Herr der Diebe

Produktionsnotizen

?Herr der Diebe? ist ein fantastisches Kinderabenteuer vor der wahrhaft bezaubernden Kulisse Venedigs. Mit diesem Buch gelang der deutschen Bestseller-Autorin Cornelia Funke der Durchbruch auch in den angelsächsischen Ländern: Mittlerweile wurde es allein in den USA eine Million Mal verkauft, ?Drachenreiter? und ?Tintenherz? folgten und garantieren Funke zu Anfang des neuen Jahrhunderts einen Spitzenplatz unter den Kinderbuchautoren.

Nicht nur die Leser nahmen ?Herr der Diebe? begeistert auf, sondern auch die Kritiker. Jan Mark von der britischen Zeitung The Guardian nennt das Buch ?ein humanes Meisterwerk?, im amerikanischen Magazin Newsweek schreibt Alice Stroup über den ?echt tollen Schmöker?. 2003 gewann der Roman den renommierten Book Sense Book of the Year Award für Kinderliteratur, der vom Verband der amerikanischen Buchhändler verliehen wird. Außerdem erhielt ?Herr der Diebe? Preise in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Österreich und der Schweiz. Zu den Auszeichnungen in Deutschland gehören der internationale Buchpreis Corine, der Evangelische Buchpreis und die Kalbacher Klapperschlange.

Produzent Richard Claus erwarb die Option auf die Filmrechte zu ?Herr der Diebe? im Frühjahr 2003 und begann sofort mit der Arbeit an der Kinofassung. Der Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin hat über 20 meist deutschsprachige Filme produziert, aber diesmal wollte er auch selbst Regie führen. Schon bei seinem früheren Film ?Der kleine Vampir? hatte der Produzent die Dreharbeiten 1999 aktiv begleitet ? jetzt bekam er die Gelegenheit, selbst das Ruder zu übernehmen, und er stürzte sich mit großem Engagement auf die Aufgabe.

Weil ihm die Familienunterhaltung am Herzen liegt, ließ sich Claus natürlich sofort von den Motiven der Geschichte überzeugen: Selbst wenn es Kindern noch so schlecht geht ? sie müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Hinzu kommen die Tragödie vergeudeter Kinderjahre und die Kraft jener Menschen, die sich innerlich ihre Kindlichkeit bewahrt haben: Vertreter dieser Charaktereigenschaft sind in der Story vor allem die verständnisvollen Erwachsenen Victor und Ida.

Die Story Cornelia Funke stellt in der Kinderliteratur eine absolute Ausnahme dar: Jedes neue Buch wird sehnlichst von einer ständig wachsenden, weltweiten Fangemeinde erwartet, denn ihre Werke werden ständig in neue Sprachen übertragen. Während sich ihre früheren Bücher vor allem an Grundschüler wandten, spricht ?Herr der Diebe? praktisch alle Altersgruppen an. Das Buch ist in den Schulen von den USA bis Japan international ein Riesenhit, weil es nicht nur eine erstklassige, pädagogisch wertvolle Story bietet, sondern vor allem ein Abenteuer erzählt, das ausschließlich von Kindern bestritten wird.

Der junge Leser erlebt glaubwürdige Helden, die vor einer realistischen Kulisse, der unvergleichlichen Lagunenstadt Venedig, in eine fantastische Welt eintauchen. Bevor sie Schriftstellerin wurde, war Cornelia Funke als Sozialarbeiterin tätig und erlebte häufig Kinderschicksale in schwierigen Verhältnissen. ?Ich staunte immer, wie gut die Kinder für ihre Geschwister sorgten?, berichtet sie. ?Sie übernahmen für die Kleinen die Vaterrolle. Die Zärtlichkeit im Umgang der Kinder untereinander hat mich schwer beeindruckt.?

Ganz offensichtlich bilden diese Erfahrungen den Ausgangspunkt für die beiden Hauptfiguren, Prosper und seinen jüngeren Bruder Bo. ?Kinder haben oft ein schwereres Leben als Erwachsene. Ich bin immer tief bewegt, wenn Kinder völlig hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert sind.? Dieser Konflikt zieht sich durch die gesamte Erzählung: Die Kinder müssen Entscheidungen treffen, die man normalerweise von Erwachsenen erwartet, während die Erwachsenen in der Geschichte innerlich eher Kinder geblieben sind.

