The Missing

Produktionsnotizen

Unter den Vermissten ?Im Kern handelt es sich bei THE MISSING um das Drama einer in ihren Grundfesten erschütterten Familie, die Vergebung und ungeahnten Mut darin findet, eine Bande bösartiger Entführer durch eine verlassene, gesetzlose Landschaft zu jagen?, sagt der Oscar®-prämierte Produzent Brian Grazer.

?Spannung wird aus der komplexen Beziehung der beiden Hauptfiguren, Jones (Tommy Lee Jones) und seine Tochter Maggie (Cate Blanchett), bezogen, die gleichermaßen unvorhersehbar und explosiv ist. Als diese zwei Menschen gezwungen werden, an einem Strang zu ziehen, können wir sehen, wie gleich und wie unterschiedlich sie sind ? anhand ihrer Sturheit und ihrer Stärke. Die Art und Weise, in der sie einander zunächst widerstehen und sich schließlich doch zueinander hingezogen fühlen, ist Grundlage für eine aufregende Dynamik.?

?THE MISSING hat großartige Figuren, Männer und Frauen mit Fehlern und Makeln, die unglaublichen Mut zeigen müssen, als sie mit einem unaussprechlichen Horror konfrontiert werden?, sagt Oscar®-Gewinner Ron Howard, der für seine letzte Arbeit A Beautiful Mind (A Beautiful Mind ? Genie und Wahnsinn, 2001) die Oscars® für die ?Beste Regie? und den ?Besten Film? entgegennehmen konnte.

?Es ist eine Geschichte über Heilung und Aussöhnung, sie trägt mit ihren Wendungen und Überraschungen aber auch die Züge eines Thrillers. Es ging mir nicht darum, mich an einem alten Genre zu versuchen. Vielmehr wollte ich eine Geschichte erzählen, mit der man sich auf der menschlichen Ebene identifizieren kann, die spannend und aufregend sein sollte. Dennoch wollte ich, dass die damalige Zeit mit größtmöglicher Authentizität zu Leben erweckt wird.?

Obwohl THE MISSING im amerikanischen Südwesten des späten 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, trägt der Film laut Brian Grazer durchaus zeitgemäße Züge. ?Es ist eine kraftvolle und elektrisierende Geschichte über die Stärke, die eine Frau entwickelt, wenn das Wichtigste in ihrem Dasein ? das Leben ihrer Tochter ? bedroht wird?, meint der Produzent. ?Und es ist die Geschichte eines Vaters, der zu seiner Familie zurückkehrt und mit einem Akt selbstloser Tapferkeit Abbitte für vergangene Verfehlungen leistet.?

?Eine erschütternde Krise, eine brutale Entführung bringt Jones und Maggie zusammen. Sie ist dabei gezwungen, sich mit ihrer Bitterkeit gegenüber ihrem Vater auseinander zu setzen?, berichtet Howard. ?Dabei geht es um Familienthemen, die über jede Zeit erhaben sind: die Enttäuschungen, die Kämpfe, die unausgesprochene Liebe allen vergangenen Treueverletzungen zum Trotz. Diese Dynamik findet sich von jeher in den menschlichen Beziehungen. Die Stärke dieser Geschichte liegt darin, dass sie sich dieser Motive in einer nachvollziehbaren, unterhaltsamen und spannenden Weise annimmt.?

Produzent Daniel Ostroff sieht es ähnlich. ?Ob man nun ein Vater, eine Mutter, ein Sohn oder eine Tochter ist, man versteht diese Menschen und identifiziert sich mit ihnen?, merkt er an. ?Da ist eine Frau, die gezwungen ist, ihre beiden Töchter ohne Mann zu erziehen. Und da ist ein Mann, der nach vielen Jahren wieder auftaucht, um eine Verbindung zu seiner Tochter und seinen Enkelinnen herzustellen, nachdem er seine Familie zurückgelassen hatte, um sich seine Träume zu erfüllen. Dies sind Menschen, wie sie jeder von uns kennt und versteht.?

Die Entführung ist der Katalysator des Dramas. Im Fortgang der Geschichte droht Maggies gärender Groll gegen Jones immer wieder die Rettungsversuche zu Grunde zu richten. Mit ihren langjährigen Vorbehalten und ihrem tief greifenden Argwohn setzt sie ihre Mission, die sie durch unwegsames, gnadenloses Gelände führt, aufs Spiel. ?Man weiß nie, ob sie es schaffen werden?, meint Brian Grazer. ?Sie überraschen uns auf verblüffende Weise. Man hält zu ihnen und wünscht sich, dass sie überleben werden. Und das auf eine packende Weise, dass man ständig verunsichert und gefesselt bleibt.?

Der Druck auf Maggie wird noch erhöht, weil sie sich ihren Töchtern gegenüber schuldig fühlt. Vor der Entführung lagen sich Lilly und sie ständig in den Haaren. Und ihre jüngere Tochter, die zehnjährige Dot, wird von der Gewalt, die mit dem Kidnapping der Schwester einhergeht, traumatisiert. Zudem verwirrt sie die explosive Natur der Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrem Großvater. All das steigert das Drama, das die Elemente eines klassischen Thrillers zeigt und eben einfach nur zufällig im amerikanischen Südwesten spielt.

Die Kulisse mache THE MISSING zu einem einzigartigen Thriller, sagt Ostroff: ?Wir befinden uns in New Mexico im Jahr 1885. Da gibt es keine Handys, keine Polizei, keine Hilfe. Probleme kann man nur lösen, wenn man sich aufeinander verlässt.?

Die Entwicklung des Familiendramas und die brutale Gesetzlosigkeit des alten Westens stehe in einem interessanten, überraschenden und spannenden Zusammenhang, meint Ostroff: ?In einer Szene wird das wunderbar deutlich. Als ein Regiment der U.S. Army auf Jones stößt, der sich in einem Haus aufhält, in dem eine Frontier-Familie getötet wurde, nehmen die Soldaten natürlich an, dass er der Mörder sein müsse. Als er ihnen erzählt, dass er lediglich nach seiner Enkelin suche, wird er beinahe aufgeknüpft, weil er nicht einmal weiß, wie das Mädchen heißt. Eine Schießerei bricht aus, und als Zuschauer kaut man vor Anspannung an den Fingernägeln, weil es jederzeit möglich sein kann, dass ein Mann sterben mußs, weil er sich nicht an den Namen seiner Enkelin erinnert.?

Naturgewalten Der von Tommy Lee Jones gespielte Samuel Jones ist eine vielschichtige, unapologetische Figur, ein störrischer und zutiefst widersprüchlicher Mann, der auf seine ganz eigene Weise versucht, mit seiner Vergangenheit zurechtzukommen und sich mit seiner Familie auszusöhnen. ?Eine Rolle wie diese hat Tommy Lee Jones noch nie gespielt?, erklärt Ron Howard. ?Seine Darstellung ist ungemein mutig, kreativ und einfallsreich. Mit Jones hat er eine unglaublich dimensionsreiche Figur geschaffen, einen Mann, der zwischen zwei Welten schwankt, aber in keiner der beiden völlig akzeptiert wird.?

