Firewall

Produktionsnotizen

?Schneidbrenner, Dynamit, Fluchtwagen ? völlig veraltet. Der wahre Tresor ist das hier: der binäre Code. Virtuelles Geld. Alles nur Einsen und Nullen.?

Wenn der Banksicherheitsexperte Jack Stanfield (HARRISON FORD) abends nach Hause fährt, atmet er gewöhnlich erleichtert auf. Er setzt sich zwar hundertprozentig für seine Arbeit ein, aber er lässt die überall präsenten Überwachungskameras und Identitätskontrollen, die ständige Wartung und Weiterentwicklung der komplizierten elektronischen Firewall-Schutzmechanismen gern hinter sich, die im Online-Zeitalter, im Internethandel ? und bei der Online-Kriminalität ? nun mal zum Standardverfahren gehören.

Während Jack seinen Wagen abstellt und die Tür zu seinem noblen Vororteigenheim aufschließt, ahnt er nicht, dass auch hier jede seiner Bewegungen minuziös beobachtet wird. Er begrüßt seine Frau Beth (VIRGINIA MADSEN) ? die beiden lassen den Tag Revue passieren, während sich die Kinder um die TV-Fernbedienung streiten. Sie merken nicht, dass jedes ihrer Worte über hypermoderne Sensoren aufgenommen wird, die alle Räume des Hauses erfassen.

Wenn Jack telefoniert, wird er abgehört. Wenn er seine E-Mails öffnet, Rechnungen bezahlt, sich im Internet einloggt, wird jeder Mausklick registriert. Offenbar ist jemand äußerst interessiert an Jacks Gewohnheiten, an seinem Tagesablauf, an seinen Beziehungen und Sorgen? sie verraten seine möglichen Schwachpunkte.

?dass sich jemand in bösartiger Absicht in mein Privatleben einklinkt und mich ausspioniert, ist eine Vorstellung, die mich gleichermaßen fasziniert und entsetzt?, sagt ?Firewall?-Drehbuchautor Joe Forte, der zum Thema Anspruch auf Privatsphäre und Sicherheit beunruhigende Fragen aufwirft.

?Wir machen einen Film über Angreifbarkeit, Verletzlichkeit?, fügt er hinzu. Er stellt fest, dass die meisten Menschen einen derartigen Einbruch in ihre Intimsphäre nie erleben und deshalb eine solche Möglichkeit nicht mal in Erwägung ziehen. Doch die Realität sieht anders aus: Auch wenn das Szenario ungewöhnlich erscheint, ?könnte es praktisch jedem zustoßen?.

?dass die Menschen glauben, ihr Computer sei sicher, hat mit der Realität wenig zu tun?, sagt Harrison Ford. ?Wenn jemand das wirklich will, sich in der Technologie auskennt und die Mühe nicht scheut, in ein privates System einzubrechen, dann braucht er nur noch einen guten Grund, um es tatsächlich zu tun.? Wenn man außerdem bedenkt, wie sich selbst intime Einzelheiten des Alltags mit im Internet frei zugänglichen Mitteln überwachen lassen, verliert man jede Illusion einer Privatsphäre.

?Wahrscheinlich sind die meisten Menschen nur deswegen nicht gefährdet, weil sie nichts besitzen, was für die Bösewichte von Interesse wäre.? In diesem speziellen Fall geht es den Bösewichten gar nicht um die Stanfields selbst. Sondern um die Bank.

Die meisten Geldmittel, über die eine Bank heutzutage verfügt, befinden sich nicht in Tresoren aus Stahlbeton, sondern im Cyberspace, bestätigt der Computersicherheitsexperte Lawrence T. Levine, einer der Gründer von SecurePipe. Er berät Firmen rund um die Welt in Sicherheitsfragen und stand den Filmemachern als technischer Berater zur Seite. ?In der Industrie vollzieht sich gerade ein entscheidender Wandel?, sagt er.

?Die Bargeldsummen in einer Bank sind oft nur ein Bruchteil dessen, was sich in den Computern abspielt, meist nicht mehr als ein Prozent. Wenn also 99 Prozent des Geldes nur im Rechner existiert ? und wir reden hier über Banken, die über Milliarden Dollar verfügen ?, dann stellen diese Computer ein lohnendes Ziel für Hacker dar.?

?Das Zeitalter altmodischer Banküberfälle ist vorbei. Die Welt heute funktioniert elektronisch, und gewaltige Geldsummen werden per Codes und Tastatur kanalisiert?, sagt ?Firewall?-Produzent Armyan Bernstein, der Filme wie den Golden-Globe-Kandidaten ?The Hurricane? (The Hurricane; zu dem er auch das Drehbuch schrieb), ?Thirteen Days? (Thirteen Days) und den Harrison-Ford-Blockbuster ?Air Force One? (Air Force One) verantwortete.

Bernstein berichtet von den Recherchen des ?Firewall?-Teams im Bankgewerbe und stellt fest, dass die Sicherheit heute rund um die Uhr gewährleistet sein mußs: ?Ganze Teams von Experten versuchen kriminelle Angriffe aus dem Internet abzuwehren. Das passiert tagtäglich, während wir hier sitzen. Ständig probiert jemand, die Firewall einer Bank zu überwinden und mit unserem Geld zu verschwinden.?

Das alles in Verbindung mit dem Schock, im eigenen Haus überfallen zu werden, ergibt die albtraumhafte Ausgangssituation für das Drehbuch zu ?Firewall?: Der fiktive Jack Stanfield mußs sich mit einem heimtückischen und übermächtigen Gegner auseinandersetzen, der Jacks Existenz komplett unter seine Kontrolle bringt. Jedes System kann ausgetrickst werden ? das weiß er genau. Deshalb zwingt er Jack, seine eigenen Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen und seinem Arbeitgeber 100 Millionen Dollar zu stehlen.

