Wahre Lügen

Produktionsnotizen

Atom Egoyans Film ?WAHRE LÜGEN? ist ein ebenso erotischer wie spannungsgeladener Krimi ? mit einem sehr überraschenden Ende - , in dem die Mythosfabrik Hollywood durchleuchtet und durchschaut wird. Kevin Bacon und Colin Firth spielen in den Hauptrollen ein legendäres Show-Duo aus den 50er Jahren, das durch einen Skandal schlagartig auseinanderbrach. Fünfzehn Jahre später soll ein Enthüllungsbuch über das Geheimnis hinter der Trennung der Stars verfasst werden ? und so droht nach langer Zeit dann doch noch die völlige Zerstörung ihres bereits beschädigten Rufs.

Dieses Buch soll auch der Karriere einer sexy, jungen Autorin zum Durchbruch verhelfen; sie setzt ihre Intelligenz und ihre Schönheit bei beiden Männern ein, um ihre über Jahre gehüteten Geheimnisse zu lüften. Indem Egoyan zwei Figuren, die um jeden Preis die Wahrheit verbergen wollen, einer anderen Figur gegenüberstellt, die alles daran setzt, diese Wahrheit aufzudecken, schuf der Regisseur einen vielseitigen Mystery-Thriller, in dem niemand und nichts wirklich das ist, was sie zu sein scheinen ? und das wahre Wesen der Wahrheit sowie unsere Fähigkeit, die Wahrheit überhaupt zu erkennen, in Frage gestellt wird.

Adaptiert nach dem Romanbestseller von Rupert Holmes bietet ?WAHRE LÜGEN? große Unterhaltung, eine Geschichte voller überraschender Wendungen, die zusätzlich das Milieu der Unterhaltungsindustrie zeigt und offenlegt. Im Mittelpunkt steht ein Trio attraktiver, ehrgeiziger und mehrdeutiger Charaktere: Vince Collins (Colin Firth) und Lanny Morris (Kevin Bacon) sind ein enorm erfolgreiches Comedy-Duo jener Sorte gewesen, wie sie für die 50er Jahre typisch waren.

Das Duo besticht durch die Mischung aus Kontrasten: Vince ist der hochgewachsene, lässig-elegante Gentleman, ständig mit einem Bourbon in der einen Hand und in der anderen eine Frau. Lanny ist der alberne, blödelnde Sidekick, der für einen Lacher alles tun oder sagen würde. Gemeinsam sind sie die Stars, drehen einen Filmhit nach dem anderen und treten in ausverkauften Clubs von Los Angeles bis Las Vegas, von Miami bis Manhattan auf.

Sie beherrschen auch die junge Fernsehlandschaft und moderieren zum Beispiel eine Sondersendung zum Kampf gegen Kinderlähmung als mehrstündige Marathonveranstaltung. Unter all den Vorzügen, die der Ruhm mit sich bringt, schätzen Vince und Lanny besonders den uneingeschränkten Zugriff auf schmachtende, verfügbare weibliche Bewunderinnen ? zumindest solange, bis eine dieser Fans nackt und tot in ihrem Hotelbadezimmer aufgefunden wird.

Keiner der beiden Stars wird angeklagt, doch das Band zwischen ihnen ist unwiderruflich zerrissen. Jahre vergehen, ohne dass sie je wieder ein Wort miteinander wechseln ? oder zu jemand anderem über den geheimnisvollen Todesfall sprechen. Abgerundet wird das Trio der Protagonisten durch Karen O?Connor (Alison Lohman), eine ehrgeizige junge Journalistin, die den brisanten Auftrag hat, die ?wahre? Geschichte hinter der Trennung von Collins und Morris aufzudecken.

Wir befinden uns nun in den 70er Jahren; der gesamte Glanz und Glamour des goldenen Zeitalters von Hollywood ist längst verblichen. Vorbei ist es auch mit dem ungeschriebenen Gesetz des Schweigens und der Diskretion, das beide Stars und ihre Fans über lange Zeit hinweg vor allzu viel Wahrheit beschützt hatte. In Zeiten der sensationslüsternen Boulevard-Presse wollen die Neugierigen mehr als je zuvor über ihre Idole erfahren; auch in der Berichterstattung über das Privatleben der Prominenten ist nichts mehr heilig.

