Sommer vorm Balkon

Produktionsnotizen

Der Film begann damit, dass Wolfgang Kohlhaase ein Treatment zu X Filme ins Haus brachte, 30 Seiten, SOMMER VORM BALKON. ?Eigentlich verehre ich Kohlhaase schon seit den 80er Jahren?, erzählt Stefan Arndt. ?Als ich damals Mitbetreiber des Westberliner ,Sputnik?-Kinos war, habe ich mich als westdeutscher Fremdling zum ersten Mal mit dem DDR-Film beschäftigt ? ich komme aus Bayern, und für mich war das komplettes filmisches Neuland. Aber eines fiel mir sehr schnell auf: dass der Autor vieler guter DEFA-Filme Wolfgang Kohlhaase hieß.?

Der Regisseur Andreas Dresen wollte ebenfalls schon lange mit Kohlhaase zusammenarbeiten. ?Er ist einer unserer besten Autoren?, konstatiert Dresen, ?eine Legende für mich ? ich bin ja schließlich mit DEFA-Filmen großgeworden.? Im März 2004, unmittelbar nach Ende der Dreharbeiten zu WILLENBROCK, bekam Dresen das Treatment zu SOMMER VORM BALKON ? und war vom leichten und impressionistischen Ton der Geschichte begeistert.

Ihm war klar, dass man einen so spontan und heiter erzählten Stoff nicht auf den langen Weg der klassischen Drehbuchentwicklung schicken dürfe: ?Das verlangte nach einem schnellen, frischen Wurf!? Also traf er sich bereits im April mit Stefan Arndt und schlug ihm vor, den Film noch im Sommer zu drehen ? auf 16 mm, mit Handkamera und kleiner, beweglicher Crew. Der Produzent Peter Rommel, mit dem Dresen bereits bei NACHTGESTALTEN und HALBE TREPPE zusammengearbeitet hatte, sollte auf Wunsch des Regisseurs wieder mit dabei sein: ?Wenn es um rasche, anarchische Produktionen geht, ist er unschlagbar,? beschreibt Dresen die bisherige Zusammenarbeit.

?Das Ganze war ein bisschen wahnsinnig!? Stefan Arndt war einverstanden ? und nachdem spätestens im August gedreht werden sollte, machte er sich mit Peter Rommel in Windeseile an die Kalkulation und Finanzierung des Projektes. ?Es war im Grunde genommen eine Kamikaze-Aktion?, resümiert Rommel. ?Aber die Kombination ,Andreas Dresen und X Filme? hat offenbar überzeugt.? Neben dem RBB als federführender Fernsehanstalt konnten arte und der WDR als Partner gewonnen werden; gefördert wurde das Projekt zudem vom Medienboard Berlin-Brandenburg, der Filmstiftung NRW und der FFA. Der nötige Cashflow kam schließlich von X Filme.

?Das Ganze war ein bisschen wahnsinnig,? gibt der Regisseur rückblickend zu, ?doch plötzlich ging alles irre schnell und unkompliziert ? das Projekt war von Anfang an von einem guten Geist getragen: Jeder hatte Lust darauf und ließ dafür alles andere stehen und liegen.?

?Komödie erfordert Präzision und Technik? Gemeinsam mit Dresen und dessen bewährter Dramaturgin Cooky Ziesche, die ihm unter anderem bereits bei NACHTGESTALTEN, HALBE TREPPE und WILLENBROCK zur Seite stand, machte sich Wolfgang Kohlhaase daran, das Drehbuch voranzutreiben. Aufgrund des knappen Zeitplans verzichtete Dresen auf Casting und Probeaufnahmen (nur nach den Kinderdarstellern wurde gesucht) und vertraute stattdessen Schauspielern, die er schon seit langem schätzte: Mit Inka Friedrich hatte er bereits kurz zuvor bei WILLENBROCK hervorragend zusammengearbeitet.

Zu einem frühen Zeitpunkt kristallisierte sich auch Nadja Uhl, die er schon mehrfach im Potsdamer Hans Otto Theater auf der Bühne gesehen hatte, als Wunschbesetzung für die Rolle der Nike heraus: ?Sie hat die nötige Dünnhäutigkeit und Verletzlichkeit für die Figur der Nike, aber auch das Resolute, das Patente ? und nicht zuletzt die Berliner Schnauze. Für sie war die Rolle eine ganz neue Herausforderung, weil sie noch nie Komödie gespielt hatte. Da hat ihr die Bühnenerfahrung sehr geholfen,? erläutert Dresen, ?denn Komödie erfordert Präzision und Technik ? und die hat sie!?