?Jack hat sein ganzes Leben seiner Arbeit gewidmet und sich einen guten Ruf erworben. Er hat eine Familie, die ihn liebt, ein sicheres Haus, er ist glücklich: Er hat den amerikanischen Traum verwirklicht. Doch von einem Moment auf den anderen wird ihm all das genommen?, sagt ?Firewall?-Produzent Basil Iwanyk, der ?Terminator 3? (Terminator 3 ? Der Aufstand der Maschinen) und ?The Laws of Attraction? (Laws of Attraction ? Was sich liebt, verklagt sich) produziert sowie mit Ford bei ?K-19: The Widowmaker? (K-19 ? Showdown in der Tiefe) zusammengearbeitet hat. Jacks persönliche Situation beschreibt er als das emotionale Zentrum der Geschichte: ?Die Auswirkungen sind verheerend. Jack erlebt eine Katastrophe, die ihn tief im Innersten trifft ? ganz sicher können das die meisten Zuschauer sofort nachvollziehen.?

Der geniale Kopf hinter diesem ausgeklügelten Verbrechen ist ein Mann, der sich Bill Cox nennt. Diese Rolle übernimmt Paul Bettany, der 2003 mit seiner Darstellung des Dr. Maturin in ?Master & Commander: The Far Side of the World? (Master & Commander ? Bis ans Ende der Welt) für den British Academy Award (BAFTA) nominiert war.

Bettany beschreibt den bedrohlichen, aber leidenschaftslosen Cox ?im Grunde als Geschäftsmann. Er setzt seine Mittel ein, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Andererseits ist er ein Dieb, ein Psychopath, aber er würde sich selbst wohl kaum als grausam bezeichnen. Persönliche Gefühle spielen dabei keine Rolle. Er will einfach sehr schnell an viel Geld kommen, und er benutzt Jack als logischen und effektivsten Vermittler auf dem Weg zu diesem Ziel.?

Fast ein Jahr lang hat Cox sein Vorhaben akribisch vorbereitet. Er geht auf zwei Ebenen vor: dramatisch, indem er das Haus überfällt und Geiseln nimmt; und elektronisch, indem er auf betrügerische Weise Spielschulden in Jacks Namen macht, um dessen Ruf zu ruinieren und ihn später als echten Bankräuber anzuschwärzen, wenn Cox sich längst aus dem Staub gemacht hat.

?Er wartet den richtigen Zeitpunkt ab und zieht Nutzen aus der Tatsache, dass die Bank, bei der Jack seit 20 Jahren arbeitet, von einer größeren Bank übernommen wird. Es ist also gar nicht unwahrscheinlich, dass man Jack irgendwann entlassen wird ? so ergibt sich ein perfektes Motiv für den Diebstahl?, erklärt Ford. Niemand sonst hat die Gelegenheit und ein derart starkes Motiv, seine Fähigkeiten auf diese Weise einzusetzen. Selbst wenn Jack erzählen würde, was wirklich geschehen ist ? wer würde ihm glauben?

?Die Technik, die beweisen könnte, dass Cox vor Ort war, also die Kameras und Computerprotokolle, lässt sich in jedem Fall manipulieren?, betont Drehbuchautor Forte. ?Wenn man sein Bild löscht, existiert er einfach nicht mehr.? Den ersten Hinweis, dass etwas schief läuft, bekommt Jack von einem Gläubiger, der die getürkten Spielschulden eintreiben will ? dieses Manöver erweist sich später als Cox? tödliche Visitenkarte.

Zunächst hält Jack das für einen Irrtum oder einen nicht weiter gravierenden Diebstahl per manipulierter Identität ? vergleichbar mit einem Missbrauch der Kreditkartennummer: höchst ärgerlich zwar, aber der Schaden bleibt überschaubar. Das ist für ihn nichts Neues, sondern Teil seiner Arbeit.

Erst als Cox auftaucht und ihm ein Handy-Foto seiner gekidnappten, panischen Familie zeigt, begreift Jack, mit wem er es zu tun hat. Doch er kann nur raten, wie weit Cox? Kontrolle reicht. In diesem Moment beginnt das Kopf-Duell der beiden Männer, das sich ständig zuspitzt. Sehr viel steht auf dem Spiel: Cox will damit den größten und kühnsten Coup seines Lebens landen, und Jack will die drei Menschen, die ihm alles bedeuten, unversehrt wieder in die Arme schließen.

?Der Schwerpunkt liegt eher auf Thriller als auf Action ? es geht um Spannung?, sagt ?Firewall?-Regisseur Richard Loncraine und verweist auf die nervösen, explosiven Interaktionen der beiden Hauptfiguren. ?Die beiden tragen ein Duell aus.? Loncraine gewann den Emmy für seinen Regiebeitrag zur viel gepriesenen Weltkriegs-Miniserie ?Band of Brothers? (Band of Brothers ? Wir waren Brüder).

Nominierungen für den Emmy und den Preis der Directors Guild of America (US-Gewerkschaft der Regisseure) erhielt er für die HBO-Filme ?The Gathering Storm? (Churchill ? The Gathering Storm) und ?My House in Umbria? (Mein Haus in Umbrien). Als Co-Autor wurde er 1995 mit dem Drehbuch zum von ihm inszenierten Kinofilm ?Richard III? (Richard III.) für den British Academy Award (BAFTA) nominiert.

?Es gibt etliche sehr explosive Momente und einige dramatische Kämpfe und Action-Sequenzen im Film, aber im Vordergrund steht die Geschichte: Es geht um einen Mann, der sich gegen jede Chance seinem Problem stellt. Ständig mußs er sich den wechselnden Situationen anpassen. Aber er kämpft mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.?

?Hartgesotten ist Jack Stanfield nun wirklich nicht?, sagt Ford. ?Er ist stark emotionsgeprägt und leidet unter Ängsten, denn sogar als er bei der Aktion bereitwillig mitmacht, klappt sie nicht reibungslos.?

Oscar-Kandidat Ford gibt zu, dass ?ich Geschichten vorziehe, in denen ich mich extremen Situationen stellen mußs. Ich wünsche mir unverwechselbare Rollen in mitreißenden Storys. Ich erlebe diese Männer gar nicht als Helden, sondern als Menschen, die in bestimmte Situationen geraten und einfach nur nicht aufgeben.? Weil die Landrock Pacific Bank vor der Übernahme durch den multinationalen Konzern Accuwest steht, hat man entscheidende Geräte bereits aus dem Gebäude entfernt.

