The Descent - Abgrund des Grauens

Produktionsnotizen

Ein Abstieg in den Wahnsinn Neil Marshall schuf 2002 den Horror-Hit DOG SOLDIERS und bekennt, dass Vergleiche unausweichlich seien: "In vielen Aspekten ist THE DESCENT - ABGRUND DES GRAUENS eine Art ?Schwesterfilm'. Diesmal sind es sechs Frauen statt sechs Männern, die gemeinsam in der Falle sitzen und sich einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sehen. Statt in dieser Situation jedoch zusammenzuhalten, wenden sie sich am Ende gegeneinander."

"Seit wir die Idee zum ersten Mal entwickelten, machten wir uns einen Spaß daraus, es einen Film über ?six chicks with picks' zu nennen, aber das vereinfacht es natürlich viel zu sehr", fährt Marshall fort. "THE DESCENT - ABGRUND DES GRAUENS handelt von sechs modernen jungen Frauen und ihrem Abstieg ins tiefste Innere der Erde - gleichzeitig ist es auch eine Reise in den Wahnsinn." Marshall träumte dabei schon immer davon, einen Horrorfilm in einer Höhle anzusiedeln: "Dieses Setting kommt in Horrorfilmen bislang kaum vor, dabei erfüllt es alle klassischen Anforderungen. Horrorfilme spielen im Dunkeln, und dunkler als in einer Höhle kann es eigentlich nicht werden. Außerdem wollte ich mit einem rein weiblichen Ensemble arbeiten, was im Horrorfilm recht einzigartig ist."

"Wir haben zwei Jahre am Drehbuch gearbeitet und zahlreiche Versionen entwickelt, aber am Ende hatten wir exakt die Fassung, mit der wir alle ausgesprochen glücklich waren. Der allererste Entwurf war stärker karikiert, die Frauen stärker stilisiert - alles ein bisschen unrealistischer. An der eigentlichen Handlung und der Abfolge der Szenen hat sich dabei schließlich gar nicht soviel geändert, doch die Frauen wurden mit jeder Fassung stärker, realistischer und nicht zuletzt menschlicher. Jede besitzt nun eine überzeugende Vielschichtigkeit."

Auch wenn er bewusst einen Film mit rein weiblichen Hauptrollen konzipiert hatte, wurde Marshall doch immer unsicherer, je näher der Drehstart rückte. Doch letztendlich, so der Regisseur, "war die Erfahrung natürlich traumhaft. Ich gebe zu, dass ich leichte Vorbehalte hatte, nachdem ich zuvor mit einem rein männlichen Team bei DOG SOLDIERS gearbeitet hatte. Jede Nacht versackten wir damals in der Bar, und ich wusste, dass es mit den Frauen anders sein würde. Aber wir entwickelten eine hervorragende Zusammenarbeit. Wir hatten eine Menge Spaß und arbeiteten auf einem hohen professionellen Level, wozu jeder seinen Teil beitrug. Diese Mädchen hatten es nicht weniger faustdick hinter den Ohren. Und auf der Leinwand rauben sie einem einfach den Atem. Eine super Truppe. Es war ein Traum, mit ihnen zu drehen!"

Dabei, so Marshall, seien seine persönlichen Erfahrungen beim Dreh von DOG SOLDIERS und THE DESCENT - ABGRUND DES GRAUENS sehr ähnlich gewesen: "Es gab keinen großen Unterschied. Bei beiden Filmen hatten wir ein fantastisches Team, eine tolle Besetzung und jede Menge Spaß. Wir ließen das Blut nur so spritzen und haben den Monstern die Schädel eingeschlagen. Es war mindestens genauso toll. Wenn überhaupt, dann gab es lediglich einen kleinen Haken, nämlich dass wir in Pinewood in einem Studio arbeiten mußsten, und dass es dadurch kaum Socialising gab. Als wir damals DOG SOLDIERS in Luxemburg drehten, endeten wir jede Nacht am Bartresen, hier jedoch gingen alle abends brav nach Hause. Das war schon etwas komisch. Wir haben trotzdem versucht, uns ab und zu einen gemeinsamen Drink zu genehmigen, denn das gehört bei Dreharbeiten einfach dazu. Abgesehen davon hatten wir jedoch mindestens genauso viel Spaß."

Monster und Mädchen Marshall nannte die wilden, blutrünstigen Monster, die den Frauen in den Höhlen auflauern "crawlers" (Kriecher): "Die Crawler sind Höhlenwesen, die im Untergrund leben. Über Tausende von Jahren haben sie sich ihrer Umgebung perfekt angepasst: Sie sind blind, haben in der pechschwarzen Finsternis aber ein Absolutes Gehör und einen ungeheuren Geruchssinn entwickelt. Sie sind ausgezeichnete Kletterer und erklimmen jeden Felsen. Dies ist ihr Territorium, in das die Frauen eindringen, und sie verteidigen bloß ihre Welt. Ich habe überlegt: Wenn es Wesen gäbe, die unterirdisch lebten, wie sähen sie wohl aus? Woher kämen sie? Dann spielten andere Elemente hinein, so etwa die prähistorische Höhlenzeichnung. Denn wenn es um Höhlenmenschen gehen sollte, dann sollten sie auch in erster Linie menschlich sein. Sie mit menschlichen Eigenschaften auszustatten, schien mir weitaus furchteinflößender als reine Fantasiewesen zu entwickeln."

