Das Kind

Produktionsnotizen

Die Dardennes Brüder - Ein Porträt Aufgewachsen sind Jean-Pierre und Luc Dardenne im ehemaligen Industriegebiet der Maas in Wallonien. Geprägt wurde diese Region durch Arbeiter im Bergbau und der Stahlindustrie, darunter viele italienische Einwanderer. Schon früh drehen die Dardennes Videoreportagen, engagieren sich für die so genannten Verlierer der Industriegesellschaft in Zeiten von Rationalisierung und Automatisierung. In ihren ersten Arbeiten standen Gewerkschaftler, Streikende, Arbeitslose und Immigranten im Vordergrund. 1975 gründen die Dardennes in Lüttich ihre erste Produktionsgesellschaft ?Dérives?. Sie produzieren und realisieren politisch engagierte Reportagen und Dokumentationen.

1978 entsteht ihr erster Dokumentarfilm Le chant du rossignol in dem es um die Résistance gegen die Nazis in der Region um Lüttich geht. Bis Mitte der 80er Jahre produzieren sie weiter dokumentarische Arbeiten und führen regelmäßig auch Regie. Ihr erster Spielfilm Falsch mit dem bekannten französischen Darsteller Bruno Cremer entsteht 1987 und ist die Verfilmung eines Theaterstücks von René Kalisky, in dem es um den Mord an einer jüdischen Familie im Nationalsozialismus geht. Der zweiter Spielfilm Je pense á vous mit Robin Renucci und Fabienne Babe wird 1992 uraufgeführt.

Der Durchbruch gelingt ihnen dann in Cannes 1996 mit La Promesse, den die Brüder auch als ihren ersten wirklich persönlichen Spielfilm bezeichnen. Zum ersten Mal arbeiten sie mit ihrem späteren Lieblingsdarsteller Olivier Gourmet zusammen, einem Theaterschauspieler der in La Promesse sein Kinodebüt gibt. Gourmet verkörpert den rücksichtslosen Roger, der vor allem illegalen Einwanderern für Wucherpreise Unterkünfte in heruntergekommenen Häusern anbietet. Dabei hilft ihm sein Sohn Igor, gespielt von Jérémie Rénier, den die Dardennes als 14jährigen bei einem Casting kennen lernen.

Gedreht in einem stark dokumentarischen Stil mit fiebriger Handkamera begründen die Dardennes mit La Promesse ihre sehr eigenwillige, schnörkellose Regiehandschrift. Bei ihnen stehen Menschen am Rande der Gesellschaft im Mittelpunkt, die sich durch das Leben kämpfen. Sozialromantik und einfache politische Schuldzuweisungen sind den Dardennes fern. Ausbeutung und Ungerechtigkeit existieren auch unter den sozial Schwachen. La Promesse wird zum Wendepunkt in der Karriere der belgischen Brüder. Der Film gewinnt diverse Preise bei internationalen Festivals und erobert sich sein Publikum in zahlreichen europäischen Ländern.

Rosetta ist ihr vierter Film. Rosetta ist der Name einer jungen Frau, die zu Beginn des Films von der Polizei aus der Fabrik getragen werden mußs, weil sie sich dagegen wehrt, ihre Arbeit zu verlieren. Der Film trifft den Zuschauer mitten in den Bauch. Getrieben von ihrer Wut zu Überleben, eine Arbeit zu finden, um zur Gesellschaft dazu zu gehören, ist Rosetta Opfer und Täterin zugleich. Gefilmt haben die Brüder Dardennes das Mädchen mit einer noch mobileren Handkamera als in La Promesse, deren Bilder geradezu wehtun. Dabei gingen sie durchaus das Risiko ein, durch ihre kompromisslose Art zu filmen, viele Zuschauer zu verschrecken.

Luc Dardenne: ?Wir wollten Sie verfolgen und sie gleichzeitig auch einsperren. Wir folgten Rosetta wie einem Soldaten im Krieg. Die Kamera bewegt sich, weil sie sich bewegt und wir mit ihr. Wenn Rosetta ruhig bleibt, bewegen auch wir die Kamera nicht. Man kann uns für diese Arbeitsweise kritisieren, aber die Kamerabewegungen werden nicht zum Selbstzweck und sind nicht hysterisch." Beeindruckend ist vor allem die junge Hauptdarstellerin Emilie Dequenne, die in Cannes für ihren ersten Spielfilm als Beste Darstellerin ausgezeichnet wird. Rosetta gewinnt 1999 die ?Goldene Palme?. Luc und Jean-Pierre Dardenne haben den internationalen Durchbruch geschafft.