Jahre der Erfahrung mit der Kultur der Apachen machen es ihm möglich, seine entführte Enkelin aufzuspüren. Während des gesamten Drehs sei es das Streben des Schauspielers nach Authentizität gewesen, so Howard, die seine Darstellung auf eine neue Ebene gehoben habe. ?Tommy Lee verfügte bereits vor THE MISSING über ein erstaunliches Wissen über den alten Westen. Er studierte monatelang mit echten Stammesältesten der Apachen, denen er den größten Respekt entgegenbrachte, und entwickelte eine Faszination für jedes Detail ihrer Kultur?, sagt Howard.

?Er wurde zu einem regelrechten Experten für ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Psychologie. Sein Porträt reicherte er an mit Einblicken und Humor, die zur Allgemeingültigkeit des gesamten Films beitrugen. Ähnliche Leidenschaft und Wissen habe ich gespürt, als ich mit Tom Hanks für Apollo 13 (Apollo 13, 1995) über das Raumfahrtprogramm diskutierte. Tommy Lees Input war unglaublich wertvoll, als hätte man einen technischen Berater mit dabeigehabt.?

Howard erlebte Jones außerdem als furchtlosen Schauspieler, der unerwartete, aber angemessene Entscheidungen traf: ?Tommy verbesserte und verfeinerte die Figur unentwegt und fand so immer wieder interessante Wege, Klischees zu vermeiden. Er zeigte unerhörte kreative Geschicklichkeit, ohne die Authentizität und die Integrität der Geschichte aufs Spiel zu setzen.?

Besonders bemerkenswert findet Brian Grazer, wie Jones Stille und Schweigen wirken lässt und für sich nutzt: ?Tommy Lee hat eine stille Stärke, die, wenn er sie einsetzt, förmlich greifbar ist. Er gehört zu einer kleinen Gruppe von Schauspielern, die nicht nur Starpower besitzen, sondern auch eine rohe Energie, die sehr gefahrvoll wirkt.?

Um einen Rahmen für seine Figur zu erschaffen, erdachte Jones einen Mann, der in New York die Kunstschule besucht hat und seine Familie hinter sich ließ, um die Menschen, Tiere und Ebenen des Westens von Nordamerika zu malen. Dieser Mann kehrt zurück zu seiner Familie, ?als gerade eine seiner Enkelinnen entführt wurde?, sagt Jones. ?Die Entführer wollen sie nach Mexiko bringen und dort verkaufen, wie es damals häufig der Fall war.?

Selbst Jones? ursprünglicher Impetus für die Rückkehr zu seiner Familie ist psychologisch vielschichtiger, als es zunächst aussehen mag. ?Jones hat ein hohes Maß an Selbstinteresse daran, wieder zurückzukehren?, meint Tommy Lee Jones. ?Er ist glücklich, dass er die europäische Welt hinter sich gelassen und mit dem Leben in der amerikanischen Welt der Ureinwohner eingetauscht hat. Allerdings hatte er das Pech, von einer Klapperschlange gebissen zu werden. In seinem Wertesystem hat das ernste Folgen. Die Rückkehr zu seiner Familie ist eines der Dinge, die er tun mußs, um das Leben seiner Seele zu retten. Als er also auftaucht, um sich um seine Familie zu kümmern, ist er vor allem von seinem eigenen Überleben motiviert.?

?Im Verlauf der Geschichte erleben sowohl Jones als auch Maggie eine Erleuchtung?, sagt Ron Howard. ?Nach und nach erkennen sie, dass man die Vergangenheit nicht auslöschen kann. Aber sie mußs einen auch nicht für immer und ewig verkrüppeln. Sie lernen also, die Fehler des anderen nicht zu ignorieren, sondern vielmehr zu akzeptieren. Maggie beginnt ihren Vater wegen seiner Eigenschaften zu schätzen und bringt die Vergangenheit auf diese Weise hinter sich.?

Um die dramatische Action und die Wirkung von THE MISSING zu erzielen, war die Anwesenheit von Cate Blanchett als Maggie Gilkeson von ebenso großer Bedeutung. Brian Grazer betont: ?Cate war ideal für diese Rolle, denn als Schauspielerin ist sie sexy, stark und immer interessant. Sie hat eine innere Stärke, die einen stets glauben lässt, dass sie es mit den schlimmen Jungs aufnehmen kann. Nur wenige Schauspielerinnen strahlen diese Autorität aus, diese Stärke.?

Wie es bei Jones der Fall ist, scheint auch Maggie auf den ersten Blick leicht auszurechnen zu sein. ?Sie wirkt wie eine fromme Pionierin, mit der nicht gut Kirschen essen ist?, überlegt Cate Blanchett. ?Als die Geschichte voranschreitet, wird aber klar, dass sie in vielen Belangen wie ihr Vater das genaue Gegenteil ist. Wie Jones befindet sich auch Maggie auf einer emotionalen, körperlichen und spirituellen Reise, die jeden Aspekt ihres Wesens offenbart ? nicht nur Härte und Mut, sondern auch ihre mütterliche Seite sowie Zartheit, Ängste, Fehlbarkeit und auch Voreingenommenheit.?

?Die Besetzung von Cate Blanchett war der Schlüssel dafür, eine starke, multidimensionale Figur zu schaffen?, sagt Ron Howard.

?Ihr Maß an Vorbereitung und ihre angeborene Ehrlichkeit, sowohl als Privatperson wie auch als Schauspielerin, dienten dem Film auf wunderbare Weise. Sport-Coaches sprechen gern von Starathleten, die sich ganz in den Dienst ihres Teams stellen. Das kann ich auch von Cate sagen. Sie hat tolle Einfälle, stellt kluge Fragen und hat auf eine unmittelbare Weise Zugriff auf ihre Menschlichkeit, was sich wunderbar inszenieren lässt und was man einfach verblüfft ansieht. Es war faszinierend, ihr bei der Entwicklung ihrer Figur zuzusehen und wie sie die Rolle mit so viel Kraft zu versehen suchte. Sie hat damit eine ganz neue Ebene erreicht. Einerseits verkörpert sie die stoischen, starken Frauen, die während dieser Zeit lebten, andererseits ist es eine sehr zeitgemäße, aktuelle Figur.?

Blanchett bringt ihrem Regisseur Respekt und Bewunderung entgegen. ?Ron ist erstaunlich, zumal es sich um einen wirklich harten Dreh in schwierigem Terrain und voller intensiver emotionaler Szenen handelte?, meint sie. ?Er und sein Kameramann Salvatore Totino haben außergewöhnliche Dinge geleistet. Rons Arbeit steckt immer voller persönlicher Eigenarten, Größe und Drama. Auf THE MISSING trifft all das ebenfalls zu.?

