Eine zauberhafte Nanny

Produktionsnotizen

Gute-Nacht-Geschichten: Thompson und Doran treffen Nurse Mathilda Emma Thompson und Lindsay Doran arbeiten seit 1990 als ein Team im Bereich Drehbuch und Filmproduktion zusammen; kennen gelernt haben sie sich bei der Produktion von ?Schatten der Vergangenheit?, in dem Thompson die Hauptrolle spielte und Doran als Produzentin verantwortlich zeichnete. Damals suchte Doran bereits seit zehn Jahren nach jemandem, der Jane Austens ?Sinn und Sinnlichkeit? für die Kinoleinwand adaptieren sollte.

Als sie dann einige Episoden der TV-Comedy-Serie aus der Feder von Thompson ? und die passenderweise den Titel ?Thompson? trug ? sah, war Doran überzeugt, die richtige Autorin für diese Leinwandadaption gefunden zu haben, ob-wohl Emma Thompson noch nie zuvor ein Kinodrehbuch geschrieben hatte. Als große Bewunderin der Werke von Jane Austen übernahm Thompson den Auftrag kurz vor Ab-schluss der Dreharbeiten zu ?Schatten der Vergangenheit?; fünf Jahre später kam ?Sinn und Sinn-lichkeit? in die Kinos.

Der Film wurde sowohl unter den Kritikern als auch an den Kinokassen zu einem großen Erfolg und erhielt sieben Oscar-Nominierungen, darunter auch in der Kategorie Bes-ter Film; Emma Thompson wurde für die Beste Drehbuchadaption ausgezeichnet. Der Film gewann auch den Golden Globe Award in der Kategorie Best Picture/Drama sowie einen BAFTA als Bester Film. ?Emma ist eine außergewöhnliche Autorin?, erzählt Doran.

?Sie hat ein wunderbares Gespür für komödiantisches und dramatisches Tempo, und ihre Arbeit kann herzzerreißend emotional sein, oh-ne jemals ins Sentimentale abzugleiten. Außerdem verfügt sie über die bemerkenswerte Fähigkeit, historische Sprache auf eine Weise darzustellen, die völlig epochengetreu und trotzdem für das mo-derne Ohr leicht zugänglich ist. Sogar ihre Regieanweisungen sind wunderbar zu lesen. Jedes Wort ist durchdacht und präzise gewählt.?

Nach der Erfahrung mit ?Sinn und Sinnlichkeit? suchten Thompson und Doran nach einem weite-ren gemeinsamen Projekt, dem sie sich mit ebensoviel Leidenschaft widmen konnten. Doch obwohl sie oft über mögliche Ideen sprachen, war lange nicht das Richtige dabei ? bis Thompson dann wäh-rend eines Mittagessens im Jahre 1997 Doran von der englischen Kinderbuchreihe Nurse Mathilda erzählte.

?Ich hatte noch nie davon gehört?, erinnert sich Doran, die damals Präsidentin von United Artists Pictures war. ?Ich glaubte, das würde nur mir so gehen, doch später wurde mir klar, dass so-gar in England nur wenige Menschen diese Bücher kennen.?

Emma Thompson erinnert sich: ?Die Bücher fand ich bei mir im Regal. Es war nicht meine Lieb-lingslektüre, doch ich mochte sie sehr und fand die Illustrationen toll. Sie sind geistreich, voller tro-ckenem und schwarzem Humor, aber gleichzeitig sehr zartfühlend und süß. Der erste Band fiel mir vor ungefähr sieben Jahren wieder in die Hände und ich fand, es hat etwas Interessantes an sich.?

?Während jenes Mittagessens erzählte mir Emma den Grundriss der Geschichte?, berichtet Doran. ?Und ohne weitere Details zu hören, ohne die Bücher gelesen zu haben, ohne weitere Informationen als diejenigen, die sie mir gegeben hatte, fand ich die Idee für einen Film einfach fantastisch. In den folgenden Tagen reifte das Konzept in mir heran; ständig dachte ich darüber nach, wie dieses oder jenes funktionieren könnte, wie lustig und wie emotional aufwühlend es realisiert werden könnte. Das ist für mich der beste Weg, mit der Entwicklung eines Projekts zu beginnen ? in einem Zustand der positiven Anspannung und Begeisterung.?

Nachdem Doran die drei Bände (Nurse Matilda, Nurse Matilda Goes to Town und Nurse Matilda Goes to Hospital), die nicht mehr verlegt wurden, in einer Stadtbücherei aufgestöbert hatte, sicherte sie sich die Rechte für eine Drehbuchadaption durch Thompson und die Entwicklung von ?Eine zauberhaf-te Nanny? begann.

Die Kinderbücher schrieb Christianna Brand Anfang der 1960er Jahre und erzählen die Legende ei-nes merkwürdig aussehenden, magischen Kindermädchens, das eine Großfamilie mit sehr ungezoge-nen Kindern zähmt. Diese Nanny setzt Zauberei ein, um den Kindern wichtige Lektionen zu erteilen ? und wenn die Kinder eine Lektion lernen, verändert sich scheinbar auch das Aussehen des Kin-dermädchens.

Die Geschichten von Nurse Matilda wurden über Generationen hinweg in der Familie der Autorin durch Erzählungen weitergegeben. Christianna Brand war das Pseudonym von Mary Christianna Lewis, einer preisgekrönten Mystery-Autorin; sie erwähnte die Protagonistin Nurse Ma-tilda zum ersten Mal in ihrer Anthologie Naughty Children, für die ihr Cousin, der berühmte Kinder-buchillustrator Edward Ardizzone, die Illustrationen anfertigte, und nahm diese Figur dann in drei weiteren Büchern wieder auf.

Diese Bücher sind eine sprudelnde, reiche Quelle für Material, das Thompson und Doran überzeug-te; beide hatten das Gefühl, dass die Figuren, Situationen und Beziehungen von zeitloser Gültigkeit sind. ?Welche Eltern hätten nicht gerne jemanden im Haus, der ihre Kinder mit einem Wink des Zauberstabes zu guten Kindern macht??, fragt Doran.

?Wer würde das nicht wollen? Und welches Kind hätte nicht gerne jemanden zuhause, der zaubern kann ? auch wenn das Kind selbst erst einmal zum Opfer dieser Zauberei wird? Es macht einfach Spaß, jemanden um sich zu haben, der mit dem Zauberstab wedelt und einen Esel zum Tanzen bringt. Jedermann kann sich die Erfüllung eines sol-chen Wunsches gut vorstellen.?

Die Arbeit an der Adaption von Brands Büchern kostete jedoch weit mehr ?Blut, Schweiß und Trä-nen? als das Drehbuch zu ?Sinn und Sinnlichkeit?, denn bei der Textvorlage von Jane Austen über-nahm Thompson zunächst alles, um es dann zu einer Essenz zu kondensieren. Doch ?Eine zauber-hafte Nanny?, erzählt sie, ?war eher eine Eigenschöpfung, denn die Nurse Matilda-Bücher haben kei-nen Plot. Und sie umfassen so viele Genres ? Drama, Komödie, Slapstick, Farce, Gespenstisches... Der gesamte Vorgang war aufgrund dieser Vielschichtigkeit viel anstrengender als alles, was ich zu-vor geschrieben hatte.?

Während Thompson das Material zu einer Geschichte verwob, wandte sie sich oft hilfe- und trostsu-chend an Doran, genau wie während der Arbeit an ?Sinn und Sinnlichkeit?. Thompson erzählt: ?Lindsay verkörpert den Begriff ?Produzentin? in Vollendung. Ich habe mit sonst niemandem zu-sammengearbeitet, der diese Qualitäten besitzt ? denn sie ist auch eine großartige Lektorin. Meine Drehbücher wären ohne sie nicht das, was sie sind. Besonders da ich mit ?Sinn und Sinnlichkeit? noch am Anfang stand ? und ich hätte es ohne ihre Formgebung und Formulierungen niemals fer-tiggebracht. Sie ist außergewöhnlich.?

Schon sehr bald einigten sich Thompson und Doran darauf, den Namen der Nanny zu ändern. Zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, war die Bezeichnung ?Nurse? ein Synonym für ?Nanny?. ?Doch nachdem mich etliche Leute nach meinem ?Nurse-Projekt? mit Emma Thompson gefragt hatten, war klar, dass wir diese Bezeichnung abändern mußsten?, erinnert sich Doran. Außerdem gab es das Buch von Roald Dahl und die Filmadaption unter dem Titel ?Matilda?, ein weiterer Grund für die Namensänderung.

?Wir haben einige Möglichkeiten in Betracht gezogen und uns irgendwann für - im Original - ?Nanny McPhee? entschieden?, erzählt Doran. ?Es war Emmas Mutter, die Schauspie-lerin Phyllida Law, die auf ?McPhee? kam, und es klang sofort überzeugend.? Phyllida Law ist es auch, die im Originalfilm jene Worte spricht, die Mr. Brown zu Beginn etliche Male hört: ?Die Per-son, die du brauchst, ist Nanny McPhee.?

2002 waren die fünf Jahre andauernden Schreibarbeiten für das Drehbuch abgeschlossen und man machte sich auf die Suche nach einem Regisseur.

