Ein ganz gewöhnlicher Jude

Ausführlicher Inhalt

Über die jüdische Gemeinde Hamburgs erreicht den Journalisten Emanuel Goldfarb der Brief eines ihm unbekannten Lehrers namens Gebhardt, der höflichst einen Juden einlädt, seinen Sozialkundeunterricht zu besuchen, um sich den Fragen der Schüler zu stellen. Man leitete den Brief an Goldfarb weiter, da er als Journalist sicher einen guten Erzähler abgeben würde.

Doch der 1959 in Deutschland geborene Jude will nicht vor Schülern stehen und seine Geschichte erzählen. Er stellt sich mögliche Unterrichtssituationen vor: ?Was soll ich für ein Gesicht dabei machen? Freundlich lächelnd? So? Oder besser so? Die Last von viertausend Jahren Geschichte auf meinen Schultern? Oder lieber so, dass man die Nase besser sieht??

Der Journalist setzt sich an seine betagte IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine und beginnt, dem Lehrer seine Absage zu formulieren. Was als knappe Erklärung gedacht war, entwickelt sich zu einem überraschenden Dialog zwischen Goldfarb und seinem imaginierten Gegenüber, das er sich als weltverbesserungswilligen Altachtundsechziger vorstellt - als einen wohl kurz vor der Pensionierung stehenden Gutmenschen, der sein ganzes Leben lang etwas Wieder-Gut-Machen wollte.

Goldfarb liest den Brief des engagierten Pädagogen wieder und wieder und steigert sich zunehmend in eine gedankliche Auseinandersetzung mit Gebhardt hinein, da die sprachliche Vorsicht und political correctness seines Briefes ihn wütend macht. Mit ihm als Juden gehe er um, wie mit einem Behinderten, an dessen Handicap man nicht erinnern wolle.

Er stellt sich Situationen mit den Schülern vor: ?Wie haben Sie sich das gedacht, Herr Gebhardt? dass ich mich vor Ihre Klasse hinstelle oder hinsetze, und dann sagen Sie: (...) So sieht er also aus, der Jude. Der Israelit. Der Hebräer. Schaut gut hin, liebe Kinder, und wenn ihr alle typischen Merkmale erkannt habt, dann schreiben wir einen Aufsatz darüber. Aber nicht vergessen: Es müssen die Worte ?Toleranz? und ?Versöhnung? darin vorkommen. Nicht vergessen! Toleranz und Versöhnung. Sonst kriegt ihr eine schlechte Note.?

In Goldfarbs Phantasie wird Gebhardt immer mehr zur Projektionsfigur für Deutschland und die Deutschen mit ihrer ?ekelhaften Einfühlsamkeit?. Die Absage der Einladung in den Sozialkundeunterricht wird zur Aufarbeitung seiner Erfahrungen mit diesem Land, seinen Bewohnern und seinem ganzen bisherigen Leben. Der Journalist taucht ein in seine persönliche Geschichte und die seiner Familie, seiner Eltern, erinnert die Geschichte seiner großen Liebe zu einer Nicht-Jüdin, die einem gemeinsamen Sohn das Leben schenkte, letztlich aber an der Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Lebenswelten scheiterte.

Erzählt diese Geschichten seinem unbekannten Adressaten und stellt sich dessen Gesicht vor: ?Das deutsche Betroffenheitsgesicht. Das Lea-Rosh-Gesicht. Das Gedenkansprachen-im-Bundestag-Gesicht?. Und fragt sich, wie er all diese Geschichten Gebhardts Schülern vermitteln soll, als ?ein ganz gewöhnlicher Jude. Der mit seinem Projekt, ein ganz gewöhnlicher Deutscher zu werden, kläglich gescheitert ist.?

Wenig fürchtet der sensible Intellektuelle mehr, als das Thema Israel und die ständig präsente Erwartung an ihn, sich für oder gegen die offizielle israelische Politik zu erklären. Denn ?eigentlich sei ja Israel meine wahre Heimat und nicht Deutschland. Eigentlich sei ich ja hier nur zu Besuch. Seit Generationen immer nur zu Besuch?, spricht er in sein Diktafon. Und fragt sich, woher vor allem die Deutschen sich das Recht nehmen, von Israel ein höheres moralisches Bewusstsein zu verlangen als von jedem anderen Staat im Krieg.

?Gerade ihr,? höre ich immer wieder, ?gerade ihr mit eurer Geschichte, ihr müsstet doch wissen, was es bedeutet, unterdrückt zu werden.? (...) ?Zu Deutsch: ?Jetzt haben wir euch so lange und so heftig geprügelt, und ihr seid immer noch keine besseren Menschen geworden.? Der Täter nimmt dem Opfer übel, dass es aus seiner Tat nichts gelernt hat. Es stimmt schon: Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.?

Emanuel Goldfarb scheint entschlossen, Gebhardt und dessen Schüler nicht zu besuchen. ?Was brauchen Sie mich, Herr Gebhardt? Was brauchen Sie einen echten Juden? Es gibt doch genügend künstliche.?

Er spult das Diktiergerät zurück und hört sich seine letzten Sätze noch einmal an: ??Mit einem herzlichen Shalom?. Unterschreiben Sie alle Ihre Briefe so oder nur, wenn sie an Juden gerichtet sind? Oder haben Sie einen Briefsteller auf Ihrem Schreibtisch, mit den korrekten Grußformen für alle Religionen? Ein fröhliches Halleluja für die Christen, ein freundliches Nirwana für die Buddhisten? Lecken Sie mich doch am Arsch mit Ihrem herzlichen Shalom!?

Er schaltet sein Diktafon ab, spannt ein neues Blatt in die Kugelkopf-Schreibmaschine und beginnt zu tippen. Immer schneller wächst der Stapel der beschriebenen Seiten. Als es hell wird, raucht er auf dem Balkon eine Zigarette. Dann legt er sich angezogen aufs Bett, auf dem Bauch das fertige Manuskript und ein gerahmtes Foto, das seine große Liebe Johanna und seinen Sohn zeigt.

Und eines Tages steht er doch in Gebhardts Sozialkundeunterricht vor einer aufmerksam zuhörenden Klasse von Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen. Goldfarb setzt sich. Er schluckt. Dann breitet sich langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht aus: ?Also gut?.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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