Sehr komplex ist die Psychologie der Familiendynamik zwischen Eltern und Kindern in diesem Film. ?Die Geschichte mag im Südwesten der USA spielen. Aber im Kern ist es eine Geschichte über Entfremdung und den Weg zu Aussöhnung und Wiedergutmachung?, erzählt Cate Blanchett. ?Maggie sieht viel von sich selbst in ihren Kindern, aber ihre Beziehung zu Lilly ist schwierig. Lilly ist älter, und Maggie versucht ihre Tochter davor zu bewahren, die gleichen jugendlichen Katastrophen zu erleben, die sie durchmachen mußste. Das ist einfach unmöglich. Sie und Lilly befinden sich in einem stetigen Gerangel. Als Lilly entführt wird, lastet die Schuld schwer auf Maggies Schultern. Auf eine merkwürdige Weise ist sie überzeugt davon, dass das Verschwinden von Lilly ihr Fehler ist.?

Beim Erfassen der miteinander kollidierenden Emotionen, die Maggie auf ihrer Reise erlebt, ?geht es vor allem um Nuancen?, sagt Cate Blanchett. ?Auf der emotionalen wie auch körperlichen Ebene mußs sich Maggie sich selbst stellen. So hart und schmerzvoll diese Reise auch sein mag, sie ist auch heilsam für Maggie und ihre Familie. Sie erlebt Verlust und Auseinandersetzungen, aber das macht sie und ihre Töchter nur noch stärker. Sie können diese Erfahrung nutzen, um auf eine starke und positive Weise weiterzumachen.?

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, las Blanchett autobiografische Erzählungen von Pioniersfrauen der Ära. ?Das Leben an der Frontier war eine harte Reise in die Wildnis. Daraus lässt sich Weisheit ziehen?, sagt Blanchett. ?Beim Lesen der Tagebücher war ich beeindruckt von der Durchhaltekraft der Frauen und den Auswirkungen dieser Erfahrung auf ihre Weiblichkeit. Maggie ist eine Frau, die ihre femininere Seite wegen ihrer traumatischen Kindheit und den Anstrengungen des täglichen Lebens verdrängt hat. Das Leben hat ihr übel mitgespielt. Gleichzeitig ist ihre Existenz auch wegen der Umstände sehr körperbetont und körperliche Belastungen steckt sie deshalb auch sehr viel leichter weg als emotionale.?

Hochkarätige Unterstützung Ein weiteres Element, das Ron Howard an THE MISSING einfach unwiderstehlich fand, sagt Grazer, sei gerade die ?feminine Dimension? des Stoffs gewesen. Als Vater von drei Töchtern war Howard fasziniert von der Idee, einen Film mit drei zentralen weiblichen Figuren vor der Kulisse des Wilden Westens zu drehen. ?Ron hat noch nie einen Film gemacht, der sich wirklich mit der Rolle auseinander setzt, die Frauen in seinem Leben spielen ? und das empfand er als sehr reizvoll.?

Für die körperlich anspruchsvolle und anstrengende Rolle der Lilly, deren Entführung die Geschichte in Bewegung setzt, wählte der Regisseur Evan Rachel Wood aus, die gerade als aus der Bahn geworfener Teenager in dem Drama Thirteen (Dreizehn, 2003) einen darstellerischen Triumph feiern konnte. ?Ihre emotionale und körperliche Ausdauer war spektakulär?, sagt der Regisseur. ?Da gab es keinen Moment der Unsicherheit oder Neurose, noch nicht einmal die jugendliche Arroganz, die man bei jemandem ihres Alters erwarten könnte. Stattdessen fand ich Reife und ein bemerkenswertes Verständnis für die Rolle, mit dem sie ihrem Alter eigentlich weit voraus war.?

Woods Verletzlichkeit verlieh der Rolle der Lilly eine zusätzliche Dimension und Textur, meint Grazer: ?Zu Beginn der Geschichte zeigt sie eine Seite von sich, dass man denkt, sie könne von der Situation vermutlich überfordert sein. Doch dann überrascht sie uns. Ihr Kampf ums Überleben ist sowohl interessant als auch menschlich.? Genau diese Veränderung, das Wachsen im Angesicht der Not, war es, was Wood an der Rolle der Lilly spannend fand. ?Am Anfang ist sie so zickig, wie ein Valley-Girl aus dem San Fernando Valley, nur eben im 19. Jahrhundert?, beschreibt sie.

?Sie interessiert sich für Mode und wünscht sich nichts sehnlicher, als die Farm verlassen zu können. Als sie entführt wird und in diese schreckliche Situation gerät, würde niemand auch nur einen Heller auf ihr Überleben setzen. Aber man erlebt ihre Veränderung, wie sie binnen kürzester Zeit durch die Belastung zu einer erwachsenen Frau heranreift. Sie entdeckt ihre eigene Stärke und schlägt zurück. Das ist das Bindeglied zu ihrer Mutter. Sie entdeckt, dass sie die unglaubliche Stärke und den Mut ihrer Mutter ebenfalls in sich trägt und bewundert. Das sind Eigenschaften, von denen sie niemals geglaubt hätte, dass sie in ihr stecken.?

Die Besetzung der jüngeren Tochter, Dot, sei noch schwieriger gewesen, sagt Howard, da das Publikum die Geschichte hauptsächlich durch ihre Augen erleben müsse. ?Die Geschichte wird aus der Sicht von Dot erzählt?, so der Regisseur. ?Sie ist gerade alt genug, um zu erkennen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, aber auch noch unschuldig genug, um davon wirklich berührt zu werden. Für das Publikum wird sie dadurch zu einer sehr wertvollen Beobachterin. Sie mußs einige fürchterliche Momente überstehen. Wenn man sieht, wie sie damit umgeht, dann beginnt man die Gefahren dieser Zeit zu verstehen, die Auswirkungen eines dysfunktionalen Familienlebens und die Fehler, die lange vor ihrer Geburt gemacht wurden. Diese Figur ermöglicht dem Publikum einen emotionalen Zugang zum Subtext der Geschichte.?

Brian Grazer war begeistert, wie sich die kleine Jenna Boyd an der Seite solch überwältigender Schauspieler wie Tommy Lee Jones und Cate Blanchett behauptete: ?Ihre Verbindung zu den beiden war sehr persönlich. Ihre Figur ist glaubhaft, stark und unerschrocken.?

Jenna Boyd, die man in den USA in diesem Jahr an der Seite von David Spade in Dickie Roberts: Child Star (2003) sowie in der neuen HBO-Serie ?Carnivale? sehen konnte, bereitete sich auf die Rolle vor, indem sie Bücher über Kinder, die an der Frontier lebten, las, die ihr von Howard geschickt wurden. Sie sah Dot als burschikosen Typ, der obendrein ungeheuer neugierig ist. ?Am Anfang ist sie mit ihrem Leben sehr glücklich?, sagt Boyd. ?Aber nachdem sie die traumatischen Ereignisse durchmacht, wird es sehr verwirrend und emotional für sie. Sie will auch mehr über ihren Großvater und die Indianer, mit denen er gelebt hat, wissen. Die feindselige Haltung ihrer Mutter ihm gegenüber trägt zusätzlich zu ihrer Verwirrung bei.?

