Alles ist erleuchtet

Produktionsnotizen

Vom Roman zum Drehbuch Der Roman erschien 2001, aber Schreiber wurde bereits auf die Story aufmerksam, als er sie in einer Kurzfassung vom Magazin New Yorker zugeschickt bekam. Damals trat Schreiber gerade auf einer New Yorker Bühne auf und übernahm eine Lesungsreihe für das Magazin. Der Stoff faszinierte ihn sofort.

Dazu Schreiber: ?Die Kurzgeschichte hat mich sehr tief bewegt, wobei ich gleichzeitig fand, dass ich seit Jahren nicht mehr etwas derart Komisches gelesen hatte. Es geht im Grunde darum, dass Menschen ohne Kommunikation nicht leben können. Wir erleben zwei Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen, die absolut nichts miteinander gemein haben, um dann doch zu spüren, dass es eine sehr tiefe emotionale und spirituelle Verbindung zwischen ihnen gibt.?

Schon als Schüler wollte Schreiber Schriftsteller werden, wobei ihm damals ein Lehrer riet, es lieber mit der Schauspielerei zu versuchen. Schreiber nahm sich den Rat zu Herzen und machte eine Schauspielausbildung, ohne seine Autoren-Ambitionen je zu vergessen. Wie der Zufall es wollte, schrieb er bereits an einem Drehbuch über seinen verstorbenen Großvater und die Ukraine, als er die Story im New Yorker las.

?Als mein Großvater starb, begann ich mich für sein Schicksal zu interessieren, weil ich hoffte, dadurch auch mehr über mich selbst zu erfahren. Ich schrieb sehr viel, vor allem über die Ukraine. Als ich dann Jonathans Geschichte las, spürte ich sofort eine Verbindung. Aber ihm gelang auf 15 Seiten, wofür ich bei meinem Versuch 100 Seiten brauchte ? und er hat es zudem noch sehr humorvoll zu Papier gebracht.?

Schreiber nahm also Kontakt zu Foers Agent auf, doch er mußste etliche Wochen auf den Rückruf warten ? es hieß, der Autor sei in Spanien, wäre aber mit einem Treffen einverstanden, sobald er zurückkehrte. Foer gibt zu, dass ihn das Treffen mit dem Schauspieler sehr interessierte: ?Durch einen Anruf erfuhr ich, dass Liev den Textauszug gelesen hatte und mich kennen lernen wollte. Ich kenne seine Filme und Theaterauftritte und schätze ihn sehr ? er gehört eindeutig zu den renommiertesten Schauspielern New Yorks. Ich fühlte mich geschmeichelt, weil ich sein Interesse schon mit dem kurzen Text geweckt hatte, denn das Buch war noch gar nicht erschienen.?

Das erste Treffen der beiden verlief anders als Schreiber es erwartet hätte. ?Wir verabredeten uns in einer New Yorker Bar ? damals wusste ich sonst nichts über ihn. Ich stellte mir einen etwa 90-jährigen Juden aus Nantucket vor, mit dem man nur über seinen Agenten kommunizieren kann. Ich kam also herein, und da saß ein bebrillter Knabe in den 20ern, der mir lächelnd zuwinkte. Im ersten Augenblick hielt ich ihn für einen Fan, der auf ,Scream? oder sonstwas steht. Aber er winkte immer weiter, also ging ich rüber ? es war tatsächlich Jonathan. Ich war sprachlos?, lacht er.

Die beiden begannen sich eine Menge Witze zu erzählen, bei Drinks über Frauen zu reden, sie diskutierten über das Buch, ihre Großväter, die Ukraine und das jüdische Selbstverständnis. ?Ich weiß noch, wie ich überlegte, dass wir uns zwar gut verstanden und viel Spaß hatten ? aber ich wusste immer noch nicht, ob er mir die Rechte überlassen würde. In dem Moment sah er mich an und sagte: ,Ja, ja ? alles klar.? Wow, das ging ja schnell ? aber dann gab er mir die Nummer seines Agenten. Es mußste also noch einiges ausgehandelt werden, aber im Grunde war mir schon in dem Moment klar, dass es klappen würde.?

Über das Treffen mit Schreiber sagt Foer: ?Liev ist ein sehr charismatischer Mensch ? man lässt sich gern von ihm und seinen Ideen mitreißen. Ich habe ihm sofort vertraut. Ich hatte zwar keine Ahnung, was er aus dem Buch machen wollte, aber ich merkte, dass er es durchaus ernst meinte. Was auch immer dabei herauskommen würde, es war eine Liebesarbeit ? das war sein Motiv, nichts sonst trieb ihn, den Film zu machen.?

Foer freute sich zwar sehr, dass sein Buch verfilmt werden sollte, glaubte aber nicht so recht daran, dass es auch wirklich klappen würde. ?Mein Agent warnte mich gleich: ,Von all den Büchern, deren Filmrechte verkauft werden, wird nur ein Prozent tatsächlich verfilmt. Manchmal entsteht ein Drehbuch, manchmal nicht mal das. Manchmal findet sich ein Produzent, manchmal eben nicht. Glaub es erst, wenn du tatsächlich in der ersten Reihe sitzt und der Vorhang aufgeht.? Das habe ich für bare Münze genommen und dann nie mehr viel darüber nachgedacht.?

Er gibt gern zu, dass sein Buch nicht gerade den idealen Filmstoff darstellt. ?Es handelt sich nicht um einen Film, bei dem jeder sagt: ,Mensch, der ist ja Brad Pitt und Tom Cruise wie auf den Leib geschrieben.? Wahrscheinlich hat Liev diese Schwierigkeiten genau vorausgesehen und wollte deshalb auch die Regie übernehmen. Deswegen legt er sich derart ins Zeug, deswegen vertraue ich ihm ? denn er arbeitet sehr leidenschaftlich an diesem Projekt.? Schreiber wollte das Drehbuch auf jeden Fall selbst schreiben ? die Frage, ob Foer daran mitarbeiten wollte, stellte sich ihm gar nicht. Insgesamt lief alles sehr schnell über die Bühne.

