|
|
|
Matrix Revolutions: DAs letzte
Kapitel
1999 stellten die Wachowski-Brüder
und Produzent Joel Silver ?The Matrix? (Matrix) vor,
die visionäre Kombination brutal-eleganter Action mit einer
vielschichtigen Handlung. Mit ihren kühnen optischen
Erfindungen rissen die Filmemacher die Zuschauer von den Sitzen
? sie schufen einen provokanten Action-Film, der über
Wirklichkeit und Identität reflektiert und ein Licht auf jene
Entscheidungen wirft, die wir alle treffen müssen ? egal
wie stark oder schwach wir sind.
?Reloaded? wird von atemberaubend dynamischen Action-Sequenzen geprägt und nimmt das Thema der philosophischen und technischen Entfremdung aus dem ersten Teil wieder auf: Neo setzt seine gefahrvolle Reise in Richtung einer tieferen Wahrheit fort und begreift langsam seine Schlüsselrolle für das Schicksal der Menschheit. Bisher hat ?Matrix Reloaded? weltweit über 735 Millionen Dollar eingespielt ? damit ist er der erfolgreichste Film des Jahres 2003 und sowohl in den USA als auch international der größte Kassenknüller mit R-Rating (entspricht etwa der Freigabe ?Ab 16 Jahren?) in der Geschichte des Kinos. ?Reloaded? verbuchte auch die umsatzstärkste Einzelwoche überhaupt: 158,2 Millionen Dollar. In den USA nahm er die 150-Millionen-Dollar-Hürde in rekordträchtigen sechs Tagen. International rangiert der Film auf Platz 10 der erfolgreichsten Titel aller Zeiten ? außerdem setzte er als erster Film überhaupt mehr als 100 Millionen Dollar an einem einzigen Wochenende um. Die schwindelerregenden Kassenergebnisse der ersten beiden Teile der Trilogie und die zahlreichen tiefsinnigen wissenschaftlichen Analysen der Wachowski-Werke zeugen von dem Echo, das die Filmemacher mit ihrem provokanten Werk im kollektiven Bewusstsein ausgelöst haben. ?Sie haben ein Epos geschaffen, das sie in einem visionären Stil erzählen, der die Unterhaltungsbranche auf den Kopf stellt ? das ist die Action-Trilogie für Leute, die auch über das nachdenken wollen, was sie auf der Leinwand sehen?, stellt ?Matrix?-Produzent Joel Silver fest. ?Man kann diese Filme auch ganz aus dem Bauch heraus genießen, aber wer etwas tiefer forschen will, der findet darin Anregungen zu sehr grundsätzlichen Thesen.? Die Wachowskis sind überzeugt, dass bei den ?Matrix?-Filmen vor allem die Hoffnung auf Verständigung im Mittelpunkt steht ? die Synthese all unseres konkreten Wissens mit dem Glauben an die Transzendenz. ?Es geht um Wahrheitssuche, um den Preis des Wissens, um den Drang, unser Leben zu begreifen ? und um die Opfer, die wir dafür bringen?, formuliert es Keanu Reeves. ?Auch das Thema Evolution ist in der Trilogie ein entscheidender Aspekt. Im ersten Film heißt es Maschinen gegen Menschen, die sich aus der Welt der Matrix befreien wollen, in der sie von den Maschinen versklavt werden. In ,Reloaded? und ?Revolutions? erleben wir die Perspektive von Programmen, die von Maschinen gemacht wurden: Sie versuchen sich in der Matrix zu verstecken, als ihnen die Vernichtung in der Maschinenwelt droht, während den Menschen die Vernichtung von Zion durch die Maschinen bevorsteht. Doch letztlich wird auch die Existenz der Maschinen bedroht, und die Menschen, Programme und Maschinen müssen zusammenhalten, wenn sie nicht gemeinsam untergehen wollen.? Das visuelle und intellektuelle Konzept, das in ?Matrix? vorgestellt und in ?Reloaded? weiterentwickelt wurde, erlebt im explosiven Schlusskapitel ?The Matrix Revolutions? (Matrix Revolutions) seinen mit fulminanter Action gespickten Höhepunkt. ?Mit ,Revolutions? liefern die Brüder die unglaublich mitreißende Auflösung ihrer Geschichte?, sagt Silver. ?Sie führen Neos Reise zu Ende ? emotional, intelligent, humorvoll. Jetzt begreifen wir wirklich, worum es bei diesem Konzept eigentlich geht. Man geht also zufrieden nach Hause, und dennoch werden die Zuschauer das Erlebte intensiv analysieren und diskutieren.? Das offene Ende von ?Matrix Reloaded? zeigte Neo im Koma an Bord des Rebellenschiffs Mjolnir. Er hat seine Fähigkeiten eingesetzt, um etliche angreifende Wächter auszuschalten ? was unerklärlich ist, denn während dieser tödlichen Konfrontation befand er sich gar nicht in der Matrix. In ?Revolutions? erfährt Neo, was es tatsächlich mit seinen Fähigkeiten auf sich hat und warum er sie auch in der realen Welt einsetzen kann. Reeves sieht Neo als ?Blitzableiter, als Suchenden und als Zeitzeugen. Um seine Aufgabe zu erfüllen, stellt Neo sich als Vermittler einer ungeheuren Energie zur Verfügung ? das äußert sich in seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten.? Neos Kräfte nehmen exponentiell zu ? aber nicht nur seine, sondern auch die des habgierigen Agenten Smith: Dadurch entsteht die Situation, in der Smith für die Maschinenwelt, die ihn hervorgebracht hat, zu einer größeren Bedrohung wird als die Bewohner von Zion, die die Maschinenarmee nur bekämpfen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Neo begreift, dass er sowohl Zion als auch die Maschinenwelt vor Smiths radikalem Vernichtungsfeldzug nur bewahren kann, wenn er sich weiter vorwagt, als er sich das jemals vorstellen konnte. ?Er stößt vor ins letzte Unbekannte ? das ist die einzige noch offene Frage auf seiner Reise?, sagt Reeves. ?Er mußs seine Mission erfüllen, egal was die Konsequenzen sind. Deswegen liegt mir so viel an Neo: Er will den Frieden sichern ? dafür ist er zu allem bereit.? Laurence Fishburne spürt, wie sehr sich die Filmfigur Neo und der Schauspieler in ihrem kompromisslosen Engagement ähneln: ?Keanu lässt sich mit niemandem vergleichen, den ich kenne; er ist äußerst sensibel und hochintelligent. Während der Dreharbeiten hat er sich hundertprozentig auf Neo eingelassen. Für mich war diese erstaunliche Filmerfahrung mit ihm wirklich das reinste Vergnügen.? Während Neo unbeirrbar seinen Weg zu Ende geht, glaubt der ernüchterte Morpheus weiter daran, dass sein ehemaliger Schüler den Krieg beenden kann ? obwohl der Architekt in ?Reloaded? angedeutet hat, dass die Prophezeiung des Orakels auch nur ein Kontrollmechanismus der Maschinen sein könnte. ?In ?Revolutions? erleben wir einen menschlicheren Morpheus?, verrät Fishburne. ?Er ist nach wie vor der charismatische Führer, denn die Menschen glauben an ihn und fühlen sich unter seinem Schutz geborgen, aber er ist nicht mehr die überlebensgroße, allwissende Figur, als die wir ihn im ersten Film kennen gelernt haben. Die Grundfesten seines Glaubens sind erschüttert, und wie er damit umzugehen versucht, das macht ihn menschlicher.? Auch Trinity lässt sich in ihrem Glauben an Neo nicht beirren, und die enge Beziehung der beiden bestärkt sie darin, weiter ihren Weg zu gehen. ?Mich begeistert vor allem Trinitys kompromisslose Liebe zu Neo: Sie glaubt an ihn. Daraus schöpft sie Kraft, aber gleichzeitig wirkt sie dadurch auch ausgeglichener?, sagt Carrie-Anne Moss. ?Den Wachowskis gelingt es auf unglaublich überzeugende Weise, Neos und Trinitys Beziehung auszugestalten?, fügt Silver hinzu. ?Ihr Verhältnis bildet ein Herzstück der Trilogie, und das gilt vor allem für ,Revolutions? ? dadurch werden die Figuren, die Story, die Filme insgesamt zusammengehalten. Im Grund geht es um ihre Liebe füreinander.? Am Ende von ?Reloaded? erhielt Trinity die Chance für ein neues Leben. Jetzt legt sie ihr Schicksal wieder in Neos Hand, als sie sich entschließt, ihn in die Maschinenstadt zu begleiten. ?Wir wissen ja, dass Trinity beherzt zupacken kann?, lacht Moss. ?Sie wird nie akzeptieren, dass sie jemals an ihre Grenzen geraten könnte. Und schon gar nicht wird sie Däumchen drehen und abwarten, was mit Neo passiert. Also sucht sie einen Weg, wie sie ihn unterstützen kann.? Eine weitere Schlüsselfigur in der Widerstandsbewegung von Zion ist Niobe ? auch sie will Neo helfen, allerdings erst nach einem inneren Entwicklungsprozess, der in ?Reloaded? beginnt und vor allem im Videospiel ?Enter the Matrix? genauer gezeigt wird. ?Als wir Niobe in ,Reloaded? kennen lernen, glaubt sie an gar nichts ? außer an sich selbst?, sagt Jada Pinkett Smith. ?Mit ihrem haushohen Ego ist sie ein arrogantes Biest. Doch im Lauf der Geschichte wächst ihr Glaube an Neo und Morpheus, sie beginnt zu begreifen, dass es da etwas jenseits intellektueller Logik, jenseits ihres kleinen Gesichtskreises gibt.? Niobe glaubt zwar nicht an die Prophezeiung des Orakels, aber trotzdem stellt sie ihr Schiff zur Verfügung, als Neo sich entschließt, sein Friedensangebot in der Maschinenstadt zu unterbreiten. Laut Pinkett Smith hat ?Niobe großen Respekt vor Neo, sie hält zu ihm, weil sie seine Taten, seine Opfer zu würdigen weiß. Sie hält ihn zwar nicht für den Auserwählten, aber dennoch ist sie überzeugt, dass, wenn diese Mission