicht der Dinge ist der typische Blick des Mittelwestens, ?immer von außen draufzublicken, um das Innere zu erfassen?. Ich weiß noch, wie ich dachte, das alles würde einen großartigen Film abgeben. Als ich meinen Zeitungsartikel schrieb, mußste ich ihn von 50.000 Wörter auf 1.500 Wörter kürzen. Mir wurde klar, dass ich mit einem Artikel diesem Thema niemals gerecht werden würde ? oder gerecht werden könnte. Mein Ehrgeiz, all das, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, auch auf meine Art zu erzählen, war geweckt.

Marilyn und ich kennen uns nun schon seit zehn Jahren. Trotz unserer unterschiedlichen Karrieren ? ihre als Filmproduzentin, meine als Mutter ? schafften wir es, uns einmal im Jahr zu treffen. Bei diesen Treffen habe ich nach einem oder auch zwei Gläsern Rotwein immer vorgeschlagen, mal einen Film zusammen zu drehen. ?Und worüber??, fragte sie dann stets. ?Ehrlich gesagt, keine Ahnung?, erwiderte ich dann. Aber sie war immerhin so nett zu sagen: ?Wenn dir ein Thema einfällt, melde dich ruhig bei mir.? Mein Artikel über das Tanzprogramm erschien im Juli 2003, im August bereits rief ich Marilyn an.

Und damit begann auch schon die Arbeit am Film. Wir fokussierten uns zunächst auf das ?American Ballroom Theater? (AbrT), jene Organisation, die hinter dem Programm ?Dancing Classrooms? steht. Zunächst hatte ich gedacht, wir würden lediglich erneut die Fünftklässler der Public School 150 in Tribeca porträtieren, doch Marilyn schlug vor, mehrere Schulen zu begleiten. Eine tolle Idee! Und so begann unsere Suche. Wir besuchten 20 der 60 Schulen, die an dem Programm teilnahmen. Bei unserer Auswahl spielten mehrere Faktoren eine Rolle: die Lehrer, die Ausstattung, die Nachbarschaft, die Logistik beim Drehen etc. Schließlich konzentrierte sich die Auswahl auf drei Schulen.

Jede Schule überzeugte mit anderen starken Argumenten. Ich wollte aber auf jeden Fall auch die Public School 150, ?meine? Schule aus Tribeca dabei haben, denn diese öffentliche Schule ist insofern einzigartig, als dass es pro Jahrgang lediglich eine Klasse gibt. Diese Kinder lernen also bereits seit dem Kindergarten zusammen. Das bedeutet zum einen eine riesige Sicherheit und Nähe, zum anderen aber auch, dass sie fast so etwas wie eine eigene Insel im Großstadttumult bilden. Einerseits sehr smart und naseweis, sind die Kinder doch auch besonders beschützt, was sie wiederum in ihrer Entwicklung unterstützt.

Der Hauptgrund für unsere Entscheidung, die öffentliche Public School 112 Bensonhurst, Brooklyn zu begleiten, war eindeutig Victoria Malvagno, die Tanzlehrerin vom AbrT. Sie besitzt eine enorme Persönlichkeit, und wir dachten, sie sei eine wunderbare Person, um die Geschichte zu strukturieren. Außerdem begeisterte uns das Stadtviertel an sich, weil es zur Zeit eine enorme Wandlung durchmacht. Früher bestand es hauptsächlich aus italienischen Familien, innerhalb der letzten fünf Jahre stieg jedoch der Anteil der asiatischen Bevölkerung auf beinahe 50 Prozent. Für die Public School 115 Washington Heights entschieden wir uns wegen Yomaira Reynoso.

