München

Produktionsnotizen

München Revisited: Steven Spielberg über einen entscheidenden Moment der Geschichte ?Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich heute Nacht bewahrheitet.? Mit diesen Worten, ausgesprochen am 6. September 1972, verkündete Nachrichtensprecher Jim McKay die grauenvolle Nachricht, dass die elf israelischen Athleten, Trainer und Sportfunktionäre, die von den palästinensischen Extremisten im Olympischen Dorf in München als Geiseln genommen wurden, alle tot waren ? die meisten kamen auf dem Rollfeld des Flughafens des Münchner Vorortes Fürstenfeldbruck während der missglückten Rettungsaktion der deutschen Eingreiftruppen ums Leben.

Eine Welle des Schocks machte sich weltweit breit, während anderswo bereits etliche Konflikte ausgebrochen waren. In Vietnam, Nordirland und im Nahen Osten herrschte Chaos, ganz zu schweigen von Protesten und Unruhen in den Straßen der USA und Europas ? diese Olympischen Spiele sah man eigentlich als notwendige Mahnung zum Zusammenhalt auf der Welt und als kurzfristige Oase des Friedens. Doch es sollte nicht sein.

Schon bald erfuhren die Menschen auf der ganzen Welt, dass die Männer, die mit Trainingsanzügen bekleidet und mit Kalashnikovs und Handgranaten bewaffnet in das Olympische Dorf gestürmt waren, zu den palästinensischen Feddayin gehörten, was wörtlich übersetzt ?Männer des Opfers? bedeutet. Viele von ihnen waren in Flüchtlingslagern in Jordanien, Syrien und im Libanon angeworben worden; ihr Ziel war es, die palästinensische Sache ins Licht der globalen Öffentlichkeit zu rücken und ihre Geiseln gegen 234 palästinensische Gefangene und die inhaftierten deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof auszutauschen.

Von Anfang an verweigerte die strikte israelische Regierung unter Golda Meir jedwede Verhandlungen; Deutschland stimmte nicht zu, eine israelische Spezial-Eingreiftruppe in München operieren zu lassen. Stattdessen unternahm die deutsche Polizei eine Reihe missglückter Befreiungsversuche. Alles begann vor Sonnenaufgang am 5. September und dauerte 21 Stunden ? inklusive verschiedener kurzfristig abgebrochener Pläne; daraus entstand ein chaotischer Schusswechsel, in dessen Verlauf die Geiseln, fünf der Entführer und ein deutscher Polizist starben.

Die deutsche Polizei verhaftete drei überlebende Entführer. Wochen später wurden diese drei in einem Manöver, von dem viele glaubten, dass es ein zwischen der deutschen Regierung und den Palästinensern abgekartetes Spiel gewesen sei, aus der Haft entlassen, weil die Entführer einer Lufthansa-Maschine dies so forderten. Nach dem Terroranschlag in München wurde eine Trauerfeier abgehalten und die Olympischen Spiele fortgesetzt ? trotz der düsteren, traurigen Stimmung. In den Medien und weltweit wurde der Versuch unternommen, zu einer vorgeblichen Normalität zurückzukehren.

Über die darauffolgenden Ereignisse wurde jedoch nie in den Nachrichten berichtet. Öffentlich antwortete Israel auf den Terroranschlag von München, indem die israelische Luftwaffe am 9. September die PLO-Stützpunkte in Syrien und im Libanon bombardierte. Gleichzeitig genehmigten Ministerpräsidentin Golda Meir und das geheime ?Komitee X? des israelischen Kabinetts eine Mission, über die niemals ein Wort verloren werden sollte.

Diese Mission beinhaltete eine höchst vertrauliche Undercover-Operation, die darauf abzielte, alle Terroristen, die Israel bedrohten, in Angst und Schrecken zu versetzen: elf mutmaßliche Anführer des Schwarzen September sollten eliminiert werden ? und für diesen Zweck waren alle Mittel denkbar. Das war die ?Operation Zorn Gottes?, ein noch immer sehr umstrittenes Programm zur Ermordung von Zielpersonen, durch das laut etlicher Quellen schließlich mindestens 13 Männer umgebracht wurden, ohne dass diese Morde jemals strafrechtlich verfolgt wurden.

Das von Israel geschaffene internationale Team von anonymen, hoch trainierten Auftragsmördern verfehlte seine Wirkung nicht und löste Diskussionen aus, die noch heute anhalten. Obwohl weder die israelische Regierung noch der Geheimdienst Mossad jemals offiziell die Existenz dieser Todesschwadrone zugaben, belegen doch eine Reihe von Büchern und Dokumentarfilmen anhand von Insider-Informationen die Details darüber, wie und warum die ?Operation Zorn Gottes? ihre Zielsetzungen erfüllte.

Zwei israelische Generäle haben außerdem öffentlich bestätigt, dass diese Killer-Kommandos tatsächlich existierten: General Aharon Yariv 1993 in einem BBC-Dokumentarfilm und General Zvi Zamir 2001 in einem Interview bei ?60 Minutes?. Für Produzent Barry Mendel waren die Ereignisse von München 1972 immer eine lebendige, grauenhafte Erinnerung ? und je mehr er darüber in Erfahrung brachte, desto schrecklicher wurde die Erinnerung. Aus diesem Grund entstand die Vision zu einem nachdenklich machenden Thriller über den unbekanntesten und streitbarsten Teil dieser unvergesslichen Geschichte.

Mendel erinnert sich deutlich an jenen tragischen Tag, an dem alles begann, und an das Gefühl, dass sich damals etwas für immer veränderte. ?Ich erinnere mich daran, wie Mark Spitz all diese Medaillen gewann; am nächsten Morgen sind wir aufgestanden, haben den Fernseher eingeschaltet ? und statt der Sportübertragung war da Jim McKay und berichtete, was geschehen war?, erzählt Mendel.

?Das war?s. Meine gesamte Familie saß wie angewurzelt vor dem Bildschirm. Wir verbrachten den ganzen Tag gemeinsam und sahen, wie sich die Ereignisse zuspitzten; ich wusste genau, dass dies etwas war, was die Welt niemals vergessen würde.? Vier Jahre lang entwickelte Mendel das Filmprojekt; er stellte es dann Kathleen Kennedy vor, mit der er bereits am bahnbrechenden übersinnlichen Thriller ?Sixth Sense? zusammengearbeitet hatte.

Sie brachte das Projekt dann zu Regisseur Steven Spielberg, der sich dazu entschloss, ?MÜNCHEN? nach seiner Arbeit am apokalyptischen Blockbuster ?Krieg der Welten?, basierend auf H.G. Wells? klassischem Science-Fiction-Roman, zu realisieren. Kennedy war von Beginn an überzeugt, diese Story sei für Spielbergs eklektische, jedoch immer fokussierte und sensible Art des Geschichtenerzählens perfekt geeignet.

?Steven hat diese großartige Begabung jede Geschichte erzählen zu können, die er will. Und mit solchem Material und einem so bedeutendem Thema war ich von den Möglichkeiten wirklich begeistert?, berichtet sie. ?Niemand war für diese Geschichte besser geeignet.?

Kennedy fährt fort: ?Heutzutage werden wir mit so viel Information bombardiert, jeden Tag geschehen so viele Dinge. Meiner Meinung nach können Filmemacher wirklich einen Beitrag leisten, indem sie auf die historischen Ereignisse zurückblicken und sicherstellen, dass wir nicht vergessen, wo wir einmal standen. Ich glaube, das war auch einer der Beweggründe, weshalb Steven sich dazu entschlossen hat, diesen Film zu drehen. Diese Ereignisse werfen auch ein neues Licht auf viele aktuelle Vorfälle; sie ermöglichen uns, einen Schritt zurückzutreten und uns zu fragen, was vor 33 Jahren geschah und was wir daraus gelernt haben. Gleichzeitig ist dieser Film ein hoch spannender Thriller, der auch so schon faszinierend wäre ? auch wenn er nicht auf einer wahren Geschichte beruhte.?

Spielberg hat bereits in epischen Filmen wie ?Das Reich der Sonne?, ?Schindlers Liste? und ?Der Soldat James Ryan? bedeutsame historische Ereignisse verfilmt. Auch die Geschichte von ?MÜNCHEN? wirft grundlegende Fragen über die Welt im Jahre 2005 und in der Zukunft auf; dies war ein weiterer Grund, weshalb Spielberg diese 33 Jahre zurückliegenden Ereignisse mit mehr menschlichen Details analysieren wollte als zuvor.

