Oliver Twist

Produktionsnotizen

Einleitung Nachdem Roman Polanski sein weltweit preisgekröntes Dramas DER PIANIST im Jahr 2002 beendet hatte, wollte er ein völlig anderes Thema angehen, einen Film, der sich auch an ein jüngeres Publikum richtete. Polanski und seine Produzenten-Partner Robert Benmußsa und Alain Sarde begannen, sich mit Dutzenden von Kinder- und Jugendbüchern zu beschäftigen, um einen geeigneten Filmstoff zu finden.

Schließlich war es Polanskis Frau, die auf die Idee mit einer neuen Version von OLIVER TWIST kam. Polanski entdeckte schnell, dass die wahre Dickens-Story das letzte Mal 1948 in David Leans Fassung für die große Leinwand verfilmt worden war. 20 Jahre später folgte Carol Reeds Musical OLIVER! Nach also insgesamt fast 40 Jahren schien die Zeit reif für eine neue Verfilmung.

Seit ihrer Erstveröffentlichung 1837 hat Charles Dickens? klassische Geschichte eines kleinen Waisenjungen, der im 19. Jahrhundert in die Fänge einer Bande von Taschendieben gerät, nichts von ihrer Faszination verloren und fesselt alle Generationen. Roman Polanski war überzeugt, dass auch die Kinder von heute die Fantasy-Elemente der Story lieben würden: ?Wir kämpfen nicht für Realismus, im Gegenteil. Die Charaktere der Geschichte sind ?larger-than-life?, wir betonen ihren herrlichen Humor und ihre Besonderheiten.

Dies ist eine Dickens-Story im wahrsten Sinn, das heißt sie ist sehr lebendig, faszinierend und zeitlos. Und sie steckt voller überraschender Ereignisse?. Für Polanski ist OLIVER TWIST ?vor allem ein Märchen für junge Menschen. Mein Hauptanliegen bestand darin, einen Film für meine eigenen Kinder zu machen. Ich habe ihnen jahrelang Bettgeschichten vorgelesen und weiß, was ihnen gefällt und wie sie sich mit Charakteren identifizieren. Mit OLIVER TWIST will ich sie nicht enttäuschen?.

Nach intensiver Suche entschied sich Polanski, die Titelrolle mit dem elfjährigen Londoner Schüler Barney Clark zu besetzen. Der ?neue? Oliver Twist ist Schüler des renommierten ?The Anna Scher Theatre?, eines weltweit bekannten Theaters in Londons Stadtteil Islington, und sammelte bereits Erfahrungen vor der Kamera bei dem Film THE LAWLESS, außerdem in dem britischen TV-Kriegsdrama ?Foyle?s War? und dem TV-Gerichtsdrama ?The Brief?.

Mit Sir Ben Kingsley verpflichtete Polanski einen der besten britischen Schauspieler für die charismatische Rolle des zwielichtigen Fagin, dazu kamen weitere renommierte Akteure wie Jamie Foreman als Bill Sykes, Leanne Rowe als Nancy, Edward Hardwicke als Mr. Brownlow, Jeremy Swift als Kirchendiener Mr. Bumble, Frances Cuka als Mrs. Bedwin, Michael Health und Gillian Hanna als Mr. und Mrs. Sowerberry, Alun Armstrong als Mr. Fang, Andy De La Tour als Arbeitshaus-Direktor mit Peter Copley als seinem Assistenten, Liz Smith als Cottagefrau und Mark Strong als Toby Crackit.

Für die verschiedenen Jungenrollen besetzte Polanski Harry Eden als Dodger, Lewis Chase als Charley Bates, Jake Curran als Barney und Chris Overton als Noah Claypole. Viele der erfahrenen Team-Mitglieder arbeiteten schon mit Polanski bei DER PIANIST zusammen, darunter Kameramann Pawel Edelman, Produktionsdesigner Allan Starski, Kostümbildnerin Anna Sheppard und Schnittmeister Hervé de Luze.

Das Drehbuch schrieb Ronald Harwood, der Film wurde gemeinsam von Robert Benmußsa, Alain Sarde und Roman Polanski produziert. Die Dreharbeiten fanden größtenteils in den berühmten Prager Barrandov Studios von Juli bis Ende Oktober 2004 statt.

