Darshan - Die Umarmung

Produktionsnotizen

Was ist Darshan und wer ist Amma? Darshan oder Darshana ist ein Begriff aus dem Sanskrit und wird wörtlich übersetzt mit schauen, sehen/gesehen werden, Anblick oder Anschauung einer Gottheit oder eines Heiligen. In der religiösen Praxis bedeutet Darshan die Begegnung zwischen Meister und Schüler, wobei meistens der Schüler einer Einladung des Meisters gefolgt ist, es also eine gewissermaßen "offizielle" Begegnung ist.

Mit Darshan kann aber auch das innige Betrachten eines Götterbildes gemeint sein, um zu meditieren und neue Kraft zu sammeln. Ziel von Darshan ist es, durch die Präsenz einer Gottheit oder eines Heiligen zu einem Zustand geistiger Offenheit inspiriert zu werden, der zur Wahrnehmung von Sichtweisen oder Perspektiven befähigt, die über die bloße Erscheinung hinausgehen. Auch eine Pilgerreise zu heiligen Stätten kann Anlass einer derartiger Inspiration werden.

Indien hat sich im Wandel seiner Geschichte die tief wurzelnde Bedeutung des Heiligen bewahrt. Innerhalb der Hindu Tradition haben die ?erleuchteten Seelen?, die Mahatmas, die bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrt werden, einen privilegierten Platz als spirituelle Führer. Die Aufgabe eines Mahatmas bzw. eines Gurus besteht darin, die Anhänger auf den Weg der Erleuchtung zu geleiten, ihnen zu helfen, das Göttliche durch Gebete, Rituale, die Interpretation heiliger Texte (der Vedas) und verschiedene Techniken der Meditation zu erfahren.

Ziel ist es, egoistische Bedürfnisse wie materielle Wünsche fallen zu lassen und das selbstlose Geben seiner Selbst zu entwickeln. Durch tief empfundene Anteilnahme am Leid anderer kann ein Zustand tiefen inneren Friedens erreicht werden. Die Geschichte der Mata Amritamandamayi ist exemplarisch für die Entwicklung und den Stellenwert eines Gurus. Die Tochter einer ärmlichen Fischerfamilie aus Kerala, die von ihren Anhängern liebevoll Amma (?Mutter?) genannt wird, ist heute eine der wichtigsten lebenden Hindu Führerinnen.

Vielen gilt sie als Wiedergeburt der göttlichen Mutter. Nach der Tradition gilt sie schon jetzt als Heilige, die den Zustand höchster Glückseligkeit erreicht hat. Ammas Philosophie und Lehre sind einfach und basieren auf dem ausgewogenem Verhältnis von Bakhti (Andacht, z.B. Gebet und Studium) und Karma (Tat, z.B. gemeinnützige Arbeit). Als wichtigste Werte gelten Liebe, die Familie, Toleranz, Geduld, Freude, Demut und Selbsthingabe zum Wohle der Allgemeinheit.

Ammas ashram liegt wie eine Insel eingebettet zwischen farbenfrohen Häusern und Kokosnuss -Palmen an den Lagunen von Kerala. Sobald ein neuer Gläubiger im ashram ankommt, wird er zu Ammas einzigartiger Zeremonie eingeladen, dem Darshan. Die Zeremonie endet in der rituellen Umarmung, bei der jeder Einzelne von Amma selbst in die Arme geschlossen wird; manchmal werden auch Fragen der Ratsuchenden beantwortet. Die Zahl der Wartenden ist enorm, bei einer Zeremonie können bis zu 20.000 Menschen darauf warten, von Amma in die Arme genommen zu werden.

Bis jetzt wird geschätzt, dass Amma rund 21 Millionen Menschen den Trost ihrer Umarmung geschenkt hat. Seit Beginn ihrer spirituellen Laufbahn hatte Amma aber auch mit Anfeindungen zu kämpfen. Selbst in einem Land wie Indien, das über eine große spirituelle und religiöse Tradition verfügt, ist sie großer Skepsis und Ablehnung begegnet. Als Frau, die noch dazu aus ärmlichen Verhältnissen stammt, mußste sie gegen große Vorurteile ankämpfen. Die Eltern standen ihrer eigenwilligen Tochter ebenfalls lange Zeit sehr kritisch gegenüber.

Sie berichten, dass die kleine Sudhamani (so wurde Amma von ihren Eltern genannt), schon von Anbeginn an ein seltsames Kind gewesen sei. Im Alter von 6 Monaten konnte sie bereits laufen und sprechen, mit 2 Jahren rezitierte sie Gebete. Immerzu war sie in Bewegung, sie tanzte und sang unaufhörlich, um Gott herbeizurufen. Ihrer Familie gegenüber bekannte sie: ?Ich gehöre euch nicht, meine Familie ist die ganze Welt. Ich wurde geboren, weil es hier Menschen gibt, die mich brauchen. Ich bin nicht nur eure Tochter, ich bin hier für alle.?

