Stay

Produktionsnotizen

Die Welten der Lebenden und der Toten: Die Konzeptionalisierung von Stay Mit STAY realisiert Regisseur Marc Forster einen im besten Wortsinne psychologischen Thriller ? er erschafft eine elektrisierend symbolische und hypnotisch visuelle Welt aus Träumen, Wahnvorstellungen und andere, durch und durch beunruhigende Bewusstseinszustände. Gleich in den ersten Minuten des Films schlagen die Ereignisse wilde Haken und tauchen in ein Universum des zunehmend Surrealen ein.

?Ich wollte dem Publikum von Anfang an vermitteln, dass die Geschichte, die es sehen wird, nicht wirklich eins zu eins auf diese Weise stattfindet?, merkt der Regisseur an. ?Ich wollte gleich klarstellen, dass die Hauptfiguren untrennbar miteinander verbunden sind, damit sich die Zuschauer auf diese Reise in eine andere, eingebildete Realität begeben können, ohne sich dabei manipuliert zu fühlen.?

Tatsächlich finden sich im Mittelpunkt von STAY zunächst zwei Männer, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein haben ? und doch vom Schicksal unentwirrbar miteinander verbunden sind. Sam Foster ist ein kluger, erfolgreicher, wenngleich emotional verschlossener Psychiater, der sich für gewöhnlich mit den eher geradlinigen Fällen neurotischer Berufstätiger befasst ? obwohl einer der Erfolge, auf den er am stolzesten ist, seine Freundin Lila ist, eine empfindsame, aber einfühlsame Künstlerin, die er vor dem Selbstmord gerettet hat.

Henry Letham auf der anderen Seite ist eine wahrhaft verfolgte Seele, ein mutloser Collegestudent, der von der Romantik und Tragödie des Todes förmlich besessen ist. Er wird aus reinem Zufall Sams Patient, als seine eigentliche Therapeutin auf mysteriöse Weise erkrankt. Kurz nach dem ersten Treffen schockiert Sam seinen neuen Psychiater mit der Ankündigung, er werde sich am kommenden Samstag um Mitternacht das Leben nehmen.

Damit weckt er in Sam das obsessive Bemühen, Henry das Leben zu retten, koste es, was es wolle. Je stärker sich Henrys Wunsch zu Sterben äußert und umso mehr in Sam das Bestreben wächst, seinen Patienten zu retten, desto mehr werden die beiden Männer miteinander verwoben ? nicht nur in ihren Therapiesitzungen.

Sams Leben wird bestimmt von seiner Sorge um Henry, bis dessen Erinnerungen, Ängste sowie selbst die gespenstischen Halluzinationen und sein zersprungener Sinn für die Realität vor Sams Augen lebendig werden, als wären es seine eigenen. Ihre Identitäten verwischen und verschwimmen ineinander, und immer mehr wird deutlich, dass sich Henry und Sam in einer Zwischenwelt befinden, die weder ganz Leben, noch ganz Tod ist, sondern vielmehr am schmalen Grat mit beiden zu tun hat.

Die Story von STAY geht auf ein Drehbuch von David Benioff zurück, den renommierten Schriftsteller und Autor des gefeierten Romans ?The 25th Hour?, die Geschichte der letzten Nacht eines New Yorkers in Freiheit, die er auch für die Leinwandversion von Spike Lee adaptierte (deutscher Titel: 25 Stunden).

Als Drehbuchautor verfasste Benioff außerdem Troja (2004) von Regisseur Wolfgang Petersen und das X-Men-Spinoff Wolverine, in dem Hugh Jackman vor der Kamera stehen wird. Aber tatsächlich war es sein atemberaubend spannendes und durchgängig zum Nachdenken anregendes Drehbuch zu STAY, mit dem er vor Jahren erstmals Aufsehen in Hollywood erregte.

Als Regisseur Marc Forster STAY las, war es nicht so sehr der Thriller mit überraschender Wendung, von dem er sich angesprochen fühlte. Vielmehr war es die Aussicht darauf, von Grund auf ein Traumreich zu erschaffen, das seinen eigenen stürmischen Gesetzen der Logik gehorcht, aber gleichzeitig auch ein Spiegel jener vertrauten Gefühle und Emotionen ist, die wir alle kennen.

Forster fühlt sich von jeher zu Stoffen hingezogen, die einerseits eine gewaltige dramatische Wirkung entfalten, andererseits aber jene Schattenwelten aufsuchen, in denen sich Realität, Imagination und Illusion treffen. Mit Monster?s Ball (2001) empfahl er sich als großes Talent. Danach sicherte er sich weiteren internationalen Zuspruch und Auszeichnungen mit Wenn Träume fliegen lernen (2004), ein hinreißender, emotionaler Blick auf das Leben und das fantasievolle Schaffen von J.M. Barrie, dem Schöpfer von ?Peter Pan?.

