Love & Motion

Ausführlicher Inhalt

Der Film ?LOve & MOtion? erzählt anhand von Interviews mit den wichtigsten Protagonisten der Ereignisse die Geschichte einer zunächst unscheinbaren, russischen Kompaktkamera, der LOMO LCA, die unter diesem Namen in den letzten ca. 20 Jahren zu weltweiter Berühmtheit gelangt ist. In Perestroika-Zeiten entwickelt als ?Abfallprodukt? der Forschungsabteilung eines russischen Mischkonzerns in St. Petersburg, wäre sie zunächst beinahe Einsparungsplänen der Unternehmensberatung McKinsey zum Opfer gefallen.

Aber durch die politischen Wirren des Jahres 1989 gelang es der Kamera plötzlich im Westen doch noch als Erfolgsmodel Karriere zu machen. Dies vor allem Dank zweier Studenten aus Wien, Matthias Fiegl und Wolfgang Stranzinger, die sich von der Einfachheit und der speziellen Bildqualität der LOMO begeistert, der Promotion der Kamera annahmen. Und anhand der besonderen Art mit der Kamera zu knipsen, den Begriff der LOMOgrafie ins Leben riefen, mit Leben erfüllten und rund um den Globus etablierten.

Millionen Menschen wurden seither und werden immer noch mit Hilfe der zehn goldenen Regeln der LOMOgrafie vom Zwang der alten Kameraschule befreit, immer ein möglichst perfektes Bild machen zu müssen. Um sich die Weltvertriebsrechte an der Kamera zu sichern, scheuen die beiden sich nicht, die russische Politik zu involvieren und lernen so zufällig einige der mächtigsten Männer des Planeten kennen. Unfassbar aber wahr: Diese sorgen mit dafür, dass die Kamera weiter produziert wird.

Mit dem gesicherten Fortbestand der Kamera im Rücken, rufen Fliegl und Stranzinger von Wien aus zur ?LOMOgrafischen Weltrevolution?. Schon bevor überhaupt Internetseiten existieren, setzen die Wiener auf ihre internationale Community, mit der sie rege kommunizieren, und nehmen damit moderne neue Marketingstrategien vorweg. Die beiden ?Weltpräsidenten?, wie sie sich fortan nennen, machen Ausstellungen auf der ganzen Welt, gründen ?lomografische Botschaften? in über 60 Ländern und verkaufen die Kamera so in jeden Winkel des Globus.

Mit der Welle des IT-Booms und der New Economy schwimmen unsere beiden Helden vom kleinen Kunstverein zur weltweit agierenden AG ganz nach oben. Und drohen zum Ende des Booms ins tiefe Wellental zu stürzen. Der eigene Größenwahn, die teilweise Depression des Analogen und der Zeitgeist richten sich gegen sie, doch einen gestandenen Weltpräsidenten kann so etwas nicht so schnell aus der Bahn werfen.

Immerhin gibt es eine weltweit aktive Fangemeinde, sind über eine Million Bilder (von denen im Film ca. 1000 zu sehen sind) im in Fachkreisen inzwischen legendären LOMO-Archiv gelagert. Eine Million Fotos, die eine ganz besondere Sprache sprechen. Denn neben den technischen Besonderheiten hinsichtlich Aufnahmetechnik (am besten immer aus der Hüfte!) spricht aus ihnen die Liebe, die der Fotograf seinen Motiven entgegenbringt. Seine geistige Beweglichkeit. Und seine Kreativität.

?LOve & MOtion? ist eine mit vielen Details gespickte Hommage an die LOMO LCA, die LOMOgrafie als Bewegung und die Verrücktheit. Denn Mut wird immer belohnt. Bei LOMOgrafen manchmal mit einer kleinen Weltrevolution - auf jeden Fall aber immer mit einem tollen Bild.

