Capote

Produktionsnotizen

"Die Geschichte eines Biographen" von Gerald Clarke ?Truman, man hat mich gebeten, deine Biographie zu schreiben. Wirst du mitmachen?? Am anderen Ende der Telefonleitung gab es eine kurze Pause. Und dann eine noch kürzere Antwort: ?sicher.? Also fing ich an. Ich dachte, dass sich mein Buch relativ leicht würde schreiben lassen. Immerhin hatte ich bereits viele Profile berühmter und talentierter Menschen für das Time Magazine geschrieben ? eine Liste, die letztlich jeden von Mae West bis Susan Sontag, von Elizabeth Taylor bis Joseph Campbell umfasste.

Außerdem hatte ich für The Atlantic und Esquire eine Serie über Schriftsteller verfasst. Gore Vidal. Allen Ginsberg, der Beat-Poet. Vladimir Nabokov, der Schöpfer von ?Lolita?. P.G. Wodehouse, das urkomische Genie, auf dessen Konto ?Jeeves? geht. Und schließlich Truman Capote, der zu diesem Zeitpunkt der am meisten gefeierte Schriftsteller in Amerika war ? der Autor von ?Kaltblütig?, das Buchphänomen der 60er Jahre, das seit seiner Veröffentlichung das Wesen und die Bedeutung der Non-Fiktion maßgeblich verändert hatte.

?Kaltblütig? war auch der Grund, warum mein Verleger mich angerufen und warum ich Kontakt mit Truman aufgenommen hatte. Ich dachte, die Biographie würde zwei Jahre in Anspruch nehmen. Drei vielleicht. Ich war sicher, dass das Schreiben ein Spaziergang werden würde, mit Interviews in schicken Restaurants und Litern der besten Weinjahrgänge am jeweils besten Tisch des Hauses. Wo auch immer Truman Capote durch die Tür kam, unternahmen die Chefkellner mit Ausnahme von unterwürfigen Verbeugungen alles, um ihm zu signalisieren, dass sie alles für ihn tun würden.

?Man könnte sagen, dass Truman allmächtig geworden ist?, schrieb eine Zeitung. Und für etwas mehr als ein Jahrzehnt traf das auch zu. Was die Interviews in schicken Restaurants und die rauen Mengen an Beaujolais anbetraf, sollte ich Recht behalten. Bei allem anderen hatte ich mich geirrt. Wenn er gewusst hätte, wie lange es dauern würde, ?Kaltblütig? zu schreiben, und was es ihm abverlangen würde, dann hätte er nie in Kansas angehalten, gab Truman später zu Protokoll. Er wäre weitergefahren ? ?wie eine Fledermaus aus der Hölle?.

Manchmal habe ich fast dasselbe empfunden. Was ich nicht vorhergesehen hatte, war das Drama, das Trumans Leben ständig umgab ? ein Drama, in dem ich manchmal selbst eine Rolle spielte. Das Resultat war, dass es 13 Jahre dauerte, bis ich mein Buch fertig geschrieben hatte. Toller Spaziergang! Es war das Schwerste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Aber es gibt auch nichts, was jemals erhebender gewesen wäre.

Auf der Suche nach Information reiste ich kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und machte immer wieder Abstecher nach Europa. Eines meiner Reiseziele war selbstverständlich Kansas, der Schauplatz von ?Kaltblütig?. Mit Ausnahme von zwei Figuren lernte ich alle Protagonisten von CAPOTE, dem Film, kennen. Harper Lee, die Truman bei seinen Recherchen half und mit ihrem Roman ?Wer die Nachtigall stört? selbst schon bald eine literarische Sensation werden sollte.

Alvin Dewey, der ermittelnde Detective des Kansas Bureau of Investigation, und seine Frau Marie. William Shawn, der Chefredakteur des New Yorker. Und Jack Dunphy, Trumans langjähriger Gefährte. Die zwei, die ich nicht interviewen konnte, waren die Mörder, Perry Smith und Dick Hickock. Sie waren 1965 hingerichtet worden. Aber ich lernte sie dennoch kennen ? intim, wie ich mir einbildete ? durch die etwa 40 Briefe, die sie an Truman geschrieben hatten.