Über die Umsetzung seiner Vorstellung der "crawler" auf der Leinwand ist Marshall hellauf begeistert: "Sie wirken unglaublich körperlich, männlich und wild. Ihr Aussehen und ihr Verhalten orientiert sich am Leben in tiefschwarzer Finsternis - und an dem, was der schlimmste Albtraum ist, dem man unter Erde begegnen könnte. Sie sind schleimige, eklige, sich krümmende, gnadenlos zubeißende Monster." Craig Conway und Les Simpson, die beide auch schon in DOG SOLDIERS mitgespielt hatten, gehörten zu den Schauspielern unter dem Monster-Make-up.

"Die beiden haben bislang in jedem meiner Filme mitgespielt", so Marshall, "und ich wollte sie auch hier unbedingt dabei haben. Allerdings fiel mir zunächst keine Rolle für sie ein, schließlich wurden alle Hauptrollen von Frauen verkörpert. Dann kam mir die Idee, dass sie Crawler werden sollten. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob sie das machen würden, aber sie sagten zu. Außerdem wollte ich, dass die Crawler von Schauspielern und nicht von Tänzern gespielt wurden. Ihr Kostüm lässt nämlich zu, dass man ihnen auch im Gesicht Regungen ansieht. Es ist kein rein körperlicher Job, daher fand ich Schauspieler die bessere Lösung." Während des Drehs hielt Marshall die Crawler vor den Schauspielerinnen versteckt bis zu dem Moment, in dem sie sich das erste Mal vor der Kamera begegneten.

"Ich habe mir die Freiheit genommen, die Mädchen erst in dem Moment mit den Monstern zu konfrontieren, in dem sie auch laut Drehbuch aufeinandertreffen würden. Ich wollte den Effekt mit eigenen Augen erleben und vor allem die Spannung aufbauen. Die Mädchen wurden dann auch richtiggehend nervös, weil sie nicht wussten, was sie erwarten würde. Ich habe ihnen vorher noch nicht einmal Fotos der Kreaturen gezeigt und sie somit verunsichert. Als wir also die erste Szene mit den Crawlern drehten, schnappten sie fast über. Sie haben geschrieen und sind weggerannt. Da haben wir vorher wochenlang daran gearbeitet, dass sie auf der Leinwand als knallharte, taffe Kämpferinnen rüberkommen, und sobald ein Monster auftaucht, flüchten sie wie Hühner ...!"

Die Kulissen Einen Film in der Finsternis unter der Erde spielen zu lassen, entpuppte sich für Marshall und sein Team als enorme Herausforderung: "Der Film sollte sowohl in seiner Atmosphäre als auch in seiner Ausleuchtung pechschwarz sein. Ich wollte keine heimlichen Lichtquellen in der Höhle. Während des Drehs gab es darum immer wieder mal Situationen, die nicht einfach zu lösen waren, etwa wenn die Mädchen nur ein paar Streichhölzer als Licht hatten - nun, dann nahmen wir eben nur ein paar Streichhölzer. Gegen Filmende wurde es dann einfacher, wenn unheimlich viel in Flammen gesetzt wird. Doch in der Mitte des Films haben sie alle ihre Taschenlampen, Feuerzeuge und Fackeln verloren, da ist der Film schon ziemlich düster und intensiv."

Eine andere Herausforderung für Marshall war das Budget: "Wir haben jeden Penny ins Setdesign gesteckt, damit man das Geld auch auf der Leinwand sieht. Unser Szenenbildner Simon Bowles hat fantastische Arbeit geleistet, dennoch hatten wir nicht genug Sets für jede Szene. Wir haben also Kulissen auf- und am anderen Ende wieder abgebaut und in unterschiedlicher Reihenfolge zu neuen Sets zusammengefügt. Das war schon hart, aber das Team war so gut, sie wussten genau, was sie taten.

Trotz aller Anstrengungen blickt Marshall zufrieden auf die Dreharbeiten zurück: "Jeder Tag war etwas ganz Besonderes, und täglich erlebten wir etwas Lustiges, Dramatisches oder sehr Spektakuläres, zum Beispiel bei den Stunts. Ich habe jede einzelne Minute genossen. Horrorfilme zu drehen macht riesigen Spaß, genauso wie es enormen Spaß macht, sie anzusehen. Ich finde nichts spannender als bei einem Horrorfilm mitten im Publikum zu sitzen und die Angst der Zuschauer zu spüren - zu hören, wie sie nach Luft schnappen oder erschrocken aufschreien oder lachen. Das ist eine sehr authentische Reaktion, und als Filmemacher kann man sich kaum etwas Schöneres vorstellen. Ich liebe es einfach, den Leuten Angst einzujagen."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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