?Victor ist kindlich und erwachsen zugleich?, stellt Funke fest. Das Karussell schuf sie als Brücke zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein, und die Helden sind versucht, diese Brücke zu überqueren. Bei der Bearbeitung des Buchs für den Film standen Claus und sein Drehbuch-Co-Autor Daniel Musgrave vor dem Problem, die Handlung kürzen zu müssen, damit der Film eine überschaubare Länge bekommt. Sie achteten natürlich darauf, dass die zentralen Motive und die entsprechende Emotionalität erhalten bleiben.

Gleichzeitig verstärkten sie die magischen Handlungselemente durch filmische Akzente wie zum Beispiel die Visionen, die Bo mit den Fabelwesen auf dem Karussell erlebt, wobei die Unschuld des Kleinen wie ein Katalysator der fantastischen Vorgänge funktioniert. Auch die Bedeutung der Freundschaft spielt eine zentrale Rolle. Dazu Cornelia Funke: ?Freunde sucht man sich selbst aus. Insofern sind sie wichtiger als die Familie.?

Richard Claus nahm dieses Motiv sofort auf und stellt fest: ?Wenn man über Familienzusammenhalt spricht, kann damit durchaus auch eine Freundesclique gemeint sein, die gemeinsam durch dick und dünn geht.? Damit meint er die Waisenkinderbande, die völlig autark in einem nicht mehr benutzten Kino haust und Prosper und Bo in ihren Reihen aufnimmt. Die Kids behaupten sich wunderbar, denn einerseits treffen sie erwachsene Entscheidungen, andererseits bestehen sie auf der Freiheit, sich wie Kinder in ihrer eigenen Welt zu benehmen.

Der Zusammenhalt dieses Mikrokosmos trägt zweifellos entscheidend zum Erfolg des Romans bei, denn die Leser tauchen mühelos in dieses scheinbar ideale Umfeld ein, in dem es keine der üblichen Ermahnungen und Disziplinierungen durch Erwachsene gibt. ?Die Kinder haben sich eine funktionierende eigene Welt geschaffen ? Störfaktoren sind allein die Erwachsenen?, sagt Claus.

Die Besetzung Um diesem außergewöhnlichen Stoff bei der filmischen Umsetzung gerecht zu werden, mußsten die Filmemacher einen wesentlichen Grundsatz beachten: Auch der Film gehört den Kindern. Glücklicherweise konnte das Filmteam eine Besetzung aus äußerst begabten jungen Darstellern zusammenstellen, die die präzise definierten Rollen von Prosper, Bo, Wespe, Riccio, Mosca und dem Herrn der Diebe übernehmen. Von Anfang an achteten die Produzenten darauf, dass die kindlichen Helden und die Schauspieler, die sie darstellen, überzeugend genug wirken, um das Publikum zu fesseln und sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen.

Entscheidend für die Auswahl der Jugendlichen war, dass sie bereits Filmerfahrung hatten. Rollo Weeks hat in Richard Claus? ?Der kleine Vampir? (2000) die Titelrolle gespielt und ist seitdem in ?George and the Dragon? sowie ?Girl With a Pearl Earring? (Das Mädchen mit dem Perlenohrring) aufgetreten. In seiner zweiten Titelrolle als Scipio, der selbst ernannte Herr der Diebe, mußs Rollo einerseits arrogant, andererseits sehr verletzlich wirken. Dazu Claus: ?Rollo ist jetzt in einem Alter, in dem er Teenager, aber auch junge Erwachsene spielen kann, und beides erwarten wir von ihm in ,Herr der Diebe?, denn er tritt als junger Herr der Diebe auf, aber nach der Fahrt auf dem Karussell auch als sein älteres Gegenstück.?

Der Zusammenhalt der Kinderhelden auf der Leinwand entsprach genau der Freundschaft der Kinderdarsteller untereinander, denn die Kids wuchsen schnell zu einer Art Familie zusammen. Rollo, etwa ein Jahr älter als die anderen, fühlte sich schnell als größerer Bruder und fand auch Scipios Probleme mit seiner eigenen Situation als Nachwuchsdarsteller durchaus vergleichbar: ?Ich kann nachvollziehen, was er durchmacht, denn manchmal ist es tierisch nervig, wenn man noch als Kind angesehen und überhaupt nicht ernst genommen wird.? Der Regisseur nimmt ihn aber offensichtlich sehr ernst, denn Claus sagt begeistert: ?Die Rolle des Herrn der Diebe und Rollo als Darsteller sind ein und dasselbe: Er ist Scipio.?

