Der ewige Gärtner

Produktionsnotizen

Eine Liebesgeschichte und eine Widmung DER EWIGE GÄRTNER wird von einer verschworenen Gruppe herausragender Filmtalente aus der ganzen Welt auf die Leinwand gebracht. Dabei vereint er ? wie das nur Filme können ? Abenteuer, soziale Relevanz und Emotion.

Regisseur Fernando Meirelles sagt: ?Die Gelegenheit, mich mit der Pharma-Industrie anzulegen, war nur einer von drei Gründen, warum ich DER EWIGE GÄRTNER unbedingt machen wollte. Der zweite Grund war die ? von uns gewählte ? Gelegenheit in Kenia zu drehen. Und dann handelt es sich nicht zuletzt um eine höchst originelle Liebesgeschichte über einen Mann, der eine jüngere Frau heiratet. Erst nachdem sie stirbt, verliebt er sich wirklich in sie und geht auf die Suche nach ihr. Das ist eine schöne Geschichte, die einen Hauch Existenzielles in sich trägt.?

?Für mich handelt es sich um eine retrospektive Liebesaffäre?, stimmt Ralph Fiennes zu, der in der Titelrolle zu sehen ist. ?Es gibt zwei gleich große Teile in diesem Film. Zum einen ist er ein politischer Thriller über von Großunternehmen begangene Verbrechen, Gesetzesüberschreitungen und Manipulation. Zum anderen geht es um die Beziehung zwischen Justin und Tessa Quayle. Justin tritt seine Reise nicht nur an, um herauszufinden, was Tessa recherchiert hat.

Er spielt auch Detektiv und versucht Licht ins Dunkel der eigenen Beziehung zu bringen. Dieser Mann entdeckt das eigene Verhältnis zu seiner Frau aufs Neue und mußs es neu bewerten. Es ist eine wunderbare Rolle, denn er wandelt sich von einem zurückhaltenden Typen in Jemanden, der gezwungen ist, sich mit ein paar ziemlich harten Wahrheiten über diese Welt auseinander zu setzen. Ich hoffe, dass ihn das Publikum als eine Art Jedermann sehen wird.?

Rachel Weisz, die sich die wichtige Rolle der ermordeten Aktivistin Tessa Abbott Quayle sicherte, fügt hinzu: ?Die Liebesgeschichte und der Politthriller sind komplett ineinander verzahnt ? das eine passiert nicht ohne das andere. Das ist der Grund, warum John le Carrés Roman und Jeffrey Caines Adaption so clever sind. Wegen Justins Liebe zu Tessa begibt er sich auf die Entdeckungsreise, bei der er mehr und mehr über sich selbst herausfindet, aber auch einen gewaltigen Politskandal aufdeckt.?

?Auf den ersten Blick erscheint Justin ungemein passiv?, meint Meirelles. ?Er ist ein zivilisierter britischer Gentleman, ein politischer Diplomat, der nach einem strengen Verhaltenskodex lebt. Er weiß nicht genau, was Tessa macht. Manchmal würde er gerne einschreiten, aber er macht es nicht. Nicht weil er schwach wäre, sondern weil es eine Abmachung mit ihr gibt. Und diese Regel nimmt er ebenfalls ernst. Wir waren sehr interessiert daran herauszufinden, warum Tessa sich für Justin interessiert hat. Sie braucht einen Anker, und Justin ist es, der ihr hilft, ihre geistige Gesundheit zu bewahren. Er ist so kontrolliert, und sie ist so leidenschaftlich.?

?Justin ist leidenschaftlich ? als Gärtner?, merkt Fiennes an. ?Gärtner zeichnet eine innere Ruhe aus, eine Sensibilität, etwas beim Leben und Wachsen zuzusehen, und sich darum zu bemühen, dass es gedeiht und blüht. Für mich war das der Schlüssel zu Justin. Warum heiratet er jemanden, der so starrsinnig und leidenschaftlich ist wie Tessa? Ich glaube, sie fühlen sich aus dem einfachen Grund zueinander hingezogen, weil sich Gegensätze anziehen.?

Drehbuchautor Jeffrey Caine sagt: ?Ralph und Rachel überzeugten mich voll und ganz von der Leidenschaft und Zärtlichkeit der Tessa-Justin-Beziehung.? Die Figur der Tessa Quayle hat ein Vorbild im wahren Leben. John le Carré widmete DER EWIGE GÄRTNER einer leidenschaftlichen Aktivistin und unermüdlichen Wohltätigkeitsarbeiterin namens Yvette Pierpaoli. Als Teil einer Leinwandwidmung beschreibt er sie in den Schlusstiteln als jemand, der ?lebte und träumte, indem sie sich für andere einsetzte?.

1999 war die damals 60-jährige Yvette Pierpaoli zusammen mit zwei ihrer Hilfsarbeiter und ihrem Fahrer bei einem Autounfall in Albanien ums Leben gekommen. Zu dieser Zeit war Yvette eine Vertreterin von Refugees International ? ein weiterer Mosaikstein in ihrem lebenslangen Einsatz, anderen Menschen zu helfen. Sie hatte ihre Berufung im Alter von 19 Jahren gefunden, als sie von ihrer Heimat Frankreich nach Phnom Penh aufbrach.

Dort hatte le Carré sie in den 70er Jahren kennen gelernt. Von ihrem ersten Treffen an, erinnert sich der Autor, setzte Yvette jedes ihr zur Verfügung stehende Mittel ein, ob nun weibliche List oder die Macht des Arguments, um den Schriftsteller zu überzeugen.

"Das größte Drama der Welt" Nothilfsdirektor Bittet in der Krise um Hilfe für Afrika?, The New York Times, 11. Mai 2005 Als der britische Independentfilm-Produzent Simon Channing Williams Ende 2000 eine Fahne von John le Carrés ?Der ewige Gärtner? las, schrieb er einen leidenschaftlichen Brief an den Anwalt des Schriftstellers, Michael Rudell. In diesem Brief breitete der Produzent seine Gründe aus, warum er den Roman als Film realisieren wollte.

Als Rudell antwortete und ein Treffen vorschlug, bot Channing Williams an, noch am selben Abend ein Flugzeug von London nach New York zu nehmen. Der Produzent erklärt: ?Ich wollte ihm beweisen, wie wichtig mir dieser Film war, denn ich fand dieses Buch einfach überwältigend. Es beschäftigt sich mit der Habgierigkeit des Big Business, der Misshandlung der afrikanischen Völker, der Korruption der Regierungen ? und schließlich findet sich im Kern eine vollkommen überzeugende Liebesgeschichte. Dieses Buch kam so von Herzen, war so wütend. Und es wird, wie ich leider sagen mußs, viele, viele Jahre relevant bleiben.?

Als der Film Form anzunehmen begann, nahm der Drehbuchautor und Schriftsteller Jeffrey Caine die ?professionelle Herausforderung? in Angriff, das Werk seines Kollegen le Carré zu adaptieren. Caine meint: ?Ich bewundere John le Carrés Art zu schreiben schon sehr lange und hatte eigentlich immer den Eindruck ? und den teile ich mit vielen seiner Leser ? dass die Filme, die aus seinen Romanen entstanden, den Vorlagen nur selten gerecht wurden.

Bei DER EWIGE GÄRTNER war ich felsenfest davon überzeugt, dass das Buch das Potenzial hätte, einen sehr starken Film abzugeben; eine emotionale, durch und durch persönliche Liebesgeschichte, verbunden mit einem zeitgemäßen politischen Thema und einer spannenden Struktur. Für mich lag das Herzstück der Erzählung immer in der zwischenmenschlichen Entwicklung von Justin und Tessa; die Geschichte eines politisch unmotivierten Mannes, der erst nach ihrem Tod das wahre Wesen der Frau entdeckt, die er liebt, und sich dann vornimmt, ihre Arbeit fortzusetzen, und ihr dabei näher kommt, als es ihm zu ihrer Lebenszeit jemals möglich gewesen wäre.?

Caine fügt hinzu: ?Simon und le Carré war es wichtig, dass le Carré mit dem Drehbuchautor einverstanden ist. Also war der letzte Schritt, bevor ich den Auftrag bekam, ein Mittagessen, bei dem ich le Carré überzeugen mußste, dass er mit den richtigen Leuten zusammen saß. Mir scheint, das ist mir gelungen.?

?Während der Entwicklung, die etwa zwei Jahre in Anspruch nahm, schickte er mir viele Notizen und Anmerkungen zu den unterschiedlichen Fassungen und besuchte sogar einige der Drehbuch-Meetings. Zum Glück kennt er sich mit Film ebenso gut aus wie mit Literatur. Er weiß, dass vieles anders gemacht werden mußs, wenn man will, dass ein Roman auf der Leinwand funktioniert. Tatsächlich drängte er mich, mehr zu ändern, als es jemals meine Absicht gewesen wäre.?

In jedem Fall behielt Caine die nonlineare Struktur der Vorlage bei. Er sagt: ?Wegen dem, was Tessa passiert ? sie kommt auf Seite eins ums Leben ? war es unerlässlich, mit einer Rückblendenstruktur zu arbeiten. Anders wäre es nicht möglich gewesen, eine emotionale Bindung zu Tessa und Justin aufzubauen. Ich mußste Acht geben, die richtige Balance zu finden, die Geschichte nach vorne zu entwickeln, ohne zu früh zuviel vom Plot zu verschenken sowie einerseits die persönliche Geschichte von Justins Erkenntniszuwachs, andererseits die begleitenden thematischen Inhalte nicht zu opfern.?

Der 2002 in Cannes erstmals gezeigte Film CIDADE DE DEUS (?City of God?), der in den meisten Territorien erst 2003 ausgewertet wurde, machte Channing Williams auf einen aufregenden neuen Regisseur aufmerksam, Fernando Meirelles, dem es erfolgreich gelungen war, eine packende Geschichte aus einem Teil der Welt, den die meisten Menschen niemals selbst zu Gesicht bekommen werden, zu visualisieren und überzeugend zu erzählen.

Big Pharma John le Carrés Roman spricht gewichtige Themen an: die soziale Verantwortung großer Konzerne sowie das rücksichtslose Streben nach Gigaprofiten in einem der größten Business-Sektoren der Welt, der Pharma-Industrie.

In einem weit verbreiteten Artikel, der zur Zeit der Veröffentlichung des Romans im Jahr 2001 verfasst wurde, schrieb der Schriftsteller: Ich hätte mir auch den Skandal des mit Zusätzen angereicherten Tabaks vornehmen können... Ich hätte mir auch die Ölkonzerne vornehmen können... Aber sowie ich die multinationale pharmazeutische Welt betreten hatte, packte sie mich an der Gurgel und ließ nicht mehr los.