Das Baby fressen: Regisseur Kirk Jones kommt an Bord Als Doran davon hörte, dass Kirk Jones sie bezüglich der Regiearbeit für ?Eine zauberhafte Nanny? treffen wollte, erwartete sie einen viel älteren Mann. Jones war Drehbuchautor und Regisseur von ?Lang lebe Ned Devine!? (1998), hatte jedoch seitdem keinen weiteren Kinofilm gedreht. ?Viele dachten, Kirk Jones sei ein 90jähriger irischer Gentleman?, erzählt Doran.

?Das machte Sinn: Er hat-te diesen Film über irische Greise realisiert und danach hatte niemand in Amerika je wieder von ihm gehört ? also nahm man irgendwie an, er sei wohl gestorben, der arme alte Kerl. Es war ein riesiger Schock für mich als ich entdeckte, dass Kirk Jones 36 und noch nicht einmal Ire ist.?

?Lang lebe Ned Devine!? ist eine gefühlvolle Komödie, die weltweit das Kinopublikum begeisterte; sie handelt von einem alten Mann, der vor Schreck stirbt als er erfährt, dass er im Lotto gewonnen hat ? und wie das gesamte kleine irische Dorf zusammenhält, um den Gewinn zu kassieren.

?Dieser großartige Film wurde mit einem winzigen Budget gedreht?, meint Emma Thompson, ?hat dann aber an den Kassen so viel eingespielt, weil Kirk damit ein universelles Thema entwickelt hat. Und bezeichnenderweise hat er darin genau den richtigen Ton getroffen, nach dem auch wir suchten, obwohl ?Lang lebe Ned Devine!? vom Tod handelt ? aber auch in ?Eine zauberhafte Nanny? basie-ren viele der emotionalen Szenen auf dem Thema der verstorbenen Mutter, und viele der komödian-tischen Szenen auf Mr. Browns Job beim Bestattungsinstitut.?

Genau diese Fähigkeit, in düsteren Situationen die lustige Seite aufzuspüren und Gefühle und Menschlichkeit in ein verrückt-witziges Szenario einzubringen, war es, die Jones für Doran interes-sant machte. ?Der Humor in ?Lang lebe Ned Devine!? lässt einen lauthals auflachen?, erzählt sie.

?Man lächelt nicht bloß, sondern bricht in schallendes Gelächter aus, und das ist mir sehr wichtig. Die Zuschauer haben diesen Film geliebt, er war weltweit ein großer Erfolg, denn die Geschichte funktioniert überall. Genau nach dieser universellen Gültigkeit strebten wir auch mit ?Eine zauber-hafte Nanny? ? und es war eindeutig, dass Kirk instinktiv genau das gewährleisten konnte.?

Jones ist ein erfolgreicher und preisgekrönter Werbespotregisseur, der u.a. 1996 mit dem Silbernen Löwen in Cannes ausgezeichnet wurde; seit ?Lang lebe Ned Devine? war er auf der Suche nach ei-nem Projekt, an das er glaubte. ?Nach der Regie an meinem ersten Film fiel es mir sehr schwer, mich für ein weiteres Projekt zu begeistern?, erklärt er. ?Ein Drehbuch zu finden ist wie ein Haus zu kau-fen ? es kann Jahre dauern, bis man das Richtige findet, die Entscheidung kann Verwirrung stiften, doch wenn man es betritt, fühlt man sich sofort wie zuhause.?

Jones reagierte auf Thompsons Drehbuch genau wie Thompson und Doran auf ?Lang lebe Ned Devine? reagiert hatten. Das Gefühl der Erleichterung, das richtige Drehbuch gefunden zu haben, war unglaublich groß. ?Als ich ?Eine zauberhafte Nanny? las, wusste ich sofort, dass dies ein Film war, bei dem ich wirklich gerne Regie führen wollte?, meint Jones. ?Das Drehbuch steckte voller Sinn für Theatralisches, voller Magie, Charme, Humor und Gefühl ? doch vor allem war es offen-sichtlich, dass dieses Script so kunstvoll gefertigt und gepflegt worden war, sodass es schon wie ein Klassiker wirkte.?

?Dies ist das perfekte Einsatzgebiet für Kirk?, sagt Glynis Murray, die seit über einem Jahrzehnt Jo-nes Mitarbeiterin in der Produktion ist und für ?Eine zauberhafte Nanny? als Ko-Produzentin fun-gierte. ?Kirk porträtiert Menschen auf sehr unverfälschte Weise; er besitzt die Fähigkeit, die gesamte Figur zu erfassen, nicht nur die übertriebensten Charakterzüge.?

Doran erkannte diese Tugenden in Jones bereits bei ihrem allerersten Treffen, als er erzählte, eine seiner Lieblingsfiguren in diesem Drehbuch sei Mr. Browns Stuhl. ?Kirk sprach mit unglaublicher Leidenschaft von diesem Möbelstück?, erzählt Doran. ?Er sagte, dass, wenn er seinen Job richtig macht, dieser Stuhl eine Nominierung als Bester Nebendarsteller bekommen würde. Er verstand ein-deutig die Gefühle, die damit zusammenhingen, und wusste ganz genau, warum es zugleich lustig und ergreifend ist, wenn Nanny McPhee sich vor dem Stuhl verneigt, als sitze dort jemand.?

?Das war ein Detail an diesem Drehbuch, das mich total faszinierte?, erklärt Jones. ?Mr. Brown saß abends immer gerne vor dem Kaminfeuer und unterhielt sich mit seiner Frau. Und obwohl sie be-reits vor einem Jahr verstorben ist, tut er genau das auch weiterhin, indem er sich mit dem kleinen rosafarbenen Stuhl unterhält, in dem sie üblicherweise saß. Meiner Meinung nach hat es Emma ge-schafft, ein lebloses Objekt zu einer der wichtigsten, ergreifendsten und unvergesslichsten Figuren des gesamten Films zu machen.?

Jones? Sorge um Mrs. Browns Stuhl setzte sich auch während der Dreharbeiten fort, besonders als dieser Stuhl bei einem Sturz ?verletzt? wurde. ?Colin fiel während der Tee-Szene darauf, und eines der Beine brach ab?, erinnert er sich. ?Der Tischler bohrte in den Stuhl hinein, um das Bein wieder zu befestigen; ich stand dahinter und wich dem Stuhl während der gesamten Operation nicht von der Seite.?

Jones? großes Einfühlungsvermögen in die Materie verlieh dem Projekt eine neue Perspektive und Tiefe, wie sie Thompson selbst nicht vermutet hätte: ?Man schreibt kein Drehbuch, um es zu kon-servieren, sondern versucht, es so gut wie möglich aufzubauen, damit der Regisseur dann eingreifen und es verändern kann, die Essenz jedoch erhalten bleibt, wobei sich das ursprüngliche Script aber verbessert. Es geht darum, für die Regiearbeit jemanden zu finden, der die eigene Vision und Emp-findungen ergänzt.?

?Außerdem?, fügt sie hinzu, ?stammt die wunderbare Idee, die Kinder vorgeben zu lassen, dass sie das Baby fressen, von Kirk. Er fand in einem der Nurse Matilda-Bücher eine Szene, in der die Kinder so tun, als würden sie einen Jungen verspeisen, und wollte so etwas unbedingt auch in den Film ein-bauen.?

Die Ungezogenheit der Kinder auf die Spitze zu treiben, war für Jones ein besonderer Genuss. ?Statt die Türklinken mit Klebstoff zu bestreichen, haben wir die Klinken mit Elektrokabeln unter Strom gesetzt?, berichtet er. ?Es war mir auch wichtig, dass Mrs. Quickly beim Teetrinken diesen Wurm nicht nur zum Mund führt, sondern auch wirklich hineinbeißt. (Celia Imrie nahm während der Dreh-arbeiten tatsächlich einen Wurm in den Mund.) Da ich selbst zwei Söhne habe weiß ich, dass Kinder auf echt fiese Dinge sehr positiv reagieren.?

Vom ersten Tag an machte Thompson klar, dass sie zwar als Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin stark in das Projekt involviert war, dies jedoch Jones? Film sein sollte. ?Ich hatte keinerlei Bedenken, sie im Verlauf der Dreharbeiten auch auf Veränderungen anzusprechen?, erzählt der Regisseur.

?Sie arbeitet sehr hart daran, das bestmögliche Drehbuch zu verfassen, doch nach Beginn der Dreharbei-ten kann sich herausstellen, dass etwas geändert werden mußs, eine bestimmte Szene nicht wie erwar-tet funktioniert oder ein Dialog umgeschrieben werden mußs ? und sie hat sich der Dinge ange-nommen. Sie empfindet die Worte nicht als in Stein gemeißelt und verändert auch mal etwas, wenn das eine Verbesserung bedeutet. Ich sagte zum Beispiel: ?Emma, wir brauchen vier weitere Zeilen Text?, sie schrieb das - und es war brillant. Kein Grübeln, kein Nachschlagen, keine Diskussion. Sie war perfekt eingestimmt auf jede einzelne der von ihr geschaffenen Figuren.?

Der Zen-Meister: Nanny McPhee neues Leben einhauchen Nach der Fertigstellung des Drehbuchs inklusive der Einarbeitung von Jones Änderungen war Thompsons Arbeit an ?Eine zauberhafte Nanny? jedoch erst halb getan. ?Sie hatte von Beginn an gesagt, dass sie die zauberhafte Nanny spielen will?, erinnert sich Doran. ?Diese Rolle machte ihr großen Spaß.?