Die meisten ihrer Briefe sind mehrere Seiten lang. Sie sind schonungslose Blicke in das Leben in der Todeszelle. Truman hat sie mir gegeben. Dan Futterman, der das Drehbuch zu CAPOTE schrieb, ist der Einzige, den ich sie jemals habe lesen lassen. Ihr Dialog im Film reflektiert ? bisweilen Wort für Wort ? was Perry und Dick tatsächlich gesagt haben.

Das Drehbuch des Films stammt komplett von Dan, und er hat eine prächtige Arbeit abgeliefert. Ich habe nur insofern dazu beigetragen, indem ich bereitwillig jede Frage beantwortet habe, die er mir zum Thema stellte. Hätte Truman so etwas gesagt? Hätte er Dinge auf diese Weise gemacht? Bennett Miller, der Regisseur des Films, und Philip Seymour Hoffman, der Truman spielt, haben mich in meinem Haus im Osten von Long Island besucht. Sie haben mir weitere Fragen gestellt.

?Trug Truman seine Brille die ganze Zeit??, war eine der Fragen, die Philip interessierte. (Die Antwort: Wie viele andere kurzsichtige Menschen, nahm Truman seine Brille ab, wenn er sich hinsetzte.) Um Trumans eigenartige, kindliche Stimme ? Truman lispelte nicht, wie manche Autoren fälschlicherweise schreiben ? reproduzieren zu können, gab ich ihm Bandaufnahmen einiger meiner Interviews. Philip hat den Rest erledigt. Durch die Alchemie, die nur sehr wenige ausgesprochen begabte Schauspieler besitzen, ist ihm weitaus mehr gelungen, als Truman nur nachzumachen. Für die Dauer des gesamten Films hat er ihn wiederauferstehen lassen.

In der letzten Juniwoche 1984 ? er starb im August des Jahres ? hatte ich in Long Island jeden Tag Lunch mit Truman. Danach setzten wir uns bei mir oder ihm hin, um uns lange zu unterhalten. ?Es gibt da einen T.C., der absolut einmalig ist?, sagte er einmal. ?Es gab niemanden wie mich vor mir, und es wird niemals wieder jemanden geben, der so ist wie ich, wenn ich nicht mehr da bin.? Das ist wahr ? wer würde ihm da widersprechen wollen? Für die zwei Stunden, die der Film dauert, kommt Philip aber verdammt nah ran.

Über "Kaltblütig" Mit ?Kaltblütig? unternahm Truman Capote den Versuch, etwas völlig Neues zu erschaffen ? etwas, das er selbst ?Non-Fiction Novel?, also ?Non-Fiktions-Roman?, nannte. Sein Ziel war es, ein Werk der Non-Fiktion mit den Techniken der Fiktion ? künstlerische Auswahl und das Auge des Literaten für bemerkenswerte Details ? zu verfassen. Er wollte beweisen, dass eine Tatsachenerzählung ebenso packend sein kann wie ein raffinierter Thriller. Sein Erfolg wird gleich auf der ersten Seite offensichtlich, auf der er den Leser mit wenigen Worten mitten hineinversetzt in das Flachland von Kansas.

?Das Land ist so flach, dass man nach allen Seiten unheimlich weite Ausblicke hat. Pferde, Rinderherden, eine Gruppe von weißen Getreidesilos, schlank und anmutig wie griechische Tempel, sieht man schon lange, bevor man herankommt.? Spätestens ab der dritten Seite, wenn vier Gewehrschüsse der Stille der Prärie ein jähes Ende setzen, lässt die Erzählung den Leser nicht mehr los. ?Der perfekteste Autor meiner Generation?, wurde Capote von Norman Mailer genannt. Mit ?Kaltblütig? bewies Capote, dass Mailer nicht übertrieben hatte.

Es würde schwerfallen, den Einfluss, den ?Kaltblütig? auf andere Schriftsteller haben sollte, nicht wahrzunehmen. Bis zur Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1966 hatten Schriftsteller ? oder besser gesagt: talentierte, ambitionierte Schriftsteller ? den Eindruck, sie müssten in die Fußstapfen von Fitzgerald, Hemingway und Faulkner treten und Fiktion veröffentlichen. Non-Fiktion dagegen war etwas für Historiker, Journalisten und Stümper. Capote eröffnete neue Wege.

