Das geheime Fenster

Produktionsnotizen

Der Weg von DAS GEHEIME FENSTER auf die Leinwand begann, als die Verantwortlichen bei Columbia Pictures von Stephen Kings Suspense-Story ?Secret Window, Secret Garden? aus der Anthologie ?Four Past Midnight? gefesselt wurden, über die ein amerikanischer Kritiker urteilte: ?Das Buch enthält vier atemberaubende Geschichten über das Böse, die sich in die Vorstellungskraft des Lesers brennen.?

Um die Novelle filmgerecht zu adaptieren, trat das Studio laut DAS GEHEIME FENSTER-Produzent Gavin Polone an den Regisseur und Autor David Koepp heran, der für Columbia Pictures bereits die meisterhaften Skripts zu Sam Raimis Spider-Man® und David Finchers Panic Room geschrieben hatte. ?Kings Story erinnerte uns an Koepps vorangegangene Regiearbeit Echoes ? Stimmen aus der Zwischenwelt?, sagt Polone, ?weil sie ebenfalls von einem Mann erzählt, der den Bezug zur Realität verliert. Auffällig sind weiterhin die Ähnlichkeiten zur klaustrophobischen Atmosphäre in Panic Room ? einem Thriller, der überwiegend in einer winzigen Kammer spielt.?

Koepp ergänzt lachend: ?Ich mag ?Ein-Mensch-auf-engstem-Raum-dreht-durch-Filme?, weil es mich als Autor fordert, eine spannende Story in streng begrenzten Rahmenbedingungen auszutüfteln. Obwohl es in DAS GEHEIME FENSTER auch Außenszenen gibt, spielt der Plot in seiner Essenz in Mort Raineys (JOHNNY DEPP) eng definiertem Lebensraum. Er ist jemand, der in einer sehr schlechten Phase seines Lebens viel zu viel Zeit zu Hause verbringt und ich wollte diesen Subtext von Enge und Paranoia ergründen. Das Gefühl des Eingesperrtseins kann ganz schrecklich sein und wenn furchtbare Dinge in den eigenen vier Wänden passieren, ist das besonders nervenaufreibend.?

Kings packend geschriebene Novelle untersucht das doppelte Unglück eines profilierten Schriftstellers, der eine schwierige Scheidung durchlebt und noch dazu unter einer Schreibblockade leidet. Als erfolgreicher Autor war Koepp in der Lage, sozusagen die Insider-Perspektive eines Mannes zu zeigen, den der nicht selten schmerzhafte Prozess des Schreibens plagt. Koepp dazu: ?Ich kann mich durchaus mit Mort identifizieren, weil ich seine Lebensumstände kenne.

Wie so viele Autoren besitzt er ein lebhaftes Innenleben, das er der Außenwelt oft nur schwerlich vermitteln kann. Wenn ich arbeite, bin ich auch allein in einer Schreibstube, ohne wirklich mit anderen Menschen zu interagieren. Dies zu ändern wird schwieriger, je länger man in seinem eigenen Kopf lebt. Und genau in diesem Moment, während Mort am emotionalen Tiefpunkt seines Lebens ist, platzt in unserem Film John Shooter (JOHN TURTURRO) sprichwörtlich zur Tür herein.?

Morts Unglück wird durch die Schreibblockade nur intensiviert und Koepp bemerkt dazu: ?Das Schreiben ist ein Prozess völliger Selbst-Motivation und wenn jemand depressiv ist, kann er sich kaum dazu aufraffen. Die Couch, auf der man sich lieber ausruhen und vor der Arbeit flüchten möchte, wirkt in dieser Phase ungemein verführerisch. Darum haben wir beim Casting der richtigen Couch für Mort enorme Sorgfalt walten lassen. Ich habe alle getestet und persönlich ein Schläfchen auf jener gemacht, die nun im Film zu sehen ist. Im Ernst: Ich kenne keinen Schreiber, der nicht eine wichtige Couch für ein Nickerchen sein Eigen nennt.?

Der Einfluss eines Berufsautoren, der zudem Regie führt, war ein großer Vorteil für Johnny Depp. ?Davids Input diesbezüglich war sehr inspirierend für meine schauspielerischen Entscheidungen?, kommentiert Depp, den ein gutes Verhältnis mit Koepp verband, weil beide zufällig denselben Tag Geburtstag haben. Beeindruckt zeigte sich der Mime davon, dass Koepp eigens an das Set von Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl (Fluch der Karibik, 2003) in die Karibik reiste, um Depp für die Rolle des Mort Rainey zu gewinnen.

