Im Schwitzkasten

Produktionsnotizen

?Im Schwitzkasten? ist das Ergebnis eines kurzen, aber heftigen Entstehungsprozesses, der während der Berlinale 2004 seinen Anfang nahm ? und bei dem bereits sechs Monate später mit den Dreharbeiten begonnen wurde. Anne Leppin und Sigrid Hoerner, Geschäftsführerinnen der 1998 gegründeten Berliner Produktionsfirma ?moneypenny?, erinnern sich: ?Wir lernten Eoin Moore kennen, als er uns die Idee zu ´Pigs Will Fly´ vorstellte, welcher später eine Bundesfilmpreis-Nominierung erhalten sollte. Wir waren mit der Durchführung des Projektes sehr zufrieden und so war bald klar, dass wir auch mit Eoin bei einem seiner nächsten Projekte wieder zusammenarbeiten würden.?

Die ?moneypenny?-Chefinnen waren dadurch bereits mit Moores ungewöhnlichem Stil vertraut, hatte der sich doch schon bei ?Pigs Will Fly? bewährt. Aus produktionstechnischer Sicht wirkte es sich zudem positiv aus, dass der Film von allen gemeinsam gestemmt wurde ? schließlich mußste man mit einem sehr beschränkten Budget zurechtkommen. ?Es war so, dass alle Lust hatten, mitzumachen, egal wie viel Geld es gegeben hätte. Alle die Lust hatten, beteiligten sich gerne,? erinnert sich Anne Leppin.

?Es stand von vornherein fest, dass wir nicht für jeden ein eigenes Wohnmobil bereitstellen können, dass nicht jeder einen eigenen Fahrer hat. Manche sind sogar mit dem Fahrrad ans Set gekommen!?

?Im Schwitzkasten? entstand mit einem Budget von 640.000 Euro. Von der ZDFRedaktion ?Das kleine Fernsehspiel? kam dabei der Löwenanteil von 350.000 Euro, das Medienboard Berlin-Brandenburg förderte mit 230.000 Euro, der Rest kam von den Filmpreis-Geldern von ?Pigs Will Fly? und den Produzenten. ?Schwierig an der Finanzierung war vor allem die Tatsache, dass wir kein Drehbuch im herkömmlichen Sinn hatten und es die Entscheider nicht gewöhnt sind, auf zwölfseitige Entwürfe ihr ?Go!? zu geben,? bemerken die Produzentinnen.

?Es war von beiden Seiten viel Vertrauen nötig. Natürlich spielte bei der Zusage auch die hochkarätige Besetzung eine Rolle ? schließlich hatten wir schon Christiane Paul, Edgar Selge und Andreas Schmidt an Bord. Und da wir mit Lucas Schmidt vom ZDF auch schon mehrere Projekte umgesetzt hatten, genossen wir auch einen gewissen Vertrauensvorschuss.?

Erst mal auf der Bühne schwitzen Die Vergabesitzung des Medienboards fand erst eine Woche vor Drehbeginn statt. ?Da ein nächstmöglicher Drehtermin, an dem alle sieben Darsteller Zeit gehabt hätten, erst ein halbes Jahr später zustande gekommen wäre und somit nicht in Frage kann, mußsten wir mit zwei möglichen Szenarien arbeiten,? betont Leppin. ?Wir hatten also über 200.000 Euro ´Spielraum´ und haben deswegen mit jedem auch zwei Gehälter verhandelt. Auch für Eoin war die Situation natürlich schwierig, da er nicht genau wusste, was jetzt auf ihn zukommt.?

Doch glücklicherweise wurde die Förderung gleich bei der ersten Sitzung genehmigt und so nahm das Projekt ziemlich schnell Formen an. ?Ohne die Medienboard- Förderung hätten wir zuerst mal gar keine Kinokopie ziehen können und den Film nur auf Beta gehabt und bei Bedarf eben kopiert,? so moneypenny. ?Außerdem hätten wir dann auch erst nach dem Dreh das Geld für die Postproduktion auftreiben müssen ? das waren die Worstcase-Szenarien!?