Karen ist eine der besten und mutigsten unter diesen Reportern und soll nun eine alte Kamelle über zwei gefallene Idole aus den 50ern in eine brandheiße Story verwandeln. Als junges Mädchen war Karen selbst ein großer Fan des Duos gewesen ? deshalb kann sie nicht objektiv bleiben, als sie die Stars höchstpersönlich kennen lernt. Sie entwickelt Gefühle für die Männer, wodurch ihre Methoden zunehmend fragwürdig werden; auch sexuelle Verwicklungen treten auf. Und schließlich lüftet Karen zwar schockierende Geheimnisse über Vince und Lanny ? entdeckt jedoch genauso schockierende Wahrheiten über sich selbst.

?WAHRE LÜGEN? ist eine Tour durch die Traumfabrik Hollywood, in der Illusionen ebenso kunstvoll erschaffen wie auch zerstört werden. Mancher mag diesen Film als Wendepunkt für den preisgekrönten Regisseur Egoyan sehen, der bereits für so gefeierte Filme wie ?Exotica?, ?The Sweet Hereafter? (Das süße Jenseits) und ?Ararat? verantwortlich zeichnete.

Doch obwohl er an der Oberfläche anders anmutet, gehört auch dieser neueste seiner Filme in den Themenkreis, der sein Gesamtwerk prägt: Ein Kanon aus zehn Spielfilmen, die alle auf ihre Weise von der verräterischen Natur der Sexualität, dem Unterschied zwischen Schein und Sein und der Subjektivität der Wahrheit handelten. Egoyan beschreibt seinen neuen Films als ?Geschichte über den Konflikt zwischen einer öffentlichen Mythologie und einer privaten Geschichte?, doch diese Beschreibung ließe sich ohne weiteres auch auf andere seiner sehr persönlichen Werke anwenden.

Auch wenn er darauf besteht, nach von ihm selbst verfassten Drehbüchern zu arbeiten, adaptiert er dennoch literarische Vorlagen ? wie Russel Banks gespenstischer ?The Sweet Hereafter? (Das süße Jenseits) und William Trevors verstörendes Buch ?Felicia?s Journey? (Felicia, mein Engel) ? im gleichen Geist, der seine eigenen Originaldrehbücher auszeichnet.

Da diese Merkmale in Holmes? Erstlingsroman auch im Überfluss vorhanden sind, entschloss sich Egoyan für eine Filmadaption. Holmes ist ein erfolgreicher Sänger, Komponist und Musikproduzent und stellte seine erstaunliche Vielseitigkeit als Komponist und Texter des Tony-preisgekrönten Musicals ?The Mystery of Edwin Drood? unter Beweis. Dieser Broadway-Hit wurde nach einem obskuren Text von Charles Dickens adaptiert und zeigte bereits Holmes? Affinität zum Krimi- und Thriller-Genre, das er in ?WAHRE LÜGEN? erneut aufgriff.

Außerdem offenbarte dieses Buch auch Holmes? umfassende Kenntnisse über das Leben hinter den Kulissen des Show-Business. Egoyan meint: ?Rupert kennt diese Welt wie seine Westentasche; er erzählt deshalb so lebendig über die Unterhaltungsbranche der 50er Jahre, mit unzähligen Details ? das ist fundamental für den Erfolg einer Geschichte: Sie mußs von jemandem erzählt werden, der alles selbst wirklich erlebt hat. Eine der großen Stärken des Romans ist die Tatsache, dass man das Gefühl bekommt, Zugang zu einer Welt zu erlangen, die ansonsten überaus privat gehalten wird.?

Genau dieser privilegierte Einblick in die Unterhaltungsindustrie macht auch ?WAHRE LÜGEN? so hochdramatisch. Egoyan weiß, dass dieses Business von Natur aus paradox ist: Einerseits steht man im Rampenlicht, andererseits ist man aber völlig isoliert; es ist eine Welt voll extremer Schönheit und extremer Hässlichkeit. Die Ironie liegt darin, dass genau diese Dualität das Publikum anzieht; die Menschen strömen in die Kinos, um scheinbar perfekte Wesen auf der Leinwand zu bewundern.

Dann strömen sie an die Zeitungskioske, um in den Magazinen alles über die schrecklichen Dinge zu lesen, die diese schönen Menschen tun. Grob zusammengefasst ist es genau das, was die Figur der Karen O?Connor ausmacht. Die erste Hälfte des Films verbringt sie damit, Lanny Morris anzuhimmeln, für den sie praktisch seit ihrer Kindheit eine Schwäche hatte; die zweite Hälfte des Films verbringt sie mit dem Versuch, den Beweis dafür zu erbringen, dass Lanny ein Mörder ist.

