Rohtenburg

Produktionsnotizen

Ein heißes Eisen ? Die Ursprünge von Rohtenburg Produzent Marco Weber weiß, dass er mit ROHTENBURG, dem wahrscheinlich kontroversesten Film seiner Laufbahn, ein heißes Eisen anfasst, ein sehr heißes Eisen. Kannibalismus allein ist bereits ein heikles Thema für einen Film. Aber Kannibalismus in Verbindung mit sexueller Erfüllung? Geht gar nicht ? was auch Webers erster Impuls war, und der Grund, warum er den Film dennoch machen wollte.

?Die erste wesentliche Frage ist: Warum dieser Film?? erzählt der Filmemacher. ?Die Antwort darauf ist ziemlich einfach: Als ich vor etwa vier Jahren von dem realen Fall erfuhr und im Internet darüber las, war mein erster Gedanke: So etwas gibt es nicht. Es ist nicht möglich, dass sich zwei Menschen mit diesen Bedürfnissen so finden können. In den darauf folgenden Wochen habe ich den Fall weiter in den Medien verfolgt und festgestellt: Ja, es ist tatsächlich so gewesen. Dabei ließ mich eine Frage nicht mehr los: Wie ist das möglich, kann das wirklich so sein? Das war für mich die treibende Kraft, den Film zu machen. Ich habe zu Martin Weisz, dem Regisseur, gesagt: Wenn man es hinbekommt, das mit Schauspielern und den entsprechenden Möglichkeiten so umzusetzen, dass man diese Geschichte wirklich glaubt, dann haben wir unsere Arbeit getan, dann wäre das ein fantastisches Ergebnis. Denn dann glaubt man auch, dass sich zwei derartige Menschen finden können.?

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf begannen die Vorbereitungen zu ROHTENBURG. Ein Drehbuch wurde geschrieben. ?Während der Arbeiten an dem Drehbuch haben wir festgestellt, dass es nicht möglich ist, diese Geschichte ohne Filter zu erzählen?, erinnert sich Weber. ?Das kann man einem Publikum nicht zumuten, das wäre unerträglich. Man braucht ein Ventil, es mußs eine Möglichkeit geben, von den beiden Hauptpersonen auch mal wegzuschneiden.? So kam die Figur der jungen amerikanischen Studentin Katie ins Spiel. ?Sie nimmt die Position des Zuschauers ein. Katie, das sind wir?, erklärt Marco Weber. ?Sie hilft uns, Blickwinkel und Betrachtungsweisen zu akzeptieren, die wir uns sonst niemals wagen würden. Man sieht Thomas Kretschmann und Thomas Huber bei ihrem unfassbar intensiven Spiel viel offener zu, weil man das durch die Augen eines Dritten tut. Die absolute Glaubwürdigkeit des Gezeigten wird noch erhöht. Und man akzeptiert, was eingangs so unfassbar erscheint: In dieser Extremsituation empfinden diese beiden Menschen so etwas wie Glück.?

?Was ich auch spannend fand, war eine weitere Überlegung, die wir beim Verfassen des Drehbuchs hatten: Hätten sich diese beiden Menschen jemals finden können, wenn es das Internet nicht gäbe? Die Antwort ist ganz klar: Nein, es wäre nicht möglich gewesen. Man hätte das ja schlechterdings in der Süddeutschen Zeitung unter ?Verschiedenes? inserieren können. Diese beiden Männer hätten sich vor der Ära des Internets niemals finden können. Diesem Aspekt wollten wir in unserem Film ebenfalls gerecht werden ? in den Szenen, in denen E-Mails ausgetauscht werden und man nur diese völlig anonymen Hände zu sehen bekommt. Das Internet ist eben nicht nur ein Heilsbringer, Quell nicht abreißender Informationen. Das Internet trägt durchaus auch dazu bei, die dunklen Bedürfnisse der Gesellschaft zu fördern. Es besteht ein müheloser Austausch, der früher niemals möglich gewesen wäre.?

