Edelweißpiraten

Ausführlicher Inhalt

?So, ich erzähl jetzt was, was ich eigentlich nie einem erzählen wollte, es wollte ja sowieso auch keiner hören. Aber da ich wohl bald tot bin, sage ich das, was ich zu sagen habe, und die nach mir kommen, können damit machen, was sie wollen ... Ich wird? mich an die Wahrheit halten, so gut wie ich kann:

Also, das war im Frühjahr 1945, als die Gestapo uns alle aus den Zellen holte, um uns zu erschießen aber da waren die Amis schon in Köln. Als alles vorbei war und ich da im Treppenhaus von der Gestapo stand, fühlte ich nichts, keine Freude, keine Erleichterung. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich hab die Cilly gesehen, wie sie sich von Ruth und ihrer Mutter verabschiedet hat. Dann ist sie rausgegangen und ich hab sie gehen lassen. Ich konnte mich nicht mal bewegen. Ich mußste an das denken, was alles passiert war.

Anderthalb Jahre vorher wohnte ich noch mit meinem kleinen Bruder Peter in der Marienstraße. Wir wohnten dort seit Mama bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Papa war an der Front und unser großer Bruder Otto war 43 in Russland gefallen. Wir stritten uns immer, Peter und ich, denn Peter war bei der HJ und glaubte noch an den Endsieg. Aber viel zuhause war ich damals sowieso nicht. Meine Freunde und ich, wir waren Edelweisspiraten, und trieben uns meist auf der Straße rum oder wir gingen zu Cilly. Die Cilly war mit meinem Bruder Otto verlobt.

Sie wollten eigentlich heiraten, auch wegen der Kinder, aber der Otto hat sich immer gedrückt und dann ist er gefallen und da war es zu spät zum Heiraten! Ich hab? der Cilly auch mal 'nen Heiratsantrag gemacht, na ja, Schwamm drüber! Der Bubbes, der Günther, der Barthel und der Dölfes, dat waren meine besten Freunde. Wir waren übrigens nicht die einzigen Edelweisspiraten in Köln. Wahrscheinlich gab es 'n paar tausend von uns. Wir wollten anders sein als die HJ. Wir steckten uns Edelweissabzeichen an die Jacke, wir mochten andere Lieder und bei uns waren sogar Mädchen dabei.

Zum HJ-Dienst gingen wir schon lange nicht mehr und deshalb kam es nicht selten zu Auseinandersetzungen mit denen. Die Schlägereien mit der HJ gehörten irgendwie dazu. Wir haben nicht weiter darüber nachgedacht, ob sie gefährlich waren. Wir lebten ja in Ruinen und jeden Tag gab es Bombenangriffe, bei denen man sterben konnte. Nach den Bombenangriffen war es oft ganz still. Man hörte nur das Knistern der Flammen, sonst nichts.

Die Nazis haben KZ-Häftlinge als Bombenentschärfer eingesetzt. Einer von denen war Hans Steinbrück. Halbtot haben wir den gefunden und versteckt. Dann hat er den kleinen Anton gerettet, der unter 'ner Bombe eingeklemmt war. Die Cilly hat den Bombenhans dann bei sich versteckt, wir haben was zu essen für ihn besorgt, und er ist bei der Cilly geblieben. Als er wieder gesund war, hat er das Butterlager ausgeräumt, zusammen mit Hüppeler, Bubbes und Dölfes. Außerdem wollte er das Hauptquartier der Gestapo in die Luft jagen. So?n Quatsch wollte ich nicht mitmachen und dann ist Papa gefallen und der verrückte Lorent hat den Ortsgruppenleiter Soentgen erschossen und ab da war die Gestapo hinter uns her.

Peter, mein kleiner Bruder, hat dann auch noch bei Hans mitgemacht. Sie besorgten Sprengstoff, Waffen und Munition und veranstalteten Schießübungen in Cillys Keller. Der Cilly war das zu brenzlig, da sie auch noch zwei Jüdinnen bei sich aufgenommen hatte, Ruth Krämer und ihre Mutter. In der Zeit war ich meist allein. An Peters Geburtstag kam es zu 'ner Schlägerei zwischen mir und Hans und die Cilly hat uns dann alle rausgeschmissen. In der gleichen Nacht ist die Gestapo bei ihr aufgetaucht. Sie haben sie festgenommen und in ihrer Wohnung auf uns gewartet. Der Versuch, die Cilly zu befreien, ging völlig daneben, denn sie hatten sie schon längst abtransportiert.

Danach war mir klar, dass wir nur noch eins tun konnten: aus Köln abhauen. Aber Peter wollte nicht, er wollte bei Hans bleiben. In wenigen Stunden hatte die Gestapo alle meine Freunde verhaftet. Früher oder später würden sie auch Peter und Hans finden. Wenn ich Peter retten wollte, mußste ich jetzt was tun, und mir fiel nix Anderes ein, als das, was ich dann getan habe ...

Ich stand noch lange auf der Treppe, nachdem die Cilly gegangen war. Es kam mir vor wie 'ne Ewigkeit. So, das war?s, was ich erzählen wollte. Was gibt es noch zu sagen? Ruth Krämer und ihre Mutter sind glaube ich nach Amerika ausgewandert. Die Cilly ist 1973 gestorben. Die Edelweisspiraten wurden 1972 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vaschem geehrt, als ?Gerechte unter den Völkern?. Ich hab das alles hier erzählt, damit sie nicht vergessen werden.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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