Den Ausschlag für Depps Zusage gab letztlich aber die Qualität von Koepps Drehbuch. ?Beim Lesen des Skripts war mir schon nach ungefähr 10 Seiten klar, dass dies ein außerordentlich gut geschriebener Stoff ist. Die Dialoge sind lebensecht und nicht zwanghaft, die Situationen fühlen sich real an und die Story hat eine gewaltige Zugkraft. Es dauerte nicht lange, bevor ich mich völlig in Morts Gefühlen und seinem Dilemma verlor ? und als ich dann zu den raffinierten Wendungen des Plots kam, war ich ernsthaft geschockt. Ich hatte keine Ahnung, was auf Mort zukommen sollte und bin sicher, dass es den Zuschauern ebenso ergehen wird.?

Depp streicht heraus, dass er eine spezielle Affinität zu Schriftstellern besitzt. So freundete er sich mit dem legendären Journalisten und Gesellschaftskritiker Hunter S. Thompson an, als er diesen in Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegas (Furcht und Schrecken in Las Vegas, 1998) verkörperte. Des Weiteren wird er demnächst in Mark Fosters J.M. Barrie?s Neverland in der Rolle des ?Peter Pan?-Autoren J.M. Barrie zu sehen sein.

?Eine reichhaltige Vorstellungskraft ist für jeden Künstler essentiell?, sagt Depp, ?doch für niemanden so sehr wie für Schriftsteller. Da wird die Vorstellungskraft zum guten Freund ? doch sie kann auch zum schlimmsten Feind mutieren, wenn man von zu vielen Gedanken geplagt ist und eine Überdosis an Informationen durch den Schädel spukt. Das ist Mortys Problem. Er will eigentlich allein gelassen werden. Aber dummerweise kann er sich selbst allein nicht lassen.?

Koepp hatte die Vorahnung, dass ein Schauspieler wie Depp diese Rolle instinktiv verstehen würde und schickte ihm einen Brief, bevor er zu einem Treffen in der Karibik reiste. ?Ich ließ ihn wissen, dass ich ihn in DAS GEHEIME FENSTER zu besetzen hoffte, weil ich den Part speziell mit Johnny im Hinterkopf geschrieben hatte. Er ist ganz offensichtlich einer der großartigsten Schauspieler unserer Zeit, stets so verwandlungsreich wie innovativ und dabei doch sehr zugänglich für das Publikum. Eine Redewendung besagt, dass man gar nichts trifft, wenn man ins Allgemeine zielt, aber einen universellen Kern findet, wenn man spezifisch vorgeht.

Dieses Gleichnis fasst Johnnys Arbeit zusammen. Er geht sehr sorgfältig vor und zieht uns an, indem er kleine Momente der Wahrheit und der menschlichen Natur freilegt, mit denen wir uns identifizieren. Folglich vertrauen wir auch automatisch seinen Charakteren, so spontan oder unkonventionell sie angelegt sein mögen. Noch dazu ist Johnny ein furchtloser Schauspieler ? und in Bezug auf seine Rolle in DAS GEHEIME FENSTER ist es extrem selten, jemanden zu finden, den es so wenig schreckt, einen angsterfüllten Mann zu spielen. Unnötig, es zu erwähnen: Ich war restlos begeistert, als er zusagte!?

Koepps gutes Händchen setzte sich im weiteren Verlauf des Castings fort. ?Ich bin sehr glücklich, da wir jeden bekommen haben, den wir von Anfang an besetzen wollten. Das ist äußerst rar in Hollywood. Und als ich dann alle Schauspieler beisammen hatte, fühlte ich mich wie am Steuer eines fantastischen Wagens, den ich nur noch zu fahren brauchte, ohne in einen Baum zu krachen.?

Einen weiteren Casting-Coup markierte die Verpflichtung John Turturros in der Rolle des heimtückischen John Shooter. ?Ich wollte John für die Rolle?, erklärt Koepp, ?da er immer gänzlich in seinen Figuren aufgeht und organische, glaubwürdige Charaktere schafft. In Shooters Fall war diese Qualität eminent wichtig. Mit einer Aura des Mysteriösen taucht er aus dem Nichts auf, ohne dass die Zuschauer so recht schlau aus ihm werden, was durch Turturros Kunstfertigkeit eines Chamäleons perfekt intensiviert wird.?