überhaupt einen Zweck hat, nur er sie zum Ziel führen kann." Als Niobe und Morpheus unter diesen lebensgefährlichen Umständen wieder aufeinander treffen, merken beide, dass ihre tiefe, wenn auch sehr distanzierte Beziehung immer noch Bestand hat. ?Niobe fühlte sich von Commander Lock angezogen, weil er ein kluger Kopf ist. Aber im Herzen hat sie sich nie von Morpheus losgesagt?, sinniert Pinkett Smith. Und Fishburne fügt hinzu: Den dritten Akt von ,Revolutions? gestalten die Brüder wunderschön und wirklich romantisch: Neo und Trinity steigen auf, während Morpheus und Niobe absteigen und die Katastrophe über die Welt hereinbricht.? Unterdessen entwickelt sich die Zerstörungswut des Agenten Smith im Zuge seiner ständig zunehmenden Macht immer hemmungsloser. ?In ,Matrix? war Smith ursprünglich eine sehr geradlinige Figur mit einer klar definierten Aufgabe?, beschreibt Hugo Weaving seine Rolle. ?Aber während dieses Trips entwickelt er menschliche Gefühle. Plötzlich spürt er, was Wut und Eifersucht bedeuten. Er kann Dinge riechen und bekommt eine Ahnung davon, was Menschlichkeit ausmacht. Das erträgt er nicht, er empfindet es als Schwäche. In ,Reloaded? hat er sich mit diesen übermächtigen Gefühlen arrangiert, er kommt mehr und mehr auf den Geschmack. Er entwickelt ein Ego und hat buchstäblich alle Fesseln abgeworfen. In ,Revolutions? dreht er schließlich völlig durch ? jetzt will er sich nicht mehr nur von der Matrix lösen, er will gleich die gesamte Welt unterwerfen.? Hinter Smiths abgefeimter Brutalität steckt laut Weaving ?ein rabenschwarzer Charakter. Aber dennoch habe ich ihn immer als komisch empfunden. Smiths humorvolle Seiten im ersten Film scheinen mir direkt Larrys und Andys Wesensart zu entsprechen, und ich finde es toll, dass sie diese Elemente in ,Reloaded? und ,Revolutions? ausgebaut haben. Diese Schauspielerfahrung habe ich sehr intensiv ausgekostet.? Weil Smiths egomanischer Power-Trip sowohl die reale als auch die Maschinenwelt bedroht, entschließt sich das Orakel, Neo zu helfen ? dafür mußs es teuer bezahlen. Im Videospiel ?Enter the Matrix? wird erklärt, dass die äußere Erscheinungsform des Orakels (die ?Hülle?) vom rachsüchtigen Merowinger ausgelöscht worden ist, so dass es in ,Revolutions? in neuer Gestalt erscheint. Als die Wachowskis die Drehbücher zu ?Reloaded? und ?Revolutions? schrieben, spielten sie mit verschiedenen Möglichkeiten, die äußere Erscheinung des Orakels zu verändern, aber dann beschlossen sie, dass die Schauspielerin Gloria Foster die Rolle wie in ?Matrix? weiterspielen sollte. Foster starb jedoch, nachdem sie ihre Szenen für ?Reloaded? abgedreht hatte, und die Brüder nahmen ihre ursprüngliche Idee in Bezug auf das Orakel wieder auf. ?Gloria hatte Charisma, sie war ungewöhnlich begabt?, erinnert sich Silver. ?Wir sind sehr stolz darauf, dass man sich mit zwei ihrer wichtigsten Auftritte in ,Matrix? und ,Matrix Reloaded? immer an sie erinnern wird. Das Schicksal hat die Wachowskis gezwungen, von ihrem Orakel-Konzept abzuweichen ? sie mußsten auf Glorias Tod reagieren. Aber sie gestalten die Figur dadurch sogar noch intensiver ? ich halte das für äußerst gelungen.? ?Traumhaft, wie die Brüder auf Glorias Tod eingehen und dabei die Story durch die Veränderungen im Drehbuch sogar noch weiter ausgestalten?, findet auch Carrie-Anne Moss. Als Orakel in seiner neuen Gestalt besetzten die Filmemacher die renommierte Bühnen- und Filmschauspielerin Mary Alice (aus der TV-Serie ?A Different World?/College Fieber). ?Ich stehe nicht besonders auf Science-Fiction, aber das Spirituelle in den ,Matrix?-Filmen spricht mich durchaus an?, sagt Alice, die 1995 mit Gloria Foster in dem Stück ?Having Our Say? am Broadway aufgetreten ist ? als Schwestern, die beide über 100 Jahre alt werden. ?Durch diese Rolle hat sich mein Leben verändert.? ?Mary Alice kam an Bord und hat dem Orakel auf verblüffende Weise Leben eingehaucht?, sagt Fishburne, der bereits als Zehnjähriger auf einer New Yorker Bühne Alices Sohn gespielt hat. Zee wohnt in Zion und übernimmt bei der Verteidigung der Stadt gegen die gnadenlose Belagerung der Maschinen eine Schlüsselrolle. Für sie geht es um mehr als für die anderen: Der Krieg gegen die Maschinen hat zwei ihrer Brüder das Leben kostet: Tank und Dozer gehörten in ?Matrix? zu Morpheus? Besatzung. Und ihr Freund Link hat als Morpheus? Maschinist sein Leben aufs Spiel gesetzt. ?Zee lässt sich nicht unterkriegen, hartnäckig verfolgt sie ihr Ziel, sie tut, was getan werden mußs, von Angst lässt sie sich nicht irritieren?, sagt Nona Gaye. ?Sie will Zion schützen, denn jetzt ist ihr nur noch Link geblieben. Sie will den Lebensraum für sich und ihn verteidigen.? Zu den Hauptdarstellern in ?Matrix Revolutions? zählen außerdem Lambert Wilson als Merowinger; Monica Bellucci als Persephone; Harold Perrineau als Link; Harry Lennix als Commander Lock; Collin Chou als Seraph; Nathaniel Lees als Mifune, Anführer des APU-Corps; Clayton Watson als the Kid; Tanveer Atwal als Sati, ein Mädchen, das Neo im Bahnhof der Mobil Avenue begegnet; Bernard White als Satis Vater Rama; Bruce Spence als Trainman, der alle Reisenden zwischen der Matrix und der Maschinenwelt kontrolliert; Ian Bliss als Bane, das verräterische Besatzungsmitglied, von dem Agent Smith Besitz ergreift; David Roberts als Roland, Captain der Mjolnir; Anthony Wong als Ghost, Niobes erster Maat; und Anthony Zerbe als Ratsherr Hamman. Im Rückblick auf die vielen Jahre seit dem Winter 1997, als Reeves mit dem Training für die Rolle des Neo in ?Matrix? begann, ist er den Wachowskis für die große Herausforderung und ihre ehrgeizige Story dankbar: ?Ich arbeite sehr gern mit Larry und Andrew zusammen, ich weiß die Chance zu schätzen, die sie mir gegeben haben, und ich kann ihre Ideen, ihre Fantasie in dieser wunderbaren Geschichte würdigen. Für alle Mitwirkenden gilt, dass sie ihr Bestes geben mußsten ? das war nicht einfach, aber dadurch sind die Filme so gut geworden: Man mußs die Ärmel hochkrempeln, um Träume wahr werden zu lassen. Wer würde sich nicht mitreißen lassen, wenn er die Chance bekommt, die wahrscheinlich wichtigste Aufgabe seiner kreativen Laufbahn zu erfüllen?? ?Die Erfahrung dieser Dreharbeiten hat einen neuen Menschen aus mir gemacht?, sagt Moss. ?Ich habe nicht nur über meine Arbeit viel dazu gelernt, sondern auch über mich selbst, mein eigenes Leben. Es ist traumhaft, so intensiv an einem Projekt zu arbeiten, an einer Filmtrilogie mitzuwirken, in der man für seine Überzeugung und seinen Glauben kämpft.? Auch Jada Pinkett Smith fühlte sich von der ?Matrix?-Erfahrung intensiv angeregt. ?Es macht Spaß, weil ich mein Alter Ego bis zum Anschlag ausleben darf?, lacht sie. ?Die Rolle der Niobe war wirklich ein Selbsterfahrungstrip. Die Dreharbeiten haben mich in meinem Glauben gefestigt. Ich bereitete mich intensiv vor, konzentrierte mich auf meine interne Reise, versuchte im Glauben zu wachsen, und die Filme spielen in dieser Entwicklung eine große Rolle.? Zu seiner Schlüsselrolle als Morpheus, dem unerschütterlich glaubensstarken Katalysator für Neos Reise als Auserwählter, sagt Fishburne nachdenklich: ?Ich bin überzeugt, dass ich nicht zufällig an diesem Projekt mitwirke ? vielleicht ist das mein Schicksal. Ich schätze Morpheus sehr. Wahrscheinlich wird man sich an ihn als meine bedeutendste Rolle erinnern. Und alle Mitwirkenden der Dreharbeiten haben mich für den Rest meines Lebens geprägt.? Laut Silver, der neben einer beeindruckenden Reihe von Filmhits die erfolgreichen Kinoserien ?Die Hard? (Stirb langsam) und ?Lethal Weapon? (Zwei stahlharte Profis) produzierte, ?beendet die ,Matrix?