Tatsache ist jedoch, dass Lanny weder dem Mythos noch der Monsterrolle entspricht ? Karen jedoch will ihn unbedingt in eine dieser beiden Schubladen stecken und keinesfalls akzeptieren, dass er einfach ein Mensch ist. ?Was mich an der Unterhaltungsindustrie so fasziniert?, sagt Egoyan, ?ist die Errichtung einer Persona: Es geht darum, jemand anderes darzustellen als der, der man eigentlich ist. Und da das so gut gemacht wird, wollen es die Menschen auch glauben. Das ist der Kern dieser Geschichte: Wer sind diese Menschen wirklich? Wer sind Lanny und Vince??

Der Regisseur fährt fort: ?Beide haben als Publikums-Ikonen existiert, und das wollen sie bewahren. Auf gewisse Weise will Karen ihre Namen reinwaschen und auch das Geheimnis des Duos lüften, eben weil sie die beiden so sehr bewundert. Doch dabei öffnet sie die Büchse der Pandora und ist gezwungen, sich ein ganz neues Bild dieser Menschen zu machen. So beginnt sie, auch sich selbst mit anderen Augen zu betrachten.?

?WAHRE LÜGEN? könnte sich allein auf den intelligent konstruierten Plot stützen, doch auf der Leinwand gewinnt die Geschichte durch Egoyans Sorgfalt bezüglich der psychologischen und emotionalen Treue der Figuren zusätzlich an Lebendigkeit. Aus diesem Grund war Rupert Holmes auch begeistert von Egoyans Ansinnen, eine Filmadaption zu realisieren.

Der Schriftsteller sagt: ?Ich liebe seine Filme; mir war bewusst, dass er hier etwas einbringen würde, das nur wenige Regisseure könnten ? er konzentriert sich sowohl auf die Figuren als auch auf den Thriller.? Als Bewunderer von Egoyans vorherigen Filmen war Holmes auch offen für Veränderungsvorschläge, die der Regisseur in der Adaption für notwendig erachtete. ?Holmes verstand, dass das Buch etwas Eigenes ist, der Film aber eine Neuschaffung darstellt?, erzählt Egoyan.

Eine dieser Veränderungen betraf die Art und Weise, in der Lanny und Vince charakterisiert wurden. Holmes? Buch war fast eine Art Schlüsselroman, in dem Collins und Morris die Abbilder eines echten Comedy-Duos waren, dessen geheimnisumwitterte Trennung praktisch zur Hollywood-Folklore gehört. Egoyan wollte das Filmprojekt aus jeglichen grausigen Spekulationen heraushalten ? also wurden die ihre Vorbilder kaum verschleiernden Romanfiguren Lanny und Vince zu völlig fiktiven Filmfiguren weiterentwickelt; auch ihre Auftritte unterschieden sich stark von den im Buch beschriebenen.

Dazu gehörte es auch, aus dem ursprünglichen Amerikaner Vince einen Engländer zu machen, so dass Egoyan etablierte Stereotypen über die Unterschiede zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten in den Comedy-Auftritten zur Geltung zu bringen konnte. ?So konnte dieser Brite also versuchen, den impulsiven und unvorhersehbaren Amerikaner zu zähmen oder zu kontrollieren?, erinnert sich Egoyan.

?Es gab ja genügend Beispiele von britischen Schauspielern wie Peter Lawford, David Niven, Rex Harrison, Laurence Harvey oder zuvor noch Noel Coward, um zu belegen, wie stark damals der britische Einfluss auf die amerikanische Kultur war.? Besonders Lawford, eines der Gründungsmitglieder des ?Rat Pack?, ist wohl der eindeutigste Bezugspunkt zu Colin Firths Vince, der das ?Ego? für Kevin Bacons/ Lanny Morris? ?Alter-Ego? darstellt.

Nachdem die erste Drehbuchversion fertiggestellt war, zeigte Egoyan sie seinem langjährigen Produzenten Robert Lantos, der Filme wie ?Being Julia? (Alle lieben Julia), ?Sunshine? (Sunshine ? Ein Hauch von Sonnenschein) und ?Black Robe? (Black Robe ? Am Fluss der Irokesen) produziert hat. Zum Drehbuch sagt Lantos: ?Ich fand es großartig. Es war meiner Meinung nach der perfekte nächste Schritt für Atom und mich, ein Film Noir, um so Atoms Arbeit auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, wobei seine unverkennbare Handschrift erhalten bleibt.?

