Taking Lives

Produktionsnotizen

"Menschen das Leben nehmen ? das tut Martin Asher seit fast 20 Jahren. Er gleicht einem Einsiedlerkrebs: Wenn er aus einer Schale herausgewachsen ist, sucht er sich eine neue.

?Mich fasziniert das Phänomen Identität: Wer sind wir? Für wen halten wir uns??, sagt Regisseur D.J. Caruso und spricht damit ein Kernthema von ?Taking Lives? an: In dem Psychothriller geht es um eine als Profiler arbeitende FBI-Agentin, die es mit einem ebenso versierten, aber abartigen Serienkiller aufnimmt. Dieser Mörder bringt seine Opfer nicht nur um ? auf bizarre Weise eignet er sich ihre Identität an, verwendet ihre Kreditkarten, lebt Wochen und Monate in ihren Wohnungen, bevor er sich ein neues Ziel sucht. ?Er ist ein Identitätsräuber?, sagt Caruso ? diesen Begriff hat er während der Vorbereitung des Projekts geprägt.

?Dieser Typ glaubt nicht nur, dass er das Leben seines Opfers übernehmen kann, er ist auch davon überzeugt, dass er dieses Leben besser führt als sein Opfer, und genau das macht ihm Spaß.? Schon in der ersten Szene ? auf einem Bauplatz in Montreal wird eine Leiche entdeckt ? ist schlagartig klar, dass es sich hierbei nicht um einen üblichen Mordfall handelt. Bestimmte Merkmale des brutalen, rituellen Verbrechens lassen den örtlichen Polizeichef Hugo Leclair folgern, dass er es hier mit einem Serienkiller zu tun hat. Deswegen ruft er Special Agent Illeana Scott zu Hilfe, die als Profiler für das FBI arbeitet. Er hat zwar durchaus Vertrauen in die Fähigkeiten seiner eigenen Detectives, aber das Aufspüren solcher Monster ist nun mal die Spezialität der Agentin Scott.

Und wenn ihre Methoden seinen Leuten recht merkwürdig vorkommen ? was soll?s? Wie sonst soll man einen derart unkonventionellen Verbrecher dingfest machen? Einerseits bietet ?Taking Lives? all die spannenden Elemente, die das Publikum von einem erstklassigen Thriller erwarten darf, andererseits geht der Film aber noch einen Schritt weiter: Er erforscht all die unterschwelligen, oft überraschenden Aspekte der Persönlichkeit und ihrer Motive, die Caruso so beschreibt: ?Es geht diesmal nicht so sehr um die typische Frage: ,Wer war?s??, sondern eher ,Warum hat er das getan?? Die Lösung des Falls lässt sich nur vorantreiben, wenn man die Gründe für das Verhalten des Mörders untersucht, sich in seine Situation versetzt, um dann letztlich herauszufinden, wer er ist.?

?Wir leben in gefährlichen Zeiten, und das kommt auch in diesem Film zum Ausdruck ? er zielt auf unsere einschlägigen Ängste?, sagt Produzent Mark Canton, der als Studiomanager, Filmemacher und Kinofan auf über 20 Jahre Erfahrung zurückblickt. ?Aber gleichzeitig geht es um Kindheitserfahrungen: Entfremdung, Ablehnung ? Themen, die einen Menschen gerade in der Jugend stark prägen. Kinderfantasien können sich manchmal auf unaufhaltsame, zerstörerische Art durchsetzen. Als Vater finde ich das besonders faszinierend. Die Story ist sehr intelligent ? ein Thriller für kluge Köpfe.? ?Man weiß nie genau, in welche Richtung die Story geht, was die Figuren als nächstes tun?, fügt Produzent Bernie Goldmann hinzu. Er war ebenso wie seine Kollegen schon immer ein großer Fan kunstvoll konstruierter Thriller.

?Wir können nur ahnen, was sie früher erlebt haben, welche Motive eine Rolle spielen und warum sie bestimmte Dinge äußern. Also fast so wie im richtigen Leben.? Drehbuchautor Jon Bokenkamp (?Preston Tylk?/Lethal Mistake), der Michael Pyes Roman ?Der sechste Mann? für die Leinwand bearbeitete, weist besonders auf die Bedeutung ausgeprägter Charakterzeichnungen hin. ?Mir gefiel an Michaels Buch vor allem die außergewöhnliche Psyche des Killers. Der Leser fragt sich: Was geht in ihm vor? Wovor versteckt er sich? Es ist die Geschichte eines Menschen, der sich in seiner Haut nicht wohlfühlt.?

Natürlich kann es durchaus nicht schaden, dass Bokenkamp sich dabei vollkommen in seinem Element fühlt: ?Ich liebe Thriller?, sagt er gerade heraus. ?Ein guter Thriller stellt immer ein mathematisches Problem dar: Die Antworten sind von Anfang an vorhanden ? man mußs sie nur durchrechnen.?

Schachfiguren in einem Katz-und-Maus-Spiel Special Agent Illeana Scott (Oscar-Preisträgerin Angelina Jolie) lernen wir kennen, als sie ausgestreckt in einem frisch geöffneten Grab liegt. Diese makabre Perspektive inspiriert sie zu einer Reihe präziser, ganz spezifischer Detailbeobachtungen, die ihr nicht nur Aufschluss über den Toten geben, der bis vor kurzem darin geruht hat, sondern auch über den Mann, der ihn dort verscharrte: ?Der Killer hat diesen Platz mit Bedacht ausgewählt, hat das Grab schon vorher ausgehoben. Die Ecken sind sauber gezirkelt, symmetrisch, die Proportionen stimmen?, stellt sie fest und schließt aus diesen Details auf die Körpergröße des Opfers und die Wahrscheinlichkeit, dass es regelmäßig auf dem Fahrradweg in der Nähe vorbeigeradelt ist.