Big Pharma, wie man sie nennt, hatte alles zu bieten: die Hoffnungen u nd Träume, die wir damit verbinden; ihr gewaltiges und zum Teil auch realisiertes Potenzial, Gutes zu tun; und die pechschwarze Kehrseite, aufrecht erhalten von unermesslichem Reichtum, pathologischer Geheimniskrämerei, Korruption und Gier. Während CIDADE DE DEUS seinen Erfolgslauf im Kino fortsetzte, machte Regisseur Fernando Meirelles Raum in seinem Terminkalender, um sich intensiver mit DER EWIGE GÄRTNER zu befassen.

Er sagt: ?Ich komme aus Brasilien. Dort haben wir in den letzten Jahren Generika, also Nachahmerpräparate, hergestellt. Wenn man versucht, billige Versionen patentierter Medikamente herzustellen, dann lernt man sehr schnell, über welch unfassbare Macht die Drogenindustrie-Lobby verfügt. Ich habe darüber in den letzten Jahren immer wieder gelesen ? zum Beispiel auf der Website von Oxfam ? und mir immer wieder gedacht, dass ein Film eine gute Möglichkeit darstellen würde, ihnen einen Stoß zu versetzen.

DER EWIGE GÄRTNER ist gar nicht mal so sehr ein politischer Stoff. Aber als Mensch aus einem Entwicklungsland verstehe ich sehr gut, was in einem vorgeht, wenn man mit diesen Wahrheiten konfrontiert wird. Also konnte ich es mir sehr gut vorstellen, die Interessen der Kenianer in einem Film zu vertreten.?

Das Verhalten und die Geschäftspraktiken einiger Hersteller pharmazeutischer Produkte sind in den letzten Jahren mehr und mehr in den Brennpunkt gerückt. In den Medien wird ausführlicher darüber berichtet. Der Druck von Seiten kritischer Konsumentenvertreter und Interessengruppen hat spürbar und deutlich zugenommen. Le Carrés Roman trug zusätzlich zu einem gesteigerten Bewusstsein in der Öffentlichkeit bei, dass diese Industrie das Potenzial besitzt, Gutes zu tun, aber genauso Schaden anzurichten.

Um ihre Preise und das panische Behüten ihrer Patente zu rechtfertigen, nennen einige der Pharmakonzerne als Grund jüngst vermehrt die hohen Kosten von Erforschung und Entwicklung (?research and development? = R&D) und klinischen Testreihen, um neue Produkte auf den Markt bringen zu können. Überwachungsorganisationen kontern, dass die Pharmafirmen die R&D-Kosten in den seltensten Fällen selbst schultern, sondern auf mit öffentlichen Geldern geförderte Untersuchungen zurückgreifen ? und die Ergebnisse dann als Geheimnis hüten.

Viele haben Zweifel angemeldet, dass die auf 800 Millionen Dollar bezifferte Summe, die die Entwicklung eines neuen Medikaments kosten soll, wirklich für R&D verwendet wird, sondern eher einen Hinweis auf das Missverhältnis der R&D der Konzerne und ihrer Marketingbudgets gibt. Letztere, so das Argument, seien der wahre Posten, in den das richtig große Geld wandert.

In den letzten zwei Jahren haben wir erstmals einen spürbaren öffentlichen Widerstand gegen die habgierige Preistreiberei und andere dubiose Praktiken der Pharma-Industrie festgestellt. Hauptsächlich wegen dieses Widerstandes decken uns die Medizinfirmen jetzt mit PR-Botschaften ein. Und die magischen Worte, die immer und immer wieder wiederholt werden wie ein Mantra, sind Forschung und Innovation ...

Dieser rhetorische Kunstgriff mag Wirkung besitzen, aber mit der Realität hat er nicht viel zu tun. Zunächst einmal macht Erforschung und Entwicklung (also R&D) nur einen relativ kleinen Teil der Budgets der großen Medizinfirmen aus ? dieser Bereich steht im Schatten der gewaltigen Ausgaben für Marketing und Administration. Die Summe für R&D ist sogar niedriger als die Gewinne, die diese Konzerne jährlich erzielen.

Tatsächlich war die Industrie in den letzten zwei Dekaden Jahr für Jahr aufs Neue die profitabelste in den Vereinigten Staaten. (2003 verlor die Industrie erstmals ihre Spitzenposition und nahm Platz drei hinter ?Erdölproduktion? und ?kommerzielle Banken? ein). Die Preise, die Pharmafirmen verlangen, stehen in einem groben Missverhältnis zu den Herstellungskosten und könnten dramatische Kürzungen vertragen, ohne R&D auch nur im Ansatz zu gefährden.? - Marcia Angell, ?The Truth About Drug Companies?, The New York Review of Books, 15. Juli 2004

Aktivisten beschuldigen Big-Pharma-Firmen zudem, sie würden wahre Innovation zugunsten der Entwicklung kaum voneinander unterscheidbarer ?Ich auch?-Medikamente, die auf erprobten Markterfolgen basieren, ignorieren. Der Fokus richtet sich auf die Wehwehchen des reichen westlichen Markts, also zum Beispiel Herzkrankheiten, Haarausfall und geriatrische Impotenz, während die unprofitablen und außer Kontrolle geratenen Krankheiten in den Entwicklungsländern vernachlässigt und teilweise komplett außer Acht gelassen werden.

Diese Länder werden dahingerafft von AIDS, Tuberkulose und Malaria (Letztgenannte betrifft jährlich etwa 500 Millionen Menschen und tötet nach Schätzungen etwa alle 20 Sekunden ein Kind). Während Krankheiten das Bild dieser Nationen bestimmen, sind sie nur für einen winzigen Anteil der Profite von Big Pharma verantwortlich. Wenn alle anderen Argumente scheitern, erinnern uns manche Sprecher der Pharma-Industrie daran, dass es sich bei ihnen nicht um Unternehmen mit philanthropischem Auftrag handelt und dass ihre Hauptverantwortung die gegenüber ihrer Aktionäre ist.

Zumindest das ist ein Punkt, bei dem die Firmen und ihre Kritiker übereinstimmen: Die Industrie setzt Milliarden von Dollar um. Im Jahr 2002 wurden Umsätze von geschätzten 430 Milliarden Dollar erzielt. Seit 1997 ist es Brasilien erfolgreich gelungen, die AIDS-Todesrate effektiv zu halbieren. Man trotzte den Herstellern von Pharmazeutika und ignorierte die Androhung von Handelssanktionen ? und stellte preiswerte anti-retrovirale Medikamente zur Verfügung.

Begleitet wurden diese Aktionen von einer aggressiven Präventions-Kampagne. Trotz des Erfolges des progressiven Modells in Brasilien wurden die Bemühungen in Meirelles? Heimatland in anderen Ländern nicht wiederholt. In Simon Channing Williams hat Meirelles einen nicht minder leidenschaftlichen Mitstreiter gefunden, der anmerkt: ?Ich bin kein besonders politischer Mensch. Aber was wir in unserem Film unter die Lupe nehmen, passiert im Hier und Jetzt, in der Welt, in der wir leben.?

Meirelles studierte die britische Channel-4-Sendung ?Dying for Drugs? von Briand Woods und Michael Simkin als dokumentarischen Beweis für die Praktiken einiger pharmazeutischer Firmen in der Dritten Welt. Jeffrey Caine sagt: ?Die meisten Recherchen hatte bereits John le Carré für uns gemacht. Sie finden sich in seinem Buch. Was noch nicht im Buch stand, wurde von gut informierten medizinischen Kontakten beigesteuert und mir nach Rezeptbeschreibung löffelweise nach und nach gefüttert.

Natürlich kann man sich hinstellen und sagen ? und einige werden das bestimmt tun: ,Big Pharma ist eine viel zu offensichtliche Zielscheibe!? Aber Missstände gehören angeprangert ? und man mußs sie anprangern, so lange sie existieren ? also vermutlich immer.?

Ralph Fiennes sagt: ?Im Hinblick auf Big Pharma stellen sich gewichtige Fragen. Fernando gab mir einiges Hintergrundmaterial, darunter ,Dying for Drugs?. Die Firmen obliegen keinerlei Auflagen zu veröffentlichen, wie sie ihre Tests durchführen oder wie ihre Medikamente hergestellt werden. Es geht um richtig viel Geld bei der Entwicklung, dem Patentieren und der Vermarktung eines neuen Medikaments. Also besteht kein Zweifel, dass die Pharma-Industrie eine der mächtigsten Lobbys in den USA besitzt. Ich bin überzeugt, dass viele der Firmen im Grunde nichts anderes wollen als gute und effektive Medikamente zu vernünftigen Preisen herzustellen. Aber es gibt viele Menschen, die ernste Fragen über die Industrie im Ganzen stellen wollen ? und müssen!?

Rachel Weisz stimmt Fiennes zu. Sie sagt: ?Es ist die Geschichte von David gegen Goliath. Die kleinen Leute legen sich mit den großen Konzernen an. Ich glaube, dass man die Pharma-Industrie höchstens noch mit der Öl-Industrie vergleichen kann. Es ist ein gewaltiges Geschäft. Sie verdienen Unmengen von Geld, und doch können sich die Menschen in den Entwicklungsländern nicht die Medikamente leisten, die ihnen das Leben retten könnten.?

Dr. Bonnie Dunbar, eine Molekularbiologin und ehemalige Professorin am Baylor College of Medicine in Houston, die mittlerweile in einer Vorstadt von Nairobi lebt, legt für die Richtigkeit der im Film gezeigten Vorgänge ihre Hand ins Feuer. Sie berichtet: ?Ich war ziemlich fasziniert von den Parallelen mit den Dingen, die ich in meinem Berufsleben erlebt habe. Die Lobby-Arbeit der internationalen Organisationen sowie die Menge von Geld, die darauf verschwendet wird, Spuren zu verwischen, fühlt sich für mich absolut echt an. Ich hoffe einfach einmal, dass der Mordaspekt der Geschichte nicht ganz so wahr ist, aber wenn es um richtig viel Geld geht...?

Caine sagt: ?Ich glaube nicht, dass DER EWIGE GÄRTNER die Handlungsweise der internationalen Pharmakonzerne ändern wird. Er könnte aber ? und das wäre schon der beste aller Fälle ? die Aufmerksamkeit des Publikums auf gewisse weit verbreitete Praktiken von Big Pharma lenken und auf bescheidene Weise dazu beitragen, dass der Boden für ein verantwortungsbewussteres Verhalten bereitet wird. Für mich ist aber vor allem wichtig, dass der Film illustriert, wie totale Hingabe aussieht.?