?Dadurch ist Cox? ursprünglicher Plan nicht mehr durchführbar. Jack mußs also unbedingt eine Alternativmethode improvisieren, um sein eigenes ausgeklügeltes Computersicherheitssystem zu manipulieren ? das ist erheblich gefährlicher.? Gleichzeitig wird Jack in der Firma vom Accuwest-Manager und möglichen Rivalen Gary Mitchell (ROBERT PATRICK) zunehmend schärfer überwacht ? die beiden sind schon beim Thema Sicherheitsmaßnahmen aneinandergeraten.

Landrock-Chef Arlin Forester (ALAN ARKIN) legt aber großen Wert darauf, dass alles glatt läuft. Er verlangt also, dass Jack mit der neuen Leitung zusammenarbeitet und jederzeit für Fragen zur Verfügung steht. Gleichzeitig will Cox Jack von jeder denkbaren Unterstützung abschneiden und zwingt ihn deswegen, seine enge Mitarbeiterin Janet (MARY LYNN RAJSKUB) zu entlassen. Außerdem mußs Jack seinen alten Freund und Kollegen Harry (ROBERT FORSTER) mit einem Auftrag auf Dienstreise schicken.

Während Jack sich bemüht, Cox? Bedingungen zu erfüllen, ohne selbst erwischt zu werden, überlegt er fieberhaft, wie er das System zu seinen Gunsten beeinflussen kann ? er sucht einen Ansatzpunkt, um seinen Erpresser unter Druck zu setzen und dann über die Freilassung seiner Familie zu verhandeln. Doch falls Cox die Falle wittert, könnte sich die Situation auch unheilvoll zuspitzen.

Perfekter Plan. Perfekte Durchführung ... falscher Mann ?Richtig spannend wird das erst durch das Zusammenspiel von Harrison und Paul?, sagt Loncraine. ?Die Beziehung der beiden funktioniert eben ? und davon hängt tatsächlich alles ab. So etwas kann man nicht mit Geld bezahlen, das lässt sich nicht künstlich herstellen.?

Der Regisseur bezeichnet seinen charismatischen Hauptdarsteller als ?echten Haudegen?. Er weiß zu würdigen, wie sehr Fords Instinkt, seine genaue Kenntnis der technischen Arbeitsabläufe hinter der Kamera zu seiner Leinwandwirkung beitragen.

?Hervorragend gestaltet er gerade und besonders die Szenen, in denen er keine Dialoge hat, in denen er zum Beispiel nur durch einen Türspalt schaut und auf das reagiert, was im anderen Zimmer abläuft. Er erfüllt eine Szene mit Leben, die auf der Drehbuchseite noch gar nicht voll durchstrukturiert ist. Ganz erstaunlich. Er analysiert die Vorgabe, erkennt den dramatischen Rhythmus, die Höhen und Tiefen in jeder Szene, und es gelingt ihm, die Spannung genau im richtigen Maß zu dosieren und hochzuschrauben.?

Anfangs hat Jack seine Lebenssituation weitgehend unter Kontrolle, fühlt sich also wohl. Ihn nervt zunächst nur die Unruhe, die durch die Bankübernahme entsteht, und das Kompetenzgerangel mit seinem Rivalen. Außerdem mußs er annehmen, dass jemand seine Kreditkarte geklaut hat ? auch darum mußs er sich kümmern. Doch dann schlägt Cox zu. Minuten später durchlebt Jack einen derart extremen Albtraum, dass er all seine lachhaften kleinen Probleme völlig verdrängt.

Schon bald greift er zu den Mitteln der Gewalt, weil er seiner Familie das Leben retten will ? sein bisheriger Verhaltenskodex nützt ihm in dieser Lage nichts mehr. Jack verwandelt sich so dramatisch, dass er sich kaum noch wieder erkennt, als er ein paar Tage später zufällig in den Spiegel schaut.

?Letztlich ist Jack unser Stellvertreter auf der Leinwand ? wir können uns mit ihm identifizieren?, sagt Bernstein. ?Mit ihm durchleben wir seine Probleme, aber er löst sie auch für uns. Er mußs eine Menge einstecken, er leidet sehr. Er ist ein wunderbarer Vater, ein liebevoller Ehemann, ein guter Freund: Die Wut kocht in ihm hoch, und er kämpft für sein Recht. Wenn die Zuschauer ihn sehen, spüren sie: ,Ja, genauso würde ich das auch machen?? ? falls sie dazu in der Lage wären.?

Ford stieß schon früh in der Vorbereitungsphase zum Team und konnte also die Rolle des Jack Stanfield mitentwickeln: ?Als Schauspieler empfinde ich es als besonders reizvoll, die Entwicklung einer Figur auszutüfteln: Wie kann ich die ausdrücken? Dabei ist es immer schwierig, die angemessenen Entscheidungen zu treffen. Richtig Spaß macht es dann erst, wenn ich tatsächlich vor der Kamera stehe und die Rolle spiele ? das ist dann ganz einfach.?

Oft hat man Ford als Prototyp des amerikanischen Helden bezeichnet, als einen ikonenhaften Alltagsmenschen in Action-Rollen oder, mit Iwanyks Worten, als ?ein ganz eigenes Filmgenre?. Das Publikum in aller Welt schätzt Ford, weil er Action mit wahrhaftigen Gefühlen kombinieren kann.

Dazu seine ?Firewall?-Partnerin Virginia Madsen: ?Er gehört zu den ganz wenigen Männern, die heute noch Helden à la Gary Cooper, John Wayne oder Robert Mitchum spielen können. Die Filmhelden damals waren so wie er: integer, intelligent und sensibel, ohne viele Worte darüber zu verlieren. Deswegen lieben ihn die Frauen so sehr, und nicht, weil er so stark und schweigsam ist. Wir lieben ihn, weil er in seinen Filmen Gefühle ausdrückt.?

