The Call

Produktionsnotizen

Eine geheimnisvolle Videokassette war der Überträger eines todbringenden Fluchs in THE RING (RINGU, Japan 1998), einem Meilenstein des modernen Horrorfilms, der weltweit Furore machte und dem Genre eine Renaissance bescherte. "Wir gehen von einem anderen Ansatz aus, moderner und mehr high-tech", erklärt Kuroi Kazuo, der Ausführende Produzent von THE CALL und Präsident der Filmproduktionsfirma Kadokawa Daiei in Tokio. Das moderne und zeitgemäße Gerät zur Übermittlung eines todbringenden Fluchs ist nun das Mobiltelefon, mit dem man heutzutage nicht nur Gespräche, sondern auch Bilder übermitteln und Filmaufnahmen machen kann.

Mobiltelefone sind allgegenwärtig, aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken, und damit das perfekte Instrument, um das Alltägliche in einen Alptraum zu verwandeln. So mancher handyhörige Dauertelefonierer dürfte nach einer Kinovorstellung von THE CALL bei der Annahme von Ferngesprächen etwas vorsichtiger werden ... sie könnten aus der Zukunft kommen. THE CALL (engl. Titel ONE MISSED CALL) basiert auf einer Romanvorlage des japanischen Autors Yasushi Akimoto, der zusammen mit Minako Daira auch das Drehbuch für den Film verfasst hat.

Die Grundidee ist die, dass ein böser Mensch nach einem qualvollen Sterbeprozess in Gestalt eines hasserfüllten Dämons aus dem Jenseits arglose junge Leute per Handy heimsucht, wobei die Verbindung von einem Opfer zum nächsten über die Tastatur ihrer Mobiltelefone erfolgt. Der Tod kündigt sich durch einen gespenstischen Anruf aus der Zukunft an, man hört die letzten Worte des Opfers und einen entsetzlichen Schrei der Agonie zum Zeitpunkt des Exitus. Inszeniert wurde die gruselige Geschichte von keinem Geringeren als Takashi Miike, berühmt berüchtigt für verstörende und oft grauenerregende Leinwandvisionen.

Sein meisterhafter Mystery-Thriller AUDITION (2000) hat Cineasten in aller Welt geschockt, nicht mit einer scheußlichen Dämonin, sondern mit einer liebreizenden jungen Frau, die sich am Ende allerdings als schrecklich sadistisch entpuppt. Das Wort Kult wird heutzutage inflationär gebraucht, doch im Falle von Takashi Miike ist es angemessen, von einem Kultfilmer zu sprechen. Millionen von begeisterten Fans verehren ihn abgöttisch als führenden Vertreter des asiatischen Kinos der Extreme, seine mittels extravaganter Stilisierung und bizarrer Handlung fassungslos machenden Yakuza-Gangsterfilme wie DEAD OR ALIVE oder ICHI THE KILLER sind echte Kultklassiker, die von den Hardcore-Fans immer wieder gesehen werden.

Mit THE CALL zeigt Miike nun eine seiner reifsten Regieleistungen. Auf der Höhe seiner Kunst inszeniert er den Horror kontrolliert und weniger krass als gewohnt, sorgt dabei aber nichtsdestotrotz immer wieder für hohe Ausschläge auf dem Adrenalinometer. So ist der Film auch für Neueinsteiger in Miikes fantastische Filmwelt bestens geeignet. Filmsprachlich eloquent und technisch brillant kreiert Miike in gleichnishaften Dekors mit vielsagenden Detailaufnahmen, Farbveränderungen und Requisiten ganz allmählich eine unheimliche Stimmung, die immer wieder in frappierenden Schockmomenten kulminiert. Anders als im US-Kino üblich, hält er ständig die Spannung und gönnt dem Publikum keine Auszeit durch gelegentliche komische Szenen.