Spielberg selbst hat intensive Erinnerungen an 1972: ?Ich weiß noch genau, wo ich war, welchen Fernsehapparat wir hatten und wie ich die Ereignisse verfolgte ? genau wie alle anderen lief ?Wide World of Sports?, als der Anschlag geschah. Diese Eindrücke waren unauslöschlich; Jahre später lebten alle Erinnerungen wieder auf, als ich den Dokumentarfilm ?One Day in September? sah.?

Der Regisseur bahnte sich anhand der Spannung und der menschlichen Emotionen einen Weg durch diese Geschichte; ihn faszinierte eine Frage, über die niemals öffentlich diskutiert worden war: Wie betraf diese geheime Mission die Männer, die damit beauftragt wurden? Um dieser Frage nachzugehen, verfasste Eric Roth (?Forrest Gump?, ?Insider?) eine auf dem Buch Vengeance des kanadischen Journalisten George Jonas basierende erste Version des Drehbuchs, für das Kennedy und Spielberg dann den mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Autor Tony Kushner engagiert wurde.

Kushners international gefeiertes Stück ?Angels in America? hatte im ausklingenden 20. Jahrhundert vielschichtige Fragen aus den Bereichen Gesellschaft, Politik, Sexualität, Hautfarbe und Religion aufgeworfen; ein Drehbuch hatte der Autor jedoch zuvor noch nie verfasst. Kushner traf sich mit Kathleen Kennedy und war sofort gefangen vom Filmkonzept zu ?MÜNCHEN?, das sie ihm vorstellte: ?Ich sah, dass sie eine sehr undurchsichtige, problematische und komplizierte Geschichte nicht über das Massaker selbst, sondern über die nachfolgenden Ereignisse und über die Politik der Ermordung von Zielpersonen beabsichtigten; das hat sofort mein Interesse geweckt?, erinnert er sich.

Zu Beginn schrieb Kushner lediglich Anmerkungen für Spielberg zum vorhandenen Drehbuch, da er selbst kein Filmskript verfassen wollte. Doch Spielberg hakte unermüdlich nach, bis Kushner sich schließlich doch der Herausforderung stellte.

Für Spielberg war die Mitwirkung von Kushner ausschlaggebend: ?Ich war mir nicht wirklich sicher, ob ich ?MÜNCHEN? drehen sollte, bis ich Tonys Text zu lesen begann ? das war der Augenblick, in dem für mich alles Sinn zu machen begann?, sagt der Regisseur. Kennedy fügt hinzu: ?Steven hatte wohl das Gefühl, nun in einer kreativen Partnerschaft mit jemandem zusammenzuarbeiten, der die Komplexität dieser Themen wirklich verstand. Er wusste, dass er nun ein Drehbuch bekommen würde, das er wirklich gerne verfilmen wollte.?

Kushner erinnert sich ebenfalls sehr genau an die Olympischen Spiele von 1972; für das Drehbuch griff er auf diese Erinnerungen zurück: ?Es war ein Moment der Verwandlung. Ich war 17; genau wie meine gesamte Familie war ich überaus mitgenommen. Es brach uns das Herz, wir waren am Boden zerstört. Ich erinnere mich daran, dass die Menschen in Amerika sehr wütend waren und besonders in Rage gerieten, da die Situation so miserabel gehandhabt wurde.?

Dennoch versuchte Kushner, das Thema so objektiv wie nur möglich anzupacken, ohne eine voreingenommene Perspektive vorzugeben; er zielte darauf ab, provokative Fragen aufzuwerfen, und nicht darauf, eine Schwarz-Weiß-Malerei mit vorgefassten Antworten abzubilden. ?Diese Geschichte ist sehr paradox und steckt voller Widersprüche?, meint Kushner.

?Es ist auch eine Story über eine geheime Mission, also ist nichts davon mit absoluter Sicherheit belegt, wahrscheinlich wird es das auch niemals sein. Also haben wir uns selbst gewisse Freiheiten gestattet und waren erfindungsreich, um auf der menschlichen Ebene mit diesen Figuren umzugehen. Meiner Meinung nach haben wir eine sehr detailgetreue Story nacherzählt, die ich als ?historische Fiktion? bezeichnen würde.?

Die Ausgestaltung der Charaktere auf einer tieferen, menschlicheren Ebene brachte enorme Herausforderungen mit sich. ?Ich mache gerne schwierige Dinge?, gibt Kushner zu. ?Und die große Schwierigkeit beim Verfassen dieser Geschichte ? das stand von vornherein fest ? liegt in der Tatsache, dass unsere Hauptdarsteller fünf Kerle sind, die Menschen ermorden. Sie mußsten als Geheimagenten glaubwürdig erscheinen, nicht wie James Bond, sondern als wirkliche Personen, die für einen Geheimdienst tätig werden. Gleichzeitig gibt es da die Frage, wer diese Männer wirklich sind. Faszinierend für mich war diese Einstellung der Figuren, besonders bei Avner.?

?Avner ist der Anführer der Gruppe, jedoch nicht im konventionellen Sinn. Wie aber verändert sich sein Bewusstsein? Wie äußert sich dieser Widerspruch zwischen seiner eigenen, persönlichen Ethik und seinem Überlebenswillen? Allmählich entwickelte sich die Story zur Geschichte eines Mannes, dessen Aufrichtigkeit ihn einfach nicht loslässt.?

Lange Zeit hatte das Projekt keinen Titel, doch während er schrieb, begeisterte sich Kushner für den Titel ?MÜNCHEN?; auch Spielberg erkannte darin genau den richtigen Understatement-Ton für einen Film, der einen einmaligen Vorfall darstellt, aus dem sich ein fortwährendes moralisches Dilemma entwickelt.

?Mir gefällt die Einfachheit des Titels, denn der Ausgangspunkt des Films ist ein düsteres, historisches Ereignis, anhand dessen gezeigt wird, dass dies mitnichten einfach ist, sondern dass jede scheinbare Gewissheit genauso hinterfragt werden kann?, erklärt Kushner. ?Außerdem ist ?MÜNCHEN? mit vielen Assoziationen behaftet. In dieser Stadt wurde der Nationalsozialismus geboren, hier fand 1972 der Anschlag statt; all das schwingt in dem Namen mit. Das Wort ist wie von einem eisernen Ring umgeben, der für die Bedeutung der Geschichte angemessen scheint.?

Auch nach der intensiven Arbeit am Drehbuch war Kushner sehr gespannt, wie Spielberg die Geschichte mit den Kameras auf die Leinwand bringen würde. ?Niemand beherrscht eine spannende Geschichte so wie Steven?, meint Kushner. ?In jedem seiner Filme steht man sofort inmitten der Ereignisse. Interessant daran ist, dass man innerhalb des Thrillers auch intellektuell auf Fragen stößt, die wiederum weitere Fragen aufwerfen. Ich denke, er hat hier viele Schichten miteinander verwoben und einen hoch interessanten Film geschaffen.?

Spielbergs Vision und Zuversicht, entstanden aus seiner Liebe zum Kino und seiner jahrelangen Erfahrung, ermöglichten es ihm, ?MÜNCHEN? auf eine von seinen übrigen Filmen etwas verschiedene Art und Weise zu drehen. Obwohl er die Geschichte klar vor Augen hatte, gab es zu diesem Film keine Storyboards. Er arbeitete sehr spontan und organisch, spürte intuitiv, was in jeder Szene benötigt wurde.

Aus diesem Grund waren die Dreharbeiten am Set sowohl für die Schauspieler als auch für die Filmemacher von intensiver Zusammenarbeit geprägt. Daniel Craig meint dazu: ?Steven war in seinem Regiestil absolut fließend. Er sah, wie etwas geschah, und versuchte sofort, sich das auch zu Nutze zu machen ? eine unglaublich anregende Art zu arbeiten. Das ist jedoch auch beängstigend. Aber wenn man schon in so eine Situation geraten mußs, dann sollte das unter der Regie von Steven Spielberg passieren, denn er bringt einen solchen Reichtum an Wissen und Erfahrung im Filmemachen ein.?