Die frühen Drehorte Nachdem die Besetzung stand und die Vorbereitungen im Winter und Frühjahr 2004 abgeschlossen waren, konnten im Mai die Dreharbeiten beginnen. Die Produktion ließ sich zunächst in Berlin nieder, wo die Szenen mit der Watchdog-Gruppe Hippo Pharma gedreht wurden, die einen Wendepunkt in Justin Quayles Suche nach der Wahrheit über den Tod seiner Frau darstellen.

Die Drehorte in Berlin umfassten den Lehrter Stadtbahnhof, wo Justin Quayle per Zug in Deutschland eintrifft, Büros in der Akademie der Künste, die als Ersatz für die Büros der British High Commission einsprangen, das Residenz Hotel, wo Justin aus erster Hand Erfahrungen macht, zu welch brutalen Methoden die Hersteller des Medikaments Dypraxa greifen, um eine Aufdeckung ihrer Praktiken zu verhindern, und das renommierte Studio Babelsberg.

Nach zwei Wochen in Deutschland zog die Produktion weiter nach London, wo einige weitere Tage gedreht wurde. Ein Raum in der Tate Modern Gallery (auf der Südseite der Themse) kam als Seminarraum zum Einsatz, wo Justin Quayle Tessa bei einem Vortrag kennenlernt, während die St. Mary Magdalene Church in Paddington die Szenerie für die Trauerfeier darstellt.

Weitere London-Locations umfassen den Liberal Club, der als Gentleman?s Club fungiert, indem Sir Bernard Pellegrin einen höchst aufschlussreichen Lunch mit Justin hat. Die Szene zeigt außerdem Jeffrey Caine in einem schicken kleinen Cameo-Auftritt als Clubdiener.

?Ich hatte mich die ganze Zeit bei Fernando beschwert, weil die Schauspieler so viel mit meinen Dialogen spielten und improvisierten. Er zuckte nur mit den Schultern, breitete die Arme aus und sagte: ,Schauspieler brauchen ein bisschen Freiraum, um ihren Job zu machen. Was kann ich tun?? Und dann hat er mich in einer winzigen Rolle mit nur einer Zeile Dialog besetzt und ich habe unentwegt mehr dazu getextet. Er meinte nur: ,Jetzt weißt Du, was ich Tag für Tag mitmache.??

Tief ins Herz von Afrika Die wichtigste Phase des Drehs, die Fernando Meirelles auch wie erhofft die üppigsten Gelegenheiten gab, visuell und erzählerisch zu brillieren, hob man sich für zuletzt auf. Die Produktion zog dafür im frühen Juni weiter nach Kenia, wo man zwei Monate lang in Nairobi und anderen Teilen des Landes drehte. Ermöglicht wurde das durch die höchst diplomatischen Anstrengungen von Produzent Simon Channing Williams, der die Drehgenehmigungen mit den Regierungsbehörden aushandelte.

Kein leichtes Unterfangen, denn John le Carré hatte die kenianische Regierung in seinem Roman als zutiefst korrupt dargestellt, was dazu führte, dass das Buch in Kenia verboten wurde. Das hatte kenianische Bürger aber nicht davon abgehalten, zahlreiche Kopien aus dem Ausland mitzubringen ? und diese unter Freunden und Nachbarn zu verteilen.

Genauso wenig hatte die kritische Auseinandersetzung des Romans mit dem britischen Diplomatenkorps den gegenwärtigen realen High Commissioner, Edward Clay, abgehalten, den Filmemachern seine Unterstützung anzubieten. ?Eines unserer ersten Treffen führte mich zu Edward und seinem Stellvertreter Ray Kyles?, erinnert sich Simon Channing Williams. ?Nicht zuletzt war es die Ermutigung und Unterstützung der British High Commission, mit der wir unsere Finanziers, Versicherer und die Completion Bonds überzeugen konnten, dass es sich lohnen würde, wenn wir vor Ort in Kenia drehen würden.?

Meirelles fügt hinzu: ?Edward hat uns auf vielfältige Weise geholfen. Unsere Schauspieler hatten die Möglichkeit Leute aus der High Commission kennenzulernen, wir besuchten sie Zuhause und konnten uns ansehen, wie sie leben. In London hatten wir einen Lunch mit Diplomaten, die in Kenia arbeiten. Unser Eindruck nach den Gesprächen und den Besuchen in ihren Büros war, dass die High Commission von heute sich nicht wesentlich von anderen Geschäftszweigen unterscheidet. Obwohl die britische Regentschaft über Kenia vor 42 Jahren beendet wurde, sind da immer noch viele Bande, die die Länder verbinden ? mittlerweile aber aus völlig anderen Gründen.?

Edward Clay bezieht sich sowohl auf den Roman als auch die Leinwand-Adaption, wenn er sagt: ?Zunächst einmal handelt es sich um ein Stück Kunst. Man mußs nicht akzeptieren, dass britische Diplomaten wirklich so sind. Man mußs nicht akzeptieren, dass bestimmte pharmazeutische Firmen in Kenia tatsächlich die sind, die der Autor beim Schreiben gemeint hat. Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte, verpackt in eine Parabel, die Wucht und Glaubwürdigkeit besitzt.

Aber die Probleme, die le Carré beschreibt, sind eventuelle genauso wie tatsächliche. Kenia ist nicht das einzige Land, in dem diese Geschichte erzählt werden könnte, aber es ist eine gut gewählte Kulisse. Es könnte auch eine andere Regierung beschrieben werden, genauso wie es sich um einen anderen Industriezweig handeln könnte. Aber der Punkt, den le Carré über die Versuchungen der Ausbeutung der Reichen und Mächtigen macht, ist sehr wichtig und bedeutsam.?

Danny Huston, der als Head of Chancery der British High Commission, Sandy Woodrow, besetzt wurde, merkt an: ?In der modernen Diplomatie geht es ausschließlich um Geld und um den Versuch, kommerzielle Unternehmungen zu ermutigen. Ich hatte in London ein Treffen mit zwei Herren, deren Namen ungenannt bleiben sollen, da sie für die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 arbeiten. Je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte, desto mehr merkte ich, dass sie tatsächlich so sind wie die Männer im Buch. Sie haben ein außergewöhnliches, manchmal spektakuläres Talent, Fragen nicht zu beantworten, die ihnen gestellt werden.?

Edward Clay und seine Leute informierten die Schauspieler und Filmemacher über den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext Kenias ? wie es im Land aussah, als le Carré seinen Roman schrieb, und was sich seither in den letzten paar Jahren getan hat.

Er sagt: ?Afrika darf man nicht undifferenziert betrachten. Es gibt auch hier Erfolge und einige Länder, die darniederlagen, stehen nun ganz gut da. Kenia ist es im Vergleich in den letzten 20 Jahren recht schlecht ergangen, was vor allem auf Regierungsprobleme zurückzuführen ist. Ich glaube, ich wollte meinen Standpunkt klar machen. Zu dem Zeitpunkt, als le Carré seinen Roman schrieb, schrieb er über ein Kenia einer ganz bestimmten Ära, das für die Geschichte, die er erzählen wollte, eine absolut plausible Kulisse bildete.

Und jetzt, während der Film gedreht wird, befinden wir uns in einem Kenia, in dem sich Regierung und Gesellschaft entschlossen und dafür votiert haben, dass sich die Dinge ändern sollen. Kenia soll nicht länger mit schwacher Regierungsarbeit und Korruption gleichgesetzt werden, wie das lange der Fall war.?

Channing Williams vermeldet: ?Das letzte Glied in der Kette, das uns den Dreh in Kenia ermöglichte, war die Regierung selbst ? zu jedem Zeitpunkt wurden unsere kenianischen Produktionspartner von Blue Sky Films und ich mit großem Zuvorkommen und Verständnis empfangen. Es herrschte ein spürbarer Wille und großer Einsatz, es uns zu ermöglichen, vor Ort drehen zu können.?

Angesichts der Thematik des Films erwies sich die kenianische Regierung als bemerkenswert entgegenkommend. Informations- und Kommunikationsminister Raphael Tuju gibt an: ?DER EWIGE GÄRTNER wirft ein sehr kritisches Licht auf Kenia. dass die Regierung ein solches Projekt unterstützen und seine Erlaubnis erteilen würde, ist ohne Beispiel. Aber ich habe mich dafür eingesetzt und stellte sicher, dass wir das machen würden. Hätten wir das Projekt nicht unterstützt, wäre es dennoch gedreht worden. Und es würde immer noch kritisch mit der Vergangenheit Kenias in Bezug auf Themen wie Korruption umgehen.?

Meirelles hatte den Eindruck, dass seine Perspektive von Anfang an eine völlig andere war. Er überlegt: ?John le Carré schrieb eine Geschichte über ein Entwicklungsland und Big Business aus dem Blickwinkel eines Menschen aus der Ersten Welt. Als ich das Buch las, nahm ich automatisch eine andere Position ein. Ich sah mich selbst in Afrika, als Zeuge des Hineindrängens all dieser großen Konzerne. In gewisser Weise erzählt Jaffrey Caines Drehbuch die Geschichte mit den Augen Kenias. Als Bürger eines Dritte-Welt-Landes identifizierte ich mich mehr mit den Kenianern als den Briten.?

Caine merkt an: ?Die kenianische Kulisse faszinierte Fernando, würde ich sagen. Aber was er übernahm, war eine Geschichte mit einem britischen Blickwinkel, eingebettet in eine britische, postimperiale Subkultur, mit der er nicht wirklich vertraut war. Daher war es nicht allzu überraschend, dass ihm daran gelegen war, diese Elemente etwas stärker zurückzunehmen und den afrikanischen Elementen einen größeren Platz einzuräumen, ohne die Geschichte aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich glaube, das ist uns gelungen.?

Channing Williams gefiel es, dass Meirelles das Projekt von einer völlig anderen Seite betrachtete. Er sagt: ?Ich hatte die Befürchtung, man könnte uns in diese Schublade mit der Aufschrift ,Mittelklasse, britisch, männlich? stecken. Als Fernando an Bord kam, waren all diese Mittelklasse-Bedenken wie weggefegt. Stattdessen erhielten wir eine völlig neue Vision jener Welt, über die le Carré geschrieben hatte, visualisiert von einem hoch intelligenten Mann aus einem anderen Kulturkreis.

Seine Wahrnehmung stützt sich immer auf die Figuren, nie auf die gesellschaftliche Klasse, aus der sie kommen. Unsere britische Klassenstruktur hat keine Bedeutung für ihn. Es ist wunderbar, dass all das keine Rolle in unserem Film spielt, sondern dass wir die Geschichte so erzählen konnten, wie sie 95 Prozent der Menschen auf diesem Planeten sehen.?

Ausstatter Mark Tildesley sagt: ?Als ich das Buch zum ersten Mal las, dachte ich, dass das ein Filmstoff wäre, der die Generation meines Vaters beschreibt ? und auch diese Generation anspräche. Aber dann besuchten wir die Clubs in Nairobi. Das war, als wäre man in einer Zeitschleife gefangen, selbst bei der British High Commission.