Allein in Frankreich sehen 700.000 Zuschauer den Film, in Belgien 185.000 und Italien 155.000. Europaweit sind es über 1 Million Kinozuschauer. Die Dardennes gelten auch zu Recht als Entdecker neuer Schauspieltalente. Jéremie Rénier der nun in Das Kind bereits zum zweiten Mal eine Hauptrolle bei den Dardennes spielt, sah man auch in wichtige Rollen wie in Francois Ozon?s Les amants criminels und im französischen Fantasy Blockbuster Pakt der Wölfe. Émilie Dequenne wirkte 2001 ebenfalls im Pakt der Wölfe mit und spielte u.a die Hauptrolle in Une femme de ménage, 2002 von Claude Berri, einem der wichtigsten französischen Produzenten (u.a Tess, Der Bär) und Filmemacher.

Olivier Gourmet hat nach seinem Kinodebüt La Promesse in fast 50 Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt und arbeitet mit so renommierten Regisseuren wie Michael Haneke in Wolfzeit, oder Patrice Chéreau Wer mich liebt, nimmt den Zug gearbeitet. Aber mit Gourmet haben die Brüder noch mehr vor. Seit La Promesse haben sie ihm eine Hauptrolle versprochen. So verkörpert Gourmet in Der Sohn den Schreiner Olivier, der in seiner Werkstatt den 16jährigen Francis ausbildet, der einst den eigenen Sohn tötete.

Diese sehr harte Geschichte funktioniert nur, weil die Dardennes einerseits mit der Handkamera den Figuren förmlich im Nacken sitzen, sie nie loslassen und weil Gourmet ein begnadeter Darsteller ist, dem es gelingt den ganzen Zwiespalt, den Schmerz aber auch die Verantwortung auszudrücken, die seiner Figur inne wohnt. Olivier ist gefangen zwischen seinen Gefühlen und seiner Pflicht den Jungen auszubilden. Nie weiß man als Zuschauer, ob sich Olivier nicht doch rächen wird, eine fast unerträgliche Spannung liegt über dem Film.

Völlig zu Recht bekam Olivier Gourmet dann in Cannes 2002 auch den Preis als bester männlicher Hauptdarsteller. Trotz aller Erfolge bleiben sich die Dardennes treu, lehnen lukrative Regieangebote, vor allem aus Frankreich ab und produzieren mit ihrer 1994 gegründeten neuen Produktionsfirma ?Les films du fleuve? auch Filme anderer Regisseure, wie beispielsweise das neue Werk von Costa Gavras (Missing, Z) Le Couperet, 2005.

Mit der Goldenen Palme für Das Kind haben es Jean Pierre und Luc Dardenne nun in den sehr elitären Club der doppelten Cannes-Hauptpreisträger geschafft, dem u.a auch Bille August und der Jurypräsident von 2005, Emir Kusturica, angehören. Für die Belgier deutet sich eine erste Oscarnominierung an und auch beim Publikum scheinen sie vor ihrem bisher größten Erfolg zu stehen. In Belgien kam Das Kind in der ersten Woche nach dem Kinostart Mitte September sofort auf den 1. Platz. In nur 5 Tagen sahen den Film bereits 27 000 Zuschauer.

Über die Arbeitsweise der Dardennes-Brüder Drehort: Seraing: Seit La Promesse haben Jean-Pierre und Luc Dardenne alle ihre Filme in der Kleinstadt Seraing an der Maas, 10 Kilometer entfernt von Lüttich gedreht. In dieser Gegend sind sie aufgewachsen. Sie kennen die fast anonym erscheinende Industriestadt mit ihren Fabriken, Hochöfen und Plattenbauten wie ihre Westentasche. ?Wir brauchen diese uns so bekannte Umgebung um zu atmen?, sagen die Brüder und verweisen auf die sozialen Veränderungen, auf Familien die durch Arbeitslosigkeit und folgende Armut auseinander gebrochen sind.

