Die Geisha

Produktionsnotizen

Schmetterlinge der Nacht Geishas haben die Menschen nicht nur in Japan, sondern in aller Welt seit je fasziniert. Seit Jahrhunderten schon verlassen sie ihre Wohnungen in der Dämmerung, um wie Schmetterlinge aus dem Kokon zu schlüpfen und nachts in den Teehäusern aufzutreten. Abendgesellschaften gehören in Japan traditionell zum Geschäftsleben dazu, und der Gastgeber sonnt sich im Glanz der Geishas, weil er damit demonstriert, dass er sich die berühmten Gesellschaftsdamen leisten kann.

Die Geisha ist weder Ehefrau noch Prostituierte, sondern eine Künstlerin, die ihren Lebensunterhalt mit der Unterhaltung mächtiger Männer verdient. Das japanische Wort ?gei? bedeutet ?Kunst?. Die Geisha ist ausgebildete Tänzerin, Sängerin und Musikerin, und sie beherrscht die Kunst geschliffener Konversation. Sie lacht über die Witze ihrer Kunden ? und würde sie nie kompromittieren.

Schon mit der einfachen Bewegung ihres Fächers kann sie eine dramatische Situation beschwören. Diese erlesene Bildung ist das Resultat jahrelanger Mühen und harter Disziplin. Doch eingeschnürt unter den Stoffbahnen ihres Kimonos und der neutralen Maske ihres Make-ups, steckt eine Frau aus Fleisch und Blut ? mit eigener Persönlichkeit, mit Enttäuschungen und Träumen. Niemand vermag die Geheimnisse ihres Herzens zu ergründen.

Die Geisha-Viertel, wie Arthur Golden sie so lebendig in seinem Roman beschreibt, gibt es nach wie vor, und echte Geishas stehen den Kunden in eleganten alten Teehäusern weiterhin zur Verfügung. Kleidung, Haartracht und Darbietungen haben sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Wer heute Geisha wird, fühlt sich durch die traditionellen Künste angezogen und übt diesen Beruf meist nur ein paar Jahre aus. Früher bestimmten die berühmtesten Geishas die japanische Mode ? sie waren die Supermodels ihrer Zeit, bis man auch in Japan eher den westlichen Stil als ?modern? zu definieren begann.

?Memoirs of a Geisha? (Die Geisha) beginnt 1929, als sich die goldene Ära der Geishas ihrem Ende zuneigte. Die Geschichte erzählt vom Niedergang einer Epoche und spielt in einem fiktiven Hanamachi oder Geisha-Viertel. Als Sayuri (Ziyi Zhang) diese verborgene Welt kennen lernt, macht man ihr klar, dass sie weder über ihr Schicksal noch über ihre Liebe selbst bestimmen darf.

Unterwiesen wird sie von der legendären Geisha Mameha (Michelle Yeoh), die genau weiß, dass es in der engen Beziehung zu einem Stammgast oder Danna bestimmte Grenzen gibt. Deshalb bringt sie Sayuri bei, ihre Gefühle stets im Griff zu behalten. Im Gegensatz zu ihrer trotzigen Rivalin Hatsumomo (Gong Li) weiß Mameha, dass keine wahre Geisha es sich leisten kann, ihrer Leidenschaft für einen Mann nachzugeben.

Dennoch kann Sayuri niemals vergessen, wie sie als Kind einmal unerwartet liebenswürdig und gütig behandelt wurde. Diese Erinnerung erscheint ihr wie eine Fata Morgana, gibt ihr aber Halt in den Jahren schwerer Prüfungen. Rückblickend erinnert sie sich an ?ein kleines Mädchen, das viel mehr Mut aufbrachte, als ihr selbst bewusst war?. Und sie fasst zusammen: ?Hier geht es nicht um die Memoiren einer Kaiserin oder Königin. Diese Memoiren sind von anderer Art.?

Passt wie angegossen Als Ziyi Zhang Arthur Goldens Roman ?Die Geisha? las, ging es ihr wie den meisten anderen: ?Ich konnte es nicht fassen, dass ein Mann diese Lebensgeschichte einer Frau geschrieben hatte?, sagt die Schauspielerin. ?Ich fand es unglaublich, dass ein Amerikaner derart detailgetreu über eine wenig bekannte japanische Subkultur schrieb.?

Regisseur Rob Marshall begeisterte sich einerseits für die in der Geschichte aufgeblätterte exotische Welt, war aber auch fasziniert von dem zeitlosen Schicksal der kleinen Waisen Chiyo, die harte Zeiten durchmacht, bevor sie durch Zufall ein neues Leben beginnt und letztlich triumphiert.

?Die Story spielt zwar in einer ganz speziellen Welt, aber es geht hier vor allem um eine Frau, die sich gegen jede Chance zu behaupten versteht. Und das können Leser in allen Kulturen würdigen?, sagt Marshall. ?Mich hat es stark berührt, wie diese kleine Chiyo durchhält, nachdem sie ihrer Familie entrissen und als Sklavin verkauft worden ist, um schließlich die Liebe ihres Lebens zu erleben. Vor allem, weil ihr diese Liebe versagt bleibt.?

Hoffnung und Beharrlichkeit ? diese Themen der Geschichte inspirierten auch die Produzenten Douglas Wick und Lucy Fisher, die den Roman mit ihrer Firma Red Wagon Entertainment verfilmen wollten: ?Es geht um den Triumph einer Heldin in einer seltsam ornamentalen Welt?, sagt Wick. ?Keine Frage: Das mußsten wir einfach auf die Leinwand bringen.?

Wick hat als Produzent von ?Gladiator? (Gladiator) den Oscar gewonnen. Kurz nach Erscheinen von ?Die Geisha? sicherte er sich die Filmrechte und schickte dann ein Buchexemplar an Amy Pascal, die Chefin von Columbia Pictures (die damals die Produktionsabteilung leitete). Lucy Fisher war zu dem Zeitpunkt Vizevorsitzende der Columbia Tristar Motion Picture Group ? sie sagt: ?Ich war so hingerissen, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Wir alle waren vom Filmpotential des Stoffs in Bezug auf Figuren und optisches Umfeld völlig begeistert.?

Zu den großen Stärken des Buches gehört, wie genau Sayuri ihre neue Umgebung analysiert ? eine Welt, die sie sich (genau wie die Leser) bisher überhaupt nicht vorstellen konnte. ?Uns war durchaus bewusst, wie schwierig es sein würde, ihren inneren Monolog auf die Leinwand zu übersetzen?, sagt Fisher.

?Aber wir sahen darin gleichzeitig eine große Chance. Wir erzählen die Erinnerungen einer Frau, deren Leben im Alter von neun Jahren völlig auf den Kopf gestellt wird. Viele Ereignisse erleben wir zunächst mit den Augen eines Kindes ? was uns die Freiheit gibt, die Geschichte eher als Fabel zu erzählen.? Fisher hatte schon bei vielen Filmen mit Steven Spielberg zusammengearbeitet und war überzeugt, dass auch er sich für den Roman begeistern würde: Bald darauf unterschrieb er tatsächlich seinen Vertrag als Regisseur, und die Vorbereitungsphase begann.