Für die Figur des Truckers Ronald engagierte Dresen den Berliner Schauspieler Andreas Schmidt, der ihm in den Eoin-Moore-Filmen PLUS MINUS NULL und PIGS WILL FLY schon aufgefallen war. ?Dann habe ich ihn als Dozent bei einem Improvisations-Seminar an der DFFB als unkomplizierten, warmherzigen Menschen kennen gelernt, mit dem ich extrem gut klarkam.?

Christel Peters, die im Film die alte Dame mit dem Akkordeon spielt, dürfte vielen Zuschauern als ?Mutter aller Schnäppchen? aus der ?Media Markt?-Werbung bekannt sein. SOMMER VORM BALKON war bereits ihre vierte Zusammenarbeit mit Dresen ? nach RAUS AUS DER HAUT, NACHTGESTALTEN und DIE POLIZISTIN.

?Das Tolle an Kohlhaases Drehbuch ist, dass es soziale Themen mit Humor und fast beiläufiger Selbstverständlichkeit behandelt?, betont Dresen. ?Diese Tonlage mag ich gern: Ich finde, man sollte stets sozial genau erzählen, gut recherchieren und nichts beschönigen ? die Wirklichkeit mußs sich miterzählen. Und das gelingt Kohlhaase wunderbar.?

Die Inszenierung der sehr präzise geschriebenen Kohlhaase-Dialoge, die eine große Genauigkeit im Tempo erfordern, war für ihn eine der größten Herausforderungen. Allerdings wäre Dresen nicht Dresen, wenn er sich nicht auch an manchen Stellen die Freiheit der Improvisation genommen hätte. ?Ich wollte den Film offen halten und beim Drehen nach rechts und links schauen können?, erläutert er.

?Nach einer reinen Improvisation wie HALBE TREPPE und einem streng inszenierten Film wie WILLENBROCK fand ich es spannend, mit den unterschiedlichen Erfahrungen zu spielen und die beiden Stile zu kombinieren: einerseits die präzise gearbeiteten, lakonischen, mit statischer Kamera eingefangenen Szenen, die an Kaurismäki erinnern, andererseits diese Szenen, in denen die Kamera plötzlich losmarschiert und mitten ins Leben hineinguckt.?

?So etwas kann man sich nicht am Schreibtisch ausdenken? In den improvisierten Sequenzen hat Dresen wie üblich mit Laien gearbeitet: ?Meine Regieassistentin Sabine Weyrich hat bei der Auswahl der Leute ein besonders gutes Händchen ? sie quatscht sie manchmal einfach auf der Straße an und spielt kleine Szenen mit ihnen durch, um ihre Stärken kennen zu lernen. Der schimpfende Pkw-Fahrer beim Auffahrunfall ist zum Beispiel ein Marktschreier, der in Berlin einen Stand hat und über großen Mutterwitz verfügt. Auch der Schuhverkäufer, der das Modell ,Climacool 3? anpreist und von ,Dämpfungselementen im Vorfußbereich? erzählt, spricht seinen eigenen Text ? so etwas kann man sich nicht am Schreibtisch ausdenken. Die Chefin, die Nike wegen ihres Zuspätkommens rügt, ist tatsächlich Chefin einer Sozialstation. Am Anfang des Films erleben wir einen echten Bewerbungstrainer, und auch die Seminarteilnehmer sind Laien.?

Katrins Einlieferung in die Klinik ließ Dresen ebenfalls mit Laien improvisieren: ?Ich wollte die Szene so authentisch und dokumentarisch wie möglich drehen. Also sind wir in eine ganz normale Nachtschicht der Klinik in Weißensee gegangen. Die Ärztin wusste zwar, dass da eine Schauspielerin kommen würde, aber sonst war nichts abgesprochen: Es lief die ganz normale Routine ab, wie bei einer echten Patientin. Die Chefin der Suchtstation war dabei und hat kontrolliert, dass alles medizinisch richtig ist.?

Gedreht wurde an 35 Tagen von Ende August bis Anfang Oktober an Originalschauplätzen am Prenzlauer Berg in Berlin ? laut Dresen ?ohne technischen Zinnober?, also ohne Kran, Schienen oder Ähnliches, und mit einem kleinen Team, das nur aus rund einem Dutzend Leuten bestand: ?Wir waren alle in mehrfacher Funktion unterwegs?, berichtet der Filmemacher.

?Meine Regieassistentin hat zum Beispiel auch die Aufnahmeleitung gemacht. Es gab keine Garderobiere, nur eine Masken- und eine Kostümbildnerin für alle.? Produzent Peter Rommel ergänzt: ?Wir hatten nur einen Beleuchter, Gerd Nonnenmacher, der schon für Ken Loach gearbeitet hat. Bei uns war er gleichzeitig für die Bühne zuständig ? er verfügte über einen Kleinbus, voll mit allen Sachen, die wir brauchten. Darum haben wir ihn wie in den alten DEFA-Filmen ?Komplex-Brigade? genannt.?