Trotz der Verpackung als Thriller sah Forster in STAY einen Stoff, der voller Themen steckt, die ihn seit langem faszinieren. ?Ich habe mich immer schon von Träumen inspirieren lassen und bin fasziniert von alternativen Versionen unserer Realität?, erklärt Forster.

?Ich fand, dass es in diesem Film um Dinge geht, die mich zutiefst interessieren, speziell das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Identität. Ich halte das in unserer Zeit für ganz besonders relevante Themen, in unserer Welt, in der wir von Medien und verschiedenen Versionen von Realität nur so umringt sind. Und in der Wahrnehmung viel damit zu tun haben, wer wir sind und wie viel wir davon selbst mitkriegen und was nicht. Diese Idee ist wirklich wichtig für meine Herangehensweise an die Geschichte.?

Für Forster stellte der Film eine Gelegenheit dar, provokative Fragen darüber zu stellen, wie jeder einzelne Mensch seine eigene Lebenserfahrung aus einer nonlinearen Collage flüchtiger Erinnerungen, Momenten, Gefühlen, Gedanken, Ängsten und Hoffnungen zusammenstellt ? und Bedeutung daraus bezieht. Er hoffte, filmisch den Schleier der alltäglichen Realität zu durchtrennen und all die abstrakten und doch so wichtigen Dinge aufzudecken, die sich dahinter befinden.

Ihm war bewusst, dass er damit eine aufregende kreative Herausforderung annehmen würde. ?Mir erschien die Gelegenheit attraktiv, mit einem völlig anderen kreativen Prozess zu experimentieren, als ich es eigentlich gewöhnt bin?, meint er.

?Wenn man normalerweise eine Filmgeschichte erzählt, sei es ein fiktionales Drama oder eine Story, die auf historischen Fakten basiert, dann kann man immer darauf zählen, dass es eine rationale Erklärung für den Ablauf der Geschichte und das Verhalten der Figuren gibt. Aber im Inneren von STAY befindet sich keine rationale Logik. Als Filmemacher mußste ich deshalb fast komplett auf meinen Instinkt vertrauen. Ich mußste meinen Weg durch die Geschichte fühlen, meinen Sinnen mehr vertrauen als meiner Logik und meinem Verstand. Das erschien mir ungeheuer interessant.?

Forster hofft außerdem, dass sich das Publikum auf genau dieser instinktiven Ebene einlassen wird. ?Es ist besser, diesen Film zu betrachten, wie man ein Fenster betrachtet. Man mußs durch die Bilder sehen, anstatt sie nur anzusehen. Es ist eine Geschichte, die für verschiedene Interpretationen offen steht?, merkt er an. ?Als Regisseur habe ich lediglich Kontrolle über die visuellen Hinweise ? der Rest fällt dem Zuschauer zu.?

Selbst der Titel des Films hat für Forster mehrere Ebenen. ?Das Wort STAY hat viele verschiedene Bedeutungen und wird mit zahlreichen Metaphern in Zusammenhang gebracht?, merkt Forster an. ?Für mich ist es ein Wort, in dem es vor allem um Bedürfnisse geht. Niemand will von seinen Freunden verlassen werden oder die Dinge oder Menschen hinter sich lassen, die er am meisten liebt. Dieses Verlangen nach ihren innersten Bedürfnissen führt die Figuren in STAY zusammen, an der Oberfläche ebenso wie innerhalb der alternativen Realität, zu der sie einen bedeutenden Teil beitragen.?

Der ausführende Produzent Bill Carraro fasst zusammen: ?Dies ist kein typischer, konventioneller Film, wie man ihn jeden Tag zu sehen bekommt. Er hat eine Topbesetzung und wunderbare New Yorker Locations, aber STAY ist so angelegt, dass er Menschen an einen anderen Ort transportiert, sie mit einer alternativen Realität bekannt macht und ihnen eine durch und durch originelle Erfahrung bietet. STAY ist die Art von Film, über den man nach dem Abspann noch lange weiter diskutiert.?

Ineinander verschlungene Geister: Die Figuren von Stay I m Mittelpunkt von STAY steht eine Gruppe von Figuren, deren emotionales Ringen spürbar echt ist und einen hohen allgemeinen Wiedererkennungswert hat ? und doch ist keine der Figuren genau das, als was sie zunächst erscheint. Wie erweckt man Figuren zum Leben, die einerseits unverkennbar menschlich, andererseits aber auch Teil der wilden und verzweifelten Fantasie eines verstörten Menschen sind?

