Die grosse Stille

Produktionsnotizen

Director's Note - Philip Gröning Das ist nicht einfach. Einen Text zu schreiben, über einen Film, der quasi ganz ohne Text auskommt, einer, der sich wirklich von der Sprache so weit entfernt, wie Film es überhaupt kann, und damit auch von jedem diskursivem Denken. So, wie es nicht einfach ist, einen Film zu machen, der außerhalb der Sprache und außerhalb dessen ist, was ich als Logik dachte zu kennen, als Dramaturgie, auch als Können. Wie geht das, einen Film zu machen, der selber Kloster wird, mehr als dass er Kloster erzählt? Wie geht das? Ich weiß bis heute nicht, wie das geht. Ich weiß nur, jetzt, dass es geht. dass auf einmal dieser Film Gestalt annahm, Kloster wurde, Raum, nicht Erzählung.

Ein Film wie eine Wolke, so habe ich das vor 21 Jahren beschrieben, als die erste Idee dieses Projektes entstand. Und diese Idee, sie blieb; vor 19 Jahren, als ich das erste Mal die Karthäuser traf; vor 18 Jahren, als sie sagten, es sei zu früh, ?in 10, 15 Jahren vielleicht?; vor 6 Jahren, als das Kloster anrief: ?Ob ich noch Interesse hätte.? Ja. Ja. Was ist eine Wolke? Schwer zu sagen. Verschieden sind sie. Ganz verschieden, jede, und immer richtig, ganz richtig, jede. Eine falsche Wolke habe ich noch nie gesehen.

Ich habe insgesamt fast sechs Monate im Kloster der Grande Chartreuse gelebt. Ich habe das Leben dort geteilt, habe ihren Tagesablauf geteilt und wie die Mönche in einer Zelle gelebt. Teilgenommen an diesem unglaublichen Gleichgewicht zwischen Einsiedlertum und Gemeinschaft. Habe dort gedreht, Ton aufgenommen, geschnitten. Eine Reise in die Stille.

Über die Produktion Erst in der Stille beginnt man zu hören. Erst wenn die Sprache verstummt, beginnt man zu sehen. Der Karthäuserorden gilt als eine der strengsten Bruderschaften innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit folgt das Leben der Mönche den Jahrhunderte alten Regeln und Ritualen des Ordens. Filmmaterial existierte von ihnen bisher nicht. Die letzten Aufnahmen im Kloster sind in den 1960er Jahren entstanden, als zwei Journalisten der Zutritt zur Grande Chartreuse unter einer Bedingung gestattet wurde: keine Gesichter der Mönche abzubilden.

1984 entstand die Idee ? die Genehmigung, einen Film über das Leben der Mönche zu drehen, erhielt Philip Gröning jedoch erst 1999. Diese einzigartige Drehgenehmigung ist das Resultat einer langjährigen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Philip Gröning und dem Prior der Grande Chartreuse. Und bedenkt man, dass vor Philip Gröning noch niemandem solch eine Dreherlaubnis erteilt wurde, wird dieser Film vielleicht auch der Einzige bleiben. Philip Gröning lebte in der Grande Chartreuse mit den Mönchen und begleitete sie mit seiner Kamera. Indem er am rituellen und alltäglichen Leben teilnahm, erfuhr er selbst, was es bedeutet, ein Einsiedlerleben zu führen.

Auf diese Weise begann er eine Reise in die Welt der Mönche und Novizen, die ein Leben zwischen Riten und modernen Errungenschaften führen. Mit einem Budget von über 700.000 Euro wurde DIE GROSSE STILLE in Südfrankreich gedreht: Nach einem fast viermonatigen Dreh im Frühjahr und Sommer 2002, weiteren drei Wochen im Winter 2003 und drei abschließenden Tagen im Dezember desselben Jahres waren die Filmaufnahmen vollständig. Der Film wurde hauptsächlich auf HDCAM gedreht und mit Super 8 kombiniert, das verleiht dem Film seine beeindruckende Sensibilität für Zeit und Schönheit. Der Ton wurde mit vier, teilweise auch acht separaten Tonspuren aufgenommen, um die Grundlage für ein hohes Niveau der Tonbearbeitung zu schaffen. Gerade wegen der Abwesenheit von Sprache ist eine hervorragende Tonqualität für den Film existentiell.

Die Entstehung des Filmson 160 Minuten lang fast absolute Stille. Wie kann das im Kino funktionieren? Wie still kann es sein? Werden plötzlich Laute explodieren, ohne Vorwarnung? Wie dunkel kann es werden inmitten der fast vollständig unbeleuchteten Messen der Chartreuse? Wann wird ein Schatten als Mensch erkennbar? Ein Film über die Grande Chartreuse ist eine Reise in eine andere Welt. Was bedeutet Zeit für jemanden, der weiß, dass er dieses Haus, diese Zelle, nicht mehr verlassen wird? Was ist Alltag, was Gebet in einer Welt, in der alles von Wiederholung bestimmt ist und sich doch der Einzelne durch seine Zeit bewegt? Was ist ein Gebet? Was ist ein Kloster? Und: Was ist ein Mensch?

