Spider

Produktionsnotizen

Als Drehbuchautor Patrick McGrath 1988 die Arbeit an dem Roman ?Spider? begann, stellte sich ihm die Frage, aus welcher Perspektive er die Geschichte erzählen sollte. Er beschloss, die Figur des Dennis ?Spider? Cleg als Erzähler fungieren zu lassen, der die schrecklichen Ereignisse als Kind selbst erlebt hat und sie nun als Erwachsener rekapituliert.

McGrath erinnert sich: ?Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Frage: Was wäre, wenn Spiders Erinnerungen allesamt falsch sind? Was, wenn er seine Kindheit völlig verzerrt und verdreht erinnert? Warum verfälscht er seine Erinnerungen? Was, wenn er einfach nicht fähig ist, die realen Ereignisse seiner Kindheit zu rekapitulieren? Und je mehr mich diese Fragen faszinierten, desto mehr wurde mir klar, dass meine Figur ein schizophrenes Wesen besitzt. Und so verwandelte sich meine Geschichte von seiner ursprünglichen Idee in eine Studie des schizophrenen Geistes. So entstand ?Spider??.

McGrath kennt sich mit Fragen der Geisteskrankheiten bestens aus. Er wuchs auf dem Gelände des Broadmoor Hospitals auf, Großbritanniens größter Einrichtung zur Aufbewahrung und Therapie geisteskranker Gewalttäter. McGraths Vater war hier als Leiter der medizinischen Abteilung tätig. Später, als Erwachsener, arbeitete McGrath selbst in einer psychiatrischen Klinik in Kanada, bevor er sich schließlich dem Schreiben zuwandte.

Als McGrath das komplexe Gerüst seiner Geschichte zu konstruieren begann ? all die Ausflüchte, Verdrängungen und Störungen ? tauchte das Bild eines Spider, der ein Netz aus Lügen um sich selbst wob, vor seinem Auge auf. Es gab auch eine gewisse physische Ähnlichkeit zu einer Spinne an dem Jungen. Selbst als er erwachsen war, webte er immer noch seine Netze. Und so bekam der Roman seinen Namen: ?Spider?.

Für Regisseur David Cronenberg ist ?Spider? der Spitzname, den seine Mutter ihm gegeben hat, da er schon von klein auf so fasziniert von ihren Geschichten über Spinnen und Spinnennetze war. ?Ein Spinnenetz wird gemeinhin als die traditionelle Metapher dafür benutzt, dass man gefangen wird?, erklärt Cronenberg. ?Doch ein Spinnennetz besitzt durchaus auch eine Schönheit. Und man ist nicht immer die Beute, man kann dieses Netz sehr wohl auch selber weben."

?Das Kind Spider reagiert sehr speziell, einzigartig, bizarr ? und dennoch auf verstörende Art hochgradig logisch ? auf die ambivalenten Gefühle, die ihn aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse erfassen?, fügt Cronenberg an. ?Spiders Leben ist eine einzigartige und kraftvolle Geschichte. Und sie ist trotz aller Extreme doch immer noch so nah an der Wirklichkeit, an den sexuellen Spannungen ganz normaler Familien, dass sie jeden von uns packt und verstört.?

?Der erwachsene Spider mußste von Ralph Fiennes gespielt werden, weil er die seltene Gabe besitzt, einen gestörten, von der Realität entfremdeten Charakter zu spielen und gleichzeitig doch die Anteilnahme und Sympathie des Publikums zu gewinnen?, lobt der Regisseur seinen Hauptdarsteller. ?Spider ist ein verletzlicher Mensch, ein sanfter Mann ? und dennoch hochgradig gefährlich. Er ist sonderbar, dieser Spider, und doch ist er einem seltsam vertraut.

Obwohl der Roman in den 30er bis 50er Jahren spielt, transportierte das Filmteam die Geschichte in die 60er bis 80er Jahre. Nicht zuletzt, weil SPIDER die Geschichte eines Mannes erzählt, der viel zu früh aus der Psychiatrie entlassen wird, zu einem Zeitpunkt als sein Geist noch viel zu verwirrt und zerbrechlich ist, um in der realen Welt einer Großstadt zu bestehen.

?Es ist ein sehr aktuelles Problem, dass Geisteskranke aus der psychiatrischen Obhut entlassen werden, bevor sie dazu auch weit genug sind?, erklärt Autor McGarth. ?Das ist ein Fakt, auf den wir hinweisen wollten. Spider ist wie einer dieser zahllosen Männer, die wir alle jeden Tag leise und irgendwie bedrohlich vor sich hinmurmelnd durch die Städte streunen sehen. SPIDER ist die Geschichte solch eines Mannes.?