?LOve & MOtion? ist Dokumentarfilm pur. Denn Regisseur Christian Schmidt-David lässt in seinem Langfilm-Debüt einzig und allein seine Protagonisten die Geschichte der russischen Kamera LOMO LCA und der LOMOGRAFIE als weltweite Bewegung erzählen. Es gibt keine Stimme aus dem Off, keinen Kommentar. Das fesselnde Moment des Film rührt vor allem aus den unterschiedlichen Hintergründen und damit den unterschiedlichen Blickwinkeln der im Film zu Wort kommenden Personen auf eine und die selbe Sache - die LOMO-Kamera.

Durch geschickte Montage ergeben sich Reibeflächen, prallen die Lebenswelten der Menschen aufeinander. Damit wird ?LOve & MOtion? auch zum genauen Blick auf die unterschiedlichen Werte zweier gegensätzlicher Systeme und grundsätzlicher Gedankenwelten. Auf der einen Seite die im freien Denken ohne den Zwang zur unbedingten Wirtschaftlichkeit erwachsene Lebensperspektive, irgendwo zwischen ?Anything Goes?-Attitüde und eher arbeitsscheuer aber dennoch instinktsicherer Vermarktungsbegabung der Wiener LOMO-Vermarkter Fliegl und Stranzinger (1989 = ?Westen?).

Und auf der anderen Seite der von unbarmherzigem Druck erzeugte Zwang zu entwicklungstechnischem und wirtschaftlichem Erfolg der Angestellten und Entwickler einer St. Petersburger Fabrik (1989 = ?Osten?), im Handeln geprägt von der Gehorsamkeitsschule der kommunistischen Jahre.

Im Westen die Angst vor dem Uncool-Sein, im Osten die Angst vor dem sibirischen Straflager. Oder andersherum betrachtet: Während die Wiener sich als Repräsentanten von ?Kunst und Kultur? sehen, sind sie für die Chefs des russischen Rüstungskonzerns LOMO PLC nur ?Hippies?.

Und während man versucht die letzten Einzelteile an die verrückten Wiener zu verhökern, planen diese in ihrem Größenwahn die feindliche Übernahme. Der Zufall spielt eine so große Rolle, dass man teilweise glaubt, ein Autor mit übertriebenem Drang zur Dramaturgie hätte sich bemüht, der Handlung immer wieder neue Wendungen zu verleihen.

Neben dem ?Krieg der Welten? treffsicher ins Bild gerückt: Die Fans, Anwender, Nutzer des LOMOgrafischen Segens. Fotografierwütige, Bildversessene, Fotofanatiker, Augenblicksammler, Momenterhascher. Teils naiv, immer in enthusiastischer Art gefangen von der besonderen Ästhetik der LOMO-Aufnahmen. Als Kamera-Käufer und Anwender füllen sie virtuelle und analoge Ausstellungen, organisieren Treffen, hauchen der weltweiten LOMO-Gemeinde Leben ein.

Sie sind damit das wahre Bindeglied zwischen profitorientierten Apparatschniks und träumerischen Selbstdarstellern. Sorgen mit ihren Bildern dafür, dass sich das Rad ?LOMOgrafie? immer weiter dreht. Über all dem Hin und Her, Für und Wieder, Auf und Ab, Sein und Schein, thronen majestätisch die Objekte der LOMOgrafischen Begierde: Die Bilder. Eigen in Farbe und Bildausschnitt - eingefangene Augenblicke die ihren Charme, ihre Wirkung aus dem unbedingt gewollten Mangel an Knips-Vorbereitung ziehen.

LOMOgrafie ist ein anderer, eigener, ein außergewöhnlicher Blick auf die Welt. LOMOgrafie macht mit dem technischen Hilfsmittel der LOMO LCA, viel Spontanität und einem gewissen Zwang zum Unfertigen und zur Anarchie frei nach Warhol jeden LOMOgrafen zum Künstler. Und schafft so beim Fotografen wie beim Bildbetrachter das unschlagbare Gefühl etwas Exklusives erschaffen zu haben.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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