Klar, sie geben sich Mühe, sich entspannt zu geben, und sie fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Aber dann läuten sie eine Glocke zum Frühstück, und herein kommen Leute in weißen Handschuhen, die es servieren. Was wir wirklich tun mußsten war, dem Publikum eine reale, greifbare Vorstellung von Afrika und eine Fürsorge für Afrika zu vermitteln, um die Geschichte zu verstehen. Also konnten wir nicht Cricket und Gin-and-Tonics zeigen.?

Ralph Fiennes erinnert sich: ?Fernando war es sehr wichtig, Filmaufnahmen von Afrika in den Film einzuarbeiten, die Farben und die Gesichter. Als ich hörte, dass er der Regisseur sein würde, setzte ich große Hoffnungen in ihn, dass er Afrika in den Mittelpunkt des Films rücken würde. Und genau das hat er auch getan.?

Meirelles? ?Dritte-Welt-Perspektive? stellte auch sicher, dass zu den Hunderten von extra für den Dreh eingestellten Leuten auch ein Großteil des Casts aus Afrikanern bestand (im Film sind mehr als drei Dutzend Kenianer in Sprechrollen vertreten). Zudem wurde die britische Crew mit 70 kenianischen Crewmitgliedern in allen Abteilungen, sowie um ansässige Fahrer, Caterer und Arbeiter verstärkt.

Channing Williams betont: ?All diese Menschen auf beiden Seiten der Kamera waren da, weil es ihr gutes Recht war. Diese Jobs und Rollen waren für sie bestimmt und sie haben sie gekriegt. Es gibt eine großartige Menge an Talenten in Kenia. Ich hoffe, dass wir, auf unsere Weise, einen kleinen Beitrag geleistet haben, andere darauf aufmerksam zu machen, wie großartig das Angebot in diesem Land ist.?

Obwohl Meirelles Kenia als ?beinahe die dritte Hauptfigur im Film? ansieht, hatten die Filmemacher ursprünglich überlegt, sämtliche Kenia-Szenen in Südafrika zu drehen, wo man von der florierenden Filmindustrie und einer fest etablierten Infrastruktur profitiert hätte. Channing Williams sagt: ?Die Idee war, dass wir Kenia kurz besuchen, um das Land einmal gesehen zu haben, in dem das Buch spielt. Dann wollten wir weiter nach Südafrika reisen.

Mit großer Freude kann ich sagen: Binnen 24 Stunden nach unserer Ankunft wussten Fernando und ich, dass wir Kenia nicht mehr verlassen wollten und der Film vor Ort gedreht werden mußste. Natürlich gab es ernsthafte Probleme - wegen der nötigen Versicherungen, wegen der allgemeinen Meinung, dass es sich um ein gefährliches Land handelt. Wir fanden schnell heraus, dass das ganz und gar nicht stimmt. Also haben wir lang und hart gekämpft. Denn uns war sofort klar gewesen, dass der Film nur in Kenia ein guter Film werden konnte.?

Mario Zevan, der als ausführender Produzent den kenianischen Produktionspartner Blue Sky Films vertrat, erklärt: ?Ostafrika ist völlig anders als Südafrika. Fernando und Simon verstanden das sofort. Die Menschen sehen anders aus, die Vegetation ist völlig anders, das Licht ist anders, die Gebäude sind anders. Hätte man den Film in Südafrika realisiert, dann wäre das so, als hätte man eine in Boston ansässige Geschichte in Miami gefilmt.?

?Es war uns sehr wichtig, dass der Film echt aussieht?, fügt Meirelles? Freund und langjähriger Mitstreiter, der Kameramann César Charlone, hinzu. ?Wir wollten die Wahrheit zeigen, wollten so wahrhaftig sein, wie es nur ging; wir benutzten reale Locations und natürliches Licht. Wenn wir in einer Leichenhalle drehten, in der Neonlampen benutzt wurden, dann haben wir die auch benutzt. Es war uns sehr wichtig, Drehorte nicht danach auszusuchen, ob sie filmisch oder attraktiv sind.?

Er fährt fort: ?Als wir uns weiter in das Projekt vertieften, kam es uns so vor, als hätten wir es mit zwei verschiedenen Realitäten, zwei verschiedenen Welten zu tun. Da war Justins alte Welt, aus der er stammt, mit der British High Commission. Als er mehr über Tessa in Erfahrung bringt, wird sie seine Tür zu einer neuen Welt, das wahre Afrika, das er davor nicht wahrnehmen konnte ? oder nicht wahrnehmen wollte. Wir legten fest, dass Justins Welt (England) in kühlen Grüntönen gehalten sein würde, während Tessas Welt (Afrika) von warmem Rot dominiert sein sollte.?

?Fernando und César waren fest entschlossen, einen absolut authentischen Blick zu wagen, weil sie etwas Bemerkenswertes schaffen wollten?, sagt Bill Nighy, der Sir Bernard Pellegrin spielt. ?Ich hatte schon einmal in Marokko gedreht, aber Kenia und der Rest von Afrika waren mir völlig fremd. Die Aussichten, Klänge und Gerüche sind wie nirgendwo sonst. Kenia ist mehr als nur eine Kulisse, weil DER EWIGE GÄRTNER eine afrikanische Geschichte ist und davon erzählt, wie der Westen den Kontinent als Versuchslabor benutzt.?

?Einer der großartigen Aspekte an der Erfahrung, die wir machen konnten, war der Dreh an realen Orten wie Nairobi?, meint Ralph Fiennes. ?Fernando war versessen darauf, die Menschen, so wie sie sich wirklich waren, im Hintergrund zu zeigen. Es gibt keine nennenswerte Filminfrastruktur in Kenia, also drehten wir nicht mit professionellen oder erfahrenen Statisten. Die Menschen standen dem Film sehr positiv gegenüber, sie setzten sich dafür ein, weil der Dreh in ihrer Nachbarschaft stattfand.

Simon und Blue Sky leisteten ausgezeichnete Arbeit und stellten sicher, dass wir nahezu unsichtbar waren. Normalerweise macht es sich bemerkbar, wenn eine Filmcrew in eine Gemeinde kommt. Viele Menschen plärren in Walkie-Talkies und poltern durch die Gassen und ignorieren die Sensibilitäten der Menschen, die dort wirklich leben. Ich spürte keine Form von Ablehnung oder Negativität. Die Belange der Bewohner wurden nicht nur anerkannt, sie wurden mit der Kamera auch eingefangen, so dass die Menschen sich als Teil des Projekts fühlen konnten.?

Emily Mbonga, die in Kenia für die Koordination des Castings der Statisten zuständig war, klärt auf: ?Es ist nicht so, als hätten wir keine Filminfrastruktur in Kenia. Es ist eher so, dass sie in Vergessenheit geraten ist.? Mbonga fand die Mehrzahl der weißen Statisten durch offene Besetzungsaufrufe bei lokalen Amateur-Theatergruppen. Weitere Statisten wurden direkt bei den Berufszweigen gecastet, die auch im Film gezeigt werden. Zum Beispiel sind alle Journalisten, die sich auf Tessa Quayles Beerdigung drängen, tatsächlich Journalisten und Fotografen, die in Kenia arbeiten.

?Der Schlüssel zur Gestaltung einer Figur ist meistens eine Frage der Fantasie. Wenn man sich dann an dem tatsächlichen Ort des Geschehens befindet, ist alles schon für dich vorbereite?, sagt Fiennes. ?Auf eine ganz subtile Weise reagiert man körperlich und emotional unweigerlich auf das Umfeld.?

Rachel Weisz fügt hinzu: ?Nichts gegen Südafrika, aber die kenianische Landschaft hat eine ganz eigene Ausstrahlung, und das kann man nicht einfach irgendwo anders nachahmen. Ich kann Kenia unmöglich von der Geschichte trennen ? oder die Geschichte von Kenia. Es war uns sehr wichtig, dass wir in der Lage waren, der existierenden Infrastruktur zu helfen, so dass dort in der Zukunft mehr Filme gedreht werden können.?

Pete Postlethwaite, den man als Dypraxas schwer auffindbaren Mitstreiter Lorbeer sehen kann, sagt: ?Man macht seine Arbeit, man liest das Buch, man findet heraus, wer, was und wo die Figur, die man spielen wird, ist. Als ich aber in Kenia ankam, machte alles automatisch Sinn. Das war wie ein Vergrößerungsglas, das man benutzt, um sich die Hand zu verbrennen.?

Vor Ort in Kenia Zuerst wurden in Nairobi Szenen im Lord Errol Restaurant gedreht. Es dient als Kulisse für eine Cocktailparty der British High Commission, bei der für Tessa Quayle und ihrem Mitstreiter Dr. Arnold Bluhm endgültig klar wird, dass sie die Heuchelei und Gier der Mächtigen aufdecken müssen. Das Lord Errol wurde nach einem weibstollen Aristokraten benannt, dessen Geschichte das Thema eines anderen in Kenia gedrehten Film war: WHITE MISCHIEF (?Die letzten Tage in Kenya?, 1988).

Die Produktion schlug anschließend ihr Lager im privaten Royal Nairobi Club auf und danach, am anderen Ende des Spektrums, bei einer städtischen Slum in der Nähe der River Road in Nairobis ?Kampfzone?. Dieses Ghetto ist das Zuhause einer Gruppe der sozial Schwächsten, die meisten von ihnen sind Drogenabhängige.

Klebstoff schnüffeln ist ein großes Problem bei der Straßenbevölkerung in Nairobi, sowohl bei Erwachsenen wie bei kleinen Kindern. Klebstoff macht zum einen in höchstem Maße abhängig, andererseits helfen die Klebstoffschwaden, Hunger zu unterdrücken.

Für die Szenen, in denen Tessa Quayle ins Krankenhaus kommt und die Entdeckung der tödlichen Auswirkungen von Dypraxa macht, wählte die Produktion als Drehort Pumwani, ein Entbindungsheim, das sich um die ärmsten Bewohner Nairobis bemüht ? und das während des Drehs im Mittelpunkt eines Skandals stand. Die lokale Presse war voller Berichte, die sich mit der auffallend hohen Rate von verwechselten Identitäten neugeborener Kinder befassten.

Andere Berichte beklagten die überdurchschnittlich hohe Todesrate im Hospital. Pumwanis Oberin Bridget Mbatha, die man als eine der Krankenhausverwalterinnen im Film sehen kann, gesteht bereitwillig, dass sie und ihre Mitarbeiter eine Schlacht schlagen, die sie nicht gewinnen können. Gleichzeitig verwehrt sie sich energisch gegen die Vorüwrfe, die gegen ihre Institution erhoben werden.