Das Treatment für dieses Projekt entstand bereits 1984. Als ich 1999 die Erlaubnis erhielt, einen Film in der Grande Chartreuse zu drehen, habe ich meinen Text noch einmal mit Abstand gelesen und erkannt, dass es nicht nötig war, den ursprünglichen Text zu ändern. Warum einen Film 15 Jahre nach der ersten Idee überhaupt realisieren? Zum Einen, weil meine ursprüngliche Intention die Gleiche geblieben ist: Das Bedürfnis, einen Film zu machen, der die fast archaischen Wurzeln unserer Kultur reflektiert, ist heute so stark wie damals. Zum Anderen wegen der absoluten Übereinstimmung von Inhalt und Form. Hier scheint sie möglich. Für 160 Minuten wird im Kopf des Zuschauers das Innere des Klosters erschaffen.

Ich hatte die Möglichkeit, fast sechs Monate lang innerhalb des Klosters zu drehen und lebte während dieser Zeit wie ein Mönch in einer der Zellen. Ich teilte den Alltag im Kloster und ging, wie die anderen Mönche auch, meiner Arbeit nach ? in meinem Fall dem Filmemachen. Die Grande Chartreuse, der Orden der Karthäuser, ist eine Art Legende innerhalb der katholischen Welt: Sie repräsentiert die strengste Form des kontemplativen Lebens in der christlichen Welt. Das Kloster erteilte mir keine Auflagen, außer dieser: Kein künstliches Licht, keine zusätzliche Musik, keine Kommentare. Kein zusätzliches Team ? nur ich. Diese Bedingungen stimmten auf das Genaueste mit meinem ursprünglichen Konzept überein, so dass ich sie nicht als Einschränkung betrachtete.

Die einzigen Elemente der Sprache, abgesehen von kurzen, untertitelten Momenten, in denen die Mönche miteinander sprechen ? wie sie es während ihres wöchentlichen Treffens und während ihrer Spaziergänge tun ? sind Texttafeln. Im Film sind insgesamt 18 Texttafeln zu sehen. Die Texte auf den Tafeln werden in gewissem Rhythmus wiederholt. So wie im Leben eines Mönches identische Gebete und Psalme immer wiederkehren. Sein ganzes Leben lang. Die Wiederholung der Texttafeln ist eine Methode, um dem Leben im Kloster näher zu kommen: Kontemplation als der immer neue Blick auf das ewig Gleiche. Die Bedeutung eines Gebetes ändert sich für die Mönche im Laufe des Lebens ? sie wird tiefer, ebbt ab und wächst wieder. Die Texttafeln sollen beim Zuschauer ein Gefühl für diesen Prozess auslösen: Einsicht durch Wiederholung.

Der Film dokumentiert den Lauf der Zeit, den Wechsel der Jahreszeiten und die immer wiederkehrenden Elemente des Tages, des Gebets. Gesichter. Eine sehr physische Welt (ein Apfel wird aufgeschnitten, Mahlzeiten in den Zellen verteilt, ein Feld bestellt) und immer wieder die Mönche beim gemeinsamen Gebet. Beides ist in der Grande Chartreuse sehr präsent: Das einfache Physische der Welt und die Abkehr davon. Die Narration wird getragen durch den Rhythmus, den Klang und die Bewegung ? die in der tiefen Dunkelheit des Kinos besonders stark erlebt werden können.

Zur Geschichte des Karthäuser-Ordens und der "Grande Chartreuse" Der Orden der Karthäuser wurde im Jahr 1084 vom Heiligen Bruno von Köln (1030 - 1101) gegründet und gilt als einer der strengsten Orden, den die katholische Kirche je hervorgebracht hat. Seit der Ordensgründung wohnen die Einsiedler der ?Grande Chartreuse? in den Felsmassiven unweit von Grenoble ? und widmen sich in ständigem Schweigen ganz dem Gottesdienst und dem geistlichen Leben. 1132 wurde das Kloster von einer Lawine getroffen, achtmal in seiner Geschichte um ein Haar ein Raub der Flammen. Die jetzigen Gebäude entstanden 1688.

Jede Karthäuser-Gemeinschaft ist wirtschaftlich selbständig und soll grundsätzlich selbst für ihren Unterhalt aufkommen. So sind die Mönche in der Landwirtschaft und im Handwerk tätig oder erhalten Messstipendien. Auf der Ordensebene gibt es ein Ausgleichssystem, über das ärmere Häuser unterstützt werden ? vorwiegend dank der Produktion des berühmten Likörs. Bis heute hat sich die Lebensform der Eremiten, die aus Gebeten, Studien, aber auch körperlicher Arbeit besteht, kaum verändert. Heutzutage gibt es noch 19 Karthausen ? in Europa, den USA, Lateinamerika und Südkorea ? in denen schätzungsweise 370 Mönche leben. Darüber hinaus bestehen in Frankreich, Italien und Spanien fünf Frauenkonvente, in denen etwa 75 Nonnen leben.

In Deutschland existiert nur noch eine einzige Karthause: In Marienau in Baden-Württemberg. Diese wird seit 1964 von Mönchen bewohnt. Gegründet wurde sie als Ersatz der 1869 in Maria Hain bei Düsseldorf errichteten Karthause, da deren Bewohner der sich ausdehnenden Großstadt weichen mußsten. Rings herum ist die Karthause von Wald sowie einer zweieinhalb Meter hohen und 1250 Meter langen Klausurmauer umgeben, was der Karthause eine noch größere Abgeschiedenheit von der Welt bietet. Mittelpunkt der etwa zehn Hektar großen Klosteranlage ist die schlichte Kirche mit ihrem einfachen hölzernen Glockenturm. Wie alle Karthausen kann auch Marienau nicht besichtigt werden.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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