-Trilogie ein Kapitel meiner Karriere als Filmemacher. Das war ein unglaubliches Abenteuer. Ein monumentales Projekt, genauso dramatisch, spannend und überwältigend wie die Filme selbst. Wie alle Beteiligten habe ich ein Großteil meines Lebens in diese gigantische Saga investiert ? jetzt, wo es vorbei ist, werde ich das vermissen.? Revolutionäres Training, Nahkämpfe & Stunts Nachdem die Hauptdarsteller schon für ?Matrix? ein völlig neuartiges Training absolviert und ihre eigenen ausgeklügelten Kung-Fu-Kämpfe und Drahtseilstunts ausgeführt hatten, arbeiteten Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss, Laurence Fishburne und Hugo Weaving bereits fünf Monate vor Beginn der Dreharbeiten zu ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? wieder mit dem Kampfchoreografen der Trilogie, dem Meisterakrobaten und Drahtseilspezialisten Yuen Wo Ping, und seinem Kung-Fu-Team aus Hongkong unter der Leitung von Dion Lam zusammen.Jeden Tag trainierten sie in einem Flugzeug-Hangar in Santa Monica, in dem auch die große Motion-Capture-Bühne für den Film eingerichtet wurde. Und das Stuntteam hatte sich inzwischen verdreifacht. Aufgrund des viermonatigen harten Trainings vor dem ersten Film ?waren die Darsteller zu Beginn der neuen Trainingsphase deutlich besser vorbereitet. Sie hatten eine viel bessere Kondition, waren sehr fit, vor allem wussten sie sehr viel genauer, was wir von ihnen erwarteten?, sagt Yuen. ?Das Training für Teil 2 und 3 war sicher dreimal so anstrengend wie beim ersten Film?, gibt Reeves zu, der jeden Tag mindestens sieben Stunden Kung Fu trainierte. ?Neos Kung-Fu-Einsätze und die Drahtseiltricks sind erheblich ausgefeilter.? Während der Vorbereitung und Dreharbeiten zu ?Matrix? erholte er sich von einer Halsoperation, was seine Bewegungsfreiheit einschränkte, und Yuen stellte sich auf Reeves? Verletzung ein, indem er die Choreografie der Neo-Kämpfe eher auf Armbewegungen konzentrierte und Fußtritte vermied. Doch diesmal war Reeves in keiner Weise gehandicapt. ?Je mehr mir gelang, desto mehr forderten sie?, erinnert sich der engagierte Schauspieler. ?Wenn ich also eine Aktion überzeugend absolvierte, fragten sie am nächsten Tag, ob ich auch zwei Sachen hinbekommen könnte. Dann fingen die Dreharbeiten an, und die Brüder forderten sieben Aktionen gleichzeitig! Das hat riesig Spaß gemacht, aber es war echte Knochenarbeit. Und schmerzhaft? Eis ist mein Freund.? (Während des Trainings zog sich Reeves gern in eine Badewanne voll Eis zurück.) ?Niemand sonst stellt an sich selbst derart hohe Anforderungen wie Keanu?, stellt Moss fest. ?In bestimmten Situationen schloss ich nur noch die Augen und hielt mir die Ohren zu, weil ich Angst hatte, dass er es übertreibt, aber ich habe wirklich Hochachtung vor seinem Engagement und kann ihm nur Beifall zollen. Er hat mit seiner Kampftechnik, mit seinen physischen Aktionen eine Ebene erreicht, wie es meines Erachtens noch keinem amerikanischen Schauspieler gelungen ist.? ?Keanu ist eine Ausnahmeerscheinung?, sagt Yuen anerkennend. ?Perfektionistischer kann man gar nicht sein, er ist nie mit seiner Leistung zufrieden, sogar wenn ich selbst sie für sehr gut halte! Ich habe mich redlich bemüht, seinem Anspruch gerecht zu werden.? Reeves spürte, dass er nur mit einem derart aufwändigen Training jene technische Perfektion erreichen konnte, die der von den Brüdern angestrebten atemberaubenden Action entspricht. ?Wo Ping, Larry und Andy wollen die Kämpfe so spektakulär wie nur möglich gestalten?, sagt er. ?Die ganz große Show ist ihr Ding, sie wollen beste Unterhaltung liefern. Physischer Kontakt kann positive und negative Aspekte haben ? sie interessieren sich für beides ? genauso wie Feuer zerstören, aber auch wärmen kann. Beides ist auch in jeder Action-Sequenz angelegt.? Die mitreißenden Kampfsequenzen in ?Revolutions? ? der Showdown in der Garderobe des ?Club Hell?, Neos brutaler Kampf gegen Bane an Bord der Logos und sein Alles-oder-nichts-Duell mit Agent Smith, das intern als ?wirklich handfeste Schlägerei? bezeichnet wurde ? entstanden alle als sehr effektive Zusammenarbeit zwischen dem Choreografen, den Filmemachern und den Darstellern. ?Wo Pings Stil ergänzt die Story-Philosophie der Brüder außergewöhnlich gut?, sagt Produzent Joel Silver. ?Es geht in den Auseinandersetzungen nicht nur darum, dass sich Protagonist und Antagonist ein physisches Duell der Willensstärke liefern, sondern Wo Ping zeigt, wie sich die Figuren durch die Kämpfe weiterentwickeln. Während des Dojo-Kampfes in ,Matrix? probiert Neo erstmals die in ihm schlummernden Fähigkeiten aus, und in der ,handfesten Schlägerei? in ,Reloaded? wird er derart bedrängt, dass er eine ganz neue Vorgehensweise testen mußs. In ,Revolutions? haben Neo und Smith ihre Fertigkeiten so vervollkommnet, dass sie sich jetzt ebenbürtig sind ? beide verfügen über ungeheure Kräfte.? ?In der wirklich handfesten Schlägerei wollen die Brüder sowohl Neos als auch Smiths Unüberwindlichkeit demonstrieren?, erklärt Yuen. ?Ich versuche diese Sequenz mit unterschwelliger Energie aufzuladen: Zwei sehr unterschiedliche Kämpfer treffen aufeinander, beide müssen gewinnen, sie können nicht verlieren. Weil Keanu und Hugo auch hier so unermüdlich Einsatz zeigten, konnten wir den Kampf mit der nötigen Energie aufpeppen.? Laut Silver ergibt sich daraus ein in jeder Beziehung außergewöhnlicher Showdown: ?Die wirklich handfeste Schlägerei ist eine unübertroffene Comic-Heft-Schlacht zwischen zwei Superhelden, die keinen Stein auf dem anderen lassen ? so etwas hat es in einem Realfilm noch nie gegeben?, berichtet er. ?Es ist ungemein faszinierend zu erleben, wie die Wachowskis Neos und Smiths Rivalität langsam, aber sicher auf die Spitze treiben ? bis zu dieser letzten, unglaublichen Auseinandersetzung in ,Revolutions?.? Die Dreharbeiten zu dieser enorm ehrgeizigen Superkeilerei dauerten acht Wochen ? vorausgegangen waren Monate der Vorbereitung: Das Produktionsteam mußste die erforderliche neuartige Ausrüstung erst entwickeln, um den Vorstellungen der Wachowskis für diese bombastische Sequenz gerecht zu werden. Laut Drehbuch sollte der bis in jede Einzelheit durchchoreografierte Kampf in strömendem Regen stattfinden, zunächst in einer überfluteten Straße, auf der es von Smith-Klonen wimmelt, dann 800 Meter hoch in den Lüften vor einem Blitze-durchzuckten Himmel: In rasender Geschwindigkeit brettern die beiden durch eine Wolkenkratzerruine, dann krachen sie in einen riesigen Krater, wo das Duell, das die Erde buchstäblich erbeben lässt, schließlich beendet wird. Für die Szene wurden extra Apparaturen für besonders große Regentropfen entwickelt, die man besser ausleuchten und entsprechend besser sehen konnte als den typsichen ?Filmregen?. Die für diese Sequenz benötigten ungeheuren Wassermengen ließen sich zwar praktisch nicht erwärmen, aber sie wurden durch die Regenpumpen zumindest ständig gefiltert und gereinigt. ?Der Dreh des ersten Abschnitts der wirklich handfesten Schlägerei, in dem Neo und Smith auf der Straße in strömendem Regen aufeinander losgehen, war fantastisch?, berichtet Hugo Weaving begeistert. Er erzählt, dass ihm bei ?Reloaded? und ?Revolutions? besondere ?Vorsicht antrainiert? wurde, nachdem er sich während der Dreharbeiten zu ?Matrix? verletzt hatte. ?Ich spüre den Regen gern auf der Haut, fühle mich dadurch erfrischt und gestärkt. Später im Krater müssen wir auch im Schlamm kämpfen ? das war erheblich schwieriger.? Tatsächlich merkte Weaving, dass sich durch den Kampf und die eingeflochtenen Dialoge im Krater die größten Probleme der gesamten Sequenz ergaben: ?Der Regen prasselte derart auf uns herunter, dass wir kaum sprechen konnten, ohne dass wir mit dem Mund Luftblasen und Wasserfontänen produzierten. Ich konnte selbst nicht hören, was ich sagte, es war also wirklich kompliziert, den richtigen Ton zu treffen, denn ich hatte keine Ahnung, wie das klang.? Die drei Reihen von Zuschauern bestehen dabei allesamt aus Agent-Smith-Klonen. Realisiert wurden diese Aufnahmen mit Hilfe von Schauspieler-Doubles, Smith-Puppen aus der Ausstattungsabteilung und im Computer generierten Agenten, die dann von den Experten für visuelle Effekte hinzugefügt wurden. Die Doubles in ihren Smith-Masken agierten in der letzten Reihe und mußsten gleichzeitig die Kopfbewegungen der zwei miteinander verbundenen Puppenreihen kontrollieren, so dass jeder Smith dem Kampfgeschehen mit synchronen Bewegungen folgt. Im Abschnitt des Kampfes, der die Gegner in der Luft zeigt, war überzeugende Schwerelosigkeit gefordert. Zu diesem Zweck arbeiteten die Stuntleute und das Martial-Arts-Team mit dem Produktionsteam und den Experten für visuelle Effekte zusammen. So entstanden die ?Stimmgabeln?, eine besondere Halterung, mit deren Hilfe die Schauspieler und Stuntleute während des Kampfes wie schwerelos wirkten. (Es gab ursprünglich auch Tests in einem speziellen Nasa-Flugzeug, in dem Astronauten zu Trainingszwecken echte Schwerelosigkeit erleben, doch diese Option erwies sich für die Dreharbeiten als ungeeignet.) Dieser Abschnitt, in dem die Schwerkraft aufgehoben wird, wurde im ?Ei? gedreht, einem kastenförmigen Set, das komplett von einer Bluescreen umgeben ist. Die so entstandenen Kampfaufnahmen wurden später im Computer mit dem prasselnden Regen über der Stadtlandschaft der Matrix kombiniert. Für all die akrobatischen Stunts und Drahtseil-Sequenzen waren die unterschiedlichsten Korsetts und Aufhängungsapparaturen nötig, darunter auch der sehr vielseitig einsetzbare ?Twist-Gurt?, den Martial-Arts-Coordinator und Reeves-Stuntdouble Chad Stahelski entwickelt hat. Der Twist-Gurt ist ein Körperkorsett, mit dem man fließende Drehungen in unterschiedliche Richtungen