Für eine Schauspielerin, die in ihrer gesamten Karriere auf der Bühne und auf der Leinwand für prägnante, komödiantische und sehr menschliche Porträts bekannt ist, bedeutet die Darstellung die-ser ?zauberhaften Nanny? einmal etwas ganz anderes. Thompson vergleicht diese Figur mit einem fernöstlichen Zen-Meister: Von dem Augenblick an, als Nanny McPhee vor der Tür steht, interagiert sie mit dem chaotischen Familienleben, indem sie auf ihre absolute innere Gelassenheit zurückgreift.

?Sie ist eine Art Chimäre, verfügt jedoch über eine starke Präsenz?, beschreibt Thompson. ?Ein Zen-Meister zu sein bedeutet nicht, dass man ein Vakuum darstellt, sondern eine Atmosphäre er-zeugt, in der nichts verurteilt wird. Dadurch erlangt man ungeheuer großen Einfluss, denn die Men-schen gewinnen einen Freiraum, in dem sie sich selbst erkennen und spüren ? so, wie sie es unter normalen Umständen niemals können.?

Thompson betont, dass diese Nanny den Browns nie sagt, was sie tun sollen; vielmehr verwendet sie ihre außergewöhnlichen Methoden, um der Familie die Richtung zu weisen und wieder Vertrauen zu geben, damit sie selbst den richtigen Weg finden. ?Bei einem Zen-Meister dreht sich alles um die Auflösung des Egos?, sagt sie. ?Nanny McPhee hat überhaupt kein Ego. Da ist keine Person, so wie wir uns eine Person vorstellen, sondern von Beginn an ausschließlich eine immerwährende Quelle der Ruhe, des Friedens und der selbstlosen Liebe.?

Im Drehbuch hielt sich Thompson sehr genau an Christianna Brands Beschreibung der Hauptfigur sowie an die schlichten und doch so präzisen Illustrationen von Edward Ardizzone. Dieser besonde-ren Figur neues Leben einzuhauchen, sollte jedoch für alle eine Herausforderung werden. Vom ers-ten Konzept bis hin zur Produktion dauerte diese Reise schon sieben Jahre ? nun endlich konnte sich Emma Thompson in der Kostümprobe zum ersten Mal vollständig in die Nanny verwandeln, inklusive der großen Ohren, haarigen Warzen, dem buschigen Augenbrauenbalken und dem, was Christianna Brand als ?eine Knollennase wie zwei Kartoffeln und ein Zahn wie ein Grabstein? be-schrieb.

Verantwortlich für diese Verwandlung war der Oscar-preisgekrönte Make-Up-Artist Peter King. Die Schauspielerin trug unter der Kleidung noch Körperpolster, darüber ein dramatisches und gleichzeitig sonderbar ausgefallenes Kostüm, das von Nick Ede entworfen wurde. ?Zwei Tage vor Beginn der Dreharbeiten tauchte plötzlich diese völlig fremde Person auf und stellte sich als Nanny McPhee vor?, erinnert sich Jones.

Alle Schauspieler und der gesamte Stab sahen mit eigenen Augen, wie die Figur zum Leben erwachte. ?Als sie das Set betrat, waren wir gerührt?, erinnert sich Doran. ?Die Figur entstand bereits durch den Look. Sie sprach, klang, bewegte sich und neigte den Kopf eben genau wie Nanny McPhee. Sie blinzelt nicht. Sie schaut die Menschen an, als hätte sie niemals zuvor einen Menschen gesehen, beo-bachtet einen mit diesem übernatürlichen, außerirdischen Blick. All das war zuvor, während der Pro-ben mit den Kindern, noch nicht greifbar gewesen.?

?Wir sahen diese breite, fette Kreatur im schwarzen Kostüm, mit zwei Warzen und einer Nase wie eine zerquetschte Tomate, und Holly und Sam meinten nur: ?Huch, wer ist denn das???, erinnert sich die zwölfjährige Eliza Bennett, die Tora spielt. ?Und diese Dame meinte dann: ?Hallo, ich bin Nanny McPhee.??

Jones fügt hinzu: ?Das war einfach nicht Emma. Die meisten Schauspieler, auch wenn sie in ihrer Darstellung absolut überzeugend sind, kann man unter der jeweiligen Oberfläche immer identifizie-ren. Aber als ich die Nanny sah, wirkte sie so echt, dass ich darin keinesfalls Emma Thompson er-kennen konnte. Am Set war ein ganz anderer Mensch, jemand, den ich noch nie zuvor getroffen hat-te... und ich war mir nicht sicher, ob ich sie mögen sollte.?

?Sie hat so getan, als hätte sie Emma Thompson ermordet?, erinnert sich Daykin lachend. ?Also sag-ten alle Kinder nur: ?Ach, die zauberhafte Nanny ist am Set.??

Der verzweifelte Träumer: Colin Firth spielt Mr. Brown ?Wir brauchten jemanden, der als Vater von sieben Kindern glaubwürdig wirkt, gleichzeitig aber ein verträumter Romantiker ist, denn die Liebesgeschichte ist ebenso wichtig.? Kirk Jones hatte keinerlei Zweifel bezüglich seiner Idealbesetzung für diese Rolle: ?Colin Firth stand auf meiner Liste immer ganz oben.?

Schauspieler Firth wurde sowohl für seine Darstellung in dramatischen Rollen (?Das Mädchen mit dem Perlenohrring?) als auch in romantischen Komödien (?Bridget Jones ? Schokolade zum Frühstück?) allseits gefeiert und war genau der richtige Mann für diese Gratwanderung in ?Eine zau-berhafte Nanny?.

?Zu den interessantesten Dingen, die eine Geschichte leisten kann, gehört die Fä-higkeit, uns zum Lachen, dann zum Weinen zu bringen und dann umgekehrt?, erzählt Firth. ?Das ist unglaublich kraftvoll; für jeden Schauspieler ist es großartig, Teil einer solchen Geschichte zu sein.?

Thompson meint: ?Colin ist wahrscheinlich einer der wenigen britischen Schauspieler, der die Anla-gen für zutiefst witzige Komödien und auch für romantisches Drama in sich vereint.? Jones fügt hinzu: ?Er traf sowohl bei den breit angelegten Witzen als auch bei der Empfindsamkeit der Figur voll ins Schwarze. Viele Schauspieler können zwar diese beiden Emotionen erzeugen, doch nur we-nige können sie so wirkungsvoll kombinieren.?

Als er das Drehbuch las, fühlte sich Firth wie ein Kind, dem man eine Geschichte erzählt: ??Eine zauberhafte Nanny? bietet alles, was man von einer guten Geschichte erwartet ? all die Dinge, nach denen man sich als Kind bei einer Geschichte sehnte. Man wollte sich ein wenig fürchten, oder sogar sehr fürchten, und man wollte vielleicht ein bisschen Romantik. Dies ist eine gute, solide Geschichte.

Darin wird die Zeit nicht zurückgedreht, und man dringt auch nicht in impressionistisches Terrain vor. Die Story ist sehr witzig, ziemlich bedrohlich, handelt von Liebe und hat ein Happy-End. Sie beinhaltet also eine Fülle dieser grundlegenden, eher altmodischen Elemente und arbeitet dabei auf sehr hohem Niveau. Man hofft, dass Kinder diese Geschichte mit großen Augen verfolgen werden und gar nicht genug davon bekommen können, denn genauso ist es mir ergangen.?

Mr. Brown ist Witwer und Vater von sieben Kindern ? und mit der Situation eindeutig überfordert. Er hat keinerlei Vertrauen in sich selbst oder in seine Kinder ? und anfangs auch nicht in die merk-würdige Gestalt, die vor seiner Haustür auftaucht. Auch sein Liebesleben besteht aus Verwirrung; er schwankt zwischen der Sehnsucht nach seiner verstorbenen Frau und dem Bedürfnis, sich für das eigene Wohl und das Wohl seiner Kinder von der Vergangenheit zu lösen.

?Mr. Brown ist d er leid-geprüfte Vater von sieben extrem frechen Kindern; er liebt sie alle bis zur Selbstaufgabe?, erklärt Firth. ?Ich glaube, er ist ein sehr sentimentaler Mann, der seinen Kindern nichts abschlagen könnte, und da er noch nicht lange verwitwet ist, liegt es nun an ihm, für Ordnung zu sorgen und sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen.?

Der Schauspieler fährt fort: ?Diese Geschichte spielt in einer Zeit, als Menschen, die Schulden hat-ten, ein wirklich grauenhaftes Schicksal drohte. Für Mr. Brown bedeutet dies das Schuldnergefängnis, auf die Kinder wartet das Armenhaus, und die gesamte Familie würde auseinandergerissen. Hier geht es natürlich um schwarzen Humor, doch sein echtes Dilemma entsteht dadurch, dass der Vater das alles vor den Kindern verschweigen will, er darf ihnen seine Angst nicht zeigen und möchte ihnen nur sein lächelndes Gesicht zumuten.?

?Mr. Brown ist sehr friedliebend, seine Kinder aber nicht?, meint der neunjährige Schauspieler Raphael Coleman, der den besserwisserischen Eric spielt, den zweitältesten der Brown-Söhne. ?Die Kinder sind echt gemein; sie sind einfach nur böse. Und der Vater ist das genaue Gegenteil.?