Und noch eine Besonderheit gab es bei ?Im Schwitzkasten?. Die Filmemacher führten die Handlung vor Drehbeginn mit allen Beteiligten als Theaterstück in den Sophienhöfen auf. Nachdem das Buch einigermaßen stand und alle Rollen besetzt waren, spielten die Darsteller den Film auf der Bühne, ohne Requisiten, 90 Minuten durch und Moore filmte sie dabei. ?Obwohl natürlich keine Positionen bestimmt waren und vieles improvisiert war, konnte man trotzdem erkennen, wo die Geschichte hakt, welche Szenen sehr emotional werden,? erklärt Anne Leppin.

?Da wirklich vom Fahrer bis zum Caterer alle dabei waren, hat jeder ein Gefühl für das gesamte Projekt bekommen. Oft kriegt man ja nicht viel mit, wenn man nur ein oder zwei Tage am Set ist. Natürlich hat da nicht einhellige Begeisterung geherrscht, aber man wusste, wo man steht. Das war toll und wir werden das sicher auch in der Zukunft wieder so praktizieren. Das fördert einfach den Geist am Set und die Freude der Schauspieler an dem Projekt.?

Vorsicht Rutschgefahr! Am 3. August 2004 begannen schließlich die eigentlichen Dreharbeiten ? 20 Tage waren dafür eingeplant. ?Genau das war auch das Problematischste,? erzählen die Produzentinnen. ?Wir konnten uns einfach nicht mehr Zeit leisten. Alles andere, etwa die eingeschränkte Ausstattung, war nicht so schlimm. Wir hätten nur zu gern mehr Zeit gehabt.?

Im Endeffekt hatten die Filmemacher dann doch annähernd zwei Drehtage mehr zur Verfügung, da zwei Versicherungsfälle im Team auftraten: Steffi Kühnert und Edgar Selge. Selge zog sich bei einem Sturz in der Sauna eine Gesichtsverletzung zu und mußste genäht werden. Die Folge: An dem Tag konnte nichts mehr gedreht werden. Als jedoch Steffi Kühnert mit einer Blinddarmentzündung ausfiel, wurde es richtig kompliziert.

?Da brach ein ganzes Gerüst zusammen, aber irgendwie geht?s doch immer. Wir haben dann eben sonntags gedreht, manches weggelassen und anderes an einem neuen Drehort nachgeholt,? erklärt Anne Leppin. Am ersten Drehtag gab es noch Berührungsängste, da die Ensemblemitglieder ja zeitweise ganz oder zum Teil nackt sein mußsten. Bald aber fiel die Nacktheit nicht mehr auf, denn die Schauspieler gingen alle sehr locker damit um. Natürlich wurde versucht, nicht ständig alle Darsteller nackt zu zeigen, sondern ein Handtuch, Arme oder Nebel vor die entscheidenden Stellen zu platzieren.

?Es war allerdings schwieriger, Komparsen zu finden. Normalerweise mobilisiert man bei Low-Budget-Produktionen immer seine Freunde, aber das sind natürlich erschwerte Auflagen ? nach dem Motto ?Könnt ihr uns helfen? Ihr müsst euch nackt in die Sauna setzen!? Aber es gibt tatsächlich professionelle Komparsen, die so etwas sehr gerne machen!?

Trotz aller Schwierigkeiten und dem ?Murphy?s Law?, das angesichts der gehandicapten Schauspieler seine Wirkung zeigte, fand ?Im Schwitzkasten? schließlich sein glückliches Ende. Und auch wenn Anne Leppin einen gewissen Berliner Stil in der Art der Entstehung des Projekts erkennt, will moneypenny das Werk keinesfalls als ?Berlin-Film? verstanden wissen.

?Inhaltlich hätte er überall stattfinden können. Aber in der Art, wie Eoin arbeitet, ist er schon Berlin-typisch und passt in die hiesige Filmemacher-Szene. Aber natürlich spielt die Handlung am Prenzlauer Berg und da kommt man um das Hauptstadt-Label in gewisser Weise natürlich auch nicht herum.?

Zumindest bei der Premiere während der Filmfestspiele in Hof gab die Publikumsreaktion auch zu derlei Sorgen keinen Anlass. ?Der Film kam in Hof raus, da ist er total gut angekommen und wir hatten eine tolle Presse. Weil alles ausverkauft war, haben wir sogar Samstag morgens in einem großen Kino noch eine Zusatzvorführung von Festivalchef Heinz Badewitz bekommen. Und da hat dann richtig Partystimmung geherrscht!?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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