?Agentin Scott geht auf ihre eigene Art sehr methodisch vor?, stellt Canton fest. ?Doch auch der Killer ist sehr clever, tatsächlich hat er selbst das Zeug zum Profiler: Er verbringt viel Zeit damit, seine Opfer zu beobachten, sich ihre Gewohnheiten anzueignen, um dann ihr Leben zu übernehmen. Je länger Scott sich mit der Untersuchung beschäftigt, desto schutzloser ist sie ihm ausgeliefert.? Der Aspekt, dass sie dem Killer Angriffsflächen bietet, gefiel Jolie besonders: ?In Filmen erlebt man häufig FBI-Agentinnen, die völlig cool und tough reagieren und nie mit der Wimper zucken. Doch diese Frau ist anders: Sie ist stark und intelligent, hat aber auch eine sehr menschliche Seite. Sie hat ihre Fehler. In ihrer Vergangenheit gibt es dunkle Flecken. D.J. nennt das ,ihr Chinatown?. Als Profiler mußs sie extrem sensibel sein.

Ich habe mich intensiv mit der Arbeit der Profiler beschäftigt, und diese starke Sensibilität zeichnet sie alle aus. Sie achten auf jede Einzelheit ? wie Leute ihre Hände und Füße bewegen, was sie sagen, warum sie Dinge auf eine bestimmte Art tun. Sie sind präzise Beobachter ? genau das macht die Rolle für mich so interessant.? Bei der Besetzung der Rolle gab es unter den Filmemachern keine zwei Meinungen ? sie wollten den Part unbedingt Jolie anvertrauen. Denn die Agentin mußs engagiert sein, aber auch objektiv; stark und doch verletztlich, und, mit Cantons Worten, ?sie mußs in der Lage sein, ihr professionelles Anliegen sehr geradlinig durchzusetzen, während ihr Privatleben gleichzeitig völlig im Dunkeln bleibt. Angelina zeigt dabei eine brillante Leistung. Von Anfang an hat sie sich mit großem Engagement auf die Rolle gestürzt."

In Bezug auf die Untertöne bestimmter Szenen, die durch Bilder und Dialoge die Fantasie der Zuschauer anregen, sagt Jolie: ?Oft genug haben die ruhigen Szenen, in denen wir zwei Leute bei einer Kaffeepause erleben, einen Bedeutungsgehalt, der weit über den Anschein hinausgeht. Die Beziehungen sind sehr subtil durchkonstruiert: Das Skript hat mich begeistert.? Bokenkamp entwickelte die Figur der Agentin Scott zusammen mit den Filmemachern ? im Pyes Originalroman kommt sie nicht vor.

Dazu Bokenkamp: ?Michael hat einen faszinierenden Serienkiller geschaffen. Davon ging ich aus, und dann habe ich die Story rückwärts konstruiert. Ich wollte auch sehr nahe an den Leuten dran bleiben, die ihm auf der Spur sind. Daraus ergab sich schließlich Illeana Scott: Eine Frau, die ganz in ihrer Arbeit aufgeht, deren Privatleben aber genauso unbekannt und geheimnisvoll ist wie das des Killers.? Durch die Einführung eines weiblichen Profilers gerät auch unterschwellige Erotik in das sowieso schon komplexe Geflecht aus Motiven, Emotionen und Geheimnissen. Denn die absolut professionelle Agentin Scott fühlt sich unerwartet zu einem wichtigen Tatzeugen hingezogen.

Obwohl sie sich von ihren Gefühlen nicht beeinträchtigen lässt, könnte allein diese Tatsache sie bereits disqualifizieren. Auf jeden Fall wird ihr Scharfblick getrübt, und jeder Fehler könnte unabsehbare Folgen haben ? sie letztlich sogar das eigene Leben kosten. Die Schlüsselrolle des Kunsthändlers James Costa, der als wichtiger Zeuge auftritt, besetzten die Filmemacher mit dem für den Oscar nominierten Ethan Hawke. Weil Costa zur richtigen Zeit am falschen Ort auftaucht, stört er den Mörder bei seinem zweiten Verbrechen auf dem Parkplatz einer Sporthalle. Er vertreibt den Killer und versucht verzweifelt, das Opfer wiederzubeleben, bis die Polizei eintrifft.

Costa steht unter Schock, weil er die schreckliche Tat mitansehen mußste. Er wird aufs Revier gebracht und befragt, ohne seine Gedanken ordnen oder auch nur seine blutigen Hände waschen zu können. Zunächst kooperiert er bereitwillig, bald begreift er jedoch, dass die Polizisten ihm seine Geschichte nicht abnehmen ? daraufhin ändert er sein Verhalten. Erst viel später, als er den Adrenalinschub und seine Empörung überwunden hat, wird ihm langsam klar, was die grausige Erfahrung dieses Abends impliziert: Der Killer hat ihn genau gesehen. Damit ist Costa selbst ein mögliches Opfer. Aber auch ein Köder ? die einzige Spur, die die Fahnder zum Killer führen kann.

Wenn man bedenkt, was Costa durchgemacht hat, ist es fast übermenschlich, was jetzt von ihm verlangt wird ? das stellt die einfühlsame Agentin Scott sofort fest. Dennoch erklärt Costa sich zur Mitarbeit bereit. Ob er das nun als seine Bürgerpflicht ansieht oder sich nur von der schönen FBI-Beamtin angezogen fühlt ? man kann über seine Motive nur spekulieren.