Als Claus Aaron Johnson kennen lernte, wusste er sofort, dass er seinen Prosper gefunden hatte. Und diese Gewissheit erwies sich bei den Dreharbeiten als goldrichtig: ?Wenn Aaron am Set erschien, hat er mich immer wieder verblüfft. Er ist spitze, schon in seinem Alter ein echter Profi. Ich staune immer wieder, wie versiert er als Schauspieler ist.? Auch Cornelia Funke wirkte aktiv an der Auswahl der Darsteller mit ? zusammen mit ihrer Familie schaute sie sich die Videos mit den Probeaufnahmen an und erkannte sofort, dass Aaron ihr Prosper ist.

Und als sie in Venedig die ersten Muster sah, fühlte sie sich in ihrer Überzeugung voll bestätigt und lobte Aaron über alle Maßen. Er hat bereits die Hauptrolle in ?Tom & Thomas? gespielt und kann sogar schon Hollywood-Erfahrung durch seine Rolle in ?Shanghai Knights? vorweisen. Er wollte den Prosper unbedingt spielen und blieb auch bei der Stange, als sich die Finanzierung des Films über Monate hinzog. Zwischendurch trat er viele Wochen in der HBO-Serie ?Rome? unter der Regie von Michael Apted auf, bevor er Mitte September 2004 wie seine jugendlichen Kollegen nach Venedig reiste.

Die Rolle des quirligen und leidenschaftlichen Bandenmitglieds Riccio übernimmt George MacKay, der aktuell als einer der Lost Boys in der neuen Verfilmung von J.M. Barries ?Peter Pan? zu sehen war. Als Riccio mußs George frech, launisch und streitsüchtig sein, was laut Aaron bedeutete, dass er wie kein anderer ganz gegen seine eigene Persönlichkeit anspielen mußste. George sorgte mehr als alle anderen für den Zusammenhalt der Gruppe und brachte oft genug das ganze Drehteam zum Lachen: ?Manchmal kichern wir am Set, aber schließlich sind wir Kinder, da ist Spaß doch die Hauptsache.?

Alice Connor spielt Wespe ? sie ist bereits neben Heath Ledger in ?A Knight?s Tale? (Ritter aus Leidenschaft) aufgetreten. Sie berichtet, dass sie mit wilder Entschlossenheit zum Vorsprechtermin ging: ?Ich wollte die Rolle unbedingt haben. Immerhin durften wir dafür doch nach Venedig reisen.? Obwohl sie das einzige Mädchen in der Gruppe ist, fiel ihr die Eingewöhnung nicht schwer: ?Aaron und George kenne ich jetzt schon sehr gut. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich immer männlicher werde?, sagt sie lachend.

?Als wir uns kennen lernten, mochten wir uns auf Anhieb, was natürlich sehr hilft, wenn man als Familie auftreten soll. Das Ganze kam mir irgendwie vor, als ob mir die Eltern erlaubt hätten, ganz viele Nächte bei Freunden zu verbringen.? Wespe wirkt fast wie die Mutter der Gruppe, in Krisensituationen übernimmt sie die Führung, vor allem in dem Moment, als Scipios Täuschungsmanöver auffliegt.

Lathaniel Dyer spielt den Mosca, auf den er sich intensiv vorbereitete: ?Ich konnte unsere Reise nach Venedig gar nicht abwarten.? Er freute sich, dass er im Kreis der anderen Kinder auftreten durfte, die bereits mehr Erfahrung mitbringen als er. ?Wir haben uns beim Auswendiglernen der Dialoge ständig geholfen, mit Stichworten und so.? Mosca ist ein kluger, unerschütterlicher Tüftler, der aber auch etwas von einem Träumer hat. Als Einziger in der Gruppe gibt er die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages seinen Vater wiederfindet.

In einer der rührendsten Szenen des Films zeigt er einen kleinen Trickfilm, dessen Bilder er in wochenlanger Arbeit auf einen Filmstreifen gekratzt hat: Man sieht, wie er um die Welt rudert und am Ende seinen Vater auf einer einsamen Insel entdeckt. Schließlich, aber nur dem Alter nach als Letzter, kommt Jasper Harris, der als Bo sein Filmdebüt gibt: ?Als ich die Rolle bekam, war ich zehn Sekunden lang ohnmächtig.? Prospers kleiner Bruder ist für sein Alter sehr aufgeweckt und kann sich in der Bande durchaus behaupten, aber natürlich passt auch sein älterer Bruder immer gut auf ihn auf.