Solch ein Held verdient einen hochkarätigen Gegner ? und diese Aufgabe erfüllt der klassisch ausgebildete britische Schauspieler Paul Bettany in der Rolle des meisterhaften Manipulators Cox mehr als angemessen. ?Es ist auffällig, wie sehr Paul sich als Schauspieler von seinem Bauch, von seinen Instinkten leiten lässt?, sagt Ford.

?Ein Schauspieler mußs ja nicht nur in seiner Rolle überzeugen, sondern ständig auch bedenken, wie er damit dem Film und dem Zusammenspiel des Ensembles nützt. Genau das tut Paul. Er kann von seiner Rolle abstrahieren, den Film als Ganzes einschätzen und damit all jene Strömungen unterstützen, die über seine eigene Darstellung hinausgehen.? Das schönste Kompliment für Bettanys Leistung in der Rolle des Bill Cox ist wohl das Zitat von Basil Iwanyk, der über ihn sagt: ?Wir hassen ihn wirklich abgrundtief.?

Bettany kann dem nur aus vollem Herzen zustimmen und gibt gern zu, dass Schurkenrollen ?erheblich mehr Spaß machen als die Guten?. Aber diese sonderbare Gefühllosigkeit, mit der Cox seine bösen Ziele verfolgt, regten Bettany zu einer unterkühlten, zurückhaltenden Darstellung an: ?Ich spiele ihn so ehrlich wie möglich, um all die Bösewicht-Klischees von den verkniffenen Augen bis zum Schnurrbart-Zwirbeln zu vermeiden, die ich in unzähligen Thrillern gesehen habe.?

Cox empfindet das Kidnapping wie eine geschäftliche Transaktion. Dazu Bettany: ?In einer Szene erkläre ich Jacks Frau, wer ich bin und was ich will: ,Wenn du dieses und jenes tust, läuft alles reibungslos: wenn nicht, bringe ich dich und deine beiden Kinder um.? Ganz einfach.? Cox bleibt dabei so gelassen wie ein Teppichverkäufer, der die Vorzüge einer Hersteller-Garantie darlegt.

Tatsächlich ist es ?diese völlig sachliche Haltung, die unterschwellige Gewalttätigkeit, die uns die Haare zu Berge stehen lässt?, sagt Iwanyk. ?Er scheint weder Freude noch Ekel an seiner Aktion zu empfinden. Gerade deswegen traut man diesem Mann absolut alles zu. Er bleibt völlig unberechenbar.?

?Paul kann sich von einem Moment zum anderen völlig verwandeln?, fügt Loncraine hinzu, der Bettany 2004 in seiner für den Empire Award nominierten Darstellung des Tennis-Profis in der romantischen Komödie ?Wimbledon? (Wimbledon ? Spiel, Satz und? Liebe) inszenierte. ?Und die Familie glaubt ihm auch weitgehend, als er verspricht, dass alles gut wird. Denn es ist in der menschlichen Natur einfach angelegt, die Hoffnung nicht zu verlieren.? Cox gibt sogar vor, sich mit Jacks kleinem Sohn anzufreunden. ?Doch Jack lässt sich davon nicht beeindrucken.?

Die Rolle von Jacks Frau Beth übernimmt Virginia Madsen, die mit der Oscar-Nominierung für ?Sideways? (Sideways) einen aktuellen Karrierehöhepunkt erlebte. Bekannt wurde sie in den 1980er-Jahren mit ?Electric Dreams? (Electric Dreams) und ?Dune? (Der Wüstenplanet).

Madsen schätzt Beth als ?realistische Figur: Sie ist die ebenbürtige Partnerin ihres Mannes, eine gute Mutter ? nicht bloß eine Frau, die höchster Gefahr ausgesetzt wird. Ich habe anfangs mit Richard und Harrison darüber diskutiert, und wir waren uns einig, dass Beth sich ihren Umständen gemäß voll einbringt. Ich will sie als starke Frau und als kämpferische Mutter zeigen.?

Beth mußs in ihrem Haus zurückbleiben, während Cox mit Jack ins Büro fährt, um den Diebstahl vorzubereiten. Zunächst will sie vor allem ihre erschreckten Kinder beruhigen, um die unberechenbaren Kidnapper nicht zu gewalttätigen Strafmaßnahmen zu provozieren. Gleichzeitig arbeitet ihr Verstand fieberhaft. Mit ihrem Mann kann sie sich außer durch ein paar hastig geflüsterte Worte nicht austauschen ? deswegen ist sie ständig bereit, auf seinen Zuruf hin einen Fluchtversuch zu wagen.

Gleichzeitig probiert sie alle psychologischen Kniffe aus, die ihr einfallen, um mit Cox? Komplizen ins Gespräch zu kommen und mögliche Schwachstellen zu entdecken. Aufgrund der durch die Story vorgegebenen sehr intimen Natur der Rollen fühlte Madsen sich durch Loncraines Arbeitsstil bei der Eingangssequenz etwas verunsichert ? was ihr gleichzeitig half, ihre Rolle besser zu verstehen.

Denn der Regisseur wollte die Szenen möglichst direkt und authentisch filmen ? große Teile der Sequenz drehte er also mit jener Technik, die auch echte Kriminelle verwenden könnten. Nicht immer wussten die Schauspieler, wo sich das Kamerateam gerade versteckte. ?Das war sehr seltsam?, erinnert sich Madsen.

?Denn ich hatte keine Ahnung, wo sich die Kamera befand. Carly [Schroeder, die Beths Tochter Sarah darstellt] und ich spielten eine Szene, in der wir einen Stadtbummel machen. Wir wussten nicht, wo das Filmteam steckte. In einer bestimmten Situation nahm ich an, dass die Szene längst beendet war, aber sie filmten uns weiter. Später haben wir dann erfahren, dass jemand an uns vorüber ging und uns mit einer winzigen Kugelschreiber-Kamera filmte. Es läuft mir wirklich kalt den Rücken herunter, wenn ich darüber nachdenke, dass Fremde mich und meine Kinder beobachten und uns abhören, ohne dass wir das überhaupt mitbekommen.?