Hawke beschreibt, wie das Leben dieses eher unbedeutenden Kunsthändlers plötzlich aus dem Lot gerät und auf den Kopf gestellt wird, als er zunächst wie der gute Samariter zupackt, dann selbst verdächtigt wird, anschließend als Zeuge vernommen und schließlich als Köder für den Killer benutzt wird ? alles innerhalb weniger Stunden: ?Man findet ihn blutbesudelt neben einer Leiche. Daraufhin mußs er die Agentin Scott und die Polizei von seiner Unschuld überzeugen, und das kann er nur, indem er sich bereit erklärt, den Killer aufzuspüren. Er macht also mit, obwohl er natürlich viel lieber wieder in sein normales Leben zurückkehren würde. In seiner Galerie bereitet er die Vernissage einer Ausstellung vor, und bis zu diesem Vorfall hatte er damit alle Hände voll zu tun.?

Doch die Sache wird noch komplizierter, wie Hawke ausführt: ?Er will vor der FBIBeamtin nicht als Feigling dastehen, geht also größere Risiken ein, als ihm gut tut.? Hawke hat sich neben seinen Filmrollen auch schon als Regisseur (?Chelsea Walls?) und Romanautor (?Ash Wednesday?/Aschermittwoch) profiliert. Seine Leistung in dem Krimi ?Training Day? (Training Day) brachte ihm 2001 Nominierungen für den Oscar und den Preis der Screen Actors Guild (Gewerkschaft der Filmschauspieler) ein ? und jene Rolle war schließlich auch ausschlaggebend, als die Filmemacher den Costa in ?Taking Lives? besetzten. ?Er ist eine phänomenale Begabung?, sagt Canton.

?Ein sehr ernsthafter, intelligenter Schauspieler, der seine Rollen mit Bedacht aussucht. Ich hielt ihn immer schon für fähig, aber in ,Training Day? hat er die eigene Messlatte nochmals um einiges höher gelegt. Und jetzt macht er uns begreiflich, warum ein Durchschnittsmensch wie Costa sich derart ins Zeug legen mußs.? Laut Hawke entwickelt sich die Beziehung zwischen Costa und Agentin Scott praktisch genau umgekehrt wie im klassischen Filmklischee des Helden, der die zarte Frau beschützen mußs. ?Angelina Jolie spielt hier doch eigentlich die Rolle des traditionellen Hauptdarstellers?, witzelt er.

?Sie ist der Held, und ich übernehme die Frauenrolle.? Diese Konstellation ist durchaus kein Zufall. ?Ich wollte schon immer mal einen Film mit einer starken Hauptdarstellerin machen und freute mich riesig, mit Angelina arbeiten zu dürfen?, sagt Caruso, der davon ausgehen konnte, dass sie ?die emotionale Achterbahnfahrt, die sie als Agentin absolvieren mußs?, absolut überzeugend darzustellen vermag, gleichzeitig aber als rigoroser Vollblut-Profi nicht nur ihre Kollegen beeindruckt. ?In ihrem Beruf mußs sie auch die Ellbogen gebrauchen, denn ihr Arbeitsgebiet ist nach wie vor eine Männerdomäne. Bisher hat sie den Beruf klar von ihrem spärlichen Privatleben trennen können. Und das ist ganz wichtig für sie: Sie weiß, wo sie die Grenze zwischen beiden Bereichen ziehen mußs.?

Laut Jolie gelingt Costa, was andere nicht geschafft haben: Er findet auf ganz einfache Weise eine Ebene, auf der er mit Illeana kommunizieren kann: ?In ihrem Beruf erlebt sie es sehr selten, dass man mal ein persönliches Gespräch führen kann. Die meisten Leute erleben sie als FBI-Agentin. Doch Costa begegnet ihr als Mann ? er sieht in ihr nur die Frau.? Illeana ist es gewohnt, die Aussagen ihres Gegenübers sofort zu analysieren ? entsprechend überrascht reagiert sie, als nun jemand ihr selbst persönliche Fragen stellt. Dadurch, wie Jolie zugibt, ?öffnet sie sich ein wenig. Sie kann ihm kaum widerstehen.?

Mit Costas Hilfe und nach Auswertung beider Tatorte verfolgen Agentin Scott und das Fahnderteam aus Montreal nun endlich eine konkrete Spur. Doch bevor sie die Falle für ihren Verdächtigen vorbereiten können, tritt der scheinbar die Flucht nach vorn an ? wenn auch nur für kurze Momente. Er erscheint im Zwielicht eines Straßenfestes als schemenhafte Figur, die sich der sofortigen Verfolgung entzieht; er wird von einem entsetzten Hotelportier beschrieben; er ist als wütende Stimme zu hören, die die Verfolger verhöhnt. Kiefer Sutherland hat mit seinem aktuellen Serienhit ?24? (24) den Golden Globe gewonnen und zwei Emmy-Nominierungen erhalten ? er übernimmt jetzt die Rolle des Mörders auf der Flucht.