Nach etlichen Versuchen der Eltern, die Tochter in ein ?normales? Leben einzugliedern, gaben sie schließlich auf. Nach und nach wurde Ammas Fall in Indien bekannt, Anhänger begannen, sich um sie zu scharen. Im Zeitraum von dreißig Jahren hat sich ihr ashram in Amritapuri beträchtlich gewandelt. Um ihr Elternhaus herum gebaut, beinhaltet er heute einen Tempel, diverse Gebäude sowie zwei Wohnhäuser (eines mit 13, ein weiteres mit 18 Stockwerken), in denen Anhänger untergebracht werden können.

Amma hat darüber hinaus ganze Dörfer für arme Familien gebaut sowie Hospitäler, Schulen und Universitäten über ganz Indien verteilt errichtet. Des weiteren hat sie ein Hilfswerk für alleinstehende Mütter gegründet, und sie macht sich stark für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Im heutigen Indien bekleidet sie eine Sonderstellung, die in ihrer konsequenten Verpflichtung zum Frieden und ihrem konstanten Kampf gegen Armut und Analphabetismus wurzelt.

Anlässlich der Feierlichkeiten 50. Geburtstages der UNO, zu denen Amma geladen war, betonte sie dass: ?... die Anstrengung, das Essentielle des menschlichen Wesens zu finden, eines der unentbehrlichen Elemente bei unserem Streben nach Frieden, Harmonie und Suche nach materieller Weiterentwicklung ? (ist). 2002 wurde sie im Sitz der Vereinten Nationen in Genf in Anerkennung ihres lebenslangen Beitrages zur Gewaltlosigkeit und ihr soziales Engagement mit dem Gandhi-King-Preis ausgezeichnet. Zuvor bekamen diesen Preis Kofi Annan und Nelson Mandela.

An den Feierlichkeiten ihres 50. Geburtstages im September 2003 nahmen über 2 Millionen Menschen teil, darunter auch der Präsident und der Premierminister Indiens sowie zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. ?DARSHAN - Die Umarmung? ist ein Portrait des ungewöhnlichen Weges, den diese außergewöhnliche Frau gewählt hat und zugleich der Versuch, die Intensität von kollektiver Leidenschaft für eine karitative Sache einzufangen.

Anmerkungen des Regisseurs Jan Kounen Das Kino und innere Erfahrungswerte sind für mich unauslöschlich miteinander verwoben. Jedes Mal, wenn ich einen Film vorbereite, vertieft das meine eigene Selbstbeobachtung: hätte ich nicht das Bedürfnis verspürt, bestimmte Orte und Erfahrungen in Film zu ?übersetzen?, wären dann bestimmte Erfahrungen, die ich gemacht habe, an mir vorüber gezogen? Als Künstler hat man die Pflicht, auf die Umgebung zu reagieren, diese auszuloten und dann mitzuteilen; aber auch, alles woran wir glauben stetig zu hinterfragen.

Nach meinem Film DOBERMANN habe ich das erste Mal die große Wirkung des Kinos gespürt, und ich habe beschlossen, diejenigen Zonen des Spielfilms auszuloten, die bislang nur wenig behandelt wurden. Ich begann mich mit dem Schamanentum zu befassen, als ich an meinen Film BLUEBERRY schrieb. Das Drehbuch basiert lose auf dem Comic von Jean Giraud, in dem ein Weißer auf der Suche nach einem mystischen Abenteuer mit der Welt der Indianer in Berührung kommt.

Während der Arbeit am Drehbuch lebte ich mit den Shipibo Indianern des peruanischen Amazonas Gebiets. Ich begriff zu dieser Zeit noch nicht, wie sehr die Begegnung mit den Schamanen meine Sicht auf die Welt verändern würde. Und wie sehr mich diese Erfahrungen ermutigen würden, eine andere Sichtweise auf die Realität einzunehmen. Ich habe mir gar kein Bild davon machen können, wie diese Initiationsreise, zu der ich eingeladen wurde, meine Art zu Filmen beeinflussen würde.

Zunächst wollte ich als Reflex auf diese unglaubliche Erfahrung einen Dokumentarfilm über die Schamanen drehen. Ich wollte die unbekannten Zonen des Bewußtseins, zu denen ich von ihnen geführt worden war, auf Film bannen. (Während ich dies hier schreibe, beende ich gerade diesen Dokumentarfilm mit dem Titel OTHER WORLDS.) Während der über 6 Jahre andauernden Reisen zu den Schamanen veränderte sich meine Beziehung zu den Indianern beständig.

In dieser Zeit entwickelte ich zwei weitere Filme: BLUEBRRY, einen Spielfilm, und den oben erwähnten Film OTHER WORLDS, als eine Art dokumentarischen Counterpart zum Spielfilm. OTHER WORLDS ist ein Teamtagebuch, gefilmt auf DVD-Cam, unterbrochen von Gesprächen mit Schamanen und Naturwissenschaftlern. In unserer Kultur können Dichter und Künstler manchmal an einen Punkt kommen, wo sie das eigentlich Unsichtbare, das Immaterielle berühren. Für die Schamanen ist dies Teil ihres Alltags. Das Kino kann versuchen, diese Suche nach dem Unausdrückbaren wiederzugeben ? die Selbstreflexion auf höchstem Niveau.