Die Besetzung von ?MÜNCHEN?: Ein internationales Kader von 200 Schauspielern trifft ein Die Dreharbeiten zu ?MÜNCHEN? begannen mit der intensiven weltweiten Suche nach Schauspielern für die rund 200 Rollen in diesem vielschichtigen Drehbuch, angefangen bei berühmten Politikern bis hin zu Geheimagenten. Ausgestattet mit nichts als einer allgemeinen Beschreibung der Story und der Verheißung, unter der Regie von Steven Spielberg zu arbeiten, reiste Casting-Leiterin Jina Jay auf der Suche nach frischen und interessanten Gesichtern um die ganze Welt. Auf ihrer Talentsuche konzentrierte sie sich statt auf altbekannte ?Star Power? lieber auf neue Potentiale für packende, lebensechte Figuren, um die Filmgeschichte voranzutreiben.

Spielberg erklärt: ?In diesem Film gibt es mehr Sprechrollen als in irgendeinem anderen Film, bei dem ich jemals Regie geführt habe, inklusive ?Catch Me If You Can?. Bei so vielen Figuren in einer so vielschichtigen Story, die sich über einige Jahre und etliche Länder hinweg entwickelt, war es mir besonders wichtig, sogar die kleinsten Rollen genauso interessant zu gestalten wie den Protagonisten. Diese Geschichte porträtiert ein sehr schmerzhaftes und tragisches Kapitel unserer Weltgeschichte, und um sie zu erzählen wollte ich eine fantastische Besetzung.?

?Geholfen und beraten haben uns die wundervollen Casting-Kontakte überall auf der Welt?, berichtet Jay; letztendlich wurden Schauspieler aus aller Herren Länder engagiert, darunter aus Algerien, Ägypten, Griechenland, Irak, Iran, Israel, Jordanien, Libanon, Marokko, Syrien, Tunesien, Jemen, Albanien, Österreich, Frankreich, Deutschland, Polen, Rumänien, Spanien, Schweden, Großbritannien, USA, Kanada und Japan, außerdem Darsteller aus Malta und Ungarn, wo die Hauptdreharbeiten stattfanden.

Der Kern der Besetzungsarbeit war die Suche nach dem Mitgliedern des Killer-Kommandos ? fünf grundverschiedene Männer, die nach dem Massaker während der Olympischen Spiele 1972 zustimmen, ihr eigenes Leben hinter sich zu lassen, ihre ursprünglichen Identitäten aufzugeben und sich in unvorstellbare Gefahren zu begeben, um für Israel eine geheime Mission auszuführen.

Spielberg hatte eine sehr genaue Vision dessen, was er für jede einzelne dieser Rolle suchte: ?Meiner Meinung nach war es sehr wichtig, für jeden der fünf Männer einen eigenen Look zu haben, aber genauso wichtig auch fünf verschiedene Schauspielrichtungen, fünf verschiedene Akzente, fünf einzigartige Persönlichkeiten?, sagt der Regisseur.

Der Anführer der Gruppe, Avner, ist auch das jüngste Mitglied und der einzige gebürtige Israeli. Avner liebt sein Heimatland, mußste zuvor jedoch noch niemals jemanden töten. Für die Rolle des Avner wollte Spielberg von Anfang an Eric Bana besetzen, den er in Ang Lees Adaption von ?Hulk? gesehen hatte. ?Als ich ihn in ?Hulk? sah, erkannte ich diese Wärme und Kraft, genau wie eine Portion Angst in seinem Blick ? das macht ihn so menschlich. Meine Absicht war es, die Figur von Avner in dieser Geschichte sehr menschlich darzustellen, also war Eric von Anfang an meine erste Wahl?, meint Spielberg.

Bana war im Herbst 2003 gerade in Los Angeles und beendete die Dreharbeiten zu ?Troja?, als er einen Anruf bekam mit der Nachricht, Steven Spielberg wolle ihn sehen. Nach dem Treffen am riesigen Set zu ?Terminal? war Bana sprachlos, als er feststellte, dass Spielberg ihn für die Hauptrolle in einem Thriller über höchst kontroverse israelische Killer-Kommandos besetzen wollte. ?Ich war natürlich schockiert und überrascht und begeistert und entsetzt?, meint Bana.

Obwohl er in Australien geboren und aufgewachsen ist, hatte Bana genau wie die übrigen Schauspieler und Filmemacher auch persönliche Erinnerungen an die Ereignisse der Olympischen Spiele in München: ?Ich war damals erst vier oder fünf Jahre alt, habe aber einige der Bilder niemals vergessen; im Laufe der Jahre bin ich immer wieder auf diese Geschichte gestoßen. Es sind Ereignisse, die einen immer wieder einholen, denn sie scheinen noch immer allgegenwärtig.?

Für seine Rolle widmete sich Bana intensiven Recherchen und las nicht nur über den Anschlag in München und über das Leben als Mossad-Agent, sondern auch über die komplizierte Geschichte des Nah-Ost-Konflikts. Dabei interessierte ihn immer mehr das persönliche Dilemma von Avner, als die Mission seine eigenen Grundfesten zu erschüttern beginnt. ?Avner macht eine echte Entwicklung durch?, meint Bana.

?Anfangs ist er jemand, der angesichts der Ereignisse in München natürlich sehr aufgebracht ist. Dann wird er zu einem jungen Mann, dem eine wirklich überwältigende Mission anvertraut wird und der sehr schnell lernen mußs, wie man eine Gruppe führt. Zu Beginn hinterfragt er die Tätigkeit des Teams, doch dann geschieht etwas Interessantes: er verhärtet. Während die übrigen Killer allmählich weniger willensstark werden, wird Avner immer härter. Gegen Ende des Films sehen wir, wie er immer zerrissener ist angesichts der Reise, auf der er sich befindet, und weil er selbst zugelassen hat, dass er zu einem solchen Menschen wurde.?

Bana genoss die enge Freundschaft, die sich am Set unter den fünf Schauspielern entwickelte, die die Mitglieder des Killer-Kommandos spielen. Jeder der fünf Darsteller stammt aus einem anderen Land; sie trafen alle frühzeitig auf Malta ein und waren schon bald ein eingeschworenes Team, was sie sogar selbst überraschte.

?Ich hoffe, dass diese einzigartige Kameraderie wirklich vermittelt wird, denn sie war hundertprozentig aufrichtig?, erzählt Bana. ?Wir stammen alle aus verschiedenen Winkeln der Welt und hatten ganz unterschiedliche Ansichten, wodurch auch viele interessante Diskussionen entstanden ? aber wir haben uns wirklich gegenseitig respektiert. Das war eine tolle Erfahrung.?

Der britische Schauspieler Daniel Craig ? der kürzlich als neuer James Bond für internationale Schlagzeilen sorgte ? spielt hier den Südafrikaner Steve, der scheinbar der härteste, mutigste und entschlossenste unter den Rekruten ist. ?Steve ist eine Figur, die den Eindruck erweckt, sehr stark zu sein und alles unter Kontrolle zu haben?, berichtet Craig.

?Wie die übrigen Männer glaubt auch er an diesen Auftrag, denn er glaubt an Israel. Er ist überzeugt davon, dass aufgrund der furchtbaren Ereignisse in München nun Maßnahmen ergriffen werden müssen. Und er ist jemand, der mit den Dingen des Lebens schon immer so verfahren ist wie ein Elefant im Porzellanladen: Er stürzt sich kopfüber hinein; um die Folgen kümmert er sich erst später. Also ist Steve zu Beginn sehr tatkräftig, doch im Laufe der Geschichte leidet er unter den schrecklichen Taten, die das Kommando begeht. Genau das hat mich an diesem Film auch so sehr interessiert: Steve ist eine gebrochene Figur, er selbst erwartet nicht, dass seine Gefühle derart auf die Probe gestellt werden.?

Craig ist zu jung, um sich an die Olympischen Spiele von 1972 erinnern zu können, doch die Ereignisse aus jener Zeit waren ihm seit langem bekannt: ?Ich denke, die Folgeerscheinungen aus der damaligen Zeit haben wohl unser aller Leben beeinflusst?, meint der Schauspieler. ?Es war so etwas wie das weltweite Ende der Unschuld ? und mit den Folgen haben wir heute noch umzugehen. Es war eines der einschneidendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts ? und in ?MÜNCHEN? wird die menschliche Seite davon gezeigt.?

