Running Scared - Renn oder stirb

Produktionsnotizen

Nach dem Erfolg ihres Films THE COOLER (?The Cooler?, 2003) beschlossen Regisseur Wayne Kramer und sein Produzent Michael Pierce, auch bei ihrem nächsten Film, RUNNING SCARED, wieder außerhalb des Studiosystems zu arbeiten. Deshalb wandten sie sich mit dem Drehbuch an die unabhängige operierende Produktionsfirma Media 8 Entertainment. Sammy Lee von Media 8 war erkannte sofort, dass RUNNING SCARED das Zeug dazu hatte, ein überaus dynamischer Actionthriller zu werden.

?Ich hatte THE COOLER gesehen und wusste deshalb, dass Wayne es drauf hatte, aus dem Stoff einen Film mit einem wunderbaren visuellen Stil und ausgezeichneten Darstellerleistungen zu machen?, merkt Lee an. ?Das Drehbuch versprach eine ähnlich aufregende Mischung aus packendem Charakter-Drama und atemberaubender Action. Wir wussten, dass es ein Film wäre, der perfekt zu uns passt.?

Mit eigenen Finanzressourcen gelang es Media 8 sehr schnell, der Produktion grünes Licht zu geben und dabei selbst für die Herstellungskosten aufzukommen ? Media 8 ist auch verantwortlich für sämtliche Auslandsverkäufe des Films. Durch die Arbeit mit Media 8 war es Kramer möglich, ungewöhnlich schnell mit der Produktion zu beginnen: Die erste Klappe fiel gerade einmal sechs Monate, nachdem Media 8 das Drehbuch zum Lesen zugeschickt bekommen hatte.

Schon bei der Vorproduktion folgte die Produktionsfirma ihrer bevorzugten Philosophie, dem Filmemacher zu vertrauen: Die Vision von Regisseur Kramer wurde von Anfang an unterstützt ? zum Beispiel nickte man seine Entscheidung ab, die zu diesem Zeitpunkt noch relativ unbekannte Vera Famiga in der weiblichen Hauptrolle der Tessa zu besetzen ? nach RUNNING SCARED stand sie für Martin Scorsese und Anthony Minghella vor der Kamera.

Sammy Lee von Media 8 sagt: ?Unsere unabhängige Position erlaubt es uns, Risiken einzugehen, auf die sich die meisten Studios vermutlich nicht einlassen würden. Aber wenn wir mit einem Regisseur wie Wayne arbeiten, dann machen wir alles, was in unserer Macht steht, um seine kreative Freiheit und seine Vision zu unterstützen.?

Für RUNNING SCARED versammelte Kramer erneut einen Großteil der Crewmitglieder, die bereits dazu beigetragen hatten, aus THE COOLER ein einzigartiges Projekt zu machen. Kameramann James Whitaker, Kostümdesignerin Kristin Burke, Schnittmeister Arthur Coburn und Szenenbildner Toby Corbett gehörten zu der Gruppe, die zusammenfand, um erneut Kramers Vision vom Drehbuch auf die Leinwand zu übersetzen.

Mit legendären unangepassten Regisseuren wie Sam Peckinpah, Don Siegel, Michael Mann oder Walter Hill nennen Kramer und sein Kameramann Jim Whitaker identische filmische Einflüsse. Außerdem schätzen beide die erwachsenen Thriller der 70er Jahre über alles, was es ihnen erlaubt hatte, bereits beim Dreh von THE COOLER bei der visuellen Umsetzung ein beinahe blindes Verständnis füreinander entwickeln. Produzent Michael A. Pierce schreibt Whitaker eine ?unglaubliche Vision? zu und fügt hinzu: ?Er versteht sich perfekt mit Wayne Kramer. Die beiden ergänzen sich einfach hervorragend.?

Für RUNNING SCARED entwarf Whitaker nach den Worten von Kramer ?einen sehr coolen, zutiefst nächtlichen Halbwelt-Look?. Kramer beschreibt die körnige und unmittelbare, aber auch sehr modern farbentsättitge Palette des Films als ?definiert von kobaltblauen, kühlen Nachtfarben, die von einem Hauch von Bernsteinfärbung akzentuiert werden?. Whitaker sieht das so: ?Die zerschrammte Palette gibt den zerschrammten, niedergeschmetterten Zustand der Figuren perfekt wider.? Kramer erklärt: ?Jim weiß genau, welcher Ausleuchtungsstil mir gefällt, auf welche Stimmungen ich anspreche ? es sind die gleichen Stimmungen und der gleiche Stil, den er selbst liebt.?