Selbst wenn er nicht im Bild ist, wird ständig über ihn gesprochen, er wird deart intensiv analysiert, gefürchtet und erahnt, dass er wie ein Schatten in jeder Szene präsent ist. ?Vor Kiefer kann man sich wirklich gruseln?, sagt Goldmann bewundernd. ?Er hat ungeheures Charisma. Er wirkt bedrohlich, ohne auch nur die Stimme zu heben oder irgendwelche Bewegungen zu machen ? und auf der Leinwand potenziert sich diese reale Präsenz noch um ein Vielfaches. Ich glaube, das liegt an seinen Augen, auch an seiner Körperhaltung ? wie er sich bewegt. Wenn er uns nur ansieht, weichen wir innerlich schon zurück. Doch wenn man sich dann nach einer abgedrehten Szene zusammensetzt, verwandelt er sich wieder in den liebenswertesten Typen der Welt ? daran merkt man, welch großes Talent in ihm steckt.?

?Es ist wunderbar, diesen Reifungsprozess seiner Begabung mitzuerleben?, bemerkt Canton, der mit dem damals 20-jährigen Sutherland schon 1987 bei der eleganten Horror-Komödie ?The Lost Boys? (The Lost Boys) und später bei ?A Few Good Men? (Eine Frage der Ehre) zusammengearbeitet hat. ?Er führt auch Regie, und diese Tätigkeit wirkt sich auf sein Spiel aus ? er steckt voll in seiner Rolle drin, kann sich aber gleichzeitig von außen beobachten. Ständig will er es noch besser machen. In unserem Film wirkt er wirklich überlebensgroß.? Als perfektes Beispiel für die Leistung des Schauspielers nennt Caruso die Szene, in der Sutherland mitten durch eine große Menschenmenge verfolgt wird.

?Der Kameramann und ich versuchten so viel wie möglich von dem Tumult einzufangen?, erinnert er sich. ?Wir saßen beide auf Motorrädern, mit jeweils einer Kamera in der Hand. Als wir das im Kasten hatten, kam Kiefer zu uns und sagte: ,Ich glaube, zweimal konntet ihr nicht filmen, wie ich mich umdrehe, denn ein Mädchen mit einem roten Pulli und ein Typ mit schwarzem Jackett haben mich verdeckt.? Und als wir uns die Einstellung ansahen, bestätigte sich das haargenau. Da dachte ich: ,Dieser Typ rennt, so schnell er kann, durch eine Menschenmenge, verfolgt von einem Motorrad, und trotzdem weiß er ganz exakt, wer ihn wo verdeckt hat.? Einfach phänomenal, über welche Erfahrung, welche Fähigkeiten er als Schauspieler verfügt.?

Sutherland ist ein großer Fan des Thriller-Genres ? er legte seine Rolle als Mischung aus ?Kalkül und Zweideutigkeit? an, um weitgehend offen zu lassen, ob er tatsächlich irre oder eben nur ein eiskalter Killer ist. ?Vieles, was im Film passiert und gesagt wird, beruht auf schrecklichen Missverständnissen, weil die handelnden Personen nur sehr ungenügend informiert sind?, sagt er. ?Das ähnelt einer Pokerpartie.?

Die Polizei von Montreal wird in ?Taking Lives? von drei französischen Schauspielern internationalen Formats vertreten: Tchéky Karyo spielt Hugo Leclair, den Direktor der Sureté du Québec (SQ), der die Agentin Scott um Unterstützung bittet, während Olivier Martinez und Jean-Hugues Anglade die Rollen der SQ-Detectives Joseph Paquette und Emil Duval übernehmen. Während der SQ-Direktor für die Hilfe dankbar ist und Agentin Scott sehr respektvoll behandelt, empfängt Paquette sie sehr von oben herab ? was Martinez (?Unfaithful?/Untreu; ?S.W.A.T.?/S.W.A.T. ? Die Spezialeinheit) für eine wunderbar kratzbürstige Darstellung nutzt.

Ob er sie nun persönlich nicht ausstehen kann, als Kollege ablehnt oder nur sein Revier verteidigt ? jedenfalls ist seine Feindseligkeit überdeutlich spürbar. Er bezeichnet ihre Methoden als esoterischen Mummenschanz und verlässt sich lieber auf die praktische Erfahrung, die er in den Jahren als Streifenpolizist oder bei der Verfolgung und Verhaftung Verdächtiger gesammelt hat. Er hält nichts von Theorien, er handelt lieber ? nur so schafft man Resultate. ?Er sieht alles schwarzweiß?, sagt Caruso.

?Grauzonen kennt er kaum.? ?Paquette ist schwer beleidigt?, erklärt Martinez?, ?denn er mußs natürlich annehmen, dass sein Chef durch das Hinzuziehen der Agentin andeutet, Paquette und sein Partner seien zu dumm, um den Fall selbst zu lösen. Besonders schlimm wird es dadurch, dass der Chef nicht etwa Hilfe von einer anderen Abteilung anfordert, sondern vom FBI, aus dem Ausland. Und nicht zuletzt ist der Agent eine Frau. Da reagiert Paquette nicht gerade begeistert.? Anglade hat für seine Rolle in dem Kostümepos ?La reine Margot? (Die Bartholomäusnacht) den César gewonnen.

Als Paquettes lockerer Partner Duval kann er die entstehenden Spannungen geschickt abbauen: Duval heißt Illeana nicht nur ausdrücklich willkommen, er schätzt auch ihre Methoden, die ihn ehrlich interessieren, und bei denen er sich selbst auch sehr anstellig zeigt. Doch für seine Herzlichkeit mußs er teuer bezahlen: Je besser er sich mit Illeana versteht, desto mehr lehnt Paquette ihn ab ? jener Mann, dem er jeden Tag sein Leben anvertrauen mußs.