Keine Kompromisse ? Recherche und Vorbereitung Das Ziel der Filmemacher war es, in den Worten von Produzent Weber, ?das sauber aufzuarbeiten?. Dabei stand von vornherein fest, dass man keine Kompromisse eingehen wollte. Es stand nie zur Debatte, irgendwelche Aspekte, und seien sie noch so schrecklich und unaussprechlich, auszusparen. Um sich die nötige kreative Freiheit zu bewahren, setzte Weber das Budget so niedrig wie nur möglich an. ?Nur so ist es möglich, ein solches Thema anzugehen?, sagt er. ?Ich wollte nicht von Anfang an darüber nachdenken müssen, wie man ein hohes Budget wieder einspielt. Martin und mir ging es fernab jeglicher kommerzieller Überlegungen darum, einen Film zu machen, der dazu beiträgt, dass man eine solche Tat versteht.?

Verblüfft registrierten die Filmemacher, dass ihr Ansatz ungeahnte positive Konsequenzen hatte und kreative Kräfte freisetzte. ?Tatsächlich war die Geschichte von Thomas und Thomas so stark, war ihr Spiel so überzeugend, dass wir die Augen trotz des extremen Inhalts nicht mehr von ihnen nehmen konnten ? und bald der Überzeugung waren, dass es dem Publikum nicht anders gehen würde. Im Schnitt konzentrierten wir uns stärker auf die beiden. Zwangsläufig geriet die Geschichte von Katie dadurch ins Hintertreffen. Und doch war sie nötig und für uns wichtig, denn sie ist unser Auge: Wenn wir sie nicht gehabt hätten, hätten wir uns nie so nah an die beiden Männer herangetraut, um die es uns von Anfang an ging. Wir sind auch immer mutiger geworden, als wir merkten: Hey, es geht. Entsprechend fällt der Final Cut des Films aus. Es ist kein Krimi über einen abartigen Mord, sondern eine bizarre Liebesgeschichte, ein Psychodrama, das unter die Haut geht.?

Die Auseinandersetzung mit dem nicht immer appetitlichen Thema hinterließ dennoch seine Spuren bei den Machern. Vor allem Marco Weber fühlte sich von der Last des Stoffs bisweilen regelrecht erdrückt. Er hatte die Entwicklung des Stoffs zunächst allein, später dann mit seiner ausführenden Produzentin Sybille Breitbach vorangetrieben. Sie steuerte viel Hintergrundmaterial aus Deutschland über den realen Kriminalfall bei, während Weber eintauchte in eine absurde Halbwelt, in der potenzielle Kannibalen miteinander kommunizieren. ?Es gab Momente, da bekam ich ein bisschen Angst?, gesteht der Produzent.

?Als ich feststellte: Verdammt, da gibt es eine richtige, riesige Szene, da wurden mir die Knie durchaus weich. Das ist wie mit den notorischen Snuff-Movies: Viele Menschen sind von der Morbidität angezogen. 99,9 Prozent davon sind sicherlich nur Voyeure, die mit dem Thema kokettieren, weil es ein Tabu ist, weil man ein gesellschaftliches Verbot bricht. Aber ich will nicht ausschließen, dass es da draußen noch mehr Menschen gibt, die so sind wie Hartwin und Grombek im Film, die bereit sind, den ganzen Weg zu gehen.? Weber war schockiert, wie leicht man Links zu den entsprechenden Communities findet, wie groß die Anzahl der Fans des Abseitigen ist und wie frei sie sich über ihre Fantasien austauschen.

Herz der Düsternis ? Locations und Dreh Dennoch ließ sich Weber nicht beirren. Mit T.S. Faull wurde das Drehbuch fertig gestellt. Während man die erste Fassung überarbeitete, überlegte der Produzent, wo man diesen außergewöhnlichen Film realisieren könnte. ?Wir haben den Film in Wuppertal und Umgebung gedreht. Das ergab sich eher aus einem Zufall.? Ende 2004 besuchte Weber seine Eltern, die in Remscheid in der Nähe von Wuppertal leben. Abends fuhr er mit dem Auto durch die Stadt, in der er aufgewachsen war.

