Der Traum ist aus oder die Erben der Scherben

Produktionsnotizen

Sechzig Stunden verdrehte die dreiköpfige Filmcrew, von Fresenhagen an der dänischen Grenze bis Bad Reichenhall, Grenzstadt zu Österreich: Interviews, Impressionen und Konzerte (diese mit zusätzlichen Kamerateams) in Hamburg, Rostock, Berlin, Oranienburg, Frankfurt am Main ...

Regisseur Christoph Schuch machte sich auf die Suche nach engagierten und intelligenten Bands, die `im Geiste der SCHERBEN´ Musik machen. Wobei Schuch den Spirit der Scherben mit Liebe und Zorn definiert. Die Frage war, ob es solche Musiker überhaupt noch gibt und wenn ja, wie sie heute arbeiten. Oder auch, warum es nicht mehr so ist wie anno 1970, als die SCHERBEN bereits mit ihrem ersten Auftritt auf dem Love and Peace Festival auf Fehmarn ihren Mythos schufen.

Da war der Autor noch im Kindergarten, er entdeckte die SCHERBEN für sich zehn Jahre später. Die Musik schlug dann jedoch genauso heftig bei ihm ein, wie die Polizeiknüppel, mit denen er im Flörsheimer Wald Bekanntschaft machte. In diesem Wald steht heute die Startbahn West. Da diese auch nicht mehr den Wachstumswahn einiger Konzernchefs befriedigen kann, rüsten sich wieder zigtausend Bewohner des Rhein-Main-Gebiets für die Verteidigung ihrer Gesundheit. Wieder steht ihnen eine mächtige Allianz von Landespolitikern, Kapital und wirtschaftsfreundlichen Gesetzen gegenüber. Eines von vielen konkreten Beispielen, die deutlich machen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Aktienkurse oft wichtiger sind als die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen.

Ob sich mit diesem Modell wirklich so viele Menschen angefreundet oder abgefunden haben, wollte Schuch auf dem musikalischen Sektor herausfinden. Denn zeitgenössische Musik ist immer ein guter Seismograph für die Gemütslage einer Gesellschaft. Oft genug beschlich ihn das Gefühl, dass es nur ein kleiner Schritt vom zornigen jungen Mann zum verbitterten Altlinken sein kann. Die Gefühle schwankten aber während des Projekts zwischen `ein Film über den Endsieg des Kapitalismus´ bis zu `Der Kampf geht weiter´ - übrigens auch ein SCHERBEN-Titel. So wie Der Traum ist aus / Alles verändert sich / Durch die Wüste oder Land in Sicht. Noch so mancher Scherben-Song gäbe einen stimmigen Filmtitel ab.

Dabei ist Der Traum ist aus alles andere als ein resignatives Lied. Der Kenner weiß, wie es bei RIO weitergeht: `...aber ich werde wirklich alles geben, damit er Wirklichkeit wird.´ Nun, RIO REISER hat wirklich verdammt viel dafür gegeben, dass sein Traum Wirklichkeit wird, doch seit 1996 ist er tot. Der Film ist darum auch eine Verbeugung vor RIO REISER und TON STEINE SCHERBEN, denen viele von uns so viel zu verdanken haben. Allerdings beschränkt sich der Film nicht auf einen (verklärten) Blick zurück. Es geht um den Link ins Hier und Jetzt, wenngleich die SCHERBEN-Story wegen ihrer Faszination wesentlich präsenter im Film ist, als ursprünglich konzipiert. Auch darum dient der bereits 1999 von Christoph Schuch entworfene Slogan `DIE ERBEN DER SCHERBEN´ nur noch als Untertitel.

Insgesamt dominieren im Film die leisen Töne, wenn man von den vielen Konzertausschnitten von TON STEINE SCHERBEN bis TOCOTRONIC einmal absieht. Eine Geschichte wird erzählt, deren Facetten und Widersprüche vielen bisher noch nicht bewußt war, wenngleich die SCHERBEN-Story für viele von uns auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Darum stellt sich für die Protagonisten wie Zuschauer immer wieder die Frage: Wo stehen wir jetzt? Was haben wir gewollt? Was möchten wir erreichen? Diese Analyse ist ein erster Schritt, wenn man neue Verbündete, Handlungsweisen oder Ideale sucht beziehungsweise alte überprüft. Der Film ist darum auch als ein Beitrag zu der derzeit so defensiv geführten Debatte um die Ideen und Ideale von 1968 zu verstehen.

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Salzgeber © 1994 - 2010 Dirk Jasper