?Was die Kultur betrifft, hat mich kaum eine Geschichte jemals derart fasziniert?, sagt Spielberg. ?Ich fand die Lovestory sehr bewegend, aber auch die Rivalität zwischen Sayuri und Hatsumomo und natürlich die Freundschaft zwischen dem Vorsitzenden und Nobu, die auf eine harte Probe gestellt wird. Ich bin überzeugt, dass sich das Publikum in aller Welt mitreißen lassen wird, denn diese historische Legende steht ja nicht nur für die Geschichte Japans, sondern geht die Menschen in allen Ländern an. Mir persönlich bedeutet sie jedenfalls sehr viel.?

Nachdem das Projekt jedoch mehrfach kurz vor Produktionsstart unterbrochen werden mußste, wurde klar, dass diese aufwändige Produktion einfach nicht in Spielbergs Terminkalender passte. Er trat also zurück und blieb als Produzent weiterhin an Bord. Dutzende von Kandidaten bemühten sich daraufhin, Spielbergs Nachfolger im Regiestuhl zu werden ? also begannen Wick und Fisher mit ihrer Auswahl eines geeigneten Filmemachers.

Impressionen einer Epoche Sobald Fisher und Wick eine Voraufführung von ?Chicago? gesehen hatten, war ihre Entscheidung gefallen. Rob Marshall präsentierte in seinem Regiedebüt die wagemutig moderne Version einer vergangenen Epoche und begeisterte Kritiker und Publikum gleichermaßen. Der Film gewann eine Reihe wichtiger Preise, darunter den Oscar als Bester Film und fünf weitere Oscars.

Marshall selbst wurde als Regisseur für den Oscar nominiert und mit dem Preis der Directors Guild (Gewerkschaft der Regisseure) ausgezeichnet. Als Fisher und Wick sich dann erstmals mit Marshall zusammensetzten, um seine Vorstellungen von ihrem Projekt zu hören, war das ?einfach mitreißend?, sagt Wick.

?Es ist immer sehr schwierig, ein bekanntes Kunstwerk in ein anderes Medium zu übersetzen, aber Rob wusste bereits ganz genau, welchem roten Faden er durch den Roman folgen wollte: Der Look, die Atmosphäre des Films, soll verdeutlichen, dass die Geschichte viele Jahre später aus Sayuris Erinnerung rekapituliert wird. Rob will Impressionen einer Epoche zeigen, aber nicht, indem er diese Ära 1:1 rekonstruiert, sondern als subjektive Erlebniswelt aus Sicht einer jungen Frau.

Wir sahen den Film quasi schon vor uns, während er davon erzählte. Selbstsicher brachte Rob auch seine eigene Ästhetik mit in das Konzept ein ? genau wie er es bei seiner innovativen Umsetzung von ,Chicago? getan hatte. Er will das Publikum jenes große Staunen spüren lassen, mit dem Sayuri die Geisha-Welt entdeckt.?

Autor Arthur Golden zeigte sich ähnlich begeistert, als er erfuhr, dass Marshall die Regie übernahm. ?Ich war total verknallt in ,Chicago??, sagt er. ?Ich mochte das Theaterstück immer schon, und diese Version übertraf einfach alles bisher Dagewesene. Also war ich ganz aus dem Häuschen, als ich hörte, dass Rob Interesse bekundete, meinen Roman zu verfilmen!? Zunächst las Marshall den Roman noch einmal ganz genau: ?Ich mußste die Reise noch einmal ganz von vorn anfangen und mich von meinen Eindrücken leiten lassen.?

Der Regisseur war sich völlig darüber im Klaren, dass er keine Geisha-Dokumentation drehen würde: ?Weil die dramatische Geschichte dieser Figuren all die Verlockungen und die Exotik ihrer Welt beinhaltet, können wir damit etwas Einzigartiges, Überwältigendes schaffen. Doch wenn es im Sinne meines Konzepts nötig sein sollte, dann wollte ich durchaus von der Tradition abweichen ? Voraussetzung dafür war jedoch, dass ich die Realität dieser Tradition zunächst voll und ganz verstehen lernte.?

Bald darauf kam Robin Swicord (?Little Women?/Betty und ihre Schwestern; ?Matilda?/Matilda) als Drehbuchautorin an Bord. Während der Arbeit am Skript hielten Marshall und die Produzenten regelmäßig Kontakt mit Golden. ?Rob versprach mir gleich zu Beginn: ,Ich will einen Film machen, der dir gefällt??, erinnert sich Golden. ?Viele Stunden lang diskutierten wir über die Struktur der Geschichte und die nötigen Anpassungen an das Filmmedium. Er schickte mir dann jede Fassung des Drehbuchs.?

Anschließend holte Marshall die entscheidenden Mitarbeiter seines Produktionsteams zusammen und reiste mit ihnen nach Japan. ?Zwar wollte ich Sayuris Geschichte als Impression einer Epoche erzählen ? aber zunächst mußste ich bis ins Detail begreifen, wie es damals wirklich zuging?, erklärt der Regisseur. ?Wir waren uns alle einig, dass wir uns zunächst völlig in Sayuris Welt zurechtfinden mußsten. Also reisten wir nach Kyoto, um Erfahrungen vor Ort zu sammeln.?

Die zehn Mitarbeiter besuchten Museen und Tempel, eine Kimono-Fabrik, einen Sumo-Kampf, fuhren Rikscha, gingen an der Küste der japanischen See auf Motivsuche, nahmen an Tanzveranstaltungen im Rahmen des Frühlingsfestes teil und sahen zu, wie eine Geisha-Azubi (Maiko) sich schminkte und ihr Gewand anlegte. Marshall und der Co-Produzent und Choreograf des Films, John DeLuca, durften hinter der Bühne den legendären Schauspieler-Tänzer Tamasaburo Bando bei der Vorbereitung auf einen Kabuki-Auftritt beobachten. Außerdem arrangierten die japanischen Gastgeber einen Abend mit Geisha-Auftritten im exklusiven Ichiriki-Teehaus.

Ganz entscheidend für die Filmemacher war das Erlebnis der Atmosphäre in Gion und anderen Hanamachis (Geisha-Vierteln). ?Dion (Beebe, der Kameramann), Rob und ich ließen uns treiben und machten Fotos?, sagt der Oscar-preisgekrönte Produktionsdesigner John Myhre. ?Als wir dann die Häuser für unsere Sets bauten, schauten wir uns die Fotos an: ,Das Dach dort würde doch wunderbar zu jenem Fenstertyp passen, und dazu passt dann wieder diese Art Tür.??

Zwar suchten die Filmemacher auf der Reise eine Reihe geeigneter Drehorte aus, aber Marshall, Myhre, Beebe und Executive Producer Patricia Whitcher erkannten bald, dass sie nicht den gesamten Film in Japan drehen konnten. ?Als wir hochrechneten, wie viele Straßenszenen wir drehen würden, war völlig klar, dass wir eine lebendige Stadt nicht so lange lahm legen konnten?, erklärt Whitcher. ?Die Rekonstruktion der damaligen Zeit hätte vor Ort zu lange gedauert.?