?Duval ist diskret und zuvorkommend, ein sehr sympathischer Mensch. Man kann ihm blind vertrauen?, sagt Anglade, der andeutet, dass die beiden Polizisten gut miteinander auskommen, ?weil Duval Verständnis für Paquette aufbringt ? nicht umgekehrt. Sie ergänzen sich, arbeiten wie Brüder zusammen.? Karyo, als Chef Leclair, nimmt Anglades Vergleich auf: ?Leclair erlebt seine Untergebenen wie junge Brüder. Er begreift, dass er für die Spannungen verantwortlich ist, aber er mußs sich darüber hinwegsetzen, um die in diesem Fall bestmögliche Entscheidung zu treffen.?

Caruso sieht das ähnlich: ?Leclair ist der Fels in der Brandung, er sorgt dafür, dass die beiden Typen weiter zusammenarbeiten, auch mit Agentin Scott. Für Leclair als Direktor der SQ steht am meisten auf dem Spiel: In Montreal bricht aufgrund der Morde eine Panik aus ? da mußs seine Abteilung reagieren, um die Sicherheit zu gewährleisten. Seine Figur steht in der Story unter dem extremsten Druck, und Tchéky versteht es hervorragend, sein konzentriertes Handeln in der schwierigen Situation überzeugend darzustellen.? Karyo hat sich bei der Vorbereitung auf seine Rolle mit dem Leben und der Arbeit von Kriminal-Profilern auseinandergesetzt ? er bezeichnet diesen ganzen Bereich als ?unheimlich?.

Vielleicht äußert er auch die Gefühle vieler seiner Kollegen, wenn er mehr oder weniger fassungslos berichtet: ?Wenn man sich das vorstellt: Da verbringt ein Mensch sein ganzes Leben damit, ständig andere Leute aufs Korn zu nehmen und sie zu vernichten. Das begreift man einfach nicht. Andererseits ist es wiederum faszinierend und unheimlich, wenn man sich überlegt, dass es Leute gibt, die sich ein Leben lang darauf konzentrieren, solche Menschen zu verstehen.? Für Gänsehaut sorgt aber nicht nur der Killer in ?Taking Lives?, sondern auch seine Mutter Rebecca Asher. Für diese Rolle ist die perfekte Beherrschung auch der kleinsten Nuancen nötig ? eine Fähigkeit, die das Publikum von der zweimal für den Oscar nominierten Gena Rowlands erwarten darf.

?Sie ist eine lebende Legende?, stellt Caruso fest. Eine der ersten Szenen des Film dominiert Rowlands als Mrs. Asher. Sie betritt eine Fähre und erkennt einen Passagier, den sie später bei der Polizei als ihren Sohn Martin identifiziert ? einen Mann, der angeblich vor 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. In einem sachlichen, aber ahnungsvollen Ton versucht sie die Beamten davon zu überzeugen, wie gefährlich er sein kann. ?Die Polizisten nehmen sie nicht ernst?, berichtet Rowlands, wobei sie die subtile Bedrohung in der Szene unterstreicht. ?Und dann?, sagt sie und macht eine hämische Pause, ?geht es rund.?

?Einfach umwerfend, wie sie die abgründigen Seiten ihrer Rolle unter der liebenswürdigen Oberfläche verbirgt?, sagt Goldmann. ?Mrs. Asher lebt in einer exklusiven Welt, sie bekleidet eine soziale Stellung, die man als Brutstätte eines solchen Monsters nicht vermuten würde.? Martinez hat Rowlands? Filme bereits während seiner Schauspielausbildung in Paris gesehen: ?Als jetzt mein Name neben ihrem auf der Tagesdisposition auftauchte, konnte ich das einfach nicht fassen. Ich bin einer ihrer größten Fans.? Er berichtet von einem Moment, der nicht im Drehbuch stand, in dem aber Rowlands ihr Können wieder einmal unter Beweis stellte.

Sie probten eine Szene (die in der Endfassung des Films nicht enthalten ist), in der die Detectives Mrs. Asher aus Sicherheitsgründen in ein Hotel begleiten ? sie hatte ihr Schoßhündchen dabei. ?Ich sollte einfach nur hinter ihr hergehen?, sagt Martinez. ?Doch plötzlich bezog sie mich ein, indem sie mir ganz beiläufig den Hund reichte. Ich überlegte, dass Paquette wahrscheinlich Hunde nicht ausstehen kann und ihre Geste als Beleidigung auffasst, und entsprechend reagierte ich. In dem Moment gab sie mir etwas, mit dem ich mich in meiner Rolle ausdrücken konnte. Sie hat mich völlig überrascht ? aber es funktionierte.?

Am Anfang war der Mord: Der Rat der Experten Canton hat als Produktionschef bei Warner Bros. Pictures und als Vorsitzender der Columbia TriStar Motion Picture Companies mit Spielfilmen aller Genres zu tun gehabt. Er bezeichnet ?Taking Lives? als ?Reality-Thriller?, weil die Authentizität der Produktion eine ganz wesentliche Rolle spielt. Die Darsteller und das technische Team arbeiteten immer dann eng mit SQ Sgt. François Dore in Montreal zusammen, wenn es um das korrekte Auftreten der Polizisten ging, und erfahrene Profiler kommentierten die entsprechenden Passagen des Drehbuchs. Schmunzelnd gibt Dore zu, dass ?ich mit Mördern, Drogendealern und Dieben besser umgehen kann als mit den Filmleuten?.