Für Marc Forster lag die Lösung des Problems in der Besetzung einer Gruppe von höchst kompetenten Schauspielern, die kein Problem mit der Darstellung vielschichtiger und multidimensionaler Figuren haben. Ein Großteil der Handlung von STAY dreht sich um den mental scheinbar stabilen Psychiater Sam Foster, dessen unerschütterlicher Glaube an die eigene Realität in Zweifel gezogen wird, je mehr er sich darauf versteift, seinen eigenartig prophetischen und Selbstmord gefährdeten Patienten zu retten.

Für diesen Part wählte der Regisseur Ewan McGregor, der stets mit seiner Bandbreite an unterschiedlichsten Darstellungen verblüfft: von seinem düsteren, erschütternd komischen Porträt eines Junkies in Trainspotting (1996) zur heroischen Performance als Jedi-Ritter Obi Wan Kenobi in der zweiten Star Wars-Trilogie, zuletzt in Star Wars: Episode III ? Die Rache der Sith (2005).

Obwohl er tatsächlich schon in den unterschiedlichsten Filmen zu sehen war, kann sich McGregor an kein Projekt erinnern, das mit STAY vergleichbar wäre: ?Ich fand bereits das Drehbuch bemerkenswert. Aber Marc Forster hat es noch einmal auf eine neue Ebene gehoben, indem er die sehr komplizierte Erfahrung eines zum Leben erwachten Traums visualisierte. Alles ist sehr subtil und sehr unterbewusst ? und außerdem absolut gespenstisch?, merkt er an.

?Zunächst hat man die durchaus vertraute Welt von New York, in der die Geschichte spielt, aber dann ist da dieses Gefühl von absoluter Unrealität, das im Verlauf des Films mehr und mehr zunimmt und den Zuschauer auf die Reise an einen anderen Ort mitnimmt.?

Trotz der Surrealität der Geschehnisse, der seine Figur ausgesetzt ist, und trotz der finalen Offenbarung, wer dieser Sam Foster tatsächlich ist, wusste McGregor genau, dass er seinen Fokus für die Darstellung der Figur massiv verengen mußste. Nur so konnte er auf der ursprünglichsten emotionalen Ebene zeigen, was Sam Minute um Minute durchmacht, und auf diese Weise die Erfahrungen Sams zu verdeutlichen.

?Ich habe mich sehr stark auf den Rollentausch zwischen Sam und Henry konzentriert?, erklärt er. ?In gewisser Weise wird Sam zum Patienten, während man die Position Henrys als die eines Doktors bezeichnen könnte. Sams Verletzlichkeit wird offenbar, als er zu erkennen beginnt, dass sein verzweifeltes Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen, in Wahrheit das Bedürfnis ist, sich selbst dabei zu helfen, die eigenen Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen. Ihm wird nach und nach bewusst, dass Henry nicht der einzige ist, der nach Erlösung sucht.?

McGregors Risikobereitschaft, sich auf der Leinwand emotional regelrecht aufzugeben, beeindruckte Marc Forster. ?Ewan spielt Sam als Mann, für den Rationalität sein Ein und Alles ist?, erklärt der Regisseur. ?Das ist die Basis, die Sam funktionieren lässt. Aber dank der Darstellung von Ewan erlebt man den langsamen Verfall von Sam und allem, woran er glaubt, präzise mit. Und man sieht, wie er nach und nach das zu werden droht, was er am meisten fürchtet: wahnsinnig.?

Nirgends treten Sams Schwächen deutlicher zu Tage als in den Szenen mit ihm und seiner einstmals problembehafteten Freundin Lila, die er bald heiraten will (und von Naomi Watts gespielt wird). Für McGregor waren diese Szenen sozusagen die Stützpfeiler der Realität in einer Geschichte, die sich für den Verstand in eigentliche unfassliche Richtungen bewegt.

?Naomi und ich wollten, dass sich die Beziehung zwischen Sam und Lila so authentisch wie möglich anfühlt?, merkt McGregor an. ?Das ist nicht die Art von Besetzung, bei der im Hintergrund die Geigen fiedeln. Man spürt vielmehr echte Spannung und echte Liebe.?

Naomi Watts, die aktuell in King Kong (2005) zu sehen ist und für ihre Darstellung in 21 Gramm (2003) für einen Oscar nominiert wurde, ist seit langem mit Marc Forster befreundet und wollte schon immer mit ihm arbeiten. Als Forster ihr das Drehbuch vorlegte, war das wie ein ?Elfmeter?.