Koepp konnte sich weiterhin einer heimlichen Bewunderung für Shooters Figur nicht erwehren, deren Gewaltbereitschaft schließlich aus künstlerischer Überzeugung entspringt, so verdreht sie in dieser Form auch sein mag. ?Ich sehe Shooter als reinen, kompromisslosen Künstler. Er schreibt für sich selbst, weil er es liebt, und schert sich überhaupt nicht darum, verlegt oder gemocht zu werden.

Im Gegensatz dazu ist Mort kommerzieller gepolt und hofft, dass die Leute seine Arbeit schätzen. Dieser Unterschied schafft einen dramatischen Konflikt zwischen beiden, denn Shooter kommt sprichwörtlich und sinnbildlich aus einer ganz anderen Welt. Er ist ein Farmer aus Mississippi, der sich hintergangen fühlt und im Folgenden ergründet der Film, ob Shooters Arbeit wirklich von Mort plagiiert wurde. Wir wissen nie, wer die Wahrheit sagt. Und obwohl wir zu Morts Version neigen, weil Shooter so irrsinnig erscheint und fürchterliche Dinge tut, bleibt ein Element des Zweifels zurück.?

Interessanterweise scheint es sogar eine gewisse kreative Gemeinsamkeit zwischen Shooter und seinem Erfinder Stephen King zu geben, wie Koepp erläutert. ?Stephen sagte bei einer Veranstaltung, dass er sich vom Schreiben zurückziehen wolle. Daraufhin fragte jemand, ob er etwa völlig mit seiner Arbeit aufhören wolle. Woraufhin King antwortete, dass er schon noch zu schreiben gedenke ? er werde in Zukunft nur nichts mehr veröffentlichen. Diese Haltung, denke ich, definiert einen echten Künstler. Er ist kreativ, ohne dafür ein öffentliches Podium zu suchen oder zu brauchen.?

Während Turturro natürlich mit Kings Werk vertraut war, wusste er gleichwohl den Einfluss des größten King-Fans in seiner Familie zu schätzen ? sein 13-jähriger Sohn. ?Ich hatte einige von Kings Romanen gelesen und Verfilmungen gemocht, aber letztlich machte mir mein Sohn unmissverständlich klar, dass ich das Angebot zu DAS GEHEIME FENSTER annehmen müsse. Er kennt seinen King, liest jedes meiner Skripts. Und an der Qualität dieser Adaption hatte er nicht den geringsten Zweifel.?

Ganz so wie Johnny Depp hat auch Turturro in der Vergangenheit schon als Literat vor der Kamera gestanden, als er den tragischen und seinerseits von einer Schreibblockade geplagten Helden in Barton Fink von den Gebrüdern Coen spielte. So besitzt auch er hohen Respekt vor der Arbeit von Schriftstellern. ?Mit dem Autor beginnt jede Geschichte?, sagt er, ?wenn er vor einem leeren Blatt Papier hockt, um eine komplette Welt zu erfinden. Ein gleichsam magischer wie eisenharter Prozess.?

Ob Shooter wirklich ein Schriftsteller, ein geistig gestörter Möchtegern-Autor oder jemand ungleich Schlimmeres ist, möge das Publikum laut Turturro bitte selbst entschlüsseln. Aber als Schauspieler war er natürlich von den psychologischen Tricks und Wendungen der Figur fasziniert und sagt: ?DAS GEHEIME FENSTER ist Genre-Neuland für mich, denn ich habe noch nie in einem psychologischen Thriller mitgespielt. Dementsprechend schwierig war auch die Gestaltung meiner Performance, von der ich erst am Set spürte, dass sie auch tatsächlich funktioniert.?

Ein weiterer Beweggrund zum Mitwirken an DAS GEHEIME FENSTER war für Turturro die Chance zur Arbeit mit Johnny Depp. Ihre beiden Figuren eint ein faszinierendes Band, wenn Shooter fanatisch beweisen will, das Opfer eines Plagiats geworden zu sein und Mort nicht minder eifrig versucht, diese Behauptung zu widerlegen. Dieses symbiotische Verhältnis führt im Verlauf des Filmes zu mehreren so intensiven wie verblüffenden Szenen, dass auch die zwei Schauspieler eine spezielle Beziehung zueinander suchten.