Produzentin Catherine Bailey war die treibende Kraft hinter diesem Film. Sechs Jahre lang schob sie das Projekt SPIDER an. Sie erklärt: ?Man sieht Männer wie Spider ziellos herumirren und mit sich selbst sprechen. Dafür gibt es einen Grund. Sie alle haben eine Geschichte. Dieser Film will helfen zu verstehen, was in den Gehirnen solcher Menschen vorgeht. Ich glaube, alles, was einem einen Einblick in die menschliche Psyche und das menschliche Verhalten gibt, ist eine Bereicherung.

Wir alle fühlen: Das wirklich Beängstigende an Spider ist die Tatsache, dass er nicht so weit von uns selbst entfernt ist, wie wir glauben. Wir alle bewegen uns in unserem Leben manchmal am Rande des Wahnsinns und können jederzeit umkippen. Ich glaube, dass ist es vor allem, was mich an SPIDER so gereizt hat. Die Geschichte ist sehr kraftvoll und gleichzeitig sensibel.?

Auch Ralph Fiennes war auf Anhieb begeistert von Spiders Geschichte. McGraths Ehefrau, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Aitken, die ihren Mann ermutigte, seinen Roman in ein Drehbuch um zu arbeiten, ließ das Skript 1995 Catherine Bailey zukommen, die zu diesem Zeitpunkt für BBC Radio ?Man and Superman? mit Ralph Fiennes produzierte. Sie gab Fiennes das Drehbuch, der gleich am nächsten Tag zurückrief, um zu sagen, dass er Spider spielen wollte. ?Er gab eine sofortige Zusage?, erinnert sich Bailey.

?Dieses Drehbuch hat etwas in mir bewegt?, erklärt Fiennes. ?Es war weniger die Tatsache, dass Spider schizophren ist, als vielmehr die Reise, die sein Hirn vollführt, was in seinem Kopf vorgeht, wie er die Welt aufnahm ? das faszinierte mich.? Cronenberg ergänzt: ?Es ist definitiv ein subjektiver Film. Der Zuschauer befindet sich in Spiders Kopf, während er den Film sieht.? ?Das London, das Spider sieht, ist seine eigene seltsame Wahrnehmung der Stadt?, erklärt Fiennes.

?Er hat die meiste Zeit seines Lebens in einer geschlossenen Einrichtung verbracht. Er wurde mit 10 Jahren in die Klinik eingewiesen. Was er bis dahin gesehen und erlebt hatte, wurde von seiner Phantasie vergrößert und verzerrt. Und jedes Detail steht in irgendeinem Zusammenhang mit seiner schrecklichen Tat. Um sich der Realität seiner Vergangenheit nicht stellen zu müssen, hat Spider sich seine eigene unglückliche Kindheit zusammenphantasiert. Er ist das Opfer schrecklicher Ereignisse ? aber nicht jener Ereignisse, die er sich selbst zurecht gesponnen hat. Er versucht etwas Entsetzliches im Zaum zu halten.?

Catherine Bailey erinnert sich, mit welchem Eifer sich Ralph Fiennes auf seine Rolle vorbereitet hat: ?Während seiner Recherche traf Fiennes in einem Rehabilitationszentrum in London mit Menschen, die an Schizophrenie leiden, zusammen. Er verwendete sehr viel Energie auf seine Vorbereitungen.?

?Obwohl wir ja keine Dokumentation über Schizophrenie drehten, half es mir doch, ein besseres Verständnis für die Figur des Spider aufzubringen. Doch nicht jede Recherche hilft, weil das Buch eben doch Fiktion ist. Was ich bei diesen Menschen erfahren und mir in Fachbüchern angelesen habe, war nur bis zu einem gewissen Punkt hilfreich. Schizophrenie deckt ein sehr breites Spektrum von Symptomen ab. Viele Schizophrene wirken erst einmal ziemlich normal. Doch wenn man sich dann mit ihnen unterhält, sie genauer beobachtet, dann sind sie weiß Gott alles andere als normal.?