?Ich bin derjenige, der von oben auf die Leute herunterspringt?, berichtet Jasper über die Stunts, die er ausführen mußste ? aber er meint damit auch die Streiche, die die Kinder den Erwachsenen nach Drehschluss spielten. Claus ließ sich viel Zeit, um den perfekten Bo zu suchen, bis er schließlich aus voller Überzeugung sagen konnte: ?Jasper Harris und kein anderer. Er kriegt die Rolle!?

Es erschien logisch, vorwiegend britische Darsteller zu besetzen, um das notwendige europäische Flair zu gewährleisten und den Film trotzdem auch für das amerikanische Publikum verständlich zu machen. Entsprechend griffen die Produzenten bei der Auswahl der erwachsenen Schauspieler ebenfalls auf die Elite der britischen Darsteller zurück.

Jim Carter ist für Claus bereits in ?Der kleine Vampir? aufgetreten ? damals als Bösewicht. Diesmal darf er sich jedoch als lieber und besorgter Onkeltyp bewähren: Man glaubt ihm sofort, dass er seinen Auftrag, die Kinder zu verfolgen, ignoriert und lieber für ihre Sicherheit und ihren Zusammenhalt sorgt. ?Victor wirkt als Detektiv eher unkonzentriert, er lebt in den Tag hinein?, sagt Carter. ?Viel lieber hilft er den Menschen. Materielle Dinge interessieren ihn nicht. Detektive sind im heutigen Kino selten geworden ? wer verkleidet sich heute noch mit Schnurrbart und einer Brille aus Flaschenglas? So gesehen wirkt er eher altmodisch, aber im positiven Sinn.?

Caroline Goodall ist ebenso gelassen und klug wie Ida. Sie kann umfangreiche Hollywood-Erfahrung nachweisen, lebte sich enthusiastisch in ihre Rolle ein und zeigt sich begeistert von Idas ungestümem Freigeist, von ihrer Unabhängigkeit. Wie alle anderen erwachsenen Hauptfiguren im Film wirkt auch Ida wunderbar kindisch. Als erfolgreiche Karrierefrau hat sie zwar eine gewisse Reife erlangt, aber sobald sie die Kinder kennen lernt, bricht die Abenteuerlust wieder in ihr durch, und sie wirft jede Vorsicht über Bord.

Alexei Sayle hat sich seit längerer Zeit auf der Kinoleinwand rar gemacht ? lieber widmet er sich seinem anderen Beruf, der Schriftstellerei. Aber der beliebte britische Comedian erkannte in der Barbarossa-Rolle eine großartige Gelegenheit, den verschlagenen und gefährlichen Hehler als unvergesslich komischen Typen darzustellen. Grinsend erinnert sich George MacKay: ?Alexei Sayle ist ein cooler Typ. Er ist nicht nur vor der Kamera witzig, sondern auch in den Drehpausen.?

Und Aaron Johnson fügt hinzu: ?Wir haben bestimmt etliche seiner Großaufnahmen verpatzt, weil wir einfach nicht an uns halten konnten.? Rollo Weeks beschreibt den Barbarossa als ?schmierigen Typ, der die Kids ausbeutet?. Sayle definiert ihn so: ?Schlecht gelaunt, feige, hasst Kinder. Eigentlich ist er nicht bösartig, aber zu den Guten zählt er eben auch nicht.? Über seine Entscheidung für die Rolle sagt er: ?Richtige Psychopathen kann ich nicht spielen. Aber einer wie Barbarossa, bei dem alles nur Fassade und der eigentlich ein Schwächling ist ? das ist eine Bombenrolle für mich.?

Die Besetzung der Hartliebs war eine besonders angenehme Aufgabe. Sie müssen besonders groß sein, um den Kontrast zu Prosper und Bo hervorzuheben. Sie sollen ihre Nase besonders hoch tragen, aber auch als Ehepaar zueinander passen. Sobald Richard Claus die Videos von Bob Goody und Carole Boyd sah, hatte er sein perfektes Paar gefunden: Die Hartliebs gehen ganz in ihrem kleinen Reich auf, kümmern sich überhaupt nicht um andere und machen sich mit ihren ständigen Drohgebärden völlig lächerlich.