In den folgenden Jahrzehnten folgten ihm viele der besten Autoren in Amerika und fanden ihre Themen und Figuren, wie es Capote vorgemacht hatte, in der harschen Welt realer Vorkommnisse. Capotes Einfluss reicht sogar bis ins 21. Jahrhundert. Selbst Schriftsteller, die nie von ?Kaltblütig? gehört oder das Buch gelesen haben, schreiben so, wie sie es tun, weil er es so getan hat.

CAPOTE, der Film lädt den Zuschauer dazu ein, sich in eine Zeit zu denken, in der Schriftsteller eine Form von Berühmtheit und Bekanntheit erreichten, wie man sie heute bei Figuren der Popkultur kennt. In Amerika wurde damals erheblich mehr gelesen als es heute der Fall ist. Bücher waren wichtig. Dazu kommt, dass Truman dazu geboren war, sich selbst im Rampenlicht zu präsentieren. Damit ebnete er den Weg für jene Art von Persönlichkeitskult, wie er heute allgegenwärtig ist. Sein Ruhm war nicht auf einzelne Kategorien beschränkt.

Capote wurde von der Hoch- und Trivialkultur gefeiert, lieferte Stoff für ernsthafte literarische Betrachtung ebenso wie für frivoles Getratsche in der High-Society. Sein Name war nicht aus Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendungen wegzudenken. Wenn er durch Manhattan spazierte, riefen ihm Lastwagenfahrer zu ?Hey Truman, wie geht?s??, und die Damen von der Telefonvermittlung erkannten ihn, sobald er zu sprechen begann.

1967, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches, kam Regisseur Richard Brooks nach Holcomb, um den Roman zu verfilmen. Um sich von der Einheitlichkeit Hollywoods von vornherein abzusetzen, drehte Brooks in Schwarzweiß und besetzte zwei unbekannte Schauspieler ? Robert Blake und Scott Wilson ? als Perry Smith und Dick Hickock. Einzig die Rolle des Alvin Dewey fiel einem bekannten Film- und Fernsehschauspieler zu: John Forsythe, der später vor allem als Stimme von Charlie in ?Drei Engel für Charlie? und als Blake Carrington in ?Der Denver-Clan? TV-Geschichte schrieb.

Der Dreh fand im Haus der ermordeten Familien Clutter sowie anderen authentischen Plätzen statt. Brooks filmte sieben der realen Geschworenen, den tatsächlichen Henker und Nancy Clutters Pferd Babe. Truman schaute während der Dreharbeiten vorbei und erregte damit so große Aufmerksamkeit und Pressetrubel, dass Brooks den Schriftsteller als Ablenkung empfand und ihn darum bat, wieder abzureisen. Truman willigte ein, aber nicht, bevor er mit Blake und Wilson für ein Titelfoto für Life posiert hatte.

Der Film kam im folgenden Jahr ins Kino und war ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Er erhielt vier Oscar®-Nominierungen: für die Beste Regie und das Beste Drehbuch (Brooks), die Beste Kamera (Conrad L. Hall) und die Beste Musik (Quincy Jones).

1996 wurde ?Kaltblütig? ein zweites Mal verfilmt, diesmal als Hallmark-TV-Movie, inszeniert von Jonathan Kaplan (Accused (Angeklagt, 1988)) und mit Sam Neill als Dewey sowie Eric Roberts und Anthony Edwards als Smith und Hickock. Dieser Film wurde in Kanada gedreht.

?Kaltblütig? bescherte Capote gewaltigen Ruhm, viel Geld und und eine Menge Respekt. Aber das Buch markierte auch einen weiteren Wendepunkt in seinem Leben. ?In manchen Leben?, schrieb Gerald Clarke ?gibt es Momente, die, wenn man sie später betrachtet, als die Linien angesehen werden können, an denen ein dramatischer Aufstieg oder tiefer Fall beginnt. Der unmittelbare Grund für Capotes tragischen Fall ? und nichts anderes war es ? war ,Kaltblütig? selbst.?

Über Truman Capote Schriftsteller, Verfasser von Kurzgeschichten, Drehbuchautor, Stückeschreiber, Schöpfer der ?non-fiction novel?, faszinierender Erzähler, Pfiffikus, Superstar, Genie und Jetsetter, und immer rundum ein Vergnügen: Truman Capote war eine der überraschendsten und einzigartigsten Persönlichkeiten seiner Zeit.