Außerdem haben sich die japanischen Hanamachis, die Geisha-Viertel, seit der Handlungszeit des Films stark verändert. ?Selbst in den wunderschönen alten Städten fanden wir kein Geschäftsviertel, in dem nicht auch moderne Elemente Einzug gehalten haben?, sagt Marshall. Dennoch kam die Gruppe aufgrund der gemeinsamen Erlebnisse höchst inspiriert zurück, denn in den folgenden Monaten konnten sie sich ständig auf die kollektiven Erfahrungen berufen.

Auf der Suche nach Sayuri Viele Schauspielerinnen träumten davon, die Geisha Sayuri darzustellen ? allerdings stellt die Rolle sehr hohe Anforderungen: Die Darstellerin sollte nicht nur die betörende erwachsene Sayuri spielen, sondern auch das jugendliche Hausmädchen Chiyo. ?Wir erleben mit, wie Chiyo aufblüht, vom Mädchen zur Frau wird, vom Dienstmädchen zum Superstar aufsteigt, und wir wollten das nicht von zwei Darstellerinnen spielen lassen?, betont Marshall.

?Unsere Hauptdarstellerin mußs also die 15-Jährige ebenso überzeugend spielen wie die 30-Jährige. Daneben mußs sie als Schauspielerin Charisma mitbringen und Englisch beherrschen. Außerdem erwarteten wir, dass sie hervorragend tanzen kann, weil der Tanz in der Welt der Geishas eine entscheidende Rolle spielt und in Sayuris persönlicher Entwicklung eine Schlüsselrolle einnimmt.?

Nach Zhangs unvergesslichem Auftritt in Ang Lees Oscar-Kandidaten ?Crouching Tiger, Hidden Dragon? (Tiger & Dragon), der ihr den Independent Spirit und den Nebendarsteller-Preis der Filmkritiker von Toronto einbrachte, war sie in ?House of Flying Daggers? (House of Flying Daggers) und Zhang Yimous Oscar-Kandidaten ?Hero? (Hero) zu sehen. Mit ?House of Flying Daggers? wurde sie für den Darstellerpreis der British Film Academy (BAFTA) nominiert.

Und 2005 zeichneten sie die Filmkritiker in Hongkong für ihre Leistung in Wong Kar-wais gefeiertem ?2046? (2046) als Beste Darstellerin aus. Als Sängerin und Tänzerin tritt Zhang im neuesten Film des 82-jährigen japanischen Regisseurs Seijun Suzuki auf: ?Raccoon Palace?.

Die eminent wichtigen Rollen der Mameha (Sayuris Ausbilderin) und Hatsumomo (Sayuris Erzfeindin) übernahmen zwei Superstars des asiatischen Kinos: Glamour-Heroine Michelle Yeoh, die neben Zhang bereits in dem beliebten ?Tiger & Dragon? zu sehen war, und die legendäre Gong Li.

Gong war in ?2046? ebenfalls dabei ? jetzt gibt sie als Sayuris Rivalin ihr Debüt in einem großen amerikanischen Film. Ihre Filmografie weist eine Reihe erstaunlicher Leistungen in den Werken von Zhang Yimou auf: ?Ju Dou? (Judou), ?Red Sorghum? (Das rote Kornfeld), ?Raise the Red Lantern? (Rote Laterne) und ?Shanghai Triad? (Shanghai Serenade). Mit ?Judou? und ?Rote Laterne? wurden erstmals chinesische Filme für den Oscar nominiert.

Mit Zhang Yimous ?The Story of Qiu Ju? (Die Geschichte der Qiu-Ju) gewann Gong in Venedig den Preis als Beste Darstellerin und in China den Goldenen Hahn. Weitere Rollen spielte sie in ?The Emperor and the Assassin? (Der Kaiser und sein Attentäter), ?Temptress Moon? (Verführerischer Mond) und ?Farewell My Concubine? (Lebewohl meine Konkubine).

Yeoh war Zhangs Partnerin (und Sparringspartnerin) in ?Tiger & Dragon? ? diesmal übernimmt sie die Rolle der eleganten und erfahrenen Geisha, die Sayuri anleitet. Mit ?Tiger & Dragon? wurde Yeoh in Taipei für den Darstellerpreis Goldenes Pferd nominiert, außerdem für den Filmpreis von Hongkong und den BAFTA-Preis. International kennt man sie außerdem als Hauptdarstellerin in dem James-Bond-Film ?Tomorrow Never Dies? (Der MORGEN stirbt nie).

dass sowohl Zhang als auch Yeoh ausgebildete Tänzerinnen sind, erwies sich für ?Die Geisha? als großer Vorteil ? so konnte John DeLuca problemlos auch sehr komplizierte Choreografien für die beiden entwerfen. Besondere Bedeutung hat das für die Schlüsselsequenz des Films. ?Die Rolle der Sayuri wäre für eine nicht ausgebildete Tänzerin einfach zu kompliziert?, sagt Marshall. ?Denn die Tanzausbildung ist in jeder Bewegung einer Geisha spürbar ? Ziyi und Michelle sind also ganz nahtlos in ihre Rollen geschlüpft.?

Marshall wusste auch sehr genau, welche Probleme auf die Schauspielerin zukommen, die die wunderschöne, aber verschlagene Hatsumomo spielen würde: ?Es lag nahe, sie als eindimensionale Schurkin darzustellen ? aber so leicht machen wir es ihr nicht. Gong Li verleiht ihr alle drei Dimensionen: Sie ist so voller Traurigkeit, so verletzlich, dass sie uns als Hatsumomo einfach mitreißt.?

Fünf Schlüsselrollen des Films wurden mit japanischen Spitzendarstellern besetzt: Ken Watanabe wurde als Krieger Katsumoto in ?The Last Samurai? (Last Samurai) für den Oscar nominiert ? diesmal ist er der Dreh- und Angelpunkt des Films, um den die anderen Figuren kreisen: jener Vorsitzende, in den Sayuri sich verliebt. Aktuell war Watanabe in dem begeistert aufgenommenen ?Batman Begins? (Batman Begins) und in der japanischen Produktion ?Kita no zeronen? zu sehen. Von seinen zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen sei auch noch die beliebte Komödie ?Tampopo? (Tampopo) genannt.

Koji Yakusho war in Japan schon lange ein etablierter Star, als das westliche Publikum ihn im Originalfilm ?Shall We Dance?? (Shall We Dance?) kennen lernte. Diesmal spielt er den Mann, der Sayuris Gönner werden möchte. Yakushos internationales Renommee stützt sich auf berühmte Filme wie ?Unagi? (Der Aal) und ?Warm Water under a Red Bridge? (Wasserspiele). Als Hauptdarsteller hat er bereits neunmal den japanischen Filmpreis gewonnen. Demnächst ist er in Alejandro González Iñárritus ?Babel? zu sehen.

Auch Kaori Momoi ist in Japan sehr beliebt ? sie übernimmt die Rolle der Mutter. 1971 gab sie ihr Filmdebüt in Kon Ichikawas ?Ai Futatabi?. Seitdem ist sie in über 40 Filmen aufgetreten und hat mit japanischen Regielegenden wie Akira Kurosawa und Shohei Imamura gearbeitet.