Er und seine Kollegen unterwiesen die Schauspieler in praktischen Dingen: ?Wie man eine Waffe hält, wie man mit der Waffe im Anschlag einen Raum betritt, wie und wo Detectives in Zivil ihre Dienstmarke tragen.? Außerdem stellte die Polizei von Montreal großzügig Uniformen zur Verfügung und gestattet ihren SWAT- und CSITeams, vor der Kamera als Statisten aufzutreten. Die Hauptdarsteller setzten sich außerdem mit zwei bekannten Profiler-Profis zusammen ? vor und während der Dreharbeiten. Denn es mußste sichergestellt sein, dass ihr Rollenspiel im Einklang mit diesem Beruf korrekt dargestellt wurde.

Einer dieser Experten war der pensionierte Colonel Robert Ressler, der als Profiler für das FBI gearbeitet hat und Anfang der 70er-Jahre die innovative Einheit für Verhaltensforschung in Quantico aufbaute. Dort wurde die Arbeit des Profilers erstmals als Fahndungsmethode etabliert. Ressler gilt als Pionier in Verhörmethoden von inhaftierten Gewalttätern, mit deren Hilfe man eine Kartei von Verbrechensmethoden und Motiven zusammenstellte. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und arbeitet privat weltweit weiter als Berater in Kriminalfällen. In ein offenes Grab hat er sich bisher nicht gelegt, aber er lehnt das durchaus nicht als untaugliche Methode ab, falls man sich ?so in den Killer hineinversetzen kann?.

Größten Wert legt er auf die intensive, zielgerichtete Auswertung des Tatorts, so wie Jolie im Film vorgeht. Er erinnert sich an eigene Fälle, in denen er es für nötig hielt, ?den Tatort um 2 Uhr morgens aufzusuchen, um ihn genauso zu erleben, wie der Killer ihn gesehen hat, denn um 14 Uhr sieht er eben anders aus. Man braucht die gleichen Lichtverhältnisse und mußs alles aus dem Blickwinkel des Mörder betrachten.? Ressler hat als Experte schon eine ganze Reihe von hochkarätigen Hollywood-Produktionen beraten, vor allem ?Red Dragon? (Roter Drache), ?The Silence of the Lambs? (Das Schweigen der Lämmer) und ?Hannibal? (Hannibal).

Beim jetzigen Projekt diskutierte er mit Drehbuchautor Jon Bokenkamp und den Filmemachern schon in der Entwicklungsphase des Skripts und stellte dem Team seinen eigenen Erfahrungsschatz zur Verfügung. Der Film zeigt zwar keinen Fall, den er selbst bearbeitet hat, aber viele Einzelheiten von Verbrechen, mit denen er es zu tun hatte, wurden in das Drehbuch integriert, zum Beispiel die schockierende Brutalität, mit der der Killer in einer filmischen Schlüsselszene sein Opfer in einem Fahrstuhl ermordet. ?Bobs Erfahrungen waren immens wichtig für uns?, gibt Bokenkamp zu.

?Er stellte uns einen Stapel Videocassetten zur Verfügung ? sie enthielten seine Verhöre von Serienmördern. Sie gingen mir ungeheuer an die Nieren. Ich hätte mir nicht einmal die Hälfte der Dinge ausdenken können, die diese Typen tatsächlich getan haben. Eines habe ich aus diesen Verhören gelernt: Keine Fantasie ist so seltsam wie das wirkliche Leben.? Die gerichtsmedizinische Psychologin Dr. Christine Kokonos, die auch als Verbrechens-Profiler arbeitet, traf sich mit Angelina Jolie und D.J. Caruso zu einem Gespräch über die realistischen Aspekte ihres Berufs ? da gab es keine Tabus. Sie zeigte ihnen eine Reihe echter Fotos von Tatorten, gab ihnen theoretische Anweisungen zur Analysemethode und ließ sie dann über den Mörder spekulieren.

Jolie bekam auf diese Weise einen sehr nüchternen Eindruck von dem Alltag ihrer Filmfigur und der präzisen, analytischen Perspektive, die dieser Beruf voraussetzt. ?Was sehen Sie??, fragte Kokonos. ?Schildern Sie mir Ihre Eindrücke: Nach dem, was der Mörder getan hat ? was für ein Mensch ist er, wie sieht er aus?`? Kokonos zeigte ihnen dann das Foto des Mörders ? sowohl Jolie als auch Caruso waren erstaunt, wie gewöhnlich er aussah. ?Das passiert sehr häufig?, gibt Kokonos zu.

?Wenn man die schrecklichen Indizien sieht, erwartet man, dass das Gesicht des Killers etwas Abartiges aufweist, etwas Auffälliges ? er kann doch nicht einfach ganz normal aussehen. Gerade wenn er wie jedermann aussieht, wie ein Typ, mit dem man einen trinken kann oder neben dem man beim Fußballspiel auf dem Schulsportplatz sitzt, dann ist man umso mehr geschockt.?

Wenn Jolie über die besonderen Anforderungen dieses Berufes nachdenkt, stellt sie sich auch vor, wie er auf die Psyche des Betroffenen rückwirkt: ?Mir wird klar, dass persönliche Beziehungen solcher Profiler großen Belastungen ausgesetzt sein müssen, sie fühlen sich bestimmt oft sehr einsam. Unter solchen Umständen eine Ehe zu führen mußs sehr schwer sein, denn der Ehepartner mußs sich über die berufliche Problematik völlig im Klaren sein. Derartige Belastungen kann man nicht einfach im Büro zurücklassen ? die beschäftigen einen auch zu Hause.?

Der Caruso-Touch Eine derart emotional aufgeheizte Story, eine Handlung, die sich unvermittelt in verschiedene Richtungen aufsplitten kann, benötigt die ruhige Hand eines Regisseurs, der weiß, was er will, und trotzdem flexibel reagiert, wenn es nötig ist.