Sie argumentiert, dass unterernährte, nicht übermäßig gesunde Mütter und ihre untergewichtigen Neugeborenen unweigerlich geringere Überlebenschancen haben, besonders wenn sie ein hoffnungslos unterbesetztes, schlecht ausgestattete Hospital als Notmaßnahme aufsuchen, wenn eine Geburt, die von ungelernten Klinikarbeitern assistiert wurde, fehlgeschlagen ist. Nach dem eintägigen Dreh in Pumwani merkte Danny Huston sichtlich beeindruckt an, dass es sich um einen ?Ort, der einem das Herz bricht? handelt.

Weitere Drehorte in und um Nairobi umfassen die Nairobi City Mortuary (wo die Szene, in der Tessas Leiche identifiziert wird, gedreht wurde), Langata Cemetery, das Archiv des Kenyatta Hospital, Boskies Fugzeughangar am Wilson Airport und einen Golfplatz an der Karen-Rennstrecke. Sandy Woodrows Haus im Film ist tatsächlich das in einer Vorstadt von Nairobi stehende Zuhause des European Commissioner.

Eine weitere private Residenz in einer Vorstadt von Nairobi kam als Zuhause von Justin und Tessa zum Einsatz. Es gehört der Mutter der Kostümbildnerin von DER EWIGE GÄRTNER, Elizabeth Glaysher, die dort auch aufwuchs. Ihre Mutter Sonia hatte zuvor bereits einmal an einem Film gearbeitet, der in Kenia gedreht wurde: Sie war Ava Gardner Körperdouble in John Fords MOGAMBO (?Mogambo?, 1953).

Sonias Gärtnerin Celia Hardy wurde als Gärtnerei-Coach für Ralph Fiennes angestellt. Mit Ausnahme ein paar weniger Blumen, die die Ausstattungscrew wegen ihrer Farben und zur Anreicherung der Struktur anpflanzte, ist der Garten im Film einzig und allein das Resultat von Celias täglicher Arbeit.

Der Gemüsewochenmarkt in der Ortschaft Kiambu wurde als Drehort für die Three Bees Mobile Clinic benutzt, wo Justin den Bruder des Dypraxa-Opfers Wanza Kilulu, Kioko, aufstöbert. Kioko wird von dem 16-jährigen Schüler Donald Opiyo gespielt, der an den Drehtagen von seiner Schule abgeholt und zum Set gefahren wurde.

Obwohl es sich bei den Müttern und Babys, die sich in der Three Bees Clinic in einer Schlange anstellen, um ?kostenlose Tests und Behandlung? zu bekommen, um angeheuerte Statisten handelte, waren die hunderte von Verkäufern und Kunden in der Szene echte Einwohner von Kiambu, die einfach nur ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Am Ende eines Drehtags am Kiambu-Markt bemerkte Fernando Meirelles eine Gruppe von Schulkindern, die sich hinter einer Barrikade versammelt hatte. Er ging zu ihnen und fragte sie: ?Wer von euch will in einem Film mitspielen??

Alle Hände schossen in die Höhe, aber nur ein Dutzend der Kinder wurde ausgewählt, eine Straße entlangzulaufen, während César Charlone den Moment von einem fahrenden Lastwagen aus festhielt. Weil er wusste, dass die nicht ausgewählten Kinder enttäuscht waren, kehrte Meirelles zu der Horde Kinder zurück und schrie: ?Okay, passt auf!?.

Dann schob er die Barrikade beiseite und ließ die Kinder ans Set zur Crew strömen. Der von dieser Stampede aufgewirbelte Staub schaffte es leider nicht in den fertig gestellten Film ? es war einer spontanen Momente, der der Schere zum Opfer fiel. Überhaupt gab sich Charlone Mühe, immer dann die Kamera laufen zu lassen, wenn er etwas Interessantes bemerkte.

Überdies drückte er Ralph Fiennes eine leichte Kamera in die Hand, um ihn beispielsweise aus seinem Blickwinkel eine Pflanze in einer Baumschule oder die Trauerbekundungen von Justins Bediensteten nach dem Tod Tessas festzuhalten. Simon Channing Williams bezeichnete die Methoden des Kameramanns als ?Die ,Wenn es sich bewegt, film? es!?-Philosophie. Die armen Jungs, die den Fokus der Kamera einstellen mußsten ? sie hatten den schwersten Job bei diesem Film. Es war unglaublich, aber in neun von zehn Fällen machten sie alles richtig.?

?Bei Fernando wird nichts choreographiert?, merkt Schauspieler Donald Sumpter an, der den verschlossenen Tim Donohue spielt. ?Die Menschen laufen durchs Bild, das mal scharf, dann wieder unscharf ist. Man bekommt einen Eindruck davon, wie die Dinge wirklich sind, und das ist fantastisch.?

?Fernando und César umgeben sich mit so wenig Bürokratie wie möglich?, erklärt Rachel Weisz. ?Am Set ging alles immer wahnsinnig schnell! César brachte einfach nur die Kamera in Stellung und knipste eine Glühbirne an. Es war, als würde eine kleine Dokumentarfilm-Crew vor Ort drehen. Auf diese Weise erhielten die Aufnahmen eine sehr organische und zufällige Qualität. Es war, als würden wir eine Reportage drehen ? oder in bester Guerrilla-Manier filmen.?

?Auf diese Weise zu arbeiten, war eine große Freude?, betont auch Danny Huston, der selbst bereits Erfahrungen als Filmregisseur gemacht hat. ?Das Filmmaterial ist mittlerweile so sensibel, dass man Szenen nicht unbedingt großartig ausleuchten mußs. Und man mußs als Schauspieler auch nicht immer den richtigen Punkt treffen. Dies war keine Hollywood-Produktion, wo man Hintergrundausleuchtung und Hauptscheinwerfer benötigte und wo man in den Augen einen gewissen Glanz brauchte, weil die Schauspieler glamourös aussehen müssen. Die Geschichte, die unser Film erzählt, verlangte nach Realität.?

Das Büro des Polizeichefs von Kiambu kam bei der Szene zum Einsatz, in der Justin zur Befragung festgenommen wird. Detective Inspector Deasey, der bei dieser Szene auftritt, wird von Ben Parker dargestellt, einem tatsächlichen Pressesprecher der U.N. in Nairobi. Kiambu war auch Drehort der Szene, in der Justin umtriebigen Straßenkindern einen improvisierten Zoll bezahlt.

Diese ?Zolleintreiber? wurden von reformierten Straßenkindern gespielt, die mittlerweile in einem Rehabilitationszentrum außerhalb von Nairobi leben. Die Gespräche der Kinder beim Mittagstisch drehten sich um die gerechte Aufteilung der Bezahlung, die sie für ihren Filmauftritt erhielten.

Nach dem letzten Stand haben sie sich dafür entschieden, neue Schuhe und Socken für alle Kinder in ihrem Zentrum zu kaufen ? und vielleicht noch einen Fußball und einen Fernseher. Bei der zu ihrer Aufsicht abgestellten Begleitperson handelte es sich um Jo Cottrell Boyce, den jugendlichen Sohn des bekannten britischen Drehbuchautors Frank Cottrell Boyce, der sein Studium unterbrochen hatte, um bei einem freiwilligen Jahr soziale Arbeit in Kenia zu leisten.

?How are you?? in Kibera Die Eröffnungsszene des Films wurde in Nairobi im größten Slum Afrikas gedreht. Kibera ist eine unübersichtliche Shantytown, die sich auf eine Größe von etwa 600 Hektar verteilt und etwa 800.000 Menschen Unterschlupf bietet (manche sprechen von 1,2 Mio. Einwohnern). Die meisten von ihnen leben in mühselig zusammen gezimmerten Hütten aus Holzresten, Schlamm und Wellblech.

Sanitäre Anlagen, laufendes Wasser und Elektrizität sind Fehlanzeige. Das Wort kibera bedeutet ?Wald? in der Sprache der nubischen Söldner, die die Gegend ursprünglich bevölkerten, nachdem sie von den Armeen des Britischen Ostafrika entwaffnet worden waren. Nach und nach ließen sich auch umherwandernde Arbeiter in Kibera nieder, viele von ihnen mit der erklärten Absicht, mit ihrer Arbeit in der Hauptstadt genug Geld sparen zu können, um wieder in ihre Heimatdörfer zurückzuziehen.

Heute gibt es nur noch wenige Bäume im ?Wald? Kibera, und jeder kenianische Stamm ist in der Bevölkerung repräsentiert. Die ?Straßen? sind ein Labyrinth aus angehobenen Pfaden und flachen Gräben, in denen Abfälle und ungeklärte Abwasser schwimmen. Die Lebensader ist eine funktionierende Bahnstrecke, die die Shantytown in der Mitte teilt. Die Anwohner haben an der Strecke kleine Läden und Stände eröffnet, wo sie alles zum Verkauf anbieten, was auch nur ein bisschen von Wert sein könnte.

Fernando Meirelles sagt: ?Man kann es fast nicht glauben. Aber ich würde sagen, dass Kibera tatsächlich noch schlimmer ist als die Favelas von Rio, wo wir CIDADE DE DEUS und die Fernsehserie ,Cidade do homens? gedreht haben. César Charlone und ich haben viel Zeit in den Favelas verbracht, und doch war Kibera ein echter Schock für uns. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was unsere britische Crew gedacht haben mußs. Die Armut war... ernüchternd.? Es stellte sich heraus, dass auch die meisten kenianischen Crewmitgleider noch nie in Kibera gewesen waren. Sie waren ebenfalls bestürzt.

56 Prozent der Bevölkerung von Kenia lebt unterhalb der Armutsgrenze. Das bedeutet, dass 15 Millionen Menschen mit weniger als 80 Cent am Tag auskommen müssen. Die Bewohner von Kibera haben noch deutlich weniger. Hunderte von Menschen laufen täglich auf der Hauptstraße aus dem Slum zur Arbeit, weil sie sich die 30 Cent für die Busfahrt nicht leisten können.

Wie Schuldirektor David Mogambi Nyakambi ausführt: ?Die Menschen wollen in Kibera leben, weil es sich in der Nähe ihres Arbeitsplatzes befindet. Und es ist relativ sicher dort. Es wird wenig gestohlen, weil es dort nichts zu stehlen gibt.? Mogambi, dessen Schulhof die Produktion beherbergte und dessen Glaube an eine bessere Zukunft für die Kinder von Kibera alle Menschen berührte, die mit ihm zu tun haben, wurde im Juni 2005 bei einem Autounfall getötet.

Obwohl es manchen Menschen tatsächlich gelingt, genug Geld zu verdienen, um wieder in ihre Heimatdörfer irgendwo im Land zu ziehen, gibt es viel mehr, die in Kibera geboren werden und dort auch sterben. Zusätzlich zu dem beinahe kompletten Fehlen irgendwelcher Annehmlichkeiten sind die Bewohner schwer betroffen von der AIDS-Epidemie. Man schätzt, dass jeder sechste Kenianer HIVpositiv ist.