?Ich hatte Remscheid und Wuppertal als unheimlich reiche Städte in Erinnerung, die sie in den 70er Jahren ja aufgrund der damals noch florierenden Werkzeugindustrie auch noch waren. Mir fiel auf, dass sich das in den letzten 20 Jahren radikal geändert hat. Was ich als farbig und grün in Erinnerung hatte, ist heute düster und runtergekommen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, nachdem die Werkzeugindustrie Anfang der 80er Jahre zusammengebrochen ist. Weil keine neuen Industriezweige erschlossen wurden, die den Wohlstand erhalten hätten können, ist die gesamte Region, zumindest im Vergleich zu den 70ern, sichtbar verarmt. Ich fand das bedrückend. Gleichzeitig war das aber auch die Kulisse, die ich mir immer für den Film vorgestellt hatte, weil die Stimmung im Land durchaus wiedergibt, wie sich die beiden Protagonisten fühlen.?

25 Drehtage wurden veranschlagt ? weniger als für ein preiswertes TV-Movie. Mit Ausnahme von den Heads der einzelnen Abteilungen bestand die Crew ausschließlich aus Deutschen. Von vornherein verzichtete Weber auf jegliche Form von Filmförderung. ROHTENBURG ist komplett frei finanziert ? ?wie alle meine Filme, mit Ausnahme von THE THIRTEENTH FLOOR?, sagt Weber. ?Mir war klar, dass wir mit diesem Stoff vor jedem Förderungsgremium dieser Welt auf Unverständnis gestoßen wären. Das war mir die Aufregung nicht wert. Wir haben lieber Abstriche beim Geld gemacht und unsere Gagen zurückgestellt, um den Film machen zu können, den wir machen wollten. Unter dem Radar und völlig frei. Das merkt man auch, und das ist gut so.?

Gänsehaut ? Die Schauspieler von Rohtenburg ?Ich hatte eine Gänsehaut, als ich Thomas und Thomas am Set beim Spiel zusah, wie sie völlig in ihren Rollen aufgegangen sind ? so intensiv war die Arbeit, die sie ablieferten?, gesteht Marco Weber. ROHTENBURG ist ein Film, der mit seinen Hauptdarstellern steht oder fällt. Aber Thomas Kretschmann und Thomas Huber erwiesen sich als absolute Idealbesetzung für Oliver Hartwin und Simon Grombek. Kretschmann, in den USA längst als Star etabliert, trat selbst an Marco Weber heran, weil er gehört hatte, dass er diesen Stoff verfilmen wollte. ?Ich schickte ihm das Drehbuch zu, er mochte die Rolle, und da war dann auch klar, dass er den Oliver Hartwin spielen würde?, berichtet Weber. Als nächstes wurde Keri Russell besetzt, die in den USA dank ?Felicity? ein ziemlich großer Star ist und sich auch bereits die weibliche Hauptrolle in M:I3 mit Tom Cruise gesichert hatte. Allerdings war bekannt, dass sie auf der Suche nach einer anspruchsvollen Rolle in einem eher düsteren Stoff in Europa war, um das Image des Sonnenscheins abzulegen. ROHTENBURG war der passende Film ? und Russell kam schnell an Bord. Schließlich wurde noch Thomas Huber für den Part des Simon Grombek gecastet. ?Verblüffend schnell wuchs da ein sehr gutes Team zusammen. Das machte Mut?, erinnert sich Marco Weber.

Hochgradig beeindruckt war Weber von seinem Hauptdarsteller. ?Thomas Kretschmann hat die Rolle ohne Wenn und Aber gespielt. Dazu gehört viel Vertrauen. Und natürlich viel Mut?, erklärt Marco Weber. ?Wenn man allein Thomas? Maske in ROHTENBURG mit seinem Aussehen in KING KONG vergleicht, dann hat man das Gefühl, das seien zwei verschiedene Menschen. Aber er hatte einfach Lust auf die Rolle, da konnte er sich als Schauspieler voll einbringen ? was in den großen Hollywood-Produktionen, in denen er mittlerweile regelmäßig mitspielt, nicht immer der Fall ist.? Nach kurzer Zeit hatte Kretschmann den Part verinnerlicht. Weil Weber den Darstellern auch stets Einblick in die Muster gestattete, konnten sie auch erkennen, wie ernsthaft und souverän der Film aussah. Das gab zusätzliche Sicherheit. ?Alle wussten, dass wir etwas Besonderes machen ? und man sich nicht dafür verstecken müsste?, sagt Weber.