Die intensiven körperlichen Anforderungen der Rolle gefielen Jenna Boyd am besten, wie sie sagt. Sie ist eine begeisterte Schwimmerin und freute sich tatsächlich auf die Szenen, in denen Dot beinahe ertrinkt. Obwohl sie vor dem Dreh noch niemals richtig geritten war, lernte sie, unsichere Hügel hinaufzugaloppieren und durch unstete Furten zu reiten. ?Sie war zu allem bereit?, sagt Howard. ?Ich glaube, das hat mit ihrer Persönlichkeit und mit ihrer Ausbildung als Eistänzerin zu tun. Sie hat eine wunderbare Lebenseinstellung.?

Die zentrale Rolle des bösartigen Pesh-Chidin ging an den Künstler und nur bisweilen als Schauspieler arbeitenden Eric Schweig, der im wahren Leben ein stiller und überlegter Mann von allerdings großer und beeindruckender Statur ist. Für den Film verpasste man ihm einen bedrohlichen Look mit einer Medusa-artigen Mähne, entstellenden Gesichtsprothesen und einem Gebiss verfaulender Zähne. ?Pesh-Chidin ist eine Mischung aus realen Indianerfiguren, die in der damaligen Zeit im Westen, dem Mittleren Westen, den Wüstenstaaten und selbst in Kalifornien Angst und Schrecken verbreiteten?, erzählt Ron Howard.

?Eric ist kein ausgewiesener Geschichtsspezialist. Er ist ein im Hier und Jetzt lebender Typ ? ein Künstler und Musiker, der seine Ursprünge in Deutschland und bei den Inuit hat. Dennoch war er fasziniert von den mystizistischen Aspekten der Geschichte. Außerdem gefiel ihm die Idee, mit Hilfe des Make-up-Designs von Matthew Mungle einen großartigen Filmbösewicht zu spielen. Interessant ist, dass er als erfolgreicher Künstler diese beinahe schamanistischen Masken schnitzt, die etwas sehr Emotionales, Spirituelles und Psychologisches für ihn darstellen. Der Tatsache, dass er als Schauspieler so etwas wie eine Maske tragen mußste, brachte er großes Verständnis entgegen ? und fühlte sich zugleich herausgefordert davon.?

Das Anpassen der Gesichtsprothese, die Eric in Pesh-Chidin verwandeln sollte, war ein mühseliger Prozess, der jeweils bis zu drei Stunden in Anspruch nahm. Die Einzelteile wurden so geformt, dass sie sich mit Erics Gesicht bewegten, und waren groteske Übertreibungen seiner natürlichen Konturen. Die falsche Haut wurde bewusst mit Pockennarben übersäht, da die Zauberei Pesh-Chidins auch die Arbeit mit Giftschlangen beinhaltet. Sie wurden von den Apachen als böse Einflüsse angesehen, von denen eine Macht ausgeht, dass Menschen, die mit ihnen umgehen, krank werden oder sich ihre Haut abschält. Von der Schlange wurde angenommen, dass sie einen übernatürlichen Einfluss hat, der sehr schlecht und sehr mächtig ist.

Im Film wird Pesh-Chidin auch als ?brujo? bezeichnet ? Spanisch für ?Hexer?. Schweig stellte sich die Figur so vor, dass Pesh-Chidin seine Heilkräfte ursprünglich auf positive Weise einsetzte, sich aber aus unterschiedlichen Gründen der bösen Seite der Dinge zuwandte. ?Als wir uns darüber mit Indianern verschiedener Gruppierungen und Stämmen unterhielten, entdeckten wir, dass die Umstände, die Pesh-Chidin zu dem gemacht haben, was er ist, gar nicht so ungewöhnlich waren und eine echte Tragödie darstellten?, sagt Howard. ?Ein Mensch ist ein Schamane, wenn er seine Mächte für das Gute einsetzt, und ein Hexer, wenn er das Böse beschwört.?

An einer Stelle in der Geschichte deutet Howard an, dass Pesh-Chidin seine Gegenspielerin Maggie möglicherweise mit einem Fluch belegt hat ? oder auch nicht: ?Wir entschieden uns dafür, dass Pesh-Chidin seine Zauberkräfte gegen Maggie einsetzen sollte, aber wir ließen die Interpretationsmöglichkeiten bewusst etwas offen. Es könnte auch ein schrecklicher Zufall sein, dass sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt krank wird. Vielleicht ist das aber auch auf Pesh-Chidins Kräfte zurückzuführen. Das Publikum soll das für sich selbst entscheiden. Diese Art des Gebens und Nehmens, die Spannung zwischen zwei Welten, wollte ich unbedingt in meinen Film einarbeiten?, sagt Howard.

Pesh-Chidin umgibt sich mit einer Bande Krimineller unterschiedlichster ethnischer Herkunft. Diese ?Biker-Gang?, wie Schweig sie taufte, umfasst weiße Renegaten und Schurken ebenso wie indianische Überläufer, die ihre Stämme betrogen, indem sie sich der U.S. Army angeschlossen, nur um auch vom Militär zu desertieren, nachdem sie dort schlecht behandelt wurden.

In scharfem Kontrast zu Pesh-Chidin stehen die Indianer-Figuren Kayitah und Honesco. Kayitah ist ein Apache, der die von Tommy Lee Jones gespielte Figur während seiner Jahre unter den Indianern kannte. Ihre Wege kreuzen sich erneut, als Pesh-Chidin die Verlobte von Kayitahs Sohn entführt. Simon Baker spielt Honesco, und Jay Tavare ist als Kayitah zu sehen, obwohl er sich ursprünglich als Pesh-Chidin beworben hatte. ?Aber er strahlte etwas Gutes aus, eine ehrlich positive Aura?, sagt Howard. ?Ich bin mir sicher, dass er auch einen Bösewicht spielen kann. Aber ich fand ihn perfekt als Kayitah.?

Wenn Pesh-Chidin als Symbol für die düstere Seite des Glaubens der Indianer steht, dann ist Kayitah Ausdruck für die tugendhafteren und mitfühlenderen Elemente. Tavare, der zum Teil Apachen-Blut durch seine Adern fließen hat, gefiel grundsätzlich die Darstellung der Ureinwohner Amerikas. ?Ich habe zuvor schon Indianer unterschiedlicher Stämme gespielt, aber dies war meine erste Filmrolle als Apache ? und mütterlicherseits entstamme ich den White-Mountain-Apachen?, erklärt er.

?Ich mußs ehrlich gestehen, dass ich noch nie einen Western wie THE MISSING gelesen habe, der sich auf so einzigartige Weise mit den Indianern auseinander setzt. In den alten Hollywood-Filmen waren die Indianer immer die Bösen. Und nach Dances With Wolves (Der mit dem Wolf tanzt, 1990) waren sie immer die Guten. Dieser Film findet die richtige Balance. Die Apachen in diesem Film sind Männer, die ihr eigenes Volk verraten, indem sie als Scouts für die Armee arbeiten. Doch dann werden sie von der U.S. Army betrogen, die ihnen ihre Posten im Militär wegnimmt und sie in Reservate steckt. Sie haben also durchaus ihre Gründe, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Das gefiel mir an diesem Film. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der sich die Mühe macht, beide Seiten zu zeigen.?