In Kibera ist die Prozentzahl deutlich höher. Wie in ganz Schwarzafrika wächst auch in Kibera die Zahl von verwaisten Kindern täglich. Die Sozialdienste, die benötigt würden, um sie nur notdürftig zu verpflegen, sind so gut wie nonexistent. Jeder Fremde, der Kiberia betritt, wird von Horden von kleinen Kindern begrüßt, die seine Hand schütteln und ihn (besonders einen mzungu ? also einen weißen Außenseiter) mit den Worten ?How are you? How are you? How are you?? ansprechen.

Jeffrey Caine erzählt: ?Dieser Satz ist das einzige Englisch, das sie können. Ich war beeindruckt davon, wie freundlich und glücklich diese Kinder waren. Sie folgen einem überall hin. Dabei betteln sie nicht um Almosen, sondern wollen nur, dass man ihre Hand hält.?

Diese Stadt-in-der-Stadt hieß die Produktion eine Woche lang willkommen. Schnell stellte sich heraus, dass Schuldirektor Nyakambi Recht gehabt hatte. Die Berichte, Kibera könne feindselig und gefährlich sein, erwiesen sich als falsch. Zumindest erlebten Cast und Crew von DER EWIGE GÄRTNER nichts dergleichen. Ihre Erfahrung war unvergesslich ? und für viele atemberaubend.

Ein Basislager für die Produktion wurde im Schulhof des Raila Odinga Educational Centre aufgeschlagen, so benannt nach dem Parlamentsmitglied für die Langata-Gegend, zu der auch Kibera zählt. Er ist außerdem Verkehrs- und Transportminister.

Bernard Otieno Oduor, ein Radiomoderator und Sänger, der nach einem offenen Casting-Call in DER EWIGE GÄRTNER als Jomo besetzt wurde, berichtet: ?Dem vorherigen Regime schmeckte der Roman überhaupt nicht, weil die Regierung auf die eine oder andere Weise recht eindeutig in Dinge verwickelt wird. Der Film erzählt die Wahrheit darüber, was in Entwicklungsländern passiert, worüber aufgrund der großen Profite niemand spricht. Es ist verblüffend, dass die gegenwärtige Regierung den Film unterstützt hat. Raila Odinga war persönlich am Set, hatte Lunch mit den Produzenten und unterhielt sich mit ihnen. Und er wusste genau, worum es in der Geschichte geht.?

Ungefähr 2000 Bewohner von Kibera wurden als Statisten angeheuert. Andere arbeiteten als Führer und Träger für den Film und halfen bei der Navigation über schwieriges Terrain. Wieder andere waren mit der Sicherheit am Set betraut und wurden als Übersetzer beschäftigt.

Fernando Meirelles meint: ?Alles war ruhig. An einem Tag ging ich mit César Charlone, einem Kamera-Asisstenten, Simon Channing Williams und Rachel Weisz und Hubert Koundé einfach los ? und wir filmten Rachel als Tessa, wie sie mit den Menschen dort spricht und agiert.? Einer Reihe von Mitgliedern der Besetzung, die nicht in diesen frühen Szenen des Films zu sehen sind, war es dennoch wichtig, nach Kibera zu kommen und dort ein Theaterstück von Nick Redings SAFE Theater Troupe über AIDS zu besuchen, während die Filmkameras liefen, um die Performance festzuhalten.

Schauspieler und Regisseur Reding, der im Film als Crick zu sehen ist, kam ursprünglich über Hollywood nach Kenia, um in Mombasa beim Aufbau einer Klinik mitzuhelfen. Dort wurde ihm bewusst, wie wichtig es ist, Informationen über HIV/AIDS zu verbreiten, indem man gesamte Gemeinden besser mit einbezieht. So hatte er die Idee einer Straßentheatergruppe, mit der man die Botschaft effektiv und nachhaltig an den Mann (und Frau) bringen konnte.

Seine SAFE (Sponsored Arts for Education)-Truppe tritt seither an den Lastwagenrouten zwischen Mombasa und Nairobi auf. Meirelles sah einen Kurzfilm der SAFE-Gruppe und fragte Reding, ob er sein Stück im Film unterbringen könnte. Die Szenen des Stücks wurden live vor hunderten von Kibera-Bewohnern gefilmt, mit Rachel Weisz und Hubert Koundé ? als Tessa Quayle und Dr. Arnold Bluhm ? ebenfalls im Publikum.

Reding berichtet: ?Viele Menschen zögern allein schon beim bloßen Aussprechen des Wortes ,AIDS?. Wenn man eine große Show bietet und die Leute unterhalten kann, wenn man sie vielleicht sogar zum Lachen bringt, dann bringt man sie womöglich dazu, auch darüber zu sprechen. Wo auch immer wir das Stück aufgeführt haben, gab es im Anschluss heftige Debatten, bei denen die Menschen den Umgang mit Kondomen und so weiter diskutieren. AIDS in Afrika ist ein Desaster von unfassbarem Ausmaß. Doch man kommt mittlerweile besser an die nötigen Medikamente heran, und die Menschen müssen verstehen und erkennen, wie und warum sie sie nehmen müssen.?

Von entscheidender Bedeutung bei der Bekämpfung der Krise ist Aufklärung. Gerüchte verbreiten sich blitzschnell in einer eng gestrickten Gemeinde wie Kibera, und das Stigma von AIDS kann die Menschen dazu führen, sich weder behandeln zu lassen, noch Bemühungen zu unternehmen, die Verbreitung der Krankheit zu verhindern.

AMREF (African Medical Research Foundation), eine ansässige Organisation, ist mittlerweile in der Lage, anti-retrovirale Medikamente umsonst an alle HIVpositiven Kibera-Bewohner durch eine Klinik in der Nähe zu verteilen. Eine Sprecherin gibt zu, dass die größte Herausforderung darin liegt, die Menschen dazu zu bewegen, sich überhaupt auf AIDS testen zu lassen und dann, wenn sie sich als positiv erweisen, eine Behandlung zu beginnen. Wie die Filmfigur des Jomo weigert sich ein großer Prozentsatz von Bewohnern in Kibera kategorisch, testen zu lassen ? und sind völlig unvorbereitet, eine positive HIV-Diagnose zu akzeptieren.

Die Produktion war von Anfang an fest entschlossen, Kibera etwas für seine Gastfreundschaft zurück zu geben. Neben der Bereitstellung von Jobs für so viele Bewohner, wie es an dem jeweiligen Tag am Set möglich war, errichtete die Konstruktionsabteilung einen Spielplatz und einen Fußballplatz, reparierte das Dach einer baufälligen Kirche und baute eine Brücke über einen breiten Abwasserkanal, damit es Ambulanzwägen in Notfällen möglich ist, zu bedürftigen Bewohnern am Fuß der Schlucht zu kommen.

?Wir errichteten die Brücke und wenig später einen 10.000-Liter-Wassertank direkt daneben. Unser Tank bietet Wasser umsonst für alle?, erklärt Simon Channing Williams. ?Außerdem bauten wir eine Rampe zur Eisenbahnlinie, in einer ähnlichen Position wie die, die wir für die Kamera als Ersatz für einen Kran benutzt hatten. Damit wollen wir den Behinderten und Älteren helfen.? Davor war der Weg zu den Gleisen so steil, dass nur geschickte Kinder problemlos hochklettern konnten.

?Zuerst sprachen wir mit den Anführern der Gemeinde?, sagt Location-Manager John Chavanga. ?Die sprachen dann mit den Menschen und setzten ihnen auseinander, warum wir Kibera besuchen wollten und wie die Gemeinde davon profitieren könnte. Wir stellten etwa 2000 Menschen in verschiedensten Bereichen an und errichteten ein paar dauerhafte Strukturen. Für die Menschen dort war es ein ganz schönes Erlebnis. Dies war die größte Filmproduktion, die jemals in Kibera gedreht hat.

Ich glaube, sie haben viel dabei lernen können. Es gibt sehr talentierte Leute dort. Bernard Otieno Oduor, der den Jomo spielt, wuchs in Kibera auf. Sie haben dort Schauspielschulen und Theatergruppen. Wer weiß? Vielleicht wird es einem der Kinder dort gelingen, eines Tage der nächste Ralph Fiennes zu sein.?

?Kibera war so viel größer als alles, was ich mir nur im Entferntesten vorstellen konnte?, fasst Rachel Weisz ihre Erfahrung zusammen. ?Die Kinder sind einfach unglaublich. Sie haben keine Angst vor Fremden, wie man das westlichen Kindern einbläut. Die Atmosphäre des Ortes ist viel stärker als die Armut. Nach drei Tagen verstand ich den Rhythmus und begann mich zu entspannen, auch weil das der Ort ist, an dem sich meine Figur, Tessa, wirklich wohl fühlt.?

?Kibera lässt einen Tessa verstehen?, stimmt Caine zu. ?Man geht nach Hause und will nichts anderes, als diesen Kindern helfen, ihre materielle Lebenssituation zu verbessern. Und das haben wir mit unserer Produktion versucht.?

Seen und Loiyangalani Nach mehr als einem Monat verließ die Produktion das Norfolk Hotel und die kühle Bergluft von Nairobi. Man reiste auf der Straße weiter in den Süden zu dem Dorf Ol Tapese in der Nähe des Lake Magadi im Rift Valley. Mehr als ein paar bunt angemalte Holzhütten scheint Ol Tapese zunächst nicht zu bieten haben, und doch steckt die scheinbar brach liegende Landschaft voller pulsierendem Leben.

Rot gewandete Hirten der Massai tauchen scheinbar aus dem Nichts auf und dominieren die ungeheure Weite des Landes. Emily Mbonga sagt: ?In Kenia machen wir immer Witze, dass man eine Straße entlang fahren kann und niemanden sieht. Wenn man aber einen Unfall baut, sind auf einmal eine Million Leute da. Es sieht sehr einsam aus, aber es sind immer Menschen unterwegs.?

Lenny Juma, zuständig für das Casting von Statisten, hatte die Gegend um Ol Tapese zuvor besucht, um eine Gruppe von Massai für eine Szene zu besetzen. Im Laufe des Tages kamen immer mehr Menschen zusammen, um der Crew Handgearbeitetes zu verkaufen oder um einen Schluck Wasser zu bitten oder nur um beim Dreh zuzusehen.

Das Drehteam zog bald weiter zu einer archäologischen Stätte an den spektakulären Klippen des Rift Valley, um eine Autoverfolgungsjagd zu drehen, bei der Justin in einem geborgten Fiat von einem zunächst nicht weiter auszumachenden Fahrer in einem Land Rover gejagt wird.