?Ich habe das Drehbuch in kürzester Zeit geschrieben. Dabei habe ich gar nicht erst versucht, das gesamte Buch zu bearbeiten. Angeregt wurde das Drehbuch durch die Kurzgeschichte ,A Very Rigid Search?, nicht durch den später veröffentlichten Roman. Anfangs versuchte ich einige Fantasy- und Humor-Elemente zu übernehmen, die Foer in der zweiten Geschichte des Romans im Trachimbrod des 18. Jahrhunderts entwickelt. Bald wurde mir aber klar, dass ein Kostümfilm mit ständig wechselnden Zeitebenen den Rahmen sprengen würde. Ich konzentrierte mich also auf die erste Geschichte, auf Jonathan und Alex.?

Foer hatte gegen Änderungen seiner Vorlage nichts einzuwenden ? er wusste, dass sie bei der Umsetzung unabdingbar waren. ?Ich war nicht der Meinung, dass ich Änderungen im Film unterbinden müsste?, sagt er und vergleicht das Verfahren mit der Entstehung einer Skulptur. ?Wenn ich die Statue eines Kindes geschaffen hätte und jemand das Kind fotografieren möchte, dann sollte ich doch nicht das Standbild schützen, sondern das Kind. Es geht mir also nicht um mein Buch, sondern um mein Thema, und ich bin überzeugt, dass es Liev genauso am Herzen liegt wie mir.?

Foer berichtet, dass er gern geholfen hat, wenn Schreiber ihn um Unterstützung bat. ?Während der Arbeit hat Liev mich manchmal um Rat gefragt, den ich ihm auch gegeben habe, aber mehr wollte ich gar nicht. Ich habe ihm gesagt, was mir gefiel und was nicht, wenn ich etwas nicht stimmig fand. Aber letztlich ist es von Anfang bis Ende Lievs Werk. Ich halte es sogar für sehr wichtig, dass ich mich aus dem Drehbuchschreiben herausgehalten habe, denn was ich sagen wollte, hatte ich schon, so gut ich konnte, zu Papier gebracht. Und Liev ist ein integrer Künstler ? da vertraue ich ihm voll und ganz.?

Vom Autor zum Regisseur Als Schreiber mit der Arbeit am Drehbuch begann, wollte er auch unbedingt die Regie übernehmen. ?Das ergab sich ganz zwangläufig. Vor allem interessierte mich der Schreibprozess, aber als Schauspieler habe ich gelernt, meine Arbeit als Teil des gesamten Spektrums zu begreifen. Diese Wahrnehmung des Gesamtprozesses hat mich wohl unter anderem dazu gebracht, selbst inszenieren zu wollen ? allerdings habe ich nie daran geglaubt, dass man mir die Regie tatsächlich überlassen würde. Von der Optik her wusste ich bereits, wie ich den Film gestalten wollte, bevor ich den Stoff fand. Ich mag temporeiche, optisch abwechslungsreiche Filme ? sie funktionieren wie Jahrmarktattraktionen. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, wie ich das visuell umsetzen würde. Jonathans Story bildet dafür die ideale Voraussetzung.?

Als das Drehbuch fertig war, ergaben sich Verzögerungen, weil sich kein geeigneter Produzent fand. ?Alle, die ich fragte, fanden das Buch toll, konnten es sich aber als Film nicht vorstellen?, sagt er. Weil Schreiber also abwarten mußste, übernahm er eine Hauptrolle in Jonathan Demmes Film ?The Manchurian Candidate? (Der Manchurian-Kandidat) und überarbeitete gleichzeitig sein Skript. Die Unterbrechung seines Projekts brachte eine willkommene Auszeit, die ihm einen wichtigen Lehrgang im Regieführen ermöglichte.

?Ich bin mit vielen sehr fähigen Regisseuren befreundet ? als die von meinem Film hörten, bekam ich eine Menge Ratschläge, vor allem von Jonathan [Demme]. Zwischen den Einstellungen zu ,Manchurian? erklärte er mir die Szenen, aber nicht für seinen Film, sondern als Lektion für mich?, lacht er. Nach Abschluss der Dreharbeiten trat Schreiber auf einer New Yorker Bühne in ?Henry V? (König Heinrich V.) auf.

Und in dieser Zeit sprach ihn Produzent Peter Saraf auf ?Alles ist erleuchtet? an. Auch Saraf hatte den Romanausschnitt im New Yorker gelesen und stieß dann vor der Romanveröffentlichung wieder darauf. Er erinnert sich: ?Ich las das Buch bereits als Korrekturfahne und war ganz begeistert ? ich halte es für ein Meisterwerk. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie man daraus einen Film machen sollte ? also habe ich das nicht weiter verfolgt.?

Später kam ihm dann zu Ohren, dass Schreiber an einer Drehbuchfassung arbeitete. Er kannte den Schauspieler zwar nicht persönlich, schätzte aber seine Filmauftritte sehr. ?Ich wusste damals nicht, dass er auch schreibt und gern als Regisseur arbeiten wollte. Mir war allerdings bekannt, dass er noch kein Drehbuch geschrieben hatte und dass er sich hier an einen äußerst schwierigen Stoff gewagt hatte. Liev schickte mir sein Drehbuch, und ich habe selten ein besseres gelesen. Wir trafen uns, verstanden uns auf Anhieb und wollten sofort zusammenarbeiten.?

Saraf schickte das Skript zunächst an Marc Turtletaub weiter. Der wollte damals eine Firma zur Finanzierung und Produktion unabhängiger Filme aufbauen und suchte nach geeigneten Stoffen. Zu dem Zeitpunkt las er etwa 150 Drehbücher pro Jahr ? dieses hob sich von allen anderen ab. Dazu Turtletaub: ?Zunächst ist es urkomisch; außerdem mag ich Storys, die uns Mut machen, uns erleuchten, ohne die Botschaft penetrant vor sich herzutragen. Genau um so eine Geschichte handelt es sich hier: Wir werden von den komischen Figuren und ihrem Leben mitgerissen, aber dann entwickelt sich die Story auch sehr gefühlvoll.?