Diese Balance erweist sich auch als Offenbarung für Maggie, die trotz ihres fest verankerten christlichen Glaubens voller Misstrauen gegen Indianer steckt ? eine Reflexion der Zeit, in der sie lebt, verbunden mit der Bitterkeit, dass ihr Vater sie verlassen hat, um bei den Indianern zu leben. Als die Umstände Maggie und ihre Familie mit Kayitah und Honesco zusammenführen, zeigt Maggie ihre Vorurteile unmissverständlich.

Aber mit der Zeit sorgen die wiederholten Kontakte mit den beiden Apachen dafür, dass sie beginnt, diese Männer und ihre Traditionen anzuerkennen, erläutert Blanchett: ?Mir war es persönlich wichtig, diese Dualität in Maggies Wesen zu verankern. Jones ist ein Charakter mit Fehlern. Und Maggie ist es nicht minder. Ihr Rassismus, der mit ihren Kindheitstraumata zusammenhängt, ist ein großer Fehler. Im Verlauf des Films erreicht sie einen Punkt, an dem Vergebung möglich ist. Vergebung nicht nur für ihren Vater und ihre Tochter, sondern auch für ihre Sicht der Welt im Allgemeinen.?

Das Erlernen von Chiricahua Eines der größten kreativen Wagnisse von Ron Howard bei THE MISSING war der Einsatz der Sprache der Apachen (mit Untertiteln) vor dem Hintergrund handfester Action. Der Grund, warum es so gut funktioniert und der Dynamik des Films nicht schadet, so Grazer, bestehe darin, ?dass wir sehr normal damit umgegangen sind. Die Figuren, die die Apachen-Sprache sprechen, machen das auf sehr moderne Weise. Da steckt viel Humor drin. Es hat etwas Authentisches. So würden auch echte Menschen reden ? nicht so wie Figuren aus einem Geschichtsbuch.?

Bei der Vorbereitung für den Film mußsten Jones, Tavare, Baler und die anderen Darsteller von Apachen-Figuren lernen, wie man Chiricahua, ein Dialekt der Sprache der Apachen, spricht. THE MISSING enthält mehrere Szenen mit Dialogen in dieser schwierigen und anstrengenden indianischen Sprache. ?Es gibt fünf oder sechs verschiedene Gruppen von Apachen. Jede davon spricht ihren eigenen Dialekt?, meint Tommy Lee Jones. ?Wir mußsten den Chiricahua-Dialekt sorgfältig und gründlich erlernen.?

Die Schauspieler wurden von Lehrern unterrichtet, die auch als Berater an dem Film arbeiteten: Elbys Hugar und Berle Kanseah, Stammesältere der Chiricahua mit einem beeindruckenden Apachen-Stammbaum, sowie der College-Professor Scott Rushforth, der sich auf Indianer-Sprachen spezialisiert hat. ?Die Apachen-Sprache ist eine der schwierigsten der Indianersprachen?, erklärt Tavare. ?Sie hat Knacklaute und gezischte L-Töne. Und es gibt Worte, die kann man zwar richtig aussprechen. Wenn man sie aber falsch betont, nehmen sie eine ganz andere Bedeutung an.?

?Für mich war es nie eine Frage, ob die Darsteller der Indianer die Sprache der Apachen sprechen sollten?, betont Howard. ?Wir hatten das große Glück, dass sich Elbys, Berle und Scott bereit erklärten, uns zu helfen. Vor allem Elbys kommt aus einer Ahnenlinie großer Apachen-Häuptlinge. Sein Großvater war Cochise, und sein Urgroßvater war Naiche. Cochise ist der wohl am besten bekannte und am meisten berüchtigte Chiricahua-Krieger. Und Naiche war der Anführer jener Gruppe, der es zusammen mit Geronimo, dessen Name bekannter ist, jahrelang gelang, sich dem Zugriff des Militärs zu entziehen. Die Wahrheit ist, dass Geronimo lediglich der Medizinmann war.?

Für die Schauspieler reichten Rudimente der Sprache der Chiricahua nicht aus, um die nötigen Subtilitäten und Feinheiten rüberbringen zu können. ?Für mich war es eine große Freude zu entdecken, wie faszinierend und unterhaltsam die Kultur ist und wie sehr sich das in der Sprache widerspiegelt?, sagt Howard. ?Die humorvolle Seite des Films entstammt den Begegnungen von Jones und Kayitah (Jay Tavare) und den Gesprächen der Apachen über die Weißen. Sie sind berühmt für ihren trockenen Humor. Es ist eine wunderbare Kultur.?

Im Drehbuch steht, dass die Chiricahua-Apachen dem Wandermann Jones einen liebevollen und witzigen Namen gegeben haben. Er entstand bei einem Gespräch zwischen Produzent Ostroff und Rushforth. ?Dan fragte mich, wie die Chiricahua jemanden wie Jones wohl nennen würden, einen Mann, der nicht zur Ruhe kommt, seine Familie verlassen hat und einsam ist?, sagt Rushforth. ?Für die Chiricahua ist Familie von extrem großer Bedeutung. Also antwortete ich Dan augenzwinkernd, dass sie ihn wohl ,shit out of luck? nennen würden. Dan gab meinen Kommentar an Ron Howard weiter, der das ebenfalls witzig fand. Dabei blieb es dann auch.?

Die Schauspieler lernten vor den Dreharbeiten etwa sieben Wochen lang mit ihren Lehrern und setzten ihr Studium auch noch während des Drehs fort. Hugar, der für Rushforth bereits zwei Wörterbücher in Chiricahua zusammengestellt hat, sah diese Lektionen als Gelegenheit, die Schönheit und Komplexität der Sprache, die davon bedroht ist, mehr und mehr zu verschwinden, zu demonstrieren. ?Ich sah es als Gelegenheit, jungen Menschen zu zeigen, dass man diese Sprache durchaus noch lernen kann, denn sie ist im Begriff auszusterben?, sagt Hugar.

?Als ich als Kurator in einem Museum arbeitete, unterrichtete ich eine Klasse von 50 Kindern und fragte sie, wie viele von ihnen ihre eigene Sprache verstünden und die Apachen-Sprache sprächen. Nur zwei von ihnen hoben ihre Hand.? Die Schauspieler waren dankbar dafür, dass sie nicht nur die Sprache, sondern auch die Nuancen der Kultur erlernen durften. ?Es war wunderbar, mit den Stammesältesten arbeiten zu können?, sagt Tavare. ?Ihre Geschichten waren faszinierend und halfen mir, ein besseres Verständnis für meine Figur zu entwickeln.?