Die Darstellung des Vaters von solch gemeinen Kindern verlangte Firth auch physische Komödien-einlagen ab; laut eigener Aussage war dies sowohl anstrengend als auch beängstigend: ?Es ist schon paradox, dass die scheinbar einfachsten und albernsten Dinge in Wahrheit oft für die größten Schwierigkeiten beim Drehen sorgen.? Doch seine Mühen haben sich ausgezahlt.

?Er hat uns alle zum Lachen gebracht und eine Performance abgeliefert, die warmherziger und mitreißender ist als alles, was er je zuvor gemacht hat?, meint der Regisseur. ?Colin war bezüglich der komödiantischen Aspekte äußerst feinfühlig; er hat, wenn nötig, auch dicker aufgetragen, doch wenn seiner Meinung nach die Gefahr der Übertreibung drohte, bestand er darauf, eher die leisen Töne einzusetzen.?

Im Verlauf der gesamten Dreharbeiten verließ sich Firth auf Jones, der den ruhenden Pol inmitten der wahnwitzigen Action bildete: ?Das ist eine große Kraft?, meint Firth. ?Kirk macht keine Kom-promisse und weiß genau, was er will, ist jedoch gleichzeitig sehr großzügig und erlaubt es den ande-ren, ihre Phantasie spielen zu lassen. Wenn man etwas anderes ausprobieren möchte, wird er einem immer einen Versuch gestatten, doch er ist sehr bestimmt, wenn es darum geht, auf welche Weise gedreht werden soll.?

Die ledige Tante, die Witwe, die Bestatter und die Köchin: Die Schauspieler Mr. Browns schreckliches Dilemma wird von den Forderungen der herrischen Großtante Adelaide Stitch noch verschärft. Gespielt wird diese Figur von der renommierten Darstellerin Angela Lansbury, die hier ihre erste Kinorolle seit 20 Jahren übernimmt. ?Tante Adelaide ist wie die böse Hexe aus dem Zauberer von Oz?, beschreibt Lansbury ihre Rolle.

?Eigentlich i st sie der Erzfeind, verpackt dies jedoch in Sätze wie ?Ich breche niemals mein Wort?. Man beobachtet sie voller Erstau-nen, denn man sieht ihre unglaubliche Nase, so wie die von Lord Nelson, und ihren kleinen roten Mund ? der bösartigste Mund, den man jemals im Leben gesehen hat. Diese Rolle zu spielen bereitet mir sehr viel Vergnügen, denn es ist wie eine Rückkehr zu den Figuren, die ich seit langem nicht mehr verkörpert hatte.?

Lansbury ist besonders als Jessica Fletcher aus der langlebigen TV-Serie ?Mord ist ihr Hobby? welt-weit bekannt und wird von Millionen Fans verehrt; dieser Ruhm macht manchmal sogar ihre legen-däre Karriere als Grande Dame des Theaters und des Kinos vergessen: Sie ist viermalige Tony-Preisträgerin - ausgezeichnet für ihre Broadway-Auftritte in ?Gypsy?, ?Dear World? und ?Sweeney Todd? ? und wurde drei Mal für einen Oscar nominiert, und zwar für ?Das Haus der Lady Alquist?, ?Das Bildnis des Dorian Gray? und in der Rolle als manipulative Mutter in ?Botschafter der Angst?.

?Selbstverständlich küsse ich den Boden, über den sie wandelt, und bin mit ihren Filmen aufgewach-sen?, sagt Thompson. ?Wir haben nicht wirklich daran geglaubt, dass wir sie engagieren würden können. Aber sie wollte Tante Adelaide unbedingt spielen, denn sie wusste, dass sie dann diese furchteinflößende, schreckliche Frau würde verkörpern können, und das hat sie angespornt. Sie ist eine fantastische Frau und eine großartige Künstlerin.?

Firth stimmt zu: ?Sie hat unglaublich viel Sinn für Humor, sehr viel Erfahrung und keine Angst, sich selbst zum Affen zu machen. Als Tante Adelaide hat sie mir wirklich Angst eingejagt, besonders mit dieser Nase und dem riesigen Hut.? Jennifer Rae Daykin erzählt, dass alle Kinder sich gerne um Lansbury scharten, doch genauso gerne taten sie, als würden sie Tante Adelaide hassen: ?Wir Brown-Kinder haben alle gerne mit ihr zusam-mengearbeitet. Es hat uns gefallen, sie nicht zu mögen, denn es machte Spaß, ihre Gemeinheiten zu ertragen.?

In weiteren Nebenrollen sehen wir etliche renommierte Schauspieler, darunter Celia Imrie als die schrille Mrs. Quickly, die Mr. Brown heiraten möchte, um Tante Adelaides Bedingung nachzukom-men. ?Mrs. Quickly findet sich ziemlich attraktiv?, beschreibt Imrie. ?Die Kinder und jeder andere in der Stadt finden sie grässlich, doch sie zu verulken, macht natürlich großen Spaß.?

Imelda Staunton spielt die Köchin Mrs. Blatherwick, die sich mit militärischem Eifer ihrer Arbeit widmet. ?Seit 15 Jahren wirkt sie in diesem Haushalt?, erzählt die Oscar-nominierte und für ?Vera Drake? auch BAFTA-preisgekrönte Schauspielerin. ?Ständig glaubt sie, endlich kündigen zu müssen, aber sie ist schon so lange Teil der Familie und hat in der Küche das Kommando. Diese Rolle ist ei-ne großartige Gelegenheit für mich, in dieser tollen Küche genervt und knurrig zu sein.?

?Imelda war ein Wüterich?, sagt Kelly Macdonald, die die Küchenmagd Evangeline spielt. ?Sie ist einfach verrückt. Sie trägt diese verrückte rote Lockenperücke und hat dieses irre, rote Gesicht. In diesem Film gibt es so viele großartige, lustige, talentierte Schauspieler ? ich empfinde es als Privileg, hier mitwirken zu können.?

Staunton hat das ihre dazu beigetragen, um vor als auch neben und hinter der Kamera die humorvol-le Atmosphäre aufrechtzuerhalten, genau wie Thompson. ?Wir alle wussten, dass Imelda für ?Vera Drake? mit Preisen überhäuft werden würde ? also dachten wir, holen wir sie ins Boot, solange wir noch können!?

Weitere Darsteller sind Derek Jacobi und Patrick Barlow in den Rollen der boshaften und spaßigen Bestatter Mr. Jowls und Mr. Wheen, mit denen Mr. Brown im Bestattungsunternehmen Midgewaller & Sons zusammenarbeitet. Barlow meint: ?Wir sind Kollegen und ziehen Mr. Brown mit Späßen auf, die wir zwar ulkig finden, er jedoch ganz und gar nicht.? Jacobi ergänzt: ?Wir tun nur das: fertigen Särge an und versuchen, Mr. Brown zum Lachen zu bringen.?

?Es war ein besonderes Vergnügen, Derek engagieren zu können?, sagt Jones über einen der re-nommiertesten britischen Schauspieler. ?Als er an Bord kam, bestand seine Rolle lediglich aus sechs Zeilen Text. Während der Hochzeits-Sequenz war er jeden Tag anwesend; ich bin sehr dankbar da-für, dass er an diesem Film mitgewirkt hat.?

Die Tatsache, dass große Schauspieler sogar kleinere Rollen übernommen haben, macht für Jones diesen Film nur noch besser: ?Zu den tollen Dingen an Emmas Drehbuch gehört die Tatsache, dass sie auch die kleinen Rollen sehr, sehr attraktiv gestaltet. Sie schreibt Figuren, die große Schauspieler gerne übernehmen möchten, ganz egal wie klein die Rolle ist.?

Lansbury war belustigt und begeistert von Thompsons zweifacher Aufgabe während der Dreharbei-ten. ?Das ist eine seltene und ungewöhnliche Situation, doch diese gesamte Produktion ist ja selten und ungewöhnlich?, erklärt sie. ?Wenn man auf eine solche Gruppe von Menschen trifft, die sich mit ganzem Herzen einer originellen und neuen Arbeitsweise widmen, dann wird man Zeuge von wunderbar kreativer Magie.?

Lansbury bekam von Thompson noch etwas ganz anderes ? denn Thompson war es, die dazu auserkoren wurde, neben der Kamera zu stehen und Tante Adelaide auf einem der Höhepunkte des Films eine Torte ins Gesicht zu werfen. Angela Lansbury hatte in ihrer 70jährigen Schauspielkarriere noch nie eine Torte ins Gesicht bekommen; Thompson traf schon beim ersten Versuch ? doch beide Frauen gaben zu, erleichtert gewesen zu sein, als alles vorbei war.

Verbotene Toasts: Die Kinder in ?Eine zauberhafte Nanny? Mr. Brown offenbart seinen Kindern seine Sorgen zwar nicht ? doch die Kinder teilen sich ihm auf ihre eigene Weise mit. ?Das sind die ungezogensten Gören in der Geschichte der Menschheit, aber dafür gibt es einen Grund?, meint Doran. ?Sie sind eigentlich wundervolle Kinder, befinden sich je-doch in einer schrecklichen Lage; deshalb benehmen sie sich so furchtbar. Sobald die Nanny das er-fasst hat und dementsprechend mit ihnen umgeht, erkennt man, was für süße Kinder das in Wahr-heit sind.?