Auf die Frage nach der Anziehungskraft dieses besonderen Film Noir meint der Produzent: ?Ich bin gefesselt und fasziniert von den Enthüllungen, der Sinnlichkeit und der Spannung. Es ist ein Film über Beziehungen und das Auseinanderbrechen von Freundschaften. Außerdem geht es darum, was geschieht, wenn jemand insgeheim in einen Prominenten verliebt ist und diese Berühmtheit dann leibhaftig trifft.?

Indem er das Projekt auf diese Weise beschreibt, identifiziert Lantos die Elemente, die den Film zugänglicher und kommerzieller machen als seine vorangegangenen Zusammenarbeiten mit Egoyan; gleichzeitig sind dies aber auch genau die Merkmale, die daraus unmissverständlich einen echten Egoyan-Film machen: ?Es geht um die Suche nach der Wahrheit; Schicht für Schicht gräbt man sich durch Heuchelei und Verlogenheit. Bei diesem Prozess stößt man bis auf den Kern vor, in dem die Wahrheit verborgen liegt.?

?Meine Mission bestand darin?, schlussfolgert Lantos, ?das Originelle und Einzigartige an Atoms Arbeit in einem Film zu bewahren, der auch für eine breitere Masse von Kinozuschauern zugänglich sein sollte.? Dafür sorgte Lantos auch, indem er das Projekt mit einem weitaus größeren Budget ausstattete, als für die vorangegangenen Filme von Egoyan zur Verfügung stand. Gedreht wurde zehn Wochen lang vor Ort in Los Angeles sowie in großen Filmsets, die in Studios sowohl in London als auch in Toronto errichtet wurden.

?WAHRE LÜGEN? wird in seinen Ausmaßen dem Thema des Alten Hollywood und seiner Glanzzeit sowie der Zeit danach vollständig gerecht. Das Drehbuch verlangte u.a. nach Locations wie einem Fernsehstudio, einem sehr gut besuchten Nachtclub, einem prächtigen Mafia-Casino und nach der Präsidentensuite eines Luxushotels, die allesamt im Stil der 50er Jahre eingerichtet werden und mit perfekt gekleideten und frisierten Menschenmassen ausgefüllt werden mußsten.

Für Egoyan und sein Produktionsteam ? bestehend aus Produktionsdesigner Phillip Barker, Kameramann Paul Sarossy und Kostümdesignerin Beth Pasternak, die alle langjährige Mitarbeiter des Regisseurs sind ? bedeutete dieses Projekt eine große Herausforderung. Gleichzeitig war es auch ein Hochgenuss zu sehen, wie Egoyan einen Film im Stil von Hollywood, mit Hollywood-Dimensionen drehte, der im Kern mehr ist als leichte Kritik an Hollywood selbst.

Um sich auf die Produktion vorzubereiten sah sich Egoyan viele Filmklassiker und neuere Noir-Filme als Inspirationsquelle an. Er analysierte auch Filme, die mit Voice-Over-Erzählstimmen arbeiten ? ein Markenzeichen der Noir-Klassiker -, um zu entscheiden, wie er hier diese besondere Technik einsetzen wollte, die unterschiedliche Perspektiven, gegenläufige Erzähler und widersprüchliche Aussagen beinhaltet. Seine Recherchen waren zwar nützlich, doch Egoyan merkt an: ?Man betrachtet all diese Filme und begeistert sich, aber der eigene Film ist letztendlich etwas, das aus dir selbst heraus entsteht.?

Da es in ?WAHRE LÜGEN? so oft um den schönen Schein und den vordergründigen, oberflächlichen Eindruck geht, mußste Produktionsdesigner Phillip Barker für die Gestaltung der zwei verschiedenen Zeitepochen in diesem Film einen besonders wichtigen Beitrag leisten. Er ließ sich von verschiedenen Quellen inspirieren, darunter von den Arbeiten des Architekten Morris Lapidus, der solche Markenzeichen der 50er wie z.B. das Fountainbleu Hotel in Miami oder das Eden Roc entwarf.

In den Shepperton Studios in London errichtete Barker die extravagante Versailles-Präsidentensuite, in der Vince und Lanny während ihrer TV-Moderation untergebracht sind und wo ihr schicksalhafter One-Night-Stand mit einer bereitwilligen, blonden Schönheit in eine Katastrophe mündet. Dieses großartige Set ist in klaren Beige-Nuancen gehalten, Barker verwendete einen Stil, der als ?Mi-Mo? bekannt ist: Miami Modern, eine Stilrichtung, die Lapidus begründete.

