KeKeXiLi - Mountain Patrol

Produktionsnotizen

Über die Dreharbeiten - Aus dem Tagebuch eines Journalisten Ich hatte davon gehört, dass Lu Chuan einen Film mit dem Titel KEKEXILI drehen würde. (...) Ich hatte plötzlich den Wunsch, Lu Chuan am Drehort zu besuchen, weil ich sowohl dieses mysteriöse Land als auch den Mann, der einen Film darüber drehte, gern näher kennen lernen wollte. Ich reiste von Shanghai aus über Lanzhou nach Germu, Richtung Westen. Am 1. Oktober traf ich das Team, gerade rechtzeitig für den Wechsel an den nächsten Einsatzort, von Germu nach Wudaoliang. Die Höhe steigerte sich von 2.900 Metern auf 4.700 Meter.

Wudaoliang liegt in der Nähe eines der wichtigsten Drehorte des Films: dem Fluss Chumaer in Kekexili. Auf dem Weg dorthin fuhren wir mit dem Wagen über die weite, öde Hochebene. Insgesamt verbrachte ich sechs Tage mit dem Team. Während dieser Zeit beobachtete ich Antilopenherden, die durch die unfruchtbare Landschaft galoppierten; ich sah dem Filmteam bei den Dreharbeiten im eisigen Fluss zu, als die Außentemperatur etwa minus zehn Grad Celsius betrug; ich erlebte Schauspieler, die vor Kälte laut schrien, und einen Regisseur, der vor Erschöpfung nicht mehr sprechen konnte.

Auch wenn sechs Tage recht kurz erscheinen mögen, war diese Reise doch lang genug, um mich davon zu überzeugen, dass dieser Film etwas Besonderes werden würde.

1. Oktober: Erste Eindrücke von Germu Die Zugfahrt von Lanzhou nach Germu dauerte siebzehn Stunden. Die ganze Nacht lang fuhr der Zug durch die unbewohnte Gegend des Qingzang-Plateaus. Draußen war es stockdunkel. Mit zunehmender Höhe fing ich an, alle möglichen Beschwerden zu entwickeln: Alle zwei Stunden wurde ich in meinem schaukelnden Abteil von Atemnot und Schwindelgefühlen wach. (...)

Bei der Ankunft in Germu um elf Uhr vormittags war es nicht so kalt, wie ich erwartet hatte. Ein Mann warnte die angekommenen Reisenden vor der ?Plötzlichen Berg-Übelkeit? [Acute Mountain Sickness, AMS], die möglicherweise einige von uns am Abend befallen könnte. Ich erzählte ihm, dass ich sie schon in der Nacht kennen gelernt hatte. Als ich im Hotel eintraf, war dort alles still.

Das Team schlief noch, es hatte gerade einen Nachtdreh hinter sich. (...) Als ich Lu Chuans Raum betrat, fiel mein Blick auf die Bilder, die auf einem Monitor zu sehen waren. In dem Film saßen einige Einheimische im Kreis zusammen, rauchten und unterhielten sich. Die nächste Einstellung zeigte einen Mann mit einem Gewehr auf dem Rücken, der sich aus der Ferne näherte. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund ließen ihn klein, aber dennoch entschlossen wirken.

Mich überraschte die Atmosphäre in dem Film, weil sie sich so deutlich von den aktuellen chinesischen Filmen unterschied, die ich gesehen hatte. Die Bilder waren von einer einfachen Reinheit, die atemberaubend war. Vom ersten Augenblick an spürte ich den Ernst dieses Films und die Mühe, die das Team dafür auf sich nahm. Jemand rief das Kernteam zu einer Besprechung zusammen. Ich stellte fest, dass die Crew fast vollständig aus Männern bestand.