Turtletaub gibt gern zu, dass er zunächst zögerte, die Regie einem Anfänger anzuvertrauen. ?Wenn man mit einem Regisseur bei seinem Erstling zusammenarbeitet, mußs er unbedingt begreifen, dass ein Film echte Knochenarbeit bedeutet. Er mußs sich um wirklich jede Einzelheit kümmern.?

Nach seinem ersten Gespräch mit Schreiber war Turtletaub beruhigt: ?Wir telefonierten miteinander ? ich hatte ihn damals noch nicht persönlich kennen gelernt. Ich stellte ihm viele Fragen, und wir haben stundenlang geredet, zum Beispiel: ,Im Film kommt ein Hund vor ? ist dir klar, wie schwer es ist, einen Film mit einem Hund zu drehen?? Und er berichtete mir sofort von den drei besten Hundetrainern der Welt, welche Honorarforderungen sie stellen, und auf welche Bereiche sie spezialisiert sind. Er hatte bereits jede Kleinigkeit geplant und engagierte sich 100-prozentig für das Projekt.?

Saraf unterstützte ihn in dieser Auffassung: ?Regiedebütanten sind häufig sehr unsicher, und oft kann man ihnen kaum helfen, weil sie ja auf keinen Fall den Eindruck erwecken wollen, sie hätten keine Ahnung. Liev hat allerdings bereits 35 Filme als Schauspieler gedreht und dabei mit etlichen Spitzenregisseuren der Branche gearbeitet. Er hat ihnen dabei intensiv über die Schulter gesehen, weil er sich immer schon fürs Filmemachen interessierte. Er brachte also bereits erstaunliche Kenntnisse mit und ist allen mir bekannten Anfängern weit überlegen.?

Besetzung Anschließend kümmerte Schreiber sich um die Besetzung seines Films. Ursprünglich wollte er die nicht-amerikanischen Rollen mit Laien besetzen. Dazu Schreiber: ?Eigentlich wollte ich in die Ukraine reisen und ein paar Ukrainer engagieren, die noch nie vor einer Kamera gestanden haben. Ich mag ,The Gods Must Be Crazy? (Die Götter müssen verrückt sein) sehr und war sehr beeindruckt, dass der Hauptdarsteller zuvor noch nie eine Filmrolle gespielt hatte. Durch ihn wirkt der Film so authentisch, wie man das mit Schauspielern nie erreichen kann. Bei Kusturica funktioniert das ähnlich ? seine Filme sind irgendwo zwischen Doku und Spielfilm angesiedelt.? Jonathan Safran Foer ?Von Anfang an war Jonathan für mich sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne das Auge des Films. Und für mich gibt es in der Filmbranche keine besseren Augen als die von Elijah Wood?, sagt Schreiber. Schreiber schickte Wood das Drehbuch, und als Wood Interesse signalisierte, war er zunächst überrascht: ?Wir machen einen Film mit kleinem Budget, und ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein Star der ,Herr der Ringe?-Trilogie an so etwas Interesse haben könnte.?

Als Wood erstmals von dem Projekt hörte, kannte er zwar den Roman noch nicht, schätzte Schreiber aber als Schauspieler und freute sich sehr darauf, ihn kennen zu lernen ? vor allem, weil der das Drehbuch selbst geschrieben hatte: ?Nur selten findet man einzigartige, visionäre Drehbücher, die uns zu leidenschaftlichen Reaktionen hinreißen. Aber dieses gehört eindeutig dazu. Es sprüht nur so vor Fantasie, lyrischer Schönheit und natürlichem Humor. Abgerundet wurde das Ganze dann dadurch, dass ein Schauspieler von Lievs Kaliber Regie führen sollte. Das fand ich natürlich echt spannend.?

Zu jenem Zeitpunkt suchte Wood Stoffe, die sich ganz auf die Figuren konzentrieren. ?Es geht hier um ein zutiefst menschliches Drama, und das interessiert mich zurzeit sehr?, sagt er. Er legte nämlich Wert auf Rollen, die sich deutlich von der ?Ringe?-Trilogie absetzen. ?Als Schauspieler mußs ich mich immer wieder neuen Aufgaben stellen und Richtungen einschlagen, die von den ausgetretenen Pfaden abweichen. Nach einem Riesenprojekt wie ,Ringe? ging es mir also darum, die Erwartungshaltung des Publikums vom Frodo-Image abzulenken, damit man mich auch in anderen Rollen akzeptiert.?

Über sein Treffen mit Schreiber erzählt er: ?Wir unterhielten uns mehrere Stunden, und Liev erklärte mir sein optisches Konzept ? in dem Moment erwachte in mir die echte Leidenschaft für dieses Projekt. Das Treffen hat also den eigentlichen Ausschlag gegeben.? Ihm gefiel die Rolle des Jonathan, den er als ?unglaublich vergeistigten Menschen? beschreibt: ?Er lebt nur in seinem Kopf und kann auf normale Art mit niemandem kommunizieren. Er ist sehr schwierg, sehr pragmatisch und auf den praktischen Nutzen bedacht. Ich empfinde es als sehr reizvoll, einen Menschen darzustellen, der wie auf einer Insel lebt, und dabei auszudrücken, dass sich in seinem Kopf eine ganze Menge abspielt.?

Buchautor Foer antwortet auf die Frage, ob auch er gefragt wurde, wen er als sein filmisches Alter Ego für geeignet hielt: ?Ich fand es allein schon toll, dass ich überhaupt nach meiner Meinung gefragt wurde. Denn als Autor der Buchvorlage hatte ich das nicht erwartet. Doch Liev rief mich an und erzählte, dass er sich Elijah Wood wünschte. Ich hielt das für eine wunderbare Idee. Elijah kann mit seinem Gesicht sehr viel ausdrücken, und er fühlt sich intensiv in seine Figuren ein.?