Barker erklärt: ?Lapidus kam aus dem Bereich Schaufenster- und Set-Design; ich war davon überzeugt, dass sein Stil für diesen Film angemessen ist. Er war der Meinung, dass er den Durchschnittsamerikaner dazu bringen könnte, wie Filmstars zu leben. Bei diesem Stil dreht sich alles um die Fassade, nicht um die Substanz. Und genau darum geht es auch im Film ? um die gesamte Unterhaltungsindustrie und die irrigen Ansichten, die wir darüber haben.?

Zu dem Look diesbezüglicher Szenen meint Barker: ?Das Ganze ist ausgefallen, übertrieben, verspielt. Es gibt keine Symmetrie, keine geraden Linien und bildet den perfekten, fröhlichen Tummelplatz, auf dem sich all diese zum Teil erschreckenden Dinge ereignen können.?

In der Zusammenarbeit mit Kameramann Paul Sarossy sah sich Egoyan auch so glanzvolle Schwarz-Weiß-Klassiker wie ?Gilda? als Vorbild an. Die Filmemacher interessierten sich dafür, wie ?im klassischen Film Noir die Lichtstreuung eingesetzt wurde; dieser Stil zeichnet sich durch tiefe Kontraste aus, wie in den typischen Krimis der 40er Jahre. Dennoch beinhalten diese Einstellungen auch etwas sehr weiches, romantisches und glamouröses?, sagt Sarossy. Genau diese Beleuchtungstechnik wird auch in ?WAHRE LÜGEN? eingesetzt, ironischerweise jedoch häufiger in den Sequenzen, die in den 70er Jahren spielen ? denn hier findet die ?Detektiv-Geschichte?, also der Krimi-Anteil, statt.

Sarossy erklärt, das Egoyan und er sich absichtlich für einen Anti-Hollywood-Kurs entschieden haben und die Erwartungen ins Gegenteil verkehrten, indem ?wir das visuelle Lexikon der 70er in den Szenen der 50er Jahren einsetzten, andererseits dann die dunkleren Kontraste aus dem Film Noir für die 70er Jahren verwendeten. Auf gewisse Weise haben wir das Standard-Repertoire dieser beiden Epochen auf den Kopf gestellt.?

Egoyan begann mit der Vorproduktion zu ?WAHRE LÜGEN? unmittelbar nach der Premiere seiner Produktion von ?Die Walküre?, dem ersten Teil der Inszenierung von Richard Wagners Ringzyklus durch die The Canadian Opera Company. ?Während der Vorbereitung auf ?WAHRE LÜGEN? hatte ich viel Musik im Kopf. Ich war begeistert von Wagners brillantem Einsatz der Motive in der Orchestrierung, und für diesen Film wollte ich ausdrucksstarke symphonische Klänge.?

Egoyan und sein langjähriger Mitarbeiter, der Komponist Mychael Danna, hörten sich Kompositionen von Bernard Herrmann an, der selbst stark von Wagner beeinflusst wurde, außerdem Elmer Bernsteins Musik zu ?Dein Schicksal in meiner Hand? sowie Duke Ellingtons Jazzstücke zu ?Anatomie eines Mordes?. Die üppige Filmmusik zu ?WAHRE LÜGEN? kombiniert reiche Orchesterstücke mit Einflüssen aus den frühen 70er Jahren, u.a. Bands wie Roxy Music, Santana, Funkadelic und The Mahavishnu Orchestra.

Bis zum letzten Augenblick hält ?WAHRE LÜGEN? das Publikum in seinem Bann; man rätselt darüber, was wohl wirklich geschah ? sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart ? und darüber, wer wem wirklich was angetan hat. In bester Hollywood-Manier gibt es auch einen Höhepunkt, also die Szene, in der alle losen Enden zusammenlaufen und eine Neubewertung der Kategorien böses/gutes Mädchen und guter/böser Kerl stattfindet.

Egoyan setzt diesbezüglich sogar noch einen drauf, indem er diese Szene in einem Filmstudio spielen lässt. Souverän werden Hollywood-Normen genutzt oder verlacht, die fehlende Moral des Showgeschäfts wird analysiert oder satirisch verwertet ? kunstvoll zeigt uns Atom Egoyan das Geheimnis des Lebens, und ebenso kunstvoll gibt er dem Leben sein Geheimnis zurück.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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