An dem Tag, als Madsen mit ihrer ?Sideways?-Leistung für den Oscar nominiert wurde, kam sie nach einer Reihe von Interviewterminen nach Hause und hörte ihre Telefonnachrichten ab. ?Viele riefen an, um mir zu gratulieren, und ganz am Schluss kam die Nachricht von einem Mann, der behauptete, Harrison Ford zu sein.? Er wollte mit ihr über die Beth-Rolle sprechen.

?Ich hielt das für einen abgeschmackten Witz und fand das gar nicht komisch, weil ich diese Rolle unbedingt spielen wollte. Er hatte seine Telefonnummer genannt, und deswegen wollte ich darauf reagieren ? egal, wer es war. Er nahm ab, und zehn Sekunden später kapierte ich, dass tatsächlich Harrison am Apparat war. Ich hätte mir keinen perfekteren Ausklang dieses Tages vorstellen können.?

Im Büro gibt sich Bill Cox als Beamter der Bundesprüfbehörde aus, um Jack immer im Auge behalten zu können. Jacks junge und fähige Assistentin Janet wird von Mary Lynn Rajskub gespielt, die 2001 mit ihrem Auftritt in der erfolgreichen Serie ?24? (24) für den Preis der Screen Actors Guild (Gewerkschaft der US-Film- und Fernsehschauspieler) nominiert wurde. ?Janet spürt sofort, dass mit Jack irgendetwas nicht stimmt ? aber natürlich kann niemand sich ausmalen, wie schlimm es wirklich steht?, sagt Rajskub.

?Außerdem wird eine Assistentin darauf kaum eingehen, weil es sie nichts angeht ? sie ist einfach nur neugierig und wartet ab, was passiert.? Bevor sie das herausfinden kann, befiehlt Cox Jack, sie zu entlassen. Janet begreift nicht, dass ihr Chef gezwungen ist, gegen seinen Willen zu handeln ? sie ist von der abrupten Entlassung einfach nur tief getroffen. Jack hat in diesem Moment jedoch keine Zeit, über Janets Gefühle nachzudenken, denn die dramatische Situation zu Hause verlangt seine ganze Aufmerksamkeit, und der unerbittliche Bill Cox schaut ihm im Büro ständig über die Schulter.

Und noch jemand ist ihm ein Dorn im Auge: Gary Mitchell, den Robert Patrick (?Walk the Line?, ?The X-Files?/Akte X) darstellt ? ein grobschlächtiger und herablassender Mitarbeiter von Accuwest, jenes multinationalen Konzerns, der die Bank übernehmen wird.

Schon seit Wochen sitzt Mitchell Jack im Nacken, will jede Einzelheit über die Arbeitsweise von Landrock erfahren ? und das Computersicherheitssystem gehört natürlich dazu. Von Anfang an konnte Mitchell Jack nicht ausstehen, und als er jetzt merkt, wie seltsam der erfahrene Sicherheitsexperte sich aufführt, sieht er Jack zunehmend als Risiko für die Firma. Mitchell schaut Jack also ganz genau auf die Finger ? genau in dem Moment, als Jack sich fieberhaft bemüht, die Überweisungen für Cox zu tätigen, ohne Verdacht zu erregen.

?Man spürt deutlich, wie Jack immer mehr unter Druck gerät, wie die Spannung steigt?, sagt Patrick. ?Jack hat wirklich schon genug um die Ohren ? da kann er sich nicht auch noch mit diesem aggressiven Typen abgeben, der in sein Büro stürmt und ihm die Daumenschrauben anzieht. Wegen Mitchell wird er mehr als einmal fast erwischt. In diesen Szenen erleben wir hautnah, was in Jacks Kopf vorgeht. Wir spüren, wie er schwitzt, wie ihm der Atem stockt, wie er sich konzentriert, um die Aktion so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen.?

Als Janet geht und Mitchell ihm ständig neue Knüppel zwischen die Beine wirft, bleibt Jack aber immer noch ein Verbündeter im Büro: sein langjähriger Freund und Kollege Harry, den der renommierte Charakterdarsteller Robert Forster spielt. Forster erhielt für ?Jackie Brown? (Jackie Brown) eine Oscar-Nominierung. Als Harrison Ford ihn für die Rolle vorschlug, nahmen die Filmemacher die Idee nur zu gern auf.

Durch Harry lernt Jack Cox offiziell kennen, als der sich in einer seiner zahlreichen Verkleidungen einschleicht ? diesmal als sympathischer Unternehmer, der den Sicherheitsexperten angeblich für eine neue Consulting-Firma abwerben will. Im Laufe der Handlung wird klar, was Cox wirklich vorhat, und Jack fragt sich natürlich, was sein alter Freund Harry mit diesem kriminellen Monster zu tun hat: Wieviel weiß er? Spielt er etwa sein eigenes Spiel?

Forsters abwechslungsreiche Karriere umfasst mittlerweile fast 40 Jahre ? er hat Helden und Spitzbuben gespielt: ?In der Zeit von ,Delta Force? war ich auf Bösewichte abonniert ? nach 13 Jahren hatte ich genug davon. Dann besetzte Quentin Tarantino mich als Guten, und daraus konnte ich das Beste machen. Beide Arten von Rollen haben ihre Vorteile. Was mir aber an dieser Rolle am besten gefällt, ist ihre Zweideutigkeit.?

Unterdessen merkt auch Jacks Chef, der Landrock Chief Executive Officer Arlin Forester, wie fahrig und unkonzentriert Jack wirkt. Diese Rolle übernimmt der gefeierte Bühnen- und Filmstar Alan Arkin. Arkins Besetzung bildet das Langzeitergebnis eines Gesprächs, das der Schauspieler schon in den 1970er-Jahren mit Regisseur Loncraine führte, als sie sich in London trafen ? beide versicherten sich damals, wie sehr sie die Filme ihres Gegenübers schätzten.

?Wir haben gleich überlegt, ob wir nicht mal ein gemeinsames Projekt machen könnten. Und jetzt hat es geklappt ? nur 25 Jahre später?, sagt Arkin mit dem ihm typischen Humor. Im Gegensatz zu Mitchell will Forester Jack nur helfen ? aber auch das bedeutet für Jack in diesem Moment nur noch mehr Stress. Die beiden haben eine Beziehung entwickelt, die nicht dem üblichen Verhältnis von Chef und Angestelltem entspricht.