Man sprach über die für den nächsten Tag vorgesehene lange Fahrt nach Wudaoliang, einem im Kunlun-Gebirge in 4700 Meter Höhe gelegenen Ort. Der Kontakt zu einer dortigen Armeebaracke war bereits hergestellt ? der einzigen Unterbringungsmöglichkeit. Der Produzent informierte alle darüber, dass ihnen harte Bedingungen bevorstanden. In diesem Moment sah ich den ernsten Ausdruck in Lus Gesicht. Unter vier Augen erzählte Lu, dass sein Instinkt ihm sagte, er könne das wahre Kekexili nur im Kunlun-Gebirge finden, dem völlig unbewohnten Bereich von Kekexili. (...) Viele Teammitglieder hatten Angst vor der Fahrt nach Wudaoliang. Für mich war sie der Beginn des Abenteuers.

2. Oktober: Das Leben in Wudaoliang Wir verließen Germu um acht Uhr morgens und brachen auf der Qingzang- Straße nach Wudaoliang auf. Ich fuhr in einem Wagen mit dem Regisseur, und während der Fahrt unterhielten wir uns miteinander. Wir sprachen darüber, warum er diesen Film machte, trotz der extrem harten Drehbedingungen. Manchmal wurde Herr Lu still während des Gesprächs und starrte hinaus in die Ferne. Er erzählte, dass das Thema dieses Films ihm Stärke gäbe, und dass er die harten Bedingungen tatsächlich auch genießen würde.

?Dieser Film wird Sie sehr bereichern und Ihr Leben verändern?, sagte er. (...) Nach vier Stunden kamen wir bei den Kasernen von Wudaoliang an. Das Hauptgebäude hatte drei Stockwerke und ähnelte einer Schule. Aufgrund der beschränkten Anzahl von verfügbaren Zimmern konnten nur die Mitglieder des Kernteams und die mitgereisten Frauen im Hauptgebäude bleiben, der Rest von uns war zu mehreren in Wohnungen untergebracht. Die Lebensbedingungen im Hauptgebäude waren bestenfalls ärmlich.

Es gab in der ganzen Anlage nur eine Toilette, die sich außerhalb des Gebäudes befand. Aber niemand beklagte sich. Nachdem wir ausgepackt hatten, ruhten wir uns alle aus. Es fiel niemandem leicht, in einer Höhe von 4700 Metern fröhlich zu bleiben (...); selbst die Einheimischen im Team waren müde und schliefen. Trotz der vielen Menschen in den Baracken war es dort extrem still. Mir ging es so schlecht wie niemals zuvor in meinem Leben. Die Kopfschmerzen waren unerträglich. (...)

Als es Abend wurde, rief jemand, dass in der Nähe große Antilopenherdenzu sehen seien. Lu fuhr los, um sie sich anzusehen. Es war kalt bei diesem Sonnenuntergang in den Bergen; wir entdeckten zwei Dutzend Tibetische Antilopen. Lu bat die Photographen, die Szene aufzunehmen, bevor es dunkel wurde. (...)

3. Oktober: Die Aussicht ist besser am Fluss Die meisten Crewmitglieder hatten dunkle Ringe unter den Augen, als sie am nächsten Tag erwachten. Jeder litt unter den Symptomen von AMS, körperlich und geistig. Dennoch gab es Arbeit, die getan werden mußste: am Chumaer-Fluss. Die Temperatur betrug nur drei Grad Celsius, als wir um zehn Uhr aufbrachen. (...) Der Fluss schlängelte sich ruhig durch die unbewohnte Landschaft, und der blaue Himmel und die schneebedeckten Berge in der Ferne ließen alles surreal aussehen. Zhao Xiang, einer der Produktionsleiter, streckte seine Hand ins Wasser, zog sie aber schnell wieder heraus: ?Ist das kalt!?

Daraufhin kehrte das Kernteam in die Kaserne zurück, um über die Logistik der Dreharbeiten für die Fluss-Szene und die Sicherheit der Schauspieler zu sprechen. Am Nachmittag kehrten sie an den Drehort zurück. Als sie sahen, dass die einheimischen Schauspieler ohne Kleider in den Fluss sprangen, beschlossen sie, sofort mit dem Drehen anzufangen, um die Begeisterung der Schauspieler nicht zu vergeuden. (...) Leider war zu dem Zeitpunkt, als alles aufgebaut war, der starke Wind zurück und verursachte Probleme beim Aufnehmen des Tons.