ausführen kann, zum Beispiel einen Überschlag rückwärts, der in ein Rad-Schlagen übergeht. Eine weitere entscheidende Rolle spielte auch das sogenannte Kotzkorsett: Der Name ergab sich, weil sich die Darsteller bei diesem Einsatz oft übergeben mußsten, denn mit dieser Vorrichtung nach dem Kreiselprinzip wird der freie Fall simuliert. ?Die Arbeit an den Drahtseilen sieht leicht aus, aber man mußs reichlich üben, bis man lernt, sich darin körperlich auszudrücken und sich im Timing mit dem Team abzustimmen, das an den Drähten zieht?, stellt Stahelski fest. ?Vor allem mußs man sehr flexibel sein, man mußs zuschlagen und treten können, und man braucht Kraft, um den Körper in die vorgeschriebene Stellung zu bewegen.? ?Das war Knochenarbeit, als wir versuchten, die Kung-Fu-Bewegungen an den Drähten im Regen auszuführen, aber Hugo, Chad und das Stuntteam haben sich unglaublich ins Zeug gelegt?, sagt Reeves über die mühsame Kleinarbeit, die nötig war, um die winzigen Teilstücke zu einem perfekten Ballett von brutaler Schönheit zu addieren. (Neben seinem Beitrag zur wirklich handfesten Schlägerei war Reeves auch an Neos Kampf mit Bane an Bord der Logos beteiligt ? dort mußste er quasi blind kämpfen, denn Neo ist laut Drehbuch am Auge verletzt, und durch das entsprechende Make-up konnte er praktisch nichts mehr sehen.) ?Keanu hat sich am Set völlig verausgabt, sein Qualitätsanspruch ist extrem hoch, aber dennoch hat er mich oder die anderen Schauspieler nie unter Druck gesetzt?, fügt Weaving hinzu. ?Er kann sehr gut zuhören ? ich arbeite ausgesprochen gern mit ihm.? Auch in einer weiteren Kampfsequenz in ?Revolutions? sorgte Yuen dafür, dass die Schwerkraft aufgehoben scheint: Trinity, Morpheus und Seraph dringen in der Matrix in den Club Hell ein und stellen dort den Merowinger, der auf jeden der drei ein Kopfgeld ausgesetzt hat. An der Decke installierte man ein Schienensystem, an dem die Darsteller und Stuntleute kopfüber aufgehängt wurden, und der Twist-Gurt schaffte auch hier die nötige Bewegungsfreiheit für die turbulente Akrobatik der Helden. Hunderte von Knallfröschen, weitere Sprengkörper und zu Bruch gehende Requisiten mußsten mit den komplexen Manövern der Darsteller synchronisiert werden. ?Als ich mir den Club-Hell-Set anschaute, erinnerte mich das an den Dreh der Lobby-Sequenz in ,Matrix?? berichtet Carrie-Anne Moss, die sich beim Vorbereitungstraining zu ?Reloaded? und ?Revolutions? ein Bein gebrochen hatte. ?Wir standen unter dem ungeheuren Druck, jede unserer Bewegungen exakt in Abstimmung mit all den Knallfröschen und Explosionen zu absolvieren. Ich war sehr nervös, als ich nach meinem Beinbruch wieder an den Drahtseilen hochgezogen wurde, aber Chad und das Drahtseilteam haben mich in jeder nur erdenklichen Hinsicht unterstützt. Als ich ein paar wirklich komplizierte Bewegungen beim ersten Take auf Anhieb hinbekam, schrien die Brüder ,Hurra!? ? das kommt wirklich sehr selten vor. Für mich war es ein echt großer Tag, als wir die Club-Hell-Sequenz im Kasten hatten.? ?Carrie-Annes Motto bei den Dreharbeiten war: ,Sagt mir, was ich machen soll, und ich mach?s??, erzählt Reeves voller Bewunderung. ?Sie bringt sich mit Haut und Haar ein, sie lebt ihre Rolle ? das ist toll, das spornt auch uns an.? ?Carrie-Anne leistet wirklich hervorragende Arbeit, und ich habe sie immer ermuntert, doch selbstbewusster mit ihren Fähigkeiten umzugehen?, sagt Yuen. ?Außerdem entwarf ich einen extrem schnellen und effektiven Fußtritt für sie, den wir Skorpion-Kick nennen. Über sechs Monate lang habe ich nur diesen speziellen Tritt mit ihr geübt. Sie hat dann wirklich kraftvoll und äußerst präzise zugetreten.? Im Club-Hell-Kampf kommt auch Trinitys Markenzeichen zum Einsatz, der Doppeladler, ein kraftvoller Tritt, den sie ausführt, während sie in der Luft stillzustehen scheint. ?Ich mußste einen Typen treten, der daraufhin in eine Wand kracht und dort hängen bleibt. Bei jeder Wiederholung habe ich die Augen geschlossen, bis sie endlich zufrieden waren, denn ich hatte Angst, mein Gegner würde eine Gehirnerschütterung bekommen oder sich sonstwie wehtun?, sagt Moss. ?Aber er machte eifrig weiter und fand das alles toll. Stuntmänner und Stuntfrauen sind wirklich ein ganz besonderer Menschenschlag.? ?Der Kampf in der Garderobe des Club Hell ist eine Weiterentwicklung des Drahtseil-Kung-Fu-Konzepts der Lobby-Sequenz in ,Matrix??, meint Silver. ?Ich bin stets aufs Neue begeistert, wenn ich erlebe, wie sich die Kunstfertigkeit des ersten Films immer noch ausbauen und erweitern lässt ? den Höhepunkt bildet jetzt ,Revolutions?.? Bei den Dreharbeiten zur Belagerung von Zion wurde eine spezielle Hydraulik-Vorrichtung verwendet, in der Soldaten und Freiwillige von tödlichen Wächtern massenhaft angegriffen und zerfetzt werden. Dieses ?Airbike? wird üblicherweise eingesetzt, um vor grauem Hintergrund ein scheinbar fahrendes Motorrad zu zeigen. Für die ?Matrix?-Produktion wurde es so umgerüstet, dass Stuntleute von den Wächter-Tentakeln scheinbar gepackt, geschüttelt und weggeschleudert werden konnten. Dieser Apparat bekam vom Stuntteam alsbald den Spitznamen ?PMS?-Maschine: ?Please Make it Stop? (bitte aufhören). Die Szenen, in denen die Freiwilligen Kämpferinnen Zee und Charra todesmutig die Maschinen angreifen, erwiesen sich als erheblich anspruchsvoller, als die Schauspielerinnen erwartet hatten. ?Wir mußsten springen, rannten durch Tunnel, und schlugen uns die Knie auf?, sagt Nona Gaye. Sie spielt die Zion-Bewohnerin Zee, die sich für den Kampf gegen die Maschinen entscheidet, weil sie ihren Mann Link wiedersehen will, der zu Morpheus? Crew gehört. ?Das stellte sich als etwas anstrengender heraus, als ich gedacht hatte, aber es war jeden blauen Fleck wert. Die Belagerung ist eine unglaubliche Sequenz.? Jada Pinkett Smith durfte ihre kämpferischen Fähigkeiten bereits in ?Matrix Reloaded? unter Beweis stellen. In ?Revolutions? kann sie sich mit Niobes wichtigster Eigenschaft profilieren: Sie steuert ein Rebellenschiff durch die Kanalisation, während sie von der vernichtenden Feuerkraft massiv angreifender Wächter bedrängt wird. ?Im Drehbuch wurde erwähnt, dass beim Steuern des Schiffs ihre Muskeln hervortreten. Also beschloss ich, mir entsprechende Muskeln anzutrainieren?, sagt Pinkett Smith, die ihre Tochter Willow zur Welt brachte, kurz bevor sie mit dem Training begann. ?Kann sein, dass es nicht danach aussieht, aber der Dreh dieser Szene war ein hartes Stück Arbeit. Die Brüder verlangten, dass ich am Ruder so realistisch wie möglich wirke, während ich dieses riesige, alte, schwerfällige Schiff durch das Kanalisationsrohr bugsiere. Ich habe mich sehr bemüht, die starke Anspannung auszudrücken, die man braucht, wenn man ein Schiff dieser Größenordnung steuert.? Vom ursprünglichen Konzept über die Vorbereitung bis zu den tatsächlichen Dreharbeiten der ?Matrix?-Filme waren beispiellose Anstrengungen nötig, um die neuartigen Ideen in Drahtseilakte, Kämpfe und Stunts umzusetzen. ?Wir haben uns unser Grab selbst geschaufelt?, stellt Rondell abschließend fest. ?Denn die Messlatte liegt bei diesen Filmen derart hoch, dass es bei jedem neuen Auftrag eigentlich nur bergab gehen kann. Mit den hier versammelten Experten und der Erfahrung unserer Crew war unseren Leistungen keine Grenze gesetzt. Manchmal haben wir eine Einstellung an einem Tag 70-mal wiederholt, um Perfektion zu erreichen ? um den einen magischen Moment festzuhalten. Wir haben dadurch einen derart hyperperfektionistischen Anspruch entwickelt, dass jeder neue Film eine Enttäuschung sein mußs ? es sei denn, man ermöglicht uns einen ähnlich außergewöhnlichen Energieaufwand.? Jenseits von Bullet Time & handfesten Schlägereien: Die Revolution des virtuellen Kinos Die Arbeit an den visuellen Effekten zu ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? begann im März 2000 in der produktionseigenen Trickabteilung des Projekts: ESC (ausgesprochen wie ?Escape?). John Gaeta, verantwortlich für die visuellen Effekte der ?Matrix?-Trilogie, überwachte hier die Erstellung von über 1000 Trickeinstellungen allein für ?Reloaded? ? dagegen nehmen sich die 412 visuellen Effekte in ?Matrix? fast unbedeutend aus.Gaetas wichtigste Erfindung für ?Matrix? wird inzwischen als ?Bullet Time? bezeichnet: Diese revolutionäre Technik kann filmische Handlungen im Stil jenes japanischen Zeichentrickverfahrens darstellen, das als Animé bekannt wurde. Bullet Time definiert man als das Konzept, durch das wir in die virtuelle Realität der Matrix eintauchen, die eine Filmfigur ? vor allem Neo ? in die Lage versetzt, die Matrix ?geistig? zu kontrollieren. Den Schaffensprozess, Bullet Time auf die Leinwand zu bringen, nennt man ?virtuelle Kamera?: Gaeta und die ?Matrix?