Das Drehbuch Ronald Harwood, Oscar-Preisträger für das Drehbuch zu Roman Polanskis DER PIANIST, freute sich über das neue gemeinsame Projekt mit Polanski. ?Dickens gehörte zu meiner Kindheit, als ich die Englische Schule in Südafrika besuchte? erinnert sich Harwood, der nach Beendigung der Dreharbeiten konstatiert: ?Jetzt habe ich keinen Zweifel mehr, dass Charles Dickens der größte englische Romanautor ist, ein absoluter Genius?.

Aber nicht nur ein großer Autor, sondern auch ein großer Schauspieler, denn mit seinen Lesungen füllte er ganze Hallen. Dickens kannte seine Romane auswendig, so dass er nicht einmal in das jeweilige Buch schauen mußste. Die Aufgabe, den umfangreichen Roman in ein Drehbuch umzusetzen, ließ Harwood keineswegs verzweifeln. Alles ging so schnell, dass er dazu auch gar keine Zeit hatte. Am wichtigstem war vor allem die Entscheidung, was man weglassen konnte, um aus 350 Romanseiten einen zweistündigen Film zu konzipieren. Wichtige Teile mußsten verschwinden, davor schreckte Harwood am meisten zurück. Polanski und er telefonierten eine Weile ständig miteinander.

Und da der Regisseur nicht gerade für seine Geduld berühmt ist, arbeitete Harwood wie ein Berserker vierzehn Stunden am Tag. Trotz Stress liebte er diese Phase, ?jede Sekunde davon?. Roman Polanski zeigte sich bereits von der ersten Fassung angetan, machte nur einige Änderungen bezüglich des Filmendes. ?Mein Ende war weniger hart. Wir entschieden uns, die Geschichte von Oliver Twist ab dem Moment zu erzählen, wo er das Arbeitshaus betritt bis zum Romanende und die Nebenstränge wegzulassen, die oft etwas weit hergeholt schienen und sehr ?viktorianisch? waren. Da fiel eine ganze Familiengeschichte der Kürzung zum Opfer?, berichtet Harwood.

Die Filmgeschichte wird aus Olivers Perspektive erzählt, auch wenn manchmal Fagin und Bill Sykes einen gewissen Stellenwert erreichen. ?Es geht immer darum, was als Nächstes passiert. Das kann einem schon den Atem nehmen. Wenn ich die Geschichte in ein paar Worten zusammenfassen müsste, würde ich sagen, es handelt sich um einen kleinen Jungen, der sein Leben in Angriff nimmt, schrecklichen Anklagen und Gefahren entgeht, Abenteuer übersteht und über alle Unbillen des Schicksals triumphiert?, so Harwood.

Interessant war für ihn die Einbeziehung sämtlicher Gesellschaftsschichten, von ganz unten bis nach oben. Dickens erzählt für Harwood, was es damals hieß zu leben - und ein fiktionaler Roman kann das seiner Meinung nach besser als Non-Fiktion. Für den Drehbuchautor war auch die authentische Sprache von größter Wichtigkeit. Entsprechend dem Roman ging Harwood auch auf die dunklen Aspekte ein: ?Die durften wir nicht vernachlässigen. Ich hoffe, wir sind seiner Vorlage so weit wie möglich treu geblieben. Darauf kommt es an?.

Besonders reizte ihn die Figur des Fagin: ?Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der mal jung war. Roman und ich diskutierten über seinen Hintergrund und überlegten uns, ob seine Vorfahren vielleicht aus der Ukraine stammen, weil damals viele Juden aus der Gegend nach England strömten. Er spricht im Buch mit einem Cockney-Azent, also mußs er in England geboren und auf der Straße aufgewachsen sein?.

Interessant erschien es Harwood, dass Fagin im Roman nie als Jude diskriminiert wird oder antisemitische Äußerungen über ihn gemacht werden. dass er Jude ist, erfährt man nur dadurch, dass Dickens ihn ?den Juden Fagin? nennt. ?Roman und ich sind Juden. Ich bin sicher, wir haben Fagin richtig beschrieben und Sir Ben Kingsley hat ihn überzeugend dargestellt?, äußert sich Harwood.

Barney Clark ist für ihn ein außergewöhnliches Talent, der Nachwuchsschauspieler befolge sehr professionell das, was man ihm sagt. ?Im Buch spricht er ein gutes Englisch, was meiner Meinung nach nicht stimmen kann, wuchs er doch im Arbeitshaus auf, umgeben von Leuten, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir haben ihn etwas rauher dargestellt?, erläutert Harwood. Einige Änderungen erfuhr auch die Background-Story von Mr. Brownlow. Hinzugefügt wurde, dass sich Brownlow zu Oliver durch dessen Unschuld hingezogen fühlt.