Sie sagt außerdem: ?Zunächst einmal wollte ich den Film wegen Marc machen, weil alles, was er macht, ganz tief in die menschliche Psyche eintaucht. Aber dann las ich das Buch, und ich sprang sofort darauf an. Es ist eine sehr intelligente, intellektuelle Variante eines Thrillers, in dem aber auch viel Herz steckt. In gewisser Weise fühlte ich mich an Mulholland Drive (2001) erinnert ? wo auch Themen wie Bewusstsein versus Unterbewusstsein und der schmale Grat zwischen Realität und Träumen eine Rolle spielen. Ich liebe es, der Frage nachzugehen, was Realität für uns bedeutet, warum Menschen manche Fehler immer wieder machen ? und wie wir uns dieser Dinge bewusst werden und lernen, den Warnzeichen Bedeutung zu schenken.?

Sie meint außerdem: ?Ich fand es ungemein aufregend, dass Marc den Versuch unternahm, dieses Gefühl eines Déjà Vu auf der Leinwand nachzuempfinden. Da gibt es so viele Kleinigkeiten, die im Design am Rand wie zufällig passieren ? die Art, wie Farben und Formen sich wiederholen oder Bezug aufeinander nehmen. Jedes Detail in einer Einstellung hat eine besondere Bedeutung und ihren Sinn. Marcs Vision für den Film und die damit zusammenhängende Vorbereitung waren beeindruckend.?

Lila mußs ebenfalls mit düsteren Dämonen ihrer eigenen Psyche fertig werden. Sie ist eine talentierte und hochgradig sensible Künstlerin und erholt sich von einem Selbstmordversuch, der unausweichlich mit Sams Bestreben, Henry Letham zu retten, verbunden ist. Watts sieht ihre Figur als unerwartetes Symbol der Rettung.

?Ich habe Lila immer als eine Art Engel angesehen?, erklärt die Schauspielerin. ?Ich sehe sie als jemand, der selbst einst gerettet werden mußste, aber nun eine Chance hat, Sam dabei zu helfen, Henry zu retten, ihn zu überzeugen, unter den Lebenden zu bleiben.?

Wie bei Sam wird auch Lilas persönliche Realität mit Fortschreiten der Handlung des Films in Frage gestellt, bis auch sie immer stärker in Henrys Sicht der Welt eingebunden wird. ?Die große Herausforderung bei der Darstellung der Lila war es, glaubwürdig und wahrhaftig zu bleiben, egal, was wirklich passiert ? und egal, ob das, was in den einzelnen Szenen passiert, wirklich real ist?, meint sie.

?Das entpuppte sich als ziemlich schwierig. Am Ende eines Drehtages gab es stets Dinge, die ich gedanklich nicht aufgearbeitet hatte ? und das gefällt mir.? Marc Forster findet, dass Naomi Watts ihrer Figur eine förmlich leuchtende Qualität verleiht, was auch wichtig war, um der Geschichte einen Halt zu geben, den Film emotional ? wenn auch nicht körperlich ? real wirken zu lassen.

?Naomi ist der Anker und das Licht des Films?, sagt er. ?Ihre Lila, die einerseits weiß, was Tragödien im Leben bedeuten, andererseits aber doch stets hoffnungsvoll ist, hält alle anderen Figuren auf einer beinahe elementaren Ebene zusammen.?

Der Katalysator für Sams und Lilas Handlungen im Verlauf der Geschichte ist der depressive Student Henry Letham, der einen erfundenen Künstler namens Tristan Reveau anhimmelt, einen tragischen Romantiker, der einst seinen bevorstehenden Selbstmord als Kunstwerk ankündigte. Das große Geheimnis von Henry ist, wie ein so intelligenter, vielversprechender und vermeintlich mit beiden Beinen fest im Leben stehender junger Mann sich derart vom Tod angezogen fühlen kann.

Henry wird von Ryan Gosling gespielt, der für seine Hauptrolle in The Believer (2001) eine Nominierung für einen Independent Spirit Award erhielt und außerdem Hauptrollen in Unites States Of Leland (2003) mit Kevin Spacey und Wie ein einziger Tag (2003) spielte. Als treibende Kraft hinter der Traumwelt des Films ? er ist der Mann, aus dessen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen sich die Realität des Films buchstäblich zusammensetzt ? mußste Goslings Darstellung den Ton auch für die Leistungen der anderen Schauspieler setzen.

?Alle in der Besetzung mußsten die Hinweise von Ryan aufnehmen?, meint Marc Forster. ?Denn letztendlich ist es Henrys Wahrnehmung, die sie alle erschaffen hat.? Gosling gefiel das duale Wesen seiner Rolle ? die Herausforderung, eine Figur zu spielen, deren Kämpfe auf sichtbarer ebenso wie auf metaphorischer Ebene ausgefochten werden.