Während der Engländer Craig im Film einen Südafrikaner verkörpert, spielt der französische Schauspieler und Filmemacher Mathieu Kassovitz hier den Belgier Robert, einen hochtalentierten Spielzeugmacher, der genauso begabt ist, wenn es darum geht, tödliche Sprengladungen einzurichten. Kassovitz ist selbst ein etablierter Filmregisseur und hatte sich eigentlich von der Schauspielerei zurückgezogen; dabei hatte er seinen Agenten angewiesen, ihn für Engagements vor der Kamera überhaupt nicht mehr anzurufen ? es sei denn für Steven Spielberg.

Jetzt bekam er seine Chance, und kaum hatte er das Drehbuch gesehen, war er auch schon an Bord. Kassovitz meint: ?Das Drehbuch hat mich umgehauen; die Struktur ist so subtil, so intelligent, so kraftvoll und mutig. Meiner Meinung nach ist dies ein sehr cleverer Film über das Konzept der Rache an sich.?

Kassovitz war auch von der Figur des Robert fasziniert, des wohl widerwilligsten Mitglieds des Killer-Kommandos. ?Robert ist ein interessanter Charakter, denn wie alle übrigen Rekruten ist auch er kein ausgebildeter Mörder?, erklärt der Schauspieler. ?Vielmehr hat er sich der Sache Israels verschrieben, daher glaubt er auch, bereit zu sein, für sein Land und seine Überzeugungen zu kämpfen. Während des Sechs-Tage-Krieges war er zur Armee gegangen, und da er Spielzeugmacher ist und sich mit Feinmechanik sehr gut auskennt, wird er als Experte eingesetzt, um Bomben zu entschärfen. Doch es fällt ihm nicht leicht.?

Tatsächlich wird Robert durch den brutalen Job, der ihnen bevorsteht, stärker als die anderen aus der Bahn geworfen. ?Er ist etwas sensibler?, meint Kassovitz, ?und kommt mit der Gewaltanwendung nicht gut klar. Auch wenn er Teil der Mission ist, gibt es Dinge, die er einfach nicht über das Herz bringt.?

Jeder der fünf Männer hat seine eigenen Dilemmas und inneren Konflikte. Der deutsche Schauspieler Hanns Zischler spielt Hans, einen ausgewanderten deutschen Juden, der sich als stiller Antiquitätenhändler ausgibt, in Wahrheit jedoch ein Mossad-Agent und hochtalentierter Fälscher ist. Die Rolle eines deutschen Juden zu spielen, der nach dem Anschlang in München für den israelischen Geheimdienst arbeitet, war für den Schauspieler Zischler besonders interessant ? mitsamt allen emotionalen Verwicklungen.

?Hans ist wahrscheinlich jemand, der Deutschland gemeinsam mit seiner Familie während der 1930er gerade noch mit knapper Not verlassen konnte?, meint Zischler. ?Er ist in Israel aufgewachsen, das damals noch Palästina war, und beherrscht beide Sprachen. Er ist der Auffassung, dass er auf merkwürdige Weise sowohl zu Israel als auch zu Deutschland gehört, und das spielt hier ebenfalls eine Rolle. Außerdem ist er ein sehr nachdenklicher Mann; er ist niemals wirklich ein Aktivist gewesen, hat also nun das Gefühl, seine Loyalität gegenüber Israel unter Beweis stellen zu müssen, indem er sich in den Dienst des Mossad stellt.?

Zischler selbst war 1972 bereits 25 Jahre alt und erinnert sich lebhaft an jene prägenden Jahre in Deutschland: ?Es waren Zeiten, in denen in Deutschland durch eine neue Generation auch ein neues Bewusstsein entstand. Zum ersten Mal hatte man das Gefühl, wirklich über die Vergangenheit sprechen zu können und über Dinge, die noch nicht vollständig bewältigt waren?, erinnert er sich.

?Doch die Vorfälle während der Olympischen Spiele waren etwas völlig anderes. Das kam von außen; es war wie der Einschlag eines Meteoriten. Schlagartig wurde uns bewusst, dass dieses Theater der Olympischen Spiele zu einer Kulisse für ein düsteres, schreckliches Drama geworden war. Und alles war im Fernsehen zu sehen, es geschah vor den Augen der gesamten Welt. Für mich war es faszinierend, die Möglichkeit zu haben, diese Ereignisse in ?MÜNCHEN? von einer ganz anderen Perspektive aus zu beleuchten.?

Das Fünfer-Team wird abgerundet durch den akkuraten, durchorganisierten und umsichtigen Carl, gespielt vom gefeierten irischen Schauspieler Ciaran Hinds. ?Hans und Carl gehören einer anderen Generation als die übrigen drei an?, bemerkt Hinds.

?Alle fünf Männer sind sehr unterschiedlich, sowohl was ihr Alter, ihre Herkunft und Erziehung angeht. Manche sind in Europa, andere in Israel aufgewachsen. Und sie sind eben gerade wegen ihrer verschiedenen Eigenschaften ausgewählt worden. Innerhalb dieser Gruppe ist Carl derjenige, der Wert darauf legt, dass die Zielpersonen ?sauber? sind, dass es keine Kollateralschäden gibt, dass keine Unschuldigen verletzt werden. Er glaubt wirklich, dass es einen richtigen Weg gibt, um diesen Job zu erledigen ? ganz egal, wie grässlich dieser Job auch ist.?

Hinds ist in Belfast aufgewachsen, wo politische Unruhen an der Tagesordnung waren; die Vorfälle während der Olympischen Spiele 1972 sah er als Teil einer in Unordnung geratenen Welt. ?Früher war ich ziemlich sportlich, also habe ich mir die Olympia-Übertragungen immer angesehen?, erzählt er.

?Aufgrund der Situation in Nordirland war mir die Gewalt als globaler Zustand auch sehr bewusst. Deshalb hat mich das ganze ?MÜNCHEN?-Projekt sehr interessiert. Es blickt auf die Geschichte zurück, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Steven zeigt hier eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft, uns aber keine vorgefertigten Antworten liefert ? und das ist sehr wichtig.?

Das Killer-Kommando darf ausschließlich mit dem geheimnisvollen Offizier Ephraim Kontakt aufnehmen. Für die Rolle des Ephraim engagierten die Filmemacher den Oscar-preisgekrönten australischen Schauspieler Geoffrey Rush, der mit seinem Porträt des australischen Pianisten David Helfgott in ?Shine ? Der Weg ans Licht? den Durchbruch feierte und seither in etlichen großen Rollen zu sehen war, angefangen beim berüchtigten Marquis de Sade bis hin zum komödiantischen Genie Peter Sellers. Die Rolle des Ephraim war für Rush wieder eine ganz neue Herausforderung; das entdeckte er bereits beim Lesen des Drehbuchs.

?Tony Kushner ist ein großartiger Dramatiker und konzentriert sich hier auf die überaus komplexen Zusammenhänge dessen, was diese Geschichte zu einem historischen Ereignis werden ließ?, sagt Rush. ?Wenn man Ephraim begegnet, könnte man denken, er sei nur ein weiterer gesichtsloser Bürokrat; tatsächlich aber wird er überraschend zu Avners Mentor, während dieser seine sehr schwierigen Prozesse als Mörder durchzustehen hat. Ephraim ist wie ein Geist, der aus dem Nirgendwo auftaucht, um die großen Fragen zu beantworten, seien sie moralischer oder anderer Natur.?

Das gesamte Konzept des Films war für Rush von großem Interesse; er erinnert sich daran, im Alter von 21 das Massaker von München im australischen Fernsehen verfolgt zu haben: ?Ich habe ?MÜNCHEN? als internationalen Spionage-Thriller angesehen, der auf wahren und sehr, sehr bedeutenden Ereignissen basiert ? und darin verwoben ist eine anregende Debatte, während diese Figuren sich auf eine bedrückende Reise zur Selbsterkenntnis begeben.?

Rush hat den Akzent und die Manierismen seiner Rolle an eine Mischung aus verschiedenen historischen Persönlichkeiten angelehnt: ?Von unserem nationalen Nachrichtensender ließ ich mir Filmausschnitte zu Menachem Begin schicken, als Bezugspunkt für die Epoche und die Kultur?, erzählt Rush. ?Denn die Entwicklung dieser Figuren ist ganz ähnlich; sie haben einen radikalen politischen Hintergrund und kommen in viel konservativere Regierungsämter hinein.?

