Das geheime Leben der Worte

Ausführlicher Inhalt

Hanna (Sarah Polley) redet nur selten. Manchmal ruft sie Inge, ihre Therapeutin (Julie Christie) an. Doch auch dann bleibt sie stumm. Sie lauscht. Inge spricht. Dann legt Hanna wieder auf. Inge schreibt ihr Briefe. Hanna sammelt sie ? ungelesen, ungeöffnet. Als Hanna nach ihrem Schichtdienst in der Fabrik ins Büro des Chefs gerufen wird, dringt das gar nicht zu ihr durch. Ein Kollege mußs sie aufmerksam machen. Also schaltet Hanna ihr Hörgerät ein, und lässt die Umwelt näher heran.

Wie sich herausstellt, kommt dabei für sie wieder einmal nichts Gutes heraus. Man hat sich über sie beschwert. Nein, sie werde nicht gefeuert, versichert ihr Chef. Die Firma sei mit ihr sehr zufrieden. Sie würde ihre Arbeit immer gründlich erledigen. Aber sie müsse Urlaub machen. Noch nie hat sie frei genommen, noch nie war sie krank gewesen. Ferien? Urlaub in der Karibik schwärmt ihr Vorgesetzter. Hanna ist verstört. Ferien sind schließlich so etwas wie Entlassung auf Zeit, Entzug der Arbeit, Entzug des immer gleich ablaufenden Alltags, der ihr Schutz und Halt gibt.

Notgedrungen macht Hanna sich auf den Weg. Im Bus nach Irland. Ein grauer Himmel ist allemal besser als Sonne, Palmen und Swimming Pool. Zum Schutz gegen die Mitreisenden hat sie sich mit Handarbeitszeug versorgt. Das Stickzeug fliegt in den Müll sobald sie den Reisebus verlassen hat. Auch diese Beschäftigung diente nur dem unauffälligen Rückzug.

Lange dauern Hannas Ferien nicht. In einem Restaurant hört sie, wie ein Gast am Nebentisch von einem Unfall auf einer Ölbohrinsel berichtet. Der Mann ist auf der Suche nach einer Krankenschwester. Früher hatte Hanna als Krankenschwester gearbeitet. Also ist das hier ihre Chance, ein Ausweg aus der unberechenbaren Freizeittortur. Sie will den Job. Und so landet sie wenig später auf der Insel aus Stahl.

In der Einsamkeit der stillgelegten Bohrinsel mitten im Meer, leben nur noch ein paar Männer, die sich, jeder auf seine Art, die Zeit vertreiben. Simon (Javier Cámara), der Koch der Truppe, bringt sich mit Schlagern aus anderen Ländern in Stimmung, deren Delikatessen er gerade zubereitet. dass seine Kreationen hier nicht auf allgemeine Begeisterung stoßen, mindert seinen kreativen Schaffensdrang nicht. Dann ist da noch Martin (Daniel Mays), der Meeresbiologe, der Anzahl und Kraft der Wellen zählt, die auf die Stahlinsel treffen.

Bei seinen Sportübungen leistet ihm Lisa, die gezähmte Gans, Gesellschaft. Dann lebt hier auch noch Dimitri (Sverre Anker Ousdal), der mit sanfter Zurückhaltung die Geschäfte lenkt. In einem abgedunkelten Raum liegt der schwer verletzte und vorübergehend erblindete Josef (Tim Robbins) - von Schmerzen gequält. Er hat sich bei dem Versuch einen Kollegen aus den Flammen einer Explosion zu retten, schwere Verbrennungen zugezogen. Für ihn ist Hanna hier.

Eine telefonische Nachricht, die eine Frau auf Josefs Mailbox hinterlassen hat, und die Hanna heimlich abhört, ist ihre erste Begegnung mit dem schwer Verwundeten: ?Josef. Ich bin?s. Ich lese gerade die "Briefe einer portugiesischen Nonne". Schon wieder. Ich weiß, es ist albern. Aber wenn ich das Buch lese, hab ich das Gefühl, ich rede mit dir. Dann bin ich dir nah. Und immer, wenn ich dir nah bin, fühl ich mich nicht mehr schuldig. Vielleicht weil ich, bevor ich ins Bett gehe, deine Nachricht anhöre, in der du sagst, wie sehr du deine Sehnsucht nach mir genießt. Ich liebe dich, Josef. Wie die portugiesische Nonne. Nur noch viel mehr! Bitte, ruf mich an.?