Sie ist eine starke, interessante und selbstbewusste Frau. Wir wussten, sie würde uns was bieten, egal, ob wir danach fragten oder nicht. Ihre Verve ergänzte Rodney Lopez vom AbrT mit viel Gespür für Klasse. Am Anfang waren die Kinder mucksmäuschenstill ? aber tanzen konnten sie! Als wir dann mit dem Drehen begannen, kristallisierten sich die Kids schnell als die eigentlichen Hauptpersonen heraus: Die Tanzorganisation und auch die meisten Erwachsenen fielen nach und nach weg und die Kinder rückten immer mehr in den Fokus. Aber es wäre natürlich keine normale Filmproduktion gewesen, wenn nicht auch Schwierigkeiten aufgetaucht wären.

Zwei Wochen vor Drehbeginn, zum Anfang des Frühlingshalbjahrs ? eines Termins, den wir also auch nicht verlegen konnten ? entschied die Bildungsabteilung im Stadtrat von New York City, dass sie nicht wollten, dass wir während der Unterrichtsstunden in den Schulklassen drehten. Nach einer Menge Stress und dem Einsetzen aller Kontakte, die wir besaßen, um dieses bürokratische Ungetüm aus dem Weg zu schaffen, bekamen wir schließlich unsere Drehgenehmigung ? drei Tage vor Drehbeginn! Aber es warteten noch andere Herausforderungen auf uns, so zum Beispiel 700 Einverständniserklärungen von Kindern einzusammeln, die vor unserer Kamera tanzten ? oder eventuell tanzen würden.

Dazu kamen die Interessen der Eltern: Manche waren total aufgeregt, andere eher misstrauisch (was sie in ihrer Position auch sein sollten). Und dann waren da ja noch die Kinder. Viele Kinder. Jedes Stadtviertel wartete mit seinem eigenen Charme und anderen Herausforderungen auf. Aber Washington Heights war sicherlich die aufregendste Umgebung von allen. Wir erfuhren jede Menge interessanter Geschichten. Einmal erlebten wir sogar mitten in einem Interview eine Polizei-Razzia mit ? so richtig mit sieben Cops mit gezückten Waffen, die uns zuriefen, wir sollten uns auf den Boden legen, weil sie ein paar Typen festnahmen, die wegen Mordes gesucht wurden.

Die örtlichen Dealer benutzten den Auspuff meines Wagens als Drogenversteck, während sie an der nächsten Straßenecke ihre Geschäfte machten. Ein anderes Mal sahen wir, wie ein Mann von einem anderen mit einem dicken Knüppel gejagt wurde ? aber wir hielten uns nicht damit auf, herauszufinden, warum oder wie es ausging. Mal ganz abgesehen davon, dass wir ziemlich misstrauisch von den Anwohnern beäugt wurden, weil sie in uns ?los federales? (FBI) vermuteten und uns Steine in den Weg legten. Das geschah nicht jeden Tag, aber oft genug, dass wir es nicht ignorieren konnten. Der Fairness halber mußs man aber auch sagen, dass wir uns von diesen Menschen fast so was wie beschützt fühlten, nachdem sich erst einmal herumgesprochen hatte, dass wir eine wohlwollende Geschichte über die Kids aus der Nachbarschaft filmten.

Die Stärken von Marilyn und mir liegen auf unterschiedlichsten Gebieten. Ich hatte eher mit dem geschäftlichen Aspekt der Produktion zu tun, Marilyn dagegen kümmerte sich um die technischen Aspekte des Films, entwarf das Budget, heuerte das Team an und führte Regie ? trotzdem fällten wir alle kreativen Entscheidungen zusammen. Wir waren ein gutes Team. Zudem hatte ich immer gedacht, sie sei eigentlich italienisch (was soll man bei dem Nachnamen ? Agrelo ? auch anderes denken...?). Als wir aber einmal in Washington Heights dringend einen Dolmetscher brauchten, übernahm sie diese Aufgabe gleich selbst in fließendem Spanisch. Unnötig zu sagen, dass sie damit einen weiteren Pluspunkt verbuchen konnte.

Wenn man mich fragen würde, was das Großartigste an dieser ganzen Geschichte war, würde ich sagen: Die Tatsache, dass diese Kinder Einfluss auf unser Leben hatten: Für einen kurzen Zeitraum haben sie uns ihre Seelen geöffnet und uns einen kleinen Einblick in ihr oft sehr kompliziertes Leben gewährt ? und wir haben das Besondere in jeder und jedem von ihnen erkannt. Dafür werde ich immer dankbar sein.