Als Autor und Regisseur kennt niemand die Figuren des Films besser als Wayne Kramer. Dennoch fertigt er von eigentlich jeder Einstellung des Films auch Storyboards an. Entsprechend ist jede Steadicamfahrt und Bewegung des Kamerakrans bis ins letzte Detail vorgeplant. Etwa 70 Prozent der Aufnahmen des Films wurden mit einer Steadicam gemacht, und es gab etwa 40 sehr komplexe Einstellungen, bei denen der Kamerakran zum Einsatz kam. Zusammen mit der stimmungsvollen Ausleuchtung trägt die clevere, stets bewegliche Kameraarbeit und Manipulation des Mediums ? z. B. per Hand gekurbelte Kamera, Destabilisierung der Bilder und ständiger Wechsel der Filmgeschwindigkeit ? beträchtlich zu dem angestrebten nervösen, bedrohlichen Ambiente des Films bei. Speziell die mit der Hand gekurbelte Kamera verstärkt nach Aussage von Whitaker das hyper-überdrehte und angespannte Feeling des Films.

Seit Jahren verschlägt es amerikanische Filmemacher in die Tschechische Republik, um dort Fantasyfilme oder historische Stoffe zu drehen. RUNNING SCARED ist die erste amerikanische Produktion, die das Prag der Alten Welt in eine moderne Untere-Mittelklasse-Vorstadt von New Jersey verwandelt. Dies war eine Herausforderung für Szenenbildner Toby Corbett, der Wayne Kramer ebenfalls schon von THE COOLER her kannte.

Die Produktion beschloss, die Innendrehs in den Prager Letnany Studios zu verlegen und die Mehrzahl der Außendrehs, Schwenks über die Silhouette der Stadt oder Sequenzen, in denen durch die Stadt gefahren wird, in New Jersey selbst abzuwickeln. Produzent Pierce ist begeistert: ?Ich bin mir sicher, dass die meisten Zuschauer niemals merken werden, dass wir sie getäuscht haben. Toby hat das Unmögliche wahr gemacht ? etwas, was noch keiner geschafft hat: Prag mußste noch nie für New Jersey herhalten. Seine Bauten und sein untrügliches Gespür für Details sind bemerkenswert.?

Die zahlreichen Aufnahmen mit dem Kamerakran, auch bei den Innensets, und der massive Einsatz der Steadicam machten auch die Arbeit des Ausstatters komplizierter. So mußste er sich nicht nur der beachtlichen Herausforderung stellen, das barocke Prag wie New Jersey aussehen zu lassen. Er mußste auch sicherstellen, dass die Sets anpassungsfähig und groß genug waren, damit alle gewünschten Kamerabewegungen möglich sein würden: ?Das war ein interessanter Aspekt meiner Zusammenarbeit mit dem Kameramann. Gemeinsam legten wir die Ausmaße der Sets fest und diskutierten, wie man sie den Anforderungen der Kameracrew anpassen konnte.?

Corbetts ambitioniertestes Set war das Innere eines Diner-Restaurants in Arlington im Stil der 50er Jahre, das tatsächlich der leicht modifizierte Nachbau eines real existierenden Schnellimbisses in New Jersey war. Das rund um die Uhr geöffnete Diner ist im Verlauf des Films immer wieder eine zentrale Anlaufstelle. Corbett erinnert sich: ?Es war eine fabelhafte Kulisse. Alle hielten sich gerne dort auf, weil es sich anfühlte, als wäre man tatsächlich in den Vereinigten Staaten.? So authentisch war das Arlington-Set, dass der aus New Jersey stammende Schauspieler Jim Tooey, der Perellos Handlanger Tony spielt, beim ersten Betreten besagter Kulisse ausrief: ?Hey, das ist ja genauso wie daheim. In diesem Laden gehe ich jeden Sonntagmorgen frühstücken.?

Corbett überlegt: ?Das war das beste Kompliment, das einem ein Schauspieler überhaupt machen kann. Einerseits ist es einem als Szenenbildner wichtig, dass die Sets einen richtig tollen Look haben. Gleichzeitig will man aber auch, dass sie eine Realität ausstrahlen, die eine Wirkung bei den Schauspielern erzielt: Sie sollen sich so fühlen, als befänden sie sich mitten in der Welt, in der die jeweilige Szene spielt.?