Goldmann hat den Regisseur in der Besetzungsphase erlebt: ?Er scheut sich nicht, spielerisch mit der Szene umzugehen. Viele Regisseure lassen die Schauspieler die Szene lesen und sagen dann nur: ,Okay, der nächste.? Was an D.J. so toll ist: Nachdem er sich die Szene angehört hat, sagt er vielleicht: ,Versuch es doch mal so. Wenn dir so etwas passieren würde, wie würdest du das dann spielen?? Meistens gesteht er dem Schauspieler drei oder vier Versuche zu. Interessant bei diesem Verfahren ist dreierlei: Erstens merkt der Regisseur bei dieser Gelegenheit schon, wie der Schauspieler auf Anweisungen reagiert; zweitens lernt er selbst möglicherweise neue Aspekte der Rolle kennen; und drittens erlebt er den Dialog in verschiedenen Sprechtechniken und Sprachmelodien. Letztlich geht es also nicht nur darum, einen Schauspieler einzuschätzen, man vertieft auch das eigene Verständnis für das Potenzial der Szene.?

?Viele Einstellungen sind thematisch miteinander verkoppelt?, stellt Sutherland fest, der selbst die Action-Komödie ?Truth or Consequences, NM? (Ort der Wahrheit) inszeniert hat. ?D.J. verwendet wunderbare Fahraufnahmen, um eine Person zu begleiten, dann einer anderen zu folgen und dann einer dritten.? ?Ganz offensichtlich ist er ein Schauspieler-Regisseur?, fügt Krimi-Fan Rowlands hinzu. Und sie kann immerhin zahlreiche Auszeichnungen in einer fast schon 50 Jahre währenden Film- und Fernsehkarriere vorweisen. ?Er liebt seine Schauspieler. Er macht uns Mut, sorgt für gute Stimmung am Set, und das halte ich für die wichtigste Aufgabe im Beruf des Regisseurs.?

?Jeder Tag bringt neue Herausforderungen?, gibt Caruso zu. ?Ich finde, die größte Schwierigkeit besteht darin, die emotionalen Erlebnisse jeder Filmfigur filmisch umzusetzen. Ich mußs der Story gerecht werden, mußs aber gleichzeitig auch der natürlichen, organischen Entwicklung der Schauspieler in ihren Rollen Raum geben, ohne ihre spontanen Beiträge abzuwürgen.? Und dann kehrt er zum Kern der Sache zurück: ?Letztlich geht es um die Figuren. Selbst die wunderbarste Einstellung der Welt kann später im Film flach wirken. ,Taking Lives? zeigt eher die Landschaften im Kopf der Menschen, es geht um das, was sie einander bedeuten.?

?Es gibt keinen besseren Mannschaftssport als Filmemachen?, behauptet Canton, und ?Taking Lives? ist ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieser These: Caruso arbeitet wie bei ?The Salton Sea? mit Kameramann Amir Mokri zusammen, der bereits zweimal für den Independent Spirit Award nominiert war, außerdem mit dem erfahrenen Produktionsdesigner Tom Southwell, der für ihn ?The Salton Sea? und 1998 den TV-Krimi ?Black Cat Run? ausstattete. Hinzu kommen die renommierte Cutterin Anne V. Coates, die für David Leans Meisterwerk ?Lawrence of Arabia? (Lawrence von Arabien) den Oscar gewann und die bei ihrem aktuellsten Projekt ?Unfaithful? (Untreu) bereits mit Olivier Martinez zu tun hatte. Komponist Philip Glass, der kürzlich eine Oscar-Nominierung für ?The Hours? (The Hours ? Von Ewigkeit zu Ewigkeit) erhielt, sorgt für die musikalische Untermalung.

Und Action! Mit einem Schnitt verlagert sich die dramatische Spannung, die sich in ?Taking Lives? durch die Erforschung innerer Verstandeswelten ergibt, plötzlich in die Außenwelt ? Himmel und Straßen öffnen sich weit und geben Raum für die hektische Verfolgungsjagd, die zehn Häuserblocks umfasst. Endlich ist der Killer identifiziert, Agentin Scott und die Polizei sind ihm dicht auf den Fersen. Geschickt nutzt er den abendlichen Berufsverkehr, um zwar in Sichtweite zu bleiben, aber immer wieder zu entwischen. Da erscheint ein Helikopter der Polizei.

Für den Tumult dieser Sequenz war ein Fachmann nötig: Mic Rodgers, Regisseur des 2. Drehteams, renommierter Stuntman und Stunt-Coordinator, der jahrzehntelange Erfahrung vorweisen kann. Zusammen mit Matt Sweeney entwickelte er die als ?Mic-Rig? bezeichnete technische Vorrichtung, für die beide 2001 den technischen Oscar gewannen. Die Vorrichtung kam erstmals in dem berühmten Action-Hit ?The Fast and the Furious? (The Fast and the Furious) zum Einsatz und unterstützte später auch die explosive Autobahnsequenz in ?The Matrix Reloaded? (The Matrix Reloaded).