?Johnny ist ein sehr großzügiger Kollege und glänzt mit stilistischer Leichtigkeit. Was immer man ihm darstellerisch zuwirft, fängt er mühelos auf und wirft es einfallsreich zurück. Als Schauspieler ist es ein gewaltiger Vorteil, mit jemandem zu drehen, der so zugänglich für Kollegen ist. Und weil uns David viel Raum für psychologische Duelle gab, konnten wir das Beste aus unserer Zusammenarbeit herausholen.?

Eine weitere Schlüsselrolle kommt Maria Bello zu, die in DAS GEHEIME FENSTER als Morts entfremdete Ehefrau zu sehen ist. David Koepp über seine Hauptdarstellerin: ?Ich wollte seit längerem mit ihr drehen, denn sie kann verschiedene komplexe Emotionen zugleich verkörpern. Hier sollte das Publikum nie sicher sein, was es von dieser Frau zu halten hat. Ihre Figur ist wechselweise sympathisch und unsympathisch. Dafür brauchte ich eine Schauspielerin, die diese Dualität bewältigen konnte.?

Maria Bello, die aus der Serie Emergency Room bekannt ist und unlängst für ihre Rolle in The Cooler je eine Golden Globe- und eine SAG Awards-Nominierung als beste Nebendarstellerin erhielt, sagt über ihre Besetzung in DAS GEHEIME FENSTER: ?Ich bin ein riesiger Fan von Thrillern im Allgemeinen und von Stephen King im Besonderen. Als ich das Skript las, war ich regelrecht aufgewühlt und konnte den verblüffenden Ausgang der Story beim besten Willen nicht erahnen. Als ich David traf, platzte es einfach aus mir heraus, wie gut mir sein Drehbuch gefiel. Und als wir den Part miteinander diskutierten, stellte sich bald heraus, dass wir ähnliche Ideen für die Rolle hatten.?

Bello streicht heraus, dass ihre Figur der Amy in Sachen Stil, Lebenseinstellung und Temperament das genaue Gegenteil von Johnny Depps Mort verkörpert. ?Ich hielt es für eine interessante Abgrenzung, sie als eine Frau zu spielen, die strikte Kontrolle über ihr Leben zu behalten versucht, obwohl sich der Prozess ihrer Scheidung als zunehmend unerträglich erweist. Diese Selbstdisziplin wollte ich physisch manifestieren und trage darum zum Beispiel Haarverlängerungen à la Carolyn Bessette Kennedy. Amy sollte elegant und stark wirken, um den strengen Kontrast zu Morts nachlässigem Auftreten herauszustreichen.?

Als Amy in das zunehmend unvorhersehbare und gewalttätige Zentrum von Morts Existenz gerissen wird, kommen auf die Schauspielerin Maria Bello eine Reihe kniffliger Stunts zu. ?Ich war erstaunt?, reminisziert Koepp, ?wie sehr sie die physischen Anforderungen der Rolle genoss und am liebsten all ihre Stunts selbst machen wollte.? Bello erläutert: ?Ich habe meine Karriere mit einer Serie namens ?Mr. and Mrs. Smith? begonnen und damals schon Kickboxen und Kampf-Choreographien gelernt. Das gefiel mir! Und ich war froh, nun für DAS GEHEIME FENSTER wieder an dieses Training anzuschließen.?

Als nicht minder aufregend erwies sich freilich die psychologische Intensität vieler Szenen. ?Es gab da einmal eine viertägige Sequenz, bei der ich zwischenzeitlich befürchtete, dass mich meine Energie und Konzentration verlassen könnten. Aber dann übernahm sozusagen mein Adrenalin die Kontrolle, wie es sicher auch in der Realität wäre, wenn man mit bedrohlichen oder überraschenden Situationen fertig zu werden hat. Ich hörte regelrecht mit dem Denken auf und konnte die Szene mit perfekter Spontaneität zu Ende bringen.?

Neben ihrer Arbeit mit Johnny Depp hat Bello in DAS GEHEIME FENSTER auch mehrere Szenen mit Timothy Hutton, der im Film ihren neuen Liebhaber Ted darstellt. ?Es war ein Genuss, mit den beiden zu arbeiten, weil ich immer ein Fan ihrer Arbeit war und sich zwischen uns starkes Vertrauen aufbaute. Insbesondere Johnny beherrscht sein Fach mit beispielloser Souveränität und bereicherte seine Rolle ständig mit neuen Nuancen.?