Für Dickens sind die Menschen von Geburt an rein und unschuldig, die Umstände machen sie schlecht - diesen Ansatz habe man ebenfalls verfolgt. In der Schilderung von London hielt sich Harwood an die literarische Vorlage: ?Ich weiß nicht, ob dieses viktorianische London wirklich so war, aber wir haben es so übernommen mit seinen engen Straßen, all dem Dreck, den Leuten, die in Hofeingängen kauerten.

Diese Vorstellungen flossen in das Außen-Set hinein. Wir geben Dickens? fantasiereichen und aufregenden Blick auf London weiter, nicht die historisch verbürgte oder soziologische Wahrheit. Das wäre langweilig. Als Drehbuchautor will ich die Geschichte eines Buches so optimal wie möglich für die Leinwand vorbereiten, damit der Regisseur sie ohne weiteres drehen kann. Ich hoffe, das ist mir gelungen?.

Die Sets Produktionsdesigner Allan Starski sorgte für die außergewöhnliche visuelle Aussagekraft, die dem Klassiker den heutigen Pfiff gibt. Seine Entwürfe für die Straßen Londons des 19. Jahrhunderts auf dem Außen-Gelände der Barrandov-Studios gehören zu den bisher ambitioniertesten Designs für ein Filmprojekt.

Starski erinnert sich noch gut an den Beginn des Projektes: ?Roman Polanski und ich sprachen über den Film ohne ein vorliegendes Skript. Wir diskutierten das Buch und die vorherigen Film-Fassungen, aber hauptsächlich ging es darum, wie man aus diesem Filmstoff einen Roman Polanski-Film macht. Das war die Frage, die mich bewegte. Roman ist immer eine große Inspiration. Hier ging es ihm darum, nicht nur die Geschichte von Oliver Twist zu erzählen, sondern gleichzeitig auch die von England in einer Übergangszeit - von der ländlichen Idylle zum Zeitalter der industriellen Revolution?.

Der riesige Set-Komplex bestand aus fünf Hauptstraßen und verschiedenen Marktplätzen und Seitengassen. Da gibt es eine Slum-Gegend, die unter dem Namen Jacob`s Island bekannt war und eine etwas gehobenere Gegend namens Pentonville - beide existierten in der Zeit von Charles Dickens.

Auf dem wichtigsten Verkehrsweg, der Kings Street, gab es damals Läden, von denen sieben noch heute existieren: Die Käsehersteller ?Paxton and Whitfield?, die Hutmacher ?James Lock and Co.?, der Schuhmacher ?John Lobb?, die Weinhandlung ?Berry Bros and Rudd?, die Parfümerie ?Floris?, der Möbelfertiger ?David Salmon? und der Tabakladen ?Robert Lewis?- die ersten fünf tragen immer noch über ihrer Eingangstür die Inschrift ?By Royal Appointment?, was so viel wie Hoflieferant bedeutet.

Aufgrund der strengen Copyright-Gesetze mußsten die o.a. Ladeninhaber ihre Erlaubnis für die Namensnutzung geben. Alle waren begeistert und die meisten von ihnen öffneten ihre Archive und boten der Produktion zur Ausstattung authentische Produkte der damaligen Zeit an. Der Set erstreckte sich über 40.000 qm mit vielen Straßen, die oft geografisch nicht zusammengehörten. Auch das Newgate-Gefängnis mußste erbaut werden, was bisher in keinem der Oliver-Twist-Filme vorkam.

Starski und sein künstlerischer Leiter Keith Rain hatten das Glück, einen Plan aus dem Jahre 1835 mit allen Namen und Geschäftszweigen zu erhalten. Zusätzlich konnten sie von einigen Gemälden und Zeichnungen profitieren, die den Look der Epoche widerspiegelten. Auch wenn die Geschichte um 1837 herum spielte, verlängerten Starski und Rain bei der Ausstattung die Epoche um einige wenige Jahre bis zum Beginn der industriellen Revolution, das ermöglichte ihnen ein weiteres Spektrum.