Um auch das Aussehen der Figur glaubwürdig zu gestalten, sagte Spielberg, er habe sich Rush immer als eine Art Arthur-Miller-Typ vorgestellt, und schlug vor, ihm die Haare aus der Stirn zu kämmen. Im konservativen Anzug, mit einer dicken Hornbrille und dem zurückgekämmten Haar verwandelte sich Rush in Ephraim. An den Sprachnuancen arbeitete der Schauspieler außerdem mit Dialog-Coach Barbara Berkery, um einen Akzent auszutüfteln, der Ephraims Geschichte am besten widerspiegelt: ?Als Ausgangspunkt wollte ich ganz spezifisch jemanden mit einem polnisch-jüdischen Hintergrund, der über 80 Jahre alt sein sollte; die Besonderheiten einer solchen Sprechweise wollte ich mir aneignen?, erläutert Rush.

?Also machten wir uns, bewaffnet mit einem Kassettenrecorder, wie Colonel Pickering und Professor Higgins auf die Suche.? Rush fand weitaus mehr, als er erwartet hatte. ?Wir trafen Menschen, die in der Lage waren, unglaublich viele gute Ratschläge und Anekdoten und geschichtliches Wissen beizutragen. Ich sah es als meine Verantwortung, die Figur mit so vielen kulturellen Details wie möglich anzureichern.?

Dann gibt es noch Papa, der undurchsichtige Franzose, der Informationen beschafft und an das Team verkauft; er entwickelt eine väterliche Beziehung zu Avner, nach der sich der junge Geheimagent sein Leben lang gesehnt hatte. Der legendäre französische Schauspieler Michael Lonsdale, zu dessen Spielfilmen u.v.a. auch ?Der Schakal? gehört, spielt hier Papa. Lonsdale verfolgte die damaligen Ereignisse aus München in Frankreich, wo die Menschen, wie er sagt, seinerzeit unter Schock standen. Als Lonsdale hörte, dass Steven Spielberg zu diesem Thema einen Film drehen wollte, hatte er keinerlei Vorbehalte, mit an Bord zu kommen.

?Es war eine Freude und eine große Ehre, mit Steven Spielberg zusammenzuarbeiten?, sagt er. ?Papa ist keine große Rolle, aber ich wusste, dass man viel daraus machen kann.? Zur internationalen Besetzung gehört als Hauptdarstellerin auch die israelische Schauspielerin Ayelet Zurer; sie spielt Daphna, Avners junge Ehefrau, die er ? hochschwanger mit dem ersten gemeinsamen Kind ? verlassen mußs. Während seiner geheimen Mission ist Daphna für Avner die einzige stabile Verbindung zum wirklichen Leben; das ungeborene Kind wird zum einzigen Symbol seiner Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Zurer wurde von der israelischen Filmakademie, auf dem Filmfestival in Jerusalem und vom Kritikerverband in Haifa vor kurzem für ihre Darstellung in Savi Gabizons Film ?Nina?s Tragedies? als Beste Schauspielerin geehrt; für die Rolle der Daphna in ?MÜNCHEN? wurde sie engagiert, als sie im Monat zuvor gerade wirklich Mutter geworden war, was die emotionale Entwicklung der Filmfigur noch nachvollziehbarer machte.

?Daphna ist zu Beginn sehr naiv und glücklich?, meint Zurer. ?Sie glaubt, das Leben werde glücklich verlaufen und die Zukunft sei rosig. Sie ist natürlich schwanger, das steht für ein neues Leben. Doch Avner bricht auf; sie weiß wohl, dass es für ihn gefährlich werden kann ? hat aber eigentlich keine Vorstellung davon, was wirklich auf ihn zukommen wird. Als er zu ihr zurückkehrt, ist er ein traumatisierter und gebrochener Mann; für sie ist es sehr schmerzhaft, das mit anzusehen ? besonders so wie Eric ihn spielt, der in seinem Gesicht so viel Menschlichkeit widerspiegelt.?

Letztendlich sieht Zurer in den Schwierigkeiten des Ehepaares ein Symbol für größere Zusammenhänge: ?Avner und Daphna machen gemeinsam ein schmerzliches Erwachen durch. Jeder repräsentiert auf seine Weise den Verlust der Unschuld ihres Landes und vielleicht auch der ganzen Welt.?

Barry Mendel meint zu Zurers Darstellung: ?Ich glaube, sie bildet das Herz und die Seele des Films, denn sie symbolisiert ganz deutlich den Kampf zwischen Patriotismus und Familie, den Avner austrägt. Ayelet war bisher in keinem Film außerhalb Israels zu sehen; sie engagieren zu können war ein Glücksfall für uns.?

Doch ganz gleich, ob es sich um erfahrene Theaterdarsteller, nationale Filmstars oder Schauspielneulinge handelte ? jeder Einzelne trat bei ?MÜNCHEN? zumindest teilweise aus dem Grund vor die Kamera, um mit Steven Spielberg zusammenarbeiten zu können. Die Verlockung, mit dem gefeierten Regisseur an einem Film mitzuwirken, war groß genug, um auch in Nebenrollen bedeutende Darsteller engagieren zu können, darunter der israelische Schauspieler Moshe Ivgy, der den legendären Mossad-Agenten Mike Harari spiel, und den Schauspieler Makram Khoury, der hier Wael Zwaiter spiel, den Cousin von Yassir Arafat, der in Rom das erste Ziel von Avners Killer-Kommando ist.

Die renommierte palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass spielt Marie-Claude Hamshari, die Ehefrau der Zielperson in Paris; die Schauspielerin fungierte hier außerdem als Beraterin und Dialog-Coach. Einer der Schauspieler hatte eine ganz besonders enge Beziehung zu dieser Geschichte: Der Schauspieler Guri Weinberg ist der Sohn von Moshe Weinberg, dem ehemaligen Meister im Ringen und Schiedsrichter, der in München ums Leben kam, als Guri knapp ein Monat alt war. Heute ist Guri 33, im selben Alter, in dem sein Vater starb; Weinberg hatte hier die Gelegenheit, durch diese Rolle in ?MÜNCHEN? seinem Vater eine Hommage zu erweisen.

Die Erfahrung, jene Ereignisse nachzustellen, die seinen Vater das Leben kosteten, war für Weinberg eine fast unerträgliche, aber gleichzeitig zutiefst therapeutische und bedeutsame Erfahrung. ?Die Vorstellung, praktisch auf den Spuren meines Vaters während seiner letzten Stunden zu wandeln, hat mich vollständig gefesselt, denn wenn man die Geschichten hört, sind es immer nur Bruchstücke, die als Ganzes keinen Sinn ergeben. Begibt man sich aber selbst in diese Situation, dann wird alles greifbar.?

Weinberg fährt fort: ?Meinen Vater darzustellen, hat mir großen Respekt eingeflößt vor dem, was er durchgemacht hat. Es hat meine Gefühle und Emotionen stabilisiert, denn ich hatte nie eine Beziehung zu ihm. Durch diesen Film habe ich diese Beziehung aufgebaut.?

Die Dreharbeiten zu ?MÜNCHEN?: Steven Spielberg und Janusz Kaminski modernisieren den düsteren Thriller aus den 70ern Die Geschichte von ?MÜNCHEN? spielt auf drei verschiedenen Ebenen: die überaus öffentlichen Ereignisse während der Olympischen Spiele vor den Kameras der internationalen Berichterstatter; die überaus geheimnisumwitterte Welt der Mossad-Organisation und der Killer-Kommandos, die unter strengster Geheimhaltung weltweit operierten; und das Innenleben von fünf unterschiedlichen Auftragsmördern selbst, die im Laufe ihrer Mission verschiedensten psychologischen Verstrickungen unterliegen.

Um all diese Ebenen visuell einzufangen, wandte sich Spielberg an einen seiner langjährigsten und vertrauenswürdigsten Mitarbeiter, den zweimaligen Oscar-Preisträger und Kameramann Janusz Kaminski, der mit Spielberg bereits an neun Filmen gearbeitet hat. 1972 war Kaminski ein Teenager in Polen und betrachtete die Ereignisse in München aus einem etwas anderen Blickwinkel: durch den Schleier des Eisernen Vorhangs. ?In Polen sah man es natürlich als tragisches Ereignis, so wie überall auf der Welt?, berichtet Kaminski. ?Doch die Nachrichten aus amtlichen Quellen ließen gewisse Vorurteile erkennen.?