Seine Inszenierungen weisen einen subtilen, manchmal makaberen Humor und einen Sinn für das Groteske auf, etwa wenn die abgerissene Hand eines verstümmelten Todesopfers eine Telefonnummer auf dem Handy wählt. Bei Miike werden süße Lutschbonbons zu Symbolen des Horrors, und das Geräusch beim Schneiden von Zehennägeln oder das Zischen eines Inhalationsapparats für Asthmakranke lassen einem vor Schrecken die Haare zu Berge stehen. Eine simple Kinderliedmelodie wird zum Handy-Klingelton aus der Hölle. Schon in der ersten Szene, beim gemütlichen Zusammensein einiger Collegestudenten im Restaurant, gibt es Andeutungen auf das grauenvolle Geschehen später im Film: Ein Mädchen fürchtet sich, durch Gucklöcher zu spähen, ein Student spricht von Traumata durch Misshandlungen in der Kindheit.

Miike gelingt es, in der Darstellung des Alltäglichen Anzeichen für den kommenden Alptraum einzustreuen. In einer zentralen Szene des Films, bei einer Live-Show im Fernsehen, ist der verängstigte Star der Show seiner natürlichen Umgebung völlig entrückt, und die visuelle Spannung zwischen dem Individuum und der Menschenmenge wird extrem gesteigert. Genüsslich spielt Miike mit Motiven aus anderen Gruselfilmen, beispielsweise DIE VÖGEL oder PSYCHO von Hitchcock. Auch aus dem eigenen Oeuvre wird zitiert: Wenn eine lange spitze Stahlnadel plötzlich durch den Spion einer Wohnungstür sticht, frönt Miike einmal mehr seinem Faible für Extrem-Piercing.

Der Showdown der beiden Filmhelden mit den schauerlichen Mächten des Bösen in einem alten, stillgelegten Krankenhaus weckt mit leichenzerfledderten Untoten Erinnerungen an die alten amerikanischen E.C. Horror-Comic-Klassiker. Bei all dem Spukgeschehen setzt Miike gleich noch eine fantasmagorische Mediensatire in Szene, bei der man eine Gänsehaut bekommt - schon in seiner schockierenden, sozialkritischen Familien-Farce VISITOR Q (2000) hatte er sich auf äußerst makabere Art über Reality-TV lustig gemacht. Auch in THE CALL gehen skrupellose Fernsehmacher über Leichen, um eine hohe Einschaltquote zu erreichen.

Unter der Anleitung von Regisseur Miike zeigt die schöne Hauptdarstellerin in THE CALL, die 24-jährige Japanerin Kou Shibasaki, eine der einfühlsamsten und fesselndsten schauspielerischen Leistungen ihrer Karriere. Mit großer emotionaler Glaubwürdigekeit verkörpert sie die tapfere Studentin Yumi, die das Geheimnis des Handy-Horrors aufklären will und dabei mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert wird. In Japan ist sie ein Topstar, gleichermaßen populär als Sängerin und Schauspielerin. Für Aufsehen auf der Leinwand sorgte Kou Shibasaki erstmals im Jahr 2000 in BATTLE ROYALE vom inzwischen verstorbenen Regie-Altmeister Kinji Fukasaku, in dem sie ein sadistisches Killer-Girl spielte und Takeshi Kitano ihr weltberühmter Filmpartner war.

Großes Renommee als Schauspielerin gewann sie 2001 mit ihrer mehrfach ausgezeichneten Darstellung im packenden Jugenddrama GO. Dort spielt sie die japanische Freundin eines rebellischen Halbstarken nordkoreanischer Abstammung. Zusammen mit Shinichi Tsutsumi, ihrem unerschrockenen Mitstreiter in THE CALL, hatte sie bereits die Hauptrolle in der Kriminalfarce DRIVE (2002), der fünften Regiearbeit des exzentrischen japanischen Indie-Stars Sabu (bürgerlich: Hiroyuki Tanaka).