Lu Chuan war gezwungen, für diesen Tag das Drehen aufzugeben. (...) Noch immer verursachte die AMS bei allen Beschwerden. (...) Die kargen Bedingungen in den Baracken machten alles noch schlimmer. Das Atmen fiel einem sogar schwer, wenn man in den extrem kalten Nächten nur ins Badezimmer ging oder sich das Gesicht wusch.

4. Oktober: Alle Lieder, die wir kennen (...) Morgens gingen die Schauspieler an den Fluss, um zu üben. Der Wind war sehr stark, und als sie mit Messern in der Hand durch das Wasser auf die andere Seite des Flusses stürmten, spürten wir alle die Intensität dieser Szene. (...) Während der Dreharbeiten wurde es dunkel, und die Temperatur fiel deutlich. (...) Die Schauspieler hatten nur ihre Unterwäsche an und durchquerten den eiskalten Fluss mit nackten Beinen. (...) Als die Dreharbeiten gegen sieben Uhr abends endeten, waren alle Schauspieler dem Zusammenbruch nahe.

Ich berührte ihre Mäntel, die hart wie Marmor gefroren waren. Alle nahmen an, dass die Schauspieler danach mindestens einen Tag lang nicht einsatzfähig sein würden. Zu unserer größten Überraschung aber erschienen sie am Abend alle in bester Laune, lachend und singend; sie erklärten, dass es ihnen gut gehe und sie am nächsten Tag weiterdrehen könnten. Der ganze Raum war voll mit Menschen ? Produzenten, Photographen, Tontechnikern und Schauspielern. Alle waren glücklich, zusammen zu sein, wie alte Freunde.

Nachdem einiges getrunken worden war, begannen die Einheimischen ein Lied nach dem anderen in ihrer Muttersprache zu singen. Auf dem Höhepunkt schlugen alle mit den Ess-Stäbchen an ihre Schüsseln und sangen gemeinsam. Ganz plötzlich hatte ich das Gefühl, als hätte ich die wahre Bedeutung des Films erfasst; darüber war ich derart euphorisch, als wäre meine Seele plötzlich befreit. Wir fingen an, die Lieder der Einheimischen mit unseren eigenen zu beantworten; wir sangen buchstäblich alle Lieder, die wir kannten.

Das war eine lebensverändernde Erfahrung. Mir war zum Weinen zumute, und ich sang, bis mir die Stimme versagte. Für einen kurzen Moment vergaß ich die Höhe, die Kälte und die Schmerzen und fühlte nur noch Wärme und Ruhe. Lu erzählte mir später, dass er und sein Team diese Erfahrung jedes Mal machten, wenn sie mit den Patrouillenmännern aus Kekexili gemeinsam gegessen hatten. Ich schlief herrlich nach diesem Abend voller Freude und Glück.

5. Oktober: Völlig durchgefroren Seit fünf Tagen habe ich nicht mehr gebadet. Deshalb habe ich heute beschlossen, mir unten die Haare zu waschen. Es war nicht einfach, sich die Haare in dieser Höhe zu waschen: Ich konnte kaum atmen, und als ich in mein Zimmer zurückkam, waren meine Hände und Füße eiskalt. Es gab ein öffentliches Bad auf der anderen Straßenseite. Die meisten zogen es allerdings vor, nicht zu duschen, seit jemand erlebt hatte, dass die Wasserversorgung plötzlich unterbrochen war, während er unter der Dusche stand.

Die Szene, in der der Fluss durchquert werden sollte, war noch immer nicht abgedreht. Normalerweise brach das Team gegen ein Uhr mittags zum Drehort auf, und die Dreharbeiten begannen gegen drei Uhr. Aber das Wetter in Kekexili ist unvorhersehbar, und binnen Minuten kann aus Sonnenschein Hagel werden. Es war besonders kalt an diesem Tag. Der Himmel war wolkenbedeckt, und es schneite. Der Fluss war kälter als je zuvor, aber die Schauspieler mußsten dennoch immer wieder hineinspringen.