?Es ist ziemlich interessant, eine Figur wie Henry zu spielen. Wenn ihm etwas durch den Kopf schießt, kommt es vor, dass es auch tatsächlich passiert ? eine gespenstische Angelegenheit?, sagt er.

?Langsam gehen auch die anderen Figuren im Film ? Sam, Lila und Leon ? auf vielfältige Weise in Henrys Realität über. Der ganze Film ist wie ein gigantisches Labyrinth. Mir gefällt, dass er so anders ist. Es gibt nicht viele Filme, die sich filmisch mit STAY vergleichen ließen. Mir gefiel auch, dass Marc sich billigen Gimmicks verweigerte, um diesen Kosmos zu erschaffen. Er lässt den Film über die Figuren funktionieren ? er gab dem Film die Gelegenheit, eine wahrhaftige Geschichte im Rahmen fantastischer Ereignisse zu erzählen.?

Als Schauspieler genoss es Gosling, sich an extreme Orte zu begeben, die in konventionellen Dramen keine Rolle spielen. ?Für diese Figuren gibt es keine Regeln und keine Parameter, deshalb konnten wir wirklich alles ausprobieren?, sagt der Schauspieler. ?Sich der Wahrheit der Figur anzunähern, entpuppte sich als interessanter Prozess, weil es so viele Möglichkeiten gab, dahin zu gelangen.?

Der Schlüssel für Gosling war, dass sich die selbstzerstörerischen Impulse Henrys echt anfühlen mußsten, egal aus wessen Perspektive sie gerade betrachtet werden. ?Die essenzielle Wahrheit ist, dass Henry nach jemandem sucht, der ihn retten kann?, erklärt Gosling.

?Ich glaube, dass Henry unbedingt will, dass Sam ihm hilft, aber gleichzeitig den Eindruck hat, sich bereits zu weit von der Welt entfernt zu haben. Er ist erfüllt mit Schuld und Bedauern, er hat längst das Gefühl dafür verloren, was real ist und, wenn man so will, was ihn am Leben erhält. Er hofft, einen Grund zu finden am Leben zu bleiben, auch wenn er nicht sicher ist, ob das möglich ist.?

Henrys Streben nach Rettung bringt ihn auch in Kontakt mit dem blinden Psychiater Leon, der, je nach Wahrnehmung, entweder Sams Mentor ist oder aber Henrys verstorbener Vater, dessen Geist ihn verfolgt. Er wird von dem Oscar-nominierten Schauspieler Bob Hoskins gespielt.

Wie den anderen im Ensemble gefiel auch Hoskins der Gedanke, dass hinter STAY viel mehr steckt, als man zunächst sehen kann. ?Ich würde sagen, in diesem Film geht es um einen Geisteszustand?, sagt er. ?Wenn man das Drehbuch liest, begreift man, dass das, was man liest, nicht wirklich das ist, worum es eigentlich geht. Etwas anderes nimmt dahinter Form an, und das wird dem Publikum viel Spaß machen.?

Hoskins war natürlich bewusst, dass die Blindheit von Leon Teil des symbolbeladenen Wesens des Films ist, aber er wollte seine Darstellung dennoch realistisch anlegen. Er arbeitete eng mit einem blinden Berater am Filmset und übte die täglichen Routinen mit verbundenen Augen, um ein besseres Verständnis dafür zu erlangen, was es bedeutet, ohne Augenlicht durchs Leben zu gehen.

Ursprünglich sollte er Kontaktlinsen tragen, aber schließlich spielte Hoskins seinen Part ohne Unterstützung der Makeup-Abteilung. ?Man mußs einfach nur die Augen wie mit einem Schlüssel abschließen?, sagt er. ?Man nimmt sie einfach aus der Gleichung raus, schaltet sie ab.? Für Marc Forster ist eine der bewegendsten Szenen des Films, wenn Leon sein Augenlicht in den Händen von Henry Letham wiedergewinnt.

?Die Szene ist eine Metapher ? und natürlich auch eine Unmöglichkeit?, kommentiert Forster. ?Aber irgendwie war es pure Magie, als wir sie gedreht haben. Das war sehr real und emotional. Ich denke, das hat etwas mit Vater-Sohn-Beziehungen zu tun. Ein Kind wünscht nun einmal, dass seine Eltern es so sehen, wie es ist, und nicht so, wie sie es sich wünschen. Es ist außerdem ein Moment, in dem Illusionen weggefegt werden und andere deutlicher zu Tage treten. Das ist ein ganz besonderer Moment im Film.?