Vanessa Redgrave übernimmt die Schlüsselrolle der Schwester Antonia, die möglicherweise weiß, was es mit jenem Karussell auf sich hat, das Kinder in Erwachsene verwandeln kann und umgekehrt. Zusammen mit Ida (Caroline Goodall) segeln die Kinder zu Schwester Antonias Inselexil, um sie kennen zu lernen. Die Jugendlichen waren begeistert, mit der legendären Schauspielerin arbeiten zu dürfen, aber auch Vanessa Redgrave fand es sehr anregend, mit einer Gruppe derart begabter junger Darsteller aufzutreten.

Richard Claus erinnert sich an seine erste Begegnung mit ihr: ?Vanessa Redgrave beschloss, Schwester Antonia auch wie ein Kind zu spielen. Das entspricht natürlich überhaupt nicht dem Klischee der gutmütigen, augenzwinkernden alten Dame. Sie hat sich auf diese kleine Rolle sehr sorgfältig vorbereitet und brachte selbst eine Idee ein, die mir nie eingefallen wäre. Die Arbeit mit ihr ist ein großes Vergnügen.?

Dottore Massimo ist Scipios Vater, ein skrupelloses Monster: Er hat für seinen Sohn nur Verachtung übrig. Robert Bathurst umgibt ihn mit einer traumhaft arroganten Aura ? spielend liefert er damit für Scipio/Rollo Weeks die Motivation, seine Kindheit so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, um sich aus dem väterlichen Joch zu befreien.

Schauplätze a) Das reale Venedig Victor-Darsteller Jim Carter fasst die Eindrücke wohl am besten zusammen: ?Venedig ist traumhaft fotogen.? Cornelia Funke verliebte sich gleich bei ihrem ersten Besuch in die Lagunenmetropole und ?wollte den Zauber in ,Herr der Diebe? von Venedig als Stadt ausgehen lassen. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt, und dennoch ist die Stadt durchaus fest in unserer Gegenwart verwurzelt.?

Mit seiner Leidenschaft für Ästhetik empfand Richard Claus Venedigs magisches Ambiente als eine ihm auferlegte Verantwortung: Er mußste entsprechende Bilder komponieren, um der unglaublichen, labyrinthischen Schönheit der Stadt gerecht zu werden, in der man sich mehr als anderswo isoliert und verloren fühlen kann. ?Venedig ist einzigartig, ein sehr geschichtsträchtiger Ort?, erklärt er. ?Kameramann David Slama und ich entwickelten daraus einen Standardwitz: Sogar wenn er das Stativ umstoßen würde und die Kamera zu Boden fiele, könnte er immer noch wunderbare Bilder aufnehmen.?

Es gibt vielleicht europäische Städte, in denen Dreharbeiten noch komplizierter wären, aber schöner als Venedig sind sie keinesfalls. Mit der kürzlich restaurierten Fassade des Dogenpalastes als Aushängeschild bilden das Labyrinth der Kanäle und die atemraubenden Schauplätze aus jedem Blickwinkel neue Überraschungen und optische Leckerbissen. Allerdings kann man Erfahrungen von anderen Drehorten auf Venedig überhaupt nicht anwenden ? hier mußs jeder Filmemacher ganz von vorn anfangen.

Was sonst per Lkw transportiert wird, mußs hier auf Boote verladen werden, die sich durch überfüllte Wasserstraßen zwängen. Viele der schönsten Szenen in ?Herr der Diebe? spielen auf dem Wasser, wo der Wellengang jede Kameraarbeit zur Qual macht und dem Regisseur und seinem Team unendliche Geduld abverlangt. Es ist einfach nicht möglich, den gesamten Verkehr im Blickfeld oder in Hörweite auszusperren, obwohl die vielen erforderlichen Nachtszenen den Dreh natürlich erheblich erleichterten. Geduld war also die oberste Pflicht, wenn wieder einmal ein Krankentransport oder ein ratternder Wasserbus vorbeirasten.

Die dramatischste Wasserszene ist eine Bootsverfolgungsjagd auf dem Canal Grande. Der Herr der Diebe macht mit seinen Freunden eine Fahrt in einem Boot, das er angeblich gestohlen hat. Schon bald ist ihnen die Polizei auf den Fersen, und in haarsträubendem Zickzackkurs geht es durch die engen Kanäle.