Schreiber fühlt sich durch Wood an Foer erinnert: ?Tatsächlich sehe ich Ähnlichkeiten zwischen Elijah und Jonathan, vor allem in ihrer emotionalen Reife. Im wirklichen Leben ist Jonathan echt linkisch, oft wirkt er wie ein großes Kind, aber er schreibt wie ein weiser alter Mann. Genau diese Qualitäten bringt Elijah als Schauspieler mit. Er ist so voll jugendlichem Elan, er wirkt in mancher Hinsicht so unschuldig, und dabei ist er ein unglaublicher Profi, sehr reif und erfahren.?

Alex Auf keinen Fall wollte Schreiber den Alex von einem amerikanischen Schauspieler spielen lassen: ?Alex mußs unbedingt real wirken ? sonst läuft er Gefahr, als Clown zu erscheinen. Es war also wichtig, dass der Darsteller absolut authentisch wirkt.? So eine Persönlichkeit war allerdings nicht leicht zu finden, und nachdem man in Osteuropa und anderswo gesucht hatte, fand man den Richtigen per Zufall in ? New York City.

dass Saraf Eugene Hutz kennen lernte, bezeichnet er als echten Glücksfall: ?Ich hatte von einer Band namens Gogol Bordello gehört, die sich selbst als ukrainische Zigeuner-Punk-Band beschreibt. Ich erzählte einigen Leuten davon und merkte schnell, dass sie in New York sehr bekannt ist. Ich erwähnte sie auch Liev gegenüber, und wir hörten uns ihre CD an. Die gefiel uns sehr ? also luden wir den Leadsänger Eugene ein und redeten über Musik.?

Hutz stammt aus der Ukraine und kam vor etwa zehn Jahren als Flüchtling in die USA. Wie der Zufall es wollte, hatte ihm ein Freund einige Monate zuvor den Roman geschenkt, weil klar war, dass ihm die Story gefallen würde. Hutz hatte sie gerade halb gelesen, als sein Agent anrief. Dazu Saraf: ?Eugene kam herein, wir unterhielten uns, und kurze Zeit später schauten Liev und ich uns einfach an ? ohne ein Wort der Absprache baten wir Eugene, Probeaufnahmen für die Alex-Rolle zu machen.? Und Hutz ergänzt: ?Wir saßen etwa fünf Minuten zusammen, als ich überlegte, was die beiden wohl im Sinn hatten. Dann kam die Sprache auf Alex, und ich habe einfach laut gesagt: ,Ich bin genau der Typ.??

Über seine Rolle sagt er: ?Ich fühlte mich mit Alex sofort verbunden, weil er mich an meine Kindheit in der Ukraine erinnert. Ich weiß, wie die Menschen dort die westliche Kultur wahrnehmen ? nämlich als völliges Zerrbild. Sein unbeirrbarer Optimismus im Leben ist eine Eigenschaft, die sich in einer total verkorksten Umgebung oft entwickelt. Als ich noch zu Sowjet-Zeiten in der Ukraine aufwuchs, war dort alles grau in grau. Da dreht man irgendwann durch, und manche Leute entwickeln ein Ventil durch ihren Humor, durch ihre Witze. Alex gelingt das durch die Sprache, auf verbaler Ebene. Genauso ist es mir auch ergangen, bis ich 18 wurde.?

Auf die Frage, ob er als Schauspieldebütant Probleme mit einer derart bedeutenden Rolle fürchtete, antwortet Hutz: ?Ich weiß gar nicht, ob man mich als Debütant bezeichnen kann, weil ich schon mein ganzes Leben als Musiker auf der Bühne stehe. Meine Band bietet eine sehr bühnenwirksame Show ? oft wird sie als Theateraufführung beschrieben.?

Nach ein paar Probeaufnahmen stand fest, dass Hutz auch vor der Kamera eine charismatische Ausstrahlung hat. ?Wir erarbeiteten zusammen einige Szenen, und er verblüffte uns, er war echt fantastisch?, sagt Saraf. ?Das lief besser, als wir jemals zu träumen wagten.? Und Schreiber fügt hinzu: ?Eugene ist die perfekte Mischung aus einem Taschenspieler und Clown, der sich mit dieser Masche seit Jahren über Wasser hält, aber hinter der Fassade ein Ukrainer ist, der es unbedingt zum Star bringen möchte. Diese Eigenschaften finden sich eindeutig auch in Alex.?

Großvater Die Suche nach dem Großvater begann zusammen mit dem Nebenrollen-Casting in der Ukraine. Schreiber wollte diese Rollen auf jeden Fall so authentisch wie möglich gestalten. Turtletaub denkt lachend an diese Besetzungsphase zurück, denn die Filmemacher standen vor kulturellen wie sprachlichen Barrieren.

?Bevor wir Boris (Leskin) besetzten, waren wir in der Ukraine, und Liev leitete das Vorsprechen mit bosnischen Schauspielern, wobei ein Dolmetscher übersetzte. Sie spielten also eine Szene, und Liev gab ihnen Anweisungen. Er sagte aber nicht: ,Du bist jetzt traurig?, sondern er bat sie: ,Erinnere dich daran, wie das Haus deiner Großmutter aussah, als du sieben Jahre alt warst. Und wie roch das, als dein Großvater starb?? Der Dolmetscher übersetzte das ins Russische, sie dachten eine Weile darüber nach, wandten sich dann an Liev und fragten: ,Du willst also, dass ich jetzt lächele und glücklich bin?? In diesem Moment begriffen Peter und ich, dass unsere Darsteller Englisch verstehen mußsten, damit sie die Anweisungen unseres Regisseurs befolgen konnten. So kamen wir auf Boris ? was ein großes Glück war.?