Bei aller Panik und dem Horror in THE CALL ist Shinichi Tsutsumi als Hiroshi Yamashita der ruhende Pol des Films, der psychisch und physisch schwer zu erschüttern ist. Unbeirrbar und heldenhaft steht er Yumi in ihren schwersten Stunden bei und verliebt sich dabei in sie. Shinichi Tsutsumi hat eine professionelle Schauspielausbildung absolviert, spielt häufig im Theater und ist international bekannt geworden als Hauptdarsteller in Regiearbeiten von Sabu, wo er anders als in THE CALL sein komödiantisches Talent ausspielen konnte, z.B. in POSTMAN BLUES, UNLUCKY MONKEY oder MONDAY.

Die 1982 geborene Schauspielerin Anna Nagata aus Tokio fällt in der Rolle der lebenslustigen und etwas frivolen Studentin Yoko Okazaki als erste der mörderischen Dämonin in THE CALL zum Opfer. Wie die Hauptdarstellerin Kou Shibasaki sorgte sie erstmals im kriegerischen Krimi BATTLE ROYALE für Aufsehen, wo sie als Schülerin Hirono Shimizu auf einer einsamen Insel bei einer grausamen Schlacht "Jeder gegen Jeden" gegen ihre früheren Klassenkameraden und Kameradinnen ums eigene Überleben kämpft. Ein renommierter Veteran des japanischen Kinos ist Renji Ishibashi, der in THE CALL souverän den in vielen Dienstjahren abgebrühten Kripo-Kommissar Motomiya spielt, der pragmatisch denkt und handelt, und keinerlei Verständnis für okkulte Phänomene zeigt.

Ishibashi verkörpert ihn als alten Dickschädel, der nur an das glaubt, was er kennt und selbst beim Essen seiner Nudelsuppe Zigarette raucht. Der 1941 in Tokio geborene Ishibashi hat in seiner bald 45-jährigen Leinwandkarriere in weit über hundert Filmen mitgewirkt, unter anderem in der berühmten KOZURE OKAMI (BABY CART)-Samuraifilmserie, sowie mit Klaus Kinski in der französisch/japanischen Koproduktion LES FRUITS DE LA PASSION (FRÜCHTE DER LEIDENSCHAFT, 1981). Renji Ishibashis langjährige Zusammenarbeit mit THE CALL-Regisseur Takashi Miike begann 1998 mit THE BIRD PEOPLE IN CHINA, wo er die Rolle des Ujiie spielte. Als Yakuza Aoki machte er in DEAD OR ALIVE Drogengeschäfte, als alter Mann im Rollstuhl war er in AUDITION zu sehen. Insgesamt hat Ishibashi mehr als ein Dutzend Filme mit Regisseur Miike gedreht.

Um seinen okkulten Kinohit THE CALL optimal in Szene zu setzen, hat Regisseur Takashi Miike auch wieder mit einem bewährten und aufeinander eingestimmten Filmteam von Fachmännern zusammen gearbeitet, die seit Jahren für Miike tätig sind und teilweise schon rund zwanzig Filme mit ihm gemacht haben. Dazu gehört der renommierte Kameramann Hideo Yamamoto, der schon Takeshi Kitanos preisgekröntes Meisterwerk HANA-BI ins rechte Licht gesetzt hatte, sowie der Schnittmeister Yasushi Shimamura und der Filmkomponist Koji Endo, mit dem Miike seit langer Zeit auch persönlich befreundet ist. Ihren Anstrengungen ist es zu verdanken, dass THE CALL der bisher größte Kinoerfolg von Takashi Miike in Japan wurde.

"Ich will nicht überheblich klingen", erklärt der zu Recht mit seiner Leistung zufriedene Regisseur, "aber dieser Film ist wirklich gruselig. Er hat mich schon in Schrecken versetzt, als ich ihn machte, also mußs da wirklich was dran sein. Doch man sollte nicht übersehen, dass es darin auch eine Liebesgeschichte gibt. Ich hoffe, dass man als Zuschauer bei all dem Grauen diese anrührende Geschichte schätzen und etwas über sich selbst entdecken wird."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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