Die kollaborative Atmosphäre ermöglichte es auch Hutton, seine moralisch ambivalente Rolle geschickt zu variieren und einen augenscheinlich netten jungen Mann zu spielen, unter dessen Oberfläche womöglich sinistre Züge lauern. ?Die Figuren in Davids Drehbuch?, sagt Hutton, ?sind ungewöhnlich vielschichtig und mir gefiel besonders gut, dass all unsere Erwartungen im Laufe der Story auf den Kopf gestellt werden. Auch bei Ted weiß man nie genau, was seine wahren Motive sind. Und für einen Schauspieler ist es ein großes Vergnügen, im Prinzip den ?good guy? und ?bad guy? in einer Person zu spielen.?

Hutton fährt fort: ?Mort ist ein Mann, dem sein Leben, die Arbeit und sogar seine Frau geraubt wurden, bis ein Teil von ihm die ganze Welt dafür verantwortlich macht. Doch im Laufe des Plots weiß man nie, wer ihm tatsächlich Böses wünscht. Es könnte ebenso Ted sein wie Shooter oder selbst Amy. Des Rätsels Lösung offenbart DAS GEHEIME FENSTER erst ganz zum Schluss ? ganz so, wie man es von einem hervorragend paranoidem Thriller erwarten darf.?

In der Rolle des New Yorker Detektivs Ken Karsch ist der Schauspieler und Regisseur Charles S. Dutton zu sehen, der Mort zu helfen versucht, als dessen Leben nach Shooters Auftauchen aus der Bahn gerät. Welche Ironie nur, dass sich Karsch als ebenso verletzlich erweist wie Mort, obwohl er mit seinen maßgeschneiderten Anzügen und der Attitüde eines Ex-Cops zunächst sehr smart und abgebrüht erscheint. ?Charles strahlt mit seiner tiefen Stimme und selbstsicheren Körpersprache extreme Autorität aus?, sagt Koepp, ?und wirkt darum genau wie jemand, an den sich Mort in seiner Not wenden würde.?

Kurioserweise kannte Dutton den Mann nur zu gut, den er in DAS GEHEIME FENSTER im Auftrag von Mort observieren sollte. ?Ich kenne John Turturro seit zwanzig Jahren?, meint der Mime, ?doch obwohl wir auf die selbe Schule gegangen sind, konnten wir nie zusammen drehen. Nun haben wir zwar noch immer keine gemeinsamen Szenen - aber wenigstens sind wir im gleichen Film!? Mit Depp drehte Dutton nach Gegen die Zeit indes zum zweiten Mal. ?Mit Johnny ist es immer ein Heidenspaß, denn er ist ein alter Profi und bringt automatisch Coolness an das Set und in seine Rollen.?

Über die Arbeit mit Koepp fügt Dutton hinzu: ?David ist selbstsicher, blitzgescheit und vor allem lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das Casting achtzig Prozent des Jobs ausmacht. Er weiß genau, was er will und inszenierte mich zum Beispiel sehr feinfühlig, als er vorschlug, dass ich Ken gegen meine Instinkte nicht gleich als harten Kerl anlegen, sondern mir diese Seiten für spätere Szenen aufsparen solle.

Als wichtig erwies es sich überdies, mit David auch jederzeit Zugriff auf den Drehbuchautoren zu haben. Wobei er keineswegs auf jedem Wort seines Skripts beharrte. Ganz im Gegenteil war er offen für Ideen und ermutigte uns immer zu Verbesserungen seiner Vision.?

?Im Laufe langer Dreharbeiten?, begründet Koepp seinen Modus Operandi, ?können alle Beteiligten ein wenig anästhesiert werden und da ist es wichtig, Schauspieler mit unerwarteten Änderungen aufzupeppen. So gibt es zu Beginn des Filmes eine Nachtszene, in der Mort seine Frau mit ihrem Liebhaber in einem Motel überrascht. Ich wollte, dass Maria und Timothy hier wirklich geschockt reagieren. Also bombardierten wir sie ohne ihr Wissen mit grellem Licht und übelstem Acid-Rock, was die gewünschte Verblüffung provozierte!?

Bello erinnert den Moment nur zu gut: ?Wir warteten zwanzig Minuten im Dunkeln und hatten nicht mal Davids ?Action?-Kommando gehört. Dementsprechend paralysiert waren wir, als Johnny plötzlich zu extrem lauter Musik durch die Tür platzte. So eine Idee zeigt, wie experimentierfreudig David als Regisseur ist.?