Für das Haus der Gazelles und das Zuhause der nebenan wohnenden Yugorskys wählte Corbett zwei benachbarte Anwesen in New Jersey, die er in der Studiohalle in Prag noch einmal aufbaute. Gezielt betonte er die krass unterschiedlichen Stile der Inneneinrichtungen, um den Kontrast zwischen dem relativ glücklichen Familienleben der Gazelles und der tristen Existenz der russischen Immigrantenfamilie herauszuarbeiten.

Corbett erinnert sich: ?Wo ich Sets so bauen konnte, dass sie aneinandergrenzen, haben wir ein paar tolle Sachen mit der Kamera gemacht. So konnten wir bei der Kulisse mit den beiden Häusern mit dem Kran aus einem Haus durch das Fenster fahren und in das andere Haus hineinschwenken. Die Aussicht auf solche Fahrten machte die Entwicklung der Sets zu einer ausgesprochen faszinierenden Arbeit.?

Vera Farmiga, die als Teresa Gazelle zu sehen ist, erklärt, wie sich die Dynamik zwischen den beiden Familien einfach nur anhand der Designs von Corbett ablesen lässt: ?Oleg sehnt sich nach Eltern, die einander lieben ? aber so etwas hat er nicht. Die Haushalte der Yugorskys und der Gazelles befinden sich jeweils am entgegen gesetzten Ende des visuellen Spektrums: Olegs Haus ist eine recht triste, dunkle Angelegenheit, während das Haus der Gazelles hell ist und von Gelbtönen dominiert wird. Die Dynamik zwischen den beiden Familien wird damit recht klar deutlich gemacht. In unserer Familie steht auch nicht alles zum Besten, aber wir sind dennoch deutlich glücklicher.?

Obwohl sich Corbetts Arbeit vor allem auf die Innensets konzentrierte, mußste er auch bei den Außensets eingreifen und die Fassaden einer Reihe der Prag-Locations den Bedürfnissen der Produktion entsprechend anpassen. Beispielsweise verwandelte er das Äußere der Bushaltestelle Florenc in einen Busbahnhof in New Jersey, indem er die Schilder austauschte und die Fassade bearbeitete. Einer Straßenbahnlinie verpasste er ein authentisches Ostküsten-Feeling, indem er die Züge mit Graffiti überzog. Dafür engagierte er einen örtlichen Graffiti-Künstler, der sich überaus beglückt davon zeigte, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, ohne bei offiziellen Behörden anzuecken.

Ein bewusst moderner Ansatz zeichnet auch das Kostümdesign von Kristen Burke aus. Sie erinnert sich, dass Wayne Kramer auf gar keinen Fall wollte, dass die Kostüme wie aus ?Die Sopranos? aussehen. Er sagte: ?Das soll zeitgemäßer aussehen. Im Fall von Joey und Sal Franzone und Tommy Perello will ich, dass man den Einfluss von Hip-Hop spürt.?

Burkes Entwürfe trugen auch zum märchenhaften Charakter einiger Figuren bei, wie sie aus den Augen des jungen Oleg gesehen werden. Sie erklärt: ?Wayne und ich stimmten überein, dass es sich um das Albtraum-Märchen eines Kindes handelt. Dementsprechend mußste ich die Realität der Kostüme ein wenig übersteigern.? Als Beispiel nennt Burke den ?Geisterbahn-Aspekt? der Farben, die sich in der Garderobe und dem Zuhause von Olegs Entführern Des und Adele wieder finden.

Mit Joel Kramer kam ein erfahrener Stuntkoordinator und Second-Unit-Regisseur an Bord, der nicht nur die Schießereien, Kampfsequenzen und Autoverfolgungsjagden zu überwachen und umzusetzen hatte, sondern auch die Sicherheit der jungen Schauspieler Alec Neuberger und Cameron Bright, die als Nicky und Oleg zu sehen sind, gewährleisten sollte, indem er sie in den Grundzügen des Eishockey-Spiels und des Umgangs mit Feuerwaffen unterwies.

?Joel Kramer war überall schon mit dabei, bei sehr großen, komplizierten Filmen, bei denen Geld keine Rolle spielt, wie auch bei kleinen Independentproduktionen. Man mußs sich nur zehn Minuten mit ihm unterhalten, um zu erkennen, dass er ein Vollprofi ist. Ihm fallen für jedes Problem immer auf Anhieb zehn Lösungen ein?, lobt der ausführende Produzent Andrew Pfeffer.