?Sie kommen recht gut miteinander aus?, erzählt Arkin. ?Sie verabreden sich zum Essen, treffen sich auch privat mit ihren Familien. Doch plötzlich verhält sich Jack sehr merkwürdig, und ich kapiere nicht, was los ist.? Forester geht davon aus, dass der Grund im persönlichen Konflikt zwischen Jack und dem reizbaren Mitchell zu suchen ist, und er fürchtet, dass Jacks Verhalten die Übernahmeverhandlungen gefährden könnte. Er ermahnt ihn also, sich zusammenzureißen. Doch in dieser sowieso schon unerträglichen Situation setzt er Jack damit nur noch mehr unter Druck.

Wie man Atmosphäre schafft Loncraine strebte für ?Firewall? ein Ambiente im Stil des Film noir an, und er wollte den Spannungspegel durchweg hoch ansetzen. ?Als klassischen Film noir kann man unseren Film wohl nicht bezeichnen, weil niemand eine Zigarette in der Hand hält?, schmunzelt er. ?Aber sehr stilvoll-düstere Momente gibt es durchaus.?

?Wir brauchten einen Regisseur, der Atmosphäre schaffen kann. Richards unschätzbarer Beitrag besteht in seinem sensiblen Vorgehen, in seiner Kreativität?, sagt Armyan Bernstein, der genau weiß, dass ?derartige Filme immer schwierig zu drehen sind. Es kommt auf jede kleine Nuance an, und trotzdem darf das Tempo nicht nachlassen. Die Zuschauer müssen spüren, dass die Menschen, mit denen sie zittern, wirklich in Gefahr sind. Sie müssen sich ständig fragen, ob alles in die Luft fliegt und wann es rumst ? jetzt?? oder jetzt?? oder jetzt vielleicht? Sie müssen mit den Helden aushalten, immer das Schlimmste erwarten. Und schließlich rumst es dann tatsächlich.?

Loncraine hatte den Ehrgeiz, das Bedrohliche der eher gemütlichen und alltäglichen Schauplätze herauszuarbeiten. Es geht ihm dabei nicht um geheimnisvoll dunkle Korridore, sondern um allseits vertraute und gut ausgeleuchtete Gebäude, in denen wir normalerweise unseren unbeschwerten Alltag gestalten.

?Spannung lässt sich immer leicht aufbauen, wenn jemand mit einem Messer durch eine Gasse schleicht und vor ihm ein Kind im Lichtkegel der Straßenlaterne auftaucht?, beschreibt er seine Überlegungen. ?Aber wie zeigt man einen Mann am Computer, der mit jemandem telefoniert, der seinerseits ruhig zu Hause auf dem Sofa sitzt, aber jederzeit seine Kanone ziehen und sie seinem Kind an die Schläfe setzen könnte? Das ist sehr viel schwieriger. Es ging mir darum, die gefährliche Situation im Haus und im Büro sichtbar zu machen. Gerade die Banalität des Alltags habe ich für mich genutzt. Denn wenn man sich nicht mal mehr im eigenen Wohnzimmer sicher fühlen kann, wo dann??

Schon in der Eröffnungssequenz erlebt das Publikum sehr beunruhigende Bilder, die klar machen, dass hier jemand den Schutz der Privatsphäre missachtet. Mit den Augen und Ohren der unbekannten Beobachter erleben wir das Familienleben im Haus der Stanfields ? das Überwachungsequipment ist draußen im Blattwerk verborgen.

?Alle diese Aufnahmen haben wir mit digitalen Videokameras, auf Hi 8 und 8mm gedreht. Die Bilder sehen also nicht professionell aus ? wir haben uns sogar bemüht, sie so schlecht wie möglich zu filmen?, erklärt Loncraine. ?Inszeniert hat das niemand. Ich wollte ruckartige Bewegungen, Unschärfen, blitzartige Zooms und einen Ton, der sich wie von angezapften Telefonleitungen anhört.?

Außerdem benutzte Loncraine eine Reihe von atmosphärischen Kniffen, um die Spannung zu erhöhen. Dazu Basil Iwanyk: ?Die Zuschauer sollen sich möglichst genauso unsicher und ungemütlich fühlen wie die Figuren auf der Leinwand. Richard schafft eine klaustrophobische Atmosphäre.? Und Loncraine fügt hinzu: ?In zweieinhalb Zimmern spielt sich eine Menge ab. Diese Familie ist in ihrem eigenen Haus gefangen ? bis zu fünf Kidnapper bewachen sie. Da gibt es keine Privatsphäre, keinerlei Bewegungsfreiheit. Außerdem klopft ständig der Regen an die Fensterscheiben und aufs Dach.?

Für den Regen ist Seattle bestens bekannt. An den kanadischen Drehorten war Spezialeffekte-Leiter Tony Lazarowich (?Elf?/Buddy ? der Weihnachtself; ?Scary Movie 3?) dafür verantwortlich. Nach seiner Hochrechnung verbrauchte er für den künstlichen Regen 1.274.000 Liter Wasser, davon allein 640.000 Liter für die sechs Drehwochen im Stanfield-Haus. Dabei mußste er darauf achten, dass das Haus keinen Schaden nahm.

Es handelt sich um ein von Brian Hemingway entworfenes Eigenheim am Meer in Lions Bay/British Columbia. Außerdem galt es die Fluten so abzuleiten, dass eine Überschwemmung des Grundstücks vermieden wurde. Was gar nicht so einfach war, denn 20 bis 30 Regentürme (die vom Team mit Wasser gefüllt werden und den Regen dann versprühen) waren auf dem Dach platziert, weitere Türme versteckte man auf dem Grundstück hinter den Bäumen.