Er wurde am 30. September 1924 als Truman Streckfus Persons in New Orleans geboren. Sein Vater war Arch Persons, ein Kleinspurbetrüger, seine Mutter war Lillie Mae Faulk Persons, eine bildschöne junge Frau aus Monroeville, Alabama. Bald schon steigerte sich Lillie Maes Enttäuschung in Arch so sehr, dass sie Geschmack für andere Männer entwickelte und die Ehe zu zerbrechen begann.

1930, kurz vor seinem sechsten Geburtstag, wurde Truman von seinen Eltern nach Monroeville geschickt, wo er bei den älteren Faulk-Cousins und -Cousinen leben sollte ? den jungferlichen Schwestern Jennie, Callie und Sook sowie deren unverheirateten Bruder Bud. Von ihnen war Truman am meisten Sook zugetan, die für ihn so etwas wie eine Ersatzmutter wurde. Außerdem freundete er sich mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an, Harper Lee, die ein Jahr jünger war als er.

Später porträtierte sie den jungen Truman als die Figur Dill in ihrem Roman ?Wer die Nachtigall stört?: ?Wir lernten ihn als einen Merlin im Taschenformat kennen, dessen Kopf voller exzentrischer Pläne, merkwürdigen Sehnsüchten und kurioser Vorlieben steckte.? Seine Mutter zog 1931 nach New York City. Sie änderte ihren Vornamen in Nina, ließ sich von Arch scheiden, heiratete Joseph Capote, einen Kubaner, der für eine Textilfirma an der Wall Street arbeitete, und holte Truman in den Norden nach Manhattan.

Er besuchte die Trinity School, eine Privatschule an der West Side, und wurde 1935 formal von seinem Stiefvater adoptiert. Truman Persons war nun Truman Capote (was man ?Ka-poh-tie? ausspricht). 1939 zogen die Capotes nach Greenwich, Connecticut, eine wohlhabende Vorstadt von New York. Dort besuchte Truman die Greenwich High School.

1942 kehrten die Capotes nach New York zurück und zogen in ein Apartment in der Park Avenue. Truman, der beim Abschluss an der Greenwich High School durchgefallen war, holte sein Diplom im folgenden Jahr an der Franklin School nach, einer Privatschule an der West Side. Dies war das Ende seiner formalen Ausbildung.

Während seiner Zeit an der Franklin nahm er einen Job beim The New Yorker als Copyboy des Art Department an. Als ?herrliche Erscheinung, umherflatternd, die Korridore des Magazins auf und ab huschend? wurde er von Brendan Gill, einem der Stützpfeiler des Magazins, beschrieben. In einer Zeit, in der Homosexualität in Amerika als Gräuel galt, war Truman auf nonchalante und strahlende Weise schwul.

Truman hatte schon in seiner frühen Jugend mit dem Schreiben von Geschichten begonnen und hoffte nun, dass The New Yorker ihn veröffentlichen würde. Aber all seine Versuche wurden abgeschmettert. Auf mehr Gegenliebe stieß er bei zwei Frauenmagazinen, Mademoiselle und Harper?s Bazaar, die zu dieser Zeit im Ruf standen, die besten Kurzgeschichten in ganz Amerika abzudrucken. Seine erste Geschichte in Mademoiselle war ?Miriam?, die ihm nicht nur einen O. Henry Award einbrachte, sondern ihn auch zum Gesprächsthema in den Literaturzirkeln von Gotham machte.

Weitere Geschichten folgten. 1945 nahm ihn Random House für seinen ersten Roman unter Vertrag: ?Andere Stimmen, andere Stuben? sollte sein Titel werden. Weil er zu Hause nicht schreiben konnte (seine Mutter war mittlerweile dem Alkohol verfallen), erhielt Truman ein Stipendium für Yaddo, einer Zuflucht für Künstler, Schriftsteller und Komponisten im Staat New York.

Dort begann seine lange Beziehung mit Newton Arvin, einem Literaturprofessor am Smith College in Massachusetts. Arvin war 24 Jahre älter als Truman und ein anmutiger Autor, ein Gelehrter mit beeindruckendem Wissen und ein Kritiker mit makellosem Urteilsvermögen. Seine Biographie über Herman Melville gewann den allerersten National Book Award für ein Non-Fiction-Buch. Arvin war sowohl Liebhaber als auch Vaterfigur und, wie Truman später sagte, sein Yale und Harvard.