Um diese entscheidende Mischung aus Liebreiz und Frechheit zu erschaffen, ließ Casting-Leiterin Pippa Hall viele Kinder vorsprechen, um diejenigen ausfindig zu machen, die sowohl ihre eigene Persönlichkeit als auch die gesamte Filmfamilie zur Geltung bringen konnten.

Die Suche wurde auf den Südosten von England beschränkt, um zu gewährleisten, dass alle mit dem selben Akzent sprachen; gecastet wurden sowohl professionelle Kinderdarsteller als auch Laien aus dem Kindertheater und absolute Schauspielneulinge, die auf einen Aufruf hin zum Vorsprechtermin kamen.

?Kirk hat auch selbst Videos ausgewertet, ich habe sie mir angeschaut und Lindsay ihrerseits auch; danach sprachen wir darüber, wen wir zu einem weiteren Vorsprechen einladen würden?, erzählt Glynis Murray. ?Meistens waren wir der gleichen Meinung. Wenn zwei oder mehr von uns dachten, ein Kind wäre geeignet, dann haben wir es noch mal vorsprechen lassen.?

Aus dieser ersten Auswahl erstellten die Filmemacher eine Kandidatenliste; die Kinder wurden für ein paar Wochen in einen Workshop eingeladen, wo sie bei der Arbeit als Individuen und als Gruppe beobachtet wurden. Im Ergebnis wurde eine gemischte Besetzung aus erfahrenen und unerfahrenen Darstellern zusammengestellt.

Das älteste der Kinder wird von dem Schauspieler mit der meisten Erfahrung gespielt. Thomas Sangster war in ?Tatsächlich?Liebe? Liam Neesons Sohn und verkörpert nun Simon. ?Simon ist der Anführer und erfindet all diese fiesen Provokationen?, erklärt der 14jährige Darsteller. ?Außer-dem sondert er sich von den anderen, viel jüngeren Geschwistern ab; er kümmert sich zwar um sie, doch eigentlich ist er immer ziemlich traurig.?

Die übrige Gruppe etablierte sich auch, wobei jeder Einzelne die eigenen Merkmale einbrachte, von denen die Filmemacher hofften, sie würden sich auch auf die jeweiligen Rollen übertragen. Zur geist-reichen und fantasievollen Rasselbande der Brown-Kinder gehören auch Eliza Bennett als Tora, das älteste und verantwortungsbewussteste Mädchen; Raphael Coleman als Eric, der altkluge Frechdachs; Jennifer Rae Daykin, die romantische Lily; Sam Honywood als Sebastian, der nur ans Essen denkt; Holly Gibbs als Christianna, die den Verlust der Mutter am deutlichsten verkörpert; die Zwillinge Hebe und Zinnia Thomas als Baby Agatha.

Regisseur Jones engagierte die Schauspieltrainerin Celia Bannerman, um während des Castings und der Dreharbeiten mit den Kindern zu üben. Bannermans Aufgabe war es, die Kinder dazu zu brin-gen, ihre Rollen und die Geschichte zu verstehen; Jones oblag es dann, ihre Darstellungskünste vor der Kamera anzuregen. Der Regisseur hat selbst zwei Söhne und daher auch viel Geduld; so konnten die Kinder professionell schauspielern und gleichzeitig ihrer Lebensfreude freien Lauf lassen.

?Mei-ner Meinung nach ist es sehr wichtig, mit den Kindern nicht übermäßig freundschaftlich umzuge-hen?, sagt Jones. ?Sie müssen wissen, dass sie hier sind, um einen Job zu erledigen. Ich habe immer zu ihnen gesagt: ?Ihr kommt als professionelle Schauspieler vor die Kamera?, und sie wachsen an die-ser Herausforderung. Sie genießen diese Verantwortung.?

Von Beginn an stellte er außerdem fest, dass diese Rollen bis ins kleinste Detail ausgefeilt sind, was das Verhalten der Kinder angeht. Als Mr. Brown die Kinder ohne Abendessen ins Bett schickt, ist der verfressene Sebastian entsetzt: ?Ich spiele hauptsächlich einen ständig hungrigen Jungen?, erklärt der siebenjährige Darsteller. ?Er schleicht sich mit den anderen immer in die Küche; dort tut er manchmal echt total fiese Sachen.?

Als die Küchenmagd Evangeline das Kinderzimmer betritt, fragt Sebastian: ?Könntest du mir etwas verbotene Toasts und Marmelade bringen?? Als sie ihn ignoriert, ändert er seine Taktik: ?Okay, ver-giss die Marmelade; bring mir nur verbotene Toasts!?. ?Kirk fand dieses Detail toll?, sagt Doran. ?Diese wunderbaren Beobachtungen des menschlichen Verhaltens sind es, die Emmas Texte so gut machen.?

Emma Thompson beschreibt die zwölf Wochen andauernden Dreharbeiten zusammen mit so vielen Kindern als ?blinder Horror?. ?Ein Film-Set ist keine kinderfreundliche Umgebung?, erklärt sie. ?Es ist dunkel, staubig, heiß, sie müssen sich konzentrieren, still sein und vor allem schauspielern.?

Für jeden Drehtag mit den Kindern machte sich Regisseur Jones vorher bewusst, was alles schief gehen könnte. ?Es gibt große Einschränkungen in Bezug auf ihren Schulbesuch und die erlaubten Arbeitszeiten. Ich habe mich kurz mit ihnen unterhalten und gesagt: ?Denkt einfach daran, warum wir hier sind.? Das sind tolle Kids. Sie haben gerne Spaß und machen auch Quatsch, aber sobald sie den Drehort betreten, betragen sie sich im Allgemeinen sehr gut. Ich bin von ihren Darstellungen begeistert.

Thompson fügt hinzu: ?Sie sind fabelhaft mit allem zurechtgekommen. Im Lauf der Mo-nate fand ich es interessanter, sie zu beobachten als irgendjemanden sonst, denn sie sind einfach umwerfend und mitreißend.? Lansbury fügt hinzu: ?Die Kinder sind die Stars der Geschichte; sie sind so überzeugend und charmant, dass es wirklich hart ist, fies und gemein zu ihnen zu sein.?

Der Wunsch nach einem märchenhaften Happy-End gilt auch für die Kinder. Thompson meint: ?Die Kleinen fühlen sich so glücklich, wenn die Erwachsenen sich lieben. Kinder wollen, dass die liebenden Erwachsenen sich auch gegenseitig lieben ? beides ist meiner Meinung nach für sie fast gleich wichtig. Ihre Mütter oder Väter zu sehen, wie sie lieben und geliebt werden, vermittelt Kin-dern alles, was sie zu diesem Thema später wissen müssen.?

Von der Küchenmagd zur Märchenprinzessin ?Arme Evangeline!?, schreibt Christianna Brand in ihrem ersten Nurse Matilda-Buch über die Magd der Brown-Familie. ?Sie wurde von den übrigen arg drangsaliert, doch sie war ein gutmütiger kleiner Knubbel und ich glaube, es hat ihr nicht wirklich etwas ausgemacht.? In Emma Thompsons Adapti-on wurde aus dem gutmütigen Knubbel eine erwachsene Frau, gespielt von Kelly MacDonald, der jungen Schauspielerin aus ?Trainspotting?, ?Wenn Träume fliegen lernen?, ?Gosford Park? und ?The Girl in the Café?; und der Filmmagd macht es sehr wohl etwas aus, von den anderen drangsa-liert zu werden.

Sie liebt Mr. Brown, doch er scheint sie nicht einmal zu bemerken. Sie liebt die Kin-der, doch die tun diese Zuneigung als Teil ihres Jobs ab. Bei der Arbeit gibt sie ihr Bestes, erntet von der missmutigen Köchin jedoch nur Kritik. Und sie sehnt sich danach, eine ?feine Dame? zu wer-den, die ein Gentleman lieben kann ? weiß jedoch, dass dies ein unerreichbarer Traum bleiben mußs. Nur die Nanny scheint Evangelines traurige Sehnsucht zu erkennen, bewahrt jedoch Stillschweigen darüber, wie auch über alle anderen Angelegenheiten des Brown-Hauses.

MacDonald beschreibt Evangeline als ?genervte kleine Person. Sie mußs viel zu viele Hausarbeiten verrichten; das Geld ist eher knapp, und als Personal gibt es nur die Köchin und die Magd. Sie kann nicht lesen, und das bereitet ihr echte Probleme, also lernt sie es von der kleinen Lily, und deswegen schämt sich Evangeline.?

Anders als Mr. Brown weiß Evangeline instinktiv, wie sie mit den ungezogenen Kindern umgehen mußs. Sie weiß genau, wann sie streng sein mußs und wann sie über deren Streiche lachen kann. ?Ihr habt Windpocken gemacht!?, meint sie fröhlich, als sie die von Rotstift-Punkten übersäten Gesichter der Kleinen sieht, die vorgeben, krank zu sein. Im Verlauf der Geschichte verlässt Evangeline das Haus, kehrt jedoch als feine Dame zurück.