Nach drei Monaten der Recherche und Entwürfe folgten drei Monate Aufbau durch ein Spezialisten-Team von Schreinern, Stukkateuren und Metall-Experten. Zwei weitere Wochen benötigten die Anstreicher um das Gesamtkunstwerk zu vollenden. Insgesamt waren mehr als 200 Facharbeiter beschäftigt plus zahlreicher Hilfskräfte. Allein für die verschiedenen Häusertypen wurden elf unterschiedliche Ziegelsteinsorten verbraucht.

Der Set an sich sieht schon fantastisch aus, aber wenn dann manchmal noch 800 Komparsen und Pferdekutschen die Szenerie füllen, ist das Leben dieser Zeit hautnah zu spüren. In diesem Straßengewirr beobachtet Oliver, wie Dodger und Charley Bates als Taschendiebe ihr Geschäft betreiben, bevor ihn Mr. Brownlow und eine wütende Menge durch die mit Menschen vollgestopften Straßen verfolgen. In starkem Kontrast zum Wohlstand in Pentonville, wo Mr. Brownlows Haus steht, und der stark bevölkerten, prächtigen Kings Street, stehen Gestank und Schmutz von Jacob´s Island, dem Slum in Londons Hafenviertel, wo Toby Crackit lebt.

Über die Dachfirste in diesem Viertel versucht Bill Sykes zu fliehen, nachdem er Nancy umgebracht hat, genau dort findet er die gerechte Bestrafung für diese frevelhafte Tat. ?Es war uns wichtig, die Armut der Bevölkerung zu zeigen?, so Starski. ?Die Stadt wuchs unvorstellbar schnell und parallel zu den eleganten Stadtvierteln entstanden Slums, wo die Armen in ihren roten Steinhäuschen lebten?.

Die Innenausstattung der Sets verfügt über einen eigenen und sehr speziellen Charakter. Besonders eindrucksvoll wirkt Brownlows großzügig gebautes Haus mit seinen ausgewählten Antik-Möbeln. Der Sekretär im Wohnzimmer ist echter ?georgian style? und kostet allein ungefähr 50.000 Dollar.

Gemeinsam mit Kostüm-Designerin Anna Sheppard und Kameramann Pawel Edelman studierte Starski die gemalten Häuser der Epoche und die Kleidung der Leute. ?Wenn wir die Farben mit der Kostüm-Designerin diskutierten, mußsten wir immer darauf achten, dass alle Farben zusammen passten, eine Einheit bildeten. Wir schafften damit eine durchgehende Atmosphäre und einen durchgehenden Look für den ganzen Film.

Die Gegenwart des Kameramannes war deshalb notwendig. In einem gemeinsamen Prozess fanden wir immer eine Lösung? erklärt Starski die Herangehensweise. Großartig ist auch das Innere des Arbeitshauses mit seinem geräumigen Ess-Saal für 100 Jungen, den Schlafsälen, einem riesigen Arbeitsraum, in dem Männer, Frauen und Kinder stundenlang geteerte Hanfstränge von alten Seilen trennten, dem Unterrichtszimmer und den langen Fluren.

Als Unterschlupf für Fagin dient eine Dachkammer in einem einstmals prachtvollen, inzwischen zerfallenen und vom Zahn der Zeit zerfressenen Gebäude. Der Stuck von den Decken bröselte, die zerrissenen Tapeten hingen herunter, überall lag Staub herum oder hingen Spinnweben. Bill Sykes und Nancy leben ganz oben in einem Mietshaus aus Holz inmitten eines heruntergekommenen Londoner Stadtteils.

Bill schlägt sich durch mit Überfällen und Diebereien und erledigt diesen Job noch nicht einmal gut. Toby Crackit lebt auf Jacob`s Island in einer früheren Kerzenfabrik. Er stattet dieses unbenutzte Lagerhaus mit willkürlich am Themse-Ufer zusammengesuchten Möbeln aus, die er vor die Kerzen-Maschinen stellt. Die Kneipe ?The Three Cripples? entpuppte sich als eine strittige Angelegenheit. Ein solcher Name wäre heutzutage nicht mehr politisch korrekt, aber diese Sensibilität existierte vor 150 Jahren noch nicht.