Obwohl sich ?Andere Stimmen, andere Stuben? nach seiner Veröffentlichung 1948 nur schleppend verkaufte, zementierte der Roman Trumans Ruf als einen der viel versprechendsten Autoren der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Roman erzählt niemals explizit die Geschichte eines Jungen in seinen Teenager-Jahren, der die eigene Homosexualität entdeckt. Erst viele Jahre später war Capote selbst in der Lage zu der Erkenntnis, dass es sich um seine zumindest spirituelle, wenn auch nicht tatsächliche Autobiographie handelte.

Gerald Clarke schrieb, dass der exzentrische Cousin der Hauptfigur ?das Sprachrohr für die Themen war, die alle Veröffentlichungen Trumans dominieren: die Einsamkeit, die außer den Dummen und Unsensiblen alle befällt; die Heiligkeit der Liebe, in welcher Form auch immer; die Enttäuschung, die hohen Erwartungen unweigerlich folgt; und die Perversion der Unschuld.?

Nach einem Sommer in Europa lernte Truman Capote im Herbst 1948 Jack Dunphy kennen, ebenfalls ein Schriftsteller, der sein lebenslanger Gefährte werden sollte. 1950 ließen sie sich in Taormina auf Sizilien nieder, in einem Haus, das einst D.H. Lawrence bewohnt hatte, und Truman begann mit der Arbeit an seinem zweiten Roman, ?Die Grasharfe?.

Wenn man ?Andere Stimmen, andere Stuben? als Capotes Blick auf die finstere Seite seiner Kindheit betrachtet, ist der 1951 veröffentlichte Roman ?Die Grasharfe? in Clarkes Worten ?ein Versuch, die bittersüßen Geister der Erinnerung und Nostalgie heraufzubeschwören?. In dieser Geschichte eines einsamen Jungen, der mit vier anderen entwurzelten Geistern Zuflucht in einem Baumhaus findet, erweckt Truman die Erinnerung an seine Kindheit in Alabama und seine geliebte Cousine Sook Faulk.

Im folgenden Jahr adaptierte Truman ?Die Grasharfe? für den Broadway, aber das Stück war kein Erfolg und wurde nach nur einem Monat wieder abgesetzt. (Eine Filmversion mit Walter Matthau und Sissy Spacek entstand 1995.) Nach ein paar Änderungsarbeiten an dem Drehbuch zu Vittorio De Sicas Stazione Termini aka Indiscretion of an American Wife (Rom, Station Termini, 1953) setzte sich Truman mit Regisseur John Huston zusammen, um mit ihm an dem Drehbuch zu dessen schräger Thrillerkomödie Beat the Devil (Schach dem Teufel, 1954) zu feilen.

Gefilmt im italienischen Ravello und mit Jennifer Jones, Humphrey Bogart und Gina Lollobrigida in den Hauptrollen, ist der Film so skurril und charmant, wie es wohl auch die Dreharbeiten waren. (Capote selbst erachtete stets The Innocents (Schloss des Schreckens, 1961), eine Adaption von Henry James? ?Das Durchdrehen der Schraube? mit Deborah Kerr in der Hauptrolle, als das beste seiner Drehbücher.)

Nach Beat the Devil reisten Jack und Truman nach Portofino, wo Truman seine Kurzgeschichte ?House of Flowers? als Broadway-Musical adaptierte. Obwohl der Score von Harold Arlen zu seinen besten zählt, hatte die Show lediglich moderaten Erfolg. Truman kehrte nach Europa zurück. Doch bereits im Januar 1954 mußste er wieder nach New York fliegen, nachdem seine Mutter eine Packung Schlaftabletten geschluckt hatte. Sie starb, bevor er in Amerika landete.

Capotes Interesse an den Möglichkeiten des Journalismus führten zu ?The Muses Are Flying?, die Geschichte des Sowjetunion-Besuchs der ?Porgy and Bess?-Truppe, und ?The Duke and His Domain?, ein langes und schonungslos offenes Porträt von Marlon Brando. Nach der Lektüre gab der Schauspieler zu Protokoll, er habe gute Lust, den Autor zu ermorden.

Trumans nächstes Buch war ?Frühstück bei Tiffany?. Es wurde 1958 veröffentlicht und schenkte der Welt die unvergessliche Holly Golightly, die das Manhattan der Kriegszeit wie ein freigeistiger Kobold erstrahlen lässt. Hollys einzige Angst ist, was sie als ?mean reds? bezeichnet. Ihre Lösung: ?Ich habe herausgefunden, was am besten dagegen hilft: Ich steige in ein Taxi und gehe zu Tiffany?, sagt sie.