?Evangeline beginnt als schmuddelige Küchenmagd und wird dann zur Märchenprinzessin?, erklärt Doran, ?doch Mr. Brown bemerkt keinen Unterschied ? und das ist eines der Themen dieser Ge-schichte. Es gibt ein norwegisches Sprichwort: Das, was geliebt wird, ist immer wunderschön. Und das bezieht sich nicht nur auf die Art, wie die Familie Nanny McPhee sieht, sondern auch darauf, wie Mr. Brown Evangeline betrachtet. Und darauf, wie die Kinder über eine Stiefmutter denken ? denn es war ihnen niemals in den Sinn gekommen, dass ihre Stiefmutter jemand sein könnte, den sie lie-ben.?

Was geliebt wird: Die Verwandlung von Nanny McPhee Als Nanny McPhee bei den Browns eintrifft, sind die Kinder sofort misstrauisch. ?Die Kinder mö-gen sie nicht wirklich?, sagt die neunjährige Jennifer Rae Daykin, die Lily spielt. ?Sie finden sie häss-lich, wirklich gemein und denken, sie könnte eine Hexe sein. Sie ist eine gespenstische, furchteinflö-ßende Nanny.? Nanny McPhee will der Familie fünf scheinbar einfache Lektionen vermitteln: Geht schlafen, wenn man es euch sagt. Steht auf, wenn man es euch sagt. Zieht euch an, wenn man es euch sagt. Hört zu. Tut das, was man euch sagt.

Mit jeder Lektion gibt es ein wenig Zauber, ein Abenteuer, und für die Kinder die Notwendigkeit, ihren eigenen Erfindungsreichtum und ihre Klugheit einzusetzen, um die Dinge zu klären. ?Es gibt alberne Essensschlachten und lächerliches Benehmen, aber diese ungezogenen Gören sind eigentlich verlorene kleine Seelen?, sagt Kelly Macdonald. ?Und Nanny McPhee bringt ihnen bei, sich selbst zu retten.?

Besonders Simon, der älteste Sohn und wohl unter den Kindern dasjenige, das durch den distanzier-ten Vater am meisten verletzt ist, mußs für diese Lektionen einen steinigen Weg zurücklegen. ?Zuerst will Simon sie nur sofort loswerden, genau wie all die anderen namenlosen Kindermädchen, doch Nanny McPhee geht nicht?, erzählt Sangster. ?Sie verteidigt sich; sie hat diesen Zauberstab und kann magische Dinge geschehen lassen. Also hat er etwas mehr Respekt vor ihr, und schließlich mag er sie wirklich.?

Die Kinder reagieren positiv auf Nanny McPhees Methode, die auf gegenseitiges Vertrauen aufbaut. Als die Geschichte sich entwickelt, sucht Simon sogar Nanny McPhee in ihrem Zimmer auf, wo noch keines der Kinder je gewesen ist, um einen seiner Pläne zu testen und sich ihrer Zustimmung zu versichern. ?Als Simon in ihr Zimmer geht, bittet er auf eine sehr respekt- und vertrauensvolle Weise um Hilfe?, sagt Doran.

?Er vertraut darauf, dass die Nanny auf der Seite der Kinder steht, dass sie zu ihrem Wort stehen wird ? und er vertraut darauf, dass ihr wirklich etwas an den Kindern liegt. Das ist teilweise auch der Grund, weshalb er bei diesem Gespräch Erfolg hat: er bringt ihr be-reits Vertrauen entgegen, bevor er überhaupt irgendetwas gesagt hat. Und das ist genau die Vertrau-ensbasis, die zuvor beim Gespräch mit seinem Vater gefehlt hatte.?

Ihre Lektionen scheinen darauf ausgerichtet zu sein, den Kindern die Folgen ihres Handelns deutli-cher vor Augen zu führen und ihnen klarzumachen, welche Rolle jeder Einzelne für sein eigenes Schicksal spielt. Thompson vergleicht Nanny McPhees Wirkung mit dem ausgleichenden Effekt der Schwerkraft: ?Sie wird zum ruhenden Pol, und all diese Menschen, die förmlich in der Luft schwe-ben, beginnen um sie herum zu kreisen, wie ruhige kleine Planeten ? dann geht sie plötzlich und hin-terlässt diese schöne Konstellation, eine Familie, die ihre Umlaufbahn gefunden hat und sich mit sanften Bewegungen weiterentwickelt... inklusive eventueller Zusammenstöße.?

Dies führt auch zu subtilen Veränderungen in Nanny McPhees Aussehen. Sam Honywood fasst den Standpunkt der Kinder kurz zusammen: ?Je netter wir werden, desto weniger hässliche Teile hat sie.?

?Es sind ganz spezifische Momente, die zu ihrer Verwandlung führen?, erläutert Doran. ?Als die Kinder zum ersten Mal freiwillig ?bitte? sagen, verändert sie sich. Aber verändert sie sich, weil die Kinder ?bitte? sagen? Verändert sie sich, weil die Kinder sie lieb gewinnen? Verändert sie sich, weil sie die Kinder lieb gewinnt? Verändert sie sich denn überhaupt? Das müssen die Zuschauer entscheiden ? genau wie die Leser der Bücher von Christianna Brand.?

Sobald die Brown-Familie die Nanny ins Herz geschlossen hat, sehen sie das, was Thompson ihre ?Warzenheit? nennt, nicht mehr ? die Kinder nehmen nur noch ihre wunderbare Nanny wahr, und das beschreibt Thompson als ?die Erinnerung an jemanden, der sie über alles liebte. Sie ist zu Beginn genauso liebevoll und gut wie zum Schluss.?

?Nanny McPhee trifft auf eine Familie voller guter Menschen mit guten Absichten ? und bringt ih-nen bei, das Gute an sich selbst und an den anderen zu erkennen?, meint Jones. ?Als sich alle wieder lieben und vertrauen, mußs Nanny McPhee gehen. Sie macht die Menschen nicht gut, sondern zeigt ihnen, dass sie bereits gut sind.?

Ein Haus, in dem jedes Kind gerne leben würde: Die Welt von ?Eine zauberhafte Nanny? Die Geschichte spielt in England, irgendwann im späten Viktorianischen, Anfang des Edwardiani-schen Zeitalters in einer Kleinstadt bei London. Durch diese märchenhaft anmutende, keiner spezifi-schen Ära streng zugeordneten Zeit konnten Jones und Produktionsdesigner Michael Howells für ?Eine zauberhafte Nanny? eine Traumwelt erschaffen. ?Wir orientieren uns an einer Art Bilderbuch des späten Viktorianischen Zeitalters?, erklärt Howell.

?Es gab keine spezifischen Zeitangaben, die uns einschränkten, was eigentlich sehr schön ist. Es ist eine Phantasiewelt, in die man mit dieser Fa-milie eintritt und beobachtet, wie sich die Geschichte entwickelt.? Jones erschuf ein Umfeld, in dem Howells, Kameramann Henry Braham, Kostümdesigner Nic Ede und der Haar-Stylist und Visagist Peter King mit noch nie da gewesener kreativer Freiheit zusam-menarbeiten konnten.

?Ich denke, die vier Abteilungen haben sich unglaublich erfolgreich ergänzen können, und das hat man nicht oft?, meint Jones. ?Es gibt auf all diesen Gebieten unglaublich talentierte Abteilungsleiter, doch manchmal sieht jeder den Film auf eine andere Weise. Ich sehe meine Aufgabe darin, sicherzu-stellen, dass alle an einem Strang ziehen und sich frei entfalten können.

Ein Großteil dieser künstlerischen Entfaltungsfreiheit spiegelt sich im Einsatz der Farben wider ? eine lebendige Mischung aus blauen, grünen, roten und rosafarbenen Nuancen. Jones sagt: ?Howells ist völlig ausgeflippt. Das ist Michaels Geniestreich.?

Kameramann Henry Braham, der bereits an ?Lang lebe Ned Devine!? mit Regisseur Jones zusam-mengearbeitet hat, entschied sich für einen neuen Film, der für diese kräftigen Farben bestens geeig-net ist. ?Auf diese Idee kamen wir bereits sehr früh?, berichtet Braham. ?Dies ist eine Extremversion des Farbfilms und Designs, denn in jeder Aufnahme verwenden wir sehr satte Farben, und das be-stimmt den gesamten Look.?

Braham fährt fort: ?Damit der Zauber funktionieren kann, mußs es auch eine Portion Realität geben. Diese Elemente verbinden sich, um eine magische und ? so hoffe ich - zeitlose Welt zu erschaffen.? ?Bei einem Punkt bin ich mit Kirk absolut einer Meinung: Die meisten englischen Kostümfilme be-wegen sich in einer Palette zwischen Schwarz und Braun?, meint Doran.

?Das wirkt so, als wären die Farben erst nach Dickens Tod erfunden worden. Kirk meinte jedoch: ?Ich möchte einen Film mit gewagten Farben drehen?, und genau das hat er auch getan.? Der Regisseur wiederum lobt Braham für seine Mühen: ?Henry arbeitet auch außerhalb seines Bereichs intensiv mit und hat einen ent-scheidenden Beitrag für die gesamte Farbgestaltung geleistet.?

Den Mittelpunkt des Films bildet das Haus der Browns, eine heruntergekommene Villa, die einst von sehr wohlhabenden Menschen bewohnt gewesen sein mag, in der jetzt jedoch Menschen leben, die weder genug Zeit noch genug Geld haben, um sie instand zu halten. Jones stellte sich ein Haus vor, in dem jedes Kind sofort gerne wohnen würde: ?Die Kinder sollten dieses Haus sehen und denken: ?Was für ein tolles Haus, sieht wie ein lustiger Ort auf, um dort aufzuwachsen?, berichtet er.