Starski stattete dieses Lokal besonders liebevoll aus, ?auch wenn man durch die Menge der Gäste kaum etwas davon sieht?, wie er bedauert. Die Kneipe, Fagins Wohnloch und Bill und Nancys Unterkunft wurden im Studio nachgebaut, am Außen-Set stand nur die Hausfront oder vielleicht mal eine Treppe, die nach innen führte. Das Innere des Gerichtgebäudes, Sowerberrys Beerdigungsinstitut und das Newgate-Gefängnis vervollständigen die Haupt-Sets.

Für Allan Starski war die Arbeit an OLIVER TWIST eine wunderbare Erfahrung. ?Die Ausstattung mußs helfen, die Filmfiguren im Kontext verständlich zu machen und dem Publikum näher zu bringen?, umreißt er seine Aufgabe.

Die Kostüme Die polnische Kostümbildnerin Anna Sheppard, bekannt durch ihre Kunst in Filmen wie SCHINDLERS LISTE oder DER PIANIST, galt als Roman Polanskis erste Wahl für diesen Klassiker. ?Ich merkte bald, dass dieser Film für Roman persönlich sehr wichtig war. Deshalb griff er auf seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen zurück und schuf einen sehr speziellen Oliver Twist und einen sehr speziellen Zugang zur Geschichte?, so Anna Sheppard.

Da manche Filmfiguren wie Mr. Bumble oder Mr. Sowerberry oder Mrs. Gamfield nur kurz auftauchen, mußs man ihre wichtigsten Charakterzüge sofort an der Kleidung erkennen. Polanski legte äußersten Wert auf Bekleidung, nicht auf Kostüme. Eine schwierige Aufgabe für Anna Sheppard, die schon für die Kostüme anderer Period-Pieces aus der Zeit verantwortlich war - wie WASHINGTON SQUARE. ?Aber der Film spielte in Amerika und handelte von einer Mittelklasse-Familie, während ich hier mit zerlumpter Bekleidung arbeiten mußste, was viel komplizierter ist als mit schönen Kostümen?.

Das Kostüm-Department mußste bei Null anfangen, bei den Hauptfiguren wie bei den Kindern. Da die Anzahl der benötigten Kostüme nicht vorhanden war - schon gar nicht in puncto Farbe und Stoffzeichnung - entschied sich Anna Sheppard, die Kostüme für die Kinder in der großen Szene im Arbeitshaus zu Anfang des Films schneidern zu lassen. ?Das war die größte Herausforderung, als ich die Arbeit begann.

Die Haupt-Charaktere hatte ich im Kopf, es ging nur noch darum, die Materialien zu finden, sie altern zu lassen oder Details wie Knöpfe oder Schmuck auszusuchen. Das gehört mit zum interessantesten Teil. Die Materialien kamen aus Italien, London und Prag. Die Kleidung für die 100 Kinder stellten wir innerhalb von vier Wochen her?. Oliver selbst hatte zwei Ausstattungen - die ärmliche zu Beginn und die besseren Kleidungsstücke am Ende. Es zählt aber nicht nur die Qualität des Materials, sondern auch die der Schneider vor Ort. Und mit denen zeigt sich Sheppard sehr zufrieden.

Polanski wollte, dass sich Barney wohl fühlte wie in normaler Alltagskleidung. Er war in alle Einzelheiten involviert, so trägt Oliver allein auf 20 Fotografien einen anderen Hut, und wenn Sheppard eine Jacke schneidern ließ, gab der Regisseur oft die Anweisung, sie müsse schmaler oder weiter sein. Sogar bei den Schuhen sparte er nicht an Kommentaren. Er sagte Sheppard, dass er selbst nach dem Krieg zu große Schuhe tragen und deshalb die Hosen hochkrempeln mußste. Und so sieht man Oliver mit vier Nummern zu großen Schuhen durch die Gegend stapfen.

Die gleiche Aufmerksamkeit wurde auch den Kostümen der Komparsen zuteil. Modelle kamen von drei englischen Kostüm-Fundi, einige wenige auch aus Wien. dass sich Sheppard auf bestimmte Farben gerade bei den Komparsen konzentrieren wollte, machte die Auswahl nicht gerade einfacher.

Anna Sheppard genoss die enge Kooperation mit Polanski aus vollem Herzen: ?Die Leute erwarten von ihm immer einen besonderen Film. Er ist einer der besten Regisseure und sein Zugang zu dieser Oliver-Twist-Version unterscheidet sich von allem bis dahin gewesenen. Ich bin sicher, das internationale Publikum wird diesen `Oliver Twist` schätzen und lieben?.

