Exil

Produktionsnotizen

Tony Gatlif kommentiert "Die, die uns verlassen haben, kommen stets zurück"

Dem Film liegt nicht eine besondere Idee zugrunde, sondern mein Verlangen, meine Wunden zu betrachten. Ich habe 43 Jahre gebraucht, um zum Land meiner Kindheit, Algerien, zurückzukehren. Fast 7.000 km auf der Straße, mit dem Zug, mit dem Auto, dem Boot und zu Fuß.


Der Realität ins Gesicht sehen Was EXIL angeht, mußste ich so nah wie möglich an alles herangehen ? egal ob es sich um Menschen, Tiere, Mineralien oder Pflanzen handelte. Ich wollte die physische Sinnlichkeit der Charaktere einfangen. Menschen, die einander entdecken oder voreinander flüchten, Körper, die sich kaum berühren oder aneinander hängen. Angespannte oder lustvolle Körper, schwitzende Körper, die ihre Haut und Narben bloßlegen. Charaktere, die sich in der Landschaft wiederfinden oder jenseits der Leinwand.

Mit offener und aufmerksamer Kamera wollte ich die Realität umarmen: von einem Hochhaus auf die Prachtstraße von Paris blicken oder den Friedhof in Algier wirken lassen oder den Marktplatz von Sevilla bei Sonnenaufgang filmen.

"Wo auch immer ich hingehe bin ich fremd" Naïma Die illegalen Immigranten aus Afrika, Marokko und Algerien, die in den Randgebieten Almerias leben, sind mit ihrer Wahrheit im Film zu Wort gekommen. So haben wir vom Erdbeben in Algerien während der Dreharbeiten in Sevilla erfahren. Meine Nachbarschaft, meine Schule, die Küste, an der ich als Kind geschwommen bin ? alles wurde vom Schicksal weggewischt. Es war Chaos. Durch die Geschichte von Zanos Großvater fühlte ich, wie ich meinem ersten Schullehrer emotional Tribut zollte, da er als Humanist meine Liebe zum Kino entflammte. Musik: von den Rhythmen der Stadt zum Flamenco "Musik ist meine Religion" - Zano

Musik ist Teil der Reise. Der Film ist einer Trance ähnlich, sein Höhepunkt eine sufistische kathartische Trance. Liedtexte klingen wie die Fortsetzung der Gespräche. Und Musik heilt verwundete Seelen. Musik folgt ihrem eigenen Weg. Sie reist gemeinsam mit Zano und Naïma die Straße entlang, zurück zu ihren Wurzeln. Musik hat ihre Herkunft in Zano. Es ist eine städtische, elektronische Musik mit rasendem Rhythmus.

Zano hört ihr bei großer Lautstärke zu, die Ohren ganz nah an den Lautsprechern. In Andalusien flirtet die Musik mit Macanitas Flamenco. Mit den jungen Sinti und Roma vom Projekt Tres Mil Viviendas bricht sie los auf der Carboneria, dem mythischen Platz in Sevilla, wo Jugendliche der ganzen Welt zusammen kommen, um sich nachts am Flamenco zu betrinken.

Sufismus Nordafrika ist spirituell, hier haben die Überzeugungen und der Glauben noch einen Bezug zum Unsichtbaren, zum Zauber der Welt und zum Transzendenten ? das Universum, so wird geglaubt, ist von Geistern bewohnt, die wir domestizieren oder mit Opfern und Zeichen von Respekt besänftigen müssen. Die Gemeinschaft der Sufi ist sowohl spirituell wie auch therapeutisch. Sie praktiziert rituelle Heilungen, die darauf beruhen, die Beziehungen zwischen geheimen Entitäten und besessenen Menschen zu besänftigen.

Von allen Ritualen ist die Trance am spektakulärsten, sie ist der Moment, in dem die Individuen ihrem Selbst entfliehen. Sie gewinnen genug Kraft, um ihre Behinderungen, Ängste und Frustrationen zu besiegen. Im Film beruht die Trance auf einer wahren Zeremonie. Ganz verschiedene Musiker übernahmen einen binären und nicht einen Dreiertakt wie sie es traditionell tun. Der Dreiertakt gehört zur westlichen Welt und daher war der binäre Rhythmus für Zano und Naïma besser geeignet, um sie in Trance zu versetzen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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