Youki Kudoh war in einer Hauptrolle des amerikanischen Films ?Snow Falling on Cedars? (Schnee, der auf Zedern fällt) zu sehen. In ?Die Geisha? spielt sie das ?Kürbisköpfchen?. 1991 wurde sie mit ?War and Youth? als Hauptdarstellerin für den japanischen Filmpreis nominiert. Und die japanischen Kritiker zeichneten sie für ?Picture Bride? (Das Geheimnis der Braut) als internationale Schauspielerin des Jahres aus. Mit Jim Jarmuschs ?Mystery Train? (Mystery Train) war sie für den Independent Spirit Award nominiert.

Als Protegé von Ken Watanabe erhielt die kleine Suzuka Ohgo ebenfalls eine Hauptrolle: Nachdem sie in ?Kita no zeronen? neben Watanabe ihr Filmdebüt gegeben hat, spielt sie nun die Chiyo, das Mädchen, das vom Schicksal ausersehen ist, Sayuri zu werden.

Dreharbeiten Die Dreharbeiten zu ?Die Geisha? begannen im Herbst 2004 auf dem Studiogelände von Sony Pictures in Culver City: Ken Watanabe sprach den traditionellen japanischen Segen. Die letzte Klappe fiel dann in der Präfektur Shizuoka in Japan. Die ersten Szenen entstanden in der Nitta-Okiya, dem fiktiven Geisha-Haushalt, der den Hauptschauplatz des Films bildet (Nitta ist der Familienname).

Die kleine, ängstliche und erschöpfte Chiyo (Suzuka Ohgo) wird von dem kaltherzigen Herrn Bekku (Thomas Ikeda) an der Tür der Okiya abgegeben. Die Tante (Tsai Chin) führt sie durchs Haus, damit Mutter (Kaori Momoi) sie in Augenschein nehmen kann ? so beginnt Chiyos neues Leben weit abseits von Heim und Familie.

Marshall und sein Team schufen jedes Detail dieser exotischen Welt in drei Studiohallen in Los Angeles und bauten auf einem riesigen Ranchgelände in Ventura County/Kalifornien auch ein komplettes Geisha-Viertel im Stil jener Zeit nach: Straßen im traditionellen Baustil und sogar einen sich windenden Fluss.

Neben dem streng reglementierten Leben in der Okiya inszenierte das Filmteam auch aufwändige Feiern, Tänze und Konzerte im Rahmen des Frühlingsfestes, Menschenmengen im Straßenverkehr, einen Sumo-Kampf, streng förmliche Unterhaltung im Teehaus, eine wütende Auseinandersetzung zwischen Sayuri und Hatsumomo, die Besetzung des Dorfs während des Krieges und die Verwandlung des Dorfs nach dem Krieg, um nur einiges zu nennen. Dann reiste das Team in den Norden von Kalifornien, um im Eisenbahnmuseum von Sacramento zu drehen, im Goldgräbergebiet am American River und an der rauen Steilküste des Pazifiks.

Anschließend setzte man die Dreharbeiten in Japan fort, um etliche authentische Schauplätze mit einzubeziehen, wie sie selten ? wenn überhaupt ? im Hollywood-Kino zu sehen waren. Dazu zählen der buddhistische Tempel Kiyomizu-tera, der im Jahr 778 auf Stelzen erbaut und 1633 neu errichtet wurde, sowie der buddhistische Yoshimine-tera aus dem Jahr 1029. Die spiegelglatte Wasserfläche am Shinto-Schrein Heian Jingu mitten in Kyoto ergab ein ausdrucksstarkes optisches Pendant zu Sayuris Stimmung in einer der letzten Szenen des Films.

Und das magische Fushimi Inari, wo orangefarbene Torii-Tore kilometerweit in die Berge oberhalb Kyotos führen, bildet die angemessene Kulisse für eine Verwandlungsszene mit der kleinen Chiyo. Die Energie und der Geist dieses legendären Shinto-Schreins, in dem die Pilger um Erlösung von ihrem Leiden beten, spiegeln die Hoffnung, Entschlusskraft und Freude des Mädchens an dem Tag, als es den Vorsitzenden kennen lernt.

Die letzten Szenen zu ?Die Geisha? wurden in einem abgelegenen Tee- und Mandarinenanbaugebiet bei der Stadt Kawane-cho gedreht. Star des letzten Drehtags war eine historische Dampflokomotive, die auf einer alten Brücke den Fluss Ohi überquerte. Nachdem die letzte Klappe gefallen war, versammelte sich das amerikanisch-japanische Team in einem Nudelladen/Supermarkt am Fluss, um sich aufzuwärmen und mit Regisseur Marshall anzustoßen.

Die Beherrschung der Geisha-Kunst Im Laufe ihres Lebens arbeitet eine Geisha zahllose Unterrichtsstunden lang an der Vervollkommnung ihrer Kunst, die sie als Symbol japanischer Kultur definiert. In Sayuris Zeit begannen die Tanzausbildung und das Studium des dreisaitigen Shamisen schon, lange bevor das Mädchen eine Maiko, eine Nachwuchs-Geisha, wurde. Als voll ausgebildete Geisha sind ihr die typischen Verhaltensmuster ? wie sie sich auf dem Fußboden niederlässt, wie sie sich vom Tisch erhebt, wie sie durchs Zimmer gleitet und den Sake einschenkt ? bereits zur zweiten Natur geworden.

Um seinen Schauspielerinnen diese wichtigen Voraussetzungen beizubringen, versammelte Marshall sie schon sechs Wochen vor Drehstart zur ?Geisha-Grundausbildung? in Los Angeles: intensive Proben und Unterricht unter Anleitung eines Expertenteams, das die Darstellerinnen in die Welt der Geishas einführte. ?So etwas habe ich noch nie erlebt?, sagt Gong Li, die 1987 in China mit ihrem Debüt ?Das rote Kornfeld? zum Star aufstieg. ?Wir haben jede einzelne Szene, jedes Wort geprobt.?

Bei den Proben trugen die Schauspielerinnen Kimonos, um sich an das Gewicht, das Gefühl und die Beschaffenheit der komplizierten Gewänder zu gewöhnen. In den Tanzlektionen vervollkommneten sie ihre Körpersprache als Geishas. ?Man bewegt sich im Kimono anders als in Jeans?, stellt Youki Kudoh fest, die das Kürbisköpfchen spielt. ?Man ist sehr eingeengt, mußs sich also eine ganz neue Haltung angewöhnen. Man lernt, sich elegant zu bewegen.?

Die technische Beraterin Liza Dalby hatte bereits Arthur Golden bei seinem Roman unterstützt. Nun führte sie die Darstellerinnen in die Feinheiten der Geisha-Etikette ein. Dalby ist selbst Autorin und Kulturanthropologin ? und die einzige westliche Frau, die je in Japan als Geisha gelebt und gearbeitet hat. ?Ich erinnere mich an die großen Schwierigkeiten, die ich selbst beim Lernen hatte, zum Beispiel, wie man sich im Kimono angemessen bewegt. Umso leichter fiel es mir jetzt, den Schauspielerinnen die Probleme zu erklären?, sagt sie.