Die Frauenstimme auf dem Anrufbeantworter spricht von Liebe und von der Gemeinsamkeit stiftenden Erfahrung der Wörter, von den geschriebenen (?Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne? von Maria Alcoforado) und von den gesprochenen Wörtern. Die schweigsame Hanna, die jede Kommunikation auf das Nötigste reduziert, hört sich diese Aufzeichnung immer wieder an, gerade so, als finde sie darin das verlorene ?Geheimnis der Wörter? wieder. Auf jeden Fall erfährt sie hier ein Geheimnis ihres Patienten, eine ungewollte erste Annäherung.

?Mein ganzer Körper juckt. Heißt das, dass ich noch lebe?? scherzt Josef. Er wehrt sich mit sanftem Humor gegen seine Qualen. Seine Erblindung hat ihn von der Welt getrennt. Durch Reden versucht er den Graben zu überbrücken. Hanna macht es ihm nicht leicht. Ihre Überlebensstrategie baut auf die Undurchlässigkeit der Grenzen, die sie um sich gezogen hat. Was sie nicht erreicht, das kann sie auch nicht verletzten, egal ob das Blicke oder Beziehungen, Schlemmereien oder Wörter sind.

Josef plaudert. Wie ihr Name sei, möchte er wissen. Keine Antwort. Er nennt sie Cora. Eine Art Arbeitshypothese, die die Annäherung erleichtern könnte. Bist du eine Nonne? Wovon träumst du? Josef fragt und erzählt. So gelingt es ihm sie zu einem Lächeln zu verführen ? und zu kleinen Antworten. Während Hanna ihn mit seinem Lieblingsnachtisch füttert, versucht er etwas über ihre kulinarischen Vorlieben zu erfahren. Hanna probiert heimlich von dem Essen, das Josef so gelobt hat. Es schmeckt ihr. Auch über den Geschmackssinn kann man sich näher kommen, den anderen verstehen.

Eines Tages verrät Josef Hanna, dass er nicht schwimmen kann. Er, der einen Arbeitsplatz mitten im Meer gewählt hat, fürchtet sich vorm Wasser. Schon als kleiner Junge. Josef erzählt der Frau, die sich um seine offenen Wunden kümmert, von den viel schlimmeren, unsichtbaren Verletzungen, von den Narben der Lieblosigkeit. Auf einer Bootsfahrt nämlich hatte sein Vater den verängstigten Jungen ins Meer geworfen, weil der sich einfach nicht amüsieren konnte, wie er sollte.

Schließlich wagt auch Hanna den schmerzhaften letzten Schritt - doch, es ist eher ein Ausbruch, ein Zusammenbruch jener Mauern hinter denen sie ihr Leid vor der Welt verborgen hat, und die sie zugleich von der Welt getrennt haben. Hanna spricht zu Josef über das Erlebnis, das ihr Leben zerstört hat. Und sie zeigt ihm ihre Narben.

Da sich Josefs gesundheitlicher Zustand nicht verbessert, das Fieber nicht sinkt, erwirkt Hanna, dass er in ein Krankenhaus überführt wird. Mit dem Helikopter verlassen sie gemeinsam die Bohrinsel und Hanna hält während des gesamten Fluges seine Hand. Doch unmittelbar nach der Landung verlässt Hanna ihren Patienten. Sie geht einfach fort. Josef ruft nach ihr. Sie schweigt. Sie verschwindet.

Bald wird Josef aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Wunden sind gut verheilt und er hat auch sein Augenlicht wieder erlangt. Aber Hanna konnte er in der Zwischenzeit nicht vergessen. Ein Rucksack mit Briefen, die sie bei ihm gelassen hat, führt ihn zu Inge. Von der Therapeutin, die die junge Frau einst betreut hat, erfährt er mehr über die furchtbaren Dinge, die Hanna erlebte. Inge rät ihm Hanna zu vergessen. Doch das kann er nicht. Vor der Fabrik, in der sie arbeitet, wartet Josef auf Hanna.

Als sie nach Dienstschluss das Fabrikgelände verlässt und ihn da stehen sieht, will sie einfach weitergehen. Aber Josef erkennt Hanna sofort und hält sie auf: ?Ich dachte, du und ich, wir könnten vielleicht zusammen weggehen, stottert Josef. Komm mit mir Hanna!? ?Nein, ich glaube, das wird nicht gehen.? ?Warum nicht? ?Ich fürchte, dass, wenn wir gemeinsam irgendwo hingehen, könnte ich eines Tages anfangen zu weinen. Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber eines Tages könnte ich plötzlich anfangen ? und nicht mehr aufhören damit. Dann würden die Tränen den Raum füllen, und ich würde dich mit mir hinabziehen, und wir beide würden ertrinken.? ?Ich werde schwimmen lernen, Hanna. Ich schwör?s. Ich lerne schwimmen.?

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Dirk Jasper FilmLexikon

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