?Die Gefahr bei solch einer Rolle?, führt Fiennes weiter aus, ?besteht darin, sich so viele Marotten und Eigenarten anzueignen, dass sie anfangen von der Geschichte abzulenken. Ich versuchte also, mich nicht auf äußere Verhaltensweisen zu konzentrieren, sondern auf das, was in Spiders Kopf vorgeht. Denn obwohl Spider nicht viel sagt, befindet er sich in einem permanenten Monolog mit sich selbst. Er brabbelt unentwegt. Doch es sind keine klar artikulierten Worte oder Sätze ? nur ein einziges Murmeln. Spider ist nicht dumm, doch seine Art sich auszudrücken, ist einfach gestört und gehemmt.?

?Wenn Spider spricht?, erklärt Fiennes weiter, ?kostet ihn das eine enorme Kraft. Seine Worte müssen sich einen Weg bahnen, durch ein Gewirr von mentalen Blockaden und Stolpersteinen, die er selbst erschaffen hat, um sich zu beschützen. Jemanden in die Augen zu sehen und mit ihm zu sprechen, ist für ihn ein enormer Kraftakt, da er sich für den größten Teil seines Lebens hinter einer Wand aus Lügen und Täuschungen verschanzt hat.?

McGrath führt aus: ?Ralph kann eine enorme Menge an Leidenschaft und intellektueller Tätigkeit für seine Rollen generieren, die er auch auf wundervolle Weise dem Publikum nahe bringt. Genau das ist es natürlich, was Spider ausmacht ? ein Mann, der genau genommen in der Hölle lebt, es aber niemandem mitteilen kann. In seinem Inneren brodeln leidenschaftliche Gefühle. Ralph ist der perfekte Schauspieler, um diese schizophrenen Qualen darzustellen.?

Als David Cronenberg im Jahre 2000 das Drehbuch geschickt bekam, las er es vor allem, weil Ralph Fiennes mit dem Projekt verbunden war: ?Normalerweise, wenn ich ein Skript lese, will ich noch nicht über einen bestimmten Schauspieler nachdenken, weil ich die Figur erst einmal organisch wachsen sehen will, ohne meine Phantasie von vornherein durch den Gedanken an einen spezifischen Darstellern zu limitieren. Diesmal war es jedoch anders: Ich las ein Drehbuch und dachte dabei definitiv an Ralph.

Als ich es zu Ende gelesen hatte, konnte ich mir niemanden sonst vorstellen, der Spider spielen könnte. Als ich mir Ralph in diesem Film vorstellte, kamen mir alle möglichen Ideen in den Sinn. Zum einen ist SPIDER ein sehr intensives Familiendrama mit stark freudianischen Untertönen, zum anderen besitzt der Film aber durch die einzigartige Figur des Spider auch eine sehr bizarre Komponente. Alles strahlt von diesem einen Mann aus. Es war die perfekte Rolle für Ralph.?

McGrath befällt eine ganz ähnliche Begeisterung, wenn die Sprache auf David Cronenberg kommt: ?David ist perfekt für diesen Film. Wir teilen beide eine Faszination für die Grenzbereiche der menschlichen Psyche. Es gibt Elemente in früheren Filmen von David, die ihn für SPIDER prädestinieren. Seine Art, die Realität und Phantasie mit den vielschichtigen Aspekten des menschlichen Daseins zu manipulieren, ist genau das, was SPIDER ausmacht.?

Cronenberg gesteht: ?Ich habe mich völlig mit der Hauptfigur identifiziert. Ich sehe mich selbst irgendwie als Streuner, der gerade aus einer psychiatrischen Einrichtung entlassen wurde und ausgesprochen verwirrt über seine Vergangenheit ist.?

?Ich bin Spider?, fährt Cronenberg lachend fort. ?Natürlich nicht im wörtlichen Sinne. Meine Kindheit könnte nicht unterschiedlicher zu der Spiders sein, aber dennoch konnte ich mich selbst in ihm erkennen und wirklich verstehen, was er durchmachte. SPIDER weist Parallelen zur Arbeit Becketts auf. Es ist das Gefühl des alten 20. Jahrhunderts, das so alt ja noch nicht ist: Es geht um die Schwierigkeit, sich in einer Gesellschaft selbst als menschliches Individuum zu erschaffen.?

?Ich entdecke nichts Erbärmliches oder Psychotisches in Spiders Charakter?, ergänzt Cronenberg. ?In gewisser Weise ist er sehr menschlich und nahezu universell. Obwohl er ein extremes Leben führt, liegen seine Erfahrungen doch noch im ganz normalen menschlichen Spektrum. Um zu zeigen, was allgemeingültig ist, mußs man eine Figur eben mitunter bis ans Äußerste treiben. Es ist ein wundervolles Drehbuch, geschrieben mit dem Gespür eines Romanciers ? und doch sehr cineastisch im Stil.?