Außerdem brachte sie ihnen das Shamisen-Spiel bei. ?Ich war wirklich beeindruckt: Es gelingt ihnen, ihr Spiel wirklich echt aussehen zu lassen?, sagt Dalby, die das Instrument selbst beherrscht. ?Michelle Yeoh hat tatsächlich spielen gelernt ? sie hat ein unglaublich feines Ohr.?

Yeoh fühlte sich von ihrer Lehrerin motiviert: ?Weil Mameha der Inbegriff einer Geisha ist, mußste ich einfach absolut überzeugend auftreten. Also habe ich Liza sehr lange beobachtet, denn sie hat ihr Geisha-Verhalten nie wieder abgelegt.? Wenn die Geisha ihren Kimono anlegt, ist das eine sehr aufwändige Prozedur.

Schauspieler Thomas Ikeda, der als Bekku für das Ankleiden der Geishas zuständig ist, arbeitete mit dem Kimono-Experten Yuko Tokunaga und einem Model zusammen, um das Drapieren, das Hängenlassen, die kreuzweise Stoffführung, die Windungen und andere Einzelheiten des Rituals zu studieren. Marshall verlangte von Ikeda, alle Phasen zu beherrschen, auch wenn nur Teile davon tatsächlich auf der Leinwand erscheinen. ?Rob sagte mir, dass Bekku wahrscheinlich der Sohn einer Geisha ist?, verrät Ikeda.

Sayuris Welt Es war eine große Herausforderung, das äußerst vielfältige Milieu in ?Die Geisha? auf die Leinwand zu bringen, aber das Resultat ermöglicht dem Publikum seltene Einsichten in eine verschwindende Welt. Nachdem feststand, dass die Dreharbeiten in einem echten Hanamachi zu kompliziert wären, schloss sich eine neue Motivsuche auf mehreren Kontinenten an ? doch am Ende beschlossen die Filmemacher, ein eigenes Geisha-Viertel zu bauen.

Produktionsdesigner Myhre arbeitete mit Marshall einen detaillierten Grundriss für das Dorf aus. Anschließend entstanden Bauzeichnungen für etwa 40 Gebäude, und man baute ein Miniaturmodell des Hanamachi, das mit Spielzeugautos, Rikschas und einem sich windenden Flusslauf ausgestattet wurde. Anhand des Modells konnte man viele für die Dreharbeiten nötigen Entscheidungen treffen: ?Mit einer winzigen ,Lippenstift?-Kamera haben wir mitten im Modell gefilmt ? so bekamen wir eine Vorstellung davon, wie das Dorf später aussehen würde?, sagt Myhre.

"Rob und Dion spielten ständig damit herum und planten auf diese Weise sogar eine komplizierte Kamerakran-Aufnahme.? Das Geisha-Viertel oder Hanamachi entstand auf dem weitläufigen Gelände der Pferde-Ranch Ventura Farms, etwa eine Autostunde von Los Angeles entfernt. Den Hintergrund bilden Berge, und ringsum schaut man auf grüne Täler. In 14 Wochen verwandelte sich eine Pferdeweide in fünf Häuserblocks voller winkliger Gassen mit Kopfsteinpflaster.

Bauleiter John Hoskins und sein Team steckten zunächst ein Areal von 120 mal 120 Metern ab und hoben dann in der Mitte den Flusslauf aus. Der Fluss war etwa 75 Meter lang, fast 7 Meter breit und 2,50 Meter tief, und ein Umwälzsystem sorgte für die Illusion fließenden Wassers.

Auf jeden Fall mußste das Hanamachi benutzerfreundlich gestaltet werden. ?Wir haben den Grundriss mit Pfosten und Schnüren auf dem Boden markiert, um die Dimensionen abschreiten zu können?, sagt Myhre. ?Dann haben wir die Szenen durchgespielt, um unsere Entwürfe der Handlung anpassen zu können.?

Der Set wurde aus Bambus, Zedern- und hellem Fichtenholz erbaut. Schwarzer Bambus und Zedernrinde, die es in den USA nicht gibt, importierte man aus Japan, ebenso mit Gras durchflochtene Bambuszäune. Requisiteurin Gretchen Rau, die bereits bei ?Last Samurai? Erfahrungen gesammelt hatte, kaufte in Kyoto große Mengen von Fensterläden, Schilfrohr und Matten. Um im Film den Wandel der Jahreszeiten darzustellen, gestaltete der für die Grünanlagen zuständige Danny Ondrejko von Hand vier Kirschbäume für jede Jahreszeit.

Außerdem mußste bedacht werden, wie sich das Licht mit den Jahreszeiten verändert. Der Drehort war zwar allerliebst anzusehen, aber das blasse Winterlicht in Kyoto konnte er nicht bieten ? wieder war die Kreativität der Filmemacher gefordert. Lichtveränderungen per ?Seidenfilter? vor dem Kameraobjektiv ist das übliche Verfahren.

Sehr kühn war dagegen die Idee, den riesigen Set mit einem abnehmbaren Zeltdach (auch ?Seide? genannt) zu überspannen. Scott Robinson und sein Bühnenarbeiterteam mußsten fast einen Hektar Gelände abdecken ? sie bauten die größte freistehende Konstruktion, die je für einen Filmset entstand. Die Abdeckung bestand aus 0,7 Hektar Segeltuch, aufgeteilt in sechs einzelne ?Lappen?, die man über einem Geflecht aus Kevlarfaserschnüren ausbreitete, die wiederum zwischen zwei Pfeilerkonstruktionen gespannt waren.

Die Stoffbahnen dämpften das Tageslicht ? andererseits konnte man die Nacht zum Tage machen, denn die 75 Meter lange Pfeilerkonstruktion ? von 10.000 Schrauben zusammengehalten ? war hoch genug, um daran 18 Meter hohe Condor-Scheinwerfer zu befestigen. Das Fundament der Pfeiler bildeten Wassertanks, die 4,5 Millionen Liter fassten.

?Logistik und Konstruktion erforderten eine Menge Planung?, sagt Beebe. ?Denn wir wussten, dass wir da draußen auch den Wind mit einkalkulieren mußsten, und der im Wind flatternde Stoff über uns machte Geräusche. Das alles hat nur geklappt, weil viele mutige Leute etwas Neues gewagt haben. Das war ein gewaltiger Beitrag zum Look des Films.?

Die meisten Gebäude auf den Ventura Farms dienten nur als Außensets ? die entsprechend voll eingerichteten Innensets baute man dann in den Sony-Studiohallen: Die Nitta-Okiya, das Yukimoto-Teehaus, Dr. Crabs Klinik, die öffentliche Badeanstalt und Mamehas Wohnung. Die zweigeschossige Okiya soll etwa 150 Jahre alt sein. Ein Großteil von Sayuris Geschichte spielt in diesen Räumen ? von der Ankunft der kleinen Chiyo an ihrem ersten Abend in der Stadt bis zur handfesten Auseinandersetzung zwischen Hatsumomo und Sayuri etliche Jahre später.