Eine ähnliche Überraschung ging indes völlig nach hinten los. ?Es gab einen Drehtag?, so Koepp, ?an dem Maria ununterbrochen Panik zum Ausdruck bringen sollte, und um sie ein wenig mehr aus der Fassung zu bringen, wollte ich sie bei einer neuerlichen Einstellung durch einen Pistolenschuss in die Luft erschrecken. Doch nachdem ich mich diebisch über die Idee gefreut hatte und die Crew heimlich mit Ohrstöpseln versorgt worden war, klang der Schuss so bedrohlich wie aus der Spielzeugpistole meines Sohnes. Statt zusammenzuzucken, brach Maria folglich bloß in Gelächter aus...?.

Über seine Faszination am Thrillergenre sagt der Regisseur weiterhin: ?DAS GEHEIME FENSTER passt thematisch sehr gut zu meinen vorangegangenen Arbeiten und da ich nur ein braver Kerl aus Wisconsin bin, bin ich froh, dass ich verstörende Impulse in meine Arbeit kanalisieren kann, ohne verhaftet zu werden. Ich glaube grundsätzlich, dass hinter der zivilisierten Fassade eines jeden Menschen düstere Seiten lauern. Doch wer lebt sie aus und wer nicht? Diese Frage fasziniert mich und ich bin sicher, dass es dem Publikum ebenso geht.?

Ein weiterer Bestandteil von Koepps Inszenierungsstil ist die Arbeit mit detaillierten Storyboards, die Koepp täglich an ein so genanntes ?Big Board? heftete (eine Reminiszenz an Stanley Kubricks Dr. Strangelove). ?Suspense-Sequenzen funktionieren nur?, sagt der Regisseur, ?wenn die Einzelteile exakt harmonieren. Was sieht eine Figur und was sieht sie nicht? Wie viele Informationen darf ein Bildausschnitt enthalten, ohne zu verraten, was in der nächsten Einstellung lauert?

Es ist alles eine Frage der Planung. Denn viel zu filmen und es am Schneidetisch zu kombinieren, ist kein Ersatz für Stil. Ich hatte bei DAS GEHEIME FENSTER den Luxus von viel Vorbereitungszeit und konnte am Computer sogar animierte Storyboard-Folgen erstellen und mit Dialogen versehen, um den Rhythmus von Szenen zu verfeinern. Das ist eine großartige Technik, die noch vor dem ersten Drehtag zeigt, wo man zu viele oder zu wenige Einstellungen geplant hat.?

Diese genaue Vorbereitung führte zu einem reibungslosen Produktionsprozess, ohne jedoch den Raum für spontane Änderungen einzuengen. ?Es gibt nichts Schlimmeres?, so Koepp, ?als auf Location zu sein und zu realisieren, dass der Dreh nicht gut genug durchdacht war. Storyboards verhindern solche Sackgassen. Aber mitunter sind auch Freiheit und Einfallsreichtum notwendig, wenn ich beispielsweise merke, dass ich besser aus dem Weg zu gehen habe und die Schauspieler selbst die Regie übernehmen. Dann mußs ich nur aufpassen, dass die Kamera richtig steht und die Kreativität der anderen einfängt.?

Koepp arbeitete nach Echoes ? Stimmen aus der Zwischenwelt zum zweiten Mal sehr eng mit Kameramann Fred Murphy zusammen, mit dem er zur Vorbereitung klassische Thriller wie Rosemary?s Baby oder Der Mieter und Beim Sterben ist jeder der Erste von John Boorman studierte. Daraus resultierte unter anderem die Entscheidung, DAS GEHEIME FENSTER im Format Widescreen Super 35 zu drehen ? eine interessante Wahl für einen Stoff, der Paranoia in geschlossenen Räumen und in der Gedankenwelt des Protagonisten thematisiert.

?Ich mag das Widescreen-Format?, erläutert Murphy, ?weil es Szenen öffnet und man Hintergründe auch mal ausfüllen kann, statt den Film unter der Last der Klaustrophobie zu ersticken.? Ein Problem dieser Praxis ist lediglich, dass sich Fehler in der Szenenkomposition ungleich schwerer verbergen lassen.

?Der Film zeigt zu großen Teilen einen Mann, der allein in seinem Haus ist?, erläutert Koepp, ?und um visuelle Barrieren zu überwinden, hat Fred häufig mit Reflektionen gearbeitet. So ist DAS GEHEIME FENSTER in vielerlei Hinsicht ein Film der Spiegelungen: Charaktere blicken in ihr Inneres und mögen nicht unbedingt, was sie dort finden. Indem wir viele Spiegel in Morts Haus angebracht haben, wird seine eigene Reflektion auch optisch auf ihn zurückgeworfen. Aber man mußs vorsichtig arbeiten.