Für die Stadtszenen in der Umgebung von Jacks Büro installierte man ?Regengerüste?, die an 80 Tonnen schweren Kränen aufgehängt wurden und die Länge eines gesamten Straßenblocks hatten. Lazarowich gibt zwar zu, dass man mit solch gewaltigem Aufwand beeindrucken kann ? manchmal kommt es jedoch nur auf ein paar gut platzierte Tropfen an. ?Richard hat den Regen besonders atmosphärisch eingesetzt?, sagt er. ?Teils leicht, teils intensiver. Kameramann Marco Pontecorvo und ich haben uns viel Mühe gegeben, damit ein, zwei Regentropfen genau im richtigen Winkel auf Harrisons Gesicht fallen.?

Und seinen schwarzen Humor konnte der Regisseur auch anbringen: Er verwendet den laufenden Fernseher der Stanfields als Hintergrundgeräusch ? wobei die dramatischsten Vorgänge der Geiselnahme mit den albern-fröhlichen Werbe-Jingles, Zeichentrickserien und Kochshows untermalt werden ? eine Mischung aus Lebensgefahr und Banalität.

Grundsätzlich will Loncraine das Publikum durch seinen realistischen Ansatz fesseln. Dazu sagt der für die visuellen Effekte zuständige Angus Bickerton (der mit der Miniserie ?Band of Brothers? eine Emmy-Nominierung verbuchte und schon oft mit dem Regisseur zusammengearbeitet hat): ?Ich bin immer für grandiose visuelle Effekte zu haben, aber in diesem Film mußsten wir sie so gestalten, dass sie absolut nicht als solche wahrgenommen werden.?

Bickerton bekam in ?Firewall? eine Menge zu tun ? zum Beispiel mußste er mit seinem Team die Illusion schaffen, dass sich Jack Stanfields Büro im 20. Stockwerk des Bankgebäudes befindet ? gedreht wurde jedoch im 2. Stock. Außerdem galt es die Stadtansicht von Vancouver durch Seattle zu ersetzen. In Bezug auf die Atmosphäre manipulierten Bickerton und Kameramann Pontecorvo das Tageslicht, und ?wir drehten eigenständige Bildelemente, die wir verwendeten, um den vom Wind gegen die Scheiben gepeitschten Regen zu zeigen. Am Anfang erleben wir Jack in seinem sonnendurchfluteten Büro, doch bald bezieht sich der Himmel, es wird dunkel, es regnet, die Stimmung wirkt bedrückend.?

Als Vorbereitung der Szenen in der Landrock Pacific Bank schauten sich Loncraine und Produktionsdesigner Brian Morris (?Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl?/Fluch der Karibik; Oscar 1996 und BAFTA-Nominierung für ?Evita?) eine Bank in Los Angeles an, um Anregungen für die Büroausstattung zu bekommen ? sie wollten die Büroräume nicht genau nachbauen, sondern nur ein Gefühl für die Proportionen, für das Ambiente bekommen. Der Regisseur erlebte das Sicherheitssystem als ?interessante Mischung aus Hi-Tech- und Low-Tech-Vorrichtungen, von Überwachungskameras über Luftschleusen bis zu biometrischen Fingerabdruck-Sensoren?. Vieles davon findet sich im Film wieder.

Loncraine hat Kunst studiert und machte sich in seiner Heimat England einen Namen als Bildhauer und Designer, bevor er sich dem Film zuwandte. Daher weiß er genau, wie wichtig Bilddetails sein können. Ein Beispiel: Er wollte unbedingt den ?getürkten Nasa-Kontrollraum-Look auf den Bildschirmen vermeiden: Ständig sieht man riesige blinkende Anzeigen wie ,ABBRECHEN? oder ,FEHLGESCHLAGEN?, die niemand ernstnehmen kann.?

Stattdessen werden in ?Firewall? ganz normale Computergrafiken und die Standard-Bildschirmoberflächen des Bankwesens verwendet, und wenn es angebracht ist, fährt die Kamera sehr nah an den Bildschirm heran. Auch die Mitarbeit des Banksicherheitsexperten Lawrence T. Levine gewährleistet die Authentizität ? er überprüfte die technischen Dialoge und Vorgänge auf Stichhaltigkeit.

Allerdings gibt Loncraine zu: ?Manchmal mußs man das Ganze einfach etwas abkürzen, weil die Vorgänge zu komplex sind ? es ist oft einfach nicht nötig, sie tatsächlich realistisch darzustellen. Im Grunde halte ich es nicht für entscheidend, dass die Zuschauer die ganze Technik durchschauen. Aber sie müssen natürlich davon überzeugt sein, dass die Filmhelden sie beherrschen.?

Loncraine ist als Technik-Freak bekannt, schätzt derartige Spielereien und kann sich stundenlang mit Gebrauchsanleitungen beschäftigen. Er verrät, dass er sich für den Dreh von ?Firewall? in den Bereich Computerkriminalität derart intensiv eingearbeitet hat, dass ?man uns tatsächlich gebeten hat, die Sache eine Nummer kleiner zu fahren. Erstaunlicherweise ist es nämlich gar nicht schwer, eine Bank auszurauben, wenn man die kriminelle Energie dafür aufbringt. Vielleicht versuche ich es ja selbst mal, wenn ich keinen anderen Job mehr bekomme ? denn das nötige Know-how habe ich jetzt.?

Das ?Firewall?-Team drehte auch an Originalschauplätzen in und um Vancouver, das im Film Seattle doubelt: Gefilmt wurde am Vancouver International Airport, wo Jack Stanfield nach Büroschluss über einen Online-Bankschalter auf den Computer der Bank zugreifen will, und im Cassiar Tunnel, wo er einen von Cox? Komplizen bestechen und anschließend fliehen will. Die meisten Innenräume der Landrock Pacific Bank wurden im Canadian Motion Picture Park in Burnaby nachgebaut.

Außerdem benutzte man ein teilweise leer stehendes Bürogebäude in der Nähe. Die Anfangssequenz mit den Aufnahmen vom opulenten Eingangsbereich der Bank drehte man im großen Foyer der Royal Bank. Die Diva Bar im Metropolitan Hotel diente als Schauplatz für eine Szene, in der sich Jack, Harry und Bill Cox treffen. Und auf dem Dach des im Art-Deco-Stil gebauten historischen Marine Building drehte man eine Szene in Harrys Wohnung.