Die Kids schreien begeistert, weil sie mit ihrem kleinen Motorboot wiederholt aus dem Seitenkanal in die Weite des Canal Grande hinauspreschen dürfen ? von drei Kameras begleitet. Glücklicherweise herrscht kein starker Verkehr. Nur der Regisseur fühlt sich als passionierter Segler auf dem Wasser ganz wie zu Hause, nicht einmal weiße Haie würden ihn von der Ruderpinne des Kameraboots wegbekommen ? so dirigiert er bei unerhörtem Tempo den Kamerawinkel. Als er etwas zu reichlich Gas gibt, wird der Schärfezieher vom schwenkenden Polizeiboot völlig durchnässt.

Bangen Herzens beobachten Mütter und Kinderbetreuer aus relativ sicherer Position in einem am Kanal gelegenen Hotel, wie ihr Nachwuchs vorbeiprescht, die Arme in die Luft geworfen, während der Herr der Diebe das Ruder fest gepackt hält. Lathaniel singt aus Leibeskräften. Die anderen kichern hysterisch und feuern ihn an. Wie sollen wir die Schauspieler aus dem Boot herausbekommen, wenn es ihnen so viel Spaß macht? Eigentlich nennen wir das hier doch Arbeit. Das Resultat ist jedenfalls eine dynamische Sequenz, die deutlich macht, warum die Kids ihren Helden derart verehren, während er die Verfolger in eine Sackgasse lockt, wo es zum unvermeidlichen spektakulären Crash kommt.

In einer ganz anderen Wasserszene folgen die Kinder dem geheimnisvollen Conte (Geoffrey Hutchings) und der Contessa (Anita Wright) bis weit hinaus auf die Lagune zur so genannten Geheimnis-Insel, auf der sich das Karussell befindet. Der Dreh dieser Szene auf offenem Wasser tief in der Nacht war ein völlig anderes Erlebnis. Auf der Leinwand mußs die Spannung, Gefahr und Angst vor dem Unbekannten spürbar werden. Das Hauptteam befand sich auf Pontons, die jedesmal auf den Wellen schaukelten, wenn ein Boot vorbeifuhr.

Die Schauspieler warteten fröstelnd in ihren Booten, während die Einstellungen vorbereitet wurden, und die übrige Crew harrte auf einer unbewohnten Insel in der Nähe aus und versuchte vergeblich durch Ferngläser zu erspähen, was in 150 Meter Entfernung auf dem Ponton ablief. Warme Kleidung mußste beschafft werden, denn die Herbstnächte wurden immer länger und kälter.

Außerdem stand die knifflige Inszenierung eines Gewehrschusses über das Wasser auf dem Drehplan, und dann gab es da noch zwei riesige Hunde, die Geoffrey Hutchings und Anita Wright kaum im Zaum halten konnten. Auch in unserer hochtechnisierten Zeit verließ man sich bei dieser Unternehmung lieber auf altmodische Megafone. Die Dreharbeiten auf dem Wasser waren an sich schon schwierig genug, aber vor ganz anderen Problemen stand das Team, als es auf Venedigs Wahrzeichen, dem Markusplatz vor dem Dogenpalast, drehen wollte.

Hier, im Schatten der gewaltigen byzantinischen Basilika, liegen die Cafés in musikalischem Wettstreit: Jedes versucht mit einem Streichquartett möglichst viele Zuschauer und zahlende Kunden anzulocken. Zum Glück spielte das Wetter meistens mit, aber nicht immer ? deswegen mußste ein weiterer Drehtag eingeplant werden, für den aber nicht die übliche Genehmigung für die Absperrung des Drehorts vorlag.

Doch der Regisseur ließ sich eine originelle Lösung einfallen: ?Wir haben eine lebende Kette aus Statisten gebildet ? so konnten wir auf dem Markusplatz mitten in der echten Menschenmenge drehen.? Mitten durch das sorgfältig choreografierte Chaos flattern die Tauben, die zusammen mit den Touristenmassen den Platz beherrschen. Victors erste Begegnung mit Bo findet zufällig auf dem Markusplatz statt, und er verwickelt den Kleinen in ein Gespräch, indem er sich als Taubenzüchter ausgibt.