-Filmemacher entwickelten diese digitale Methode, um bestimmte Momente in Zeitlupe darzustellen, in denen Neos Willenskraft die Matrix-Realität beeinflusst, wobei aber die Kamera trotzdem mit normaler Geschwindigkeit läuft. Auf diese Weise konnte Gaetas Team die Abspielgeschwindigkeit der Bildsequenz beliebig manipulieren, ohne dass sie an Klarheit oder Schärfe verlor. Doch diese erste Phase virtueller Kameraarbeit erwies sich als unbrauchbar ? laut Gaeta ?fast urtümlich? ?, als er sich nun daran machte, die übernatürlichen Ereignisse zu filmen, die sich die Wachowski-Brüder für ?Reloaded? ausgedacht hatten, ganz zu schweigen von der epischen Action, die in ?Revolutions? folgen sollte. Gaeta mußste für ?Reloaded? Methoden entwickeln, um die 14-minütige Autobahnjagd randvoll mit Action zu stopfen, Neo sollte gleichzeitig gegen 100 Klone des Agenten Smith kämpfen und dann mit 3000 Stundenkilometern über die gewaltige Megacity in der Matrix hinwegfliegen. Und das ehrgeizige Skript der Wachowskis zu ?Revolutions? sah eine spektakuläre Kaskade angreifender Monster vor, von Menschen gelenkte Mammut-Roboter und virtuelle Vernichtungsorgien während ?der Belagerung?, jener apokalyptischen Schlacht, in der die Rebellen Zion aggressiv verteidigen, während sie von der unerbittlichen Maschinenarmee der Wächter und Digger bedrängt werden. Außerdem mußste Gaeta die unheimliche Maschinenstadt samt ihren ?biomechanischen? Bewohnern gestalten, und schließlich die alles entscheidende Konfrontation zwischen Neo und Agent Smith, die als ?wirklich handfeste Schlägerei? bezeichnet wird. ?Völlig klar war, dass wir die Bullet-Time-Technik, die wir im ersten Teil verwendet haben, nicht weiter entwickeln konnten?, sagt Gaeta, der mit seinen visuellen Effekten zu ?Matrix? den Oscar gewann. ?Die Möglichkeiten waren zu beschränkt und kosteten auch zu viel Zeit. Das Bullet-Time-Konzept mußste also eine neue Technologie-Ebene erreichen, die bereits in ihm angelegt war.? Anders gesagt: Die visionären Action-Sequenzen in ?Reloaded? und ?Revolutions? erforderten eine Technologie, die es noch nicht gab. Was allerdings für Gaeta und die Wachowskis nichts Neues war. Doch diesmal hatten die Filmemacher den Ehrgeiz, ihre Pläne bezüglich der virtuellen Kamera gleich um einen Quantensprung voranzutreiben ? jenseits aller herkömmlichen Vorstellungen. ?Ihr Entschluss stand fest: Diesmal sollte es Bilder geben, die niemand nachahmen kann?, sagt Produzent Joel Silver. ?Das braucht seine Zeit, kostet viel Geld, und ohne fähige Mitarbeiter läuft gar nichts. Aber das Resultat ist atemberaubend. Die Jungs haben die Messlatte für Action-Filme, Filmvisionen und optisch umsetzbare Ideen nicht nur eine Stufe höher gelegt ? sie haben sie auf den Mond geschossen.? Das Herzstück des Konzepts von Gaeta und Co. in der erweiterten Version der virtuellen Kamera bildet die virtuelle, dreidimensionale Darstellung der Hauptfiguren, die dann physisch unmögliche, übermenschliche Aktionen ausführen können ? und zwar so realistisch, wie es bisher nicht möglich war. Um derartige virtuelle Menschen zu schaffen, setzte das Effekte-Team das Motion-Capture-Verfahren (?Mocap?) ein: Bei dieser Technik registrieren ausgeklügelte Kameras ganz präzise jene Bewegungsdaten, die von den reflektierenden Ganzkörperanzügen der Schauspieler übermittelt werden oder von Yuen Wo Pings Martial-Arts-Team beziehungsweise den Stuntleuten, die vor der Kamera den entsprechenden Bewegungsablauf vollführen. Es dauerte schon Monate, bis zunächst jene Motion-Capture-Daten zusammengetragen waren, die für ?Reloaded? gebraucht wurden, aber auch für den Höhepunkt der wirklich handfesten Schlägerei zwischen Neo und Agent Smith in ?Revolutions? wurde Mocap eingesetzt. Zu diesem Zweck baute man eine spezielle Studiobühne, auf der die Motion-Capture-Darstellungen aufgenommen wurden ? zur Zeit der Dreharbeiten war sie die weltweit größte Bühne dieser Art. Dort filmte man über vier Monate lang parallel zu den regulären Dreharbeiten. Die für ?Reloaded? und ?Revolutions? sowie für das Videogame ?Enter the Matrix? gefilmten Daten sind die umfangreichsten Motion-Capture-Aufnahmen, die je für einen Film entstanden. Im Vergleich dazu wirken die Capture-Aufnahmen, die selbst für das komplizierteste Videogame nötig sind, wahrlich wie ein Kinderspiel. ?Die Verwendung von Motion Capture war für mich eine völlig neue Erfahrung?, sagt Martial-Arts-Meisterchoreograf Yuen Wo Ping. ?Diese Technik ist fantastisch, weil sie uns viele Bewegungsabläufe ermöglicht, die real nicht machbar sind. Mit Motion Capture können wir Fußtritte dynamischer und ästhetischer gestalten, als das jemals möglich war.? Bei der Bearbeitung des Motion-Capture-Materials stattete Gaetas Team die virtuellen Filmfiguren buchstäblich mit Fleisch und Blut aus, modellierte fotorealistische Muskeln und die Kleidung darüber. Dann mußste man den im Computer errechneten Darstellern lebensechte Gesichtsausdrücke verpassen ? eine weitere weitreichende Erfindung, die von den Computer-Künstlern des ?Matrix?-Teams als ?Universal Capture? (?U-Cap?) bezeichnet wird. Fünf extrem leistungsfähige, hoch auflösende Kameras wurden im Halbkreis um das Gesicht des entsprechenden Schauspielers angeordnet. Was die Darsteller an Emotionen und Mimik spielten, hielten die Sony-HDW-900-Kameras bis ins kleinste Detail fest ? porentief bis zur letzten Haarwurzel. Diese fünf in normaler Geschwindigkeit und mit extrem hoher Auflösung gefilmten Aufnahmen der Schauspielergesichter übertrug das Effekte-Team anschließend auf die Körper der digitalen Filmhelden ? das Resultat ist die überzeugendste im Computer generierte Darstellung von Menschen, die es bisher zu sehen gab. Nachdem die Basisaufnahmen für jede Sequenz vorlagen und in verschiedenen Arbeitsschritten veredelt worden waren (dazu zählen virtuelle Hintergründe, Requisiten, Blut und im Computer nachgearbeitete optische Akzente wie das Blinken von Glas oder der von fliegenden Geschossen gebildete Luftkanal), eröffnete die virtuelle Kamera unendliche Möglichkeiten für Varianten und Komposition der Bilder ? was herauskam, nannte das ?Matrix?-Effekte-Team ?virtuelles Kino?. Im virtuellen Kino der wirklich handfesten Schlägerei folgt die entfesselte Kamera Neo und dem Agenten Smith, während ihre Schlacht eskaliert: Nachdem sie mit ihren Schlägen die Erde erbeben lassen, setzen sie ihre Keilerei in schwindelerregenden Höhen fort. Erst das virtuelle Kino macht es möglich, in beispiellosem Detail zu zeigen, mit welch surrealer Gewalt Neos Faust beim letzten Schlag auf das Gesicht von Agent Smith trifft: Unmögliche Bilder werden aus unmöglichen Kamerawinkeln festgehalten, während die Handlung mal in extremer Zeitlupe gezeigt wird, um dann wieder auf Überschall-Zeitraffer umzuschalten. Dieser Augenblick hat den Anspruch, die absolut realistischste, dynamisch bewegte, im Computer generierte Großaufnahme eines menschlichen Gesichts zu präsentieren, die es je gegeben hat. (Zur Erinnerung an diese Leistung ließen die Wachowski-Brüder und Joel Silver dreidimensional gestaltete Relief-Medaillons der dramatischen Endfassung der Einstellung in Bronze gießen ? sie sind als Geschenk für die Gäste der drei ?Revolutions?-Premieren in Los Angeles, Sydney und Tokio bestimmt.) Einen Prototyp dieser Art Hyper-Realität bildete in ?Matrix? jener Helikopter, der in einen Wolkenkratzer kracht und auf der Oberfläche des Gebäudes einen Kräuseleffekt wie auf einer Wasseroberfläche auslöst. Die Filmemacher ignorieren die üblichen physikalischen Gesetze, weil in der algorithmischen Welt der Matrix optische Ausrutscher wie der surreale Kräuseleffekt eher normal wirken. ?Reloaded? und ?Revolutions? übertreffen alle Erwartungen, weil diese fantastische neue Optik deutlich weiter entwickelt wird. Neben den innovativen visuellen Effekten, die die wirklich handfeste Schlägerei erheblich intensivieren, übernahm Gaetas Team auch die Entwicklung bahnbrechender Animationstechniken, um die Visionen der Wachowskis zur Belagerung umzusetzen. In ?Revolutions? werden alle Grenzen der Animation gesprengt, wenn es um den Vernichtungskampf geht, den die von Zion-Rebellen gesteuerten Armored Personal Units (APUs; bemannte Panzereinheiten) gegen die wütend heranstürmenden Wächter und Digger der Maschinenarmee führen. Mit Hilfe einer neuen Generation von ?Verhaltensanimation? und anderen mit Hilfe künstlicher Intelligenz entwickelten Methoden bevölkerte das Team der Experten für visuelle Effekte auch die Maschinenstadt mit ihren Massen biomechanischer Bewohner. Die wie Insekten gestalteten Wesen, aber auch die gewaltigen Stadtlandschaften Zions und der Maschinenstadt gehen alle auf die unverwechselbaren Entwürfe von Geof Darrow zurück (er schuf extrem detailfreudige Comic-Klassiker wie ?Hard Boiled?). In der Tradition aktueller japanischer Zeichentrickfilme zeigt ?Revolutions? fotorealistische, dreidimensionale Darstellungen natürlicher Phänomene wie Wetter, Wasser und Flammen, um Intelligenz, Verhaltensmustern und Charaktereigenschaften eine impressionistische Gestalt zu verleihen. Dutzende von Details in ?Revolutions?, von Blitzen bis zu Explosionen, wurden von Design, Stil und Umsetzung her völlig neu durchdacht. ?Die Brüder sind besessen davon, übernatürliche Ereignisse sichtbar zu machen?, verrät Gaeta. ?Immer wieder bemühen wir uns, einen Mittelweg zwischen Chaos und Ordnung zu finden ? man kommt sich vor, als ob man eine Springflut in einen Bilderrahmen hängt.? Immer wieder schauten sich die Trickgurus im Filmhauptquartier Darrows bahnbrechende Zeichnungen an, aber auch Filme wie ?Alien? (Alien ? Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt); ?2001: A Space Odyssey? (2001 ? Odyssee im Weltraum); ?Vertigo? (Vertigo ? Aus dem Reich der Toten); ?Apocalypse Now? (Apocalypse Now); ?Koyaanisqatsi? (Koyaanisqatsi) und ?Powaqqatsi? (Powaqqatsi; zwei stark stilisierte Dokumentationen über das Leben auf der Erde); den IMAX-Film ?Blue Earth?; ?20,000 Leagues Under the Sea? (20.000 Meilen unter dem Meer). Oder auch Dokus über den Kampfsport Ultimate Fighting, die ?Hindenburg?-Katastrophe, U-Boote des 19. Jahrhunderts, das Leben unter Wasser, Rocky Marciano und andere Schwergewicht-Champions; Reality-TV-Serien über Autounfälle und Verfolgungsjagden; Forschungsfilme mit Zeitlupenaufnahmen von Auto-Aufprallstudien; Dokus über die Produktion von Robotern, Glasbläserei, den Bau des Chunnels (des Tunnels zwischen Frankreich und England), künstliche Intelligenz; und eine Zusammenstellung von Animé-Szenen speziell mit Explosionen jeder Größenordnung. ?In ,Reloaded? konzentrierten wir uns im virtuellen Kino auf hyperreale Darstellungen übermenschlicher Ereignisse wie die handfeste Schlägerei, die Autobahnjagd und den durch die Luft fliegenden Neo?, erklärt Gaeta. ?In ,Revolutions? beschäftigen wir uns vor allem mit epischen, apokalyptischen Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Maschine, aber auch mit gigantischen Hintergrundpanoramen in der realen Welt, zum Beispiel in der Maschinenstadt und in Zion. Mit unserer Arbeit an beiden Filmen finden wir hoffentlich Anschluss an die wichtigsten Vertreter des düsteren Science-Fiction-Kinos à la ,Blade Runner?, ,Alien? und die vielen weiteren filmgeschichtlichen Meilensteine mit hochklassigen Effekten.? Die gewaltige Menge der benötigten virtuellen Effekte und die dafür notwendige Arbeitszeit erforderten jedenfalls, dass Gaeta einen Teil seiner Aufgaben an andere Effekte-Firmen delegierte, die unter seiner Leitung bestimmte Trickszenen schufen. Zu diesen Firmen zählen: BUF (dort entstanden die Code-Sequenzen und weitere besondere Wahrnehmungseffekte); Tippett Studios (zuständig für voll-digitale Hintergründe und komplexe Monster-Szenen); Sony Imageworks (hier wurden die Tunnel-Szenerie und die 1:1-Szenenelemente in den Tunneln betreut); und Giant Killer Robots (zuständig für die Untergrund-Szenerie). Um bei den komplizierten Abläufen des virtuellen Kinos von den Testaufnahmen bis zur Endfertigung die Übersicht zu behalten, entwickelte Gaetas Team gemeinsam den ?Zion Mainframe?, den umfangreichsten Rechner für Informationsaustausch und Organisation, der je für einen Spielfilm eingerichtet wurde. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Suchmaschine, sondern um ein ganz neuartiges Arbeitsgerät, das die Zusammenarbeit aller Abteilungen erleichtert, in dem Artworks, Design-Entwürfe, Storyboards allen Mitarbeitern digital zur Verfügung stehen, aber auch Drehpläne, 3-D-Modelle der Testaufnahmen, Modelle in hochauflösender Videotechnik, Quicktime-Versionen aller gefilmten Aufnahmen (die über ein digitales Archiv der chronologisch erfassten Muster abrufbar sind), schließlich auch die endgültigen Backup-Versionen von genehmigten Trickaufnahmen der Zulieferfirmen. Nach aktueller Zählung haben über 1000 Künstler in den Bereichen Spezialfotografie, physikalische Effekte, Pyrotechnik und Digitaltechnik an den virtuellen Effekten in ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? mitgearbeitet. Das Konzept für die Revolution Die Wachowski-Brüder sehen ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? als epische Filmeinheit, die dem Publikum aber in zwei Kapiteln jener dreiteiligen Geschichte präsentiert wird, die mit ?Matrix? begann. Für Teil 2 und 3 war ein strapaziöser Drehplan von 270 Tagen erforderlich. Die Dreharbeiten begannen im März 2001 in Oakland an der Bucht von San Francisco, wo die letzte Einstellung im Juni gedreht wurde. Nach einer kurzen Sommerpause wurde ab September im australischen Sydney weitergedreht ? dort war 1998 der gesamte erste Teil ?Matrix? entstanden. ?Reloaded? und ?Revolutions? wurden überwiegend in den Fox-Studios in Sydney gefilmt. Im August 2002 fiel dort die letzte Klappe.Allein in Australien entstanden durch den Film über 3500 Arbeitsplätze. Neben 80 Profi-Darstellern wirkten Hunderte von Statisten mit. ?Das war ein umfangreiches Unternehmen?, sagt Produzent Joel Silver. ?Auf der Lohnliste standen regelmäßig fast 1000 Mitarbeiter. Glücklicherweise konnten wir auf das unglaubliche Team zurückgreifen, mit dem wir den ersten Film gemacht haben.? Als einer der ersten Künstler wurde Geof Darrow für die ?Matrix?-Trilogie engagiert: Seine Comic-Illustrationen, zum Beispiel für das fröhlich-wahnsinnige ?Hard Boiled?, inspirierten die Brüder beim Entwurf ihres eigenen post-apokalyptischen Universums. Für die Maschinenwesen und Sets in ?Matrix? schuf Darrow bis ins kleinste Detail ausgestaltete, fast quälerisch komplizierte Designs. In derselben Funktion wirkte er auch an ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? mit: Er lieferte Konzeptentwürfe für Zion, die unheimliche, riesige Maschinenstadt und die den Insekten nachgebildeten Maschinenwesen, die Wächter mit ihren gefährlichen Tentakeln sowie die Kriegsflotte von Zion und die APUs (Armored Personal Units). Um die Entwürfe zu ?Reloaded? und ?Revolutions? mit Leben zu erfüllen, waren in der Ausstattungsabteilung unter der Leitung von Produktionsdesigner Owen Paterson zu jedem Zeitpunkt mindestens 400 Mitarbeiter im Einsatz. Bei ?Matrix? war Paterson mit 30 Sets ausgekommen, diesmal verantwortete er etwa 70 Sets für jeden Film, zusammen fast 150 Sets. ?Mit dem Bau hatten wir eine Menge Arbeit, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir nur über eine begrenzte Anzahl von Studiohallen verfügen konnten?, berichtet Paterson. ?Einige Sets kamen nur ganz wenige Drehtage zum Einsatz. Hugh Bateup und sein Ausstatterteam haben eine gewaltige logistische Leistung vollbracht ? dank ihm und den Bauteams war das überhaupt erst möglich. Sie waren ständig auf Trab, stellten ein Set fertig, um es nach den Aufnahmen sofort wieder abzureißen und Platz für den nächsten Set zu schaffen.? Die schwierigste Aufgabe stellte sich für Paterson und sein Team mit dem Bau der senkrecht ins Erdreich konstruierten unterirdischen Stadt Zion. ?Zion unterscheidet sich völlig von der Matrix?, erklärt Paterson. ?Hier hat man mit High-Tech nichts im Sinn. Die Höhle befindet sich tief im Innern der Erde. Man fühlt sich an das Industrie-Design des frühen 20. Jahrhunderts erinnert ? sehr heruntergekommen, aber immer noch funktional und praktisch.? Zion besteht aus verschiedenen Ebenen ? auf der obersten befindet sich ein Dock, ein Landeplatz für die Hovercrafts. Die Zion-Soldaten, unterstützt von mutigen Freiwilligen wie Zee, Charra und Kid, verteidigen das Dock verzweifelt gegen die einfallenden Wächter. ?Das Dock-Set sieht aus wie eine große gewölbte Zisterne, hier können Flugboote auf flugzeugträgergroßen Landezonen andocken, es gibt Passagen für Fußgänger, Munitionsbunker und Aufzüge?, erzählt Paterson. ?Alles wirkt sehr altersschwach und reparaturbedürftig, wir halfen kräftig mit rostiger Patina nach.? Als Teil der vorbereitenden Designs gestaltete Patersons Team im Rechner 3-D-Modelle des Zion-Docks und aller weiteren Schauplätze in der Stadt, außerdem Modelle der Cockpits und Decks der Hovercraft-Flotte. Diese Modelle lassen sich von allen Seiten betrachten, sie dienten den Effekte-Experten dazu, Zion und den apokalyptischen Kampf während der Belagerung möglichst realistisch zu gestalten. Zahlreiche Filmabteilungen arbeiteten fast ein Jahr gemeinsam an der praktischen Umsetzung der