Simon Channing Williams gesteht: ?Ziemlich exakt drei Kilometer von unserem Drehort entfernt hatte ich eine Location überprüft, die wir für unsere Helikopteraufnahmen benutzen wollten ? und fand dann heraus, dass das Smithsonian Institute exakt diesen Platz belegte: Sie hatten dort Reste unserer Vorfahren, 900.000 Jahre alt, gefunden ? die ältesten Überbleibsel menschlichen Lebens auf der Erde.?

Nachdem sie die Nacht in einem Zeltcamp verbracht hatte, ging es für die Crew weiter zum Lake Magadi (im Film der mehr nördlich gelegenen Lake Turkana), der wie eine Mondlandschaft aussieht. Der Vergleich ist erlaubt, denn der 104 Kilometer lange alkalihaltige See ist von Salztonebenen umgeben, die knirschen wie gefrorener Schnee, wenn man auf ihnen geht. Flamingos und Insekten scheinen die einzige Lebensformen in der Umgegend des Sees zu sein, der mit einer außerirdisch wirkenden rosaroten Färbung aufwartet.

Aber es kommt auch vor, dass ein Massai wie aus dem Nichts in der drückenden Hitze auftaucht, zu Fuß oder auf einem Fahrrad, während gerissene Flamingo-Kadaver am Ufer des Sees den Schluss nahe legen, dass es hier durchaus auch Raubtiere geben mußs. Während einer Drehpause am Lake Magadi willigte Rachel Weisz ein, in einem Fernsehspot für das World Food Program (WFP) der U.N. aufzutreten, den Kamera-Assistent Diego Quemada-Diez umsonst für die wohltätige Einrichtung umsetzte.

?Das WFP, speziell Laura Melo, zuständig für die regionalen Informationen, war eine unbezahlbare Informationsquelle und eine ewige Hilfe für die Produktion?, erklärt Channing Williams. Der WFP-Spot zeigt die Schauspielerin, wie sie die endlose, leere Weite am Rand des Lake Magadi überquert, gefolgt von einer Gruppe lokaler Schulkinder, Kinder der Arbeiter der Magadi Soda Company (der das Gelände um das Rift Valley gehört).

Magadi Soda stellt den Arbeitern Unterkünfte, Schulen und eine Krankenversicherung zur Verfügung. Der krasse Unterschied zu Kibera blieb von Cast und Crew nicht unbemerkt. Die Darsteller und der Stab kehrten kurz nach Nairobi zurück, bevor es in den Norden in das Dorf Loiyangalani ging, das am südöstlichen Ufer des wahren Lake Turgana (der größte Wüstensee der Welt) liegt. Dort sollten die im südlichen Sudan angesiedelten Szenen im Camp Seven spielen.

Loiyangali ist eine zweieinhalbtägige Fahrt ? oder zwei Stunden Flug ? von der Hauptstadt entfernt. Einige der Crew-Mitglieder reisten mit einem Buffalo-Transportflugzeug, das in der Sequenz selbst zu sehen ist. Andere hatten das Glück in einem zwölfsitzigen Flugzeug zu reisen, von dem aus man einen spektakulären Blick auf die Vulkane rund um den Lake Turgana werfen konnte.

Obwohl atemberaubend schön und mit vielen Vogelarten und Fischen gesegnet, ist der See selbst so alkalisch, dass das Wasser für Menschen absolut untrinkbar ist. Die weltweit größte Anzahl von Krokodilen lebt am See. ?Loiyangalani ist im Grunde ein entlegenes Stück Grundstück, das aus Lavaschollen besteht?, sagt Mario Zwan von Blue Sky Films.

?Sonst gibt es nicht viel, vielleicht noch ein paar Palmen um den See verstreut, wo es frisches Wasser gibt. Es ist sehr trocken, sehr heiß, und sehr ungastwirtlich. Weiter kann man von der Zivilisation, wie wir sie kennen, eigentlich nicht entfernt sein. Im Buch gibt es sogar eine Szene in Loiyangalani, aber wir waren nur da, um unsere Süd-Sudan-Szenen zu drehen. Dort konnten wir aufgrund der politischen Situation und einem Mangel an Infrastruktur nicht filmen.?

Channing Williams erinnert sich: ?Als ich zuerst nach Loiyangalani kam, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. So einen Ort kann man sich einfach nicht vorstellen. Und ich kann nicht einmal anfangen zu betonen, wie schwer es war, an einem solchen Ort zu drehen.?

?Rein logistisch war es hart?, stimmt Location-Koordinator Robin Hollister zu. ?Loiyangalani liegt am Ende einer nicht existierenden Straße. Alle Vorräte müssen aus 600 Kilometer Entfernung eingeflogen werden.? Die Ufer von Loiyangalani beherbergen nur ein paar wenige Menschen, darunter einige verschiedene Stämme. Dazu gehören die Turkana, die Samburu (Verwandte der Massai), die Rendille und die El Molo (der kleinste afrikanische Stamm).

?Als wir realisierten, dass wir mitten in ihrem Dorf drehen würden, fassten wir sofort den Entschluss, dass auch diese Gemeinde von unserer Arbeit profitieren sollte?, erklärt Hollister. ?Wir baten sie darum, ein Komitee ins Leben zu rufen, das ihre gemeinsamen Interessen und die verschiedenen Stämme vertreten sollte, so dass wir einen Ansprechpartner hatten, anstatt uns mit tausenden verschiedenen Menschen auseinandersetzen zu müssen. Dies war eine Gelegenheit für sie, ein bisschen Bewegung in ihre Wirtschaft zu bringen, wie es sie nur einmal im Jahrzehnt für sie gibt.?

?Einmal im Jahrzehnt? ist natürlich eine Untertreibung. Es ist schon etwas länger her, dass Loiyangalani die Location für einen Film stellte: Bob Rafelson hatte hier MOUNTAINS ON THE MOON (?Land der schwarzen Berge?) gefilmt, der 1990 in die Kinos kam. Hollister merkt an, dass Stammesmitglieder immer noch über die Geburten sprechen, die es während der Dreharbeiten gab. Er vermutet, dass den Kindern, die 2005 geboren werden, erzählt wird, dass sie gezeugt wurden, als ?der zweite Film? gedreht wurde.

?Ich glaube, dass die Basisarbeit, die wir mit dem Film-Komitee in Loiyangalani gemacht haben, von grundlegender Wichtigkeit waren?, sagt Channing Williams. ?Es war wichtig, Vertrauen aufzubauen. Wir hätten uns auch einfach eine Erlaubnis bei einer örtlichen Regierung abholen und dann unseren Stiefel durchziehen können. Aber ich glaube, das wäre schrecklich gewesen und hätte Vieles zerstört. Mit Robins Hilfe stellte ich sicher, dass unsere Beziehung zu Häuptling Christopher, der auch der ansässige Polizei-Inspektor ist, und der ganzen Gemeinde auf einem festen Fundament stand.?

Einige Crewmitglieder wurden in einer Art Militärlager in Zelten am Rande der bereits existierenden Landebahn untergebracht. Währenddessen ließ die Produktion eine zweite Landebahn verlängern, damit das gewaltige Buffalo-Flugzeug überhaupt landen konnte. Zwei Lodges (eine von ihnen war The Oasis, die auch in le Carrés Roman vorkommt) wurden vom Drehteam ebenfalls übernommen und nahmen Cast und Crew bei sich auf. Vor allem die Swimming Pools waren sehr gefragt, da die Temperaturen vor Ort oftmals ins Unerträgliche stiegen und es keine Zuflucht vor der Sonne gab, wie auch vor dem Staub, Sand und den Winden, der vom See rüberwehte.

Wie in Kibera wurde die Produktion von der Gemeinde willkommen geheißen. Und wie in Kibera legte die ständige Begleitung freundlicher, furchtloser Kinder den Grundstein für eine unvergessliche Arbeitserfahrung für alle Anwesenden. Zwischen den Aufnahmen mußsten Ralph Fiennes und andere Schauspieler immer wieder freundlich darum bitten, dass die Kinder ihre Set-Stühle räumten. Die setzten sich dann aber einfach auf ihre Schöße und Armlehnen.

In der Dämmerung versammelten sich die Statisten und Arbeiter am Set, um zur Feier des Arbeitstags zu singen und tanzen. Die Gemeinde wurde ermutigt, sich beim Trinkwasservorrat des Drehteams frei zu bedienen. Das Resultat war, dass sich auffällig gekleidete Samburu-Krieger geduldig in die Schlange unter die Kameratechniker mischten, während Turkana-Mädchen mit Irokesen-Frisur und/oder Henna-Applikationen neben den Fahrern der Produktion standen und nackte Kleinstkinder das ungewöhnliche Bild vervollständigten.

Ansässigen wurde außerdem angeboten, dass sie die Ärzte und Schwester im Erste-Hilfe-Zelt der Produktion in Anspruch nehmen konnten. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Bis aus 40 Kilometern Entfernung kamen Senioren angewandert, um sich von den Ärzten beraten zu lassen. Eine häufige Beschwerde waren Hüftschmerzen ? ein häufig auftretendes Resultat aus der Kombination von Alter, Fehlernährung und Dehydrierung.

Für die Sequenzen des Überraschungsangriffs an der sudanesischen Grenze mußste man ein paar Tage vergehen lassen, bis die unangenehmen Winde etwas abnahmen und die Spezialeffekt-Crew aus Südafrika in der Lage war, die eigens dafür errichteten Hüttenkulissen in Brand zu setzen, ohne dass Gefahr für die Hütten der Turkana-Familien bestand. Eine professionelle Viehdiebstahl-Schutzeinheit wurde angestellt, um die heranrasende Söldnertruppe zu spielen.

Der erfahrene Stuntkoordinator Rory Jensen mußste zugeben, das es sich bei diesen Reitern und Pferden um die besten handelte, mit denen er jemals gearbeitet hatte. Kein geringes Lob, wenn man die Hitze, das extrem gefährliche Terrain und die hunderte von in Drehfragen unerfahrenen Männer, Frauen und Kinder, die als Statisten in dieser chaotischen Szene eingesetzt wurden, in Betracht zieht.

Einem der Reiter wurde eine Kamera in die Hand gedrückt, mit der er eindrucksvolle subjektive Aufnahmen machte, während er auf seinem Pferd in vollem Tempo ritt. Um das Chaos des orchestrierten Durcheinanders zu vervollständigen, flog ein Buffalo-Flugzeug auf Befehl in beängstigender Tiefe über die Szenerie. Für die Piloten waren derartige Stunts nichts Neues: Sie waren diese Form von Tiefflügen dank ihrer Abwürfe von Nahrungspaketen auf der anderen Seite der Grenze zum Sudan gewohnt.