?Durch das Mic-Rig brauchen wir Fahraufnahmen nicht mehr bei langsamem Tempo zu drehen, und trotzdem können die Hauptdarsteller mitten in der Action dabei sein?, erklärt Rodgers. Der Wagen, in dem die Schauspieler sitzen, wird hinten auf die extrem flache Ladefläche eines langgestreckten Lastwagens montiert, der (gelenkt von einem Stuntman) mit etwa 100 Stundenkilometern über die Straße braust. Der aufgebockte Wagen kann sich nach allen Seiten bewegen, sich um sich selbst drehen oder, wenn nötig, sogar auf zwei Rädern stehen, wobei kleine Düsen Öl oder Wasser auf die Reifen sprühen. Entsprechend ist der Fahrtwind, der den Darstellern das Haar zerzaust, ebenso echt wie die Straße im Hintergrund, die sonst erst durch den Computer mit Hilfe von Greenscreen-Aufnahmen eingefügt werden müsste.

Das größte Problem bestand in der engen Durchfahrt auf der Québec-Brücke (in Québec City, das in diesem Fall Montreal doubeln mußste). ?In der Szene gibt es etliche Beinahe-Kollisionen und mehrere echte Zusammenstöße, alles bei hohem Tempo, und irgendwie mußste ich mittendrin auch noch den Kamerawagen unterbringen?, beschreibt Rodgers die Situation. Aber um Ideen ist er nie verlegen. Er setzte ein neues Stunt-Fahrzeug ein, das er Black Box nennt. ?Im Grunde ist es ein Kombi, an dem die Kamera außen angebracht ist, und drinnen sind Überrollbügel, Rennfahrersitze und entsprechende Gurte eingebaut. Dadurch werden die Kameraassistenten und Schärfezieher im Innern des Wagens geschützt, statt, wie früher üblich, auf dem offenen Kamerawagen großer Gefahr ausgesetzt zu sein.?

Die Black Box wird von einem Stuntman gesteuert, sie ist sehr viel manövrierfähriger und schneller als ein normaler Kamerawagen. Rodgers stellt fest, dass bei den Dreharbeiten ?echte Wagen? zum Einsatz kamen, ein Mustang und ein Caprice, die sich in einer realistischen Verkehrssituation bewegten, ?und keine lächerlich teuren Filmautos, die in absurde Situationen geraten. Wir bemühen uns, echte Gefahrsituationen bei echtem Tempo zu zeigen.? Auch hier stand die Polizei der Provinz Québec als Freund und Helfer zur Verfügung ? diesmal in Gestalt eines voll einsatzfähigen Helikopters Bell 206, der zur Luftflotte der Polizei gehört und für den Filmeinsatz abkommandiert wurde.

Dreharbeiten in Montreal und Québec City Aber nicht nur die Sureté gab der Filmcrew unschätzbare Hilfestellung, auch insgesamt wurde das Team in Montreal und Québec City sehr freundlich aufgenommen. Beide Städtestellten die Schauplätze, die das Montreal des Films ausmachen. Eine frühe Drehbuchfassung sah als Handlungsort Vancouver vor, doch während der Motivsuche entschied sich D.J. Caruso für das eher ?europäische Ambiente? der vorwiegend französischsprachigen Stadt. Daraus ergab sich ein weiterer Vorteil: Während der Dreharbeiten konnten Aufnahmen des berühmten International Jazz Festival inklusive Feuerwerk in die hektische Verfolgungsjagd integriert werden, was der Action eine ganz unmittelbare, fast surreale Atmosphäre verleiht.

Caruso vergleicht das Festival mit dem Mardi-Gras-Karneval in New Orleans und berichtet, wie umfassend sein Kamerateam die Chance für solch ungewöhnliche Aufnahmen nutzte: ?Die Kameraleute liefen durch die Menge und hielten drauf, was das Zeug hielt ? wobei Statisten sich unter die Menge mischten. Die Dynamik der tatsächlichen Ereignisse war einfach fantastisch ? so etwas hätten wir nie inszenieren können. Egal, in welche Richtung man die Kamera hielt ? wir waren von der Dimension der Bilder überwältigt.?

Besonders für amerikanische Zuschauer vermischen sich in Québec Bekanntes und Fremdartiges, was uns laut Canton auf beunruhigende Weise immer wieder daran erinnert, ?dass sich die Ereignisse überall in der Welt zutragen könnten? auch in Ihrer Heimatstadt.? Durch den Schauplatz wird die Isolation der Agentin Scott nur noch deutlicher. ?Wenn man eine amerikanische FBI-Agentin mit einer vorwiegend französischsprachigen Stadt und ihrem deutlich europäischen Ambiente konfrontiert, wird ihre Außenseitersituation umso deutlicher?, erklärt Caruso.

?Sie passt nicht hierher, bleibt ein Einzelgänger. Sie ist von der Gemeinschaft der örtlichen Polizei und der Partnerschaft der beiden Haupt-Detectives ausgeschlossen, wohnt in einem Hotel, kennt sich in der Stadt nicht aus und darf auch keine Waffe tragen, bis sie einen amtlichen internationalen Waffenschein bekommt?, ein Umstand, der ihre spätere Handlungsweise in gewisser Weise erklären kann. Und schließlich bilden die von Kameramann Amir Mokri eingefangenen, traumhaft schönen kanadischen Schauplätze einen krassen Kontrast zu dem unbeschreiblichen Grauen der begangenen Verbrechen: Ein kurviger Fahrradweg an einem dichten Wald wird durch die Entdeckung eines behelfsmäßigen Grabes verunstaltet, die Vernissage in einer eleganten Galerie geht im Kugelhagel unter.

?Wir haben uns als Schauplatz das Bilderbuch-Montreal ausgesucht?, sagt Canton abschließend. ?Dadurch sind wir in der Lage, an unverwechselbaren Drehorten zu arbeiten ? stilistisch sind sie aus einem Guss.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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