?Änderung des Plans. Ich rede nicht mehr.? ?Nachdem der Raub durchgeführt ist, Cox aber sein Wort bricht und Jacks Familie nicht freigibt, begreift Jack, dass seine schlimmsten Ahnungen wahr werden: Cox hat gar nicht vor, sie freizulassen?, erklärt Ford. In diesem Moment mobilisiert Jack ganz ungeahnte Kräfte in sich. ?Er kapiert, dass er bei Cox den Hebel nur über das Geld ansetzen kann. Wenn er also in der Lage wäre, die eben an Cox überwiesene Summe zurückzudirigieren, hätte er wieder einen Trumpf in der Hand.?

Allerdings könnte eine solche Verzweiflungstat einen Kontrollfreak wie Cox dazu bringen, den Schaden zu begrenzen und einfach zu verschwinden, damit allein Jack auf frischer Tat ertappt wird. Oder Cox könnte blutige Rache üben. In Jack hat sich seine Wut, sein Ohnmachtsgefühl tagelang aufgestaut ? jetzt geht er auf einmal Risiken ein, die er sich nie im Leben zugetraut hätte. ?Er dreht durch?, sagt Iwanyk. ?Er kommt an den Punkt, an dem er sich fast wie ein Barbar ausschließlich darauf konzentriert, seine geliebte Familie wiederzubekommen.?

Weil das so ist, legte Loncraine Wert darauf, die unausweichliche physische Auseinandersetzung als impulsiven, gefühlsmäßigen Kampf so echt und glaubwürdig wie nur möglich zu gestalten ? eine spektakuläre Schlägerei wäre hier fehl am Platze. Beim Aufmischen der Szene verließ sich der Regisseur auf den altgedienten Stunt Coordinator Bill Ferguson.

?Er wollte jeden Eindruck einer choreografierten Inszenierung vermeiden?, erklärt Ferguson. ?Es gibt also keinen üblichen Schlagabtausch wie in Saloon-Schlachten, nichts läuft glatt und knackig ab, Richard will es grob und unbeholfen, schnörkellos, sogar schlampig ? eben so realistisch wie möglich.?

Gleichzeitig mußsten die Filmemacher bedenken, dass diese Männer bei der Auseinandersetzung völlig unterschiedliche Kampfstile einsetzen: ?Denn sie stammen aus verschiedenen Milieus. Bettany bringt ein paar Tritte an und landet ein paar saubere Treffer, die fast eines Boxers würdig sind, denn Cox war wahrscheinlich mal beim Militär. Was dagegen Harrison macht, kann man eher als Raufen bezeichnen. Diese Kombination sorgt also für Dynamik.?

?Der Kampf ist recht kurz, aber brutal und sehr intensiv ? und sehr originell?, berichtet Ford, der verrät, dass er solche Szenen nach wie vor mit großem Enthusiasmus umsetzt. ?Mir macht es immer noch Spaß, die Choreografie einzustudieren, jede Einzelheit zu bedenken und dann durchzuspielen, während wir uns auf dem Boden wälzen. Denn es ist wichtig, den Gerechtigkeitssinn der Zuschauer zu befriedigen, bevor der Vorhang fällt.?

Ferguson kann bereits auf über 20 Jahre Erfahrung als Stuntman oder Coordinator in der Filmbranche verweisen ? sehr genau erinnert er sich an Actionsequenzen mit legendären Filmhelden wie Charles Bronson und Burt Lancaster, aber auch mit heutigen Stars. Und er gibt unumwunden zu: ?Harrison zählt eindeutig zu jenen Darstellern, die mit Actionszenen am besten umgehen. Er kann derart einstecken, wie ich es sonst nur von Stuntleuten erwarten würde.

Er ist persönlich die Treppe heruntergestürzt, er ist durch ein Fenster gehechtet und zu Boden gestürzt. Er hat seine Auto-Stunts ebenso selbst ausgeführt wie den Kampf im Haus ? von den tagelangen Proben ganz zu schweigen, bei denen ich ihn herumschleuderte, gegen die Wand knallte ? und er hat auch mich durch die Gegend katapultiert. Er ist stark, und man kann ihm nichts vormachen. Er kennt alle Kniffe, die kurzen Verzögerungen zwischen den Bewegungen, er weiß, wie diese Szenen geschnitten werden. Er weiß genau, wie das abläuft.

Über Fords Naturtalent sagt der Stuntexperte: ?Er kann eigentlich viel besser kämpfen als Jack ? wir mußsten seinen Stil also abschwächen, einfach weil er einen Bankmanager spielt, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt.? Wenn Harrison Ford die Messlatte für diese Auseinandersetzungen hochlegte, so bestätigt Ferguson gleichzeitig, dass sich Paul Bettany dem Anspruch durchaus gewachsen zeigte, und zwar sowohl in Bezug auf seine körperlichen Fähigkeiten als auch mit seinem Humor. ?Paul eröffnete mir gleich zu Anfang, dass er leicht blutet?, lacht Ferguson.

?Also gingen wir davon aus, dass er auch schnell zu Boden geht, aber tatsächlich hat er sich sehr wacker geschlagen, übrigens viel besser, als er selbst zugeben würde ? er konnte einstecken, Fußtritte austeilen, zu Boden stürzen, und er ließ sich durch den Raum schleudern. Er hat sich hundertprozentig eingebracht.? Auch Virginia Madsen mußste sich reichlich mit den Schurken herumprügeln ? stolz verweist sie auf ihre eigenen ?Beulen und blauen Flecken?, die sie sich am Set verdient hat.

Und sie sagt: ?Das war sehr lustig. Ich darf solche rabiaten Actionszenen nur selten spielen und habe das als echtes Geschenk empfunden ? wenn es mir auch ein bisschen peinlich war. Eines Tages humpelte ich über den Set, versorgte meine frischen Schürfwunden und kam mir dabei echt wie ein Macho vor ? und dann erlebe ich, wie Harrison durch ein Fenster hechtet, gegen Wände knallt und dann einfach wieder aufsteht und sich den Staub abklopft, als wenn nichts gewesen wäre.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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