Cronenberg bearbeitete McGraths Drehbuch ? doch erheblich weniger, als es der Autor erwartet hätte: ?Es hat mich genau einen Vormittag gekostet, meine Änderungen einzufügen?, lächelt der Regisseur. ?Im Roman liest man Spiders Notizbuch. Im Drehbuch gab es deshalb einen Erzähler. Den zu streichen war meine größte Veränderung. Es ist ein anderer Spider im Film als im Buch. Er redet kaum. Er ist fast ein Pantomime. Der Film ist eine Projektion von Spiders Gedanken.?

?McGrath wollte, dass, wer auch immer sein Skript verfilmte, dem Konzept der Story treu blieb?, erinnert sich die Produzentin Bailey. ?Das hat David getan. Wir sehen die Welt aus Spiders Augen. Wir wussten, dass McGrath und Cronenberg das perfekte Team waren. Dennoch stiegen 2001 die Finanziers aus dem schon sehr weit gediehenen Projekt aus. Der ausführende Produzent Luc Roeg war meine größte Hilfe dabei, die Finanzierung erneut zu gewährleisten. Er nahm Kontakt mit ?Capitol Films? auf, die in letzter Sekunde einsprangen und den Film so möglich machten.?

Eine der großen Herausforderungen bei SPIDER lag darin, ein Kind zu finden, das die nicht eben unkomplizierte Rolle des jungen Spider übernehmen konnte. Dieser Junge mußste nicht nur ein Kind darstellen, das im East-End London aufwächst, sondern ein Kind porträtieren, das erste Zeichen einer schweren geistigen Störung zeigte. Ferner mußste der junge Darsteller eine glaubwürdige kindliche Version von Ralph Fiennes abgeben. Der Newcomer Bradley Hall erfüllte all diese Bedingungen.

Entdeckt wurde der junge Kino-Debütant von einem Agenten in Bognor Regis. Produzentin Bailey erklärt: ?Obwohl diese Rolle ursprünglich für einen 13-Jährigen geschrieben war, hatten David und ich das Gefühl, je jünger das Kind war, desto dramatischer und kraftvoller wäre der Effekt. Also besetzten wir einen 10-jährigen Jungen in dieser Rolle. Wir fühlten instinktiv, dass er dieser Aufgabe gewachsen sein würde.?

Das Gefühl trog die Filmemacher nicht. ?Bradley ist ein richtiger Profi?, schwärmt Regisseur Cronenberg. ?Er hatte keinerlei schauspielerische Erfahrung, doch seine Darstellung haute uns alle regelrecht um. Er war hochkonzentriert, ehrgeizig und fleißig, aber gleichzeitig auch voller Humor. Die anderen Darsteller waren alle sehr beeindruckt von ihm.?

Gabriel Byrne, der Spiders Vater Bill Cleg verkörpert, ist ein großer Fan von McGraths Romanen und Cronenbergs Filmen. ?Diese beiden bilden eine perfekte mentale Einheit?, findet der Schauspieler. ?SPIDER ist schwierig zu beschreiben. Es ist ein Film über den Wahnsinn. Die Theorie, dass Wahnsinn mitunter nur eine Frage der Wahrnehmung ist, verleiht dem Film einen zusätzlichen Reiz. Was zwei Menschen als ?normal? betrachten, kann sehr unterschiedlich sein. Was einem abartig oder irrational erscheint, ist oft bloß Auslegungssache.

SPIDER ist außerdem sehr komplex in seiner filmischen Struktur, denn der Film beschreibt die Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis, das einem Mann als Kind widerfuhr. Eben dieses Trauma hat die Psyche des Mannes beschädigt und so ist die Erinnerung verzerrt. Was man auf der Leinwand sieht, sind zwei unterschiedliche Realitäten: Die Realität eines schadhaften Geistes und die Realität der tatsächlichen Ereignisse.?

Miranda Richardson, die Spiders Mutter Mrs. Cleg verkörpert, arbeitete mit Catherine Bailey bereits bei einem Radio-Hörspiel zusammen. Sie war zwei Jahre lang in dem Projekt involviert, seit Bailey sie zu einer gemeinsamen Lesung mit Ralph Fiennes eingeladen hat. ?Ich war hoch erfreut, als alles zusammen kam?, lächelt die Schauspielerin, die über ihre Rolle nichts sagen will, da sie findet, die Interpretation ihrer Figur solle ausschließlich beim Zuschauer liegen.