Joel Kramer wiederum nennt Wayne Kramers ausführliche Storyboards als große Hilfe, immer das umsetzen zu können, was dem Regisseur vorschwebte: ?Wayne hat seine Hausaufgaben wirklich gemacht. Für alles gab es Storyboards. Und wenn ich alles sage, dann meine ich alles. Für jede Sequenz. Er weiß, was er will, und er weicht nur ungern von seinem Konzept ab.?

Die Figur von Paul Walker befindet sich eigentlich den kompletten Film über auf der Flucht und sieht sich unentwegt in tödliche Konfrontationen verwickelt. Für einen weniger athletischen Schauspieler hätte sich der Film also körperlich durchaus zur Herausforderung entwickeln können. Für Walker nicht. Nicht von ungefähr lobt Kramer das angeborene Gespür des Schauspielers für Stuntarbeiten: ?Paul ist ein Athlet. Und er hat die Begabung, die Todesverachtung und die mentale Stärke, um die meiste Action selbst durchzuziehen. Mit Paul ist das eine simple Angelegenheit ? er ist ein Surfer und bewegt sich geschmeidig wie eine Katze.?

Zwei der brutalsten und realistischsten Szenen des Films, die sich auch bei der Vorbereitung und Abwicklung als die arbeitsintensivsten und kompliziertesten des Films erwiesen, waren die Schießerei im Hotelzimmer bei der Eröffnungssequenz und der Showdown am Schluss des Films zwischen Joey und den Klans der Perellos und Yugorskys im Eisstadion. Chazz Palminteri erinnert sich: ?Es dauerte ein paar Tage, bis wir die Schießerei am Anfang im Kasten hatten. Dafür ist es auch ein Wahnsinnsauftakt für den Film. Viel Blut, aber ganz wunderbare, großartige Bilder. Also nicht nur Blut, um die Szene blutig zu gestalten. Waynes Einstellungen sind immer ungeheuer filmisch und gefühlvoll. Ich denke, dass das Publikum überrascht davon sein wird.?

Produzent Pierce verteidigt Kramers ungeschminkte Version von Filmgewalt in diesen Szenen: ?Es ist eine finstere Geschichte, aber Wayne verfügt über das geniale Talent, sich immer wieder mit leichten Momenten darüber hinweg zu setzen. Und dann strotzt die Geschichte vor soviel Herz und Emotion, dass der Gewalt und Härte jederzeit ein Gegengewicht entgegen gesetzt wird.?

Kramer hat sich schon immer für unterschiedliche Formen des organisierten Verbrechens interessiert. Für RUNNING SCARED recherchierte er für die Szenen mit den Yugorskys dennoch ausführlich und machte sich über die Russenmafia schlau. Er sagt: ?Auch wenn es in diesem Film zu einer Auseinandersetzung zwischen der Russenmafia und dem italienischen Mob kommt, gefallen mir ganz einfach Filme über Menschen, die ihr Leben nach eigenen Verhaltensweisen führen und sich außerhalb der Regeln der Gesellschaft stellen, auch wenn sie dann den Preis dafür bezahlen müssen.?

Über den Film Als Nachfolger für seinen Überraschungshit THE COOLER hat Regisseur Wayne Kramer einen rasanten, abgebrühten Thriller im Stil der 70er Jahre, aber mit ein paar modernen Überraschungen gewählt: ?Dies ist das komplizierteste Drehbuch, das ich bisher geschrieben habe ? und keines liebe ich mehr als dieses. Ich glaube, dass es heutzutage nicht allzu viele Leute gibt, die derartige Filme machen.?

Sammy Lee von Media 8 stimmt zu: ?Der Film ist ein absolut unnachgiebiger Nonstop-Ritt. Die Action ist so hart und realistisch, dass das Publikum auf einer ganz körperlichen Ebene auf den Film ansprechen wird. RUNNING SCARED hat den Stil und die Eleganz eines Big-Budget-Actionfilms, und doch bewahrt er sich den kantigen, kompromisslosen Ton einer Independent-Produktion.? Kramers Produzentenpartner Michael Pierce bewertet das vielschichtige Drehbuch mit demselben Enthusiasmus: ?Für diesen Film habe ich immer eine große Leidenschaft gehabt. Dies ist von den vielen großartigen Drehbüchern von Wayne mein allerliebstes.? Er beschreibt die Geschichte als ?so fein gewoben, dass man sie mit einem Kartenhaus vergleichen kann?.