Saraf stimmt ihm zu: ?Wir haben den perfekten Großvater. Er hat ein echtes Filmgesicht, wirkt auf der Leinwand wirklich umwerfend. Er ist unglaublich begabt und bringt jahrelange Erfahrung von den Bühnen in Sankt Petersburg und New York mit. Er ist zwar kaum bekannt, aber ich freue mich umso mehr, ihn dem Kinopublikum vorstellen zu können.?

Leskin ließ sich vor allem vom Drehbuch überzeugen: ?Mir gefiel das Skript, weil es sich um einen philosophischen Stoff handelt, der auf sehr ungewöhnliche Weise erzählt wird. Es geht hier nicht nur um Unterhaltung, sondern der Film regt auch zum Nachdenken an. Solche Geschichten mag ich.? Als dieses perfekte Trio besetzt war, mußste sich Schreiber um eine weitere entscheidende Rolle kümmern: Sammy Davis, Junior, Junior.

Sammy Davis, Junior, Junior Saraf berichtet: ?Bei der Vorbereitung erinnerte ich mich, dass sich Produzenten vor allem vor Roadmovies fürchten, vor Hunden und jeder Art von Tieren, kleinen Kindern, alten Leuten? und wir hatten von allem etwas. Jeden Tag drehten wir mit einem Hund und unseren drei Hauptdarstellern in einem winzigen Wagen. Wir planten sogar schon Szenen, die wir auch ohne Hund drehen konnten. Wir haben stundenlang diskutiert, ob wir nicht statt des Hundes einfach eine Puppe verwenden könnten und wie witzig das wäre. Aber dann überlegten wir es uns doch anders?, lacht er.

Dazu Schreiber: ?Ich dachte damals: Ich würde auf mein gesamtes Honorar verzichten, wenn wir dafür einen geeigneten Hund bekämen. Ohne den besten Hund der gesamten Showbranche wollte ich gar nicht anfangen. Und ich wollte auch den besten Trainer der Branche.? So kamen sie auf Boone Narr. Saraf kommentiert: ?Ich habe Liev vorher gewarnt: ,Wenn wir großes Glück haben, dann macht jemand aus Boones Firma mit. Aber denk doch nicht, dass Boone selbst zusagt.?

Dazu Narr: ?Ich las das Drehbuch ? Liev lässt den Hund echt bizarre, völlig verrückte Dinge machen. Dieser Blindenhund spielt tatsächlich die vierte Hauptrolle des Films.? Sofort war ihm klar, dass die Rolle seinen beiden Border-Collies, den Schwestern Mickey und Mouse, wie auf den Leib geschrieben war. Also sagte er zu.

?Liev mag diese Hunde sehr. Seine Mutter hat selbst Border-Collies, was sicher dazu beigetragen hat?, sagt Narr. Narrs Haupttrainer David Allsbury kam mit an Bord, und die beiden teilten sich die Aufgaben so auf, dass der eine Hund fast wie das Stuntdouble des anderen eingesetzt wurde. ?Mickey hält sein Gesicht hin, Mouse führt die Stunts aus, und wir sind ihre Filmmütter?, erklärt Allsbury.

Dreharbeiten in Prag Zunächst begutachteten die Filmemacher Schauplätze in der Ukraine, dann entschlossen sie sich aber, in und um Prag zu drehen. Dazu Schreiber: ?Die Ukraine ist wunderschön und bietet der Kamera eine traumhafte Landschaft, aber die Infrastruktur fehlt völlig. Glücklicherweise hatte ich als Schauspieler schon mal in Prag gedreht. Seitdem bin ich eng mit Matthew Stillman befreundet, der mit Stillking eine der besten Produktionsfirmen in Prag führt. Ich schickte ihm das Drehbuch, und er war überzeugt, dass man den Film dort drehen konnte. Er lud uns nach Prag ein, und als ich mir die Drehorte anschaute, merkte ich, dass sie nicht nur wunderbare Landschaften bieten, sondern auch den ländlichen Gebieten der Ukraine perfekt entsprechen.?

In Prag wurden die noch offenen Nebenrollen mit Einheimischen besetzt ? mit Ausnahme von Laryssa Lauret als Lista. Dazu Lauret: ?Ich hatte nur zwei Tage Zeit, um meine Koffer zu packen und nach Prag zu fliegen. Ich hatte Liev bereits kennen gelernt und war vom Drehbuch einfach überwältigt. Mir war klar, dass wir wunderbar zusammenarbeiten würden, weil er alles präzise beschreiben konnte. Er ist selbst Schauspieler und weiß genau, wie unsicher man sich vor der Kamera fühlt, welche Vorbehalte und Fragen man hat. Ich war also sehr gelassen, obwohl ich mich überhaupt nicht vorbereiten konnte.?

Vorbereitungen Die Vorbereitungsphase begann in Tschechien im Mai 2004 ? das Team bezog sein Hauptquartier in den Prager Hostivar-Studios. Bei der Vorbereitung der Produktion arbeitete Schreiber sehr eng mit seinem Kameramann Matty Libatique zusammen.

Dazu Schreiber: ?Ich wollte Matty unbedingt engagieren, hätte aber nie ernsthaft geglaubt, dass er mitmachen würde. Als ich erfuhr, dass er Interesse zeigte, hätte ich buchstäblich fast einen Salto rückwärts über meinen Schreibtisch gemacht. Matty hat ein unglaublich genaues Auge für Bilder, und durch seine perfekte Kombination aus Chaos und Kreativität ist er für ,Alles ist erleuchtet? einfach prädestiniert. Ich habe schon viele Filme gemacht, aber seine Art künstlerischer Integrität und Leidenschaft habe ich wohl noch an keinem Set erlebt.?

