Transamerica

Duncan Tucker über "Transamerica" und Transsexualität

TRANSAMERICA erzählt eine sowohl universelle als auch revolutionäre Geschichte. Es ist seltsam: wir wollen alle die selben Dinge ? Familie, Liebe, ein Zuhause. Und doch gibt es soetwas wie "normal" nicht. Die Hauptfigur in TRANSAMERICA ist transsexuell ? doch der Film ist nicht über Transsexualität. Tief im Herzen ist der Film eine altmodische Geschichte über ein Elternteil, ein Kind und Familienbande. Die Geschichte ist nach bekannten amerikanischen, klassischen Roadmovies angelegt. Doch diese Protagonisten leben alles andere als gewöhnliche Leben. Meine Hoffnung ist das TRANSAMERICA die Zuschauer in die Gedanken und die Herzen von Menschen katapultiert, die sie sonst als Außenseiter betrachten würden, wenn sie sie überhaupt betrachten würden.

Vor einigen Jahren habe ich eine wundervolle Frau kennengelernt. Einige Monate nach unserem Kennenlernen hat sie mir erzählt, dass sie eine Transsexuelle vor ihrer letzten OP sei. Sie hatte schon Elektorlysen, Gesichsts-Ops, jahrelange Hormontherapie hinter sich. Alles nur noch nicht die endgültige Genital-OP. Ich hatte gar keine Ahnung von ihrer Vergangenheit bzw. ihrer Sexualität, bis sie sich mir geoutet hat. Ich dachte sie wäre eine "biologische" Frau. Ihr Leben war unglaublich schwer gewesen. Einsamkeit, die Schmerzen der Vergangenheit und eine unsichere Zukunft. Doch ihre Geschichte, so traurig sie auch war, hatte ihr nicht den Humor geraubt. Und die Lebensenergie. Ihr größter Wunsch war es, ein "normales" Leben zu führen. Sie hat mich sehr beeindruckt mit ihrem Humor und ihrem Mut. Ich habe mich gefragt, ob sich ihr Traum jemals erfüllen würde.

Während der Entwicklung von TRANSAMERICA habe ich viele andere Transfrauen getroffen und mich ausführlich mit ihnen unterhalten. Und jedes Mal war ich beeindruckt von diesen außergewöhnlichen Frauen und ihren Geschichten. Die so unterschiedlich waren, wie die Frauen selbst. Einige von ihnen waren verbittert, die meisten jedoch waren glückliche und positive Menschen. Ein Großteil der Frauen, die ich getroffen habe, leben als Frauen und lassen sich nicht anmerken bzw. "verschweigen" ihre Vergangenheit.

Ich habe im Laufe meiner Recherchen zu TRANSAMERICA auch viele Stricher interviewt. Sie waren allesamt verletzte Kinder. Die meisten waren als Kinder schon missbraucht worden. Sie verwechseln Sex mit Zuneigung und sie definieren sich und ihren eigenen Wert über ihr Äußeres. Weil sie es nicht anders gelernt haben. Deshalb kommt Toby auch in Brees Bett. Er versucht ihr das zu einzige Geschenk zu geben, das er glaubt zu haben. Aus Einsamkeit und Empathie heraus. Den meisten Menschen ist diese Szene unangenehm. So soll es auch sein. Wie die meisten Jungs, die ich getroffen habe, leidet Toby an schrecklichen Identitäts- und Selbstwertproblemen. Er experimentiert mit gefährlichen Drogen, er weiß nicht, wie man mit Erwachsenen auf einer nicht-sexuellen Ebene umgeht, er ist wütend, will unbedingt gefallen, hat einen unstillbaren Hunger nach Aufmerksamkeit, verführerisch, sexorientiert und er ist doch nur ein Kind.

Wie Dr. Spikowsky Bree am Anfang von TRANSAMERICA erzählt, wird Gender Dysphoria (Gender Identity Disorder, GID, siehe Anmerkungen hinten) von der American Psychiatric Assosiation als eine Geisteskrankheit geführt. Dies hat zur Folge dass Transsexualität einerseits legitimiert wird ? es gibt eine medizinische Diagnose ? und andererseits werden Transsexuelle als geisteskrank stigmatisiert. Ich glaube, dass Transsexualität eher eine biologische als eine psychische Sache ist. Ich glaube dass Transsexualität KEINE Geisteskrankheit ist.

dass das transsexuelle Aufwachsen in einer Gesellschaft, in der Transsexualität verurteilt wird, schwere Depressionen zur Folge haben kann möchte ich nicht ausschließen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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