Die Größe der Familie und die Menge der stattfindenden Aktivitäten bestimmte auch die Größe und Struktur des Hauses. ?Es begann mit einem kleinen Backsteinhaus und wuchs mit unseren Ideen immer weiter?, sagt Howells. ?Wir haben ein echtes Architektur-Mischmasch verwendet, es gibt Lieblingsdetails aus aller Welt, z.B. französischen Kolonialstil, gotische und viktorianische Elemente sowie jede Menge Kunsthandwerk.?

Jones informierte Howells über die räumlichen Voraussetzungen, die sich dann in etlichen Entwür-fen widerspiegelten. ?Das Haus mußste einen ganz eigenen Charakter haben?, meint Howells. ?Es sollte für die Zuschauer attraktiv sein und die Lust wecken, sofort einzutreten und alles zu erkun-den.? Sowohl vom finanziellen als auch vom künstlerischen Standpunkt aus entschieden sich die Filmema-cher dafür, das Brown-Haus und das Städtchen von Grund auf zu erbauen. ?Das heißt, dass man alles passend gestalten kann?, sagt Jones.

?Denn die Zuschauer spüren unbewusst, wenn die Geo-graphie des Sets so nicht wirklich existiert. Natürlich kann man im Schneideraum viel erreichen, aber wenn man echte Sets aufbaut und das gesamte Panorama zeigen kann, dann hilft das dem Zuschauer, an die Welt zu glauben, die wir erschaffen haben. Es schien absurd, an real existierende Drehorte zu reisen, von denen wir jedoch wussten, dass sie visuell niemals so interessant sein könnten wie diese Entwürfe von Michael.?

Die raffinierten Sets wurden zu Papier gebracht und als Modelle angefertigt, damit die Filmemacher vor der Errichtung alle Details unter die Lupe nehmen konnten. ?Die Szenenkonfiguration bestimm-te die Form des Hauses?, erklärt Howell. ?Dazu kamen kleine Besonderheiten, krumme Fenster und eine Terrasse hier und dort; doch eigentlich begannen wir mit der Mitte des Hauses und arbeiteten uns nach draußen vor.?

Nachdem sie sich zwei weitere Drehorte angeschaut hatten, entdeckten die Filmemacher auf einem weitläufigen Privatanwesen in Penn, Buckinghamshire, die perfekte Hintergrundkulisse für die Welt von ?Eine zauberhafte Nanny?. ?Diesen Ort haben wir hauptsächlich wegen der besonders geeigne-ten Bäume ausgesucht?, sagt Howell. ?Es sind große Bäume, die nicht alle im besten Zustand sind, doch das war ein Pluspunkt für das Aussehen des Hauses.?

?Es regnete in Strömen und war sehr neblig, als wir das Anwesen zum ersten Mal besuchten?, erin-nert sich Doran. ?Kirk und Michael und Henry und Glynis und ich ? wir stapften durch knöcheltie-fen Schlamm mitten im Nirgendwo ? überall nur große alte Bäume und Gras und sonst nichts. Als ich zu Kirk und Henry und Michael hinübersah, hatten sie alle ein breites Grinsen. Das war der rich-tige Ort. Und wenn man sich den Film anschaut, kann man es kaum glauben, dass alles, was man sieht ? abgesehen von den größten Bäumen ? ausschließlich für die Dreharbeiten dort hingestellt wurde.?

Howells ist in seiner Freizeit passionierter Gärtner und genoss die Gelegenheit, für den Film einen verwilderten Garten bis ins kleinste Detail nachzubilden. Das Team pflanzte hunderte kleinerer Bäume, dichtes Gebüsch, tausende von Blumen; sie bauten ein Baumhaus, einen Schweinestall, einen Hühnerstall, eine Gartenlaube und ein Treibhaus. Howells erklärt: ?Wir wollten einen Traumgarten für Kinder erschaffen ? den perfekten Garten, wo man sich verstecken und spielen kann. Es ist ein magischer Ort. Uns kam es darauf an, die Phantasie der Menschen wiederzugeben und anzuregen.?

Das Art Department von Howell setzte überall Seidenblumen ein, fügte Kapuzinerkresse und Grassamen hinzu sowie Vogelscheuchen, um dem Garten diese verwunschene Stimmung zu verlei-hen. In die Hecken wurde eine Mischung aus Wiesenblumen eingenäht. ?Es ist sehr clever, dass die Browns nicht über viel Geld verfügen?, meint Jones.

?und ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr. Brown viel Zeit hat, um sich um den Garten zu kümmern. Der sollte also voller dorniger Hecken, struppigen Sträuchern und ungemähtem Rasen sein. Das hat meiner Meinung nach mehr Persönlich-keit als ein extrem gepflegter Garten.? Das Haus selbst wird von 40 Tonnen Stahl getragen; die Innenräume wurden so gebaut, dass Henry Braham bei der Ausleuchtung die größtmögliche Freiheit genoss.

Mr. Browns Büro mußste so gestaltet werden, dass die Streiche, die die Kinder Mrs. Quickly während des Tees spielen, untergebracht werden konnten. ?Es mußste glaubwürdig wirken, dass die Kinder sich dort verstecken und hinter den Regalen und Fenstern hervorspähen, während sie an Angelruten befestigte Spinnen schwenken, die Mrs. Quickly verscheuchen sollen?, berichtet Jones.

?Anfangs drehten sich viele der Gespräche zwischen Michael darum, welche praktischen und welche komödi-antischen Voraussetzungen wir erfüllen mußsten.? Dazu gehörte auch eine Lücke unter der Treppe, aus der schleimige Haferflocken geschleudert werden können sowie eine Treppe, die geeignet (und groß genug) war, damit Mr. Brown hinunterpurzeln konnte.

Eines der wichtigsten Sets war die Eingangshalle zur Haustür, wo Mr. Brown Nanny McPhee zum ersten Mal sieht. ?Es war mir wichtig, dass die Einganghalle ziemlich schmal ist?, sagt Jones. ?Ich habe mir Mr. Brown vorgestellt, wie er diesen langen Flur hinunterläuft und förmlich zur Eingangtür hingezogen wird, ihrer Silhouette entgegen. Das Design sollte auch einen praktischen Zweck erfül-len.?

Die besondere Liebe zum Detail wird anhand der raffinierten Tapeten, ausgewählten Textilien, alt-modischen Möbel und des antiken Zubehörs auch in der Innenausstattung des Hauses sichtbar, be-sonders im chaotischen Kinderzimmer. ?Auf einer Versteigerung haben wir echte Schmuckstücke aufgestöbert?, sagt Howells. ?Wunderschöne alte viktorianische Puppen und andere Spielsachen, Originalstücke, deren Nachbildung sehr teuer gewesen wäre, und die einfach viel besser aussehen, eben weil sie echt sind, wirklich abgenutzt wie Spielzeug, das über Generationen hinweg benutzt wurde.?

Firth meint: ?Für einen Schauspieler ist es eine große Hilfe, an den Drehort zu kommen und diese magische Welt zu betreten, die so perfekt erschaffen wurde. Man kann nicht anders, als darauf zu reagieren; es hilft einem dabei, die eigene Skepsis zu überwinden.?

An einem Tag nimmt die Nanny die Kinder auf einen Ausflug an die Küste mit; Jones entschied sich dafür, diese Szene vor den Klippen der abgelegenen und fast unzugänglichen Ortschaft Durdle Dor in Dorset zu drehen. ?Ich finde viele der Drehorte, die leicht zugänglich sind, einfach fade?, erzählt Jones. ?Sie sind einfach nicht so dramatisch und felsig wie Durdle Dor; schon als ich die Fotos sah - und dann zur Besichtigung vor Ort war - wusste ich, dass dies der ideale Drehort war.?

Die Strandszene, in der die Kinder von der bevorstehenden Ankunft von Mrs. Quickly erfahren, sollte ursprünglich im Garten der Browns stattfinden. ?Wir beschlossen jedoch, diese Szene ans Meer zu verlegen?, sagt Jones, ?um weite, offene Landschaften und den Meeresblick einzufangen?. Das hatte jedoch seinen Preis. ?Ich dachte, Kirk sei verrückt geworden, als er diesen Drehort aus-wählte?, erzählt Doran lachend.

?Es war ein langer Fußmarsch von unserem Hauptquartier zu den Klippen, dann ging es 170 Felsstufen eine sehr steile Klippe hinab an den Sandstrand. Die Ausrüs-tung wurde per Hubschrauber an- und abtransportiert, aber die Menschen, Kinder inbegriffen, mußs-ten diese Stufen täglich mehrmals bewältigen ? sogar um auf die Toilette zu gehen.

Wenn ich mir aber jetzt diese Filmsequenz anschaue, denke ich nicht mehr an die vielen Stufen oder an die Kälte oder an den Wind ? ich bewundere nur noch die Schönheit und Vollkommenheit des Ortes. Und Kirk wusste das von Anfang an: Die Anstrengung dauert nur ein paar Tage, aber diese Szene wird ewig überdauern.?