Nach BLUEBERRY und OTHER WORLDS war ich sehr neugierig auf andere Kulturen mit archaischen Traditionen. Wie erreicht der Mensch dieses ?Anderswo? und zu welchem Zweck? Egal, ob die Annäherung daran spirituell geprägt ist oder nicht: die Herangehensweise anderer Kulturen an das Phänomen des Übersinnlichen und an die Strukturen des Bewußtseins ist eine von uns sehr unterschiedliche. Ihre unterschiedliche Gedankenwelt fließt in ihr tägliches Leben ein. Die spirituellen Prozesse, die mich interessieren, haben ein Konzept von Glück zum Ziel, das weit hinter materiellen Wohlstand reicht.

Ich beschloss, gemeinsam mit dem Produzenten Manuel de la Roche eine Reihe von sechs Dokumentarfilmen mit dem Titel ANOTHER REALITY zu realisieren. Das gemeinsame Ziel dieser Arbeiten ist es, in das Universum all derjenigen vorzustoßen, die sich mit alternativer Wahrnehmung der Realität beschäftigen, egal ob sie dies alleine oder in Gruppen tun, unabhängig davon, welche Traditionen resp. Berufe sie repräsentieren, wie etwa: Mystiker, Forscher, Philosophen, Schamanen oder Künstler ...

Meine Position als Regisseur ist nicht die eines ?Sachverständigen?. Bei ?DARSHAN - Die Umarmung? versuche ich vielmehr, durch das Auge der Kamera Amma in den Fokus der Aufmerksamkeit zu lenken. Ihre Kombination von religiöser Leidenschaft und altruistischer Lebensphilosophie, ihrer Mischung aus Pragmatismus und Abgehobenheit. Es ist nicht meine Intention, einen ethnischen, religiösen oder politischen Film zu machen.

Was mich vielmehr interessiert ist Amma selbst, die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das von ihrem ganzen Dorf für verrückt gehalten wurde in ihrem Wunsch, die ganze Welt zu umarmen. Und die es schließlich geschafft hat, viele Menschen zu dieser ?Verrücktheit? zu konvertieren. Ich möchte zeigen, wie der Mythos Amma kreiert wurde und wie sie es geschafft hat, sowohl in Indien als auch in anderen Ländern, eine große Anzahl von Anhängern zu finden, deren Zweifel sie zerstreuen konnte.

Im Herbst filmte ich den Darshan, der anläßlich Ammas 50. Geburtstag in Kocchi, Kerala, abgehalten wurde. Ich traf ihre Eltern und einige ihrer ältesten Anhänger. Im Archiv haben wir alte Super 8 Aufnahmen gefunden, die sie im Alter von 20 Jahren zeigen, wie sie mit einer Handvoll Mitstreitern und drei Bambuspflanzen ihren ersten ashram aufbaut. Das alles will ich in meinem Film zeigen: wie Amma war und wie sie heute ist. Und wie sie zu einer der wichtigsten Mahatmas in Indien wurde.

Die Serie "Another Reality" Die Filmreihe ANOTHER REALITY ist ein gemeinsames Projekt von Jan Kounen und Manuel de la Roche. Geplant sind 6 Dokumentarfilme, die das übergreifende Ziel haben, ?das Universum derjenigen Menschen zu beleuchten, die in einer ?anderen Realität? leben oder mit alternativen Modellen experimentieren; Unabhängig davon, ob sie alleine oder in Gruppen leben, ob sie uns unbekannte Traditionen repräsentieren, mystische Personen oder Wissenschaftler sind, Philosophen, Botaniker, Schamanen oder Künstler... Es geht um das Universum derjenigen, die eine andere Realität, als die uns bekannte, erforschen, denken und leben.? (Jan Kounen)

Bereits in Arbeit ist ein Film über eine der ältesten Traditionen der Himalaja Region, die als eine der vorbuddhistischen Religionen gilt. Eine Religion, in der die Mönche in der Lage sind, 49 Tage lang in völliger Dunkelheit sitzend auszuharren und ihre Aufmerksamkeit völlig nach innen zu lenken, um in einen Zustand völliger Leere zu gelangen, selbst den der Gedankenleere.

Geplant ist ein Film über die Insel Tamma (die ?Insel der Frauen?) in Korea, auf der Frauen auf der Bühne eine Art schamanisches Theater mit dem Ziel einer kollektiven Katharsis performen. Und es wird einen Film über die Inthronisation einer weißen Französin bei einem Voodoo Stamm in Benin geben. Erstmals gab es für diese heilige Zeremonie eine Filmerlaubnis. ?DARSHAN - Die Umarmung? ist der erste Film der Reihe ANOTHER REALITY.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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