Viele Wände dieser Räume bestehen aus den mit Papier beklebten japanischen Türen jener Zeit, Shoji genannt. Die Ranmas, detailliertes Schnitzwerk über den Shojis, waren ebenso japanische Antiquitäten wie die meisten Einrichtungsgegenstände in der Okiya. Myhres Team trieb sogar japanische Zeitungen jener Zeit auf und stellte Duplikate für die Verwendung auf dem Set her: Mit dem Zeitungspapier werden Löcher in den Okiya-Wänden zugekleistert, wenn die Hausgemeinschaft harte Zeiten durchmacht.

Stühle waren nicht üblich ? man saß auf dem Boden. Entsprechend richtete Myhre seine Sets danach aus: Die ?Augenhöhe? war in diesem Fall ein Meter über dem Fußboden. Beebe freute sich auf die Gelegenheit, die von der Geschichte vorgegebenen Kontraste zwischen elektrischer Beleuchtung und den Öllampen auf diesem Set herauszuarbeiten.

?Rob schätzt die Atmosphäre einer verblichenen, verwitterten Umgebung, die mit einer Patina aus vielen Schichten von Tabakrauch überzogen ist?, sagt er. ?Viele Details in der Okiya haben wir mit Öllampen und offenem Feuer ausgeleuchtet. Dieses warme, flackernde Licht trägt viel zu der geheimnisvollen, tiefgründigen Atmosphäre bei.?

Acht Meter Stoff Sayuris Lebensweg wird oft mit einem Fluss verglichen, und ihre besondere Liebe für das Wasser bildet ein ständig wiederkehrendes Motiv im Film. ?Auf fast allen ihren Kimonos sind Wassermotive zu finden?, sagt die Oscar-preisgekrönte Kostümbildnerin Colleen Atwood. ?Den schönsten trägt sie am Schluss ? er wirkt durchsichtig blaugrau und zeigt einen Wasserfall, der vom Obi bis zum Saum herabrauscht.?

Marshall entschied sich, Sayuris Geschichte so zu erzählen, als ob wir den Film durch das Prisma ihrer Erinnerung erlebten: Es sind die lange unterdrückten Impressionen einer vergangenen Welt. Diese verklärte Atmosphäre sollte auch im Aussehen der Hauptfiguren spürbar sein. ?Sie berichtet von ihrer Jugendzeit, von den dramatischsten Ereignissen ihres Lebens?, sagt er. ?Deshalb sollen die Hauptfiguren so aussehen, wie Sayuri sie erlebte ? überlebensgroß.?

Die von Gong Li gespielte Hatsumomo trägt viel auffälligere Farben und Muster als eine tatsächliche Geisha. Sogar ihre Ärmellänge entspricht nicht dem Reglement. ?Hatsumomo legt großen Wert auf modische Kleidung?, sagt Atwood. ?Ich will damit sagen, dass sie die Mode nicht trägt, sondern selbst kreiert. Sie stellt ihre trotzige Haltung durch ihre Kimonos zur Schau.

Die 1930er Jahre stellen eine Blütezeit in der Geisha-Tradition dar ? die Hauptfiguren besitzen also viele Kimonos. Das Gewand ist eigentlich recht einfach ? nur acht Meter Stoff ?, der besondere Wert entsteht dann erst durch die vielfältigen Techniken, die in ihn einfließen. Ein wirklich wertvoller Kimono war handbemalt, man verwendete die sehr spezielle Färbetechnik Shibori, und der Obi war von Hand gewebt, zugeschnitten und bestickt. In Japan dauert die Anfertigung ein ganzes Jahr.?

Neben ihren Entwürfen für die kostbaren Kimonos der Hauptdarstellerinnen kleidete Atwood auch Hunderte von anderen Darstellern ein: die Landbevölkerung eines Fischerdorfs, die Bewohner eines geschäftigen Hanamachi, eine aristokratische Festgesellschaft in westlicher Kleidung, japanische Soldaten und verzweifelte Kriegsflüchtlinge, aber auch die Bevölkerung im Nachkriegs-Hanamachi.

?Mir kam es vor, als ob wir jeden Tag eine Massenszene drehten, die mit dem Vortag überhaupt nichts zu tun hatte?, sagt sie. Atwoods Abteilung fertigte über 250 handgearbeitete Kostüme an ? in ihrer Schneiderei in Culver City war eine Rumpfmannschaft von etwa 30 Mitarbeitern im Einsatz. Kimonos mußsten für alle sozialen Gruppierungen und jede Jahreszeit genäht werden. In der Frauenabteilung entstanden sogar Geisha-Unterkleidung und ihre weißen Tabi-Baumwollsocken, die seitlich geschnürt werden und den großen Zeh von den übrigen trennen.

Während Atwood sich beim Design für die Hauptfiguren gewisse Freiheiten erlaubte, so betraf das nicht die Kostüme für die Hunderten von kleineren Rollen und Statisten. ?Ich legte großen Wert darauf, die damalige Epoche genau zu studieren?, betont Atwood. ?Ich habe im Modeinstitut in Tokyo recherchiert und hervorragende Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit studiert, die mir unglaublich geholfen haben.?

Statisten-Kimonos borgte man sich aus der Yuya-Kollektion in Kyoto, die sich auf die japanischen Epochen Taisho (1912?1926) und Showa (1926?1990) spezialisiert hat. Hinzu kamen Quellen aus aller Welt: England, Dänemark, New York, Los Angeles. ?Sogar über eBay habe ich wunderbare alte Kimonos von einem russischen Sammler erstanden?, sagt Atwood.

Vor Ort halfen Textilexperten unter der Leitung von Matt Reitsma Atwood beim Kopieren der alten Stoffe und dem entsprechenden Verzieren neuer Materialien. Dieses Team färbte, bedruckte, bemalte und bestickte auch Sayuris blaugrauen Wasserfall-Kimono. Bei den Stoffen verwendete man unter anderem Drucktechniken, wie sie für die in Thermalbädern üblichen Roben eingesetzt werden.

Die männlichen Hauptdarsteller im Film tragen westlich geschnittene Anzüge, die in Atwoods Männerabteilung maßgeschneidert wurden: von Militäruniformen für den General und seine Adjutanten bis zu Röcken aus Bananenblättern für die Fischer im Dorf. Die Kostümbildnerin für spezielle Aufgaben, Deborah Ambrosino, gestaltete die spektakulären 20 Zentimeter hohen, schwarz lackierten Sandalen, die Sayuri bei ihrem Solo-Tanzauftritt trägt.

Die heutigen Geishas repräsentieren eher das althergebrachte als das moderne Japan, aber es gab Zeiten, in denen sie die Trendsetter ihres Landes darstellten, und Elemente ihres unverwechselbaren Stils finden sich immer wieder auch in der westlichen Mode. ?Ihr Look ist wunderschön, etwas ganz Besonderes?, sagt Atwood. ?Und den tiefen Rückenausschnitt wird die Modewelt in Kürze wieder einmal übernehmen ? davon bin ich überzeugt.?