Von vornherein stand für die Filmemacher fest, Thomas Kretschmann einem weniger bekannten Kollegen gegenüber zu stellen. ?Wenn ich ehrlich bin, hatten wir eher Zweifel, die Hauptrolle mit einem so bekannten Schauspieler zu besetzen?, erinnert sich der Produzent. ?Je bekannter das Gesicht, desto mehr verbindet den Zuschauer mit dem Schauspieler. Thomas Kretschmann war deshalb der Richtige, weil er sich hundertprozentig in die Rolle versenkte und hinter diesem Oliver Hartwin förmlich verschwand. Für die Rolle des Opfers wollten wir aber unbedingt jemanden finden, mit dem man keine anderen Assoziationen verbindet, weil es ein Part ist, den man eigentlich gar nicht spielen kann. Die Motive eines Kannibalen lassen sich vielleicht noch in einer gewissen Weise nachvollziehen. Aber jemand, der das Bedürfnis hat, sich verspeisen zu lassen ? das ist so unerhört, dass das einfach nur mit einem Schauspieler möglich war, der für das Publikum ein unbeschriebenes Blatt ist. Ich mußs aber betonen: Zwischen Thomas und Thomas hat es vor der Kamera vom ersten Moment an Klick gemacht, da war alles klar.?

Debütant mit Flair ? Die Regie von Rohtenburg Als wäre ROHTENBURG nicht ohnehin ein Stoff voller Risiken, setzte Marco Weber für die Regie dieser diffizilen Geschichte auf einen Erstling. ?Man darf nicht vergessen, dass Martin Weisz zwar ein erfahrener Videoclip-Regisseur ist, mit ROHTENBURG aber seine erste Spielfilmarbeit abliefert?, erzählt Weber. ?Und er hat, gemessen an den Umständen und diesem extremen Thema, wirklich ganze Arbeit geleistet?, freut sich Weber über seine gute Nase. Er kennt Weisz bereits seit Jahren und wollte immer schon mit ihm zusammenarbeiten. ?Ich habe für ROHTENBURG nach einem Regisseur gesucht, der nicht nur furchtlos sein mußste, sondern auch eine sehr starke Bildsprache und ein gutes Gespür für Ästhetik hat.

ROHTENBURG ist sehr spartanisch gehalten, weil die Schauspieler unbedingt ihre Freiräume bei ihren schwierigen Parts brauchten. Gleichzeitig mußste der Film immer noch gut aussehen. Und Martin war genau der Richtige für diese Aufgabe.? Produzent und Regisseur lagen schon beim ersten Treffen auf einer Wellenlänge: Sie hatten exakt dieselbe Vision, welchen Film man da machen wollte. ?Wir wollten von Anfang an eine gewisse Ambivalenz schaffen: Einerseits wollten wir nicht kneifen, wenn es an die unangenehmen Details dieser Liebesgeschichte geht. Andererseits war uns daran gelegen, den Film wie einen Traum aussehen zu lassen, der allmählich in einen fürchterlichen Albtraum umschlägt. Das lässt sich an der eigenwilligen Atmosphäre festmachen, aber auch an einzelnen Szenen, wenn Hartwin beispielsweise in einem Traum ins Wasser eintaucht und zu ertrinken droht.?

Abschließend resümiert Marco Weber: ?Ich würde mir wünschen, dass der Film beim Publikum das bewirkt, was mich dazu gebracht hat, ihn zu machen. Man distanziert sich eigentlich immer von derart unmenschlichen Dingen und weist das weit von sich. Bei den bisherigen Vorführungen erlebe ich aber, dass die Menschen danach das Bedürfnis haben, miteinander zu reden, und sagen, dass sie jetzt verstehen können, was zwei Männer zu derart extremen Handlungen treibt. Sie verstehen, dass sich diese beiden Männer gefunden haben, weil sie sich finden wollten, dass sie miteinander die Erfüllung erlebt haben. Mein Ziel als Filmemacher habe ich erreicht, wenn der Zuschauer sagt: Ich glaube das.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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