Die Teilnehmer Public School 150 Tribeca

Klassenlehrerin Allison Sheniak von der öffentlichen New Yorker Schule 150 ist eine liebenswerte, mitfühlende und engagierte Lehrerin. Alex Tchassov, ein gebürtiger Russe, ist der Tanzlehrer des ?American Ballroom Theater? (AbrT). Mit seinem angenehmen Wesen und seinen lebhaften Vergleichen macht er das Erlernen der Schritte (fast) zu einem Kinderspiel. Emma fällt jedem sofort ins Auge, denn sie ist ihrem Alter weit voraus ? und sie macht sicher, dass auch jeder ihre Meinung hört. Wenn es nach Tara geht, wird sie schon bald am Broadway zu sehen sein. Oder in Hollywood. Oder sowohl als auch.... Sie träumt jedenfalls von einer Karriere als Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin.

Und das ist durchaus realistisch: Denn Tara hat nach den Dreharbeiten zu MAD HOT BALLROOM eine Hauptrolle im Spielfilm ?Swimmers? bekommen, der in Sundance seine Premiere feierte. Sollten die Filmemacher eines Tages Cyrus als US-Senator begegnen, wären sie alles andere als erstaunt: Sein Verstand arbeitet messerscharf, und er besitzt eine Art zu fragen, die einfach keine Ausflüchte akzeptiert. Zeb besitzt die entwaffnende Offenheit eines Elfjährigen, der noch nicht gelernt hat sich zu verstellen. Er trägt sein Herz auf der Zunge bei allem, was er sagt und tut. Andere Schüler aus dem Tanz-Team der Public School 150 sind Richard, Jao-Ke, Willie, Dominic, Quana, Celia, Zelaina und Nile.

Public School 112 Bensonhurst, Brooklyn

Victoria Malvagno, Tanzlehrerin des ?American Ballroom Theater? (AbrT), ist charmant und witzig und ihr Unterricht spielerisch pädagogisch. So wird niemand je ihr ?Merengue-Hotel? vergessen, in dem die Menschen ?oben schlafen wollen, während unten die Party abgeht?. Michael ist liebenswürdig, niedlich und selbstbewusst. Er ist sehr klein, aber Michael macht das nichts aus. Jia und Priscilla sind zwei der asiatischen Mädchen aus der Klasse, die uns einen Einblick gewähren, wie sie die Welt sehen. Die anderen Kids der Public School 112, die tanzen lernen, sind Ariel, Sharese, Benjamin, Mohammed, Nathalie, Bleron, David, Jean und Sherry.

Public School 115 Washington Heights

Die Lehrerin Yomaira Reynoso, die ihre Schüler mit einem Hauch unerbittlicher Liebe durch die Tanzstunden begleitet, ist lebhaft, mutig und absolut ambitioniert. AbrT-Lehrer Rodney Lopez schenkt der ganzen Aktion mit seinem stilvollen Auftreten einen Hauch von Klasse. Er ist jemand, zu dem die Kinder eine Beziehung aufbauen können, aber er versteht es auch, sie zu bändigen. Wilson ist der kleine Junge mit den schönen, großen Augen, der mit seinem Tanzen jedem den Atem raubt. Jatnna ist selbstbewusst, voller Ehrgeiz und altklug.

An Elsamelys? Tanzen erkennt man, wieviel sie unter ihrer ruhigen Oberfläche bewegt. Obwohl Kevin nur selten etwas sagt, leitet er die anderen an. Seine Schulleiterin meint, die Tanzstunden hätten sein Leben verändert. Die anderen Mitglieder vom Team Public School 115: Joshua, Jeffrey, Kevin, Kelvin, Scarlyn, Michell, Karina und Angie.

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: X-Verleih © 1994 - 2010 Dirk Jasper