Vision, die die Wachowskis für das APU-Korps in den Raum gestellt hatten. Die APUs (Armored Personal Units) sind gigantische Kampfmaschinen, die von der Zion-Armee bei der Verteidigung gegen die Wächter-Invasoren eingesetzt werden. Die Requisiteure stellten nach den Vorgaben von Geof Darrow und dem im Computer gestalteten Modell eine nicht funktionierende Maschine in Originalgröße her: ein über vier Meter hohes Stahlskelett aus zweieinhalb Tonnen Stahl. Die Bewegungsmöglichkeiten und die Bewaffnung war nur eingeschränkt vorhanden, aber das Modell diente den Effekte-Experten für die Weiterentwicklung und die Animation. Der abnehmbare Torso der APU wurde später bei den Dreharbeiten für Nahaufnahmen eingesetzt. Wenn Schauspieler an den Schalthebeln der APUs zu sehen sein sollten und keine visuellen Effekte für die Einstellung nötig waren, stand für die Aufnahmen ein vom Design-Team entworfenes Gefährt zur Verfügung, das von unten kräftig geschüttelt werden konnte, um die dramatischen Bewegungen der Hochleistungsmaschine zu simulieren. Die real aufgenommenen Einstellungen der Schauspieler wurden später nahtlos mit den Effekt-Einstellungen der sich bewegenden APUs verschmolzen. ?Die APU mit ihren verschiedenen Elementen besteht aus mehr als 1000 Einzelteilen?, überlegt Paterson. ?Dazu war es nötig, dass ein sehr großes Team äußerst präzise zusammenarbeitete ? sonst hätten wir diese komplizierte Maschine nie zum Laufen gebracht.? (John Gaeta, Leiter der visuellen Effekte, und Konzeptkünstler Geof Darrow sind in der unerträglich spannenden Belagerungssequenz in Gastrollen als APU-Lenker zu entdecken.) Obwohl die Belagerung im Wesentlichen aus spektakulär kombinierten visuellen Effekten besteht, lieferte die Ausstattungsabteilung eine Reihe konkreter Sets für die explosive Sequenz. Für Zees und Charras Angriff auf die Digger, bei dem sie es mit tief fliegendem Schrott und den tödlichen Tentakeln heranschwirrender Wächter zu tun bekommen, baute das Team Verteidigungsgänge ? Röhren aus Stahl und Beton, ausgerüstet mit Leitern und Luken ? und den Wartungskanal der oberen Ebene, wo die Frauen eine riskante Verzweiflungsattacke wagen. In der Ausstattungsabteilung entstanden auch mehrere Wächter, ?aber nur tote?, verrät Paterson. (Sein Team lieferte sieben ?Helden?-Wächter und 30 schrottreife Exemplare.) ?Der ursprüngliche Prototyp entstand im Computer. Nach diesen Vorgaben bauten wir in der Requisitenabteilung den ersten realen Wächter. Von diesem erstellten wir dann eine Gussform, gossen Kopien, die dann den endgültigen Anstrich bekamen. Das Aussehen der Computer-Wächter orientiert sich exakt an unserem Real-Modell. Die toten Wächter ließ ich vor allem anfertigen, um ihre fantastischen Formen in den Gängen, Aufzügen und Bunkern zu drapieren. Ich wollte die Chaos-Struktur anreichern, die sich aus dem Geröll, den Patronen und dem Schrott gestürzter APUs ergab. Außerdem wollte ich unseren Schauspielern etwas Anschauungsmaterial liefern, damit sie eine Vorstellung von den glitschigen Tentakeln bekamen, die später vom Effekte-Team eingefügt wurden. Wie bei den APUs haben wir auch bei den Wächtern mit den anderen Abteilungen sehr eng zusammen gearbeitet ? jeder hat sich in seinem Bereich selbst übertroffen.? Oft mußste Patersons Abteilung den gleichen Set in zwei oder drei Versionen bauen, um die Phasen fortschreitender Zerstörung darstellen zu können. Sets wie die Garderobe im Club Hell und der Dunkle Turm ? der einzeln stehende Wolkenkratzer, durch den Neo und Smith während ihrer wirklich handfesten Schlägerei brettern ? mußsten robust gebaut sein, um reichlich Action auszuhalten. ?Auch hier sprachen wir uns genau mit den Effekte-Leuten ab?, sagt der Designer. ?Überall mußsten wir Sollbruchstellen einbauen, Teile der Sets sollten zusammenbrechen, viele Objekte krachten von oben durch die Sets; Leute wurden gegen Mauern geschleudert; reichlich Einschüsse ? der Sicherheitsstandard für Explosionen in unmittelbarer Nähe der Akteure war hoch. Das mußsten wir beim Bau der Sets mit bedenken.? Daneben lieferte Paterson mit seinem Team eine kleine Armee von Agent-Smith-?Puppen?, die als Zuschauer bei der wirklich handfesten Schlägerei eingesetzt wurden, damit das Effekte-Team in der Nachbearbeitung nicht allzu viele Smiths im Computer generieren mußste. ?Hugh Bateup und Peter Wyborn haben sich um äußerste Realitätsnähe der Gussformen bemüht, sie führten akribische Tests für die Hautfarbe durch, arbeiteten die Gesichtskonturen sauber nach und ließen hochwertige Perücken anfertigen. Ihre Smith-Puppen sahen wirklich wie Hugo aus?, lobt Paterson seine Mitarbeiter. Dem Abwasserkanal-Set der realen Welt verpasste das Ausstattungsteam einen Look, der an alte, verfallene Gebäude erinnert: gewaltige Tunnel, die aus Rohren bestehen. Diese Kanäle benutzt die Rebellenflotte, um zwischen Zion und der Sendeebene der Matrix zu navigieren. ?Das ist ein gefährliches Pflaster, mit großer Detailliebe ausgestaltet: Man kommt sich vor, als ob hier seit 1000 Jahren niemand etwas instandgesetzt hat?, stellt Paterson fest. ?Dennoch spürt man, dass hier Menschen mit unbändigem Lebenswillen am Werk sind ? sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben.? Wenn irgend möglich, verwendete Patersons Team die Materialien mehrfach. Die Sets wurden so angelegt, dass bestimmte Elemente in unterschiedlichen Kulissen eingesetzt werden konnten. Als die Szenen mit dem Autobahn-Set in ?Matrix Reloaded? abgedreht waren, blieben 2,5 Kilometer bestes Bauholz übrig. Statt es wegzuwerfen, ließ der US-Aufnahmeleiter Peter Novak es nach Mexiko verfrachten, wo es beim Bau von 100 Sozialwohnungen verwendet wurde. Die ?Revolutions?-Sets wurden auf andere Weise recycelt, wie Paterson erklärt: ?In dem Film geht es vor allem um Kurven und Bögen. Stahl. Noch mehr Bögen. Komplizierte Ornamente. Kaum ein Set kann man als so normal bezeichnen, dass es leicht wiederzuverwenden und zu recyceln wäre.? Doch der findige Designer verwendete Elemente des einen Sets in veränderter Form auch in anderen Sets, um Kosten und Material zu sparen. Die Sets der Schiffe Nebukadnezar, Mjolnir und Vigilant wurde auf demselben Fundament errichtet, auch die Mechanik der Stühle ist dieselbe, nur die Ausstattung und die Anordnung der Wände wurde variiert. Der Club Hell und die Sub Metro entstanden ebenfalls auf ein und demselben Rumpf-Set. Auch mit der Kostümbildnerin Kym Barrett stimmte sich Paterson sehr eingehend ab, um sicherzustellen, dass die von ihnen verwendeten Farben harmonierten. ?In der Matrix herrscht immer ein blassgrüner Ton vor, während die reale Welt eher blau getönt ist?, sagt er. ?Die Farben der Sets heben die Kostüme besonders hervor, während deren Farben wiederum sehr oft mit den Sets korrespondieren.? ?Letztlich entstammt das komplette Produktionsdesign den Köpfen von Larry und Andy?, gibt Paterson zu. ?Es ist eine wunderbare Sache, vom geschriebenen Wort auszugehen, es in einer gezeichneten Skizze auf Papier umzusetzen und daraus dann einen konkreten dreidimensionalen oder virtuell im Computer erstellten Set zu konstruieren. Ich bin stolz darauf, dass ich mit meinen talentierten Mitarbeitern an dem Prozess mitwirken und mit den Brüdern zusammenarbeiten durfte.? Outfits für die reale Welt und die MAtrix Die Kostümbildnerin Kym Barrett entwarf für ?Matrix Reloaded? und ?Matrix Revolutions? buchstäblich Tausende von Kostümen. Dabei achtete sie darauf, der Entwicklung der Figuren auch in ihrer Kleidung Rechnung zu tragen ? wobei das Design der drei Filme insgesamt natürlich immer stimmig bleiben mußs. ?Neo und Trinity machen beide im ersten Teil eine lange Reise, verwandeln sich in neue Menschen?, stellt Barrett fest, die während der Produktion zwei Kinder geboren hat.?Neo denkt nicht mehr darüber nach, ob er der Erwählte ist oder nicht, und Trinity weiß jetzt genau, dass sie Neo liebt und an ihn glaubt. Diese neu gewonnene Selbstsicherheit drücken wir auch in ihren Kostümen aus.? In den Outfits für Morpheus sollte Barrett anklingen lassen, dass seine Führungsrolle beim Aufstand gegen die Maschinen immer mehr an Bedeutung gewinnt. ?Im Gegensatz zur Matrix herrscht in der realen Welt eher der Grunge-Look vor. Eine Ausnahme bildet Morpheus, der auf sein Aussehen achtet und Haltung bewahrt?, stellt Barrett fest. ?Seine Kraft zieht er aus der Überzeugung, dass Neo der Erwählte ist und den Krieg beenden wird, und diese Selbstsicherheit drückt er auch durch seine Kleidung aus, ob an Bord der Nebukadnezar, in Zion oder in der Matrix.? ?Kym ist ein schöpferisches Genie?, bestätigt Laurence Fishburne. ?Das kommt in den Details zum Ausdruck. Zum Beispiel die Schuhe, die sie für Morpheus