Zur Person von Charles Dickens Charles Dickens gehört zu den ganz Großen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er als Sohn eines Marinezahlmeisters am 7. Februar 1812 in Landport, einem Vorort von Porthmouth. Unbeschwerte Kindheitsjahre verlebte er in Chatham-Kent. Im Jahre 1822 wurde sein Vater nach London versetzt, und es wurde schwierig für ihn, die große Familie zu ernähren. Ein Jahr später kam der Mann ins Schuldgefängnis von London. So mußste Dickens bereits als Zwölfjähriger in einer Fabrik arbeiten. Da blieb kaum Zeit für einen regelmäßigen Schulbesuch.

1827 zog er das große Los, die Anstellung als Anwaltsgehilfe und arbeitete sich anschließend zum Parlamentsstenographen hoch und dann zum Journalisten beim ?Morning Chronicle?, für den er Reportagen und Feuilleton-Artikel schrieb. 1831 heiratete er Catherine Hogart, von der er sich 1858 jedoch wieder trennte. Die 1836 bis 1837 erschienen humoristischen ?Pickwick Papers? boten ihm ein breites Leser-Forum. In dieser Zeit erschien ?Oliver Twist?.

Die ersten Romane entstanden als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen, manchmal schrieb der von der Arbeit besessene Dickens an mehreren Geschichten parallel. Dabei stand für ihn nicht unbedingt der literarische Erfolg im Vordergrund, sondern er wollte die Menschen seiner Zeit wachrütteln und den Weg für soziale Reformen öffnen. Er benutzte die Form des Romans, um die gesellschaftlichen Missstände anzuprangern. Höhepunkt seiner journalistischen Laufbahn: Seine Tätigkeit als Herausgeber der liberalen Tageszeitung ?Daily News? und der Zeitschrift ?Household Words?.

Schon 1858 trat er in England und später auch in Amerika als Vorleser seiner eigenen Werke auf. Das Publikum liebte ihn. Am 9. Juni 1870 starb Charles Dickens auf seinem Landsitz ?Gad`s Hill Place? in Rochester an einem Schlaganfall. Die Beisetzung fand am 14. Juni in der Westminster Abbey statt.

Viele seiner Romane wurden verfilmt, darunter ?Great Expectations?, ?David Copperfield? und ?Nicholas Nickleby?. ?Oliver Twist? wurde bisher vier Mal verfilmt: 1922 von Frank Lloyd, 1948 von David Lean, 1968 (als Muscical OLIVER!) von Carol Reed und 2005 von Roman Polanski.

Der Geschichtliche Hintergrund von "Oliver Twist" Als ?Oliver Twist? 1837 erstmals als Fortsetzungsroman in dem Monats-Magazin ?Bentley`s Miscellany? erschien, lautete der Untertitel ?The Parish Boy`s Progress?. In den ersten Folgen wollte Dickens seinen Lesern beschreiben, was ein ?Parish Boy? war in den Jahren, die dem Armengesetz von 1834 folgten. Dickens hatte als Parlamentsreporter für den ?Morning Chronicle? die heißen Debatten über die Gesetzesvorlage erlebt und kritisierte sie in seinen Romanen und weiterhin als Journalist für den Rest seines Lebens.

Vor 1834 erhielten bedürftige Arbeiter eine kleine Summe, ein ?Stempelgeld?, von ihrer Gemeinde um sie nicht verhungern zu lassen, denn das, was sie auf den Feldern erwirtschafteten, reichte nicht. Diese Nothilfe sollte dazu dienen, die Leute über Wasser zu halten, bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen konnten. Die einzelnen Gemeinden übernahmen die Verantwortung für Kranke und Arbeitslose. Das alte System brachte viele Probleme mit sich, aber das neue Gesetz griff nicht richtig, so dass viele Menschen das Gefühl hatten, die Verbesserung sei schlimmer als die ?alte Krankheit?.

Das neue Gesetz, das Schmarotzer und Müßiggänger von der Gemeinde-Unterstützung fernhalten sollte, vereinigte die Gemeinden in den ?Poor Law Unions? und etablierte ?Arbeitshäuser? (bekannt unter dem Namen ?Unions?). Dort wurden diejenigen, die kein zu Hause hatten oder Hilfe benötigten, untergebracht und mußsten im Gegenzug für die Gemeinde arbeiten.

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Dirk Jasper FilmLexikon

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