Doch der Kameramann ist davon überzeugt, dass eines der faszinierendsten Elemente an der Verfilmung über ?MÜNCHEN? darin liegt, dass fast jeder auch persönliche Erinnerungen an jene Zeit hat. ?Wir haben alle eigene Erfahrungen mit diesem Ereignis?, meint er. ?Auch wenn man selbst noch gar nicht auf der Welt war, hat man doch Ausschnitte im Fernsehen oder in Geschichtsbüchern gesehen. Oder man wurde durch die jüngsten Ereignisse damit konfrontiert. Wie auch immer man sich dem annähert, es ist bedeutsam.?

In ihrer bewährten einzigartigen Form der Zusammenarbeit begann Kaminski damit, eine Reihe von Testaufnahmen zu machen, um den Look zu finden, den er und Spielberg für die intensive Stimmung und spannungsgeladene Struktur des Films als geeignet erachteten; es sollte ein Look sein, der an die klassischen ?paranoiden Thriller? der 70er erinnert, aber gleichzeitig von zeitgenössischem Flair gekennzeichnet ist.

?Steven und ich befinden uns zur Zeit an einem Punkt in unserer Beziehung, an dem wir die Dinge nur kurz besprechen müssen?, stellt Kaminski fest. ?Er kennt mich und vertraut meinen Entscheidungen; auch ich verstehe seinen Sinn für Ästhetik. Wir unterhalten uns ein bisschen - hauptsächlich darüber, was wir nicht tun sollten -, aber im Großen und Ganzen überlässt er mir die Festlegung des visuellen Stils. Also bin ich 2004 nach Paris gefahren und habe begonnen, mit verschiedenen Farbschemata zu experimentieren, mit verschiedenen Filtern, Linsen, Beleuchtungen und chemischen Verfahren.?

Bei der Weiterentwicklung des visuellen Stils dieses Films betrachtete Kaminski die Geschichte ausgehend von einer Weltkarte. ?In diesem Film gibt es acht verschiedene Länder; ich beschloss, jedem einzelnen einen anderen Look zu verpassen, auf ganz subtile Weise, durch eine leicht abgeänderte Farbpalette. So hat jedes Land einen individuellen Charakter, obwohl fast alles auf Malta und in Ungarn gedreht wurde?, erklärt Kaminski. ?Alles, was sich im Nahen Osten abspielt, ist farbenfroher, wärmer, sonniger. Wenn wir aber nach Paris, Frankfurt, London und Rom kommen, werden die Farben kühler, sind weniger satt. Und sogar diese einzelnen europäischen Städte haben ihre eigenen Farbmerkmale.?

Kaminski betont zum Beispiel, dass er für die Szenen auf Zypern besonders strahlende, sonnige Gelbnuancen gewählt habe; in Athen konzentriert sich die Palette auf die Blautöne der Ägäis, in Paris werden die Farben weicher, die Stimmung wirkt wie an einem regenverhangenen Tag. Auch die Ausleuchtung der Szenen verändert sich: Zunächst ist die Tongebung freundlich, als die fünf Männer sich während eines Abendessens kennen zu lernen beginnen; später wird ein härteres photochemisches Verfahren mit vielen dunklen Schatten eingesetzt, um die inneren Konflikte der Figuren aufzuzeigen, als die Mission beängstigender wird und die Männer von Zweifeln befallen werden.

Auch die Auftragsmorde werden jeweils auf ganz eigene Weise gedreht, denn so sah es Spielbergs Vision für die Entfaltung des Films vor. ?Jeder Mord sollte anders sein, denn während das Team diese Tode erlebt, verändert sich die Sicht der Männer auf das, was sie da tun; auch die Gruppendynamik verschiebt sich, sie empfinden sich selbst und die anderen auf eine neue Art, und es entsteht mehr Stress, Anspannung und Druck?, erläutert Spielberg. ?Also hat jeder einzelne der Aufträge einen ganz eigenen Charakter.?

Die Auswahl der Kameralinsen war von Spielbergs Wunsch beeinflusst, auf einen packenderen Stil des Filmemachens, ähnlich dem der 70er, zurückzugreifen. ?Steven hat ? mit Recht ? darauf bestanden, dass wir Zoom-Linsen einsetzten?, sagt Kaminski. ?Er meinte, das Kino der 70er sei so voller Zooms gewesen, dass man durch den Einsatz dieses Mittel, dem Publikum das Gefühl vermitteln kann, einen in jener Zeit entstandenen Film zu sehen. Es ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, um uns in diese Ära zu versetzen.?

Kaminski nennt so realistische Thriller wie ?French Connection ? Brennpunkt Brooklyn?, ?Zeuge einer Verschwörung? und ?Die drei Tage des Condor? als Inspirationsquelle für seine Arbeit an ?MÜNCHEN?. Eine der größten Herausforderungen für die Schauspieler und Filmemacher, darunter auch für Kaminski, war es, die Geiselnahme im Olympischen Dorf akkurat und spannend nachzubilden. Szenen der echten Olympischen Spiele in München eröffnen den Film, bekommen dann aber weitaus mehr Details, indem sie mit Flashback-Sequenzen verbunden werden, die eine Nachbildung der Ereignisse mit den echten Dokumentaraufnahmen vermengen.

Spielberg war der Ansicht, die Flashback-Sequenzen würden die emotionalen Beweggründe hinter allen Ereignissen für die gesamte Dauer des Films greifbar machen. ?Ich dachte, wir brauchen eine ständige Erinnerung daran, worum es sich bei dieser Geschichte dreht ? man darf nicht vergessen, was dieses ?Auge um Auge? ausgelöst hatte?, meint Spielberg.

Doch die Dreharbeiten zu den nachgestellten Szenen waren sehr emotional und anstrengend. ?Man kann sich vorstellen, wie schwierig es war?, sagt der Regisseur. ?Ich habe arabische Schauspieler engagiert, um die Palästinenser darzustellen, und israelische Schauspieler, um die Israelis zu spielen? und die Situation ist ihnen sehr nahe gegangen. Es war eine emotionale Katharsis; ich habe gar nicht so sehr an die Technik gedacht, sondern vielmehr ging es mir darum, die Schauspieler und das Filmteam einfach zusammen zu halten und alle an einem Strang ziehen zu lassen. Das waren schon aufreibende Wochen.?

Bei der Eröffnungssequenz konzentrierte sich Kaminski auf einen eindringlichen, schlichten Realismus ? ?es scheint eher flach, fast farblos zu sein?, erklärt er -; für die Flashbacks jedoch verwendete er die ?skip bleach? genannte Vorgehensweise (die vor kurzem auch in ?Jarhead ? Willkommen im Dreck? zu bewundern war). Durch diese Technik wirken die Szenen durch harte Kontraste, eine grobkörnigere Auflösung und gesättigte Farben. ?Die Flashbacks sind düsterer, Vorboten des Unheils. Sie sollten ganz anders wirken als die Gegenwart?, erklärt der Kameramann.

Spielberg meint dazu: ?Dieser ?bleach bypass? ist in diesem Film besonders effektiv, denn dazwischen sind die rosigen Nuancen mit Standard-Ausleuchtung geschnitten. Das sagt uns, dass wir uns an einem andern Ort befinden: in Avners Gedanken und in der Vergangenheit.?

Was die Gewalt im Film angeht war sich Kaminski bewusst, dass Spielberg die Brutalität aller Ereignisse nicht verbergen wollte. ?Ich glaube, in diesem Film wird die Gewalt dem Zuschauer ganz absichtlich ohne Abstraktion vorgeführt?, meint er. ?Wenn man an ?Der Soldat James Ryan? denkt, dann waren die Szenen dort auch sehr graphisch, doch das Publikum wusste, dass sie dazu dienten, die Tragödie und den Horror dieser historischen Ereignisse zu vermitteln.?