Jedes Haar hat seinen Platz Seit Jahrhunderten wird die Erscheinung der Geisha durch blasse Haut, ebenholzschwarzes Haar und knallrote Lippen bestimmt ? diese Tradition wird in der Okiya von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Die aus Japan stammende Maskenbildnerin Noriko Watanabe hielt sich bei den Hauptdarstellerinnen an diese Prinzipien des traditionellen Geisha-Make-ups, aber gewisse Aspekte milderte sie etwas ab, um andere besonders hervorzuheben und damit ihre überwältigende Schönheit noch mehr zu betonen.

?Wer Geisha wurde, mußste erwählt werden?, stellt sie fest. ?Und erwählt wurden nur jene, die so schön und intelligent waren, dass sie fast unberührbar wurden.? Watanabe war auf die Probleme vorbereitet, die sich in Amerika bei der Verwendung der weißen Geisha-Grundschminke ergeben: ?Beschaffenheit und Zusammensetzung unterscheiden sich von jenem Basis-Make-up, das wir beim Film üblicherweise benutzen?, sagt sie. ?Die Schminke trocknet rasch, und wenn man nicht sehr schnell arbeitet, sieht man Streifen.?

Watanabe bildete schon vor Beginn der eigentlichen Vorbereitungsphase in Workshops in Los Angeles eine neue Generation von Geisha-Make-up-Experten aus. ?Innerhalb von sechs Wochen lernten wir über 100 Leute an, darunter 65 hochklassige Gewerkschaftsmitglieder.?

Das weiße Basis-Make-up wird von Geishas bei fast allen förmlichen Gelegenheiten getragen, und auch die Maikos tragen es, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Die Schminke wird auf das Gesicht, den Hals, die obere Rückenpartie und die Hände aufgetragen. Die verführerische Halspartie wird durch zwei v-förmige Aussparungen mit nackter Haut am Nacken noch intensiviert ? bei besonderen Gelegenheiten sind es drei Aussparungen.

Die für die Frisuren zuständige Lyndell Quiyou veränderte die klassischen Geisha- und Maiko-Haartrachten unauffällig. Nach eingehenden Recherchen in historischen Büchern, auf Abbildungen und Gemälden schuf sie mit ihrem Team in der Vorbereitungsphase Frisuren für die vielen Hauptfiguren, Tänzerinnen und Statisten. ?Rob gab vor: ,Stell dir die Geishas auf einem Pariser Laufsteg vor? ? und genau das haben wir gemacht?, sagt sie. ?Wir gestalteten die Formen und Konturen etwas moderner, geometrischer.?

Insgesamt erscheinen die Köpfe der Hauptdarstellerinnen eher klein ? mit Ausnahme von Hatsumomo. ?Ihre Perücke habe ich wirklich sehr, sehr hoch gestaltet?, sagt Quiyou. ?Je höher sie wurde, desto besser sah sie aus ? sie entspricht damit eher der Tradition. Auch die Statistinnen tragen eher den traditionellen Stil.? Die richtige Frisur für Sayuris Tanzsolo war eine besondere Herausforderung.

?Ich entwarf gewaltige Haartürme mit riesigen Ornamenten, bis ich mir erst einmal anschaute, was sie da eigentlich vollführen sollte?, erinnert sich Quiyou. ?Dann besorgte ich mir eine sehr lange Perücke, teilte das Haar in der Mitte, formte einen Pferdeschwanz, und wickelte ihn in Rot. Dann fügte ich lange Haarteile hinzu, um einen deutlichen Kabuki-Look zu schaffen, und ließ sie wie einen Vorhang über ihr Gesicht hängen ? ganz einfach und wunderschön.?

Die berühmteste der Geisha-Künste Im Film legt Sayuri ihr ganzes Herzblut in ihren Vorstellungstanz ? und steigt damit zum strahlenden Stern des Hanamachi auf. Tatsächlich würde eine Auszubildende zwar kaum einen Soloauftritt bekommen und ihn schon gar nicht so leidenschaftlich tanzen, aber dennoch wählte Marshall für Sayuris dramatisches Solo eine vom Kabuki beeinflusste Choreografie.

Marshall und sein Choreograf John DeLuca wussten von der großen Bedeutung des Tanzes im Leben der Geisha: ?Dieser eine Tanz soll dem Publikum Sayuris Leidenschaft und Aufruhr des Herzens demonstrieren. Wir fanden es unglaublich spannend, in Sayuris Geschichte unsere künstlerische Vision mit den wunderschönen Traditionen des japanischen Tanzes zu verbinden.?

DeLuca hatte bereits Marshalls ?Chicago? choreografiert ? jetzt leitete er auch das Tanzteam bei ?Die Geisha?. Denise Faye hatte DeLuca bei der ?Chicago?-Choreografie assistiert, und Miyako Tachibana, Ausbilderin an der Fujima Kansuma School in Los Angeles, kam als Japantanz-Expertin hinzu. Aus dieser Kombination entstand eine einzigartige, neue und moderne Mischung.

?Der japanische Tanz besteht aus klar festgelegten, subtilen und feinen Bewegungen?, sagt Tachibana. ?Rob, John und Denise übernahmen diese Grundbewegungen und fügten dann ihre eigenen Erfahrungen in Theatralik hinzu. Einfach zauberhaft.? Eine Abbildung mit 20 Zentimeter hohen lackierten Plateau-Sandalen, auf denen Kurtisanen in traditionellen Festumzügen die Parade anführten, gab DeLuca den entscheidenden Impuls für Sayuris dramatisches Solo.

Laut seiner Vorgabe ist eine trauernde Kurtisane von ihrem Liebhaber verlassen worden und will sich umbringen ? im japanischen Tanz ein beliebtes Versatzstück. ?Der erste Teil des Tanzes, den ich Ziyi beibrachte, findet auf diesen Sandalen statt, und sie hat sie ohne Zögern angezogen?, erinnert sich DeLuca. ?Sie schreckt wirklich vor nichts zurück.?

Der Tanz im winterlichen Milieu findet auf einem schmalen Laufsteg oder Hanamichi (im Gegensatz zu Hanamachi) statt, was ihm einen Kabuki-Charakter verleiht. ?Diese Idee hatte Rob?, sagt DeLuca. ?Weil der Steg so schmal ist, wird die Inszenierung mit den Scheinwerfern und dem Schnee noch schwieriger.?

Zhang stimmt ihm zu: ?Das war wirklich problematisch, und schließlich mußste ich ständig die unechten Schneeflocken schlucken. Als ich die 20 cm hohen Plateau-Schuhe sah, hielt ich sie zunächst für Requisiten. Doch dann eröffnete John mir, dass ich darauf tanzen mußste!?

?Der Tanz ist großenteils eine schauspielerische Darstellung?, fährt sie fort. ?Ein Theaterauftritt innerhalb eines Theaters. Die Musik ist sehr bewegend und passt hervorragend zur Stimmung der verschmähten Frau.? Marshall war begeistert, als er erlebte, wie engagiert sich Zhang ihrer Aufgabe stellte. ?Ich habe den Eindruck, Ziyi meistert einfach alles ? egal wie kompliziert es ist?, staunt er.