In Seraing haben die Brüder Dardenne ihre ersten Reportagen gedreht, nirgendwo anders kennen sie so viele Menschen und nirgendwo anders kennt man die beiden so gut. Seraing ist so ein idealer Ort für ihre Geschichten, die überall und nirgends in der westlichen Industriegesellschaft spielen.

Von ersten Ideen bis zum Drehbuch: Die Inspirationen für ihre Geschichten sind unterschiedlich. In La Promesse waren es Zeitungsartikel über illegale Einwanderer in Belgien. Der Sohn wird ihrem Lieblingsschauspieler Olivier Gourmet auf den Leib geschrieben. Dabei haben die Dardennes vor allem seine Physis vor Augen und suchen nach einer geeigneten Geschichte. Der brutale Mord von Jugendlichen in England an einem kleinen, unschuldigen Jungen, der aus einem Einkaufszentrum entführt wird, ist der Ausgangspunkt für Der Sohn. Zunächst soll Gourmet erneut einen Vater verkörpern, den eines halbwüchsigen Sohnes der zum Mörder wird. Später ändern die Dardennes dieses Konzept und drehen es um.

Bei den Dreharbeiten zu Der Sohn sehen die Dardennes öfter eine sehr junge Frau auf der Straße, die lustlos einen Kinderwagen schiebt. Es gibt anscheinend keinen Vater. Die Idee zu Das Kind ist geboren, der ursprünglich einmal ?Le Père/Der Vater? heißen sollte. Luc Dardenne schreibt meist eine erste Drehbuchfassung, die er zusammen mit Jean-Pierre minutiös überarbeitet. Dafür ziehen sich beide in ein Haus in der Nähe von Namur zurück.

Motivsuche: Die Brüder Dardennes suchen ihre späteren Drehorte und Motive gemeinsam aus. Mit einer Videokamera üben sie erste Bewegungsabläufe, suchen nach Kameraeinstellungen und lassen die Drehorte dann wieder in das Drehbuch einfließen. Für die Dardennes nimmt dann das ?Film-Skelett? langsam Form an. Diese Phase dauert etwa drei bis vier Monate und findet am Ende parallel zum Casting statt.

Casting: Wenn die Dardennes casten, ist das in ganz Lüttich und Umgebung ein großes Ereignis. Das Casting ist sehr zeitaufwändig und findet in einer stillgelegten Fabrikhalle statt. Die Brüder leiten das Casting selber und wollen meist nur sehr einfache Abläufe, Reaktionen und Alltagssituationen sehen.

Das Team: Seit ?La Promesse? drehen die Dardennes fast mit dem gleichen Team. Am Set ist es den Brüdern wichtig eine Spannung durch sehr viel Stille zu erzeugen, die allen Beteiligten höchste Konzentration abverlangt.

Dreharbeiten: Morgens werden die Szenen und Handlungsabläufe mit den Darstellern geprobt. Dann kommen der Kamera- und Tonmann hinzu. Wegen der sehr langen Plansequenzen, allein die Eröffnungsszene in Rosetta dauerte mehrere Minuten, drehen die Dardennes viele Einstellungen sehr oft, bis zu 30-40 Mal. Dabei geht es ihnen auch darum, die Schauspieler zu ermüden, ihnen ihre Ticks zu nehmen.

Die Dardennes sind davon überzeugt, dass ein Schauspieler der müde wird, an einen Punkt gelangt, wo er natürlicher agiert, sich mehr wagt. Olivier Gourmet berichtet, dass ihm die Brüder bei Der Sohn immer sagten: ?Gegen 16.00 Uhr spielst du am Besten, dann drückt deine Mimik mehr aus, als um 8.00 früh.? Drehschluss war übrigens meist gegen 17.00 Uhr.

Arbeitsteilung: Luc Dardenne: ?Zuerst proben wir ca. eine Stunde lang die Szene mit den Darstellern. Dann kommt das Drehteam hinzu und einer von uns, mein Bruder oder ich bleibt bei den Schauspielern und dem Team. Der andere verfolgt die Aufnahme am Monitor. Einer führt also klassisch Regie und der andere sieht alles am Monitor, so als wäre er bereits der erste Zuschauer. Wenn wir über eine Szene diskutieren, dann nie vor den Darstellern und dem Team. Wir diskutieren am Monitor und danach geht jeder wieder an seinen Platz zurück. Irgendwann tauschen wir, aber wie und wann, da haben wir keinerlei System.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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