Viele der Schauspieler mußsten auch das Laden und Abfeuern von Feuerwaffen und Gewehren des 19. Jahrhunderts meistern lernen, mußsten mit einem Bogen und einem Köcher voller Pfeile umgehen und selbstverständlich auch reiten können. ?Wir hatten wenigstens eineinhalb Monate Zeit, mit dem Stuntkoordinator Walter Scott zu üben?, sagt Tavare. ?Wir mußsten aussehen, als würden wir schon unser ganzes Leben reiten und uns im Umgang mit Pfeil und Bogen wohl fühlen. Es ist eine Sache zu reiten und eine andere Sache zu schießen. Und wir mußsten beides gleichzeitig tun.? Bei einer Schießerei, erzählt Tavare weiter, wurde von ihm verlangt, auf seinem Pferd zu reiten und einen sieben Kilo schweren Henry-Stutzen sowie Pfeile abzufeuern.

Ein Genre neu erfinden ?Ron wollte immer schon einen Film machen, den er schnell und an tatsächlichen Locations drehen konnte?, sagt Grazer. ?Und er wollte immer schon einen Western machen. THE MISSING erlaubte es ihm, sich diese beiden Wünsche zu erfüllen.? Für die visuelle Gestaltung von THE MISSING suchte Howard nach einem Kameramann, der sowohl mit der Größe des Stoffes als auch mit der Intimität der Erzählung umgehen können mußste. Salvatore Totino hatte zuvor nur bei zeitgemäßen Stoffen wie Changing Lanes (Spurwechsel, 2001) und Any Given Sunday (An jedem verdammten Sonntag, 1999) das Licht gesetzt.

?Und das war genau das, was ich wollte?, sagt Howard. ?Ich wollte einen Kameramann, dessen Arbeit zeitgemäß und psychologisch verankert ist. Die beängstigendsten, spannendsten Filme sind die, die uns in den Kopf der Figuren blicken lassen. Genau das wollte ich hier. Salvatore hat das bereits in seinen vergangenen Arbeiten perfekt gemacht. Und auch hier fand er einige schräge, markante Bilder, die dem Zuschauer den Eindruck vermittelten, er befände sich mitten unter den Figuren.?

Totino brachte eine Energie mit, die für Howards Vision von großer Bedeutung war, meint Grazer: ?Er liebt das Erlebnis, Filme zu drehen, und bringt den Zuschauer so nah, wie es menschenmöglich ist, an das Geschehen heran.? Totino strebte auch danach, das Genre mit dem Einsatz ungewöhnlicher Kamerawinkel aus ganz neuen Augen zu sehen. ?Ich wollte mich dem Western auf unkonventionelle und spannende Weise nähern, zumal es sich ja auch um einen Thriller handelt?, sagt Totino.

?Die Bewegung der Kamera und die unterschiedlichen Winkel locken das Publikum in einen Film. Deshalb hielt ich mich fern von den üblichen Einstellungen. Es gibt keine Aufnahmen, die über die Schultern gemacht wurden, oder traditionelle Großaufnahmen. Meine Idee war es, dass der Stil die Emotionen und die Spannung unterstreichen sollte.?

Totinos Einsatz von Steadicam und besonders von handgehaltener Kamera gab ihm die nötige Freiheit, jene Nuancen in der Darstellung der Schauspieler einzufangen, die das Mitgefühl der Zuschauer verstärkten und der Action Dringlichkeit verliehen. ?Die handgehaltene Kamera lässt sich leicht scharf stellen und auf neue Bildkompositionen einstellen. Man kann viel spontaner arbeiten, wie ein Dia-Fotograf?, erklärt Totino. ?Und Ron gab mir unglaublich große Freiheit. Wir planten unsere Einstellungen. Und wenn ich nach ein paar Klappen einen neuen Einfall hatte und alles noch einmal neu anordnete, dann ließ er die Szene einfach weiterlaufen. Es war eine fantastisch kreative Atmosphäre.?

Diese Art des Gebens und Nehmens beim kreativen Prozess sei die Grundlage für seine Art des Filmemachens, sagt Howard: ?Wenn man seinem Stab die Freiheit gibt, Dinge auszuprobieren, dann trägt das zur Kreativität der Arbeit bei. Das ist die Alchemie des Filmemachens.?

Die rauen Locations in New Mexico verlangten von Totino und seiner Crew laufend ein hohes Maß an Einfallsreichtum. Eine Gegend war so schlammig und entlegen, dass man den Kamerakran nicht verankern konnte. Andere Orte waren so felsig und uneben, dass es unmöglich war, Kameraschienen zu legen. In einem Fall baute Totino seine Kamera auf einer Art Rutsche, die nach einer Idee des Chefkabelträgers Doug Cowden auf Stäben balanciert wurde, um damit den Effekt eines Kamera-Dolly zu erzielen.

THE MISSING mag einerseits ein von den Figuren dominiertes Spannungsdrama sein. Andererseits ist es aber auch die Geschichte einer beschwerlichen Reise durch New Mexico. ?Die Geschichte ist eine regelrechte Reise, die im Hochland beginnt und an der mexikanischen Grenze in der Wüste ihr Ende findet?, sagt Ron Howard. ?Wie die Figuren im Film bewegten auch wir uns vom Schnee hin zu richtigen Hitzewellen. Das machte die Wandlung der Figuren auch für das Publikum greifbarer.?

Mutter Natur trug ebenfalls zur Vielfalt des Films bei. Wetter-Extreme sind Teil von New Mexicos bewegter geologischer Geschichte, die die gewaltigen Sandsteinkliffs, die steinigen Hügel mit ihren eisenhaltigen Felsblöcken, sandigen Arroyos und einen eingestürzten Vulkankrater, der in die Jemez Mountains übergeht, geformt hat. Das Frühjahr ist wechselhaft. Während der zweiwöchigen Dreharbeiten in den Valles Caldera wechselte das Wetter von Eis- und Schneestürmen zu erschreckend warmen Temperaturen. Das Resultat dieses Wechsels waren mehrere Schichten undurchdringlichen Schlamms.

Das Wetter konnte sich im Lauf eines Nachmittags bisweilen von Schnee über Wolken und Hagel zu Sonnenschein wandeln. Während man im Zia Pueblo, einer unheimlichen, vertrockneten Mesa aus weißem Gips, drehte, hoben mit einem Mal Winde mit einer Geschwindigkeit von etwa 100 Stundenkilometern an, die den Darstellern und der Crew die Sicht nahmen und den Atem raubten.

?Es war sehr windig. Ob wir wollten oder nicht, mußsten wir bei vielen Gelegenheiten Sand und Staub schlucken?, erinnert sich Blanchett. ?Aber die Landschaft ist außergewöhnlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Hitze von Australien aufgewachsen bin, aber ich liebe die Kälte. Also war ich sehr glücklich, dass der Dreh im Schnee begann. Grundsätzlich finde ich, dass es bei der Definition des Wesens der Geschichte half, dass wir im Schnee begannen und in drückender Hitze endeten, auch wenn das höchst ungemütlich war.?