So sehr Spiegel Räume öffnen können, so leicht kann man in einer komplizierten Komposition auch feststellen, dass plötzlich die Crew zu sehen ist.? Murphy fährt fort: ?Eine der Schwierigkeiten mit Einstellungen durch Spiegel oder Fenster sind die Veränderungen des Lichts, denn Reflektionen sind automatisch dunkler und müssen durch unsere Lichtsetzung angepasst werden.?

Koepp und Murphy arbeiteten des Weiteren mit sorgsam choreographierten Kamerafahrten auf Kränen und Schienen, um allmählich Morts Dämonen zu offenbaren. In einer Sequenz mit einem so genannten Technocrane-Shot fährt die Kamera sogar durch Morts Wohnzimmer-Spiegel, schleicht durch die Hütte und endet erst in der Auffahrt. Dabei wurde das Filmmaterial bearbeitet, um stärkere Grobkörnigkeit zu erreichen, während Rückblenden in Morts glückliche Zeiten mit Amy in ein sonniges Licht getaucht sind.

Diese Unterscheidung setzt sich auch in der Wahl der Kostüme durch Designerin Odette Gadoury fort, die erklärt: ?Wir kleideten Mort in Farben wie Burgunder, Braun und Blau, die einmal stark gewesen sein mögen, aber mit der Zeit verblichen und nun verraucht wirken. Damit wollten wir unterstreichen, dass Mort verletzlich wirkt, verloren zu gehen droht und sprichwörtlich ein Schatten seiner selbst ist. Ganz so, als sei er eine Figur aus der Serie ?Twilight Zone?, während er in Rückblenden sehr gesund wirkt und frische Farben trägt.?

Morts Verletzlichkeit wird äußerlich noch unterstrichen, wenn man ihn neben Shooter sieht, der sehr satte Farben und hart konturierte Kleidung trägt. ?Ich hielt ihn für bedrohlicher?, so Gadoury, ?wenn er immer dasselbe trägt und eine starke Silhouette besitzt. Etwas problematisch war nur die Tatsache, dass John Turturro kein Fan von Hüten ist, seine Kopfbedeckung aber eine wichtige Rolle innerhalb des Plots spielt. Doch gemeinsam fanden wir einen Hut, der gut zu seinen Gesichtszügen passt.?

Gadoury ergänzt: ?Die Outfits mußsten von Beginn an stimmen, da sie im Laufe von DAS GEHEIME FENSTER nicht variiert werden. Für Mort hatte Johnny die Idee, sich vorliebig in einem alten, gestreiften Bademantel fortzubewegen und das passt natürlich sehr gut zu einem Protagonisten, der am liebsten Nickerchen macht und sich kaum mehr um die Welt schert.? Die einzige Figur in lebhaften Farben war letztlich Amy, die freilich ebenfalls eine Art Uniform an den Leib geschneidert bekam. Jeansjacke, schwarzer Pullover, Khakihosen und flache Prada-Schuhe ? simpel, sexy und hip, wie es zur Figur der Amy passt, aber auch praktisch genug, um Maria Bello bei Stunts Bewegungsfreiraum zu ermöglichen.

Die Crew von DAS GEHEIME FENSTER drehte für drei Wochen in einem Erholungsgebiet der kanadischen Provinz Quebec. Der fiktive Tashmore Lake, an dem sich Morts Hütte befindet, wurde von dem majestätischen Lake Sacacomie sozusagen gedoubelt, während das Gebäude komplett von Produktionsdesigner Howard Cummings und seinem Team gebaut wurde. Das lange, hölzerne Haus hat eine Veranda und ein schmales zweites Stockwerk, in dem sich Morts Büro ebenso befindet wie sein ?geheimes Fenster?, aus dem er Amys Garten überblicken kann. ?Wir bauten die Hütte nur einige Meter vom See entfernt?, sagt Cummings, ?doch weil der Grund hier sehr felsig war, mußsten wir sie auch drei Meter höher errichten als geplant.?