?Das beruhigt mich sofort, die Stille und das stolze Aussehen: nichts wirklich Schlimmes kann einem dort widerfahren...? Der Roman wurde von Blake Edwards zu einem Filmklassiker mit Audrey Hepburn als Holly, Henry Mancinis zeitlosem Song ?Moon River? und einer dazu gepackten Liebesgeschichte gemacht. Truman war zwar ein Fan von Hepburn, fand sie aber dennoch fehlbesetzt und war enttäuscht von dem Film; er fand, dass Marilyn Monroe die passende Wahl gewesen wäre. Die Unmengen von Fans des Films stimmen Capote nicht zu.

Im November 1959 las Truman Capote in der New York Times einen Artikel über den Mord an der Clutter-Familie in Kansas. Das war der Ausgangspunkt für ?Kaltblütig? (1966), ein Projekt, das sechs Jahre seines Lebens beanspruchen sollte. Dies sind die Jahre, die im Mittelpunkt des Interesses von Autor Dan Futterman und Regisseur Bennett Miller für ihren Film CAPOTE stehen.

Nach den langen und intensiven Jahren, die die Arbeit an ?Kaltblütig? in Anspruch nahm, gab Capote am 28. November 1968 eine Party; eine der spektakulärsten in der Geschichte von New York: der Black and White Ball im Plaza Hotel. Abgehalten zu Ehren der Washington-Post-Verlegerin Katherine Graham, die damals die mächtigste Frau des gesamten Landes war, begann die Galafeier um zehn Uhr abends und dauerte bis zum Frühstück am nächsten Morgen.

Etwa 500 der feinsten Persönlichkeiten, die im Land zu finden waren, waren eingeladen und hatten sich an einen präzisen Dresscode zu halten: Männer in Smoking und mit schwarzer Maske; die Frauen in schwarzweißen Kleidern, mit schwarzer Maske und einem Fächer. Die ultra-exklusive Feier sorgte weltweit für Schlagzeilen. ?In gewisser Weise eine außerordentliche Angelegenheit?, sagte Truman später dazu. ?Aber was mich anbetrifft, war es nur eine kleine Privatfeier und ging niemanden sonst etwas an.?

Während der Arbeit an ?Kaltblütig? begann Capote mit dem Trinken und nahm Tabletten. Es schien, als würde er seinen Fokus verlieren und seine Energien mehr auf das süße Leben als die hohe Kunst richten. Er kündigte den Titel seines nächsten Romans ? ?Answered Prayers? ? an und sagte, es würde einen Umfang haben, der eines Proust würdig sei. Aber als das erste Kapitel 1975 im Esquire abgedruckt wurde, löste die Veröffentlichung stürmische Proteste seiner reichen Freunde aus, die erbost darüber waren, sich selbst nur kaum kaschiert in den Zeilen wiederzuentdecken.

Sie fühlten sich hintergangen und viele, darunter die Ehefrau des CBS-Vorsitzenden Bill Paley, Babe Paley, die Frau, die er von allen am meisten liebte, weigerten sich, ihm zu vergeben oder ihn zu sehen. Man verlieh ihm den Spitznamen ?The Tiny Terror? und brandmarkte ihn als gesellschaftlichen Außenseiter. Diese öffentliche Abstrafung beschleunigte seinen Abstieg in die Drogen- und Alkoholsucht.

Selbst seine Beziehung zu Jack Dunphy litt und Truman suchte Zuneigung bei einer Reihe nicht weiter bemerkenswerter Männer. All diese Beziehungen endeten tragisch. Und dennoch, trotz all der schlechten Erfahrungen, des Alkohols, der Drogen und seiner anhaltenden Depression, konnte er noch immer schreiben ? und das wirklich gut. Seine letzte Veröffentlichung, eine Sammlung mit dem Titel ?Musik für Chamäleons? (1980), enthält Prosa, die jeden Schriftsteller neidisch machen würde. Truman Capote starb in Los Angeles am 25. August 1984, einen Monat vor seinem 60. Geburtstag.

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Sony Pictures © 1994 - 2010 Dirk Jasper