Ein weiteres unverzichtbares Teammitglied war der Produktionsdesigner Mark Geraghty, der in Prag schon etliche Filme gedreht hatte, die örtlichen Teams gut kannte und wusste, was ihnen zur Verfügung steht. Das größte Problem für ihn war die Menge der geplanten Schauplätze. ?Es handelt sich ja um ein Roadmovie ? man will dem Zuschauer also das Gefühl vermitteln, dass er sich wirklich auf einer Reise befindet ? wir mußsten uns daher in kürzester Zeit auf eine große Anzahl von Drehorten einstellen.?

Ein besonders riskantes Set war Listas Haus, das in einem Sonnenblumenfeld liegt. ?Wir haben lange nach einer geeigneten Gegend gesucht, in der wir unser Quartier aufschlagen konnten. Wir mußsten uns letztlich auf die Bauern verlassen, die uns versicherten, dass die von uns gepflanzten Sonnenblumen auch rechtzeitig blühen würden. Dennoch waren wir reichlich nervös, ob sie auch tatsächlich blühten und ob das Wetter mitmachen würde.?

Michael Clancy, der bereits mit dem Schauspieler Schreiber gearbeitet hatte, wurde als Kostümbildner engagiert. Clancy erlebte den Film als ?unglaublich interessante Aufgabe ? ich fand das Drehbuch großartig?. Ganz bewusst verzichtete er darauf, den Roman zu lesen, um sich nicht mit falschen Vorstellungen zu belasten ? vielmehr konzentrierte er sich ganz auf das Skript. ?Ein Großteil des Films gestaltete sich sehr einfach, denn die Hauptfiguren tragen praktisch immer dieselbe Kleidung. Elijah hat jeden Tag denselben Anzug an, der allerdings fast ikonenhafte Dimensionen hat und sehr viel über die praktische Art der Hauptfigur aussagt.?

Für die Frisuren war Lucie Vybiralova und für das Make-up war Georgina Abanto zuständig ? beide wurden vor Ort in Prag engagiert, und beiden hatten den Auftrag, Wood einen Look zu verpassen, der ihn deutlich von seinen bisherigen Rollen absetzte.

Proben Als die Hauptdarsteller und das Team in Prag versammelt waren, schlug sich das Hauptthema des Films auch im Produktionsalltag nieder ? deutlich wurde das gleich zu Beginn der Proben: In der Story geht es um Ausländer, die sich mit Fremden in einem unbekannten Land verständigen wollen ? genau diese Probleme erlebten die Schauspieler und Teammitglieder selbst jeden Tag. Per Dolmetscher arbeiteten sie mit einem halb auf Englisch, halb auf Russisch geschriebenen Drehbuch ? die Dialoge werden von einem Russen, einem Ukrainer, und einem Amerikaner gesprochen. Hinzu kamen zwei Hunde und ein vorwiegend tschechisches Team.

Hutz beschreibt die Vorbereitungszeit als ?erschreckend kurz. Ich mußste eine Menge Dialoge lernen und wollte mich ausführlicher darauf vorbereiten. Ich habe Englisch gelernt, indem ich Johnny-Cash-Songs hörte. Die ,Alex-Sprüche?, die man von mir verlangte, hatte ich also bereits drauf, aber trotzdem brachte ich für diese Art Arbeit keine Erfahrung mit. Wenn ich einen Song zwei- oder dreimal höre, kann ich ihn auswendig, aber das hier war anders. Diesmal konnte ich mich nicht an den Reimen orientieren ? und das fiel mir außerordentlich schwer!?

In dieser Phase stellte Schreiber im Schmelztiegel einen weiteren Mitarbeiter vor: ?Während der Vorbereitung in Prag sah ich auf MTV eine Dokumentation namens ,I Live in a War Zone?: Es ging um einen unglaublich optimistischen kleinen Iraker namens Muthana, der Filmemacher werden will. Er konnte nicht zur Schule gehen oder sich Bücher besorgen, weil alles kaputt war. Da beschloss ich, ihm zu helfen? Ich selbst hatte diese unglaubliche Chance bekommen, und deswegen gab es jetzt genug Gründe für mich, ihn daran teilhaben zu lassen.?

Nach langen Verhandlungen wurde Muthana mit Unterstützung von Stillman und der Botschaft gefunden, er bekam ein Visum, reiste nach Prag und wurde ins Team aufgenommen. Schon vorher schickten ihm Schreiber und Saraf eine Kamera, damit er seine Reise und seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten dokumentieren konnte, wo er alle Abteilungen kennen lernte. ?Muthana kam direkt aus einem Kriegsgebiet ? plötzlich lebte er unter westlichen Filmemachern mitten in einem Ostblock-Staat: Das allein war ein gewaltiger Kulturschock. Er passte also wunderbar zu unserer Gruppe?, sagt Schreiber.

Dreharbeiten Die Dreharbreiten begannen am Montag, dem 14. Juni 2004. Am ersten Tag wurde zunächst Jonathans Ankunft im Bahnhof gedreht, bei der er Alex kennen lernt. ?Ich hatte vor dem Dreh gelernt, wie man das Bild aufbaut, welche Objektive man benutzt, wie man das Licht setzt, aber das war alles für die Katz?, lacht Schreiber. ?Ich habe mich ungeheuer bemüht, am Set nach außen hin ruhig, gelassen und abgeklärt zu erscheinen, so wie Phil Alden Robinson oder Demme auftreten. Aber es ist eben nicht so einfach, smart zu wirken, wenn man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht! Auf jeden Fall habe ich jetzt erheblich mehr Hochachtung für die Schauspielkunst jener Regisseure!?

Schreiber berichtet, dass er seine Schauspielertruppe vor sich sah und wünschte, wieder zu ihnen zu gehören. ?Ich wollte mich wieder unter sie mischen, im Schminkstuhl zurücklehnen, mit umsorgen lassen und mich vor allem überhaupt nicht um die Vorgänge am Set kümmern.? Saraf hält dagegen, dass Schreiber sehr viel besser vorbereitet war, als ihm selbst klar war: ?Schon als Liev einstieg, brachte er eine Menge Erfahrung mit. Er weiß, wie eine Kamera funktioniert, hat die Arbeit des Schauspielers unglaublich verinnerlicht, weiß, wie man eine Story strukturiert.?