?Ich wollte etwas machen, das dem Publikum über weite Strecken des Films als absolut doppeldeutig erscheinen sollte. Da geht es um einen Typen, der einem Jungen hinterher jagt ? wenn er diesen Jungen und diese Knarre nicht finden kann, ist sein ganzes Leben im Eimer. Wir sind uns also nie ganz bewusst darüber, was seine wahren Absichten sind?, sagt Kramer über die Figur des Joey Gazelle.

Die Darstellung dieser Figur markiert für Paul Walker einen der ersten Ausflüge in die Welt des erwachsenen Films. Pfeffer erinnert sich: ?Wayne wollte einen jungen und angesagten Schauspieler, denn die Mafia von heute hat nichts mit den archetypischen Gangstern zu tun, wie wir sie uns vorstellen. Wayne wollte den Film sehr modern aussehen lassen, auf der Höhe seiner Zeit. Und das war es auch, was Paul anlockte.?

Walker merkt an: ?Als ich das Drehbuch las, dachte ich mir, dass das ja wohl die coolste Sache ist, die ich in den sechs oder sieben Jahren, die ich als Schauspieler arbeite, zu lesen bekommen habe.? Er war heiß darauf, erstmals eine eher zweifelhafte Figur spielen zu können. ?Das sind meine absoluten Lieblingstypen im Kino?, begeistert er sich. ?Ich liebe die guten bösen Figuren. Das ist das Hier und Jetzt, finde ich. Die klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt es nicht mehr.?

?In den Momenten, in denen Paul als Joey dessen absolut unkontrollierbare Wut zu Tage befördert, wie man das von ihm noch nie gesehen hat, ist er wirklich Furcht erregend. Er ist nicht der goldige Junge, als den man ihn sonst kennt. Und das war ziemlich aufregend?, erzählt Vera Farmiga. Oleg stammt wie Joey aus einer hochgradig disfunktionalen Familie, in der Gewalt an der Tagesordnung ist.

Entsprechend sieht Wayne Kramer Parallelen zwischen den Wegen, den die beiden Figuren im Verlauf des Films zurücklegen: ?In gewisser Weise könnte man Oleg als Pinocchio-Figur beschreiben. Er hält sich nicht für einen richtigen Jungen. Er hat keine liebende Familie. Er will Mitglied bei einer anderen Familie werden. Er befindet sich auf einer Reise, auf der sich seine Wünsche erfüllen sollen. Weil der von Paul Walker gespielte Joey den Jungen verfolgt, begibt sich auch diese Figur auf eine Reise. Und diese löst Erinnerungen an seine Vergangenheit aus, weil er als Kind ebenfalls misshandelt wurde. Da spielt sich also auf mehreren Ebenen einiges ab.?

Weil er sich nicht sicher ist, ob Joey ihn verfolgt, um ihn zu beschützen oder für immer zum Schweigen zu bringen, führt die Flucht des kleinen Oleg zu einer Reihe von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Figuren, die am untersten Ende der gesellschaftlichen Ordnung vor sich hin dümpeln und jeweils eigene und nicht immer offensichtlich durchschaubare Interessen verfolgen. Dazu gehören die Prostituierte Divina (Idalis De Leon), ein obdachloser Crackabhängiger, der rachsüchtige Zuhälter Lester (David Wachowsky) sowie die Entführer Dez (Bruce Altman) und Edele (Elizabeth Mitchell).

Weil man diese Figuren durch die Augen eines Kindes kennen lernt, hat Kramer sie mit übertriebenen, beinahe märchenhaften Proportionen und Charaktereigenschaften gezeichnet. Er vergleicht Olegs turbulente Reise durch die Nacht als ?märchenartige Metapher eines Kindes, das in einem Kaninchenloch verschwindet und in eine andere Welt eintaucht, wo es allerhand Bösewichte gibt, wie man sie aus Märchen kennt?. Selbst der Name der Stadt ? Grimley ? ist ein Verweis auf die Märchen der Gebrüder Grimm.