Zusätzlich wurden einige Sets in den Pinewood Studios errichtet, darunter das Kinderzimmer, das Schlafzimmer, die Küche und Nanny McPhees Zimmer. Meist waren es Sets, die miteinander ver-bunden waren, damit sich die Kamera von einem Raum zum anderen bewegen konnte. Weitere Dreharbeiten fanden in Warren?s Green statt, einem einfachen Landhaus, das in Mrs. Quicklys fuchsienfarbenes Paradies verwandelt wurde.

Große ?Warzheit?: Nick Ede und Peter King verwandeln die Schauspieler Nick Ede und Peter King gingen als Team ans Werk. ?Dies ist das erste Mal, das ich an einem Film gearbeitet habe, bei dem die erste Frage des Chefvisagisten lautete, wer denn wohl für die Kostüme verantwortlich sei??, erzählt Produzentin Doran. ?Nic und Peter haben die Figuren gemeinsam er-schaffen, und zusammen mit dem jeweiligen Schauspieler und dem Regisseur für jeden Einzelnen der von Emma kreierten Charaktere einen Look erschaffen.?

Der Look der Nanny sorgte allerdings ständig für Diskussionen unter den Filmemachern. ?Sie sollte beängstigend, aber nicht zu beängstigend aussehen?, sagt Peter King, der bereits für die ?Herr der Ringe?-Trilogie unzählige Trolle, Zauberer und Hobbits erschuf. ?Es sollte lustig, aber eben nicht zu lustig aussehen, um nicht von den tieferen Themen abzulenken.?

?Wir begannen mit den zwei Warzen, der Nase, den dicken Augenbrauen und dem schwarzen Schneidezahn; es waren aber Peter und Nic, die meinten: ?Vielleicht sollten wir nicht nur ihr Gesicht, sondern ihren ganzen Körper verändern.??, erinnert sich Doran. ?Vielleicht werden ihre Ohren klei-ner, ihre Stirn höher; vielleicht trägt sie anfangs eine Perücke und am Ende sehen wir Emmas echtes Haar. Und vielleicht wird die Nase nicht schlagartig, sondern allmählich kleiner.?

Nanny McPhees ungewöhnliche Verwandlung vollzieht sich Schritt für Schritt, je näher sie an die Brown-Familie herankommt; das war für King eine herrliche Herausforderung: ?Wir mußsten mit einem extrem auffälligen Äußeren beginnen, um viele Veränderungen zu durchlaufen und sie schließ-lich in Emma zu verwandeln.?

Für diese Verwandlung mußste Thompson Nasen- und Ohrenprothesen tragen, ihre Wangen aus-polstern, Warzen und einen schwarzen Schneidezahn tragen, dazu einen Augenbrauenbalken und natürlich eine Perücke. Für Nanny McPhees ungewöhnliche Figur experimentierte Ede mit verschie-denen Schichten von Körperpolstern, bis er und Thompson schließlich zufrieden waren mit dem optimalen Ergebnis, das den Originalillustrationen von Edward Ardizzone am meisten ähnelte.

Da Nanny McPhee ausschließlich Schwarz trägt, suchte Ede nach Stoffen, deren Textur für die Filmaufnahmen geeignet war. Howells war kurz zuvor in Ghana gewesen und erwähnte die exoti-schen und atemberaubenden Stoffe, die er dort gesehen hatte. Das führte Ede zu einem Laden in Cricklewood, wo er unter Tonnen von Stoffen wählen konnte, darunter auch afrikanische Tücher.

?Für den Rock fand ich schwarzen Brokat, dann diesen außergewöhnlichen krausen Stoff für die Bluse?, berichtet er. ?Wir haben die Bluse tatsächlich mit einer sehr dünnen Schicht grauer Farbe besprüht, um sie noch besser zu betonen und ihr mehr Tiefe zu verleihen. Für die verschiedenen Stadien der Verwandlung erschuf Ede fünf entsprechende Kostüme.

Auch bei der Garderobe für Colin Firth war ausschlaggebend, dass sich die Filmemacher an keine spezifische Ära binden wollten. ?Hätten wir uns an bestimmte Epochenvorgaben halten müssen, wä-re das sehr schwer gewesen, denn das viktorianische Zeitalter war überaus konservativ?, sagt Ede. ?Ich wollte ihn aber wunderbar aussehen lassen, und genau das wollte auch Peter. Mr. Brown sollte einfach umwerfend sein.?

Also machten sie sich von typischen Kostümvorstellungen frei, eine Erfahrung, die Ede mit ?von einer Klippe hinabspringen? vergleicht, und stattete Mr. Browns Bekleidung mir volleren und flie-ßenden Elementen aus; so entstand eine Garderobe aus üppigen Stoffen in mutigen Farben. Ede er-höhte sogar Mr. Browns Hut um einige Zentimeter. ?Meiner Meinung nach akzeptiert das Publikum einen Kostümfilm viel besser, wenn er entweder wagemutig oder aber subtil gestaltet ist ? also haben wir für eine Mischung gesorgt?, fügt er hinzu.

Besonders begeistert war Ede von der Aussicht, Angela Lansbury einkleiden zu dürfen, die ?in Gar-derobe fantastisch aussieht?. Für Tante Adelaide entwarf er besonders raffinierte und kostspielig aus-sehende Stücke, die jedoch alle in Grautönen gehalten sind, um den Missmut der Tante widerzuspie-geln. ?Sie ist eine wohlhabende Frau, ein schrecklicher Snob, hat aber einen ausgezeichneten Ge-schmack ? und trägt nur gedämpfte, matte Farben?, erklärt Ede.

?Ihre Garderobe kommt dem typi-schen Kostümfilm am nächsten, doch wir mußsten natürlich alles verderben und ihr eine ganz und gar unangemessene Kopfbedeckung verpassen.? Da dieser Hut auf dem Kopf des Esels landet, ?hätte ein filigranes Pill-Box-Hütchen aus den 1880ern nicht ausgereicht?, klagt Ed. ?Es mußste ein riesiger Edwardianischer Hut sein.?

Das herausragende Merkmal der Tante ? eine absurd lange Nase ? war Peter Kings zweite große Prothesen-Herausforderung, da sie lediglich im Profil zu erkennen ist. ?Das gesamte Design von Tante Adelaides Nase war frontal angelegt?, sagt King. ?Von vorne sieht man überhaupt nicht, wie ihre Nase wirklich ist. Erst wenn sie ihren Kopf zur Seite dreht, erkennt man diesen ?Schnabel, der so groß wie Schottland ist?, wie Emma schrieb.?

Lansbury trug die falsche Nase mit professioneller Würde, obwohl so etwas in ihrer Karriere niemals zuvor nötig gewesen war. ?Sie war unglaublich freundlich und überrascht, wie schnell man die Nase anbringen konnte. Deshalb hat sie wohl gerne mitgemacht, sich dann sozusagen auf naive Weise in diese Nase verliebt und sich dann nicht mehr vorstellen können, diese Nase nicht mehr zu tragen.?

Mrs. Quickly, gespielt von Celia Imrie, hat senfgelbes Haar und trägt sehr auffällige Kostüme in schrillen Pink- und Grüntönen. ?In diesem Film werden Mrs. Quickly und ihre Aufmachung zu einer Einheit?, sagt Ede. ?Wir hatten großes Glück, dass Celia eine so wunderbare Schauspielerin ist und diese Garderobe mit Genuss trägt.?

In ihrem Styling drückt Mrs. Quickly auch deutlich ihre Liebe zur Ästhetik der ?schönen Schäferin? aus. ?Sie sieht sich wohl selbst wie eine Art Marie Antoinette, also habe ich für sie ein an den 1770er Jahren orientiertes Gewand entworfen, das auch viktorianische Elemente enthält. Es ist wirklich eine außergewöhnliche Kombination; ihr übriges Styling entwickelte sich von da aus.?

Für die Grundaustattung der Kinder konzentrierte sich Ede auf ziemlich zeitgenössische Stücke; er arbeitete mit Stoffen wie Denim, Cord und Strick in gedämpften Farbnuancen. ?Das sind Kleider, die eigentlich in jede Zeit passen würden?, meint Ede.

?Doch noch wichtiger ist die Tatsache, dass sich auch die Kinder von heute damit identifizieren können. Die Kinder sollten nicht lächerlich aus-sehen; es sei denn, wir hatten vor, sie lächerlich aussehen zu lassen ? und natürlich wirken sie im Sonntagsstaat absolut lächerlich. Das junge Publikum wird dazu nur ?Bäähh!? sagen, und genau dar-um ging es uns.?

?Alles an ihren feinen Klamotten ist übertrieben?, sagt Thomas Sangster, der den Simon spielt. ?Sie sehen absolut spitzenmäßig aus, und das ist ein tolles Gefühl. Man glaubt, dass man in einem Mär-chenland lebt.?

Ede hatte in seiner Karriere hier auch zum ersten Mal die Aufgabe, Tiere auszustaffieren: Hühner mit kleinen Hauben, ein Esel mit Hut und Schal, ein Schwein mit großen Perlen und einer Babymüt-ze sowie Hunde mit Strohhüten ? King mußste dazu ein Schwein schminken und kleine Lämmer passend zu Mrs. Quicklys Brautkleid grellgrün und pink zu färben.

?Das war eine interessante Erfah-rung?, erinnert sich Ede. ?Ich mußs als Fazit jedoch feststellen, dass ich lieber mit Menschen arbeite. Die halten still und ihre Hüte fressen sie auch nicht.?

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