Tachibana erlebte das ähnlich: ?Auf diesen Schuhen anmutig zu erscheinen und dem Tanz spielerische Leichtigkeit zu verleihen, dabei auf das Fließen des Kimonos und die Haltung des Sonnenschirms zu achten ? das erfordert eine Menge Konzentration. Einfach überragend, wie sie das bewältigt.?

Vor Sayuris Solo gibt es einen Maiko-Tanz im Frühlingsmilieu, bei dem DeLuca als Stilelement eine Reihe von Fächern einsetzen wollte: ?Ich kombinierte riesige Fächer mit traditionellen kleinen, wobei die großen transparent sind. Auch dies ist wieder ein Ausdruck dafür, dass wir Sayuris Geschichte als Fabel erzählen ? es handelt sich nicht um eine strenge Dokumentation der Geisha-Kulur der 1930er Jahre.?

Tanz der Giganten Der entstellte Geschäftsmann Nobu wird in ?Die Geisha? von Koji Yakusho dargestellt. In seinem ersten Gespräch mit Sayuri sagt er folgenden kühnen Satz: ?Drei Dinge im Leben sind wichtig: Sumo, Business und Krieg. Wer das eine begriffen hat, kennt sie alle.?

Die Sumo-Sequenzen in ?Die Geisha? sind ein gewaltiges Spektakel, das Nobus Einschätzung dieses Sports voll gerecht wird. Das Sumo-Stadion des Films entstand in der größten Sony-Studiohalle und wurde von 800 Statisten in historischen Kostümen bevölkert. Die Sumo-Gegner des Films werden von Mainoumi und Dewaarashi gespielt, die sich in Japan als Sumo-Superstars profiliert haben. Auch der Schiedsrichter ist ein echter japanischer Sumo-Star, für die Fans eine lebende Legende ? im Ring trägt er den zeremoniellen Titel Kimura Shonosuke.

Mainoumi arbeitet heute als beliebter Sumo-Kommentator ? er ist der lebende Beweis für das Sumo-Prinzip, dass ein kleiner Mann das Gewicht eines großen Mannes geschickt ausnutzen kann. Weil er üblicherweise nur 100 Kilogramm auf die Waage brachte, mußste er meist gegen erheblich schwerere Gegner antreten. Im japanischen Profi-Sumo gibt es keine Gewichtsklassen, aber die Kämpfer müssen eine Mindestgröße haben, die Mainoumi zu Anfang seiner Karriere nicht ganz erreichte.

Dennoch gab er seinen Traum nicht auf und sorgte für die fehlenden Zentimeter mithilfe eines implantierten Silikonkissens unter der Kopfhaut. ?Mainoumi dürfte Kilo für Kilo der beste Sumo-Ringer der Welt sein?, sagt Andrew Freund, der technische Sumo-Berater des Films. ?Bei jedem Kampf trat er gegen Ringer an, die praktisch doppelt so schwer waren wie er. Es ist wirklich eine große Ehre, dass er in unserem Film mitwirkt.?

Ein Sumo-Kampf dauert normalerweise nur ein paar Sekunden ? das Ergebnis hängt von der physischen Fitness der Kontrahenten ebenso ab wie von ihrer psychischen Verfassung. ?Im Moment des Angriffs investiert man seine gesamte ,Ki? genannte Kraft?, sagt Freund. ?In diesem explosiven Moment ist einfach alles möglich.?

Besonders taktvoll Die musikalische Untermalung für Sayuris Lebensweg war eine gewaltige Aufgabe, denn der Komponist sollte nicht nur die emotionale Intimität der Geschichte unterstreichen, sondern auch ihr exotisches Milieu und den epischen Gestus. Marshall war begeistert, als der fünffache Oscar-Preisträger John Williams sich bereit erklärte, die Filmmusik zu komponieren.

?Die Chance, die Musik zu Rob Marshalls ,Die Geisha? zu schreiben, empfinde ich als großes Privileg?, sagt Williams. ?Denn ich bewundere Arthur Goldens bemerkenswertes Buch seit Jahren, und jetzt geht für mich ein Wunsch in Erfüllung, weil ich an diesem außergewöhnlichen Film mit meinen Freunden Yo-Yo Ma und Itzhak Perlman zusammenarbeiten darf.?

Williams verwendet sowohl östliche als auch westliche Instrumentierungen, bei den Aufnahmen zu ?Die Geisha? kamen Meister des Shamisen, Koto, Shakuhachi, der Taiko-Trommeln und anderer traditioneller japanischer Instrumente zum Einsatz. Bei den Aufnahmen in der Royce Hall der University of California/Los Angeles wirkten tagelang auch der legendäre Geiger Itzhak Perlman und der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma mit ? zwei Konzertmusiker, die für viele wunderbare Momente im Film sorgen. In ?Die Geisha? interpretiert Perlman mit seiner Violine den ?Walzer des Vorsitzenden?, während Ma auf seinem Cello das elegante ?Sayuri-Thema? spielt.

?In jeder Phase des Projekts erlebten wir absolut magische Augenblicke?, erinnert sich Marshall. ?Wir kamen uns vor wie auf einer Entdeckungsreise ? von den ersten Tagen unserer Recherchen über die Dreharbeiten bis hin zur Endfertigung. Begeistert war ich von den Musikaufnahmen. Ich persönlich erlebe die Zusammenarbeit mit derart hochkarätigen Künstlern als Meilenstein meiner Karriere, und ihre Beiträge verleihen dem Film eine weitere traumhafte Dimension.?

Abschließend sagt der Regisseur: ?Ich hoffe, dass wir der ,Geisha? gerecht werden. Der Film stellte uns vor knifflige Aufgaben, die Arbeit war spannend, manchmal zum Fürchten, aber immer sehr befriedigend. Wir haben uns entschlossen, die Geschichte als Fabel zu erzählen ? sie spielt in einer Welt, die ebenso verführerisch und unerreichbar ist wie Sayuri selbst.?

Geisha-Glossar Arigato gozaimasu ? ?Danke?
Danna ? männlicher Stammkunde, der für den Unterhalt einer Geisha aufkommt
Gei ? ?Kunst?
Hanamachi ? das Geisha-Viertel einer Stadt
Kaburenjô ? das Gebäude im Geisha-Viertel, in dem Schule, Theater und Standesamt untergebracht sind
Kampai ? ?Zum Wohl!?
Konnichiwa ? ?Hallo?
Maiko ? Kyoto-Ausdruck für Nachwuchs-Geisha
Miyako ? anderer Name für die alte Hauptstadt Kyoto
Obi ? dekorative Schärpe, die um den Kimono gewickelt wird
Okâsan ? Leiterin des Geisha-Haushalts, wird als ?Mutter? angeredet
Okiya ? Geisha-Haushalt
O-nêsan ? ältere Geisha-Schwester
Shamisen ? dreisaitiges Instrument, das von alters her mit dem Geisha-Milieu in Verbindung gebracht wird
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Dirk Jasper FilmLexikon

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