Besonders wichtig war es für Dresen, den Film fast vollständig chronologisch drehen zu können: ?Da der Stoff so offen war, wollte ich die Möglichkeit haben, eventuell beim Dreh noch in die Entwicklung einzugreifen?, bekräftigt er.

?Dadurch mußsten wir zwar ständig umziehen und uns wieder neu einrichten ? von der ersten in die zweite Wohnung, von dort in die Kneipe, auf die Straße und dann wieder zurück. Aber man hat einen viel besseren Überblick: Die Anschlüsse stimmen; man kann nach den ersten Mustern gucken, wie sich das entwickelt, und die Schauspieler bekommen ein wunderbares Gefühl für die Figuren. Das ist unbezahlbar.?

Die passende Filmmusik fand Andreas Dresen, wie so oft, intuitiv im Schneideraum. ?Ich nehme gern alle möglichen CDs mit in den Schnitt, um verschiedene Sachen auszuprobieren und einen bestimmten Ton zu finden?, erzählt er.

?Darunter war diesmal auch eine CD von Pascal Comelade ? ein Franzose, der in Frankreich und Spanien ein großer Star ist, mit PJ Harvey zusammengearbeitet und zu einigen Filmen die Musik geschrieben hat. Ich mochte die CD mit ihren einfachen, von Kinderinstrumenten, Glockenspiel und Harmonika gespielten Melodien sehr gern. Als ich sie dann zu den Bildern laufen ließ, merkte ich sofort, wie gut das passte: Das hatte einen naiven, poetischen Ton, Weite und Skurrililität. Auch Peter Rommel und unserem Schnittmeister Jörg Hauschild ging sofort das Herz auf. Ich traf Pascal Comelade dann in Barcelona und zeigte ihm 45 Minuten Rohschnitt. Er fand ebenfalls, dass das prima funktioniert ? und gab mir die Erlaubnis, alle seine CDs verwenden zu dürfen.?

Auf ähnliche Weise kamen die Schlager in den Film: ?Als wir für die Szene, in der Nike in der Kneipe Ronald anmacht, eine Hintergrundmusik suchten, kamen wir irgendwann auf ,Er gehört zu mir? von Marianne Rosenberg ? und plötzlich gab es eine hübsche kleine Korrespondenz zwischen Handlung und Musik. Ich nahm Schlager-CDs mit zum Schnitt, dann kam die Szene mit Nike und Ronald am nächsten Morgen; ich dachte, vielleicht hören die beiden ja Radio, und ließ zum Spaß mal Nana Mouskouris ,Guten Morgen, Sonnenschein? mitlaufen.

Es war eine Offenbarung: Der Text, der leichte Groove, die Ukulele, die glockenhelle Stimme ? das brachte eine ganz feine, bezaubernde Ironie ins Spiel. Von da an begannen wir, in allen möglichen Szenen mit verschiedenen Schlagern zu spielen, bis wir jeweils den richtigen hatten ? von ,Immer wieder sonntags? von Cindy & Bert bis hin zu ,Ich liebe das Leben? von Vicky Leandros.?

?Der Film ist zu mir gekommen wie ein großes Geschenk? Produzent Peter Rommel ist überzeugt, dass sich die Zuschauer in den Filmfiguren wiederfinden werden: ?Die Suche nach dem kleinen Glück, nach dem richtigen Partner ? damit kann man sich auf der ganzen Welt identifizieren.? Auch sein Kollege Stefan Arndt ist von dem Resultat so begeistert, dass er spontan nur noch einen Wunsch hat: ?Wolfgang Kohlhaase möge bitte noch fleißiger werden und ganz schnell viele Drehbücher schreiben!? Den Hinweis, dass der Autor nicht mehr so ganz jung sei, mag Arndt nicht gelten lassen: ?Auch Männern im Alter kann ab und zu ein kleiner Tritt nicht schaden!?

?Bei anderen Filmen mußs man jahrelang um alles Mögliche kämpfen, doch hier hat alles vom ersten Tag an wunderbar funktioniert,? fasst Andreas Dresen seine Erfahrungen mit SOMMER VORM BALKON zusammen, ?von der Finanzierung über die Traum-Besetzung bis hin zu den Filmmusik-Rechten lief alles mit der größten Selbstverständlichkeit ab, als hätte es genau so sein müssen. Der Film ist zu mir gekommen wie ein großes Geschenk.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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