Lynn Redgrave, die Mrs. Wilkinson, die Leiterin der Pension, in der Spider lebt, spielt, erklärt: ?In den späten 80er Jahren gab es in England den Trend, plötzlich extrem viele Patienten aus psychiatrischen Einrichtungen in die Gesellschaft zu entlassen. Die wussten natürlich nicht, wo sie hin sollten. Frauen wie Mrs. Wilkinson ließen sich von der Regierung dafür bezahlen, dass sie diese Menschen aufnahmen.

Interessanterweise hat Mrs. Wilkinson ausschließlich männliche Bewohner. Vielleicht bietet das eine kleine Erklärung für ihren Charakter: Warum hat sie keine Frauen in ihrer Pension? Sie führt ein strenges Regiment. Alles mußs nach strengen Regeln erledigt werden. Es darf keine Unregelmäßigkeiten geben.?

Redgrave reizte an SPIDER sowohl das Drehbuch als auch die Aussicht, mit Ralph Fiennes und David Cronenberg zusammenzuarbeiten: ?Es wäre mir im Traum nicht eingefallen, zu solch einer Chance Nein zu sagen.?

Der Look Produktions-Designer Andrew Sanders erklärt das Konzept des Ausstattung: ?SPIDER erzählt eine minimalistische Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes und seines Wahnsinns. Man ist versucht zu glauben, es wäre so etwas wie ein Theaterstück. Da der Film damit beginnt, dass Spider durch die Straßen Londons geht, mußsten wir diese Straßen so gestalten, wie sie jemand sehen würde, der viele Jahre lang ein isoliertes und gestörtes Leben geführt hat. Wir entfernten alles, was nicht unbedingt nötig war: Autos, Passanten, alles, was irgendwie modern anmutete. Die Szenen funktionierten viel besser, wenn eine Leere herrschte.?

?Wir zeigen kein realistisches Bild der Straßen Londons?, erklärt auch David Cronenberg. ?Je mehr wir wegnahmen und je mehr sich unser Blick auf Spider und die nackte Architektur der Straße konzentrieren konnte, desto richtiger erschien es uns.? Um SPIDER den Look zu verleihen, der ihm vorschwebte, machte Sanders in seiner Arbeit Referenzen an Maler wie Lucien Freud und den Fotografen Roger Mayne, dessen karge Nachkriegsbilder aus London in den 60er Jahren entstanden.

?Freuds Stil ist fast monochrom?, erklärt Sanders. ?Seine sehr intensiven Porträts befinden sich oft vor einem schäbigen Hintergrund. Diesen Film hätte man auch gut in Schwarzweiß drehen können, doch wir wählten sehr sorgfältig auch einige spezielle Farben aus dem Braun- und Ocker-Spektrum für die Kulissen.?

Cronenberg ergänzt: ?Die äußere Form des Films spiegelt die Obsession des Drehbuchs für Oberflächen wieder. Was an SPIDER sehr ?Samuel Beckett?-artig anmutet, ist, dass sich die Hauptfigur selbst bis auf ein unabdingbares Minimum reduziert hat. Was er am Leib, in seinen Taschen und in einem kleinen Koffer mit sich herumträgt, repräsentiert sein komplettes Leben. Ich denke, das haben wir auch im Produktions-Design, in den Kulissen und Oberflächen widergespiegelt, die sehr emotional, sehr suggestiv sind und mit denen Spider auf sehr emotionale und provokative Art interagiert.?

Schauplätze Die Außenaufnahmen von SPIDER entstanden binnen drei Wochen in London, die Innenaufnahmen wurden während fünf Wochen im Studio in Toronto gemacht. Als Außenansicht für Mrs. Wilkinsons Pension diente ein Haus in Kensington, südlich der Themse. ?Wir mußsten es so erscheinen lassen, als hätte Mrs. Wilkinsons Pension ein großes Treppenhaus und viele große Räume anstatt der üblichen Wohnblock-Größe. So mußsten wir die Außenfassade etwas verändern?, erinnert sich Ausstatter Sanders.