Je weiter sich die Geschichte von STAY entwickelt, desto stärker wird die visuelle Komponente betont. Ein schwindelerregendes, ungewöhnliches Labyrinth aus sich bisweilen sogar zyklisch wiederholenden Farben, Formen, Texturen und Bildern ? von grünen Türen über Wendeltreppen hin zu fließendem Wasser und den surrealen Bildern von Zwillingen ? verstärkt den Eindruck, dass das, was sich auf der Leinwand abspielt, nicht wirklich von dieser Welt ist.

Die Bilder kommen in gestochen scharfen Stakkatorhythmen und folgen dem trägen Fluss eines Traums. Das Publikum kann die irritierenden Wiederholungen nicht nur in Elementen der Geschichte erkennen, sondern auch beim Einsatz der Statisten, Kostüme und Requisiten. In der Summe soll dieser stilistische Kniff Gefühle auslösen, die gleichzeitig vertraut und bizarr sind und die Wahrnehmung des Zuschauers, was seine Realität ausmacht, in Frage stellen.

Bis ins letzte Detail arbeitete Forster das Design seines Films aus. Seine Hoffnung war es, das Publikum in der Geschichte an einen Punkt zu bringen, an dem man den Film nicht mehr wirklich sieht, sondern vielmehr spürt. Um diese Vision umsetzen zu können, versammelte der Filmemacher ein brillantes Kreativteam.

Viele davon ? wie Kameramann Roberto Schaefer, Kostümdesigner Frank Fleming, Cutter Matt Chessé, Effektdesigner Kevin Tod Haug und Produzent Eric Kopeloff ? hatten mit dem Regisseur bereits an dessen vorangegangenen Filmen Monster?s Ball (2001) und Wenn Träume fliegen lernen (2004) gearbeitet.

Um sich inspirieren zu lassen, ging Forster weit zurück in die filmische Historie. Er sah sich nämlich nicht Psychothriller jüngeren Datums an, sondern studierte die legendären Paranoiathriller der 60er und 70er Jahre wegen ihres harten, desorientierenden Tons und analysierte Filme wie Richard Lesters Petulia (1968), die mit ihrem abstrakten, psychedelischen Einsatz von Farben und Rückblenden Geschichte schrieben. Vor allem aber verließ er sich auf seine eigene Fantasie.

Schon früh legte Forster in langen Diskussionen mit Kameramann Roberto Schaefer die visuelle Traumsprache des Films fest, in der sich laufend die Perspektive ändert und dem Publikum der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Schaefer erinnert sich: ?Wir setzten uns hin und gingen das gesamte Drehbuch durch, Seite für Seite, Szene für Szene. Wir überlegten uns die visuellen Themen und wie die einzelnen Figuren ineinander übergehen. Wir haben den Film komplett vorgeplant, weil es viele visuelle Effekte geben würde, die man später in die Action integrieren mußste.?

Schaefer war besonders daran interessiert, wie sich die starken Psycho-Effekte des Films mit Farbe und Ausleuchtung erzielen ließen. ?In der Vorproduktion erstellte ich in drei Farben ein Ablaufdiagramm der emotionalen Kurven, die im Film eine große Rolle spielen: Schwarz, Rot und Grün, die für Paranoia, Normalität und Traum standen?, erklärt er.

?Ich sah mir auch im Hinblick auf den emotionalen Zustand der Figuren in den einzelnen Szenen die Winkel, die Ausleuchtung und die Filter an.? Schaefer arbeitete auch mit Effektdesigner Kevin Haug, um die Effekte, egal wie merkwürdig oder surreal, nahtlos in den Rest des Designs einzuarbeiten.

?Marcs Leitwort war ,subtil??, sagt Kevin Haug. ?Gewisse Szenen oder Designs sind so subtil, dass es nur wenigen Zuschauern auffallen wird. Vieles von dem, um das es in unserem Film geht, liegt weit hinter der offensichtlichen Action, die sich im Vordergrund abspielt.? Der Prämisse, die Surrealität so subtil wie möglich zu gestalten, fühlte sich auch Kostümdesigner Frank Fleming verpflichtet, der Kostüme für die einzelnen Figuren entwarf, die sie auf unauffällige Weise noch stärker miteinander verbanden.

Fleming erzählt: ?Ein kleines Beispiel: In dem Moment, in dem erstmals eine spürbare Verbindung zwischen Sam und Henry besteht, tragen beide ähnliche Jacken. Die Muster und die Textur stimmen nicht ganz überein, aber der Schnitt und die Schattierung sind ähnlich. Sie sehen sich selbst und ihr Gegenüber in einem Traumzustand aus einem leicht verschobenen Blickwinkel. Diese Art der Realitätsveränderung war nicht leicht zu erzielen, aber ich glaube, das Publikum wird dankbar dafür sein, dass dieser Film wirklich völlig anders ist.?