Die Actionsequenz im Hourglass Gap war ein besonderer Test für Totinos Einfallsreichtum und erlaubte es ihm überdies, sich vor einem seiner Lieblingskameramänner zu verbeugen. ?Hourglass Gap war kompliziert, aber aufregend. Gerade die flammenden Pfeile machten viel Spaß?, erzählt er.

?Bei den Nahaufnahmen benutzten wir lange leuchtende Blitzlichter. Wir warfen sie über die Köpfe der Schauspieler, um das Feuer zu imitieren. Das erinnerte mich an die Szene in Apocalypse Now (Apocalypse Now, 1979), wenn die jungen Soldaten auf LSD-Trip sind und in die Szenerie mit dem nächtlichen Feuerwerk tuckern. Das Einzige, was der Kameramann Vittorio Storaro machte, war, dass er ganz nah an die Gesichter der Schauspieler ranging und im Hintergrund Lichter auf und ab schwenkte, um das Feuerwerk darzustellen. Das sah fantastisch aus.?

Totino drehte den Film Super 35 und füllte das Breitwandbild mit subtilen Farben, die er auch in der Postproduktion weiter bearbeitete. Bei jeder Location brachte er einen anderen Farbfilter zum Einsatz. Die verschiedenen Schattierungen wurden benutzt, um die Emotion der einzelnen Sequenzen zu unterstützen. In der weißen Gipslandschaft des Zia Pueblo verwandte er beispielsweise einen blauen Filter, um die Szenen der Anspannung und Gewalt treffend einzufangen. Die blutige, schnelle Schießerei und Rettung in der Ghost Ranch unterlegte er mit einer Korallenfärbung.

Ausstattung und Kostüm Maggies Ranch wurde im Tal eines Kraters eines inaktiven Vulkans, bekannt als Valles Caldera, erbaut ? im Hochland nördlich von Santa Fe in der Nähe des Los-Alamos-Nationalparks. Da das Gebiet unter Naturschutz steht, wurde der Crew von THE MISSING der Zugang nur unter der Bedingung gewährt, dass es zu keinerlei Umweltverschmutzungen käme. Fahrzeuge und Ausrüstung mußsten auf der Straße oberhalb des Drehorts bleiben und bei Bedarf transportierten Pferde die Kameraausrüstung oder Filmboxen von einem Set zum nächsten.

Während das Äußere von Maggies Blockhütte bereits existierte, wurde das Innere von Ausstatterin Merideth Boswell umgebaut. Zudem ließ sie eine weitläufige Veranda rund um das Haus errichten. Sie konstruierte außerdem eine vollständig funktionstaugliche Ranch, mit Zäunen, Klohäuschen, Ställen, Schmiedewerkstatt, Scheune und ?Kranken?-Haus, in dem Maggie ihre Heilungen vornimmt. Die Sequenz auf der Ranch umspannt im Film eine Zeit von drei Wintertagen, wurde jedoch tatsächlich an 13 Tagen gedreht, so dass Boswell und ihre Crew andauernd mit dem Schmelzen von Schnee oder Herstellen von Schnee beschäftigt waren, damit die Aufnahmen zusammenpassten.

Alle Bauten mußsten die strikten Vorgaben des Parkbetriebs befolgen. Die bescheidene Ranch vermittelte Cast und Crew ein reales Gefühl von dem Leben in einer so rauen, isolierten Umgebung. Howard wählte den Drehort sowohl für Innen- als auch für Außenaufnahmen. Und wenn eine Szene in der Nacht in bitterster Kälte spielte, konnte es jeder fühlen. Laut Boswell gab es von 1885 ?ein Paar Fotografien, so dass wir eine ausreichende Menge Recherchematerial zur Verfügung hatten?. Während sie also ihre Sets zunächst nach diesen Recherchefotos gestaltete, wurden sie später verändert, um den jeweiligen Figuren zu entsprechen.

?Vieles davon war eine Frage der Ökonomie. Ron und ich diskutierten Maggies Haushaltssituation. Wir wollten es nicht aussehen lassen, als wäre sie wohlhabend. Wir ließen das ,Kranken?-Haus aussehen, als ob es das ursprüngliche Farmgebäude gewesen wäre, mit einem Grasdach. Sie zog dann irgendwann in die Hütte mit einem Dach aus Holzschindeln. Was die Farben angeht, hatte ich Angst vor der Monotonie der verwitterten Materialien, aber ein Anstrich wäre zu auffällig gewesen. Außerdem war Farbe zu teuer. Die Leute mit ihren begrenzten Mitteln gaben ihr Geld eher für ihre Ställe aus, weil diese ihren Lebensstandard repräsentierten.?

Dem Drehbuch entsprechend zog die Produktion für die letzten Aufnahmen zu Boswells zweitem Hauptdrehort, der Studiobühne, auf der sie das Santa Clara Pueblo kreierte, eine unglaublich schöne Sammlung von alten Gebäuden mit Ziegelsteinen aus Lehm. Einige Außenfassaden wurden in dem echten Santa Clara Pueblo gefilmt, doch da dies ein heiliger Ort ist, konnte Boswell nichts daran umbauen und mußste eine filmfreundlichere Version für die Innenaufnahmen errichten ? mit beweglichen Mauern und Zugängen für Licht und Technik.

Der größte Teil des Films spielt draußen. Als die Produktion zur Ghost Ranch zog, eine atemberaubende Fläche mit gelber und orangefarbener Erde und felsigen Hügeln, die einst viele von Georgia O?Keefes Gemälden inspirierten, baute Boswell ihre eigene Bergfassade. Sie errichtete eine Höhle, in der Pesh-Chidin die gefangenen Mädchen versteckt, und integrierte diese nahtlos in die bestehende Bergformation.

Howard inszenierte viele aufwendige Schießereien an diesem Drehort, der über strategisch günstige Felsbrocken verfügte, die sich sowohl für die Story als auch für die Platzierung der Kameraausrüstung als ausgesprochen vorteilhaft erwiesen. Boswell ergänzte falsche Felsen, die leicht genug waren, um bewegt zu werden, doch bisweilen angebunden werden mußsten, wenn der starke Wind New Mexicos aufkam.

Boswells beeindruckendste Arbeit war Hourglass Gap, wo das Actionfinale des Films stattfindet. Das Drehbuch beschreibt Hourglass Gap als massive Mauer aus Stein mit Palisaden, die über 170 Meter in die Höhe reichen. Im Schatten der Bergfront gibt es eine schmale Spalte, so eng, dass selbst reiterlose Pferde kaum hindurchpassten. Der tatsächliche Drehort, eine 20.000-Hektar-Ranch, bekannt unter dem Namen Cerro Pelon, hatte einen hohen Felsvorsprung, der über einen abschüssigen, beinahe vertikalen Hang reichte und den Blick auf ein weites Tal aus Büschen und Wacholdersträuchern freigab.