Joeys Ehefrau Teresa wird ebenfalls in die verzweifelte Hetzjagd auf Oleg involviert. Bisher wollte sie absichtlich nicht so genau wissen, was ihr Mann mit der Mafia zu tun hat. Aber im Verlauf der Horrornacht beginnt auch sie sich zu fragen, was Joey wirklich mit Oleg im Sinn hat, wenn er zu immer drastischeren Maßnahmen greift, um den Jungen und die Pistole aufzufinden.

Nachdem sie Vera Farmiga in Sundance in DOWN TO THE BONE (2004) gesehen hatten, wo sie einen Preis als Beste Schauspielerin gewann, besetzten die Filmemacher die aufstrebende Schauspielerin als Joeys Ehefrau Teresa, die dem Film das nötige moralische Gewicht verleiht. Pierce sagt: ?Sie hat jahrelang hart an ihrem Handwerk gefeilt. Sie wird die Leute einfach nur umhauen.?

Walker stimmt dem Produzenten zu: ?Vera hat?s drauf. Wenn man mit Kollegen wie sie spielt, dann mußs man sich richtig reinhängen. Sie kommt an den Set, tritt vor die Kamera und weiß ganz genau, wo sie hinmußs und wo sie hingeht.? Farmiga beschreibt die Arbeit mit Regisseur Wayne Kramer als ?Riesenspaß?. Sie erklärt: ?Er hat keine Angst vor seinem Erfindungsreichtum. Er zieht nicht vor den Sachen zurück, die anderen Menschen unangenehm sein könnten, er vertraut auf seine Grundsätze, seine Philosophien, seine Prinzipien als Filmemacher. Und er hat auch keine Angst davor, am Set eine gute Zeit zu haben. Und wir hatten eine gute Zeit am Set.?

Kramer und Farmiga unterhielten sich darüber, dass die von ihr gespielte Teresa das moralische Zentrum des Films bildet. Sie sagt: ?Das gefiel mir an ihr, ich fühlte mich angezogen von ihrer Tugendhaftigkeit. Mir gefällt, dass sie alle Menschen in ihr Herz schließt. Ihr ist absolut bewusst, dass es da eine finstere, etwas wacklige Seite im Leben ihres Mannes gibt, von der sie nichts weiß. Das ist ein Fragezeichen in ihrem Leben. Trotzdem liebt sie ihn von ganzem Herzen und glaubt an seine Güte.?

Als regelrechte Besetzungscoups sieht die Produktion auch an, den Newcomer Alec Neuberger als Nicky Gazelle und den trotz seiner Jugend bereits immens erfahrenen Cameron Bright als Oleg Yugorsky gewonnen zu haben. Produzent Pierce erinnert sich: ?Alec wurde aus mehr als 700 hoffnungsfrohen Jungschauspielern ausgewählt. Es war wirklich schwierig, Jungs für diese Art von Rolle zu finden. Es ist eine große Herausforderung, aber Alec hat sie gemeistert.?

Farmiga meint: ?Die Geschichte wird aus ihren Augen erzählt. Nicky und Oleg stellen Herz und Seele dieser Geschichte dar.? Sie fügt hinzu: ?Ich hatte eine tolle Zeit mit den beiden Jungs ? wir waren eine liebende, disfunktionale Familie, vor der Kamera und hinter der Kamera.? Palminteri, der als Detective Rydell zu sehen ist, hält den aufstrebenden Jungstar Cameron Bright für ein Naturtalent: ?Er gehört zu diesen unglaublichen Kids, die das gewisse Etwas haben. Das kommt nicht oft vor. Er mußs das Schauspiel nicht Jahre studiert haben, es wurde ihm in die Wiege gelegt.?

Palminteri, der selbst Erfahrung als Drehbuchautor und Regisseur hat, war ausgesprochen angetan vom Regiestil von Wayne Kramer: ?Ich bewundere an Wayne, das wirklich jede letzte Szene auf Storyboards festgehalten ist und er eine ganz bestimmte Vision hat, was er auf Film festhalten will. Man mußs ihm einfach nur vertrauen und sich von ihm mitreißen lassen.? Wie Walker ist auch er angetan von Kramers Drehbuch zu RUNNING SCARED: ?Als ich es gelesen habe, war ich sofort begeistert. Ich habe es nonstop verschlungen. Wenn ich so schnell lese, dann ist ganz klar, dass es sich um rockendes Drehbuch handelt. Von Anfang an lässt die Spannung einfach nicht nach.?

Szenenfoto
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