Für Ewan McGregors Outfits wählte Fleming Entwürfe des aufstrebenden New Yorker Designers Thom Brown, dessen spielerische Variationen traditioneller Cardigans, Anzüge, Mäntel und anderer Männerartikel ihm als absolut passend für den Blick des Films auf eine alternative Realität erschienen.

Bei allen Kostümen versuchte Fleming, die nicht immer ganz greifbare Textur von Träumen zu reflektieren. Ein besonders zufriedenstellendes Beispiel für Flemings Ansatz findet sich in der Szene, in der Henry und Sam den Aufgang zur modernen Lerner Hall in der Columbia University entlang gehen.

Im Hintergrund werden sie umgeben von einer gespenstisch arrangierten Grupper von Zwillingen, Drillingen und Vierlingen, die allesamt in identischer Kleidung gruppiert wurden, um das angestrebte Gefühl von Wiederholung und Déjà Vu noch einmal zu verstärken. Die Arbeit von Szenenbildner Kevin Thompson war ebenfalls so konzipiert, die aus dem Gleichgewicht geratene visuelle Welt des Films zu betonen ? sie ist angefüllt mit archetypischen Symbolen wie Wasser, Treppen und Eingängen, die es in vielfachen Ausführungen, von spektakulär zu bedrohend, zu sehen gibt.

?Die Arbeit an einem Film wie STAY ist der Traum eines jeden Designers?, berichtet Thompson. ?Es war insofern ungewöhnlich, als wir unsere eigene visuelle Sprache erschaffen und nicht nach den gängigen Regeln gespielt haben.? Während der Vorproduktion gab Forster Thompson ein Notizbuch voller Zeichnungen, Fotos und Ausschnitten, die die spezifischen visuellen Themen, die STAY formen sollten, repräsentierten.

?Marc deutete auf ein bestimmtes Bild und sagte: ,Das stelle ich mir für die Szene vor.? Das war außerordentlich hilfreich?, sagt Thompson. ?Marc hat ein großartiges Auge für Details, er kann einem immer gleich zeigen, was ihm gefällt. Er war sehr bestimmt, was die Vision für diesen Film anbetraf. Wir nahmen seine Ideen, entwickelten daraus eine Sprache und visuelle Motive ? und tauchten in die Arbeit ein.?

Forsters Leinwand während des Designprozesses war die gesamte Stadt New York. Sie selbst spielt eine wichtige Rolle in STAY und verändert sich im Verlauf des Films unentwegt und zeigt neue Facetten. Obwohl Manhattan sicherlich einer der am besten bekannten Orte in den Filmen Hollywoods ist, wird die Stadt hier auf eine Weise zum Leben erweckt, in der die normalen Gesetze von Zeit, Raum und Ort außer Kraft gesetzt sind.

Dies wird beispielsweise in einer Szene offensichtlich, in der Sam und Henry durch die cool-modernen Glas- und Stahlhallen des neuen Gebäudes der Columbia University gehen. Es bedarf nur eines einzigen Schnitts, und obwohl sie sich weiterhin ohne erkennbare Pause unterhalten, befinden sie sich auf einmal unter den enormen Säulen des im Beaux-Arts-Stil errichteten Gebäudes der American Telephone und Telegraph Company am Broadway 195.

Die beiden Locations sind 15 Kilometer voneinander entfernt, aber in der verbogenen Realität des Films durchmessen Sam und Henry die Distanz in weniger als einer Sekunde. Der Film setzt des Weiteren die Wendeltreppe der historischen Cathedral of St. John the Divine ein, wo nie zuvor gedreht werden durfte. Sie dient als der sich windende Ausgang zum Nirgendwo, den Sam findet, als er Henrys Geliebte Athena in einer Schauspielschule bei einer Probe von ?Hamlet? aufsucht.

?Diese Treppe sieht so aus, als hätte man sie für einen Film gebaut ?, begeistert sich Kameramann Roberto Schaefer. ?Visuell ist sie einfach ungemein ansprechend.? Die Szenen außerhalb von Sams Wohnung wurden beim The Cherokee gedreht, einem charakteristischen Gebäude in der Upper East Side, das Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Seine Höfe, das Treppenhaus und die Gänge sehen typisch europäisch aus.