Am letzten Tag des Drehs in Loiyangalani wurde Simon Channing Williams in einem feierlichen Ritual zum Stammesältesten gekürt. An diesem Abend wurde der Dorfplatz mit Hilfe von Filmaid (eine wohltätige Einrichtung, die Flüchtlingen auf der ganzen Welt Unterhaltungsangebote und Zerstreuung bietet) zu einem Open-Air-Kino umfunktioniert.

Während einer Zeremonie mit Tanzeinlagen und Reden lokaler Würdenträger wurde Channing Williams der gefederte Kopfschmuck und ein Paar geschnitzter Gehstöcke überreicht, die seinen neuen Status symbolisierten. Der Produzent war seit seinem ersten Sondierungsbesuch ein halbes Jahr zuvor, so vertraut mit der Gegend geworden, dass er selbst regelmäßig den Acht-Kilometer-Trip zum Stamm der El Molo unternahm, um drt dringend benötigte Wasser- und Nahrungsvorräte hinzubringen.

Zu den vielen anderen ins Leben gerufenen Initiativen des neuen Stammesältesten und seiner Ko-Produzentin Tracey Stewart gehörte auch die Ausstattung der lokalen Schule mit Matratzen und Bettwäsche. Außerdem richteten sie einen Treuhänderfonds für die Kinder der Gegend ein, damit sie die Möglichkeit einer fortführenden Ausbildung erhielten. Die beiden arrangierten außerdem, dass sämtliche entbehrlichen Requisiten, Kostüme und Baumaterialien der Produktion an die Bedürftigsten von Loiyangali verteilt wurden.

Während der letzten Juli-Tage nahm die Produktion den letzten Drehabschnitt in Angriff, für den Ralph Fiennes und eine drastisch verkleinerte Crew zum Dreh nach Lokichoggio reisten. Diese Stadt steht seit 1989 im Mittelpunkt der internationalen Hilfsmaßnahmen im südlichen Sudan. Die Szenen von Justin Quayles Ankunft in Lokichoggio wurden neben ein paar Luftansichten der Grenze Kenias zum Sudan, sowie dem Abwurf von Nahrungspaketen aus einer Hercules Maschine gedreht.

?Afrika wird dauerhaft in mir leben, weil ich damit eine Reihe verschiedenster Erinnerungen verbinde?, sagt Fernando Meirelles. ?Da wären zunächst diese fantastische Landschaft und die wunderbaren Menschen, die uns mit offenen Armen willkommen hießen. Es ist ein wunderschönes Land. Aber ich kann und werde auch nie die Probleme vergessen, die den Kontinent plagen. Sie sind viel größer, als ich es erwartet hatte. Wir redeten darüber am Drehort.

Wenn ein Brite sagt, ein Land sei arm, dann ist das eine Sache. Wenn ein Brasilianer, wie ich es bin, dasselbe sagt, dann bedeutet das etwas anderes. Wie sieht es mit der Zukunft aus? Wenn ich daran denke, dass jeder sechste Kenianer HIV-positiv ist und nicht nur AIDS, sondern auch Hepatitis, Tuberkulose und alle möglichen anderen Krankheiten Afrika in die Knie zwingen, dann hat man einfach nur Angst. Es ist schwer, Hoffnung für die Zukunft zu haben. Und doch dürfen wir sie niemals aufgeben.?

Die Zukunft Jüngste Entwicklungen geben Anlass zur Hoffnung ? und Sorge.

Die Food and Drug Administration hat dem ersten generischen Dreifach-Therapie-AIDS-Cocktail zugestimmt. Damit wird ermöglicht, dass die Dollars amerikanischer Steuerzahler benutzt werden, um billigere Medizin in armen Ländern einzusetzen. Die von den gebilligten Firmen hergestellte Medizin ist drei Mal so preiswert wie die vergleichbaren Rezepturen bekannter Namen.

Wohltätigkeitsorganisationen und arme Länder können mit den Geldern der Bush-Administration also zwei bis dreimal so viele Medikamente beziehen. Das Ziel der Vereinigten Staaten ist es, bis 2008 zwei Millionen Patienten international zu behandeln, sagte Randall L. Tobias, der die 15 Milliarden Dollar verwaltete, die Präsident Bush vor zwei Jahren für den Kampf gegen AIDS bereit stellte.

Die Vereinigten Staaten spenden bis zu einem Drittel des weltweiten Budgets für den Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria, das für jedes von der Weltgesundheitsorganisation genehmigte Medikament ausgegeben werden kann. Der Großteil des restlichen Geldes aus Tobias? Büro geht an den President?s Emergency Plan for AIDS Relief, der 13 afrikanischen Ländern, Haiti, Guyana und Vietnam zu Gute kommt und nur für von der F.D.A. bewilligten Medikamenten benutzt werden darf.

Die in dieser Woche geleistete Bewilligung der F.D.A. gilt nur für den Einsatz in Ländern außerhalb der USA ? im Grunde nur für arme Länder, da die Medikamente in Europa, Japan und anderen reichen Märkten hergestellt werden ... - Donald G. McNeil Jr., ?A Path to Cheaper AIDS Drugs for Poor Nations,? The New York Times, 26. Januar 2005

Die Anzahl von AIDS-Patienten, die eine lebensrettende Behandlung mit Medikamenten in armen Ländern oder Ländern mit mittleren Einkommen erhalten, ist in den letzten sechs Monaten um 60 Prozent gewachsen, gab die Weltgesundheitsorganisation am Mittwoch bekannt. Der Grund dafür ist der gewaltige Anstieg an internationalen Hilfsmitteln und eine wachsende Entschlossenheit der Regierungen, die Pandemie einzudämmen.

Dennoch: Die anti-retrovirale Behandlung erreicht nur jeden Achten in den hilfsbedürftigen Ländern. Das heißt, dass 5,1 Millionen Menschen ohne Behandlung bleiben. Im letzten Jahr starben drei Millionen Menschen an der Krankheit, drei Viertel davon in den schwarzafrikanischen Ländern. Jeder Sechste, der an AIDS stirbt, ist unter 15 Jahre alt ? mehr als eine halbe Million Menschen im Jahr, führt der Bericht der WHO weiter aus.

Die Vereinigten Staaten gaben für den Kampf gegen AIDS, vornehmlich in Afrika, im letzten Jahr 2,4 Milliarden Dollar aus. Für das laufende Jahr hat der Kongress 2,9 Milliarden Dollar bewilligt. - Sharon LaFraniere, ?Poor Lands Treating Far More AIDS Patients,? The New York Times, 27. Januar 2005

Das Eingeständnis des kenianischen Gesundheitsministeriums, dass es ihm nicht gelungen sei, 54 Millionen Dollar, die für den Kampf gegen HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose bestimmt waren, zu verteilen, kam nur einen Tag nach der Aussage des U.S.-Botschafters, dass die Verzögerung effektiv ?einem Todesurteil? gleichkomme.

Richard Abura, ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, gab die Schuld an der Verzögerung den Bedingungen, die dem Land von der Weltbank und dem International Monetary Fund auferlegt worden seien. Zu diesen Bedingungen gehören, dass eine Agentur unter Vertrag genommen wurde mußs, um die Verteilung des Gelds zu überwachen, und das Anstellen von 78 Buchhaltern zur Verwaltung des Geldes.

Er sagte, dass die Regierung neun Monate lang darum gekämpft hätte, die Bedingungen zu erfüllen, und dass die Buchhalter nun am vergangenen Mittwoch angestellt worden seien ... - Smita P. Nordwall, ?Kenya fails to distribute aid funds,? USA Today, 3. Februar 2005

Milliarden von Dollar werden nötig sein, um die Verbreitung von AIDS in Afrika zurückzudrängen. Mittlerweile ist es allerdings nicht mehr so wichtig, wie viel Geld dafür zur Verfügung steht, sondern wie und in welchem Kontext es ausgegeben wird, besagt ein gestern veröffentlichter Bericht des United Nations AIDS Program.

Mittlerweile sind geschätzte 25,4 Millionen Menschen in Afrika infiziert. Der Bericht kann online unter www.unaids.org abgerufen werden. - Lawrence K. Altman, ?A U.N. Report Takes a Hard Look at Fighting AIDS in Africa,? The New York Times 5. März 2005

Kenia scheint nicht in der Lage zu sein, dem Potenzial seines reichen Farmlandes und der atemberaubend schönen Täler gerecht zu werden... 56 Prozent der Bevölkerung lebt mittlerweile unter der Armutsgrenze... Aber weit entfernt vom Lärm, der Verschmutzung und öffentlichen wie privaten Betrügereien in Nairobi, ist das Dörfchen Sauri, das quasi direkt am Äquator liegt, ein Beispiel dafür, wie man es besser machen kann.

Es ist einer von zwei Testfällen des ambitionierten Programms der Vereinten Nationen, die Armut bis 2015 zu halbieren ... Der Plan der Vereinten Nationen, dem der Wirtschaftsexperte Jeffrey Sachs vorsteht, will dieses Programm zunächst auf den kompletten Distrikt und schließlich auf ganz Afrika ausweiten. Aber das wird nur dann passieren können, wenn die reichen Länder ihr Versprechen einhalten, die Auslandshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent anzuheben.

Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben Zeitpläne erstellt, um die Maßgabe umsetzen zu können. Die Vereinigten Staaten, das reichste Land der Welt, hat das noch nicht geleistet. - Editorial, The New York Times, 5. Mai 2005

Die Initiative der Produktion, den Gemeinden, die den Filmdreh willkommen hießen, etwas zurückzugeben, wird auch nach Ende des Drehs fortgesetzt. Simon Channing Williams hat diesbezüglich eine wohltätige Stiftung ins Leben gerufen.

Er sagt: ?Es geht nicht darum, eine Wohltätigkeitsorganisation mit hohen Kosten und neuen tollen Autos zu unterstützen. Unsere Absicht ist es, die Gegenden, die uns geholfen haben, sowie ein paar spezifische andere, direkt zu unterstützen. Gegenwärtig konzentrieren wir uns auf Kibera, Loiyangalani und den El-Molo-Stamm ? aber auch auf AIDS-Waisen und die Straßenkinder von Nairobi.

Zudem suchen wir Programme, die sich um die Hilfe von Kindern ungeachtet ihrer Konfession bemühen, die Wasserprogramme für die Gegenden, in denen wir gedreht haben, aufstellen, und die die Darstellenden Künste unterstützen. Warum all das, werden Sie fragen. Die Antwort ist einfach: So viele Menschen haben uns gesagt, wie wichtig Film sein kann, um Verständnis auf allen Ebenen zu erzeugen. Nick Reding hat mit seiner SAFE-Gruppe bereits bewiesen, wie man mit dem Theater einen Unterschied machen kann. Und jetzt, jetzt ist Film an der Reihe.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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