Der Anblick des renommierten Schauspielers, der über und über von hemmungslosen Tauben bedeckt ist, während Bo ihn fragend anschaut, wird wohl als eines der nachhaltigsten Bilder des Films im Gedächtnis bleiben, und vor allem Jim Carter selbst wird es nie vergessen: ?Als mir die Tauben überall auf den Armen und dem Kopf saßen, schaute ich auf und entdeckte plötzlich den Mannschaftskapitän meines Cricket-Teams vor mir, der mich schamlos angrinste. Er war auf Hochzeitsreise, und ich dachte in dem Moment: ,Na, jetzt weiß er endlich, womit ich meine Brötchen verdiene.??

b) Venedig im Studio Nach vier Wochen in Venedig zog das Produktionsteam nach Luxemburg um, wo es in dem ansonsten langweiligen Städtchen Esch-sur-Alzette ein erstaunliches Venedig-Außenset mit Kanälen von mehreren hundert Meter Länge und über einem Dutzend Brücken vorfand. Es ist bereits in etlichen Spielfilmen zum Einsatz gekommen, aktuell in Michael Radfords ?The Merchant of Venice? (Der Kaufmann von Venedig). Der extrem detailgetreue Nachbau verwirrte die Schauspieler nachhaltig.

Mit Lathaniel Dyers Worten: ?Sie haben Venedig genau nachgebaut. Es wirkt so ruhig ? man kommt sich vor wie im Traum.? Alexei Sayles Kommentar war etwas zynischer: ?Der Venedig-Set wirkt derart echt, dass ich überhaupt nicht beeindruckt war. Ich dachte einfach: ,Da sind wir also wieder in Venedig.?? Vorgesehen war, viele der nächtlichen Straßenszenen dort zu drehen, auch einige gefährliche Passagen der oben erwähnten Bootsjagd sollten hier entstehen. Die Kunst bestand darin, den Set und die echte Stadt nahtlos miteinander zu verbinden.

Dazu Kameramann David Slama: ?Die Dreharbeiten in Venedig sind sehr kompliziert. Die Straßenlaternen dort geben ein ganz spezifisches Licht, es hat eine magische grüne Aura. Wir versuchten, das am Außenset in Esch nachzumachen. Der Techniker im Filmentwicklungslabor erkundigte sich verwirrt, wo wir uns denn gerade aufhielten. Denn lange nach unserer Abreise aus Italien, als wir schon in Esch drehten, glaubte er, dass wir ihm immer noch Material aus Venedig schickten. Das empfand ich als großes Kompliment.?

Zu den Höhepunkten in Esch gehörten eine Reihe von Stunts, die der unerschrockene Jasper Harris als unüberwindlicher Bo zu bestehen hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken, kletterte er aus dem Fenster im zweiten Stock, hangelte sich an der Mauerbrüstung entlang und ruschte dann an einem Abflussrohr hinab in die Freiheit. Ohne zu zögern sprang er auch von einer Brücke in Moscas kleines Boot, das die anderen unten entlang bugsierten.

c) Das Karussell Produktions-Designer Matthias Kammermeier, der mit Richard Claus bereits an Anthony Wallers ?An American Werewolf in Paris? (An American Werewolf in Paris) zusammengearbeitet hat, übernahm die knifflige Aufgabe, das Karussell zu konstruieren. Claus erinnert sich an ihr erstes Arbeitstreffen: ?Ich setzte mich mit dem Team des Produktions-Designers und mit dem Chef der visuellen Effekte zusammen und wollte ihnen meine tags zuvor aufgestellte Wunschliste präsentieren. Ich sagte: ,Leute, ich bin für alle Vorschläge offen, aber eins dürft ihr nie vergessen: Das Ding wird gigantisch.? Als ich das fertige Teil dann sah, war die Entscheidung ? ob richtig oder falsch ? endgültig: Es gab jetzt kein Zurück mehr.?

Um das riesige Gerät überhaupt ganz mit der Kamera aufnehmen zu können, war eine gewaltige Studiohalle nötig. Im luxemburgischen Dudelange fand sich ein stillgelegtes Stahlwerk, das gerade von der Polizei übernommen worden war ? hier sollten die abgeschleppten Wagen der Parksünder abgestellt werden. Das Filmteam überzeugte die Behörde, dieses Vorhaben noch ein wenig aufzuschieben, und so stand dem Team ein Hangar mit der Grundfläche von drei bis vier Fußballfeldern zu Verfügung.

Claus erinnert sich, wie das Karussell erstmals enthüllt wurde: ?Es mußs einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen, und wir müssen auch überzeugt sein, dass es mit seiner Zauberkraft die Passagiere altern lassen oder verjüngen kann. Als die Schauspieler und das Team es zum ersten Mal erblickten, merkte ich sofort, wie begeistert sie waren. Allein dieses Bild wird jedem Zuschauer im Gedächtnis bleiben, gerade weil Vanessa Redgrave es in ihrer Szene auf der Insel in Venedig so anschaulich beschrieben hat.?