Und Turtletaub fügt hinzu: ?Die erste Drehwoche war sehr schwierig ? es dauerte etwa zwei Wochen, bis Liev seinen Rhythmus gefunden hatte. Wir drehten einen großen Film mit kleinem Budget, das heißt, wir verfügten über Kamerakräne, einen Wagen für Rückprojektionsaufnahmen und jede Menge anderer Spielsachen. Einer unserer Hauptdarsteller hatte noch nie als Schauspieler gearbeitet, wir drehten im Ausland, kannten weder Sprache noch Kultur. Und dazu die Unwägbarkeit des Wetters.?

Tatsächlich erwies sich das Wetter als ein entscheidendes Problem. Im Sommer des Vorjahres war Prag von einer Hitzewelle heimgesucht worden, aber diesmal ließ sich der Sommer Zeit ? in der Vorbereitungsphase goss es in Strömen. Man wusste also nicht, ob die Sonnenblumen rechtzeitig blühen würden.

?Direkt vor Beginn der Dreharbeiten beging ich den Fehler, eine Doku namens ,Lost in La Mancha? anzuschauen ? es geht darin um Terry Gilliams unseliges ,Don-Quixote?-Projekt?, sagt Schreiber. ?Die Doku ist toll, aber ich mußste mittendrin abschalten, weil mir plötzlich klar wurde, dass wir ein Roadmovie fast nur mit Außenaufnahmen drehten ? wir mußsten dem Wetter irgendwie ein Schnippchen schlagen. Und ich sollte mit meiner Ahnung Recht behalten: Die meisten Szenen wurden durch echte Wolkenbrüche unterbrochen.?

Dazu Saraf: ?Das Wetter war völlig unzuverlässig. Wir drehten eine Menge Außenaufnahmen, und in den ersten Wochen, als wir sowieso schon reichlich Schwierigkeiten hatten, erlebten wir alle vier Jahreszeiten an einem Tag ? nicht zuletzt einen Hagelsturm aus heiterem Himmel, und das Mitte Juni. An jedem einzelnen Drehtag mußsten wir mit 50?60 Prozent Regenwahrscheinlichkeit rechnen. Doch selbst die Wettervorhersage war völlig widersprüchlich und raubte uns den letzten Nerv.?

In der fünften Drehwoche besuchte Foer den Drehort. Wood berichtet, wie begeistert er war, den Autor kennen zu lernen und sich mit ihm auszutauschen: ?Vor der Begegnung mit Jonathan war ich echt nervös, denn wir drehten bereits seit fünf Wochen, und mein Rollenkonzept hatte ich ganz danach ausgerichtet, was Liev mir erzählt hatte ? ich mußste mir also selbst zurechtlegen, was Jonathans Charakter ausmacht. Das war schon sehr merkwürdig: Eigentlich spiele ich ja Jonathan Foer, aber ich beziehe mich nicht direkt auf ihn, war also nervös, weil ich seine Meinung hören wollte ? konnte ich seinem Urteil standhalten??

Foer sagt, dass sich die Frage für ihn anders stellte: ?Zunächst erwartete ich, mir vor Ort eine Art Interpretation meines Lebens anzuschauen. Aber dieses Gefühl stellte sich gar nicht ein. Wahrscheinlich kommt immer wieder die Frage auf, wie weit das Buch mein eigenes Leben schildert, und bei diesem speziellen Buch umso mehr, weil darin eine Figur unter meinem Namen auftritt. Interessanterweise schreibt ein Autor im Grunde immer über sich selbst ? man könnte also sagen, dass alle Figuren mein Ich widerspiegeln, nicht nur Jonathan.?

Über die Erfahrungen am Drehort und die Umsetzung seiner Vorlage auf die Leinwand sagt Foer: ?Ich war wirklich total überrascht, all diese Dinge, die ich in meinem Bett in einem winzigen Zimmer auf dem Laptop geschaffen hatte, plötzlich dreidimensional vor mir zu sehen. Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich all das irgendwann einmal tatsächlich sehen und anfassen könnte.?

Er erinnert sich an die ersten Treffen mit Schreiber, als die vielen Ideen sehr unterschiedliche Ansätze einer Verfilmung möglich erscheinen ließen. ?Jetzt bin ich hier und merke, wie er sich ganz tapfer viele Entscheidungen abgerungen hat. Es ging mir in dem Buch um eine ganze Reihe von Themen ? Familie, Heimlichkeiten, Verlust, Humor, Traurigkeit, und genau das will auch er ausdrücken. Ich finde es sehr interessant zu beobachten, dass er von den bekannten Voraussetzungen ausging, dann aber ganz woanders ankommt, obwohl er sich immer noch sehr konkret auf die Dinge bezieht, um die es mir dabei geht.?

Über die Arbeit mit Schreiber sagt Wood: ?Ich habe eine Menge gelernt, indem ich ihm nur zugeschaut habe. Er kann den Arbeitsprozess genau definieren, beschreibt präzise, was er sehen will, und er kann die Dinge sehr gut formulieren, so dass man sie auf Anhieb versteht. Egal, wie meine Darstellung in diesem Film am Ende wirkt ? ich habe sie in jedem Fall Liev zu verdanken.?

Sehr interessiert beobachtete Wood auch, wie der Regisseur mit Hutz arbeitete. ?Eugene hat einen Schauspiel-Intensivkursus absolviert, und man kann sich keinen besseren Lehrer vorstellen als Liev, weil der das Gewerbe bestens kennt und unglaublich viel Geduld mitbringt.?