ausgesucht hat ? die sind echt cool. Ich finde sie traumhaft! Erst dadurch wird die Filmfigur lebendig.? Barrett entwarf persönlich alle Schuhe der Hauptdarsteller, auch Morpheus? lila Boots aus Alligator-Lederimitat. Sie wurden von Andre No. 1 handgefertigt. Von allen Schuhen stellte man mehrere Paare bereit, um nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Stuntleute auszustatten. Wie schon für ?Matrix? stellte Barrett jedes Kostüm in unterschiedlichen Versionen zur Verfügung, um den verschiedenen Szenen gerecht zu werden: Kopien des Originalkostüms wurden aus dehnbarem Material gefertigt, damit sich die Darsteller in den Kampf- und Action-Szenen freier bewegen konnten. Andere Kostümversionen stimmte man spezifisch auf die Drahtseil-Korsetts ab. Die Kostümvarianten für Hugo Weaving und die Doubles des Agenten Smith stellte Barrett gleich hundertfach bereit. Während des feuchten Showdowns der wirklich handfesten Schlägerei mußsten Weaving als Smith und Reeves als Neo sowie die zahlreichen Smith-Doubles fast zwei Monate in strömendem Regen drehen. ?Unsere Abteilung arbeitete daher ein kompliziertes System aus, um für alle Beteiligten warme, trockene und sichere Kostüme bereitzustellen?, erinnert sich Barrett. ?Wir wussten vorher, dass die Darsteller unter diesen Bedingungen ? zwei Monate lang täglich zwölf Stunden ? langsam aber sicher zermürbt würden. Wir haben also alles Erdenkliche getan, damit sich die Akteure in ihren nassen Kostümen so wohl wie nur irgend möglich fühlten. Wir teilten unser Team auf, unsere Leute waren also praktisch rund um die Uhr im Einsatz um sicherzustellen, dass morgens alles vorbereitet und trocken war.? Unter der Leitung der für die Frisuren zuständigen Judy Cory fertigte die ?Matrix?-Frisurenabteilung 182 ?Hugo?-Perücken an, um alle Smith-Doubles zu versorgen und auch für mehrfachen Ersatz in den Regenszenen gerüstet zu sein. Weaving erinnert sich: ?Alle meine Doubles standen da im Regen mit perfekt gestylten Frisuren, doch mein eigenes Haar rutschte mir trotz massiver Unterstützung durch Haarspray sehr bald in die Stirn. Ich mußste schließlich eine Perücke mit meiner eigenen Frisur tragen!? Seine umfassende Doppelgänger-Erfahrung brachte Weaving in mehr als einer Hinsicht ins Grübeln und zum Schmunzeln. ?Na ja, jetzt fällt mir auf, wie mir die Haare ausgehen?, sagt er. ?Normalerweise schaue ich in den Spiegel und bin mit mir recht zufrieden. Aber als ich meine Doubles jetzt von der Seite sah ? igitt!? Doch der Regen war noch gar nichts im Vergleich zur schwierigsten Aufgabe für Barrett und ihre ?Matrix?-Kostümabteilung, nämlich die Einkleidung der Bewohner von Zion für die aufwändige Belagerungssequenz. ?Das war ein gigantisches Unterfangen?, gibt Barrett zu. ?Wir mußsten Hunderte von Schauspielern, Stuntleuten und Statisten ausstaffieren, ihre Kleidung sollte rostfarben sein, sehr einfach, aber vornehm ? wie es Zion eben entspricht.? Konfektionskleidung oder synthetische Stoffe kamen nicht in Frage ? was die Aufgabe nicht einfacher machte. ?Zion befindet sich im Mittelpunkt der Erde, dort sorgen Dampfmaschinen für die nötige Energie, es herrscht also große Hitze?, erklärt Barrett. ?Wir stellten uns vor, dass Nutzpflanzen dort in Wasserkulturen angebaut werden, weil dafür nur Wasser und Wärme nötig sind. Wir entwarfen also Kleidung, die aus Hanf gefertigt sein könnte, aus Naturfasern. Wir haben recherchiert, wie das im alten China, in der Mongolei gehandhabt wurde, schauten uns eine Menge Mumien an, die man in wunderbar gewebten Naturfasern beerdigt hatte, als es noch keine Seide gab. Als Vorbilder dienten uns Formen und Stoffe, die wir als sehr fein und schön empfanden, die aber naturbelassen waren.? Grundsätzlich entschied sich Barrett beim Look der Zion-Bürger für helle Farben, die einen Kontrast zu ihrer düsteren Umwelt bilden sollen. ?Zion ist eine belagerte Stadt?, erklärt sie. ?Die Kleidung, die die Menschen dort anfertigen und tragen, ist also eher praktisch als modisch. Gleichzeitig sind sie aber auch stolz auf ihre Geschichte und ihre handwerklichen Fähigkeiten, und ihre Kleidung ist Ausdruck dieses praktischen Gemeinschaftssinns.? Auch dass Zion nach militärischen Gesichtspunkten durchorganisiert ist, die die äußerst schwierige Situation der Armee reflektieren, mußste Barrett bedenken: ?Es bleibt den Menschen dort sehr wenig Zeit, sie stehen unter gewaltigem Druck, in der Armee ist bereits eine Art Söldnermentalität zu spüren. An der Kleidung lässt sich also eine klare Hierarchie ablesen ? die Captains tragen Weinrot und Rot, die Leutnants Dunkelblau ?, aber eine entscheidende Rolle spielt die nicht, weil im Augenblick andere Probleme Vorrang haben. Wir unterscheiden also beispielsweise kaum zwischen den einzelnen Schiffsbesatzungen. Sie gehören alle derselben Armee an, etliche Kämpfer sind gefallen, die Besatzungen müssen von anderen Schiffen zusammengeborgt werden. Letztlich dienen sie alle unter demselben Kommandeur und verfolgen dasselbe Ziel.? Für Jada Pinkett Smith als Niobe, den einzigen weiblichen Kapitän der Zion-Flotte, entwarf Barrett eine spezifische Kleidung, die ihre charakterlichen Widersprüche zum Ausdruck bringt. ?Niobes Kostüm soll feminin wirken, aber auch ihre Kraft demonstrieren?, sagt Barrett. ?Ich versuchte mich an ihrem Charakter zu orientieren: Wie macht man aus der äußerst zarten, wunderschönen kleinen Elfe Jada Pinkett Smith eine muskelbepackte Frau, die ein Schiff kommandiert? Teilweise hat sie ihren Körper dafür trainiert, teilweise spielt sie ihre Rolle überzeugend, und teilweise kommt es darauf an, wieviel ich von ihren Armen zeige. Außerdem soll man an ihrem Outfit merken, wie eng sie mit Morpheus verbunden ist. Also steckten wir Jada in Alligator-Lederimitat, und ich entschied mich für Weinrot, weil es so wunderbar zu ihrer Haut passt.? Bei den Entwürfen für die finsteren Bewohner der Matrix ging Barrett völlig anders vor. Sie ließ sich von berühmten Darstellungen böser Märchenfiguren inspirieren und versuchte in der Kleidung ein ?Hardcore-Fantasy-Image? auszudrücken ? das kommt zum Beispiel bei dem schwerreichen Merowinger und seiner betörenen Frau Persephone zum Ausdruck. ?Für mich sind der Merowinger und Persephone König und Königin der Hölle?, schwärmt Barrett. ?Aus ,Schneewittchen? stammt die Idee, dass die Bösen sich in Gummi kleiden.? ?Kyms Kostüm für mich ist eine traumhafte Leistung ? sie trifft damit den Nagel auf den Kopf?, sagt Monica Bellucci, über deren Figur es im Drehbuch heißt, sie sei ?Sex und Tod, eingezwängt in ein Geschäfts-Outfit aus Latex?. ?Als ich es anzog, fühlte ich mich sofort wie Persephone.? In ?Revolutions? halten Persephone und der Merowinger Hof in einem zwielichtigen Matrix-Underground-Nightclub namens Club Hell. Die Statisten im Club tragen ein Großteil zur düster-dekadenten Atmosphäre bei. ?Uns schwebte so etwas wie hochstilisierter Fetischismus vor, aber wir wollten auch Assoziationen zu Boschs Höllengemälden wachrufen?, definiert Barrett ihr Vorgehen. ?Auf diesen Gemälden verschmelzen die Menschen teilweise mit den Fabelwesen ? entsprechend kostümierten wir die Schauspieler, indem wir verschiedene animalische Elemente in die Figuren integrierten, sie wirken fast wie die Wasserspeierfratzen an gotischen Kathedralen. Daraus ergibt sich eine Symbiose aus modernem Club und Fantasy-Welt.? Für die Kostüme des Merowingers und seine Leibgarde kreierte Barrett eine auffällige Kombination aus Stil und Funktionalität: ?Wir haben möglichst historische Schnitte verwendet, viele Fellmuster auf Stretch, um die alte Welt mit der Moderne zu mischen. Sie sollten sehr eng anliegende, sehr dehnbare Anzüge tragen, damit man ihre Körperformen gut wahrnehmen kann, wenn sie durch die Luft fliegen. Denn sie müssen reichlich um sich treten und hängen oft an Drahtseilen.? Zu den Helfershelfern des Merowingers zählt auch der Trainman, eine glutäugige Erscheinung in zerknittertem Mantel mit etlichen Uhren am Arm: Der Trainman betreibt die Zuglinie zwischen der Maschinenwelt und der Matrix. ?Er ist der Fährmann zwischen den zwei Welten, die Brücke über den Fluss, ist also mythisch angehaucht?, erklärt Barrett. ?Die Brüder hatten sehr spezifische Vorstellungen, wie die Figuren im modernen Kontext aussehen sollen, aber ich habe versucht, zusätzlich noch das Gefühl zu vermitteln, dass hinter all dem noch etwas Bedrohliches lauert, eine grundsätzliche, unterbewusste Ebene, wie wir sie alle aus den Märchen und Mythen kennen. Wir haben ganz hervorragende Bösewichte zu bieten, durchaus keine 08/15-Schurken ? in Bezug auf mein Arbeitsgebiet sind sie ganz klar diejenigen, die am meisten Spaß machen.? |
|
|
|