Das Konzept des Karussells geht von einer extrem hohen Plattform aus, die nur über eine Treppe im zentralen Sockel zu erreichen ist. Auf der Plattform bilden fünf fantastische Fabelwesen einen Ring: Einhorn, geflügelter Löwe, Seepferdchen, Meerjungfrau und männlicher Nix. Diese Figuren sind derart riesig, dass die Schauspieler zweimal schluckten, bis sie hinaufkletterten, weil sie sich damit mehr als drei Meter über dem Hallenboden befanden. Als die einzelnen Fabelwesen angeliefert wurden, erlebten Claus und Kammermeier bange Minuten, denn sie waren so gigantisch, dass sie gar nicht alle fünf auf die Plattform des Karussells zu passen schienen. Doch die ursprünglichen Kalkulationen erwiesen sich als durchaus korrekt.

Alexei Sayle erinnert sich an seine Karussellfahrt: ?Barbarossa verhält sich irgendwie kindisch, vor allem, wenn er mit dem Karussell fahren darf, aber dieser Spaß verwandelt sich schnell in echten Horror ? für ihn wie für mich. Ich werde die Tage auf dem Rücken des Löwen nicht so schnell vergessen. Ich mußste ihn rücklings reiten ? in derartiger Höhe, eingehüllt von Rauch und Eis und grellem Licht. Das war einfach? zauberhaft.?

Nachdem die beeindruckende Apparatur mit so viel Mühe konstruiert worden war, bedauerten alle Beteiligten, dass sie laut Drehbuch zerstört werden sollte. Es kam der Tag, an dem die letzte Karussell-Einstellung in dem kalten Stahlwerk gedreht wurde ? nur ein kleines Team blieb am Set, um das Vernichtungswerk zu beginnen. Als die anderen tags darauf wieder erschienen, sah es aus, als ob Vandalen mit schwerem Gerät einen Heidenspaß gehabt hätten: Bruchstücke der wunderbaren Fabelwesen waren über den Set verstreut, und mehr als ein Kommentar bezog sich auf das Hinterteil des Einhorns, das verloren am Boden lag.

d) Das Kino Stella Die letzten Drehwochen verbrachte das Team im Studioset des unbenutzten Kinos, in dem die Kinder hausen. Von einer früheren, abgeschlossenen Filmproduktion war die Grundkonstruktion eines elisabethanischen Theaters übrig geblieben. Claus erkannte sofort die hervorragenden Voraussetzungen für einen einzigartigen Set, in dem sich die Kids zu Hause fühlen können. Sogar den Kino-Projektor reparieren sie im Lauf der Geschichte. Matthias Kammermeier berichtet: ?Ich begann also Fragen zu stellen: Wie leben die Kinder in einer so ungewöhnlichen Umgebung? Wie achten sie auf Sauberkeit? Wo schlafen sie?

Aus einer Idee ergab sich die nächste, und es machte riesigen Spaß, diesem Film-Wunderland ein Detail nach dem anderen hinzuzufügen. Das Kino ist das Innere eines Kokons ? die Außenwelt wird ausgeschlossen. Die Kinder fühlen sich dort völlig sicher ? natürlich nur so lange, bis Eindringlinge auftauchen, die hier wie Aliens wirken.? Jedes Kind bekam sein kleines Privatgemach auf einem der Balkons, es gab eine Essecke und eine Waschgelegenheit. Von der hohen Decke hing eine Schaukel, und es gab jede Menge eingebaute Geheimnisse, die sie im Notfall mit Täuschungsmanövern zu wahren wissen.

Diesen Saal auszuleuchten stellte für Kameramann David Slama und sein Team eine echte Herausforderung dar: ?Das Stella ist ein magischer, gemütlicher Spielplatz, aber es bleibt durchweg ein Paradies für Abenteurer. Manchmal fühlte ich mich an ein Raumschiff erinnert. Ganz wichtig war der starke Eindruck, den das Kino auf Bo und Prosper macht, als sie es zum ersten Mal betreten.?

Und Rollo Weeks fügt hinzu: ?Die Bande kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Stella zu wohnen. Sie empfinden das wie ein Spiel.? Jim Carter war ebenfalls schwer beeindruckt: ?Wäre es nicht himmlisch, in dem Kino zu wohnen? Das wäre doch eine echt coole Bude!?

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