Boswells Team nutzte den Hang und die selbst gefertigten Felsen. ?Wir bauten die Ränder des Canyons nach, um den richtigen Hintergrund dafür zu schaffen, den Ron für die Actionsequenz brauchte ? Kanonenfeuer und brennende Pfeile zusätzlich zu den Kameras. Wir mußsten die Steine in Beton und Stahl verankern. Und weil es eine Schlucht hinaufging, mußsten wir überall aufwendige Gerüste um alles herum errichten. Das ist uns in ungefähr sechs Wochen gelungen?, erklärt Boswell.

Kostümdesignerin Julie Weiss berichtet: ?THE MISSING mag in einem bestimmtem Jahr spielen, aber die Themen sind zeitlos. Mein Job war es, die Figuren als Individuen zu behandeln, als feste Größen, ob der Film nun 1885 oder 2085 spielt. Die Kostüme hatten die Aufgabe, zu zeigen, wie sich die Figuren kleiden würden, als wären sie nach Motiven ihrer eigenen Notizbücher entstanden. Dazu habe ich mir die ein oder andere Eigenerfindung erlaubt.?

?Wenn eine Kostümdesignerin so viel Glück hat, es mit Figuren wie Jones und Maggie zu tun zu haben, die von jemandem wie Tommy Lee und Cate gespielt werden?, fährt sie fort, ?macht sich der Job bei der Kombination von Schauspieler und Rolle wie von selbst. Maggies Kostüme kleiden eine Frau, die eine Heilerin ist, eine Mutter, die zwei Töchter großzieht, und jemand, der auf dem Land arbeitet. Zu Beginn sehen wir sie beim Holzhacken. Du nimmst ihre Körperlichkeit wahr, ihren Rhythmus mit den Elementen. Es ist harte Arbeit, aber es ist auch eine vertraute Arbeit. Trotz ihrer Mühen geht sie so zielstrebig vor, dass das Publikum ihr folgt. Die Kostümdesignerin mußs lediglich den Moment verstärken und vorsichtig sein, ihn nicht zu verstellen.?

Jones? Garderobe spiegelte seine weitschweifigen Reisen und seine eigenwilligen Ansichten wider, so Weiss. Während einige seiner Accessoires im Drehbuch erwähnt wurden, insbesondere das Amulett amerikanischer Ureinwohner, das er trägt, ist seine einfache Kombination aus lockeren Kaliko-Druck-Hemden, Woll-Westen gepaart mit derben Hosen und Mokassins doch genau das, was ein Mann tragen würde, der zwischen zwei Kulturen hin- und herwandert.

?Der Westen schien so vielfältig, ein wilder Ort und eine ungewöhnliche Definition einer Welt, die aus heutiger Sicht verhältnismäßig zivilisiert ist. Wenn du Tommy Lee so unbehindert reiten siehst, verstehst du die Verbindung zwischen Menschen und den endlosen Meilen des Landes. Du spürst den Verlust und willst ihn zurück?, erklärt sie.

Neben den Recherchefotos aus der Ära bezog Weiss ihre Inspiration aus den Farben des Südwestens. Das Gras-Grün in Maggies Mantel, das Sumac-Rot in Jones? Hemd, das Weizen-Braun in Dots Kleid ? alles ist als Antwort auf die Umgebung gedacht. Die verwendeten Farbstoffe sind oft aus Pflanzen und Mineralien in unmittelbarer Reichweite gewonnen ? und stammten aus dem Dorfladen, von Familienmitgliedern und Freunden oder seien durch Handel erworben, so Weiss.

Was die Rollen der amerikanischen Ureinwohner betrifft, so sind die Kostüme zeitspezifischer, erklärt Weiss: ?Denn durch die Zeit, in der der Film spielt, konnten wir zeigen, was dem Volk der Apachen damals geschehen ist und wie traurig es ist, dass sie gewaltsam ,westernisiert? wurden. Wenn ein Kostümdesigner die Aufgabe hat, eine Gruppe zu zeigen, die ihrer Identität beraubt wurde, ist es eine Ehre und auch eine Verantwortung. Die Apachen befanden sich auf der Etappe ihrer Reise, bei der ihre Kleidung zwangsweise ,westernisiert? wurde.

Mit der Kleidung wurde ihnen ihre Kultur und Identität Stück um Stück genommen. Obwohl Kayitah und Honescos Kleidung nahe an ihrer Stammestracht bleibt, war es leichter, Materialien und Stoffe zu bekommen. Die Späher der Apachen trugen oftmals Teile der Kavallerie-Uniform. Als das Militär sie nicht mehr länger benötigte, vermischt sich die sichtbare Geschichte, und man kann dies an ihrer Kleidung sehen, die eher zeigt, wo sie gewesen sind, als wer sie sind.?

Pesh-Chidin weiß allerdings genau, wer er ist, und alles an seiner Kleidung strahlt seine dämonische Macht und seine düsteren Prophezeiungen aus, meint Weiss: ?Pesh ist ein Außenseiter. Wenn er dämonisch wirkt, dann deshalb, weil die, die wissen, dass sie die Macht haben, Ängste auszulösen, eine einschüchternde Aura ihrer Stärke aussenden können. Peshs Macht ist vergiftet. Welche Gaben auch immer er als Heiler hatte ? sie sind verdorben. Er wählte den Pfad des bösen Stolzes. Er trägt seine Trophäen, die auf Aluminium gedruckten Fotos, bei sich, wie eine Liste seiner Opfer. Jeder, der seine Vergangenheit wie ein Schutzschild vor dem Missbrauch seiner Macht tragen mußs, sollte nicht nur sein Kostüm loswerden, sondern auch seine Seele.?

?Julie ist eine echte Künstlerin mit unterschiedlichsten Interessen und dem Wissen und Hintergrund, all diese in ihre Arbeit einzubringen?, schwärmt Howard. ?Sie half uns, die Rollen zu entwickeln, und sendet mit ihrer Arbeit subtile Botschaften über das Thema des Films.?

Weiss? Kostüme haben häufig ein metaphorisches Element. Es gibt die beunruhigenden Bilder der gefangenen Mädchen, die für den ?Markt? herausgeputzt werden ? mit grellem, Clown-ähnlichem Make-up und aufgetakelt mit Korsetts, die sie aussehen lassen wie deformierte Ballerinas eines Degas-Gemäldes. ?Sie wurden zu verzerrten Schönheitsabbildern wie aus einem Spiegelkabinett, ein Albtraum, von brutaler Hand gezeichnet?, erklärt Weiss.

?Die Dreharbeiten in Santa Fe waren wie Aufnahmen in einem 24-Stunden-Archiv. Die Gemeinde half uns bei den Recherchen?, fährt sie fort. ?Es gab Familienalben, Fotosammlungen, Erinnerungsbücher, Reisejournale, die persönliche Erfahrungen beschrieben. Neben der Verantwortung der Kostümdesignerin, zu wissen, was angemessen für eine bestimmte Zeit ist, mußs sie außerdem noch die Wesenszüge der Figuren berücksichtigen. Als Individuen kleiden wir uns selbst und schmücken uns mit dem, was von unserer Persönlichkeit hervortritt. Und das war mein Job als Kostümdesignerin ? ich mußste ihrer persönlichen Reise Respekt entgegenbringen.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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