Das Innere der Wohnung wurde in den Silvercup East Studios in Queens errichtet. Nicht nur der Look ist ungewöhnlich, sondern auch die Konstruktion, die frei von scharfen Kanten war ? keine der Wände trifft direkt aufeinander. Der Blick nach draußen ändert sich mit Hilfe visueller Effekte unentwegt. Weitere Locations sind über die ganze Stadt verstreut.

Ein geräumiges Apartment im zweiten Stock in einem der wunderbarsten Relikte Harlems, dem Graham Court, diente als das Zuhause von Sams blindem Mentor, Dr. Patterson. Das Apartment hatte schon bessere Tage gesehen und wurde für den Dreh komplett renoviert. Lilas Kunststudio wurde in einem Penthouse eines langsam zerfallenden Art-Deco-Wolkenkratzers in Jersey City errichtet.

Von dort aus sieht man die Skyline von Manhattan aus einem höchst ungewöhnlichen Winkel. Für eine Szene in einem Schachclub bildeten die riesigen Fensterbögen der Asia Society den Rahmen für einen Blick auf die üppigen Fassaden der Gebäude der Park Avenue. Jedes dieser Elemente war ein Schlüssel zu der künstlerischen Vision, die Marc Forster für STAY hatte.

?Ich wollte die eingetretenen Pfade verlassen und einen völlig anderen Blick auf Manhattan werfen, als man es gewohnt ist?, sagt der Regisseur. ?Ich liebe Architektur und bin sehr interessiert daran, wie Locations dazu beitragen können, Figuren, Ängste oder emotionale Anspannung zu erschaffen. Ich wollte aus dem Vollen schöpfen und bediente mich bei der kompletten Bandbreite an Möglichkeiten, Stimmungen und wunderbaren Gebäuden, die New York zu bieten hatte. Das verleiht der Geschichte noch einmal eine weitere Dimension.?

Der Brooklyn Bridge fällt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Dort beginnt und endet die Geschichte ? und sie ist obendrein auch von symbolischer Bedeutung in einem Film, der ständig Brücken zwischen Realität und Träumen schlägt. Elemente ihres Designs sind oft unmerklich in den gesamten Film verwoben. Immer wieder ist sie aus einem anderen Blickwinkel im Hintergrund, durch Fenster und selbst in Sams Apartment zu sehen. Dort sind ihre Fliesen und Streben als optisches Echo im Innendesign spürbar.

Der Dreh auf der Brooklyn Bridge war eine der großen logistischen Herausforderungen von STAY. Nach monatelangen Verhandlungen mit der Stadt erhielt die Produktion schließlich eine der seltenen Genehmigungen, zehn Nächte lang auf der Brücke zu filmen, jeweils von 22 Uhr bis 5 Uhr. Für den Dreh wurde die Sehenswürdigkeit beleuchtet wie nie zuvor.

Die Beleuchtungsabteilung des Films stellte leistungskräftige Flutlichter auf, und sie schlang Lichterketten um die Türme und Kabel der Brücke, um den Effekt des fließenden Lichts noch zu verstärken. Allerdings wurden nur die Hälfte der Brückenszenen tatsächlich auf der Brücke gedreht. Für den Rest baute Szenenbildner Kevin Thompson einen etwa 30 Meter langen Abschnitt der Brücke detailgetreu in einer riesigen Bühnenhalle in der Marcy Avenue Armory in Brooklyn nach.

Auf den beiden Seiten des Brückenmodells befanden sich die größten Greenscreens, die jemals aufgestellt wurden, mit deren Hilfe später die atmosphärischen Nachtaufnahmen eingefügt wurden. Mit Hilfe von Schaumstoff, Steinstücken, Farbe und Klebstoff konstruierten Thompson und seine Crew ihr Set der Brooklyn Bridge, das bis zum letzten Detail originalgetreu war.

Forster gab die Authentizität der Sets sogar noch mehr Freiheit, mit ihnen auf eine Weise zu spielen, dass für das Publikum die Realität stets in Frage gestellt oder gar komplett auf den Kopf gestellt wird. ?Ich wollte mit STAY einige der klassischen Regeln des Geschichtenerzählens brechen, mit Hilfe des Schnitts, der Kameraarbeit, des Designs. Ich will das Publikum an einen Ort mitnehmen, wo es nicht ganz sicher sein kann, wo man sich befindet oder wo genau Realität und Fantasie beginnen und enden?, sagt er.

?Letztendlich bin ich davon überzeugt, dass auch unsere eigene Realität einem ständigen Wandel ausgesetzt ist. Uns ist das nur nicht bewusst. Aber der Film lädt dazu ein, die Dinge einmal von einer anderen Seite zu sehen.?

Szenenfoto
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