Gegen sieben Uhr abends waren einige Schauspieler so durchgefroren, dass sie nicht sprechen konnten. Daraufhin mußsten die Dreharbeiten abgebrochen und alle Schauspieler in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses gebracht werden. Auf dem Rückweg sprach Lu Chuan kein Wort. Ich hatte Verständnis für das Dilemma, in dem er sich befand: Einerseits mußste er sich an den Zeitplan halten, aber gleichzeitig mußste er sich um seine Schauspieler kümmern.

Alle sieben Schauspieler, die im Flusswasser gewesen waren, lagen nun nebeneinander im Krankenhaus und erhielten Infusionen. Den beiden Regieassistenten, die am Abend zu Besuch kamen, erzählten sie, dass das Warten am Ufer zwischen den Szenen schlimmer gewesen war, als den Fluss zu durchqueren, weil sie aufgrund der Nässe völlig erstarrten. Sie machten Witze über einen der Schauspieler, Zhao Yisui, der völlig durchgefroren war. Das war Zhao ein wenig peinlich, aber er wandte ein, dass er nichts dafür konnte.

Ich hatte gesehen, wie sein Gesicht während der Dreharbeiten vor Kälte violett anlief. Zhang Lei, der die Rolle des Reporters im Film spielt, erzählte mir: ?Ich konnte die Schmerzen des AMS zu Beginn nicht ertragen und träumte jeden Tag davon, wieder nach Hause zu fahren. Ich habe einen ganzen Monat dafür gebraucht, mich an alles zu gewöhnen ? und jetzt wollte ich einfach meine Arbeit gut zu Ende bringen.? Niemand sprach je davon, aufzugeben, obwohl alle litten. Ich verstand allmählich, was Lu mit ?Erfüllung finden? gemeint hatte. Das Team erlebte in Kekexili eine ähnlich schicksalhafte Herausforderung wie die Figuren im Film.

6. Oktober: Wenn alles schlimmer kommt ... Noch immer drehen wir die Fluss-Szene. Im heulenden Wind, in der Ferne die verschneiten Berge, fühlte ich mich wie am Nordpol. Das Team hatte aus der Erfahrung am Vortag gelernt und Leute eigens dafür abgestellt, sich um die Schauspieler zu kümmern; sie bauten ein Zelt auf, in dem ein Feuer brannte und in das die Schauspieler nach jeder Einstellung liefen. Lu war von den Anstrengungen der Arbeit inzwischen ernsthaft erkrankt.

Er litt unter starken Schmerzen des Brustkorbs und konnte sich kaum bewegen oder sprechen. Trotzdem fuhr er damit fort, das gedrehte Material am Monitor zu sichten ? immer mit einer Hand auf der Brust. Irgendwann brachte man Lu ins Krankenhaus, wo er Infusionen bekam. Zu allem Überfluss rief der Agent des Hauptdarstellers an und teilte mit, dass sein Klient ab dem 20. Oktober für einen anderen Film freigestellt werden müsste. Ursprünglich sollten die Dreharbeiten bis 20. Oktober abgeschlossen sein, aber nun verlängerten sie sich bis in den November hinein.

Angesichts der sich häufenden Probleme machten alle sich große Sorgen ? einschließlich mir, der ich gar nicht zum Team gehörte. Für mich sollte es die letzte Nacht in Wudaoliang sein. Wieder konnte ich nicht einschlafen. Ich kannte die unvorstellbaren Schwierigkeiten, vor denen das Filmteam stand, und konnte mir kaum vorstellen, wie sie diese Probleme alle lösen wollten.

Aber nachdem ich die Entschlossenheit jedes Einzelnen erlebt hatte, war ich sicher, dass sie es schaffen und dabei an den Herausforderungen noch wachsen würden. Das war eine echte Prüfung für die Seele ... - Teng Jingshu, Kekexili, Oktober 2003

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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