Kaminski fährt fort: ?Dies ist meiner Meinung nach ein Film, der ein sehr ernstes Thema auf eine gereifte und objektive Weise behandelt. Gleichzeitig ist es aber auch ein spannender Film, und das machte es besonders notwendig, auf ungewöhnliche Weise zu inszenieren. Die Art, in der Steven verschiedene Szenen aufgebaut hat, war wirklich großartig, denn er kann mit nur drei Einstellungen wirklich ungeheure Spannung erzeugen. Er verwendet Zooms, Spiegelungen, Blocking, er filmt durch die Windschutzscheibe eines Autos, um ein wichtiges Element einzufangen. Was den Kameraeinsatz angeht, ist er ein äußerst versierter Regisseur.?

Kaminski ließ sich auch durch die Zusammenarbeit mit den übrigen Mitgliedern des Design-Teams inspirieren. ?Meine Arbeit wird immer stark durch das beeinflusst, was der Produktionsdesigner und die Kostümabteilung erschafft ? und Rick Carter, mit dem wir schon viele Filme gedreht haben, ist immer großartig?, fasst er zusammen.

Das Design von ?MÜNCHEN?: Eine verborgene Welt ans Licht bringen ?MÜNCHEN? ist ein wirklich internationaler Film; er spielt in 14 Ländern in Europa und im Nahen Osten, von Tel Aviv bis Frankfurt, von Haifa bis Paris ? und das alles in den 70ern. Für die Dreharbeiten wurden über 120 Sets benötigt; daher war es von grundlegender Bedeutung, dass die Filmemacher ein Hauptquartier einrichteten, das ihnen eine Vielfalt von Drehorten und Landschaften bot.

Spielberg und sein Oscar-nominierter Produktionsdesigner Rick Carter fanden so gut wie alles, was sie brauchten, innerhalb der Grenzen zweier der neuen EU-Mitgliedsstaaten: im eleganten osteuropäischen Ungarn und auf der Mittelmeerinsel Malta. Auf Malta fanden sie Drehorte, die für alle Szenen am Mittelmeer und im Nahen Osten geeignet waren; Ungarn bot die idealen Kulissen in Vertretung von über einem Dutzend verschiedener nordeuropäischer Städte, in denen sich die Geschichte von Avner und seinem Killer-Kommando abspielt.

Malta ist ein kleiner Inselstaat unweit von Sizilien und liegt auf dem Knotenpunkt zwischen Südeuropa und Nordafrika; trotz ihrer eher bescheidenen Ausmaße war die Insel Schauplatz vieler großer historischer Ereignisse. Von den römischen Schlachten über die Kreuzzüge bis hin zum Kalten Krieg ? all dies hat auf der Insel Spuren hinterlassen und macht sie zum perfekten Statthalter für viele Orte. In ?MÜNCHEN? diente Malta als Double für Israel, Zypern, Libanon, Griechenland, Italien, Palästina und Spanien; Produktionsdesigner Rick Carter errichtete dafür rund 40 Sets auf der Insel.

?Malta bietet eine Fusion aus verschiedensten Mittelmeer-Kulturen; wir konnten sowohl Gegenden ausfindig machen, die wie Südeuropa wirken, als auch Orte, die an Israel oder Beirut erinnern?, erklärt Carter. ?Wir hatten sogar die Möglichkeit, den Film visuell in die heißen, sonnigen, südlichen Landschaften und in die so ganz andere Farbpalette der nordeuropäischen Spielorte aufzugliedern.?

Die Dreharbeiten auf Malta begannen an der Nordküste, in Buggiba. Dort waren in einem Café mit israelischer Flagge etliche als orthodoxe Juden gekleidete Statisten um einen Fernseher versammelt und verfolgten die ?Übertragung? der Original-Nachrichtensendung zu den Olympischen Spielen von 1972. Von dort zogen die Filmemacher an die nächste Straßenecke ins ?Olympic Hotel? ? so kamen sie mit wenigen Schritten von Haifa nach Zypern.

Auf Malta wurden auch viele bestehende Gebäude genutzt: die aus dem 17. Jahrhundert stammende Riscoli-Festung mit ihren Baracken wurde in ein palästinensisches Flüchtlingslager bei Bethlehem verwandelt; ein Platz der Hauptstadt Valetta war der Drehort für das Café in Rom, wo Avner von Andreas Tony vorgestellt wird; ein Trockendock war die Kulisse der damaligen Großstadt Beirut; verschiedene maltesische Privatwohnungen waren die sieben verschiedenen Unterschlupfmöglichkeiten und auch die Wohnung von Avner und Daphna, die von Avners Vater, das Appartement von Golda Meir und die Villa in Spanien, wo Avner und Steve nach Salameh suchen.

Später zogen die Filmemacher in die schöne und architektonisch so reizvolle Donaustadt Budapest. Dort fanden Carter und sein Team Drehorte, die sich in eine Londoner Straße, einen Pariser Boulevard, ein Hausboot in Hoorn, ein Café in Rom und ein kleines Landhaus in Belgien verwandeln ließen, um nur einige Beispiele zu nennen. Während man mit dem Auto von Rom nach Paris Stunden braucht, konnte Rick Carter diese Entfernung innerhalb von Budapest in wenigen Minuten bewältigen. ?Diese eine Straße in Budapest ? der Andrassy Boulevard, gegenüber der Oper ? war die beste Paris-Location, die wir finden konnten. Interessant ist, dass das beste Rom nur eine Querstraße weiter lag?, meint Carter.

Malta und Ungarn boten nicht nur eine vielfältige Kulissenlandschaft, sondern boten auch ein Fenster in die Vergangenheit. Carter erklärt: ?Diese Geschichte spielt in den 70ern, einer Zeit, die noch von den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges geprägt war; in den Straßen von Paris und London war alles noch weitaus schmuddeliger und unansehnlicher. Budapest, im gegenwärtigen postkommunistischen Zustand, hat etliche Gemeinsamkeiten mit den westeuropäischen Städten der 70er. In Budapest haben wir genau den Look von vor 30 Jahren vorgefunden.?

Um sich auf die Dreharbeiten vorzubereiten, bereiste Carter jede der Städte, wo die Auftragsmorde stattfanden, um sich einen Eindruck dessen zu verschaffen, was er nachbilden sollte. Als langjähriger Mitarbeiter von Steven Spielberg schien ihm das Thema von ?MÜNCHEN? ganz im Einklang mit den starken Themenkreisen des Regisseurs zu stehen. ?Ich sehe diesen Film als Teil einer Reihe von Filmen, die Steven zum Thema Krieg und dessen Folgen realisiert hat?, erläutert er. ?Er betrachtet ständig die Art und Weise, wie wir damit hadern und uns doch darin wiederfinden.?

Carter war sich jedoch ebenfalls einer neuen Herangehensweise von Spielberg sehr bewusst ? da sich der Regisseur stärker auf die seelischen Konflikte der Figuren konzentrierte. ?Der gesamte Fokus dieses Films liegt auf dem Drama; alles beginnt mit den fünf Protagonisten und was für Menschen sie sind?, stellt er fest. ?Ich denke, Steven empfand diesen Ansatzpunkt als sehr frisch und befreiend. Er wirkte selbst fast wie ein Filmemacher der 70er Jahre.?

In seinen Entwürfen versuchte sich Carter von den standardisierten visuellen Klischees der 70er fernzuhalten; stattdessen konzentrierte er sich vielmehr darauf, die jeweilige Kultur in den Ländern, in denen sich das Kommando aufhält, widerzuspiegeln.

Carter erklärt: ?Wir haben versucht, in jede Szene etwas einzubauen, dass es dem Zuschauer ermöglicht, festzustellen, in welchem Land und zu welcher Zeit wir uns gerade befinden und ein Empfinden für das Land und die jeweilige Kultur zu entwickeln. Sind wir an einem Ort, der von der damaligen Politik beeinflusst wurde, besonders durch die damals in Europa existieren radikalen Bewegungen, oder sind wir an einem Ort, der sich kaum verändert hat, z.B. ein Fischerdorf auf Zypern? Unser Augenmerk galt besonders der Stimmung, die jeder unterschiedliche Ort erzeugen soll.?

Im Einklang mit den Designmotiven des gesamten Films veränderte auch Carter seine Farbpalette mehrmals, während die Szenen von einem Ort zum anderen wanderten. Doch eine metaphorische Nuance hatte er immer im Hinterkopf: ?Die Farbe Rot zieht sich durch den gesamten Film, als unbewusste Mahnung an das Blut, das hier auf beiden Seiten vergossen wird?, erläutert er.