Die Innenräume wurden etwas überdimensioniert und vor dem Hintergrund einer zweidimensionalen Bildwand des Lake Sacacomie in einem Atelier nachgebaut, um gegebenenfalls Wände herausnehmen zu können und der Kamera Platz zu verschaffen. Was anfangs nach einem leichten Set aussah, erwies sich wegen der erstrebten Deckungsgleichheit zwischen Location und Bühnenset als eine der schwierigsten Baukonstruktionen, an denen Cummings je gearbeitet hat. ?Doch es war die Mühe wert?, sagt der Ausstatter, ?denn wir schufen ein Gefühl der Isolation innerhalb der so dunklen wie wohligen Hütte, die Mort ironischerweise nie verlässt, um an den idyllischen See zu gehen.?

Cummings hatte auch die Aufgabe, das Set des abgebrannten Hauses zu errichten, das im Film kurz in einer Rückblende zu sehen ist, nach einer Kette beängstigender Umstände in Flammen aufgeht und in dem Amy und Mort in besseren Ehetagen lebten. ?Wir besichtigten die Gebäude in der Nachbarschaft?, erinnert Cummings, ?aber da wir natürlich nicht eigens ein Haus abfackeln konnten, recherchierten wir im Internet Brandruinen, um unser Set daran zu orientieren. Dann nutzten wir genau die Materialien, mit denen das Originalhaus in der Rückblende ausgestattet war und bereicherten sie mit verbranntem Holz und künstlicher Asche.?

Das Team von DAS GEHEIME FENSTER filmte weiterhin in verschiedenen Locations in Quebec ? darunter im Städtchen North Hatley nahe des Lake Massawippi, der im Film ebenso wie der kanadische Lake Gale ? eine grüne, von Fröschen gut bewachte Lagune der Stadt Bromont - zum Gesamteindruck von Stephen Kings fiktivem Tashmore Lake beitrug.

In der Studiokulisse mit Morts Hütte drehte die Crew als nächstes die Green-Screen-Sequenzen, in denen Mort sein geheimes, inneres Selbst entdeckt. Hier mußste Depp in zwei Phasen arbeiten und förmlich auf sich selbst reagieren, wenn er Morts innere Stimme zu hören beginnt. An einer anderen Stelle mußs Depp auf vielzählige Stimmen seines Selbst reagieren, die aus allen Ecken zu kommen scheinen und zum Leidwesen des Schauspielers lediglich mit orangen Punkten markiert waren.

?Ich konnte mit den runden Marken nichts anfangen?, meint Depp, ?also malte ich ihnen Gesichter auf! Dadurch geriet der Level der Absurdität so hoch, dass es schon wieder eine Herausforderung war. Denn was könnte bizarrer und lustiger sein als ein erwachsener Mann, der Visagen auf lauter orangefarbenen Kreise anschreit.?

Was klingt, als wäre Depp zugleich innerhalb und außerhalb der Szene gewesen, ist gleichzeitig eine adäquate Beschreibung des psychisch labilen Zustandes seiner Figur. Eine Persönlichkeitsverfremdung, die von Fachleuten als Dissoziation bezeichnet wird und den geistigen Zustand meint, in dem sich ein Lebensteil eines Menschen vom Rest seiner Persönlichkeit trennt und unabhängig handelt. In der Regel geschieht dies nach einem schweren Trauma; in Morts Fall ist es der Schock ob der Untreue seiner Frau und der unausweichliche Zerfall seiner Ehe.

?Mort wird an einen Ort gedrückt?, fasst Depp zusammen, ?an dem er völlig im Dunkeln ist, während das Licht auf einen völlig neuen Teil seines Wesens fällt.? Koepp illustrierte das Ausmaß von Morts Dissoziation mit einer Einstellung, die am Set als ?Magritte-Shot? bezeichnet wurde, weil sie einem berühmten Bild des Surrealisten entlehnt ist. Darin blickt ein Mann in einen Spiegel. Doch statt sich selbst zu sehen, blickt er auf seinen eigenen Hinterkopf.

Dieser vielleicht verblüffendste DAS GEHEIME FENSTER-Effekt wurde von Murphy mit zwei Kameras und einer Green Screen in Zusammenarbeit mit Visual Effects Supervisor Gray Marshall bewerkstelligt, wobei eine Kamera auf Depp gerichtet war und die andere als Reflektionskamera hinter ihm stand. Letztere mußste jedoch größer sein, weil Objekte in Spiegeln größer erscheinen als in der Realität. Aber anderseits: Was ist schon die Realität in David Koepps psychologischem Vexierspiel DAS GEHEIME FENSTER ...?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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