Wood zeigt sich von Hutz? Naturtalent und Anpassungsfähigkeit beeindruckt: ?Eugene bringt viele der Eigenschaften seiner Figur bereits mit, und es war interessant zu sehen, wie er sich das zunutze macht. Ich konnte mitverfolgen, wie er sich mit den Höhen und Tiefen des Schauspielerberufs auseinandersetzt und wie er sich den Erfordernissen eines Filmsets anpasst. Das war wirklich nicht einfach für ihn, aber er hat es geschafft.?

Über seine Zusammenarbeit mit Wood sagt Hutz: ?Ich hätte mir für meinen ersten Film gar keine bessere Ausgangssituation vorstellen können als die Teamarbeit mit Elijah. Als ich hörte, dass er mein Partner sein würde, überlegte ich: Mein Gott, bringt der dann auch seinen Bodyguard und das ganze Brimborium mit? Aber letztlich haben wir uns auf Anhieb verstanden, und ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Er ist wirklich ein sehr liebenswerter Mensch.?

Seine Erfahrungen mit Hutz resümiert Schreiber so: ?Wahrscheinlich bin ich in Bezug auf die Arbeit mit Laien etwas naiv gewesen. Die Erfahrung von Profis sollte man nicht unterschätzen, vor allem, was die Gleichmäßigkeit und Ausgewogenheit einer darstellerischen Leistung angeht. Eugene konnte auf solche Erfahrungen leider nicht zurückgreifen, aber was natürliches Charisma angeht, hat mich wohl noch nie jemand derart beeindruckt. Man schaut ihm gern zu, und mit seinem Gesicht kann er die unglaublichsten Dinge ausdrücken. Er hat unendlich viel Geduld mit mir gehabt ? jeder andere Schauspieler hätte einfach alles hingeschmissen und mir aufs Maul gehauen.?

Hutz legte sich wirklich mit aller Kraft ins Zeug. ?Normalerweise lasse ich mir überhaupt nichts sagen?, erklärt er. ?Aber in diesem Fall habe ich genau auf ihn gehört. Ich schätze Liev sehr. Auf mich wirkt er wie ein Bote Gottes ? er hat meiner Darstellung ganz neue Dimensionen eröffnet.? Die drei Hauptdarsteller verbrachten gut zwei Drittel der Dreharbeiten mit einem Hund eingepfercht in einem klapprigen, uralten Trabant. Unter diesen Umständen war es einfach unumgänglich, dass sie bestens miteinander auskamen.

Dazu Wood: ?Die Dynamik zwischen uns und dem Hund entwickelt sich ganz natürlich, denn wir sind alle Individuen, ganz ausgeprägte Persönlichkeiten. Viele dieser Szenen ergeben sich aus der Kommunikation dreier Männer in einem fremden Land ? sie sprechen nicht die gleiche Sprache, sind sehr verwirrt und kommen sich verloren vor. So steht es im Drehbuch ? es entspricht aber auch der Realität, denn wir haben es in dem Auto selbst so erlebt. Was natürlich sehr witzig war, denn alles lief wie von selbst, ohne dass wir uns anstrengen mußsten.?

Schreiber stimmt ihm zu: ?Ich hatte riesiges Glück, denn die drei sind charakterlich sehr unterschiedlich. Elijah und Eugene verstanden sich praktisch von Anfang an. Beide stehen auf Musik ? den ganzen Tag sitzen sie im Wagen und trommeln. Boris konnte ihre endlosen Trommelsolos schließlich nicht mehr ertragen, aber er hat dennoch ihre Herzen erobert ? und umgekehrt. In mancher Hinsicht hat wohl Elijah die Brücke zwischen Chaos und Disziplin geschlagen. Nicht zuletzt deswegen war er die Idealbesetzung, er hat menschliche Qualitäten und weiß wirklich, wie man ein Team zusammenhält.?

Leskin berichtet, dass die Erfahrung ihn an ?The Falcon and the Snowman? (Der Falke und der Schneemann) erinnerte ? er arbeitete dabei mit den Schauspielern Sean Penn und Timothy Hutton zusammen, die damals genauso alt waren wie Wood und Hutz heute. ?Auch sie unterschieden sich in ihrer Persönlichkeit, ihrem Alter und ihren Lebensumständen völlig von mir, und doch habe ich sie sehr lieb gewonnen?, sagt er.

Zu den letzten Außenaufnahmen zählten die Szenen in Listas Haus im Sonnenblumenfeld. Der Dreh wurde durch ständige Regenschauer unterbrochen, aber die Sonnenblumen blühten, und die Szenen konnten abgedreht werden. Die abschließenden beiden Drehwochen verbrachte das Team in den Hostivar-Studios, wo die Innenaufnahmen entstanden. Obwohl auch dort große Enge herrschte, atmeten die drei Hauptdarsteller auf, weil sie sich endlich nicht mehr in den Trabi zwängen mußsten. Denn just in dem Moment, als sie ins Studio wechselten, wurde es schließlich doch noch Sommer, und die Temperatur stieg erheblich.

Im Rückblick weiß Schreiber genau, wie viel er seinem Team verdankt, vor allem seinem Kameramann: ?Ich habe in kürzester Zeit eine Menge lernen müssen, aber ich bin nicht untergegangen, weil ich die richtigen Leute um mich hatte. Wahrscheinlich hätte alles im Chaos geendet, wenn ich Matty nicht gehabt hätte. Er vollbringt mit diesem Film eine unglaubliche Leistung ? der beste Beweis für sein visuelles Genie. In manchen Situationen hatte ich das Gefühl, dass die Erzählstruktur der Geschichte auseinanderfiel. Doch dann erfand er optische Interpretationen der geschriebenen Vorlage, von denen ich nicht mal geträumt hätte. Und genau das wünscht man sich von einem Kameramann.?

Nach 42 Drehtagen fiel am 7. August die letzte Klappe. Schreiber gibt zwar zu, dass die Arbeit im Lauf der Wochen immer reibungsloser lief, aber dennoch ist sein Fazit: ?Man kann das mit einem Duell vergleichen: Wer überlebt, sollte es nicht noch einmal risikieren, stimmt?s??

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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