Bei der Nachbildung des Europas der 70er erweisen Carters Entwürfe auch dem Kino eine Hommage: In verschiedenen Szenen sind Filmplakate zu sehen, darunter Fellinis ?Roma?, Robert Mulligans ?The Other?, ?Vier schräge Vögel? mit Robert Redford in der Hauptrolle und die ?Die Ermordung Trotzkis? mit Alain Delon. Ein weiterer Hinweis auf das Kino der 70er Jahre findet sich in einer Szene, in der Avner und Louis über einen Pariser Markt gehen. Diese Szene wurde genau unter dem Appartement gedreht, das durch Bernardo Bertoluccis Klassiker ?Der letzte Tango in Paris? berühmt wurde.

Malta und Ungarn waren der Schauplatz für den Großteil der Dreharbeiten; weitere Szenen wurden jedoch vor Ort in der unvergleichlichen Atmosphäre von Paris gedreht. Auch für New York City konnte Carter keinen Ersatzdrehort finden; vor der unverwechselbaren Skyline neigt sich der Film seinem Ende entgegen, auf gewisse Weise schließt sich hier der Kreis. ?Auf der Suche nach einer Heimat zieht Avner schließlich mit Frau und Kind nach Brooklyn?, berichtet Carter. ?Das ist wie neues Territorium, ein Ort, an dem er von vorne beginnen und alles andere hinter sich lassen möchte. Diesen Ort kann man natürlich nicht nachbilden ? wir mußsten in New York drehen.?

In der Zwischenzeit sah sich der Leiter der Abteilung Filmfahrzeuge, Graham Kelly, dessen Arbeit bereits im gefeierten Thriller ?Die Bourne Verschwörung? zu sehen war, vor weiteren Herausforderungen. Im Laufe der Dreharbeiten wurden 1.500 Fahrzeuge benötigt; also mußste Kelly u.a. Taxis, Busse, Vespas und für jene Zeitspanne angemessene Autos auftreiben. Für eine einzige kurze Szene, in der Avner nachts durch Pariser Straßen läuft, brauchte man rund 60 Autos, fünf Pariser Busse und etliche typische Taxis ? und das in Budapest!

?Die 70er sind eine besonders anspruchsvolle Zeit, wenn es um die Ausstattung mit Fahrzeugen geht?, meint Kelly. ?Damals baute die Industrie Autos aus minderwertigem Stahl, deshalb sind viele davon mittlerweile verrottet oder viel zu kostspielig für unser Budget.? Kelly und sein Team kauften 60 Autos in verschiedenen europäischen Ländern und lackierten sie für die jeweiligen Szenen immer wieder um. Im Einklang mit dem gesamten visuellen Stil verwendete das Team ausgeblichene, hellere Farben für die Fahrzeuge in den südlicheren Ländern und dunklere Nuancen für die nördlicheren Drehorte.

Das größte Problem konnte jedoch nicht mit dem Farbeimer gelöst werden. Kelly erinnert sich: ?Wir brauchten auf Malta Autos für Szenen, die in vier verschiedenen Ländern spielen. Auf Malta gibt es zwar einen ansehnlichen Fuhrpark aus den 70ern, aber alle haben das Steuer auf der rechten Seite, wie in England. Und mit Ausnahmen von Zypern wollten wir für die übrigen drei Länder das Steuer auf der linken Seite haben! Als wir nach Ungarn kamen, war es genau umgekehrt. In Ungarn gilt Rechtsverkehr, wir wollten in manchen Szenen aber London nachstellen, wo ja Linksverkehr gilt.?

Mithilfe einiger Tricks, ?falschen? Steuern und einem zusätzlichen Fahrer in jedem Wagen lösten Kelly und sein Team das Problem. Kostümdesignerin Joanna Johnston stand ebenfalls vor einer großen Herausforderung: Fünf unterschiedliche Looks für jeden der Männer im Team zu erschaffen, um den jeweiligen Hintergrund, die Persönlichkeit und das Alter eines jeden widerzuspiegeln.

?Jeder hat seine eigene Stimmung?, sagt Johnston. ?Carl, der ordentlich, analytisch und praktisch ist, trägt scharfe Bügelfalten, einen Mittelscheitel und sanfte Farben; er ist immer adrett und gleitet nie ab. Robert, der eher schöngeistig, künstlerisch und sensibel ist, trägt warme Farben mit weichen Mustern und Texturen und sieht eher verknittert aus. Hans ist der älteste und arbeitet als Antiquitätenhändler, also kleidet er sich eher altmodisch und konventionell. Steve ist der coolste, kleidet sich eher modisch und sieht in seiner Lederjacke und den engen T-Shirts ziemlich sexy aus. Als Vorbild für Steve hatte Steven Spielberg sich Steve McQueen gedacht.?

Die Ausstrahlung von Avners Look jedoch verändert sich im Verlauf der Geschichte. ?Um zu vermitteln, dass Avner die Kontrolle entgleitet, beginnt der Film damit, dass Avner sich fast militärisch akkurat in jugendlichem, sauberem Leinen kleidet. Dann aber verschwinden die scharfen Konturen und die warmen Farben seines Heimatlandes?, erklärt Johnston. ?Er übernimmt die langen Schatten des Nordens und erhält eine Aura des Verdachts. Am Ende trägt er Jeans in New York; so hätte er sich zuvor niemals angezogen.?

Zusätzlich zu diesen individuellen Merkmalen entwarf Johnston auch geographische Paletten für jedes Land, passend zum Produktionsdesign von Rick Carter. ?In Tel Aviv habe ich viele Muster und warme Farben eingesetzt, doch je weiter nördlich die Reise ging, desto kühler und schlichter wurde die Kleidung?, sagt sie. ?Jedes Land und jede Stadt kann durch den Stil und die Farben identifiziert werden; alles war ganz engmaschig durchchoreographiert.?

Gemeinsam mit ihrem Team erschuf sie 85 Prozent der Kostümausstattung selbst und betonte dabei nicht die ästhetischen Klischees der 70er, sondern vielmehr die damalige europäische Mode. ?Das Modeklischee der 70er heißt ?wild und verrückt?, doch in Europa kleidete man sich damals eher schön und elegant. Steven meinte, ich solle es ?ausgefeilt, aber mit einem besonderen Touch? gestalten?, erinnert sich Johnston.

?Die Kostüme von Joanna sind bemerkenswert?, sagt Schauspieler Ciaran Hinds, ?denn sie definieren nicht nur, wer diese Männer sind, sondern vermitteln auch, was sie denken.? Hinds eher philosophische und zurückhaltende Figur, Carl, trägt immer Anzug und Krawatte, oft noch einen Hut und raucht Pfeife. Hans Bekleidung lässt auf seinen Tarnberuf als Antiquitätenhändler schließen: Tweedsakko, Hemd und Strickwesten, dazu ? zu Schauspieler Hanns Zischlers Entsetzen während der heißeren Drehtage auf Malta ? ein dickes Unterhemd. Steve, der von Daniel Craig gespielt wird, ist der einzige mit modischem Gespür. ?Joanna wollte auf ihm den Einzigen machen, der typische Klamotten der 70er trägt?, sagt Craig.

?Und ich war absolut dafür. Also habe ich die Kragen und die Jeans und das Medaillon gewählt, aber alles ist insgesamt schlicht gehalten.? Für Kathleen Kennedy, Produzentin und langjährige Mitarbeiterin von Steven Spielberg, war das Design von ?MÜNCHEN? von grundlegender Bedeutung, um die Hauptaufgabe des Film erfüllen zu können: geheime Ereignisse ans Tageslicht zu bringen, die provokative und komplexe Fragen bezüglich des Wesens der Rache und der Vergeltung aufwerfen.

?Rick Carter und Joanna Johnston haben großartige Arbeit dabei geleistet, die Zeit und die Stimmungen für diesen Film einzufangen?, sagt Kennedy. ?Ihr Werk wirkt auf subtile und sehr authentische Weise; so wird der Realismus, den Steven beabsichtigte, stark betont. Vor allem wollte Steven, genau wie in ?Schindlers Liste? und ?Der Soldat James Ryan?, uns vermitteln, dass dies nicht einfach nur ein Film ist, sondern dass diese Geschichte auf Ereignissen beruht, die wirklich geschehen sind. Sollte dieser Film die Menschen weltweit zu Diskussionen anregen, dann waren wir wohl erfolgreich.?

Szenenfoto
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