Auch das allgegenwärtige Gaswerk The Oval spielt in SPIDER eine große Rolle, ebenso wie das Hinterhof-Haus seiner Eltern. Für diese Kulisse fand Sanders in Acton, einem Distrikt in West-London, eine Reihe von Cottages aus dem Jahre 1860, die an einer stillgelegten Bahnlinie standen. Eine Eisenbahnbrücke außerhalb Etons bildete den Hintergrund für Bill Clegs kleinen Schrebergarten. Der Bahnhof von St. Pancras fungierte als Double der Waterloo-Station in der Anfangsszene.

Da die meisten Pubs in London inzwischen modernisiert wurden, gestaltete es sich als sehr schwer, authentische Lokale aus früheren Zeiten zu finden. Am Ende erfüllten The Salisbury in Haringey und The Dog and Beggar in Deptford diese Aufgabe. Um Clegs Hinterhof im Studio in Toronto zu rekonstruieren, nahm das Team Abdrücke der Original-Mauersteine, der Fenster- und Türrahmen des Hauses in Acton und schickte sie nach Kanada, wo sie als Grundlage für die Kulisse dienten.

Sanders gestaltete außerdem Mrs. Wilkinsons schäbige Pension bis ins kleinste Detail, von den verblassten Tapeten, der abgeblätterten Wandfarbe, metallenen Badewannen bis hin zu den Toiletten mit Ketten-Spülung. Für die Innenaufnahmen wurden Tapeten von England nach Kanada geschickt. Cronenberg erklärt: ?Das war nicht nur eine realistische Rekonstruktion der dargestellten Epoche, sondern gleichzeitig auch ein zeitloses und universelles Ambiente. Spider reagiert extrem empfindlich auf seine Umgebung, er ist sehr hellhörig. Er nimmt sogar das Knistern der Tapeten wahr.?

Kostüme Kostümbildnerin Denise Cronenberg fand ihre Ausstattung in London, nachdem sie sich mit Autor McGrath beraten hatte, der ihr erklärte, dass arme Menschen damals oft Kleidung von Großeltern trugen, die andere Leute als Almosen gespendet hatten. Deshalb wurde fast sämtliche Kleidung im Film auf Mitte der 50er Jahre datiert, speziell im Haus der einkommensschwachen Clegs. Mrs. Wilkinson ist die einzige Figur, deren Kleidung im Stil der 80er Jahre ist. Die Farbpalette ihrer Kleidung reicht von Braun und Beige über Blau bis zu einem dunklen Grau.

Cronenberg erklärt: ?Spider hat eine Obsession für Details. Wie er seinen Mantel zuknöpft, wie er seine vier Hemden übereinander trägt, ist genau festgelegt. Man sieht bei Spider die Quintessenz eines Menschen, da ihn keine Technologie umgibt, er so gut wie nichts besitzt und kein Interesse an Mode oder populärer Kultur hat.?

Make-Up SPIDER ist für David Cronenberg in der Hinsicht, dass der Film keinerlei Special Effects enthält, ein Novum. ?Die einzigen Spezialeffekte sind meine Schauspieler, die Licht- und Kameraarbeit von Peter Suschitzky und die brillante Ausstattung von Andrew Sanders?, schwärmt der Regisseur.

Einer von Cronenbergs langjährigen Vertrauten ist Special-Effects-Experte Stefan Dupuis, der bereits die ?mugwumps? für Cronenbergs Naked Lunch designed hat und auch bei The Fly mitarbeitete, was ihm einen Oscar für die besten Special Make-up Effects einbrachte. Bei SPIDER übernahm Dupuis die Aufgabe, das Make-up der Hauptfiguren zu gestalten. Dupuis verwandelte Ralph Fiennes in einen erbärmlich anmutenden Obdachlosen.

?Da er unentwegt durch die Straßen wandert, ist Spider schmutzig und hat einen Dreckrand rund um den Kragen. Er hat eine schlechte Haut, rot und porös. Er raucht, deshalb ist im Inneren seiner Lippe eine Nikotin-Linie, Teer in seinen Mundwinkeln und natürlich sind auch seine Finger und Zähne von Nikotin überzogen.? Um die Verwandlung komplett zu machen, zog Dupuis eine zusätzliche, rötliche Falte in Fiennes Augenlider, brachte seine Augenbrauen in vorsätzliche Unordnung und ließ sich bei der chaotischen Haarpracht von den Figuren Samuel Becketts inspirieren. ?Er ist abstoßend?, sagt Dupuis. ?Und doch hat man Mitleid mit ihm.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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